Donnerstag, 20. Juni 2019

Arbeit ist viel weniger als das halbe Leben.

Millet
aus scinexx

Ein Tag Arbeit reicht für das Seelenheil
Arbeit fördert das Wohlbefinden - doch mehr als ein paar Wochenstunden braucht es dafür nicht 

Ein bisschen Arbeit tut gut: Arbeitenden Menschen geht es seelisch besser als Nicht-Erwerbstätigen. Dieser Effekt zeigt sich schon bei acht Arbeitsstunden oder weniger pro Woche deutlich, wie eine Langzeitstudie enthüllt. Demnach sinkt bereits bei diesem geringen Pensum das Risiko für psychische Probleme signifikant – und mehr braucht es offenbar auch nicht. Denn der positive Effekt nimmt durch längere Arbeitszeiten nicht weiter zu. 

In Zeiten von Stress, Leistungsdruck und Überstunden erscheint ein Leben ohne Arbeit oft verlockend: Ohne Verpflichtungen und Termine in den Tag hineinleben und nur das tun, worauf man gerade Lust hat – ein Traum! Was in der Fantasie paradiesisch klingt, ist für unsere Psyche auf Dauer allerdings gar nicht gut. Langfristig, das belegen zahlreiche Studien, braucht der Mensch Arbeit für sein Wohlbefinden. Denn einen Job zu haben, fördert die Selbstachtung, wirkt sinnstiftend und gibt uns das Gefühl, gesellschaftlich eingebunden zu sein.
 
Doch wie viele Arbeitsstunden sind für diesen positiven Effekt nötig? „Es gibt für fast alles Dosierungsemp- fehlungen – von der Vitamin-C-Zufuhr bis hin zur Schlafdauer. Wir haben uns nun zum ersten Mal gefragt, wie eine solche Empfehlung für bezahlte Arbeit aussehen würde“, erklärt Daiga Kamerade von der University of Cambridge. 

Acht Stunden pro Woche genügen

Um dies herauszufinden, werteten die Forscherin und ihre Kollegen Daten einer britischen Langzeitstudie mit 70.000 Teilnehmern aus. Die Probanden im Alter zwischen 16 und 64 waren über einen Zeitraum von neun Jahren begleitet worden und hatten währenddessen regelmäßig Angaben zu ihrer beruflichen Situation gemacht. Außerdem wurden sie zu Problemen wie Ängsten oder Schlafstörungen befragt, um ihre psychische Gesundheit einschätzen zu können.
 
Würde sich ein Zusammenhang zwischen dem Seelenzustand und dem Arbeitspensum der Studienteilnehmer zeigen? Tatsächlich offenbarten die Analysen: Personen, die nach einer Phase der Arbeitslosigkeit oder Elternzeit ins Arbeitsleben zurückkehrten, ging es in der Folge psychisch besser. Schon acht Arbeitsstunden oder weniger pro Woche reduzierten das Risiko für psychische Probleme im Schnitt um 30 Prozent, wie die Wissenschaftler berichten.

Mehrarbeit bringt keinen Mehreffekt

Mit steigendem Arbeitspensum wurde dieser Effekt allerdings nicht stärker: Mit einem Vollzeitjob landete zwar mehr Gehalt auf dem Konto, doch für die seelische Gesundheit ergaben sich keine signifikanten Unterschiede im Vergleich zu weniger arbeitenden Personen. „Wir haben nun eine Vorstellung davon, wie viel bezahlte Arbeit nötig ist, um die bekannten psychosozialen Vorteile der Erwerbstätigkeit zu erzielen. Es ist nicht sehr viel“, sagt Kamerades Kollege Brendan Burchell.
 
„Das traditionelle Modell, nach dem jeder rund 40 Stunden wöchentlich arbeitet, war nie darauf basiert, wie viel Arbeit den Menschen guttut“, ergänzt Mitautor Senhu Wang. „Unsere Untersuchung legt nahe, dass Mikrojobs den gleichen Nutzen für die Psyche bringen wie Vollzeitjobs.“ 

Verkürzte Woche als Option

Die Wissenschaftler halten ihre Ergebnisse vor allem angesichts des sich rasant wandelnden Arbeitsmarktes für relevant. So gehen Prognosen davon aus, dass durch technische Fortschritte in Form von Robotern oder künstlichen Intelligenzen künftig in vielen Bereichen Arbeitsplätze wegfallen könnten.
 
In diesem Zusammenhang diskutieren Experten unter anderem die Einführung von Grundeinkommen, aber auch die Kürzung der wöchentlichen Arbeitszeit. „Unseren Erkenntnissen zufolge könnte die Arbeitswoche deutlich verkürzt werden, ohne der seelischen Gesundheit und dem Wohlbefinden der Arbeitnehmer zu schaden“, kommentieren Kamerade und ihre Kollegen.

