Samstag, 8. Dezember 2018
Eher eine Option als schon eine Entscheidung.
Für eine Richtungsentscheidung war nicht nur das Ergebnis etwas knapp, sondern waren vor allem die Alternativen nicht klar. Ein 'weiter so' solle es nicht geben, heißt es allerorten. Was soll nicht 'weiter so' gehen? Das Gewürge mit der immer weiter schrumpfenden Großen Koalition? Gewiss - wer wollte das schon! Aber weiter so mit der von Angela Merkel zuerst pragmatisch tastend, ab 2015 aber klarsichtig und energisch vorangetriebenen Neuausrich- tung von Deutschlands Politik in der Welt - damit allemal.
Wenn ein Merz aber sagt, ein Weiterso solle es nicht geben, und 'klare Positionen' fordert, dann kann er nur andere Positionen meinen. Dann kann er nur meinen, zurück hinter die Ergebnisse der Ära Merkel und hinter den Zeit- punkt seiner Niederlage im damaligen Machtkampf. Das wusste eigentlich jeder, aber dafür gab es keine Mehrheit, soviel immerhin war klar. Also hat er es so nicht gesagt. Viele Stimmen wird ihm das nicht gebracht haben. Doch die Stimmen derer, die auf jeden Fall einen Aufbruch wollten, und sei's einer nach Gestern, die hat's ihn gekostet. Er hat den Mund gespitzt, aber nicht gepfiffen. Den Verdacht, dass seine Kandidatur weniger der Sache galt als einem nachtragend gekränkten Ego, konnte er so nicht zerstreuen.
Wie's Horneberger Schießen? Nicht ganz. Denn dass es zurück hinter die Ära Merkel gehen solle, haben die Dele- gierten immerhin abgelehnt. Ihre weltpolitische Rolle als Kanzlerin Deutschlands wird sie weiter so spielen, dafür hat der Parteitag ihr das Mandat erteilt. Knapp. Aber eine Alternative lag nicht vor: "alternativlos". (Wie sie um Him- mels Willen nie wieder sagen soll!)
Freitag, 7. Dezember 2018
Donnerstag, 6. Dezember 2018
Eine Richtungsenscheidung, aber vielleicht auch nicht.
Wer Angela Merkel als CDU-Vorsitzende folgt, ist nicht Deutschlands Hauptproblem. Die Hauptaufgabe in Deutschland ist, eine scharfe Mitte auszubilden. Dabei kann ein CDU-Vorsitzender nützen, stören oder gar keine Rolle spielen.
Mal sehen, wer wofür in Frage kommt: Spahn fällt aus. Möchte wohl gern scharf, aber Mitte kommt nur mit langen Zähnen in Betracht (es sei denn, es geht umd die Ehe für alle). Er weiß wohl auch selber, dass er noch nicht dran ist und betreibt das Ding nur als Imagebuilding. Merz könnte die CDU vielleicht schärfen, aber nur nach Gestern und konservativer Identitätspflege hin. Ob er der CDU mehr Stimmen einbringt, als er sie kostet, mag ein Thema sein für die CDU; aber nicht für Deutschland.
Ach, und Annegret Kramp-Karrenbauer! Angela Merkel haben sie anfangs auch, und mit Getöse, weit unterschätzt. Ich dachte schon, als sie Generalsekretätin wurde: Die hat mehr drauf, als man ihr ansieht. Aber als sie Vorsitzende wurde, meinte auch ich, das wär ihr eine Nummer zu groß. Doch als die Kanzlerin war, fand ich, eine Kanzlerin nach Hausfrauenart wär ganz das, was uns - nach Schröder - zu Gesicht stand. Verblüfft war ich aber wie der Rest der Welt, als sie im Jahr des Herrn 2015 zeigte, dass sie nicht kneift, wenn ihr Amt verlangt, dass sie Geschichte macht. Und als die Willkommenskultur erwartungsgemäß abebbte, hat sie sich nicht beirren lassen. Sie hat die Situation geschaf- fen, in der eine scharfe Mitte möglich, aber auch nötig wurde.
Damit kann Frau Kramp-Karrenbauer nicht konkurrieren, sie verspricht der CDU, dass sie für sie Wahlen gewinnt. Aber das ist für Deutschland nicht ausschlaggebend. Entscheidend ist, ob sie Merkels Kurs - der am Anfang womög- lich 'vom Herzen kam', in der Folge aber eine Vernunftentscheidung wurde - weiterführen und zu einem Programm profilieren kann.
Da wir eine bessere Wahl nicht haben, muss man es mit ihr versuchen. Vielleicht wird ja auch sie, wie Merkel damals, gehässig unterschätzt.
Oder es könnte sein, dass die CDU für die Ausbildung einer scharfen Mitte in Deutschland gar keine Rolle spielt.
Freitag, 30. November 2018
Eine Metropole in der mongolischen Steppe.
aus wissenschaft.de, 29. November 2018 Die uighurische Bronze-Glocke vor
dem Hintergrund der Überrreste des Palastbereichs der einstigen
Hauptstadt Karabalgasun
Uighurische Glocke ertönt nach 1200 Jahren
Einst residierten mächtige Herrscher im Orchon-Tal, im Herzen der
Mongolei: Der berühmte Dschingis Khan gründete hier um 1220 Karakorum,
die Hauptstadt des mongolischen Reiches. Doch bereits Jahrhunderte zuvor
gab es dort eine Metropole: Der uighurische Khan Kutlug Bilge baute im
Orchon-Tal 744 n. Chr. seine Haupt- stadt Karabalgasun. Der
Herrschaftsbereich des Nomadenvolks der Uighuren erstreckte sich damals
vom Baikalsee bis in die Wüsten Ostturkestans. Das Reich spielte in
dieser Position eine wichtige Rolle im Seidenhandel zwischen China und
den mittelasiatischen Regionen.
