Donnerstag, 7. Januar 2016

Nur wer sich seiner selbst gewiss ist, muss die Andersheit der Andern nicht scheuen.



Die deutsche Flüchtlingspolitik und die Ereignisse am Kölner Hauptbahnhof sind zwei Paar Schuhe. Ein sachlicher Zusammenhang besteht natürlich, wenn es sich um arabischsprachige Männer islamischer Konfession handelt. Aber dass es sich um arabische Muslime handelt, ist bei den Flüchtlingen nicht wesentlich, wohl aber bei den andern.

Es ist ganz falsch, die pp. Willkommenskultur als einen fernen Nachhall der weiland multikulturellen Gesellschaft darzu-stellen. Wäre sie das, könnte man den "Identitären" von AfD und Pegida kaum was Plausibles entgegensetzen (wo bleibt eigentlich Thilo Sarrazin?). Es geht in der Flüchtlingsfrage im Gegenteil darum, die abendländische Identität der deutschen Kultur zur Geltung zu bringen. Die westliche Kultur ist universalistisch, die westliche Kultur hat die All-gemeinen Menschenrechte verkündet, die westliche Kultur trennt persönliche Glaubensbekenntnisse von öffent-licher Ordnung und ächtet alle Diskriminierung aufgrund von Hautfarbe oder Geschlecht. Mit einem Wort: die westliche Kultur hat den Rechtsstaat begründet.


Die westliche Kultur ist nicht selbstverständlich, sie wurde und wird immer wieder bedroht, und darum ist es immer wieder notwendig, sie kämpferisch zu behaupten. Gegen so schönes altes Volksbrauchtum wie Ehrenmorde und Stei-nigungen von Ehebrecherinnen ebenso wie gegen selbstgefällige, ressentimentgeladene, vergangenheitsselige Spieß-bürger.


Es war und bleibt richtig, für die Flüchtlinge die Grenzen zu öffnen, wir schaffen das; und es ist richtig – manche sehen es jetzt erst ein –, den Rechtsstaat stark zu machen. Denn nur, wer sich seiner selbst gewiss ist, muss die An-dersheit der Andern nicht scheuen.




Der nachhaltig Realexistierende.

aus nzz.ch, 6.1.2016, 16:50 Uhr

Rückstand bei Produktivität
Die Arbeit ruft, Russland schweigt
In Russland gibt es viele unterbeschäftigte Beschäftigte in überflüssigen Jobs. Das verursacht nicht nur Langeweile, sondern ist auch ein Zeichen für ein volkswirtschaftliches Problem.

von Benjamin Triebe, Moskau

Immer nach Neujahr fällt Russland in ein Loch. Das erste Drittel des Januars wird gänzlich von öffentlichen Feiertagen beherrscht. Noch bis Sonntag gehen Leben und Verkehr selbst in einer Metropole wie Moskau einen fast beschaulichen Gang. Viele Einwohner sind auf die Datschen oder zu Verwandten gefahren oder machen eine Ferienreise, wenn sie es sich noch leisten können. Und wenn die Kälte die Daheimgebliebenen in ihren Wohnungen hält, wähnt sich der Flaneur gelegentlich in einer Geisterstadt.

Um diesen Eindruck zu verscheuchen, empfiehlt sich der Gang in ein beliebiges Geschäft. Fast alle Läden sind auch an Sonntagen und Feiertagen geöffnet, nicht selten rund um die Uhr. Charakteristisch ist ferner eine Vielzahl von oft gelangweilten Angestellten, deren Servicebereitschaft gelegentlich zu wünschen übrig lässt. Dass sich Firmen nicht nur im Verkauf, sondern auch in Verwaltung und Produktion so manche unnötige Mitarbeiter leisten können, entspringt zum Teil dem sicheren Konsumwachstum der vergangenen Jahre. Noch hat die Rezession daran wenig geändert, die saisonbereinigte Arbeitslosenquote lag im November bei 5,8%. Zwar ist sie ein nachlaufender Indikator, die offiziellen Zahlen sind nicht immer vertrauenswürdig, und die Schattenwirtschaft ist gross. Aber von Massenentlassungen zu schreiben, wäre sicher falsch.

Arbeit ist in Russland mehr etwas, wo man hingeht – nicht etwas, was man tut. Die Vielzahl an unterbeschäftig-ten Beschäftigten in überflüssigen Jobs ist ein Zeichen für den grossen Rückstand bei der Arbeitsproduktivität. Pro Arbeitsstunde wurden in Russland laut OECD im Jahr 2014 rund 26 $ Wirtschaftsleistung produziert. Im Durchschnitt der OECD und der EU waren es kaufkraftbereinigt knapp 50 $, in der Schweiz 61 $ und in den USA 67 $. Zwar stand Russland zur Jahrhundertwende noch viel schlechter da, aber die Aufholjagd der ersten Dekade ist längst vorbei. Theoretisch könnte die Wirtschaftskrise Anlass für Effizienzanstrengungen sein, praktisch reagiert der Kreml mit Abschottung und Strukturkonservierung. Das allerdings erstaunlich produktiv.


Mittwoch, 6. Januar 2016

Zwei Instanzen für Herz und Verstand.