Auch auf die Qualität kommt es an

Eines aber darf bei der Diskussion um die Quantität nicht vergessen werden, wie die Forscher betonen: Auch die Qualität der Arbeit ist entscheidend. „Wo Angestellte nicht respektiert werden oder unter unsicheren Verträgen leiden, hat die Arbeit natürlich nicht denselben positiven Effekt auf die mentale Gesundheit – und das wird auch in der Zukunft gelten“, so ihr Fazit. (Social Science & Medicine, 2019; doi: 10.1016/j.socscimed.2019.06.006)
 
Quelle: University of Cambridge

Dienstag, 18. Juni 2019

Das Grundeinkommen ist keine Hängematte.


aus derStandard.at, 18. 6. 2019


Mehrheit der Jungen für bedingungsloses Grundeinkommen 
Laut einer aktuellen Umfrage von Marketagent würden fast alle 14- bis 29-Jährigen weiterarbeiten, wenn sie finanziell ausgesorgt hätten

... Die Auswirkungen der Digitalisierung auf ihren Beruf fürchten aber nur die wenigsten. Nicht ganz ein Drittel hat Angst, wegen der Digitalisierung den Job zu verlieren oder erst gar keinen passenden zu finden. Dennoch befürworten immerhin mehr als die Hälfte der 14- bis 29-jährigen Österreicher ein bedingungsloses Grundeinkommen – im Hinblick darauf, dass die fortschreitende Digitalisierung Arbeitsplätze kosten wird. Etwas mehr als ein Drittel hält das bedingungslose Grundeinkommen in den nächsten zehn Jahren für realistisch. Und rund 91 Prozent würden bei Bezug des Grundeinkom- mens weiterarbeiten. 

Dieses Ergebnis unterstreicht die Bedeutung eines Traumjobs für die befragte Zielgruppe: Rund 84 Prozent der Befragten ist der perfekte Job wichtig – nur der perfekte Partner ist mit rund 89 Prozent für die 14- bis 29-Jährigen relevanter. ... 

Die Jungen handeln auch selbst vorbildlich, wie die Studie zeigt. Sie achten auf einen ökologisch nachhaltigen Lebensstil. Rund zehn Prozent der Befragten ernähren sich deshalb vegetarisch oder vegan, und mehr als drei Viertel sehen Ersteres als langfristigen Trend und keinen Hype. Auch beim Einkauf vermeidet mehr als die Hälfte Plastikverpackungen, 94 Prozent transportieren ihre Einkäufe zumeist mit mitgebrachten Einkaufssackerln. Die Befragten gehören eben nicht nur zur Generation der Digital Natives, sondern auch zu jener, die künftig die Folgen des Klimawandels am meisten spüren wird. (red.)

Mittwoch, 12. Juni 2019

Endlich normal.


In der Zeit? 
Nicht in Berlin.


Die anhaltende Entvölkerung der DDR.

aus welt.de, 12. 6. 2019                    das Dorf Regenmantel, Ortsteil der Gemeinde Falkenhagen im Landkreis Märkisch-Oderland*

Entsiedlung des Ostens - Bevölkerungszahl fällt auf Stand von 1905
Zwar hat die ostdeutsche Wirtschaft seit der Wende stark aufgeholt. Doch das konnte die Abwanderung von Millionen nicht aufhalten. Die Bevölkerungszahl ist auf den Stand von 1905 zurückgefallen. Und Ost und West driften weiter ungebremst auseinander.


 „Nach dem Fall der Berliner Mauer und der Wiedervereinigung haben Millionen Ostdeutsche ihre Heimat verlassen“, sagt Felix Rösel, Ökonom am Ifo-Institut in Dresden. Nimmt man die Daten der Statistischen Ämter der Länder als Basis, haben allein von 1991 bis 2008 mehr als zwei Millionen Menschen dem Osten den Rücken gekehrt. In der gleichen Zeit hat die Bevölkerung in Westdeutschland und Berlin um mehr als fünf Millionen zugenommen. 

Nach Rösels Einschätzung waren es nicht originär und nicht allein die akuten Umbrüche der Wendezeit, die zu einer Landflucht führten. Vielmehr nutzten die Mecklenburger, Brandenburger, Sachsen und Thüringer die neue Freiheit, um woanders bessere Jobperspektiven zu finden. Die gleiche Westbewegung hatte es bereits zwischen der Gründung von DDR und dem Mauerbau 1961 gegeben. „Nach dem Fall der Mauer profitierte Westdeutschland ein zweites Mal vom Zuzug junger und gut qualifizierter Menschen aus dem Osten“, sagt Rösel. 

Einwohnerzahlen driften ungebremst auseinander

Inzwischen liegen Ost und West meilenweit auseinander. Der Wissenschaftler spricht von einer nach 1949 gerissenen „Teilungslücke“. Heute hat Westdeutschland eine um 60 Prozent höhere Einwohnerzahl als vor dem Zweiten Weltkrieg, in Ostdeutschland ist die Bevölkerung um 15 Prozent geringer als in den Dreißigerjahren. Tatsächlich ist die Zahl der Menschen, die zwischen Ostsee und Erzgebirge leben, auf die des Jahres 1905 zurückgefallen. Sämtliches Bevölkerungswachstum der vergangenen 114 Jahre ist aufgezehrt worden.


„Die ökonomische Wucht der Teilung Deutschlands in Bundesrepublik und DDR vor etwa 70 Jahren wird bis heute völlig unterschätzt“, erklärt Rösel. Mehrere Wellen von Massenabwanderung aus Ostdeutschland haben dazu geführt, dass die Einwohnerzahlen beider Landesteile bis heute extrem und ungebremst auseinander driften. Auf dem Gebiet der alten Bundesrepublik leben heute so viele Menschen wie niemals zuvor in der Geschichte, nämlich mehr als 70 Millionen. Anfang des 20. Jahrhunderts waren es 44 Millionen.