Eine geheimnisvolle Metropole in der Stepppe
Die Bedeutung des Reichs spiegelt sich noch heute in den Überresten der einst stark befestigten Stadtanlage von Karabalgasun wider, die ursprünglich über 35 Quadratkilometer bedeckte. Die Ruinen des Palastgeländes überragen die flache Steppenlandschaft noch immer um bis zu zwölf Meter. Leider ist dennoch nicht viel der einstigen Pracht erhalten, denn nur hundert Jahre nach ihrem Bau eroberten Kirgisen Karabalgasun – ein Feuersturm vernichtete die Hauptstadt und mit ihr das Großreich der Uighuren.
Seit 2007 erforscht das Deutsche Archäologische Institut (DAI) gemeinsam mit den mongolischen Partnerorganisationen die Überreste der geheimnisvollen Metropole. Wie die Archäologen berichten, haben sie im Sommer 2018 in einem Innenhof des Palastbereichs einen über zwölf Meter tiefen und immer noch wasserführenden Brunnen freigelegt. Einige Schöpfgefäße, die während der Nutzungszeit in den Brunnen gefallen waren, gaben dem Forscherteam den Hinweis auf die Entstehungszeit: Auf einem der Gefäße hatte der Töpfer das Siegel von Khan Kutlug Bilge eingeritzt. Damit stammt der Brunnen aus der Bauzeit der Stadt und auch der Herr des Palastes ist erneut bestätigt.
Ein Brunnen wurde zur Zeitkapsel
In der einst verschütteten Konstruktion entdeckten die Forscher allerdings mehr als Schöpfgefäße: Eine knapp 30 Zentimeter große bronzene Glocke mit chinesischer Inschrift, ein vergoldeter Türriegel, zwei marmorne Löwenköpfe sowie schwarz lackierte Holzstangen mit floralen Dekorationen. Besonders die Glocke ist hervorragend erhalten und noch funktionstüchtig, berichten die Archäologen: “Es ist schon ein besonderes Gefühl, wenn man eine Glocke, die 1200 Jahre auf dem Grund eines Brunnens gelegen hat, zum ersten Mal wieder klingen hört,” sagt Projektleiterin Christina Franken vom DAI.
Wie die Forscher erklären, ermöglichen die Funde Einblicke in die materielle Kultur der geheimnisvollen Uighuren. Sie verdeutlichen, dass die Kunsthandwerker ihres Herrschers viele Anregungen aus anderen Kulturen verarbeiteten. Die Architektur des Palastes erinnert an zentralasiatische Anlagen während viele Objekte hingegen den Einfluss des wichtigsten Verbündeten der Uighuren erkennen lassen: des chinesischen Reichs unter der Tang-Dynastie.
Der Brunnen war den Forschern zufolge allerdings ein Element, das auf die unruhige Lage des Reiches der Uighuren hindeutet. Durch ihn verfügte der Palast, der gleichzeitig eine Festung war, auch in Zeiten einer Belagerung über ausreichend Wasser. Dennoch konnten die Uighuren dem Ansturm der Kirgisen im Jahr 840 nicht standhalten. Im Rahmen der Zerstörung der Stadt wurde der Brunnen mit Bauschutt und Asche verfüllt und so zu einer Zeitkapsel, die nun Einblicke in die Welt der Uighuren-Herrscher liefern konnte.
Quelle: Deutsches Archäologisches Institut
Uighurische Glocke ertönt nach 1200 Jahren
Einst läutete sie im Palast der geheimnisvollen Hauptstadt
Karabalgasun in der heutigen Mongolei: In einem verschütteten Brunnen
haben Archäologen eine Glocke und weitere Gegenstände aus der Zeit des
uighurischen Großreiches entdeckt. Die Funde zeugen von dem hoch
entwickelten Kunsthand- werk und den internationalen Beziehungen des
Nomadenvolkes, das vor 1200 Jahren ein gewaltiges Gebiet im Norden des
heutigen China beherrschte.
Eine geheimnisvolle Metropole in der Stepppe
Die Bedeutung des Reichs spiegelt sich noch heute in den Überresten der einst stark befestigten Stadtanlage von Karabalgasun wider, die ursprünglich über 35 Quadratkilometer bedeckte. Die Ruinen des Palastgeländes überragen die flache Steppenlandschaft noch immer um bis zu zwölf Meter. Leider ist dennoch nicht viel der einstigen Pracht erhalten, denn nur hundert Jahre nach ihrem Bau eroberten Kirgisen Karabalgasun – ein Feuersturm vernichtete die Hauptstadt und mit ihr das Großreich der Uighuren.
Seit 2007 erforscht das Deutsche Archäologische Institut (DAI) gemeinsam mit den mongolischen Partnerorganisationen die Überreste der geheimnisvollen Metropole. Wie die Archäologen berichten, haben sie im Sommer 2018 in einem Innenhof des Palastbereichs einen über zwölf Meter tiefen und immer noch wasserführenden Brunnen freigelegt. Einige Schöpfgefäße, die während der Nutzungszeit in den Brunnen gefallen waren, gaben dem Forscherteam den Hinweis auf die Entstehungszeit: Auf einem der Gefäße hatte der Töpfer das Siegel von Khan Kutlug Bilge eingeritzt. Damit stammt der Brunnen aus der Bauzeit der Stadt und auch der Herr des Palastes ist erneut bestätigt.
