Donnerstag, 30. Juni 2022

Varoufakis über die Inflation.

Handelsblatt
 aus derStandard.at, 30. 6. 2022

Yanis Varoufakis:
Inflation – ein gescheitertes Machtspiel
Die Entscheidungsträger des Westens stehen vor der Wahl: entweder Konzerne oder sogar Staaten in den sich gegenseitig verstärkenden Bankrott zu schicken oder die Inflation einfach laufen zu lassen

Der ehemalige griechische Finanzminister und Vorsitzende der Partei MeRA25, Yanis Varoufakis, geht in seinem Gastkommentar der Frage nach, wer schuld an den galoppierenden Preisen ist.

Die Schuldzuweisungen für die steigenden Preise sind in vollem Gange: Wurde die Inflation durch zu viel Zentralbankgeld verursacht, das über zu lange Zeit verteilt wurde? Ist China schuld, wohin der größte Teil der physischen Produktion verlegt wurde, bevor die Pandemie das Land in den Lockdown getrieben und die weltweiten Lieferketten zerstört hat? War es Russland, dessen Invasion in der Ukraine einen großen Teil des weltweiten Angebots an Gas, Öl, Getreide und Dünger vom Markt genommen hat? Oder war es eine Art schleichender Übergang von vorpandemischer Sparpolitik hin zu ungehemmter fiskaler Freigiebigkeit?

Die Antwort darauf steht in keinem Lehrbuch: alle und gleichzeitig keiner der oben genannten Gründe.

"Wir haben es euch ja gesagt."

Große Wirtschaftskrisen ziehen häufig eine Vielzahl von Erklärungen nach sich, die alle richtig sind, aber am entscheidenden Punkt vorbeigehen. Als 2008 die Wall Street kollabiert ist, was zur weltweiten großen Rezession geführt hat, wurden verschiedene Gründe angeboten: die Beeinflussung der Regulierungsbehörden durch Finanziers, die in der kapitalistischen Hackordnung die Industriellen verdrängt haben; eine kulturelle Vorliebe für riskante Finanzierungen; die Unfähigkeit der Politiker und Ökonomen, zwischen einem neuen Paradigma und einer massiven Blase zu unterscheiden; und weitere Theorien. Alle waren richtig, aber keine ging der Sache wirklich auf den Grund.

Und dies gilt auch heute. Die "Wir haben es euch ja gesagt"-Monetaristen, die bereits seit 2008, als die Zentralbanken mit der massiven Vergrößerung ihrer Bilanzen begannen, eine hohe Inflation vorhersagen, erinnern mich an die Freude der Linken in jenem Jahr, die ständig den Tod des Kapitalismus "vorhersagen" – wie eine still stehende Uhr, die zweimal am Tag die richtige Zeit anzeigt.

Andere Gründe

Natürlich haben die Zentralbanken – in der falschen Hoffnung, das Geld werde in die Realwirtschaft durchsickern – enorme Verbindlichkeiten und damit eine massive Inflation der Vermögenswerte geschaffen – boomende Aktien- und Immobilienmärkte, den Krypto-Trend und so weiter. Aber aus der Erklärung der Monetaristen geht nicht hervor, warum die großen Zentralbanken zwischen 2009 und 2020 noch nicht einmal die Geldmenge innerhalb der Realwirtschaft steigern konnten – ganz zu schweigen davon, die Inflation der Verbraucherpreise auf ihr Zwei-Prozent-Ziel zu bringen. Die Inflation muss also andere Gründe haben.

"Alles deutet darauf hin, dass die Löhne und Gehälter – im Gegensatz zu den 1970ern – viel langsamer steigen als die Preise, und trotzdem geht der Preisanstieg nicht nur weiter, sondern beschleunigt sich sogar noch."

Ein wichtiger Faktor war sicherlich die Unterbrechung der auf China fokussierten Lieferketten, ebenso Russlands Invasion in der Ukraine. Aber keiner dieser Gründe erklärt den abrupten westlichen "Regimewechsel" von hartnäckiger Deflation hin zum Gegenteil: zur gleichzeitigen Erhöhung aller Preise. Eigentlich müsste dazu die Lohninflation die Preisinflation überholen und damit einen Teufelskreis auslösen, in dem Lohnerhöhungen zu weiteren Preiserhöhungen führen, die wiederum zu steigenden Löhnen führen, ad infinitum. Nur dann wäre es für die Zentralbanker vernünftig zu fordern, dass sich Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer für die Gemeinschaft opfern und keine höheren Löhne verlangen.

Aber in der heutigen Lage sind Forderungen, Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sollten auf Lohnerhöhungen verzichten, absurd. Alles deutet darauf hin, dass die Löhne und Gehälter – im Gegensatz zu den 1970ern – viel langsamer steigen als die Preise, und trotzdem geht der Preisanstieg nicht nur weiter, sondern beschleunigt sich sogar noch.

Höhere Renditen

Was passiert hier also wirklich? Meine Antwort: Ein Machtspiel, das die Konzerne, die Wall Street, die Regierungen und die Zentralbanken in den letzten 50 Jahren geführt haben, ist furchtbar schiefgegangen. So stehen die Entscheidungsträger des Westens nun vor einer unmöglichen Wahl: entweder Konzerne oder sogar Staaten in den sich gegenseitig verstärkenden Bankrott zu schicken oder die Inflation einfach laufen zu lassen.

50 Jahre lang konnte die US-Wirtschaft die Nettoexporte Europas, Japans, Südkoreas und dann Chinas und anderer Schwellenländer aufnehmen, während der Löwenanteil dieser ausländischen Gewinne auf der Suche nach höheren Renditen wieder an die Wall Street strömte. Auf dem Rücken dieses Kapital-Tsunamis in Richtung Amerika bauten die Finanziers Pyramiden privaten Geldes (wie Optionen und Derivate) auf, um den Konzernen die Mittel dafür zu verschaffen, ein weltweites Labyrinth von Häfen, Schiffen, Lagerhäusern, Speichern und Transportmöglichkeiten aufzubauen. Als diese Pyramiden durch den Crash von 2008 einstürzten, geriet das gesamte, durch Derivate finanzierte Labyrinth der globalen Just-in-time-Lieferketten in Gefahr.

Um nicht nur die Banker, sondern auch das Labyrinth selbst zu retten, sprangen die Zentralbanken ein, um die Pyramiden der Finanziers durch öffentliche Gelder zu ersetzen. Unterdessen haben die Regierungen staatliche Ausgaben, Arbeitsplätze und Dienstleistungen abgebaut. So konnte sich das Kapital über einen großzügigen Sozialismus freuen, während die Arbeit strengen Sparmaßnahmen unterworfen wurde. Die Löhne sanken, die Preise und Gewinne stagnierten, aber der Preis für die von den Reichen gekauften Vermögenswerte und damit ihr Reichtum ging durch die Decke. So fielen die Investitionen – im Verhältnis zum verfügbaren Geld – auf ein Allzeittief, die Kapazitäten sanken, die Macht der Märkte boomte, und die Kapitalisten wurden nicht nur reicher als je zuvor, sondern auch immer abhängiger vom Geld der Zentralbanken.

