Samstag, 11. Mai 2019

Unsere Vorfahren waren Kannibalen.

aus scinexx                       Frühmenschen der Art Homo antecessor waren Kannibalen, wie Funde in Spanien belegen. Aber warum?

Warum waren unsere Vorfahren Kannibalen?
Für Homo antecessor war das Verzehren von Artgenossen offenbar lohnender als die Jagd

Gruseliges Mahl: Vor knapp einer Million Jahren gehörte der Kannibalismus offenbar zum Alltag unserer Vorfahren, wie Knochenfunde in Spanien nahelegen. Demnach verzehrte der Homo antecessor dort mehrere seiner Mitmenschen. Den möglichen Beweggrund dafür haben nun Forscher ermittelt. Ihre Analysen belegen, dass nicht Nahrungsmangel die Ursache war, sondern Opportunismus: Die menschliche Speise war leichter zu bekommen als Jagdbeute.

Kannibalismus gilt heute als großes Tabu, dennoch gibt es den Verzehr von Artgenossen sowohl im Tierreich als auch unter Menschen. So belegen Knochenfunde, dass der Neandertaler nicht vor Kannibalismus zurückschreckte. In Notlagen haben jedoch auch moderne Menschen schon häufiger ihresgleichen vertilgt, beispielsweise bei der fatalen Franklin-Expedition des Jahres 1845.

Warum isst man Artgenossen?

„Kannibalismus ist eine alte und weit verbreitete menschliche Praxis“, konstatieren Jesus Rodriguez und sein Team von Nationalen Forschungszentrum für Menschheitsgeschichte im spanischen Burgos. Doch die möglichen Gründe und die Bedeutung des Verzehrs von Mitmenschen sind heiß umstritten. So sehen einige Forscher im Kannibalismus primär einen Weg zur Deckung des Kalorienbedarfs, andere halten dagegen kulturelle und soziale Gründe für wesentlicher.

Schädelfragmente des Homo antecessor aus der Gran Dolina-Fundstätte. 

„Warum Menschen sich gegenseitig aufessen, ist eine komplexe Frage“, so die Forscher. Um sie zu beantworten, haben sich Rodriguez und sein Team nun eine der ältesten und bekanntesten Fundstätten menschlichen Kannibalismus vorgenommen – die Gran Dolina-Höhle nördlich der Stadt Burgos. Sie enthält eine große Ansammlung von Fossilien, die dem vor rund 900.000 Jahren lebenden Homo antecessor zugeschrieben werden.

Bissspuren, Brüche und ausgelutschte Knochen

Das Gruselige daran: Die in der Fundstätte entdeckten Menschenknochen weisen klare Anzeichen für kannibalistische Praktiken auf: „Die menschlichen Körper wurden gehäutet, ausgeweidet und entbeint“, schildern Rodriguez und sein Team. „Die Langknochen wurden zerbrochen, um an das Knochenmark zu gelangen. Zudem sind auf mehreren menschlichen und tierischen Überresten Bissspuren dokumentiert.“

Das Muster der Schäden deutet nach Ansicht der Forscher daraufhin, dass hier Vertreter des Homo Antecessors den gesamten Körper toter Mitmenschen verzehrt haben – mitsamt Gehirn, Organen und Knochenmark. Sogar die Rippenknochen wurden angekaut und ausgelutscht, wie entsprechende Bissspuren verraten.

An einer Hungersnot lag es nicht

Das Merkwürdige an diesen Zeugnissen für frühmenschlichen Kannibalismus: Die reichlich vorhandenen Tierknochen in der gleichen Fundschicht belegen, dass diese Frühmenschen keinen Hunger litten. Es war daher wahrscheinlich nicht die Not, die sie zu Menschenfressern machte. Wie Rodriguez und sein Team ausrechneten, hätte allein die durch die Tiere abgedeckte Essensmenge ausgereicht, um 20 Gruppenangehörige drei Monate lang mit Nahrung zu versorgen.

Ungewöhnlich auch: Im Vergleich zu den Tierknochen sind Menschenknochen mit Bearbeitungsspuren in der Fundschicht deutlich überrepräsentiert. „Während die Tiere proportional zu ihrer Häufigkeit in der Umwelt konsumiert wurden, wurden die Menschen in einem höheren Anteil verzehrt als es ihrer Dichte in dieser Umwelt entsprach“, sagen die Forscher. Mit anderen Worten: Sie wurden absichtlich ausgewählt.

Mensch als lohnendste Beute

Aber warum? Um das herauszufinden, wendeten die Wissenschaftler ein klassisches Beutewahl-Modell an. Dieses geht davon aus, dass ein Tier – oder Mensch – die Beute wählen wird, die ihm die meiste Energie unter geringstem Aufwand liefert. Eine Beute, die kalorienreich, aber schwer zu erlegen ist, kann demnach ähnlich lohnend sein wie ein kalorienärmeres, aber leicht zu fangendes Beutetier.