Allegorie auf Kunst und Wissenschaft, Süddeutschland um 1600

"Dass Die Kunst im Abendland seit der Renaissance eine gesellschaftliche Instanz geworden ist, ebenso und zur selben Zeit wie auf dem Gegenpol Die Wissenschaft, ist ein kulturgeschichtliches Faktum, das kein Laie bestreiten wird, und wie die Akteure der Wissenschaft sind die Akteure der Kunst zu einem gesellschaftlich, nämlich durch den Markt bestimmten Stand geworden."*

Das ist eine der vielen Besonderheiten der abendländischen Kultur, für die es anderweitig keine Parallelen gibt. Es ist aber auch eine Besonderheit der Neuzeit. Sie datiert, grob gesagt, seit dem 16. Jahrhundert: seit dem Beginn dessen, was wir unsere Aufklärung nennen.

Haben sich beide Pole gemeinsam aus dem Nichts entwickelt? Haben sie ihre – womöglich einen gemeinsamen – Vorläufer? Oder anders: Was musste geschehen, damit sie entstehen konnten? 

Geschehen ist im 16. Jahrhundert der Zerfall der einen allein selig machenden Kirche. Die Reformation hat den Glauben zersetzt und zu einer Angelegenheit des persönlichen Bekenntnisses werden lassen. Die Römische Kirche war, wie die Ostkirche,** nicht einfach eine Institution (neben anderen), sondern eine gesellschaftliche Instanz, die wie die weltliche Macht über dem agrarisch-kleinbürgerlichen Alltag stand. Was an Geschmacksbildung, was an Wissen, was an Kult geschah, kurz: Herz und Verstand unterstanden ihrer Hoheit. Der Adel war zunächst nur fürs Kriegfüh-ren und Erobern zuständig. Erst mit dem Abschluss der Landnahme und der Stabilisierung der feudalen Ordnung entstand eine höfische Kultur, die an den ländlichen Adelssitzen mit den Bischofsstädten und Ordensburgen riva-lisieren konnte – während zugleich die Kirche zu einem weltlichen Feudalherrn aufwuchs. Ein jeder Christenmensch lebte im Bewusstsein, jederzeit zwei legitimen Herrn zu dienen.

Was nicht Krieg, Ackerbau, Handwerk und Handel war, was immer über den Tageshorizont hinauswies, unterlag bis zur Reformation kirchlicher Wegweisung. Als sich dann die rivalisierenden reformierten und gegenreformierten Kir-chen gegeneinander in den Schutz der weltlichen Herrschaft duckten, wurde eine – nein, wurden wenigstens zwei Stellen frei, für deren Besetzung die eben entstehende bürgerliche Gesellschaft selbst zu sorgen hatte: für das Herz die Kunst, für den Verstand die Wissenschaft, beide erhaben über den Alltagsgeschäften; während die weltliche Macht immer mehr als deren Störer und Hindernis erschien. Zwei Instanzen als Quell gesellschaftlicher Legitimität; doch diesmal eine immer nur auf Kosten der andern.

*) aus Kunst als gesellschaftliche Instanz.

**) Aber die wurde nie zum Rivalen ihres Kaisers, und auch der Moskauer Patriarch blieb stets ein Diener des Zaren. Das war ein wesentlicher Unterschied zum feudalen Westen; sie wurden (daher?) auch nicht (gegen-)reformiert.



Dienstag, 5. Januar 2016

Industrie 4.0.

aus Die Presse, Wien, 5. Jänner 2016, 08:00 8

Wie der Roboter andere Maschinen verdrängt 
Als Arbeitskraft in industriellen Fertigungsprozessen sind Roboter kostengünstiger als andere Maschinen. Ein Lokalaugenschein in einem Labor der TU Wien 

von Tanja Traxler

Wien – In der Vielzahl unterschiedlicher Werkstoffe, Werkzeuge und Gerätschaften, die sich in den Hallen der Dependance des Instituts für Fertigungstechnik der Technischen Universität Wien in der Engerthstraße türmen, lassen sich die hier befindlichen Roboter für das ungeschulte Auge auf den ersten Blick kaum ausmachen. Hauptsächlich bestehend aus grellorangen Greifarmen, haben sie kaum humanoide Züge. Selbst dem Experten fällt es schwer, eine klare technische Unterscheidung zwischen Roboter und Maschine zu machen: "Es gibt keine klare Definition von Robotern, da ist sich auch die Fachliteratur uneins", sagt Florian Pauker, Uni-Assistent am Institut für Fertigungstechnik. 

Pauker arbeitet seit vier Jahren mit Robotern, derzeit beschäftigt ihn vor allem die Frage, wie Produktionsprozesse auf Roboter ausgelagert werden können, ein Thema, zu dem eigenes Team des Instituts arbeitet. Dabei geht es nicht vordergründig darum, menschliche Arbeitskräfte zu ersetzen, sondern vor allem andere Maschinen wie Werkzeugmaschinen. Nicht weil Roboter besser sind – aber um einiges billiger. "Eine große Werkzeugmaschine kostet 700.000 Euro, ein großer Roboter 70.000 Euro", sagt Pauker.