Dann kam die Pandemie

Es war ein neues Machtspiel: Der traditionelle Kampf zwischen Kapital und Arbeit um ihren jeweiligen Anteil am Gesamteinkommen durch Gewinn- und Lohnerhöhungen ging weiter, war aber nicht mehr die Hauptquelle des neuen Reichtums. Nach 2008 führten die allgemeinen Sparmaßnahmen zu niedrigen Investitionen (geringer Geldnachfrage), die gemeinsam mit der reichlich vorhandenen Zentralbankliquidität (Geldmenge) den Preis des Geldes (Zinsen) in der Nähe von null hielten. Bei abnehmenden Produktionskapazitäten (sogar im Bausektor), Mangel an guten Arbeitsplätzen und stagnierenden Löhnen triumphierte der Reichtum auf den Wertpapier- und Immobilienmärkten, die sich von der Realwirtschaft abgekoppelt hatten.

Dann kam die Pandemie, und mit ihr änderte sich eine wichtige Sache: Die westlichen Regierungen waren gezwungen, einen Teil der neuen Zentralbank-Geldschwemme an die im Lockdown sitzenden Massen zu vergeben – innerhalb einer Wirtschaft, die seit Jahrzehnten ihre Kapazitäten zur Warenproduktion abgebaut hatte und nun auch noch vor zerstörten Lieferketten stand. Als die Menschen im Lockdown dann einen Teil ihres "Heimaturlaubsgeldes" für knappe Importe ausgaben, begannen die Preise zu steigen. Konzerne mit großem Papiervermögen reagierten darauf, indem sie ihre immense Marktmacht (aufgrund ihrer geschrumpften Produktionskapazitäten) dazu nutzten, die Preise durch die Decke zu treiben.

Was jetzt?

Nach zwei Jahrzehnten eines durch die Zentralbanken unterstützten Goldrauschs, der durch steigende Vermögenspreise und immer höhere Unternehmensverschuldung geprägt war, mussten die Preise nur geringfügig steigen, um das Machtspiel, von dem die Welt nach 2008 im Sinne einer wiederbelebten regierenden Klasse geprägt wurde, zu beenden. Aber was passiert jetzt?

Wahrscheinlich nichts Gutes. Um die Wirtschaft zu stabilisieren, müssen die Behörden zuerst die exorbitante Macht einer kleinen Elite brechen, die durch eine Politik der Erzeugung von Papiervermögen und günstigen Schulden zu Reichtum gekommen ist. Aber diese Begünstigten werden sich nicht kampflos ergeben, auch wenn das bedeutet, gemeinsam mit der Gesellschaft in Flammen aufzugehen. (Übersetzung: Harald Eckhoff, Copyright: Project Syndicate, 30.6.2022)

Yanis Varoufakis ist ehemaliger Finanzminister von Griechenland und Vorsitzender der MeRA25-Partei sowie Professor für Ökonomie an der Universität von Athen.

 

Nota. - Ich erinnere mich gern an Varoufakis als Minister. Ein Mann mit einem zu scharfen Verstand, um Doktrinen aufzusitzen, und mit genügend Selbstbewusstsein, um sich nöitgenfalls allein gegen alle zu stellen. Ins Europaparlament ist er auch mit meiner Stimme gewählt worden. Leute wie den gibt es in der Politik viel zu wenige. Irren können auch die, aber sie können unerwartete Konstellationen eher durchschauen als die Routiniers in ihren "Zusammenhängen".
JE

Mittwoch, 29. Juni 2022

Recht und öffentliche Sitten.

Rebecca Gomperts in Neue Zürcher, 25. 6. 22:

«Eine Abtreibung ist eine akzeptable Art, um zu regulieren, ob man Kinder hat oder nicht. Egal, ob man es einmal oder zehnmal macht.» 

 

Halten wir fest: Ein sozialpolitisches Thema wie vor fünfzig Jahren ist Abtreibung nicht mehr. Wer keine Kinder will, muss keine Kinder bekommen. Natürlich gibt es Sonderfälle..

Halten wir weiterhin fest: Moral ist - wie Religion - Privatsache. Was ich andern schulde - und sie mir -, regelt das Recht. Moral ist das, was ich mir selber schuldig bin, und das weiß nur ich.

Wer also aus moralischen Gründen gegen Abtreibung ist, muss sich nicht zwingen lassen. Einen andern mag er verurteilen, doch ihm sein eigenes Gesetz überhelfen darf er nicht. Und sollte es aus pragmatischen Gründen gar nicht wollen. Ein strafrechtliches Verbot schafft eine ganze Reihe von Folgeproblemen; ob es die Anzahl der Schwangerschaftsabbrüche senken würde, steht aber in den Sternen.

Ein ganz anderes Thema ist das öffentliche Reden über Abtreibung - und die Rolle, die poli-tische Instanzen dabei haben können.

Der eingangs zitierte Spruch der eingangs genannten Person. Er enthält die die öffentlich-moralische Gleichstellung von Abtreibung ung und Geburt.

Moralisch und öffentlich - kann das nach obigem gehen? Moral kommt von lat. mos, das bedeutet Sitte und Gewohnheit. Im Griechischen - Ethik/ethos ists dasselbe. Überall in der Welt gab es es und gibt es Sitten, die öffentlich gelten, weil so viele als für sich geltend aner-kennen. Und sie mögen sich entrüsten, wenn andere es nicht tun, und in gepflegter Sprache dürfen sie das sogar sagen. Mehr aber auch nicht - schon der Aufruf, Kliniken zu boykottieren, ist nicht legitim

Der westliche Rechtsstaat beruht auf der Fiktion des autonomen Subjekts. Wenn er direkt et-was mit Moral zu tun hat, dann dies. Es ist die Grundlage für die kategorische Scheidung zwi-schen öffentlich geltenden Recht und persönlicher Sittlichkeit.

Haben sich staatliche Instanzen also ganz aus dem Thema rauszuhalten? Nicht, wo es politisch und virtuell rechtlich von Belang ist. Der Paragraph 219a ist so ein Fall. Er stammt aus einer Zeit, als Abtreiben strafbar war. Doch davon abhängig ist er nicht. Nicht nur hat ein Staat das Recht, sondern auch die politische Pflicht, klar und deutlich festzustellen, dass in öffentlicher Wertschätzung Gebären und Kinder in die Welt einführen etwas radikal anderes ist als die eigene Familie... eben nicht zu planen, sondern nachträglich zurechtzuschneiden. Dass der § 219a gestrichen wurde, ist ein kulturelle Schande. Werben mögen sie für Botoximplantate.


 

Sonntag, 26. Juni 2022

Sklave kommt von Slawe.

 

aus welt.de, 24. 6. 2022             arabische Silbermünzen aus Neustettin, Pommern

Auch im mittelalterlichen Europa florierte der Sklavenhandel
Schriftliche Quellen berichten von Fällen von Menschenhandel im Frühmittelalter. Dafür stehen auch die vielen arabischen Silbermünzen, die östlich der Elbe gefunden wurden. Sie eröffnen den Blick in ein weitverzweigtes Handelsnetz.

Der Chronist Widukind von Corvey beschreibt in seiner „Sachsengeschichte“ die Eroberung der Slawenburg Gana durch König Heinrich I. im Jahr 929. „Die in der Burg gemachte Beute übergab er seinen Kriegern, alle Erwachsenen wurden getötet, die Jungen und Mädchen für die Gefangenschaft verschont.“ Auch andere Autoren berichten von diesem Phänomen, das heute eher mit der Antike oder dem Kolonialismus verbunden wird, tatsächlich aber auch im europäischen Mittelalter existierte: der Sklaverei.

Zahlreiche Entdeckungen, die in den vergangenen Jahren vor allem im Norden und Osten Deutschlands gemacht wurden, zeigen inzwischen, dass sich der Handel mit Menschen keineswegs auf Einzelfälle beschränkte, sondern ein weit verbreitetes System bildete, das von Nordeuropa bis in den Orient reichte. Vor allem eine Fundgattung rückt dabei in den Fokus der Forschung: Dirhams, arabische Silbermünzen.