Nota. - Doch von außerhalb wolln sie keinen haben. 
JE




Dienstag, 11. Juni 2019

Ian Goldin: Eine zweite Renaissance?

Davids Gesicht und Nacken sind gespannt. Seine Augenbrauen zusammengezogen und sein konzentrierter Blick richtet sich auf einen fernen Punkt. So steht er da, nicht triumphierend einen Fuß auf den Leichnam seines Feindes platziert (das Standardporträt), aber bereit und mit der unbarmherzigen Entschlossenheit desjenigen, der weiß, welchen Schritt er als Nächstes tut, aber nicht weiß, welche Folgen er haben wird. Und dann erkennen die Betrachter plötzlich klar die Botschaft des Künstlers: Michelangelo hat in David den schicksalhaften Augenblick zwischen Entschluss und Handlung verewigt; zwischen der Erkenntnis, was er tun muss, und dem Mutfassen zur Ausführung des Unvermeidlichen. Die Betrachter erkannten wohl diesen Moment
 wieder. Denn sie lebten in ihm.
aus Goldin/Kutarna, Age of Discovery
aus welt.de, 7. 2. 2017

„Wir erleben eine zweite Renaissance“
 Für den Oxford-Ökonomen Ian Goldin steht die Menschheit vor der umfassendsten Transformation seit einem halben Jahrtausend. Die Chancen hält er für riesig. Die Risiken auch



Galilei und Kopernikus. Da Vinci, Dürer und Michelangelo. Luther und Shakespeare. Die Fugger und die Medici: Die bleibende Bedeutung der Renaissance im 15. und 16. Jahrhundert für die Geschichte der Mensch- heit lässt sich schon am unsterblichen Ruhm ihrer vielen berühmten Repräsentanten ablesen. Die Phase der „Wiedergeburt“ markiert nicht weniger als das Ende des Mittelalters und den Beginn der Neuzeit.

Jetzt steht die Welt vor einer ähnlichen Wegmarke. Das jedenfalls glaubt Ian Goldin, einer der international führenden Vordenker der Globalisierung. Gerade hat der Oxford-Ökonom ein neues Buch fertiggestellt, das im Mai erscheint: In „Age of Discovery“, geschrieben zusammen mit dem Doktoranden Chris Kutarna, behauptet Goldin, dass die digitale Revolution in Wirklichkeit nur Teil einer wesentlich größeren Umwälzung ist.


welt: Professor Goldin, 2016 hat nicht gut begonnen. Kriege und Krisen, wo man hinschaut. Und Sie stellen eine „goldene Ära“ in Aussicht. Wieso?

Ian Goldin: Weil das Potenzial da ist. Noch nie in der Geschichte hatten so viele Menschen so viele Chancen. Chancen, zu tun, was sie wollen, zu leben, wie sie wollen, zu entdecken, was sie wollen. Der Wandel, den wir gerade erleben, ist eine ganz große Sache. Die Fortschritte bei den Informationstechnologien, im 3-D-Druck, bei der künstlichen Intelligenz, in der Gentechnik, kurz all die Entwicklungen, die unter dem Begriff „vierte indu- strielle Revolution“ zusammengefasst werden, sind eine ganz große Sache. Sie werden sich gegenseitig befruch- ten und zu einer Welle von Erfindungen und Innovationen führen. Und diese technischen Entwicklungen sind auch nur Teil einer noch größeren Geschichte, einer sehr umfassenden Transformation der Weltwirtschaft. Ich nenne es das „zweite Zeitalter der Entdeckung“. Wir erleben eine zweite Renaissance.
Warum die Analogie?

Um zu betonen, dass es hier längst nicht allein um technologische Trends geht oder um Produktionsmethoden. Sondern um sehr viel mehr. Heute sprechen wir von der digitalen Revolution. Die Revolution zu Beginn der Renaissance war die Druckerpresse. Mit ihr hat Gutenberg die rapide Ausbreitung von Ideen und Erkenntnissen ermöglicht. Die Innovationsschübe in vielen Bereichen, in der Kunst, in den Naturwissenschaften, wurden so enorm befördert. Auch die Entdeckung Amerikas durch Columbus war ein Ausfluss davon.

Bei allen Errungenschaften: Massenwohlstand hat die Renaissance in Europa nicht geschaffen. Der stellte sich erst Jahrhunderte später ein.

Richtig. Die Renaissance war keine Phase hohen Wirtschaftswachstums. Kleine Gruppen profitierten enorm, aber für den Großteil der Bevölkerung war der Zuwachs des Lebensstandards bescheiden. Das ist auch heute eine große Gefahr: Wir müssen aufpassen, dass die massiven Fortschritte in manchen Bereichen nicht nur von dem berühmten einen Prozent an der Spitze der Einkommens- und Vermögensskala vereinnahmt werden ...

... wie es auch vor 200 Jahren, nach Erfindung von Dampfmaschine und Eisenbahn zunächst geschah.