Doch die geringeren Kosten haben auch ihren Preis: Der Roboter hat eine Genauigkeit von einem Zehntelmillimeter, die Werkzeugmaschine ist hundertmal so genau. Ein Vorteil des Roboters ist wiederum, dass er flexibler einsetzbar ist. Mit dem Versuch, Fertigungsprozesse von Robotern erledigen zu lassen, leitet das Institut für Fertigungstechnik auch Vorarbeit für das technische Paradigma "Industrie 4.0". In dieser Vision sollen statt Menschen vor allem Roboter und andere Maschinen, die miteinander in Kommunikation stehen, Fertigungsjobs in zukünftigen Fabriken übernehmen. Während Kritiker meinen, dass der Mensch dann nur mehr als Zaungast anwesend ist, meint Pauker, dass auch in der Industrie 4.0 "der Mensch der Dirigent der Wertschöpfung bleibt, unterstützt von technischen Lösungen". 

Maschinenkommunikation 

Am Wiener Getreidemarkt und in der Engerthstraße entwickelt Pauker mit seinem Team etwa taugliche Software für die Kommunikation zwischen verschiedenartigen Maschinen. Dazu dient etwa der größte Roboter an diesem Standort: Der über einen Meter große Greifarm ist in einem derzeit laufenden Test darauf ausgelegt, Plastikteile mit beliebiger Krümmung zu biegen. Dieser Fertigkeit gilt allerdings nicht das vordergründige Interesse der Ingenieure. Der Roboter wird dazu verwendet, um Softwareschnittstellen zwischen Robotern und Werkzeugmaschinen zu entwickeln und zu testen. 

Sobald Pauker mit seinen Kollegen eine Lösung gefunden hat, wird diese in die Industrie-4.0-Pilotfabrik in der Wiener Seestadt Aspern transferiert. Die erste Anlage dieser Art wurde vergangenen August vom Verkehrsministerium und der TU Wien eröffnet, auch das Institut für Fertigungstechnik ist daran beteiligt. Heuer feiert das Institut sein 200-jähriges Bestehen. Der Lehrstuhl zählt zu den ältesten seiner Art im deutschsprachigen Raum, aktuell wird das Institut von Friedrich Bleicher geleitet. 

Ein anderes Labor in der Engerthstraße mit kleineren Robotern wird hauptsächlich von Studierenden betrieben. "Deswegen schaut's hier auch immer so aus, alles ist stetig im Wandel", sagt Pauker. In der Lernfabrik bekommen Studierende die Möglichkeit, den Umgang mit und die Programmierung von Robotern zu lernen. Pauker selbst hat mit unterschiedlichen Robotersystemen Erfahrung. Generell geht es in seiner Forschung nicht darum, Roboter von Grund auf zu entwickeln. Er arbeitet mit bereits kompletten Systemen, einzig Anbauten wie Greifer und Zusatzentwicklungen fügt er hinzu. 

Wenn sich sein Institut einen neuen Roboter zulegt, wird auf verschiedene Faktoren geachtet. Etwa ist die Traglast ein wichtiges Kriterium. Aktuelle Trends der Robotik Ein weiteres wichtiges Kriterium ist die Genauigkeit: Wie präzise lässt sich der Roboter positionieren? Wie exakt erfolgen Wiederholungen? Aktuell sieht Pauker zwei Trends in der Robotik: Einerseits optische Systeme und Erkennung. "Diese Entwicklungen sind jetzt so weit, dass sie im Feld eingesetzt werden können." 

Andererseits die Interaktion zwischen Robotern und Menschen. "Dabei geht es um Roboter, die mit Sensorik ausgestattet sind, um mit dem Menschen interagieren zu können." In diesem Feld gibt es Konfliktpotenzial: "Der Roboter polarisiert, weil er meistens dazu eingesetzt wird, Arbeitsplätze wegzurationalisieren. Arbeiten, die zuvor ein Mensch verrichtet hat, werden dann durch Roboter erledigt." Was in der Diskussion untergehe, ist, dass viele Tätigkeiten nicht nur von Robotern, sondern auch von anderen Maschinen übernommen werden können. Zudem wäre es ein Irrtum, zu glauben, dass automatisierte Produktion ganz ohne Menschen auskommt. 

"Die Annahme, dass man einen Roboter kauft, einschaltet, und alles läuft von selbst, stimmt nicht. Es braucht hochqualifizierte Menschen, die sich um das System kümmern", sagt Pauker. "Doch das wird in der Öffentlichkeit nicht wahrgenommen."  

Der Begriff Industrie 4.0 kam 2011 in Deutschland auf, vor etwa zwei Jahren auch in Österreich. Gemeint ist damit die vierte industrielle Revolution: Nach der Mechanisierung, der Elektrifizierung und der Automatisierung soll es nun zur Vernetzung in der Fabrik kommen, dergestalt dass der Produktionsprozess weitgehend ohne menschlichen Eingriff von selbst vor sich geht. Künstliche Intelligenz und Robotik spielen dabei eine entscheidende Rolle. 

Montag, 4. Januar 2016

Jetzt sind wir nicht mehr nur uns selbst ein Rätsel.

aus Süddeutsche.de, 3. Januar 2016, 09:10 Uhr

Die Welt blickt ratlos bis euphorisch auf Deutschland

Von Gustav Seibt

Es passiert nicht oft, dass es die Stadt München in den New Yorker schafft, das Intelligenzblatt der amerikanischen Ostküste. Und wenn, dann muss vom Oktoberfest die Rede sein und gleich Thomas Wolfe zitiert werden, dessen Bericht über das wilde, orgiastische Bierfest von 1928 unvergessen bleibt. So geschah es in diesem Dezember, als der englische Schriftsteller Martin Amis eine Story mit dem schlichten Titel "Oktober" (mit k) im New Yorker publizierte, illustriert mit beschwingten Lederhosen- und Dirndlbeinen. Und doch war alles anders als sonst.