Ein Brunnen wurde zur Zeitkapsel
In der einst verschütteten Konstruktion entdeckten die Forscher allerdings mehr als Schöpfgefäße: Eine knapp 30 Zentimeter große bronzene Glocke mit chinesischer Inschrift, ein vergoldeter Türriegel, zwei marmorne Löwenköpfe sowie schwarz lackierte Holzstangen mit floralen Dekorationen. Besonders die Glocke ist hervorragend erhalten und noch funktionstüchtig, berichten die Archäologen: “Es ist schon ein besonderes Gefühl, wenn man eine Glocke, die 1200 Jahre auf dem Grund eines Brunnens gelegen hat, zum ersten Mal wieder klingen hört,” sagt Projektleiterin Christina Franken vom DAI.
Wie die Forscher erklären, ermöglichen die Funde Einblicke in die materielle Kultur der geheimnisvollen Uighuren. Sie verdeutlichen, dass die Kunsthandwerker ihres Herrschers viele Anregungen aus anderen Kulturen verarbeiteten. Die Architektur des Palastes erinnert an zentralasiatische Anlagen während viele Objekte hingegen den Einfluss des wichtigsten Verbündeten der Uighuren erkennen lassen: des chinesischen Reichs unter der Tang-Dynastie.
Der Brunnen war den Forschern zufolge allerdings ein Element, das auf die unruhige Lage des Reiches der Uighuren hindeutet. Durch ihn verfügte der Palast, der gleichzeitig eine Festung war, auch in Zeiten einer Belagerung über ausreichend Wasser. Dennoch konnten die Uighuren dem Ansturm der Kirgisen im Jahr 840 nicht standhalten. Im Rahmen der Zerstörung der Stadt wurde der Brunnen mit Bauschutt und Asche verfüllt und so zu einer Zeitkapsel, die nun Einblicke in die Welt der Uighuren-Herrscher liefern konnte.
Quelle: Deutsches Archäologisches Institut
Mittwoch, 28. November 2018
Der Handel brachte den schwarzen Tod.
aus derStandard.at, 27. November 2018, 15:04
Wie der Schwarze Tod seinen Weg nach Europa fand
Aktuelle Untersuchungen zeigen, wie die katastrophale Pestepidemie des Mittelalters eingeschleppt wurde
Das mittelalterliche Europa musste mit einer ganzen Menge an Krankheiten fertig werden: Während Typhus, Ruhr, Lepra oder Pocken jedoch im Allgemeinen meist nur lokal grassierten, sorgte ein Erreger im 14. Jahrhundert für eine kontinentale Katastrophe: Yersinia pestis, jener bakterielle Erreger, der für den sogenannten Schwarzen Tode verantwortlich war, kostete zwischen 1346 und 1353 etwa einem Drittel der europäischen Bevölkerung das Leben. Woher die Pest damals letztlich kam, ist mittlerweile klar: Sie dürfte aus Asien eingeschleppt worden sein.
Auf welchen Wegen diese Krankheit jedoch unseren Kontinent errecht hat und ob sie hier Nischen fand, aus denen sie immer wieder hervor trat, oder in den folgenden Jahrhunderten mehrmals aufs Neue aus dem Osten hereingetragen worden ist, war bisher dagegen weitgehend umstritten. Ein Team um Amine Namouchi von der Universität Oslo könnte auf Basis von Genuntersuchungen auf diese Fragen nun Antwortern gefunden haben.
Verräterische DNA
Diese lieferten mehrere Pesttote des 14. Jahrhunderts aus Südfrankreich, den Niederlanden, der Toskana und Oslo in Norwegen. Die Wissenschafter analysierten die DNA von Yersinia pestis aus diesen Opfern und verglichen sie mit anderen bereits früher untersuchten Pestfällen aus der Ära sowie mit über hundert bekannten Stämmen des Bakteriums. Darüber hinaus verglichen die Forscher ihre Resultate mit zeitgenössischen Dokumenten.
Das Ergebnis zeigte schließlich, dass der Schwarze Tod vermutlich mit dem Pelzhandel aus Russland und Zentralasien nach Europa gelangt war. "Im Verlauf der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts spielten Bolgar und Nowgorod in Russland eine immer bedeutendere Rolle als Handelszentren für Pelze", berichten die Forscher. "Über die Hanse erhielt Nowgorod zu dieser Zeit Zugang zum westeuropäischen Markt. Dies führte dazu, dass große Mengen von Pelzen über die Häfen von Hamburg und Lübeck nach London verschifft wurden."
Neue Pelzhandelswege
Dies dürfte allerdings nicht der alleinige Weg der Pest nach Europa gewesen seine. Auch auf neuen Handelsrouten über Land via Sarai an der südlichen Wolga und der Krim-Hafenstadt Caffa am Schwarzen Meer gelangte der Erreger offenbar nach Europa. Diese neu etablierten Pelzhandelswege passen zumindest zeitlich gut mit dem Beginn der Pestepidemie des Mittelalters zusammen, berichten die Wissenschafter im Fachjournal "Pnas".