Es ist immer so bei disruptivem Wandel: Viele Leute profitieren zunächst nicht und manche umso mehr. Der Unterschied heute ist, dass der Fortschritt sich viel schneller ausbreitet. Frühere industrielle Revolutionen waren lokalisiert, sie beschränkten sich erst einmal auf einzelne Städte, Regionen oder Länder. Heute haben wir es mit einer globalisierten Entwicklung zu tun. Mit der Besonderheit, dass die Digitalisierung ihre eigene Ausbreitung begünstigt.

Und was folgt daraus?

Bei früheren industriellen Revolutionen verloren Menschen nur nach und nach ihre Arbeitsplätze, ihnen blieb Zeit, sich neue Fertigkeiten anzueignen und dorthin zu ziehen, wo die neuen Jobs waren. Das Problem heute ist, dass die Geschwindigkeit des Wandels so hoch ist, dass die Menschen sich nicht schnell genug darauf einrichten können. Unsere modernen Gesellschaften und wir als Individuen sind nicht besonders anpassungsfähig. Unsere Immobilienmärkte zum Beispiel sind nicht auf raschen Wandel eingestellt, unsere Bildungssysteme auch nicht.

Was wäre denn zu tun?

Vieles gleichzeitig. Die Bildungssysteme müssen, anders als heute, Menschen auch dann noch neue Fertigkeiten beibringen können, wenn Schul- und Universitätsbesuch schon Jahrzehnte zurückliegen. Zweitens: Mobilität. Die Menschen müssen in der Lage sein, von Stadt zu Stadt zu ziehen, dorthin, wo die Beschäftigung wächst. Daher sollte es der Staat beispielsweise nicht durch Steuern teuer machen, ein Haus oder eine Wohnung zu verkaufen. Drittens ist da der Verkehr und die sonstige Infrastruktur. Manche Leute brauchen ein, zwei, drei Stunden, um zum Arbeitsplatz zu kommen und genauso lange für den Rückweg. Das ist eine ungeheure Ver- schwendung, bei der viel produktives Potenzial verschleudert wird. Die Qualität und die Geschwindigkeit des Verkehrs machen einen großen Unterschied.

Sind Sie optimistisch, dass die Politik letztlich das Richtige macht?

Zunächst ist es sehr wichtig, dass wir die Gesellschaft aufklären. Es geht darum, dass die Bürger Chancen und Risiken verstehen. Bisher gibt es aber praktisch keine öffentliche Diskussion über viele der Technologien, in denen gerade rasante Fortschritte erzielt werden. In Deutschland wird immerhin über gentechnisch veränderte Lebensmittel debattiert. Aber so etwas müsste es in vielen anderen Bereichen auch geben, bei der Stammzellfor- schung etwa oder der künstlichen Intelligenz. Blinder Techno-Optimismus jedenfalls ist gefährlich. Die neuen Technologien sind sehr machtvoll, und wir müssen lernen, sie zu verstehen und zu managen. Ob sie zu mehr Lebensqualität führen oder zu hoher Arbeitslosigkeit und mehr Ungleichheit – das liegt in unserer Hand.

Viele Menschen haben nicht den Eindruck, sie fühlen sich ausgeliefert.

Stimmt, wir sehen das in Europa und auch den USA, man schaue nur auf die Vorwahlen bei den Republikanern [2017]. Die Menschen in vielen Teilen der Welt spüren, dass die Zukunft zunehmend ungewiss ist. Die Moder- nität, die neue Komplexität, die tumultuösen Umbrüche, alles das verstört sie. Eine der Antworten darauf ist, sich zurück- zuziehen, zurückzustreben in eine andere Welt, in der es mehr Sicherheit gab und man nicht Kräften von außen ausgesetzt war. Die extremen Linken und die extremen Rechten nutzen das, indem sie sagen: „Lasst uns dies stoppen. Lasst uns uns abschotten. Lasst uns wieder eine verlässlichere Welt haben.“ Es geht also nicht nur um die Ablehnung von Technologien. Die Unsicherheit, die ein Zeitalter der Entdeckung mit sich bringt, lässt den alten politischen Konsens zusammenbrechen.

Das war in der Renaissance auch so?

Wir neigen dazu, die Renaissance als eine gute Zeit zu betrachten. Dabei war diese Phase der Geschichte für einen Großteil der Menschheit eine schreckliche. Es war auch die Zeit der religiösen Fragmentierung, der Glau- benskriege, der spanischen Inquisition, des Extremismus. Dass Religion damals eine zentrale Rolle bei den Aus- einandersetzungen spielte, ist wohl kein Zufall. Der Glaube bietet die Art von Trost und Konstanz, die sich viele Menschen in Zeiten des Umbruchs wünschen.

Und deshalb ist es kein Zufall, wenn wir heute wieder religiösen Fanatismus erleben?

Natürlich nicht. Und damals wie heute bekämpfen die Extremisten die Modernität mit den Mitteln der Moder- nität. Damals zum Beispiel Girolamo Savonarola, der Ende des 15. Jahrhunderts Bücher und Gemälde in sein „Fegefeuer der Eitelkeiten“ warf. Und heute der IS, der mithilfe von sozialen Netzwerken im Internet so viele ausländische Krieger rekrutiert hat wie niemand sonst seit dem spanischen Bürgerkrieg.