Im Hintergrund der Trachtenfüße erkennt man eine mit Kopftuch bedeckte Frau, die ein Kind im Arm hält. Denn während des Oktoberfests 2015 liefen ja die Flüchtlingsströme von der Balkanroute weiter vorbei an München, teilweise weiter durch München. Und Martin Amis hat diesen historischen Moment in einem ebenso beeindruckenden wie ratlosen Text festgehalten - für die ganze Welt, wie man feststellen muss, wenn man an den Ruhm des Autors und den Rang seines Publikationsorts denkt.

Amis beschreibt sich darin als Autor auf Lesereise, der auch durch München kommt. Er sitzt im Hotel, behütet von Agenten und Übersetzern. Daher kann er sich ganz der Betrachtung überlassen, über das nachsinnen, was sich vor den Fenstern der Hotellobby abspielt. Ähnlich der Schichtentechnik im Landwirtschaftsfest von Flauberts "Madame Bovary" lässt er die Stimmen und Töne der gleichzeitig ablaufenden Vorgänge durcheinanderspielen: Vorne Klavierklang und Telefonierstimmen des Hotels, darüber ein Nachrichtensender auf dem Bildschirm.

Draußen der Strom der aufgebrezelten Trachtenträger, die zum Fest eilen, dazwischen und dahinter die Flüchtlinge mit ihrem Gemisch aus arabischer Frauenmode und internationaler Jugendkluft.

Eine weitere Bedeutungsschicht ist eingetragen, weil der beobachtende Autor sich die Zeit mit der Lektüre von Vera Nabokovs Briefen an ihren Mann Vladimir vertreibt - zwei weltberühmte Flüchtlinge, aus ihrer Heimat verjagt von den Bolschewisten, aus ihrem Exil weitergejagt von den Nazis: Vera Nabokov ist Jüdin, ein Bruder von Vladimir Nabokov kommt in einem deutschen KZ zu Tode. Vera und Vladimir retten sich an jenes atlantische Ufer, an dem der New Yorker und die meisten seiner Leser zu Hause sind. Amis, der all das mit naturalistischer Treue ineinanderklingen lässt, lässig klimpernd auf dem Klavier der Eindrücke, die er zu Akkorden bündelt - er kennt auch Goethe und zitiert dessen berühmten Satz über die Deutschen aus dem Jahr 1813, den englische Leser am leichtesten in Thomas Manns übersetzten Reden finden können. Es ist Goethes entnervtes Wort vom deutschen Volk, das "so achtbar im einzelnen und so miserabel im ganzen" sei.


Der von dem Emigranten Thomas Mann ins Englische transportierte Goethe-Satz grundiert die Geschichte von Amis mit einer letzten historischen Tiefenschicht: Diese reicht nun durch zwei ganze Jahrhunderte, während draußen sich das Gewühl des Augenblicks vollzieht, der ungeheure Moment der Gegenwart. Beeindruckend ist dieser Text aber vor allem, weil er ein klares Urteil verweigert - Amis verkündet keine Meinung. Ist das, was er sieht, Irrsinn? Ist es ein Moment ergreifender Menschlichkeit, wie die Nabokov-Parallele zu verstehen geben könnte? Sind die im Einzelnen so achtbaren Deutschen wieder einmal kollektiv verrückt geworden? Der Text beantwortet die Frage nicht.

"So achtbar im einzelnen und so miserabel im ganzen" - Goethe über das deutsche Volk
Mit Mühe schafft es der Schriftsteller durch den von Menschenmassen paralysierten Verkehr zum Flughafen und dann weiter nach New York. Dort angekommen, befällt ihn das Gefühl tiefer Erleichterung - auch er hat ein rettendes Ufer erreicht, einen anderen Kontinent, der nicht von Fliehenden überrannt werden kann. "Oktober" muss gleich danach geschrieben worden sein.

Die Bilder aus München sind berührend. Aber es gibt auch viele, denen unwohl ist angesichts der Aufgabe, Hunderttausende Flüchtlinge zu integrieren. Ignoriert man sie, werden die Probleme nur größer.

Erst in vielen Jahren wird man wissen, ob das, was 2015 begann - und was zu beginnen wohl noch lange nicht aufhören wird -, gut oder böse endet. Was man jetzt schon weiß, ist, dass kaum ein anderer Beobachter Deutschlands sich 2015zu einer so heroischen Suspension des Urteils aufraffen konnte. Wenn jetzt viele hierzulande sagen, besorgniserregend sei weniger die Flüchtlingskrise als die Spaltung der Gesellschaft darüber, dann darf man erwidern: Unseren Nachbarn geht es in Bezug auf Deutschland nicht anders. Selten war die Amplitude, der Ausschlag der Urteile so groß wie in diesem Moment.