Waren lange nur wenige Depots bekannt, haben ehrenamtliche Mitarbeiter der Bodendenkmalpflege mit Detektorprospektionen in den letzten Jahren viele Schätze und Einzelstücke geborgen, sodass sich „ihre Menge nun geradezu explosionsartig vergrößert, und zwar von Burgen und Siedlungen bis weit ins Binnenland“, schreibt Felix Biermann in der Zeitschrift „Archäologie in Deutschland“. In Mecklenburg-Vorpommern und Teilen Brandenburgs bis in die Niederlausitz hinein gehörten sie inzwischen zum üblichen Fundspektrum. Ihre Zahl im Ostseeraum schätzt der Mittelalterarchäologe an der Universität Stettin auf mehrere hunderttausend Stück.

Schloss man früher von den Münzen auf partielle Handelskontakte, wird ihre Verbreitung inzwischen als großräumige Zone des Austauschs gedeutet, deren Basis der Sklavenhandel war. Dessen frühmittelalterliche Zentren waren Burgstädte an der Ostseeküste. In Ralswiek auf Rügen kamen etwa 2200 orientalische Silbermünzen ans Licht, die um das Jahr 850 datiert werden.

Zu jener Zeit beherrschten die Wikinger die marinen Handelsrouten, die nicht nur nach Westen, sondern über Russland bis ins Abbasidenkalifat mit seiner Hauptstadt Bagdad reichten. Funde von – wirtschaftlich unbedeutenden – Scheidemünzen aus Kupfer zeugen für Biermann von der Anwesenheit von Händlern, die unmittelbaren Kontakt zu den Sklavenmärkten des Orients hatten.

Menschen waren eine lukrative Handelsware. An Land bildeten sie Karawanen, die keine Lasttiere benötigten, zur See wurden sie in die Knorr-Segler der Wikinger gepfercht. Allerdings behandelten die „ihre Sklaven gut und kleideten sie schön, denn sie sind für sie eine Handelsware“, bemerkte ein muslimischer Beobachter. Die engen Beziehungen fanden ihren Niederschlag auch in der Sprache. Der griechische Völkername sklaboi wurde im Arabischen zu Saqaliba, eine Bezeichnung für Eunuch oder Sklave.

Spuren von Gewalt oder Tierverbiss

Eine Reihe von weiteren archäologischen Funden wird mittlerweile mit der Sklaverei verbunden. Fesseln aus Eisen etwa, die zum Teil mit einem Schloss versehen waren, oder menschliche Knochen, die Spuren von Gewalt oder Tierverbiss tragen. Was früher als Opfer von Kultritualen oder Massakern interpretiert wurde, könnten durchaus „Zeugen eines Sklavenmarkts“ sein, „wo Menschen verkauft und verschifft wurden sowie Gewalt erleiden mussten“, schreibt Biermann.

Auch pietätlose Bestattungen oder „Verlochungen“ können auf Sklaverei verweisen. Wenn Skelette Zeichen von Gewalt, Mangelerscheinungen oder schwerer körperlicher Arbeit tragen und nicht in ordentlichen Gräbern, sondern auf Müllhalden oder in Gewässern entsorgt wurden, sagt das einiges über den Wert aus, der ihnen beigemessen wurde. Als Beispiel aus der Zeit des Kolonialismus nennt Beckmann die Überreste von 150 Menschen, die auf einer Müllhalde im portugiesischen Sklaverei-Zentrum Lagos entdeckt wurden.

Blick auf die Slawenburg im Spreewald (Luftaufnahme mit einer Drohne). Im frühen Mittelalter im 9./10. Jahrhundert war die Niederlausitz am westlichen Spreewaldrand überzogen von einem dichten Netz kleiner ringwallförmiger Burganlagen. Eine dieser Slawenburgen steht heute wieder aufgebaut bei Raddusch. Als lausitztypisches Bodendenkmal erinnert die Slawenburg Raddusch an eine heute weitgehend verschwundene Kultur. Seit 2003 betreibt der Verein Slawenburg Raddusch e.V. im Auftrag des Trägers, der Stadt Vetschau, die Gesamtanlage.Die rekonstruierte Slawenburg Raddusch im Spreewald

Allerdings muss es sich bei den Toten im Mittelalter nicht unbedingt um Opfer von Wikingern oder ostfränkischen Rittern gehandelt haben, die mit ihren überlegenen Waffen Eroberungs- und Beutezüge ins Slawenland unternahmen. Auch in und um die Reste slawischer Burgen und Siedlungen haben Ausgräber verstreute Menschenknochen gefunden, die im Gegensatz zu vielen Bewohnern nicht nach den herrschenden Sitten bestattet wurden. Das würde dafür sprechen, dass der Menschenhandel auch zwischen slawischen Gesellschaften florierte.

Das würde auch die zahlreichen Dirham-Funde erklären, die in den einstigen Slawen-Gebieten östlich der Elbe gemacht werden. Die Anführer einzelner Stämme und Clans kämpften gegeneinander, und die Sieger brachten die Verlierer auf die Sklavenmärkte. Die reichen Erlöse in Silber wurden dann zu einem weiteren Motiv für Raubzüge, auf denen nicht nur Menschen zu holen waren. Ein Ergebnis war erstaunlicherweise zivilisatorischer Fortschritt. Denn das hohe Gewaltpotenzial beförderte den Ausbau von Burgen und Herrschaftsstrukturen, die die Verteidigungsfähigkeit erhöhten. Damit wiederum konnte slawische Fürsten als Akteure und Kunden in den Fernhandel einsteigen.

 

Nota. - Christen war verboten, Menschen als Sklaven zu halten. Und schon gar, Christen als Sklaven zu verkaufen. Doch die Menschen östlich der Elbe waren keine Christen, sondern Heiden. Die deutschen Eroberer durften sie nicht selber versklaven, doch sie als Sklaven an andere Nichtchristen zu verkaufen hinderte sie nichts. In spanischen Geschichtbüchern liest man ganz selbstverständlich, dass der Ausdruck esclavo aus dem Wort Slawe stammt, weil die Menschen, die es im maurischen Herrschaftsgebiet zu kaufen gab, aus den Gebieten jenseits der Elbe stammten.

Woher stammt der Verschlussaut k? Im Frnazösischen heißt es esclave, auch im Italienischen heißt es schiavo. Nur englisch ist alles klar. Sklave heißt slave und Slawe heißt slav.

Im Osten Europas heißt es, im byzantinischen Reich wären Sklaven hauptsächlich aus den slawischen Siedlungsgebieten des Balkans gekommen.
JE

Freitag, 24. Juni 2022

219a.

123rf

Das ist nicht einer unter tausend Strafrechtsparagraphen. Das ist eine grundlegende Aussage über das kulturelle Selbstverständnis einer Gesellschaft: ob gebären und abtreiben als gleich-wertig gelten sollen.

Ist es aber Sache des Staates, darüber zu befinden? 

Da könnte man drüber streiten - er ist ja nicht unsere Gouvernante. Auf keinen Fall aber kann man ihm die Ansage erlauben, dass es so sei; er muss schließlich als Stifter einer Rechtsord-nung glaubhaft bleiben.

 


Mittwoch, 22. Juni 2022

Hab ich es so gemeint?