Die Genanalysen lieferten auch Hinweise darauf, wie sich die Pest im weiteren Verlauf ausgebreitet hat. Jene Stämme, die zunächst in Südfrankreich sowie in Oslo wüteten, forderten 1348 auch in London und Barcelona enorme Opferzahlen. Die Epidemie, die im niederländischen Bergen op Zoom einige Jahre später ihren Ausgang genommen hatte, dürfte dagegen auf eine spätere Yersinia-pestis-Variante zurückzuführen sein. (tberg,)
Abstract
Montag, 26. November 2018
Jetzt gehts los.
aus FAZ.NET, 26.11.2018-19:57
Veränderung der Kanzlerin:
Merkels neue Freiheit
Ob mit Macron in Frankreich, vor dem EU-Parlament oder tobenden
„Wutbürgern“ in Chemnitz gegenüber – Merkel wirkt befreit. Und sie hat
eine Entscheidung getroffen. Ein Kommentar.
Von
Livia Gerster
Es ist nicht so, als gäbe es eine neue Merkel.
Eine, die seit der Ankündigung zum Rückzug plötzlich mit flammenden
Reden Herzen erobert. Und doch klingt im gewohnten Merkel-Ton etwas
Ungewohntes mit: Leidenschaft, Kampfgeist, sogar ein Hauch von Pathos.
Während die
Partei sich von Merkel befreit, befreit Merkel sich von der Partei. Auf
den Regionalkonferenzen distanzieren sich die Kandidaten Merz, Spahn und
Kramp-Karrenbauer eifrig von der Kanzlerin. Während sie ihre Profile
schärfen, schärft auch Merkel das ihre. „Nationalismus und Egoismus
dürfen nie wieder eine Chance in Europa haben“, rief sie vergangene
Woche einem begeisterten EU-Parlament
zu. Und als sie von den 1,5 Millionen Flüchtlingen sprach, die
Deutschland „in einer dramatischen Situation“ aufgenommen habe, da legte
sie beide Hände aufs Herz: „Glauben Sie eigentlich, dass das etwas ist,
was uns in die Handlungsunfähig- keit bringen kann?“ Der tosende Beifall
übertönte den Protest der Rechtspopulisten im Parlament. Deren Gezeter
zeige übrigens, sagte Merkel dann noch lächelnd, dass sie den Kern
getroffen habe.
Im eigenen Parlament erntete Merkel viele Lacher für ihre Spitze gegen Alice Weidel,
die zuvor in der General- debatte die eigene Spendenaffäre ausgebreitet
hatte. Das Schöne an freiheitlichen Debatten sei, sagte Merkel wie
beiläufig, während sie ihr Manuskript ordnete, „dass jeder über das
spricht, was er für das Land für wichtig hält“. Was Merkel für wichtig
hält, daran bestand nach ihrer Rede kein Zweifel mehr. Es ging ihr um
den ganz großen historischen Kontext. Sie sagte, mit Macron in
Compiègne, das sei „bewegend“ gewesen. Nun müssten wir zeigen, dass wir
aus der Vergangenheit gelernt hätten.
Bild der Vergangenheit
Die Lehre aus dem Jahr 2015 sei, „dass wir
uns nicht abkoppeln können vom Leid anderer“. Deutsches Interesse
versteht sie so: „Das heißt immer auch, für die anderen mitzudenken!“
Wer Merkel so mit der Faust auf das Pult schlagen sah, merkte: Ihr geht
es nicht um links und rechts, liberal und konservativ, sondern ganz
grundlegend um richtig und falsch. Oder wie sie es ausdrückte: Entweder
man gehöre zu denen, die nur an sich dächten – „das ist Nationalismus in
reinster Form“. Oder man gehöre zu den wahren Patrioten, die andere
miteinbezögen. „Da gibt es auch keine Kompromisse.“
So hatten die
Bundestagsabgeordneten Merkel noch nie erlebt, die bis auf die AfD
allesamt begeistert Beifall klatschten, als seien auch sie schon
Menschen der Geschichte, die den Nachkommen bezeugen: Damals, als
Millionen Flüchtlinge
vor Deutschlands Toren um Sicherheit baten, da standen sie auf der
richtigen Seite. Es sei das Schöne an der heutigen Zeit, sagte Merkel,
„dass es wieder richtige Gegensätze gibt“. Das kleinmütige Gerede davon,
was man hätte besser und anders machen können – es gehört für Merkel
schon den Alltagsmühen der Vergangenheit an.
Die Kanzlerin
baut an dem Bild, das sich die Geschichte von ihr machen soll. Ihre
offenen Arme und das Lächeln sollen in Erinnerung bleiben. Merkel muss
nicht mehr werben, versöhnen, Reue demonstrieren: Sie hat den Platz
geräumt. Die CDU wird ihrer Wege gehen, und das werden andere Wege sein
als unter Merkel, egal welcher der drei Kandidaten Vorsitzender wird. So
kann sich die Partei einerseits erneuern, andererseits wehmütig von
Merkel Abschied nehmen.
Entscheidung getroffen
Zwischen den Reden in Straßburg und Berlin
hatte Merkel auch ein Rendezvous mit dem unangenehmen Teil ihres Erbes:
den wütenden Bürgern von Chemnitz. Die Ressentiments schossen ihr nur so
entgegen beim Bürgerdialog, und das waren bloß die Ressentiments derer,
die einigermaßen beherrscht und höflich drinnen saßen. Draußen fegte
der Merkel-muss-weg-Sturm durch die Straßen.