Das Jahr begann mit der gefeierten Ausstellung "Germany - Memories of a Nation" im Britischen Museum. Als Neil MacGregor, ihr Macher, im Mai den Gundolf-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung entgegennahm, berichtete er von dem gewaltigen Erfolg. Er zeigte sich nicht nur in Zehntausenden Besuchern, sondern auch in den Hunderttausenden, die die begleitende Radioserie der BBC anhörten und herunterluden. Bewegt hätten ihm in England beheimatete Deutsche geschrieben, zum ersten Mal in ihrem Leben werde positiv über die Geschichte ihres Herkunftslands berichtet.

Damals, im Frühjahr, noch vor dem großen Ansturm, erklärte MacGregor, die eigentliche Entdeckung für die Engländer sei die Geschichte der Vertreibungen aus dem Osten gewesen, der - so wörtlich - "größten Menschenverschiebung der Weltgeschichte".

Die Briten sprechen von "verwirrender Naivität" - und meinen damit, die Deutschen seien durchgedreht

Zu sehen war im Britischen Museum auch ein "Käfer" von Volkswagen (Baujahr1953), mit seiner ambivalenten Bedeutung als Produkt von Hitlers Volksstaat, aber auch als Symbol des Wirtschaftswunders und der deutschen Ingenieurskunst. Diese Symbolkraft für modernes Design und "german engineering" erklärt auch die Wirkung der jüngsten Betrugsaffären von VW in der angelsächsischen Welt. Sie reicht über die Wirtschaftsteile der Zeitungen weit hinaus. Das korrupte Deutschland, das ist spätestens jetzt mit dem VW-Skandal (und mit den Manipulationen und Geldwäschen der Deutschen Bank, den Machenschaften im Fußball) eine etablierte Tatsache.
Ankunft von Flüchtlingen am Hauptbahnhof MünchenFlüchtlingshelfer am Münchner Hauptbahnhof

Behaglich wird sie auch im Süden Europas registriert, wo noch im ersten Halbjahr 2015 die deutsche Härte in der Euro-Krise Wutwellen auslöste, die um den Globus gingen. Sie wirkten nach im jüngsten Auftritt des Vorsitzenden der spanischen Podemos-Partei, Pablo Iglesias, der nach seinem Wahlsieg erklärte: Spanien sei eine souveräne Demokratie und gehöre nicht zur "Peripherie Deutschlands" - ein Credo, das kaum variiert zwischen Italien, Griechenland und dem französischen Front National ertönt.

Das "lateinische Europa", das sich in der Euro-Krise vom angeblich protestantischen Ethos der deutschen Austerität so bedrängt fühlte, reagiert auf die Flüchtlingskrise kühl. In Italien verlassen die im Freien übernachtenden Fremden die Plätze und Bahnhöfe, das freut den Bürger. Dass in Berlin geradezu italienische Verwaltungszustände herrschen, erscheint weniger wichtig als die unheimlich effizient vernetzte deutsche Helferszene, zu der es im Süden kaum Parallelen gibt - schickt man italienischen Freunden Links zur Übersichtsseite der Bedarfslisten aller Berliner Notunterkünfte, erntet man ungläubiges Staunen.

Britische Freunde dagegen neigen durchaus dazu, die neue "german fraternity" als bedauerlichen Anfall von verwirrender Naivität (baffling naiveté) zu verstehen - so höflich formuliert man es, wenn man meint: Ihr seid verrückt geworden. Die Gegenrede, es spreche wenig dafür, Angela Merkel sei über Nacht naiv geworden, enthüllt den ganzen Abgrund der Meinungen. Realpolitisch, so lässt sich eine durchaus verbreitete britische Diagnose zusammenfassen, wäre es klüger gewesen, den griechischen Steuersündern etwas mehr entgegenzukommen und die syrischen Flüchtlinge etwas mehr auf Abstand zu halten - um der Raison Europas willen. Es sind unerquickliche Gespräche, die wieder tief zurück in Stereotype auf beiden Seiten führen.

Wäre es wirklich möglich und für Deutschland klug gewesen, im Herbst 2015auf dem Balkan einen Rückstau von 700 000 Flüchtlingen zuzulassen, mit all den humanitären Katastrophen, die sich damit verbunden hätten? Diese Frage hat soeben Herfried Münkler in einem Interview gestellt. Zum Jahresende hat Roger Cohen, der legendäre, überaus kritische Deutschland-Experte der New York Times einen geradezu hymnischen Leitartikel über unser Land verfasst: "Germany, Refugee Nation".

Mit bitterem Seitenblick auf Amerikas Ängste und seine fehlende Bereitschaft, Verantwortung für ein miterzeugtes Chaos zu übernehmen, prophezeit Cohen: "Im Ergebnis wird Deutschland in der nächsten Generation ein stärkeres, vitaleres, dynamischeres Land werden." Ein Wunsch, den wir gern mitnehmen.


Sonntag, 3. Januar 2016

Zukunft der Arbeit: Uns braucht es bald nur noch als Konsumenten.


aus NZZ am Sonntag, 3. 1. 2016

Zukunft der Arbeit
Uns braucht es bald nur noch als Konsumenten
Die Leistung von Computern und Robotern wird in den nächsten Jahren massiv steigen. Jeder zweite Job droht ersetzt zu werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass etwa Büroangestellte bald durch Computer ersetzt werden, beläuft sich laut einer Studie auf über 90 Prozent.

von Marco Metzler

Taxifahrer, Kassierer und Buchhalter wird es in 20 Jahren als Beruf nicht mehr geben. Eine vielzitierte Studie der Universität Oxford schätzt, dass in 20 Jahren die Hälfte der heute in den USA existierenden Jobs verschwinden wird. An ihre Stelle treten Computer – sei es physisch als Roboter oder unsichtbar als Software. Anders als bisher werden auch gut Qualifizierte betroffen sein. Auch in der Schweiz wird es mehrere 100 000 Arbeitsplätze treffen.