Ein Kampfpanzer Leopard 2 A5 in voller Fahrt bei einer Gefechtsübung in Gardelegen.
aus FAZ.NET, 21. 6. 2022                                        Kampfpanzer Leopard 2 A5

Klingbeils Rede
„Deutschland muss Führungsmacht sein“
Der SPD-Vorsitzende Klingbeil wünscht sich, dass die deutsche Gesellschaft „eine neue Normalität mit der Bundeswehr“ entwickelt. Zur früheren Russlandpolitik äußert er sich kritisch.

Von Eckart Lohse und Markus Wehner

Es sind ungewöhnliche Worte für einen SPD-Vorsitzenden, die Lars Klingbeil am Dienstag-morgen auf einem Kongress zur „Zeitenwende“ der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin vor-trägt. „Deutschland muss den Anspruch einer Führungsmacht haben“, fordert der SPD-Chef. Deutschland habe sich viel Vertrauen erarbeitet, damit gingen Erwartungen an seine interna-tionale Rolle einher. „Wir sollten diese Erwartungen erfüllen“, so Klingbeil. Es gehe dabei nicht darum, „breitbeinig oder rabiat“ aufzutreten, aber „durchdacht, überzeugt und konse-quent zu handeln“.

Für diese neue Rolle, die Deutschland harte finanzielle und politische Entscheidungen abverlangen werde, brauche es „eine völlig andere sicherheitspolitische Debatte in Deutschland“. Im Wettbewerb der politischen Zentren in der Welt müsse die Europäische Union „eine geopolitische Bedeutung entfalten“. Sie müsse im Wettbewerb mit Russland und China andere Länder für sich gewinnen, neue strategische Allianzen auf der Grundlage von wirtschaftlichen Interessen und politischer Orientierung schmieden. „Unser Anspruch muss sein, dass wir das attraktivste Zentrum sind.“

Mit Blick auf die Russlandpolitik moniert Klingbeil, Deutschland habe zu lange geglaubt, „dass sich am Ende unser politisches Modell einer regelbasierten Ordnung durchsetzen würde“. Dabei habe man verkannt, dass sich die Dinge längst anders entwickelt hätten. „Die Signale aus Russland hätten wir anders sehen müssen, spätestes 2014 mit der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim.“ Deutschland müsse auch weiter mit Ländern kooperieren, die unser Gesellschaftsmodell nicht teilten oder gar ablehnten.

Doch dürfe es „keine Kooperation ohne Haltung“ geben. „Wandel durch Annäherung darf nie wieder auf Wandel durch Handel reduziert werden“, kritisiert der Sozialdemokrat die bisherige Politik gegenüber Russland, das heute eine Diktatur sei. Klingbeil wirbt auch dafür, dass Europa seine strategische Autonomie ausbauen soll, kritische Güter und kritische Infrastruktur müssten hierzulande hergestellt werden. „Nie wieder dürfen wir uns in so starke Abhängigkeit begeben, wie das energiepolitisch bei Russland der Fall war.“

Angesichts des Angriffskriegs Russlands auf die Ukraine fordert der 44 Jahre alte SPD-Vorsitzende künftig außenpolitisch in Szenarien zu denken „und uns auch auf diese Szenarien vorzubereiten“. So habe Deutschland im Umgang „mit unseren ost- und mitteleuropäischen Partnern Fehler gemacht“, weil man deren Sicht auf Russland ignoriert habe. „Wenn wir aus den baltischen Staaten oder Polen hören, dass sie Angst davor haben, die nächsten Ziele Russlands zu sein, dann müssen wir das ernst nehmen“, sagt Klingbeil und wirbt dafür, den Dialog mit den östlichen EU-Staaten zu intensivieren.

Die Lieferung von Waffen aus Deutschland an die Ukraine verteidigt Klingbeil, dazu gehöre „auch schwere Artillerie“. Das gehöre zur neuen Rolle der Bundesrepublik. Der Sohn eines Soldaten, am größten Heeresstandort Munster aufgewachsen, fordert zudem „einen anderen gesellschaftlichen Umgang mit der Bundeswehr“. Die Streitkräfte seien in der öffentlichen Debatte in Deutschland in den vergangenen Jahren immer weiter „nach hinten gerückt“.

Oftmals seien sie nur gesehen worden, wenn es Skandale gegeben habe. „Man hatte fast den Eindruck, je weniger Bundeswehr es gibt, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit eines Krieges. Das genaue Gegenteil ist der Fall“, sagt Klingbeil. Er wünsche sich, dass die deutsche Gesellschaft „eine neue Normalität mit der Bundeswehr“ entwickele. Das bedeute, „dass wir über Frieden und Sicherheit reden und dabei die Bundeswehr selbstverständlich mitdenken“. Nicht das Reden über Krieg führe zum Krieg, sondern das Verschließen der Augen vor der Realität führe zum Krieg.

 

Nota. - Das kommt ja wohl etwas überplötzlich. In der Sache kann man ihm kaum wider-sprechen, doch wenn man hinsieht, wer das sagt, kommt Vertrauen nicht auf. Wo waren diese Stimmen bisher, warum hat man sie nicht zu hören bekommen? Klingbeil hat wohl seit län-gerem ein Herz für die Bundeswehr. Doch wenn das der Grund für eine weltpolitische Neu-ausrichtung der deutschen Sozialdemokratie sein sollte, wird mir mulmig.

Das große Verdienst Angela Merkels für Deutschland war, dass sie diesem Land einen Platz in der Welt auf friedlichem Weg verschafft hat, den es auf kriegerischem Weg nie erobern konnte. Sie hat in der Griechenlandkrise Europa ein Rückgrat eingezogen, das kein anderes der betei-ligten Länder ihm hat bieten wollen noch können, und sie hat in der Flüchtlingkrise von 2015 den Europäern vor Augen geführt, was ihre weltpolitische Verantwortung war.

Danach haben die Kleingeister mal hier, mal da Scharten ins vorsichtig erwachsende Europa geschlagen, und außer dem Lippenbekenntnis für die globale Verantwortung ist kaum etwas zurückgeblieben.

Die Sozialdemokraten stellten zwar den Außenminister, aber die Richtlinien der Politik be-stimmten sie nicht. Doch den inzwischen allseits bemerkten Schwachpunkt der Ära Merkel, die Arglosigkeit gegenüber dem Putinregime, verantworten sie wenigstens so wie die Kanz-lerin. 

Was haben sie daraus gemacht? Nach Wochen der Sprachlosigkeit hat ihr Kanzler das Wort von der Zeitenwende geprägt, nachdem er in denselben Wochen Putin zugesichert hatte, dass er nie und unter gar keinen Umständen "schwere Waffen" an die Ukraine geben würde. Wenn überhaupt Worte Taten werden können - das war eine Tat, und Putin hat sie beherzigt.

Und jetzt ist Säbelrasseln Mode, Klingbeil hat Hofreiter mit Leichtigkeit überrundet.

Es steckt aber nichts dahinter, was eine Neuausrichtung der deutschen Politik und der Rolle Deutschlands in der Welt glaubhaft machen könnte.
JE


Freitag, 17. Juni 2022

Wo die Schwarze Pest herkam.


aus Tagesspiegel.de, 16. 6. 2022           Der Ursprung der mittelalterlichen Pest lag im Tian Shan Hochgebirge im heutigen Kirgisistan.