Welche Länder sind denn Ihrer Meinung nach am besten vorbereitet auf die große Transformation?

Kein Land ist angemessen vorbereitet. Aber es gibt einige interessante Orte. Singapur zum Beispiel. Das ist keine Demokratie. Aber das Land ist sehr klein, und es hat eine sehr offene Wirtschaft. Sie sind sich dort sehr bewusst: Das eigene Wohlergehen hängt entscheidend davon ab, dass sie die Welt verstehen und sich ihr an- passen. In jedem Ministerium gibt es deshalb ein Team von Leuten, das sich systematisch mit Zukunftsfor- schung beschäftigt. Aber die entscheidenden Entwicklungen spielen sich häufig nicht auf nationaler Ebene ab, sondern auf lokaler.

Inwiefern?

Städte können mit ihrer eigenen Politik einen großen Unterschied machen. Bildung, Verkehr, Häusermarkt – das sind vor allem auch Themen für die Lokalpolitik. Schon in der Renaissance waren es Städte, nicht ganze Länder, die erblühten: Florenz, Venedig, später Amsterdam und London.

Sind Metropolen heute auch im Vorteil? Oder nicht vielleicht doch eher kleinere Städte, in denen das Internet im Zweifel genauso schnell ist, aber die Wege kürzer sind?

Ich habe untersucht, wie die Einwohnerzahl mit dem Wachstum des Pro- Kopf-Einkommens zusammenhängt. Die Korrelation ist positiv. Auch eine hohe Bevölkerungsdichte hilft: Städte, in denen die Menschen eng bei- einander leben statt auf große Flächen verteilt, sind dynamischer.

Den Megacitys gehört also die Zukunft?

So einfach ist es nicht. Ab zehn Millionen Einwohnern, also in nach europäischen oder amerikanischen Maß- stäben sehr großen Städten, kippt das. Dann wird die Luft so verschmutzt und werden die Straßen so verstopft, dass das Pro-Kopf-Einkommen mit weiter steigender Einwohnerzahl sinkt. Aber wie genau der Effekt ist, hängt auch von der lokalen Politik ab. Und davon, wer zuzieht.

Zuwanderung muss nicht gut sein?

Ohne Zuwanderung geht es nicht. Migranten sind es, die die neuen Idee mitbringen, die neuen Fertigkeiten, die neuen Technologien. Das kann man im Silicon Valley sehen oder in Toronto.

Kalifornien und Kanada kontrollieren ganz genau, wer zuwandert. Deutschland und andere Länder in Europa und im Nahen Osten erleben gerade eine unkontrollierte Massenzuwanderung von Menschen.

Es gibt heute mehr Migranten auf der Welt als früher, weil es mehr Menschen gibt. Und weil es mehr Länder gibt, etwa hundert mehr als vor hundert Jahren. Und weil es anders als früher Pässe gibt, sodass Wanderungs- bewegungen auch dokumentiert werden. Aber die Migration war auch früher schon groß. Im 19. Jahrhundert verließ schätzungsweise ein Drittel der Bevölkerung in Europa seine Heimatländer.

Und in der Renaissance?

War es nicht anders. Die erfolgreichen Städte der Ära, wie Florenz oder Amsterdam, kamen damals schon auf einen Einwandereranteil von 20, teilweise sogar 30 Prozent. Man kann es bei Erasmus von Rotterdam und anderen Autoren nachlesen, wie diese Städte zu jener Zeit Händler und Handwerker anzogen. Und wie sie zu Mekkas der Intellektuellen wurden: Jeder, der etwas auf sich hielt, musste einfach hin und einige Zeit dort verbringen.


Montag, 10. Juni 2019

Eine Republik der Säufer.

Illustration (from Joel Tyler Headley's 'Pen and Pencil Sketches of the Great Riots') depicts a scene during the Great Railroad Strike, where rioters and drunken strikers distribute stolen whiskey, Pittsburgh, Pennsylvania, 1877. (Photo by Interim Archives/Getty Images) Getty ImagesGetty Images
aus welt.de, 10. 6. 2019

„Das amerikanische Staatswesen war eine Republik der Säufer“
Nach dem Sieg gegen die Briten 1783 brachen die alten Konflikte in den USA wieder aus. Ein Symptom war der Konsum von Whisky und Rum. Amerikaner tranken doppelt so viel wie Russen und Schweden - mit fatalen Folgen.
 
Zu den erstaunlichen Beobachtungen für Besucher der USA gehört der Umgang mit Alkohol. Er ist mitunter schwerer zu bekommen als Schusswaffen, darf erst ab 21 Jahren konsumiert werden und erscheint in der Öffentlichkeit meist von braunen Papiertüten umhüllt. Das wird gern mit dem Nachwirken des 18. Zusatzartikels zur US-Verfassung erklärt, der von 1920 bis 1933 „Erzeugung, Verkauf oder Transport berauschender alkoholischer Getränke“ verbot.
Die Ratifizierung des Artikels im Januar 1919 verdankte sich der nachhaltigen Agitation der Abstinenzbewegung, in der Gruppen wie die Prohibition Party, die Woman’s Christian Temperance Union oder die Anti-Saloon League den Ton angaben. Deren Argumentation, die sich auf die Bibel, Moral und medizinische Erkenntnisse stützte, wurde allerdings auch durch die Erinnerung an eine Zeit gestärkt, in der die Amerikaner zu den größten Trinkern des Planeten gehörten.
Nach ihrem Sieg im Befreiungskrieg gegen die britische Herrschaft stand die junge Republik vor dem Kollaps. Denn die Revolution und der gemeinsame Kampf hatten die sozialen Verwerfungen in den 13 Kolonien nur für einige Zeit in den Hintergrund gedrängt. Nach dem Frieden von Paris 1783 drängten sie erneut mit Macht auf die Tagesordnung.