Schon mit der Erfindung der Dampfmaschine 1712 haben Maschinen Menschen ersetzt. Doch bisher wurden immer anderswo genügend neue Jobs geschaffen. Im Zuge der digitalen Revolution streiten sich nun zwei Lager darüber, ob dies auch diesmal gelingt oder ob der rasante Zuwachs an Produktivität durch Computer unseren Kindern Massenarbeitslosigkeit beschert. Erik Brynjolfsson, Ökonom am MIT, hält beides für realistische Szenarien. Welches eintrete, hänge von den Entscheidungen ab, die Politiker, Unternehmer und Arbeitnehmer heute fällten.


Massenarbeitslosigkeit ist bedrohlich. Doch schon seit den 1970er Jahren wird davor gewarnt, dass Computer Jobs wegnehmen. Bis heute ist das nicht geschehen. Der rasante Fortschritt könnte das bald ändern: Seit 50 Jahren verdoppelt sich die Leistung von Computern etwa alle 18 Monate. Diese Gesetzmässigkeit, die Intel-Mitgründer Gordon Moore 1965 beschrieben hat, bewahrheitet sich bis heute. Die Folgen dieser exponentiellen Entwicklung zu verstehen, übersteigt unsere Vorstellungskraft. Es ist, als würde man auf dem ersten Feld eines Schachbretts ein Weizenkorn setzen und es auf jedem weiteren Feld verdoppeln. Nach 64 Feldern hätte man so viel Weizen, dass der Abtransport 100 Mrd. Lastwagen brauchte. Bei der Leistung von Computerchips wurde die Hälfte des Schachbretts 2006 erreicht. Rasant steigende Zahlen treten aber erst in der zweiten Hälfte auf. Das spürt man heute schon: Smartphones gibt es erst seit 2007. Autonome Fahrzeuge fahren in Kalifornien oder Sitten. Und die künstliche Intelligenz macht so rasant Fortschritte, dass der Physiker Stephen Hawking und der Unternehmer Elon Musk vor einem Jahr davor warnten, dass man die Kontrolle darüber zu verlieren drohe. «Es kommt eine Zeit, in der das, was war, nicht länger ein verlässlicher Leitfaden ist, für das, was kommt», schreibt Brynjolfsson im Bestseller «The Second Machine Age». 



Früher ersetzten Maschinen Muskelkraft, heute geistige Fähigkeiten. Neuerdings beherrschen Computer nicht mehr nur repetitive, einfache Tätigkeiten, sondern immer komplexere. Sie erkennen Muster besser als Menschen. Firmen, die nicht alle Prozesse digitalisieren, bleiben auf der Strecke. Das bereitet Sorgen: Die digitale industrielle Revolution wird auch am WEF in Davos in zweieinhalb Wochen das Hauptthema sein. Jobs sind gleich von mehreren Treibern bedroht:

• Roboter-Kollegen: Baxter von Rethink Robotics oder Yumi von ABB arbeiten eng mit Menschen zusammen. Das steigert die Produktivität jedes einzelnen – auch in KMU.

• Datenanalyse: Der Computer Watson von IBM erkennt Sprache und Bilder. Er macht unstrukturierte Datenbestände – wie E-Mails, Studien, Gesundheitsdaten – einfach zugänglich. Das kann Callcenter-Agenten oder Anlageberater ersetzen. Watson hilft Röntgenärzten, Mammografien auszuwerten. Der Rückversicherer Swiss Re setzt als erste Schweizer Firma Watson ein. Er soll Risiken einschätzen oder Schäden beurteilen. Jobs wie Underwriter sind keine Lebensstelle mehr.

• Supercomputer: Im Video führte IBM jüngst den Supercomputer Celia vor: Ein Manager einer Energiefirma steht allein vor einer interaktiven Videowand. Ein Hurrikan zieht auf. Der Manager fragt Celia, welche Anlagen davon am stärksten betroffen seien. Sekunden später hat sie diese anhand von Wetterdaten nach Schadenswahrscheinlichkeit geordnet. «Was sind mögliche Massnahmen?» Celia schlägt Optionen vor und begründet sie. Der Manager wählt eine, Celia verschickt Aufträge. Ein mehrköpfiges Team hätte dafür Tage gebraucht. IBM arbeitet mit der Erdölfirma Repsol an einem Pilotprojekt.

• Maschinelles Lernen: Computer sind heute lernfähig. Sie leiten aus unstrukturierten Inputs Regeln ab und müssen nicht mehr programmiert werden. Da viele Leute am PC arbeiten, könnte dieser künftig mit allen Arbeitsinputs und -outputs trainiert werden. Ist er irgendwann gut genug, übernimmt er 80% der Aufgaben. Menschen braucht es nur noch für die restlichen 20%. Google Translate wurde mit vielsprachigen Texten gefüttert und hat sich Übersetzen selbst beigebracht. Für das Verständnis der meisten Texte reicht das völlig. Übersetzer erhalten nur noch die anspruchsvollen Aufträge.