Ursprung einer Pandemie  
Die Goldene Horde und der Schwarze Tod
Sie war eine der verheerendsten Pandemien des 14. Jahrhunderts. Eine DNA-Analyse zeigt, wo die Pest ihren Anfang nahm. 
 
von 

Vielleicht erlegte um 1338 ein Mensch im Tian-Shan-Hochgebirges im heutigen Kirgisistan ein Murmeltier. Wie es noch heute vorkommt, könnte dieses Nagetier mit Bakterien der Art Yersinia pestis infiziert gewesen sein. Ob der Erreger der Pest bei einer solchen Gelegenheit auf den Menschen übersprang, wird sich nie aufklären lassen. Der schreckliche Rest der Geschichte ist dagegen bekannt: Flöhe übertrugen das Bakterium auf andere Nager wie Ratten, die in der Umgebung der Menschen lebten. Später gaben Flöhe das Bakterium an Menschen weiter, die an der Pest erkrankten und den Erreger dann über andere Flöhe weiterverbreiteten.

Als Handelsreisende die Pest über das Schwarze Meer in die Mittelmeerregion einschleppten, begann eine der verheerendsten Pandemien in der Geschichte der Menschheit. Allein in den acht Jahren von 1346 bis 1353 könnten dieser auch als „Schwarzer Tod“ bekannten Infektionskrankheit bis zu 60 Prozent der Bevölkerung in Europa und im Westen Asiens zum Opfer gefallen sein.

Große Teile der damaligen Bevölkerung starben

Ausgangspunkt waren wohl jene Bakterien, die noch heute in den Ausläufern des Tian Shan-Gebirges Nagetiere infizieren, berichten jetzt Johannes Krause vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und sein Team in der Zeitschrift „Nature“.

„Über den Ursprung der mittelalterlichen Pest wurde bereits seit vielen Jahrzehnten gerätselt“, sagt Philipp Stockhammer von der Ludwig-Maximilians-Universität in München, der an dieser Studie nicht beteiligt war. Oft konzentrierten sich die Vermutungen auf China. Über die Seidenstraße könnte der Erreger von dort nach Europa gekommen sein. Ende des 19. Jahrhunderts nährten erstmals Ausgrabungen den Verdacht, dass die Pest in der Nähe des Yssykköl-Sees im heutigen Kirgistan die Menschheit erreicht hätte. 1338 und 1339 waren außergewöhnlich viele Menschen auf zwei Friedhöfen in der Umgebung des Gewässers beerdigt worden. Auf einigen Grabsteinen wurde „eine verheerende Seuche“ erwähnt.

Die Inschriften, in den Gräbern gefundene Münzen und andere Beigaben sowie historische Aufzeichnungen verrieten jetzt der Gruppe um Johannes Krause, dass in dieser Region Händler lebten, die verschiedene Regionen Asiens bereisten. Damals gehörte die Gegend zu einem der vier Khanate, in die das Mongolenreich von Dschingis Khan zerfallen war. Der nördliche Nachbar war das Khanat der Goldenen Horde, das vom heutigen Kasachstan bis zur heutigen Ukraine reichte.

Dort, an der unteren Wolga und auf der Halbinsel Krim, starben im Jahr 1345 die ersten Europäer an der Pest, die zuvor seit fast 600 Jahren aus Europa verschwunden war. Als die Goldene Horde 1346 die Stadt Kaffa auf der Krim belagerte, erreichte die Pest das Handelsnetz des Stadtstaates Genua, der damals die Hafenstadt am Schwarzen Meer hielt, und verbreitete sich im Mittelmeerraum. Innerhalb von acht Jahren erfasste die Krankheit Europa und Nordafrika – und große Teile der damaligen Bevölkerung starben.

Grabsteine wie dieser verwiesen bereits 1886 auf den Ursprung der mittelalterlichen Pest im Tian Shan Hochgebirge.Grabsteine wie dieser verwiesen bereits 1338 auf den Ursprung der mittelalterlichen Pest im Tian Shan Hochgebirge. 

Ob es sich bei der Seuche in der Gegend des Yssykköl-Sees wirklich um die Pest handelte, haben Krause und sein Team an Überresten von dort Bestatteten untersucht, die im Kunstkammer-Museum in Sankt Petersburg aufbewahrt werden. Aus Zähnen isolierte die Gruppe Erbgut. In drei dieser Proben gelang der Nachweis von Yersinia pestis und in zweien konnte das gesamte Erbgut des Erregers nachgewiesen werden. „Diese beiden alten Pest-Bakterien-Genome waren nicht nur identisch, sondern sind auch Zeitzeugen des Urknalls der Entwicklung des Schwarzen Todes“, erklärt Krause.

Aus Bakterien mit diesem Erbgut entstand der sehr ähnliche Erreger, der von 1346 bis 1353 und bis in das frühe 19. Jahrhundert weitere Ausbrüche verursachte. Aus ihnen gingen drei weitere Zweige der Pest hervor, die mit dem Zweig des Schwarzen Tods etwa 80 Prozent aller heute bekannten Pest-Linien stellen. Es gibt einen weiteren, fünften ursprünglichen Zweig im Stammbaum der Pest, zu dem alle bisher identifizierten früheren Fälle dieser Infektionskrankheit gehören.

Um den Herkunftsort des Erregers einzugrenzen, analysierte das Forschungsteam das Erbgut von Yersinia pestis Bakterien. Am engsten verwandt mit den Urknall-Erregern sind solche, die noch heute im Tian-Shan-Gebirge und an Ausläufern in der Nähe des Fundortes Nagetiere infizieren. Dort existieren zudem Reservoirs der anderen drei Zweige der heute zirkulierenden Erreger. „Höchstwahrscheinlich entstand also genau dort in der Umgebung des Yssykköl-Sees am Anfang des 14. Jahrhunderts die mittelalterliche Pest und damit einer der schlimmsten bekannten Pandemien der Menschheitsgeschichte“, erklärt Krause.

 

Mittwoch, 15. Juni 2022

Das Sein bestimmt das Bewusstsein - rascher, als man denkt.

Mann steht auf hohem Stapel Geld, ein anderer auf kleinem
aus spektrum.de, 15. 6. 2022

Neoliberalismus fördert Akzeptanz von Ungleichheit
Ein paar Jahre reichen aus, damit politische Systeme die persönlichen Einstellungen der Menschen verändern.


von Anton Benz

»Die Wirtschaft ist die Methode; das Ziel ist es, Herz und Seele zu verändern.« Gemäß diesem Motto stieß die ehemalige Premierministerin Margaret Thatcher in den 1980er Jahren einige neoliberale Reformen in Großbritannien an: Privatisierung staatlicher Konzerne, Rückzug des Wohlfahrtstaats und Beschneidung von Umverteilungsprogrammen. Ein Team um Shahrzad Goudarzi von der New York University untersuchte jetzt, ob eine neoliberale Politik das Gerechtigkeitsempfinden der Bürgerinnen und Bürger beeinflusst. Ihre Resultate veröffent-lichte es in »Perspectives on Psychological Science«. »Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass ein paar Jahre ausreichen, damit Systeme, wie Thatcher es formulierte, ›Seelen‹ verän-dern«, so Goudarzi.

Die Forschungsgruppe analysierte mehrere Daten von 1995 bis 2019 aus mehr als 160 Län-dern. Dazu gehörte der Economic Freedom Index, in dem Staatsausgaben, Spitzensteuersätze und Arbeitnehmerrechte erfasst sind. Hieraus lässt sich ableiten, wie neoliberal die Politik eines Staats ist. Daten über das individuelle Gerechtigkeitsempfinden erlangten die Forscher aus der World Values Survey, der weltweit umfangreichsten Umfrage über menschliche Werte. Unter anderem geben die Teilnehmenden darin an, ob sich ihrer Meinung nach das Einkom-men angleichen sollte oder ob größere Lohnunterschiede notwendig seien, um individuelle Leistungen zu belohnen.