„Wir schaffen
das nicht!“, „Sie haben Deutschland gespalten!“, „Wann treten Sie
zurück!“ – so schallte es ihr entgegen. Stoisch erklärte die Kanzlerin
immer wieder, wie sie ihren Satz „Wir schaffen das“ damals meinte: Als
Ansporn in einer Zeit der Herausforderung. Ihr einziger Fehler, erklärte
Merkel, habe darin bestanden, nicht schon vor 2015 den Flüchtlingen in
Jordanien und im Libanon geholfen zu haben. Zwar mit freundlichem
Gesicht, aber doch unerbittlich zog sie auch in diesem Fall die Linie
zwischen richtig und falsch.
„Es gibt hier
Menschen, die haben Sorgen, dass vielleicht zu viele Flüchtlinge hier
sind. Und es gibt Menschen, die haben offene Vorurteile gegen Menschen,
die einfach anders aussehen.“ Das gespaltene Land, von dem ein
Chemnitzer sprach, an diesem Abend und in dem Saal wurde es greifbar.
Aber Merkel hat sich damit abgefun- den. Ja, sagte sie, sie wisse, dass
ihr Gesicht „für viele Menschen polarisierend wirkt“. Doch in einer Welt
der Gegensätze, wie Merkel sie zeichnet, kann es nicht ein Gesicht für
alle geben. Merkel hat sich entschieden. Sie konnte sich entscheiden,
weil sie keine Wahlen mehr gewinnen muss. So frei war sie noch nie.
Nota. - Hat sich 'damit abgefunden'? Wolln wirs hoffen: Sie hat sich damit abgefunden, dass sie nicht ewig nur moderieren kann, sondern endlich auch kämpfen muss. Was kann man mehr wollen?
JE
Freitag, 23. November 2018
Vielleicht gehts jetzt erst richtig los.
aus nzz.ch, 19.11.2018
Man wird sich schon bald sehnsuchtsvoll der Zeiten erinnern, da eine deutsche Kanzlerin die führende Politikerin Europas war
Ihr zurückhaltendes Auftreten hat ihre Politik oft schwächer aussehen lassen, als sie tatsächlich war. Ein vorläufiger Rückblick auf die Ära Angela Merkel.
von Herfried Münkler
... Angela Merkel hat der Vorstellung von Politik, die in Deutschland bis dahin maskulin geprägt war, ein weibliches Gesicht verliehen. Das hat dem Land gutgetan, und es hat den Aufstieg Deutschlands zur führenden Macht innerhalb der Europäischen Union reibungsloser erfolgen lassen, als es angesichts des Unheils, das Deutschland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts über Europa gebracht hatte, zu erwarten gewesen wäre. Das war wesentlich die Folge des zurückhaltenden Auftretens der Kanzlerin, die in der Regel auf Ausgleich bedacht war und das Herauskehren eines deutschen Führungsanspruchs vermied.
Vor allem zwei Entwicklungen sind für die veränderte Position Deutschlands in der EU ausschlaggebend gewesen und haben die europäische Agenda geprägt: das Anwachsen der Zentrifugalkräfte innerhalb der Union, was eine Folge der grösseren Mitgliederzahl und ihrer stärker divergierenden Interessen war, und der relative Bedeutungsverlust Frankreichs infolge des Aufstiegs des Front national, was den Spielraum der Präsidenten Sarkozy und Hollande stark einschränkte und sich erst unter Emmanuel Macron wieder leicht verändert hat.
Zum vorläufigen Rückblick auf die Ära Merkel gehört freilich auch, dass die Kanzlerin durch europa- und weltpolitische Herausforderungen so beschäftigt war, dass die innerdeutsche Politik ins zweite Glied rückte, ganz zu schweigen von der Führung der CDU, auf der Merkels Position letztlich beruhte. Das hat sich auf die Dauer negativ bemerkbar gemacht – nicht nur, weil die Zeit und die Kraft für die innen- und parteipolitischen Fragen geringer wurden, sondern auch, weil die hier anstehenden Entscheidungen durch europapolitische Erfordernisse vorgegeben waren, die dann auf der deutschen Ebene und in der Partei umgesetzt werden mussten.
Dabei war natürlich ausgeschlossen, dass man dort zu grundsätzlich anderen Ergebnissen kam, als das auf der europäischen Ebene der Fall war. Die unter Angela Merkel erlangte Position Deutschlands innerhalb der EU erwuchs nicht zuletzt daraus, dass die deutsche Politik aus einem Guss war, dass alles, was in Berlin galt, auch in Brüssel zur Geltung gebracht wurde – und umgekehrt.
«Alternativlosigkeit»
In allen drei Fällen dürfte Angela Merkel klar gewesen sein, dass sie damit einen Teil ihrer Wählerschaft verprellte. Aber sie vertraute auf die Bindekraft des Europa-Projekts und die Nachvollziehbarkeit der von ihr getroffenen Entscheidungen: Griechenland-Rettung, um die weiche Südflanke der EU nicht in wirtschaftlichem wie politischem Chaos versinken zu lassen; Niedrigzinspolitik, um das Ausscheiden einer Reihe von Ländern aus der Euro-Zone zu verhindern und diese nicht auf das Einflussgebiet der einstigen D-Mark schrumpfen zu lassen; Aufnahme der Flüchtlinge der Balkanroute, um den Zusammenbruch der Länder zu verhindern, in denen sich bei einer Grenzschliessung die Migranten gestaut hätten, womit zugleich verhindert wurde, dass es dort zu einem Wiederaufflammen der jugoslawischen Zerfallskriege kam.