• Outsourcing: Heute verlagern Firmen einfachere Tätigkeiten an spezialisierte Dienstleister in Osteuropa und Asien. Werden die Aufgaben automatisiert, müssen diese Firmen komplexere Aufgaben zu akquirieren versuchen. In der Folge dürften vermehrt auch gutbezahlte Jobs in Billigländer abwandern.

• Schnittstellen: Die Uber-App hat eine IT-Schnittstelle zwischen Kunden und Taxifahrern geschaffen. Das Prinzip ist auch innerhalb von Firmen denkbar: Der CEO gibt einen Auftrag in eine App, und interne oder externe Mitarbeiter erhalten diesen elektronisch. Das mittlere Management wird überflüssig.

• Substitution: Jobs, die auf zwischenmenschliche Beziehungen, guten Kundenservice oder Kreativität setzen, werden auch künftig kaum durch Computer ersetzt. Dennoch könnten sie durch einen Onlinedienst substituiert werden. Roboter können in Reisebüros nicht beraten, und dennoch buchen Kunden heute meist online.

In der Automatisierung wird Arbeit durch Kapital ersetzt. Brynjolfsson glaubt, dass dies zu Konflikten führen wird. Berufe wie Taxifahrer oder Verkäufer bildeten bisher ein Auffangbecken für wenig Qualifizierte. Doch diesmal trifft es auch gut Ausgebildete. Der Medianlohn sinkt in den USA seit Jahrzehnten. Das könnte sich beschleunigen. Dass die Automatisierung die Schere zwischen Arm und Reich weiter öffnen wird, glaubt auch Martin Ford, Autor von «Rise of the Robots», das soeben von «Financial Times» und McKinsey zum Wirtschaftsbuch des Jahres gekürt wurde. Sowohl Ford wie Brynjolfsson schlagen ein bedingungsloses Grundeinkommen vor, um die negativen Folgen der Automatisierung abzufedern. Denn der Abstieg der Mittelschicht schafft ein neues Problem: Wenn Millionen von Konsumenten fehlen, kauft niemand mehr die von Robotern gefertigten Produkte.

Freitag, 1. Januar 2016

Arbeit und der Sinn des Lebens.



Puvis de Chavannes, 1863

Am gestrigen Silvestertag brachte die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung unter dem Titel Erst die Arbeit macht uns zu Menschen ein Interwiew, das Inge Kloepfer mit dem Hirnforscher Gerald Hüther geführt hat.

Daraus einige Ausschnitte:

... Damals schlug das sogenannte Humangenomprojekt hohe Wellen, in dem es darum ging, das Erbgut des Menschen zu sequenzieren. Nur entpuppte sich dieses Projekt als der größte und wohl teuerste Flop, den wir wissenschaftsgeschichtlich je zustande gebracht haben. Am Ende hat sich nämlich gezeigt, dass der Mensch, anders als es die Genom-Forscher mit ihrem mechanistischen Weltbild erwartet hatten, nicht viel mehr Gene hat als ein Fadenwurm. Die These des genetischen Determinismus, dass also alles im Erbgut festgelegt ist, ließ sich schlicht nicht halten. Von Genen lässt sich nicht auf komplexe Merkmale oder gar Verhaltensmuster schließen.

... In unserem Gehirn ist ganz zu Beginn des Lebens sehr viel mehr angelegt, als gebraucht wird, sowohl an Zellen als auch an Vernetzungen. Alles vernetzt sich mit allem - fast wie ein Spiel. Das ist genetisch. Aber nicht alle diese Vernetzungen und Zellen werden gebraucht. Das, was sich als sinnvolle neuronale Vernetzung erweist, weil es in der Praxis nutzbar ist, bleibt stehen, der Rest wird wieder abgeräumt.

Vorgeburtlich sind das jene Vernetzungen, die für die Regulation des eigenen Körpers gebraucht werden. Das heißt, das Hirn lernt schon vor der Geburt, wie es sich anhand der aus dem eigenen Körper kommenden Signalmuster strukturieren muss. Deshalb sind die Menschen schon zum Zeitpunkt der Geburt alle verschieden und damit einzigartig. Es gibt ängstliche und weniger ängstliche Menschen, faule und fleißige. Die wiederum machen ganz unterschiedliche Erfahrungen. ...

Zunächst als Kind in der Familie, in die man hineingeboren wird. Aufgrund dieser Erfahrungen verfestigen sich bestimmte Netzwerkstrukturen im Gehirn. Wenn in einer Familie Arbeit immer nur als lästige Pflicht erfahren wird, verinnerlicht auch das Kind, dass Arbeit nichts Gutes ist. Schon die Schule wird dann als lästige Pflicht empfunden, entsprechend hoch sind die Lernwiderstände. ...

Mit Arbeit verbinden wir in erster Linie das Geldverdienen. Das bedeutet, dass wir unsere Haut für ein Entgelt zu Markte tragen. Dieses heute gängige Verständnis von Arbeit hat sich mit der Entstehung der großen Fabriken im 19. Jahrhundert herausgebildet. Das Bestreben, bloß nicht zu viel zu arbeiten, kommt aus der Lohnarbeit als Notwendigkeit, sich den Lebensunterhalt zu sichern.