In der sklavenhaltenden Plantagenwirtschaft des Südens hatte die Pflanzeraristokratie die Macht. Im Norden bildeten reiche Bürger und Unternehmer die Oberschicht, die sich durch erfolgreiche Neureiche vergrößerte. Diesen Eliten stand die übergroße Mehrheit gegenüber, die mit einer kleinlandwirtschaftlichen Subsistenzökonomie ihren Traum vom Leben in der Neuen Welt mehr schlecht als recht zu realisieren suchte. Hinzu trat in der sich formierenden Industrie des Nordens eine Arbeiterschaft, die oft am Existenzminimum vegetierte.

Die sozialen Ungleichheiten waren infolge des Unabhängigkeitskrieges noch größer geworden, schreibt der Münchner Historiker Michael Hochgeschwender in seinem Buch „Die Amerikanische Revolution“. Als einen Ausdruck der Krise macht er die weitverbreiteten Alkoholismus aus, der die junge Republik prägte.
Brewery at Guttenburg, on the Hudson river, United States of America, illustration from the magazine The Illustrated London News, volume XLV, December 3, 1864. Getty ImagesGetty Images 
Brauerei in Guttenburg am Hudson
Schon zum Frühstück standen Wein oder Bier auf dem Tisch. Das hatte nicht zuletzt hygienische Gründe, waren vergorene Getränke doch oft weniger gefährlich als das oft verseuchte Wasser. Da die Lebenserwartung deutlich kürzer war als in der Gegenwart, bekamen die meisten Konsumenten die negativen Folgen ihres Trinkens nicht mehr mit. Alkohol verschaffte zudem in den langen Abenden und Wintern ein Gefühl der Wärme und Entspannung, kaschierte die Langeweile und konnte ein klassenübergreifendes Gemeinschaftsgefühl stiften.

Schon vor der Revolution hatten Whisky und Rum allerdings auch für Kleinkriege zwischen Familien und Dörfern gesorgt und manche Schlägerei angetrieben, die sich zur lokalen Revolte auswuchs. Hinzu kamen die kostenlosen Gelage, die von Kandidaten in Wahlkämpfen und an Wahltagen erwartet wurden und ein wichtiges Argument für Wähler war, wem sie ihre Stimme geben würden. Thomas Jefferson scheiterte bei seiner ersten Bewerbung für das House of Burgesses, weil er sich weigerte, diese Erwartungshaltung der Wähler zu befriedigen.
Pennsylvania tax rebels tar and feather a federal tax collector during the Whiskey Rebellion, Pennsylvania, 1794. The Whiskey Rebellion was a reaction to the excise tax of 1791 introduced by Treasury Secretary Alexander Hamilton. Settlers in Pennsylvania counties west of the Alleghenies, who were mainly of Scotch-Irish descent, relied on whiskey for their livelihood and considered the tax to be discriminatory. Protests and eventually riots broke out in 1794 against the enforcement of the law. The rebellion was quashed by troops issued to the area by President George Washington and several arrests were made. Getty ImagesGetty Images 
Eintreiber der Whisky-Tax wurden von aufgebrachten Siedlern geteert und gefedert
Aber nicht nur die Wahlen boten Anlass zu rauschhaftem Alkoholkonsum. Bei jedem Fest und selbst beim abendlichen Vergnügen im Wirtshaus sorgten Whisky und andere hochprozentige Getränke für Unruhen aller Art, schreibt Hochgeschwender. „Das war der Normalzustand. In der postrevolutionären USA nahm das Alkoholproblem aber inflationär überbordende Züge an.“

Historiker haben errechnet, dass Amerikaner um 1800 pro Kopf 26 Liter reinen Alkohols zu sich nahmen – und dabei waren Frauen und Kinder mitgerechnet. Zum Vergleich: nach denselben Kriterien liegt der Wert für Deutschland heute bei 9,6 Litern reinem Alkohol pro Kopf.

Aber auch in ihrer Zeit waren die 26 Liter ein außergewöhnlicher Wert. „Die bereits in der Vormoderne wegen ihrer Trunksucht bekannten Russen und Schweden kamen mit rund zwölf Litern nicht einmal auf die Hälfte. Das amerikanische Staatswesen war eine Republik der Säufer“, resümiert Hochgeschwender. Betrunkene Pastoren lallten vor angeheiterten Gemeinden ihre Predigten. Örtliche Honoratioren hatten ebenso wie Kleinbauern oft genug ihre liebe Not, sich torkelnd auf den Beinen zu halten.
Washington führt seine Truppen nach Pennsylvania (ca. 1795)1794 schlug Präsident George Washingten persönlich die Whisky-Rebellion in Pennsylvania nieder
Als die Administration des ersten US-Präsidenten George Washington auf die Idee verfiel, die Schulden des Unabhängigkeitskrieges mit Hilfe einer Steuer auf die Whisky-Brennerei zu tilgen, kam es 1794 in Pennsylvania zu einem regelrechten Aufstand. Washington musste Milizen mobilisieren, um Tausende aufgebrachte Siedler zur Räson zu bringen, die das Brennen und den Konsum von Schnaps für ein Bürgerrecht hielten. Schließlich wurde die Steuer abgeschafft, weil sie nicht den erhofften Ertrag erbrachte.