Spektrum Kompakt:  Moral – Gemeinsame Werte und Normen  Spektrum Kompakt: Moral – Gemeinsame Werte und Normen

Die Wissenschaftler fanden heraus, dass Menschen in neoliberaleren Staaten größere Lohnunterschiede guthießen. Weil die Daten zu mehreren Zeitpunkten erhoben wurden, konnten sie ausmachen, dass sich zuerst das Wirtschaftssystem veränderte und sich die persönlichen Einstellungen dem anglichen. »Neoliberale, marktwirtschaftliche Reformen scheinen die Präferenz der Menschen für ein hohes Maß an Einkommensungleichheit zu erhöhen«, erklärt Goudarzi.

 

Nota. - Beachten Sie im obigen Beitrag die Werbung von Spektrum Kompakt: Sie stellt nicht die Frage, ob es in der Moral um gemeinsame Normen geht oder um persönliche Entscheidun-gen, sondern setzt die kollektivistische Antwort schlicht und einfach voraus. Fast möchte man ihnen ein paar Monate Liberalismus wünschen; Archäoliberalismus.

Doch in diesem besondern Punkt haben sie ja Recht: Geht es in Wahrheit nicht um Moralität, sondern um die eigene Wohlfahrt, dann neigen die Menschen allerdings dazu, stets recht ähn-liche Entscheidungen zu treffen. Ist das gut, ist das schelcht? - Na, man darf es eben nicht mit Moral verwechseln, denn das ist ganz schlecht.
JE

Montag, 6. Juni 2022

Machtpolitik hat kein Geschlecht.


aus nzz.ch, 4. 6. 2022                           Hans Thoma, Walkürenritt          

Das Zauberwort von der feministischen Aussenpolitik macht die Runde. 
Die Wahrheit ist: Machtpolitik hat kein Geschlecht
Die Staatsräson hat Vorrang vor dem Pazifismus, egal ob Frauen oder Männer auf dem Thron sitzen.
 
von Josef Joffe
 
Der Begriff «feministische Aussenpolitik» läuft in diesen Tagen durch die Gazetten, angespornt von Putins Eroberungskrieg in der Ukraine, dem Frauen, Kinder und Wehrlose zum Opfer fallen. Das Patriarchat, ein Schlüsselbegriff des Feminismus, hat nach 77 Jahren Grossmachtsfrieden in Europa wieder zugeschlagen. Was könnten Frauen in der Führung besser machen?

Eine Antwort ist so alt wie die Komödie «Lysistrata» von Aristophanes. Der Name der Heldin ist Programm. «Lysis» ist «Auflösung, «Stratos» Heer. Die Frau hat also im Peloponnesischen Krieg die Armeen zerlegt, wiewohl ganz friedlich. Ihre Waffen: Sex und Gold, was die Männer noch mehr lockte als der Krieg. In Athen und Sparta verschwören sich die Frauen gegen die Buben mit dem XY-Chromosom. Die Athenerinnen verschanzen sich auf der Akropolis, wo die Kriegskasse lagert, und verweigern den Männern ihre Körper. Ähnlich in Sparta. Der Liebesentzug wirkt, die Jungs legen ihre Schwerter beiseite und sich selber ins Ehebett.

Es ist eine herzerwärmende Geschichte weiblicher Weisheit, nur stimmt sie nicht. Der Bruderkrieg dauerte 27 Jahre und endete mit dem Sieg Spartas. Doch hat sich die Idee festgesetzt, wonach Frauen die besseren, jedenfalls friedfertigeren Menschen seien. Mütter kümmern sich ums Leben, Männer um Krieg. Frauen sind umsichtig und fürsorglich, testosterongesteuerte Männer schlagen reflexhaft zu, Aggressivität und Gewalt wurzeln in ihrer Natur. Seit dem Ukraine-Krieg ist die Lysistrata-Saga wieder akut. Leider ist sie in den letzten 2500 Jahren nicht bestätigt worden. Der Frieden blieb bloss eine Pause zwischen zwei Kriegen.

Gegen Aggressoren hilft nur Gewalt

Was ist feministische Aussenpolitik (FAP)? Es gibt zwei Versionen. Eine findet sich in der Anleitung des Auswärtigen Amtes in Berlin, wo es mehr um Proporz als um Strategie geht. Einer FAP «geht es nicht um das Ausschliessen, sondern um das Einbinden . . . Wenn die Hälfte der Bevölkerung keine Möglichkeit zu gleichberechtigter Teilhabe hat, kann keine Gesellschaft ihr Potenzial voll ausschöpfen, können wir Frieden und Sicherheit nicht dauerhaft erreichen.»

Die zweite ist ambitionierter. Sie will das Wesen internationaler Politik umkrempeln. Ein probates Beispiel: FAP «fordert das Ende einer simplen Weltsicht. Sie denkt strukturelle Gewalt wie Rassismus, Sexismus oder Klassismus mit. Denn die Fokussierung auf die Bedürfnisse von gerade weissen Männern reicht nicht aus, um die Komplexitäten des Lebens zu verstehen . . . Jede Waffe mehr bringt mehr patriarchale Gewalt, [diese] mehr Waffen.» Der Sinn der FAP «muss sein, dass patriarchale Regime wie das Putins auch in Russland nicht mehr existieren können».


Das Amt zwingt zu Realpolitik: Die deutsche Aussenministerin Annalena Baerbock tritt im März 2022 mit Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg nach einem Treffen in Berlin vor die Presse.
Das Amt zwingt zu Realpolitik: Die deutsche Aussenministerin Annalena Baerbock tritt im März 2022 mit Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg nach einem Treffen in Berlin vor die Presse.

 Das ist die harte Version: eine neue Weltordnung plus Regime-Change, was an George W. Bushs Kriege erinnert. Sodann an den US-Präsidenten Woodrow Wilson und seine Parole im Ersten Weltkrieg: «Make the world safe for democracy». Das hehre Ziel der beiden hatte zwei Haken. Ihre Strategie forderte insgesamt drei Kriege mit Millionen Toten und hat Europa nach 1918 und Nahost nach «mission accomplished» weder befriedet noch demokratisiert.

Heute darf man Wilson/Bush so ironisieren: «Macht die Welt sicher durch Feminismus.» Das wirft drei Probleme auf. Erstens: Ob Potentat wie Saddam oder Autokrat wie Putin, die Aggressoren haben leider die Macht, und deren Sturz erfordert überlegene Gegengewalt. Weibliche Überzeugungskraft läutert sie ebenso wenig wie männliche; freiwillig gehen sie nicht, zumal da draussen das Kriegsverbrechertribunal lauert. Also Krieg für den Frieden – und da geht sie dahin, die weiche Macht jedweden Geschlechts.

Pazifismus, ein Kern der FAP, verbessert die Welt nur in der Vorstellungskraft. «Wer Frieden will», dozierten die Römer, «muss sich auf den Krieg vorbereiten.» Und ihn notfalls führen. Denn, um Friedrich Schiller zu bemühen: «Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.