Bei all diesen Entscheidungen hat Angela Merkel den Deutschen ein hohes Mass an politischer Einsicht und kühler Rationalität abverlangt, und diese Zumutung hat sie in die Formel von der «Alternativlosigkeit» verpackt. Damit sollte nicht gesagt sein, dass es prinzipiell keine Alternativen gab, denn die lagen ja auf der Hand. «Alternativlos» war für Merkel die Kurzfassung dafür, dass sie sämtliche Alternativen geprüft hatte und bei Abwägung von Kosten und Nutzen zu dem Ergebnis gekommen war, dass es keine bessere Entscheidung als die von ihr favorisierte gab.
Diese Art zu denken, war ein Erbe ihrer naturwissenschaftlichen Ausbildung: Unter Abwägung aller denkbaren Aspekte und bei Wahrung der europapolitischen Präferenzen Deutschlands, die in Anbetracht der deutschen Geschichte nicht zur Disposition gestellt werden durften, ging es um die Optimierung von Massnahmen und Entscheidungen, bis alle denkbaren Alternativen deutlich schlechter waren. Das war und ist der Kern des Merkelschen Politikverständnisses.
Diese Einstellung wurde dadurch befördert, dass sie kein grosser Debattenredner war, wie etwa Helmut Schmidt, niemand, der die parlamentarische Auseinandersetzung suchte, um in unmittelbarer Konfrontation mit dem politischen Gegner für die Richtigkeit seiner Position zu werben. Das ist die andere Seite ihres auf Kompromiss und lange Verhandlungen angelegten Politikstils: dass sie die konfrontative Auseinandersetzung um die beste Entscheidung mied. ...
Aber dann änderte sich der Zeitgeist, und es entstand ein neues Bedürfnis, politische Fragen in konfrontativ geführten Debatten zu klären. Die grossen globalen Herausforderungen, wie der Klimawandel, verloren an Gewicht, und das Kurzfristige, Kleinräumige und Emotionale drängte nach vorn. Damit begann auch Merkels Stern zu sinken. Noch ist er das Gegenteil einer maskulinisierten Politik, wie sie von Trump, Erdogan und anderen betrieben wird. Wir werden uns angesichts der Turbulenzen, die auf Europa zukommen, schon bald sehnsuchtsvoll der Zeiten erinnern, da Angela Merkel die führende Politikerin Europas war.
Herfried Münkler ist Professor für Politische Theorie und Ideengeschichte an der Humboldt-Universität Berlin
Nota. - Der Nachruf kommt ein bisschen früh. "Noch" ist sie Kanzlerin? Es könnte wohl sein, dass sie es jetzt erst richtig wird. Den Parteivorsitz, der sie spätestens seit der letzten Wahl viel mehr behindert als gestärkt hat, überlässt sie einer andern; die kann jetzt zeigen, ob sie auch einmal fürs Kanzleramt in Frage kommt. Sie selber kann nun endlich die Debatte da führen, wo sie in Deutschland zur Zeit hingehört: auf überparteilichem Niveau. Es geht um die gesellschaftspolitische Herausforderung durch die Digitalisierung und um ihre weltpolitischen Folgen: die Globalisierung, die zu einer Verschiebung der Machtzentren führt, die Stellung Europas in der Welt bedroht und Deutschlands außenpolitische Aktivierung erfordert.
Dass sie sie in diese Richtung nun endlich zu führen gedenkt, hat sie seit der Ankündigung ihres Rückzugs von der Parteispitze gezeigt. Das wird nicht schon immer ihr Plan gewesen sein, aber Griechenland und die Flücht- lingskrise haben sie aufs richtige Gleis gesetzt. Die Stellung als CDU-Vorsitzende war nicht ideal, um in Deutschland die Meinungsführerschaft zu behalten: Außerhalb der Unionsparteien hatte sie seit 2015 mehr Unterstützung als innerhalb. Zum Volkstribun eignet sie sich nicht, doch die Preceptora Germaniae stünde ihr schon zu Gesicht. Wie sollte sie aber richtungweisend zur Nation sprechen, solange es hinter ihrem Rücken zischte und spuckte?
Die Sorge ist sie nun los. Was aus der CDU wird, werden wir sehen. Wenn sie sich einer Konzentration der Mitte in den Weg stellt, wird sie dem Weg der Sozialdemokratie in die Bedeutungslosigkeit folgen. Um zu ihrem Schrittmacher zu werden, braucht sie einen neuen Anlauf.
JE
Man wird sich schon bald sehnsuchtsvoll der Zeiten erinnern, da eine deutsche Kanzlerin die führende Politikerin Europas war
Ihr zurückhaltendes Auftreten hat ihre Politik oft schwächer aussehen lassen, als sie tatsächlich war. Ein vorläufiger Rückblick auf die Ära Angela Merkel.
von Herfried Münkler
... Angela Merkel hat der Vorstellung von Politik, die in Deutschland bis dahin maskulin geprägt war, ein weibliches Gesicht verliehen. Das hat dem Land gutgetan, und es hat den Aufstieg Deutschlands zur führenden Macht innerhalb der Europäischen Union reibungsloser erfolgen lassen, als es angesichts des Unheils, das Deutschland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts über Europa gebracht hatte, zu erwarten gewesen wäre. Das war wesentlich die Folge des zurückhaltenden Auftretens der Kanzlerin, die in der Regel auf Ausgleich bedacht war und das Herauskehren eines deutschen Führungsanspruchs vermied.