...Arbeit hat mehrere Zwecke, nicht nur den, sein Auskommen zu sichern. Der Mensch, der in Gemeinschaften lebt, braucht immer etwas, das ihn mit diesen Gemeinschaften verbindet. Wir sind soziale Wesen. Unser Gehirn strukturiert sich ein Leben lang vor allem aufgrund der Erfahrungen mit anderen. Wir sind also so angelegt, dass wir immer nach Gelegenheiten suchen, mit anderen gemeinsam etwas zu tun. 

Wir wollen verbunden sein und gleichzeitig zeigen, dass wir etwas drauf haben. Verbundenheit auf der einen Seite, Freiheit und Autonomie auf der anderen - das sind die zwei menschlichen Grundbedürfnisse. Und die lassen sich am besten durch Arbeit stillen. Gleichzeitig sind Sie durch Ihren Beitrag auch mit den anderen verbunden.Verbundenheit ist die Primärerfahrung eines jeden Menschen, weil er ganz am Anfang seiner Existenz ohne verbunden zu sein nicht hätte überleben können. Dieses Grundbedürfnis wird er nie wieder los.

Dann müssten Menschen unglücklich werden, wenn sie nicht arbeiten.

Das werden viele, auch wenn sie erst einmal froh sind, nicht mehr arbeiten zu müssen. Nach einiger Zeit merken sie, dass ihnen etwas fehlt, wenn sie nicht mehr arbeiten. Autonomie und Verbundenheit erlebbar zu machen in individualisierten Gemeinschaften ist entwicklungsgeschichtlich gesehen das Erfolgsmodell der Primaten. Wir bilden keine Herden, wir leben nicht im Ameisenstaat, sondern in individualisierten Gemeinschaften. Anders als im Ameisenstaat bringen hier Einzelne immer neue Ideen hervor, die jeder andere, wenn er sie für sinnvoll erachtet, nachahmen und übernehmen kann oder auch nicht.

Könnte man sagen, dass uns Arbeit erst zum Menschen macht?

Friedrich Engels überschrieb einen seiner Aufsätze mit dem hübschen Titel: „Der Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen.“ Da ist etwas dran, wenn man die Arbeit im weiteren Sinn als ein Tätigsein definiert. Darauf sind wir angewiesen, sonst könnten wir uns überhaupt nicht als autonome Wesen erleben. Man wüsste nicht, wer man ist, weil man sich selbst nicht vergleichen kann. Bisweilen verhalten wir uns in unserer hoch arbeitsteiligen Welt allerdings wie die Arbeiter im Ameisenstaat und wollen am liebsten nur noch Urlaub haben. Genau dann haben wir den Arbeitsbegriff auf die reine Lohnarbeit verengt. Und die macht uns nicht glücklich.

Weil wir dann allzu leicht zu Objekten gemacht werden, zu Objekten von Beurteilungen, Bewertungen und am Ende Maßnahmen des Arbeitgebers. Mit unserer angeborenen Entdeckerfreude und unserer Gestaltungslust machen wir in solchen Arbeitsverhältnissen sehr ungünstige Erfahrungen, die im wahrsten Sinne des Wortes schmerzhaft sind. ... Nach ähnlichem Muster machen schon Kinder in der Schule ungünstige Erfahrungen. Sie werden auf ihre Noten reduziert und versteifen sich, damit sie Schule überhaupt aushalten können, auf die Lösung: Schule ist doof. Auszubildenden geht es, um noch ein anderes Beispiel zu nennen, oft nicht besser. Sie erfahren sehr schnell, dass das, was sie einbringen möchten und könnten, überhaupt nicht gefragt ist. Der natürliche Drang, tätig zu werden, wird gebremst. Unser Hirn ist aber anders angelegt. Deshalb wollen wir Probleme lösen, dazu gehören gestalten, beitragen, permanent lernen. ...

Ich beobachte zwei große Trends: einmal die Automatisierung, die unangenehme, zeitaufwendige und stupide Arbeiten immer mehr den Robotern überlässt. Das sind genau die Arbeiten, bei denen man hofft, dass die Zeit schnell vergeht - Fließbandarbeit zum Beispiel. Roboter befreien uns zunehmend von diesen Tätigkeiten, die wir Arbeit nennen, aber für das Hirn gar keine gute Arbeit sind. Der zweite Trend ist, dass es die jungen Menschen einfach nicht mehr hinnehmen, dass sie ein Leben lang einen schlechten Job machen müssen, nur um Geld zu verdienen. Es ist eine Selbstverständlichkeit, dass die Arbeit Freude machen muss. Für die jungen, gut ausgebildeten Menschen ist Arbeit etwas anderes als das, was wir unter Lohnarbeit verstanden haben. ...

Gerald Hüther aus Göttingen ist einer der bekanntesten Neurobiologen in Deutschland. Er studierte Biologie in Leipzig und wurde dort auch promoviert. Ende der 70er Jahre floh er aus der DDR, forschte 1979 bis 1989 am Max-Planck-Institut für experimentelle Medizin in Göttingen über Hirnentwicklungsstörungen. 1988 habilitierte er sich dort und erhielt eine Lehrerlaubnis. Bekannt wurde er vor allem durch seine populärwissenschaftlichen Bücher, zuletzt erschien sein Buch „Etwas mehr Hirn, bitte“.