Weibliche Machtpolitik in der Praxis

Das ist das erste Problem – wie bei Schopenhauer, der wähnte: «Die Welt ist meine Vorstellung, dies ist die Wahrheit.» Das zweite würde eine dogmatische Feministin aufspiessen. Sie würde ihren laxen Kolleginnen vorwerfen, just mit den Kategorien der weissen Männer zu hantieren. Etwa so: «Ihr reproduziert doch bloss die alten Rollenklischees. Ihr redet letztlich genauso wie die Männer. Ihr preist Frauen als Friedensbringer, ihr schreibt ihnen zu, wovon die Jungs träumen: Sanftmut, Hingabe, Kinder-Küche-Kirche. So bleibt ihr gefangen in der Unterwerfung.» FAP wäre demnach ein Irrweg. Wenn Frauen wie Männer handeln, was wird aus ihrer spezifischen Identität als Frau? Man kann den Kuchen nicht essen und behalten.

Das dritte Problem ist das gravierendste, ein Denkfehler. Er verwechselt Gender mit Gebaren. Die plakatierten Tugenden der Frauen – Friedfertigkeit usw. – lassen sich von ihrer Position in Gesellschaft und Staat nicht trennen. Wer keine Macht hat, wird den Krieg nicht proben. Unter dem traditionellen «Patriarchat» mussten Frauen andere Machtquellen anzapfen – siehe Lysistrata und Genossinnen, deren sexuelle Macht Rüstung und Schwert austrickste.
 

Die russische Kaiserin Katharina die Grosse eroberte 1774 die Halbinsel Krim.

Greifen wir nun in die Geschichte, wo Frauen die Herrschaft errangen, und das Bild sich dreht. Fangen wir an mit Deborah, der israelitischen Heerführerin. «Es gebrach an Regiment in Israel, bis dass ich, Deborah, aufkam, eine Mutter Israels.» (Richter 5,7) Unter ihrer Führung siegte ihr Volk im Befreiungskrieg gegen seine kanaanitischen Unterdrücker. Frieden lässt sich nicht oft ohne Waffen schaffen.

Boudicea sammelte 60 n. Chr. ein 100 000-Mann-Heer gegen die Römer, die Britannia unterjocht hatten. Sie schlug sie und brannte Londinum (London) nieder. Die Frau griff zur Gewalt, weil es das nationale Interesse so gebot

Ein Sprung nach vorn. Isabella von Spanien vereinte ab 1492 mit ihrem Mann Ferdinand die iberische Halbinsel und verjagte die muslimischen Eroberer. Ihr Motto im Wappen: «Er wiegt so viel wie sie.» Unter ihrer Herrschaft entstand ein riesiges Imperium in Lateinamerika. Mit anderen Worten: Kolonialismus ist nicht allein Männersache, wie es im Katechismus des Korrekten heisst.

Johanna von Orleans war eine Kriegsherrin. Und Elizabeth I. (Königin von 1558 bis 1603) entsandte ein Heer in die Niederlande, um die protestantischen Brüder (und die Insel) gegen die ausgreifenden Spanier zu schützen – klassische Gleichgewichtspolitik. Sie erfand den englischen Kolonialismus und besiegte die Armada des spanischen Erbfeindes. Sie liess ihre katholische Rivalin Maria Stuart köpfen. Die «Jungfrau-Königin» deklamierte in ihrer berühmtesten Rede: «Ich weiss, ich habe den Körper einer schwachen, zarten Frau, doch das Herz und den Willen eines Königs.» Auch wer Röcke trägt, gehorcht auf dem Thron der Staatsräson.

Die Truppen von Königin Elizabeth I. besiegten 1588 die spanische Armada.

Maria Theresia von Österreich führte ständig Krieg. Katharina die Grosse (Kaiserin von 1762 bis 1796) war eine Vorzeige-Imperialistin. Sie verleibte sich die Krim ein, dann in den Polnischen Teilungen (mit Habsburg und Preussen) das grösste Stück der Beute. Sie kolonisierte Noworossija rings um das Schwarze und das Asow-Meer. Die Frau «friedfertig» zu nennen, hiesse, sie zu beleidigen.

Nun in die Neuzeit. Golda Meir, die erste Regierungschefin Israels, führte ihren Staat 1973 in den Jom-Kippur-Krieg, als Ägypten und Syrien das Land zu überrollen drohten. Diese Frau war robuster als manche ihrer Generäle. Staatsräson und Erinnerung vereinten sich in der weiblichen Seele zur Gewaltbereitschaft: «Israel ist die stärkste Garantie gegen einen neuen Holocaust.»

Indira Gandhi
marschierte 1971 gegen Pakistan. Das dortige Regime verlor West-Pakistan, heute Bangladesh; seitdem ist Indien die Vormacht in Südasien. Unter der weiblichen Ägide entstand die indische Atombombe. Nicht schlecht für eine friedensbeseelte Frau.

Margaret Thatcher, die «Iron Lady», täuschte die Welt mit ihrer eleganten Garderobe – keine Hosen, stets onduliertes Haar. Als Argentinien 1981 die Falklands eroberte, entsandte sie die Flotte und triumphierte über 12 000 Kilometer hinweg. Manche Männer im Kabinett waren nicht ganz so mutig. Auch nicht George Bush, der 1990 zögerte, Saddam aus Kuwait zu vertreiben. Legendär ist ihr Anruf beim Präsidenten: «Du wirst doch nicht wackeln, George!»

Lieber Gas als Solidarität

Was lehrt dieser kurze Ausschnitt aus der Geschichte? Machtpolitik kommt von Macht, nicht aus dem Hormonhaushalt. Auf dem Thron handeln Frauen nicht anders als Männer. Dann gilt ihre Sorge nicht den Kindern, sondern dem Staat. Angela Merkel vermied Krieg jenseits symbolischer Einsätze, dies aber genauso wie ihr Macho-Vorgänger Gerhard Schröder und heute der risikoscheue Olaf Scholz. «Weiblich» war ihre kalte Interessenpolitik nicht. Siehe ihr stures Festhalten an Nord Stream 2, welche die östlichen Nachbarn umging. Gas für Deutschland zählte mehr als europäische Solidarität.

Gender ist weder Schicksal noch Tugend. Wo man steht, hängt davon ab, wo man sitzt – auf dem Thron oder an der Wiege. Natürlich haben Männer über Jahrtausende Krieg geführt, die Aussenpolitik bestimmt, weil die Frauen nichts zu sagen hatten – ausser im Umweg über des Königs Ohr wie bei Madame de Pompadour. Das Weib hatte gefälligst für Nachwuchs, Wärme und Speisung zu sorgen. Doch zeigen unsere Beispiele, dass an der Macht Frauen wie Männer vorweg dem Wohle des Staates dienen, wo Selbstsucht und -schutz sich zum ewigen Basso ostinato vereinen.

Machen wir ein Gedankenexperiment und unterstellen ein weltweites Regiment der Frauen. Wer würde auf Kants «Ewigen Frieden» wetten, wer auf den «sacro egoismo» der Nationen? Wer auf Mutter Theresa, wer auf Maggie Thatcher?

PS: Wer mehr über Herrscherinnen wissen will, möge Antonia Frasers Klassiker «The Warrior Queens» (1988) lesen.


Josef Joffe lehrt internationale Politik und politische Theorie an der Johns Hopkins School of Advanced International Studies in Washington.  


Nota. - Verdammt, ich habs immer noch nicht gelernt. Als ich zum erstenmal von femini-stischer Außenpolitik las, glaubte ich an einen müden Sarkasmus eines weißen alten Manns. Doch nein, was da seit nun einem halben Jahrhundert Netzhaut und Trommelfell strapaziert, ist ganz bierernst gemeint. Mehr als ein paar müde Sarkasmen fällt mir inzwischen selbst nicht mehr ein. Da habe ich einen Artikel übernommen, der sich ebenfalls ganz ernstgemeint gibt.