Das hat ihre Politik oft schwächer aussehen lassen, als sie tatsächlich
war. Dass Merkel auf den Gestus des Durchsetzungswillens verzichtete,
heisst nicht, dass sie sich nicht durchgesetzt hätte. Sie hat es nur
ohne demonstratives Gehabe getan, was den Widerstand dagegen von Anfang
an begrenzt hat. Deutsche Führung in Gestalt europäischer
Kompromissbildung – das war nichts grundsätzlich anderes als unter
Merkels Amtsvor- gängern, aber doch geschmeidiger und zugleich die
europäische Politik sehr viel stärker bestimmend.
Zusammenhalt der Union
Zusammenhalt der Union
Vor allem zwei Entwicklungen sind für die veränderte Position Deutschlands in der EU ausschlaggebend gewesen und haben die europäische Agenda geprägt: das Anwachsen der Zentrifugalkräfte innerhalb der Union, was eine Folge der grösseren Mitgliederzahl und ihrer stärker divergierenden Interessen war, und der relative Bedeutungsverlust Frankreichs infolge des Aufstiegs des Front national, was den Spielraum der Präsidenten Sarkozy und Hollande stark einschränkte und sich erst unter Emmanuel Macron wieder leicht verändert hat.
Dass Merkel auf den Gestus des Durchsetzungswillens verzichtete, heisst nicht, dass sie sich nicht durchgesetzt hätte.
Die Mühe des Zusammenhaltens der Union wurde mehr und mehr zu einer
deutschen Aufgabe. Dabei ging (und geht) es um die wirtschaftliche Kluft
zwischen Nord und Süd und die sehr unterschiedlichen fiskalischen
Vor- stellungen in beiden Räumen und zugleich um die divergenten
politischen Kulturen in West- und Mitteleuropa in allem, was die
politische Souveränität und die nationale Identität anbetrifft. Die
Divergenz der Interessen, die es immer gegeben hat, wurde von einem
Gegensatz zwischen dem Eigenen und dem Gemeinsamen überlagert, der den
Zusammenhalt der Union zunehmend gefährdete.
Zum vorläufigen Rückblick auf die Ära Merkel gehört freilich auch, dass die Kanzlerin durch europa- und weltpolitische Herausforderungen so beschäftigt war, dass die innerdeutsche Politik ins zweite Glied rückte, ganz zu schweigen von der Führung der CDU, auf der Merkels Position letztlich beruhte. Das hat sich auf die Dauer negativ bemerkbar gemacht – nicht nur, weil die Zeit und die Kraft für die innen- und parteipolitischen Fragen geringer wurden, sondern auch, weil die hier anstehenden Entscheidungen durch europapolitische Erfordernisse vorgegeben waren, die dann auf der deutschen Ebene und in der Partei umgesetzt werden mussten.
Dabei war natürlich ausgeschlossen, dass man dort zu grundsätzlich anderen Ergebnissen kam, als das auf der europäischen Ebene der Fall war. Die unter Angela Merkel erlangte Position Deutschlands innerhalb der EU erwuchs nicht zuletzt daraus, dass die deutsche Politik aus einem Guss war, dass alles, was in Berlin galt, auch in Brüssel zur Geltung gebracht wurde – und umgekehrt.
Die
Nachordnung der nationalen wie der parteipolitischen Belange zeigte
sich bei der «Rettung» des überschuldeten Griechenland, bei der
Akzeptanz der Niedrigzinspolitik der EZB, die vor allem den Südstaaten
der EU zugutekam, und schliesslich beim Offenhalten der Grenzen auf dem
Höhepunkt der Migrationskrise.
Die Mühe des Zusammenhaltens der Union wurde mehr und mehr zu einer deutschen Aufgabe.
In allen drei Fällen dürfte Angela Merkel klar gewesen sein, dass sie damit einen Teil ihrer Wählerschaft verprellte. Aber sie vertraute auf die Bindekraft des Europa-Projekts und die Nachvollziehbarkeit der von ihr getroffenen Entscheidungen: Griechenland-Rettung, um die weiche Südflanke der EU nicht in wirtschaftlichem wie politischem Chaos versinken zu lassen; Niedrigzinspolitik, um das Ausscheiden einer Reihe von Ländern aus der Euro-Zone zu verhindern und diese nicht auf das Einflussgebiet der einstigen D-Mark schrumpfen zu lassen; Aufnahme der Flüchtlinge der Balkanroute, um den Zusammenbruch der Länder zu verhindern, in denen sich bei einer Grenzschliessung die Migranten gestaut hätten, womit zugleich verhindert wurde, dass es dort zu einem Wiederaufflammen der jugoslawischen Zerfallskriege kam.
Bei all diesen Entscheidungen hat Angela Merkel den Deutschen ein hohes Mass an politischer Einsicht und kühler Rationalität abverlangt, und diese Zumutung hat sie in die Formel von der «Alternativlosigkeit» verpackt. Damit sollte nicht gesagt sein, dass es prinzipiell keine Alternativen gab, denn die lagen ja auf der Hand. «Alternativlos» war für Merkel die Kurzfassung dafür, dass sie sämtliche Alternativen geprüft hatte und bei Abwägung von Kosten und Nutzen zu dem Ergebnis gekommen war, dass es keine bessere Entscheidung als die von ihr favorisierte gab.
Diese Art zu denken, war ein Erbe ihrer naturwissenschaftlichen Ausbildung: Unter Abwägung aller denkbaren Aspekte und bei Wahrung der europapolitischen Präferenzen Deutschlands, die in Anbetracht der deutschen Geschichte nicht zur Disposition gestellt werden durften, ging es um die Optimierung von Massnahmen und Entscheidungen, bis alle denkbaren Alternativen deutlich schlechter waren. Das war und ist der Kern des Merkelschen Politikverständnisses.