Als die Forscher dieses Modell auf die Knochenfunde von Gran Dolina anwendeten, zeigte sich: Die menschlichen Überreste machen zwar nur rund 13 Prozent des Kalorienumfangs aller dort verzehrten Organismen aus, aber berücksichtigt man den Aufwand, liegen die Frühmenschen an erster Stelle. Denn im Gegensatz zu schnellen oder wehrhaften Beutetieren wie Hirschen oder Nashörnern waren die meist jugendlichen oder zumindest noch jungen menschlichen Opfer eher leichte Beute, sagen Rodriguez und sein Team.

Ähnlich wie Schimpansen bei Konflikten zwischen Gruppen vorwiegend Jungtiere töten und fressen, könnten auch diese Frühmenschen bei einem Konflikt getötet und dann als Nahrung konsumiert worden sein.

Durch frühen Tod zur Mahlzeit geworden?

Demnach ist es kein Zufall, dass der Homo antecessor hier zum Kannibalen wurde – es lohnte sich für ihn offenbar mehr als die Jagd auf Tiere. Doch das muss nicht heißen, dass diese Frühmenschen ihre Opfer auch absichtlich umbrachten, wie die Forscher betonen: „Die einfachste Erklärung aber könnte sein, dass diese Opfer zur gleichen Gruppe wie die Kannibalen gehörten und eines natürlichen Todes starben“, so Rodriguez und sein Team.

Wie sie erklären, belegen ethnografische Daten, dass bei Jägern und Sammlern die Sterblichkeit bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen sehr hoch ist. „So sterben beispielsweise bei den !Kung, Hadza und Ache zwischen 40 und 65 Prozent der Stammesangehörigen vor dem Erreichen des Erwachsenenalters““, berichten die Forscher. Der Homo antecessor könnte daher den frühen Tod seiner Gruppenangehörigen einfach ganz praktisch und tabufrei als willkommene zusätzliche Nahrung betrachtet haben. (Journal of Human Evolution, 2019; doi: 10.1016/j.jhevol.2019.03.010)

Quelle: Centro Nacional de Investigaci on sobre la Evoluci on Humana (CENIEH)


Mittwoch, 8. Mai 2019

Die Kunst des geordneten Rückzugs.

aus Badische Zeitung, 7. Mai 2019                                                                P. v. Hess, Napoleons Rückzug an der Beresina

Ein kulturhistorischer Blick auf den Rückzug
Viele assoziieren ein Versagen damit: "Vorwärts immer, rückwärts nimmer", sagte Honecker. Dabei ist der Rückzug, zumal der geordnete Rückzug, eine hohe Kunst. Das zeigt Wolfgang Schivelbusch.

Von Martin Halter

Schon vor 2500 Jahren empfahl der chinesische Stratege Sun Tze in seiner (von Motivationstrainern bis heute empfohlenen) "Kunst des Krieges", bei zahlenmäßiger Überlegenheit des Feindes den Rückzug anzutreten. Der Rückzug, vor allem der "geordnete", ist eine hohe Kunst. Man darf ihn nicht mit planlos-panischer Flucht verwechseln, obwohl er leicht in diese Richtung eskalieren kann. Der überraschende Gegenangriff ist stärker als jeder Angriff, wusste Clausewitz. Scheinrückzüge haben einige der glorreichsten Siege der Weltgeschichte eingeleitet, etwa 1066 den Triumph der Normannen über die Angelsachsen in Hastings.

Ob erzwungen, angetäuscht oder taktisch motiviert: Der Rückzug nach einer Niederlage gehört jedenfalls zu den größten Herausforderungen eines Heerführers; schließlich muss er nicht nur seine geschlagenen Truppen in sichere Stellungen zurückführen, sondern auch ihre Moral gleichsam rückwärts wieder aufrichten.


Die Französische Revolution revolutioniert auch den Krieg

Wolfram Schivelbusch stellt daher in seiner kleinen Geschichte des Rückzugs Napoleons berühmten Übergang 1812 über die Beresina, der in der Militär- und Kunstgeschichte meist als trauriger Tiefpunkt seiner Grande Armee betrachtet wird, als Geniestreich in bedrängter Lage neben, ja fast über seine Siege. Das Prädikat der erfolgreichsten Rückzieher aller Zeiten gebührt allerdings den Russen: Sie ließen Napoleon seinerzeit durch die Preisgabe des Raums ebenso ins Leere laufen wie Stalin es im Zweiten Weltkrieg mit Hitler und der Wehrmacht tat.

Für Schivelbusch markiert 1789 die Wende in der Geschichte des Rückzugs. In den "Kabinettskriegen" davor ging es selten um die physische Vernichtung des Gegners. Rational agierende Generäle und professionelle Condottiere schoben Söldnerheere wie Schachfiguren hin und her. Kriegsziele waren nicht die Ausrottung des Feindes oder Geländegewinne, sondern diplomatische Interessen, Machtoptionen, dynastische Allianzen. Die Französische Revolution aber revolutionierte auch die Kriegführung. An die Stelle von Söldnern traten jetzt ideologisch fanatisierte Volksheere, enthusiastische "Bürgersoldaten", die den Marschallstab im Tornister mit sich trugen. Wo sich der Krieg demokratisch und patriotisch legitimieren musste, galt Vorwärtsverteidigung als erste Bürgerpflicht und Rückzug als Verrat.