Aber ich weiß schon, was frau allen Ernstes entgegnen wird: Das waren alles biologische Frauen, die auf Männerthronen saßen. Aber mit Annalena Baerbock ist erstmals eine gegen-derte Feministin am Drücker! 

Das ändert alles.
JE

Gräfin Pompadour
 


Freitag, 3. Juni 2022

Die Geburt der Türkei im Massaker.

aus nzz.ch, 3. 6. 2022                      Der Brand von Smyrna zerstört nach der Eroberung durch türkische Kräfte im September 1922 die christlichen Quartiere der Stadt

Als Smyrna zu Izmir wurde.
Für Jahrhunderte lebten Muslime und Christen friedlich nebeneinander. 1922 kam das blutige Ende der kosmopolitischen Stadt. Mit dem Brand von Smyrna siegte Mustafa Kemal Atatürk im Griechisch-Türkischen Krieg. Eine ganze Epoche Kleinasiens fand damit ihren Abschluss. Es folgten Vertreibung und andauernder Hass.

«Smyrna in Flammen»: Der Titel des vorliegenden Buches verweist auf die Zerstörung der Hafenstadt Smyrna, des heutigen Izmir, vor hundert Jahren. Im Griechisch-Türkischen Krieg, der nach dem Ende des Ersten Weltkriegs ausgebrochen war, wurde die Stadt an der Ägäisküste im September 1922 durch türkische Truppen erobert; sie töteten rund 100 000 Einwohner, vor allem Griechen und Armenier, und legten den Ort in Flammen. Weitere 100 000 Menschen wurden deportiert.

Auf diese Ereignisse kommt der Historiker und Journalist Lutz C. Kleveman allerdings erst recht spät in seinem Buch zu sprechen, genau gesagt nach knapp 250 Seiten, weit nach der Hälfte. Das ist einerseits irritierend. Doch andererseits ist dieser Vorlauf angemessen, um die politische Komplexität und die gesellschaftliche Heterogenität herauszustellen, die sowohl Smyrna als auch den gesamten Südosten Europas im 19. und frühen 20. Jahrhundert prägten.

Türkische Soldaten beim Marsch Richtung Izmir, September 1922

Ganze Völker im Krieg

Smyrna hat ab 1918 unter griechischer Oberhoheit gestanden. Zuvor war es Teil des Osmanischen Reichs gewesen. Dieses sollte 1922 endgültig zerfallen, doch schon viel früher hatte ein schleichender Niedergangsprozess eingesetzt. Jahrzehntelang wurde das Vielvölkerreich durch die widerstreitenden Interessen der europäischen Grossmächte aufrechterhalten, allen voran Deutschlands, das in der Türkei einen wichtigen Verbündeten sah.

Derweil hatte sich in den osmanisch okkupierten Balkanstaaten die Idee der Nation sukzessive verbreitet. Allerdings lagen die Kriterien dafür, wer als Türke, Serbe, Montenegriner, Grieche oder Bulgare galt, meist im Auge des Betrachters. Mit verheerenden Folgen: In den beiden Balkankriegen 1912/13, in denen die Staaten Südosteuropas zunächst vereint die osmanische Besatzung zurückdrängten, um anschliessend im Streit um die Beute übereinander herzufallen, erreichten die nationalen Streitigkeiten selbst für kriegsgewohnte europäische Zeitgenossen einen abschreckenden Höhepunkt.

Mit Grauen blickte man in Berlin, Paris und London auf die Brutalität der dortigen Kriegsführung, wo sich, so formulierte es die Londoner «Times» im Herbst 1912, nicht wie in den zivilisierten Kriegen des Westens reguläre Armeen bekämpften, sondern sich ganze Nationen in einem Volkskrieg gegenseitig auszumerzen versuchten.

Kosmopolitisches Smyrna

Die Geschichte Smyrnas, die Kleveman in einer Mischform aus historischer Betrachtung und persönlichem Reisebericht anschaulich darlegt, bündelt die bewegte Geschichte der Region wie unter einem Brennglas. Ausführlich beschreibt der Autor das kosmopolitische Flair der seit dem 17. Jahrhundert prosperierenden Hafen- und Handelsstadt, die Menschen aus ganz Europa anzog und eine gesellschaftliche und soziale Vielfalt beförderte, welche man in den grossen europäischen Hauptstädten vergebens suchte.

Tausende kleinasiatischer Griechen bringen sich bei Smyrna vor der Armee Atatürks in Sicherheit.

Jahrhundertelang lebten Muslime, Christen und Juden in Smyrna in friedlicher Koexistenz, sie formten eine Art «levantinische Synthese», wie man sie auch aus anderen Mittelmeermetropolen in der Region kannte, etwa aus Salonica, dem heutigen Thessaloniki.

Kleveman macht kein Hehl daraus, wie sehr ihn dieses freie und weltoffene Smyrna fasziniert, diese wohlhabende und moderne Gesellschaft, in der auch Neuankömmlinge aus anderen Kulturen ihren Platz fanden. Seine Exkurse zur Flüchtlingskrise des Jahres 2015/16 sowie der Appell zu einer humaneren europäischen Asylpolitik sind vor diesem Hintergrund nachvollziehbar, wirken im Handlungsfluss jedoch auch etwas wohlmeinend-bemüht. Überhaupt verheddert sich der Autor immer wieder auf tagespolitischen Nebenschauplätzen, die wenig zur Erhellung seines eigentlichen Themas beitragen.

Auf den Ruinen des Osmanischen Reiches

Wie in der Region insgesamt beförderte auch in Smyrna das nationale Zeitalter das Aufkommen von Ressentiments und blutigen Konflikten. Als die Griechen nach Ende des Ersten Weltkrieges die kleinasiatischen Besitztümer des Osmanenreichs für sich beanspruchten, führte dies auch zu gewaltsamen Ausschreitungen in Smyrna. Die militärische Gegenoffensive unter der Führung Mustafa Kemal Atatürks zielte darauf ab, Smyrna mit Gewalt zu homogenisieren und einem modernen türkischen Nationalstaat zuzuschlagen, den es aus den Ruinen des Osmanischen Reichs zu errichten galt. Angetrieben von dieser Idee, liess Atatürk Smyrna im September 1922 in Flammen aufgehen.

Oktober 1922: Eine Menschenmenge feiert die Einnahme von Izmir mit der türkischen Flagge

Wie der türkische Völkermord an den Armeniern 1916, der ebenfalls auf die Vereinheitlichung der türkischen Nation abzielte, sind auch die Ereignisse des Jahres 1922 bis heute ein Tabu in türkischen Schulen und im öffentlichen Diskurs des Landes.

So tragisch die Ereignisse, so pragmatisch die Reaktionen der europäischen Politik: In Lausanne einigte man sich im Sommer 1923 auf die neuen Staatsgrenzen zwischen der Türkei und Griechenland. Um künftige Konflikte zu vermeiden, vereinbarten die Länder einen grossangelegten Bevölkerungsaustausch, in dessen Verlauf knapp zwei Millionen Menschen ihre Heimat verloren. Das Zeitalter des Nationalismus hatte auch im Südosten Europas obsiegt. Klevemans Verdienst ist es, diese für den weiteren Verlauf des 20. Jahrhunderts wegweisenden historischen Weichenstellungen hundert Jahre nach den Ereignissen in Erinnerung gerufen zu haben.

Lutz C. Kleveman: Smyrna in Flammen. Der Untergang der osmanischen Metropole 1922 und seine Folgen für Europa. Aufbau-Verlag, Berlin 2022. 381 S., Fr. 37.90.