Debatten gemieden
Neben
der Nachordnung nationaler und parteipolitischer Interessen wurde dies
zur zweiten Achillesferse der Politik Angela Merkels: dass sie
kurzerhand unterstellte, die grosse Mehrheit der Deutschen werde
vernünftige Entscheidungen bei gründlichem Nachdenken schon
nachvollziehen und zu dem Ergebnis kommen, dass es dazu keine belastbare
Alternative gebe. Sonderlich geworben dafür hat Merkel nicht. An
grossen und grundsätzlichen Debatten lag ihr nicht, und sie hat diese
gemieden, wo immer das möglich war.
«Alternativlos»
war für Merkel die Kurzfassung dafür, dass sie sämtliche Alternativen
geprüft hatte, und dass es keine bessere Entscheidung als die von ihr
favorisierte gab.
Diese Einstellung wurde dadurch befördert, dass sie kein grosser Debattenredner war, wie etwa Helmut Schmidt, niemand, der die parlamentarische Auseinandersetzung suchte, um in unmittelbarer Konfrontation mit dem politischen Gegner für die Richtigkeit seiner Position zu werben. Das ist die andere Seite ihres auf Kompromiss und lange Verhandlungen angelegten Politikstils: dass sie die konfrontative Auseinandersetzung um die beste Entscheidung mied. ...
Nicht die Kraft der Rhetorik, die sich gegen andere Sichtweisen und
Vorschläge durchsetzt, sondern das Vertrauen in Fach- und Sachkompetenz
galt hier, jedenfalls in der posttotalitären Phase unter Honecker, als
Königsweg zur richtigen Entscheidung. Nun war die DDR zwar gescheitert,
aber nach Auffassung der dort gross Gewordenen nicht an einem Zuviel an
Fach- und Sachkompetenz, sondern an dem notorischen Einwirken
ideologischer Vorgaben auf die Politik. Expertise ohne Ideologie, aber
auch ohne grossen Streit – das war der Königsweg guter Politik. Dem ist
Merkel gefolgt.
Der Zeitgeist änderte sich
Lange
Zeit passte diese Sicht von Politik gut zum zunehmenden Einfluss von
Sachverständigenräten und Expertengremien. Und dem wiederum kam zugute,
dass in dem mehrstufigen Verhandlungs- und Kompromiss- system der EU eine
konfrontativ geführte Debatte nicht geeignet war, alle Akteure unter ein
Dach zu bringen. Das Merkelsche Politikverständnis und der zugehörige
Politikstil waren für Brüssel wie geschaffen. Zeitweilig galt Angela
Merkel als die weltweit einflussreichste Politikerin.
Aber dann änderte sich der Zeitgeist, und es entstand ein neues Bedürfnis, politische Fragen in konfrontativ geführten Debatten zu klären. Die grossen globalen Herausforderungen, wie der Klimawandel, verloren an Gewicht, und das Kurzfristige, Kleinräumige und Emotionale drängte nach vorn. Damit begann auch Merkels Stern zu sinken. Noch ist er das Gegenteil einer maskulinisierten Politik, wie sie von Trump, Erdogan und anderen betrieben wird. Wir werden uns angesichts der Turbulenzen, die auf Europa zukommen, schon bald sehnsuchtsvoll der Zeiten erinnern, da Angela Merkel die führende Politikerin Europas war.
Herfried Münkler ist Professor für Politische Theorie und Ideengeschichte an der Humboldt-Universität Berlin
Nota. - Der Nachruf kommt ein bisschen früh. "Noch" ist sie Kanzlerin? Es könnte wohl sein, dass sie es jetzt erst richtig wird. Den Parteivorsitz, der sie spätestens seit der letzten Wahl viel mehr behindert als gestärkt hat, überlässt sie einer andern; die kann jetzt zeigen, ob sie auch einmal fürs Kanzleramt in Frage kommt. Sie selber kann nun endlich die Debatte da führen, wo sie in Deutschland zur Zeit hingehört: auf überparteilichem Niveau. Es geht um die gesellschaftspolitische Herausforderung durch die Digitalisierung und um ihre weltpolitischen Folgen: die Globalisierung, die zu einer Verschiebung der Machtzentren führt, die Stellung Europas in der Welt bedroht und Deutschlands außenpolitische Aktivierung erfordert.
Dass sie sie in diese Richtung nun endlich zu führen gedenkt, hat sie seit der Ankündigung ihres Rückzugs von der Parteispitze gezeigt. Das wird nicht schon immer ihr Plan gewesen sein, aber Griechenland und die Flücht- lingskrise haben sie aufs richtige Gleis gesetzt. Die Stellung als CDU-Vorsitzende war nicht ideal, um in Deutschland die Meinungsführerschaft zu behalten: Außerhalb der Unionsparteien hatte sie seit 2015 mehr Unterstützung als innerhalb. Zum Volkstribun eignet sie sich nicht, doch die Preceptora Germaniae stünde ihr schon zu Gesicht. Wie sollte sie aber richtungweisend zur Nation sprechen, solange es hinter ihrem Rücken zischte und spuckte?
Die Sorge ist sie nun los. Was aus der CDU wird, werden wir sehen. Wenn sie sich einer Konzentration der Mitte in den Weg stellt, wird sie dem Weg der Sozialdemokratie in die Bedeutungslosigkeit folgen. Um zu ihrem Schrittmacher zu werden, braucht sie einen neuen Anlauf.
JE
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