Es waren vor allem sittenstrenge Aufklärer und evangelikale Prediger, die dem Alkoholkonsum den Krieg erklärten. Trinker wurden zu unmoralischen Versagern erklärt, die ihre Familien und Arbeitsstätten ruinierten. Ihre berauschten Seelen seien leichte Opfer des Teufels. Diese Perspektive fand ihre Argumente auch in Erfahrungen mit (und Klischees von) Einwanderergruppen, die mit den Traditionen der Pilgerväter wenig gemein hatten. Deutschen etwa wurde der Hang zum Bier verübelt, Iren die Freude am Whisky. Gegen deren illegale Brennereien in Brooklyn wurden nach dem Bürgerkrieg regelrechte Kriege geführt.

Ins Fadenkreuz der Abstinenzler gerieten auch Katholiken, die dem Kreuzzug gegen die Trinkerei eher distanziert gegenüberstanden. Ein Bischof wurde mit der spöttischen Bemerkung zitiert, er verstehe die ganze Aufregung nicht; die beste Maßnahme gegen übermäßigen Alkoholgenuss sei der bewusste Genuss guten Weines.

Aus dem ernsten Ringen mit dem Dämon Rum, so das Fazit, wurde der unerbittliche Krieg gegen Rum und Rom. Das Ergebnis war die Prohibition, das letzte gemeinsame Projekt von progressiven Aufklärern und Evangelikalen. Der 18. Zusatzartikel zur amerikanischen Verfassung brach allerdings einer anderen Seuche Bahn: dem organisierten Verbrechen.

 
Nota. - Das Recht freier Männer, Alkohol zu brennen, war ebenso eine Errungenschaft der amerikanischen Revolution, wie das Recht, Waffen zu tragen. An letzterem ächzt Amerika noch heute.
JE

Montag, 3. Juni 2019

Was anderes bleibt nicht mehr übrig.

mmanchete.blogspot.com.br

Radikale Mitte -  so hieß die "Spaßpartei" - damals kam das Wort auf -, die 1950 von dem Kabarettisten Werner Finck ins Leben gerufen wurde und damals einigen publizitären Erfolg hatte. Die Bundesrepublik hatte noch mit der KPD auf der einen und der SRP auf der andern Seite zwei extreme Flügelparteien, und es war nicht auszu- schließen, dass die sich dort festsetzen würden.

An sich klang die Formulierung Radikale Mitte paradox. Radikal, das war der äußerste linke Flügel - die Weltrevolu- tion - und der äußerste rechte Flügel: die je nationale Konterrevolution. Mitte, das war, was als Nullpunkt zwischen den beiden Kräften resultierte: nicht zu viel hiervon, nicht zuviel davon, sondern 'grade richtig'; juste milieu. Mitte war die Resultante von tausend Kompromissen, gibst du mir dies, geb ich dir das, das ging nicht vorwärts, ging nicht rückwärts, sondern schleppte sich hin, und wenn dann ein Donnerwetter dreinfuhr, kamen sie aus dem Mustopp.


Das war im vorigen Jahrtausend. Von der Weltrevolution ist seit 1990 keine Rede mehr. Für nationale Konterrevo- lutionen besteht folglich weltweit kein Bedarf. Das Ende der Geschichte ward ausgerufen, aber dann ging sie doch weiter. Sie heißt jetzt Globalisierung.

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Radikal war, was an die Wurzel ging; Revolution und Konterrevolution; entweder oder. Entweder oder gibt's nicht mehr. Es gibt nur noch Globalisierung und Digitalisierung, aber das ist dasselbe. Strittig sind sie nicht, sondern nur, was man draus macht. Radikal ist, wer die Sache zuende denkt und draus macht, was der gesunde Menschenverstand - Vernunft muss gar nicht beschworen werden - rät. 

Was digitalisiert werden kann, werden die intelligenten Maschinen übernehmen. Für uns Menschen bleibt an Arbeit nur übrig, was - sei es - lebendige Einbildungskraft, - sei es - menschliche Einfühlung verlangt. Mit andern Worten, die ausführenden und namentlich die verwaltenden Tätigkeiten hätten wir uns endlich vom Halse programmiert. Da aber nicht weniger, sondern mehr produziert werden dürfte, müsste die Verteilung anders geregelt werden als durch den jeweiligen Anteil der Individuen an der produktiven Arbeit: Denn die meisten hätten keinen mehr. 

An einem garantierten Grundeinkommen wird auf die ganz lange Sicht nichts vorbeiführen. Heute erscheint das Problem der Finanzierung als unüberwindliche Hürde. Aber die faux frais durch ausufernde Verwaltungsarbeit, die sachlich immer hinderlicher wird, wachsen weiter: Maschinen können das besser. Es kommt der Tag, da wird das garantierte Grundeinkommen ein Gebot der Sparsamkeit sein. 

*

Hier schließt sich der Kreis. Das ist in einem Land nicht möglich: In das Land, das damit anfinge, würden sich die Migrationsströme der ganzen Welt ergießen. Das ist nur gangbar als ein weltweit geplanter und, so Gott will, abge- stimmter Prozess. 

Und doch muss irgendwo angefangen werden. Die Frage, ob das überhaupt möglich ist, stellt sich schon gar nicht mehr. Es ist notwendig, und da wird die Notwendigkeit den Möglichkeiten schon auf die Sprünge helfen..

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Langer Rede kurzer Sinn (Sie ahnen es längst): Europa ist die Weltgegend, die mit der überkommenen kapitalisti- schen Wirtschaftsordnung, die den Weltmarkt geschaffen hat und mit der digitalen Revolution die Globalisierung vorantreibt, die längste und man darf wohl sagen: sattsamste Erfahrung gemacht hat. Es kommt ihr zu, auch den Weg heraus zu weisen. Und die Gegend, wo Europa am europäischsten, nämlich am zwiespältigsten ist, ist die unsere. Deutschland in Europa und Europa in der Welt - das ist die Perspektive der radikalen Mitte.


16. 10 17

Nachtrag. 

Unser aktuelles Parteiensystem ist ein Erbe der Konferenz in Jalta, auf der die Teilung der Welt in zwei Blöcke ein- geleitet wurde. Die Teilung ist überwunden, aber ihr Erbe ist uns verblieben. Das konnte nicht ewig so fortgehen. Mit dem Aufkommen der Piratenpartei schien es sich auflösen zu wollen, aber das war nur ein Strohfeuer. Sein wirkliches Ende wurde die AfD.

Zu Recht, muss man sagen. Rechtspopulismus sagen die Kommentatoren, die so tun, als sei er illegitim. Das ist er nicht. Da die überkommenen Parteien nicht gewillt und auch gar nicht fähig waren, der neuen Weltlage positiv Rechnung zu tragen, drängt sich nun die negative Anwort vor: Es soll wieder werden, wie es war. 

Nichts wird werden, wie es war, in Amerika nicht und nicht im Vereinigten Königreich, und schon gar nicht im neu vereinten Deutschland. Während die andern stetig abstiegen, ohne es wahrhaben zu wollen, stand Deutschland plötzlich da als das, was es auf katastrophal vergebliche Weise zwei Jahunderte lang zu werden versuchte - die neue, unverbrauchte Führungsmacht. Und hat es - nicht wahrhaben wollen.

Im Jahr 2015 ist es unübersehbar geworden: Erst mit der griechischen Schuldenkrise, dann mit dem Ansturm der Flüchtlinge. Nur Deutschland fand sich in der Lage, eine Initiative zu ergreifen, und nach Deutschland strömten sie alle. Angela Merkel hat es im letzten Moment erkannt und die Reißleine gezogen. Die ganze Welt hat es mit Staunen gesehen, und in Deutschland bildete sich unter der Hand eine politische Kraft heran, die gegen Wind und Wetter das Schiff schlecht und recht auf Kurs hielt; eine heimliche Regieruungskoalition über Parteigrenzen hinweg, ein Merkel-Lager, das von der Mitte der CDU bis tief hinein in die Grünen reichte.

Die fortgeführte Große Koalition hat dem paradoxer Weise ein Ende bereitet. Die SPD hätte gerne Opposition in der Regierung gespielt, aber dazu fehlt ihr das Progarmm; von den Köpfen gar nicht zu reden. Sie ist zu einer Sekte geworden, die nur noch ums Überleben kämpft, was jenseits ihres Tellerrands liegt, nimmt sie gar nicht mehr wahr. Dabei hatte Lindner von der FDP ihr ein Geschenk gemacht. Vor dem schwarz-gelb-grünen Bündnis hatte er gekniffen; für so ein Abenteur fehlte ihnen das Programm, von den Köpfen ganz zu schweigen. Wenn schon sonst niemand, hat wenigstens die CDU die Sozialdemokraten gebraucht, damit Merkel weiter regieren konnte. Doch regieren kann mit denen inzwischen auch Angela Merkel nicht. 

Und jetzt ist die CDU selber an der Reihe. Mit Friedrich Merz hätte um ein Haar die gute alte Adenauer-Partei aus der Kalten Kriegszeit Urständ gefeiert. Zwar ist die CSU nach ihrer Klatsche brav und still geworden. Doch dass sie ihre Bataillone ausgerechnet in der Union findet, kann Merkel nun nicht mehr hoffen. Sie hätte ihr eigenes Lager beizeiten formieren müssen. 

Und da sind wir nur. Wer sich nicht in Gefahr begiebt, kommt darin um. Die Wähler, die wegen Merkel für die CDU gestimmt hatten, laufen in Scharen zu den Grünen über - und wer weiß, wohin noch. Und immer noch ist Angela Merkel die einzige Achse, um die herum sich in Deutschalnd eine neue Mehrheit finden kann.