"Vorwärts immer, rückwärts nimmer"

Für den jakobinischen Strategen Bertrand Barère war Angriff die für die Revolution einzig angemessene Form des Kampfes: "Stillstand und Verteidigung zersetzen ihr Potenzial", selbst für Napoleon war "retraite" ein "unaussprechliches Wort". So drückte Erich Honeckers "Vorwärts immer, rückwärts nimmer" die Staatsdoktrin aller totalitären Diktaturen aus. Und auch im fortschrittsgläubigen Kapitalismus wird Rückzug bis heute mit Stillstand, Versagen und Scheitern assoziiert.

Hitlers Durchhaltebefehle, selbst auf verlorenem Posten bis zum letzten Mann und "letzten Blutstropfen" auszuharren, führten zur katastrophalen Niederlage von Stalingrad. Umgekehrt lernten die Generäle damals, Niederlagen mit Euphemismen wie "Ausweichbewegung", "Umgruppierung" oder "Frontbegradigung" als kleine Umwege zum Endsieg umzudeuten. Für große Armeen ist der Rückzug immer eine Katastrophe. Guerillakrieger wie Mao in China, Fidel Castro in Kuba oder Ho Tschi Minh in Vietnam dagegen mussten sich nie dafür rechtfertigen: Sie marschieren im permanenten Rückzugsmodus bis zum Sieg.

Schivelbusch analysiert auf seinen nur rund hundert Seiten mehr oder weniger geordnete Rückzüge von Homers "Ilias" bis heute. Im Mittelpunkt stehen Napoleons Rückzüge und Verlierer- und Siegerlegenden aus den Weltkriegen, etwa die Marneschlacht 1914 und Dünkirchen 1940. Das Büchlein endet ziemlich abrupt mit dem Abzug der USA aus Vietnam 1975, den Schivelbusch nicht sehr überzeugend als Ende des Frontier-Mythos und Umwandlung von Amerikas Land- in "Markthunger" deutet: Chinamission statt Indianerausrottung.


Eine Art universeller Metapher

Überhaupt gehört "Rückzug" nicht zu den besten Büchern des Kultur- und Mentalitätshistorikers Schivelbusch ("Geschichte der Eisenbahnreise"). Er lässt sich von seiner anekdotischen, essayistisch-assoziativen Erzähllust immer wieder forttreiben zu Abschweifungen etwa über Napoleons Indien-Projekt oder die biologisch-rhythmische Gleichschaltung des Soldatenkörpers im Gleichschritt. Je weiter er sich der Gegenwart nähert, desto mehr verengt sich sein Blick auf strategische und taktische Details der Militärgeschichte; Seitenblicke auf andere gesellschaftliche Sphären fehlen fast ganz.

Dabei ist der Rückzug ja nicht nur "das gefechtsmäßige Lösen vom Feind" (Wikipedia), sondern eine Art universeller Metapher. Heldinnen und Helden des Rückzugs – etwa Marlene Dietrich, Greta Garbo oder auch Papst Benedikt – ziehen sich so rechtzeitig aus der Öffentlichkeit zurück, dass ihr Ruhm intakt bleibt oder sich sogar noch vermehrt. Politiker, Fußballfunktionäre und Topmanager ziehen dagegen oft den Kampf auf verlorenem Posten einem ehrenvollen Rückzug vor. Und wenn sie dann nicht mehr am Rückzug vorbei kommen, nennen sie ihn "Exit-Strategie", um Souveränität und Kontrolle noch im Moment der Niederlage zu suggerieren.


Wolfgang Schivelbusch: Rückzug. Geschichten eines Tabus. Hanser Verlag, München 2019. 112 Seiten, 18,50 Euro

Dienstag, 7. Mai 2019

Die Wahrheit über die Blockade Leningrads

Gut
aus nzz.ch, 6.5.2019

Das doppelt verriegelte Gedächtnis 
Die Wahrheit über die Blockade Leningrads war in Russland lange ein strikt gehütetes Tabu

Mit 1 bis 1,2 Millionen zivilen Toten war die Belagerung Leningrads durch die deutsche Wehrmacht eines der grossen Verbrechen des Zweiten Weltkriegs. Was man kaum weiss: Stalins Hass auf die Stadt beförderte Hitlers Vernichtungspläne. Die beiden Diktatorenmonster spielten diese tragische Fuge vierhändig.

Zu den unerträglichsten Szenen der Filmgeschichte gehören die wenigen Sekunden in dem Film «Sophie’s Choice», als die Hauptfigur selbst entscheidet, wen sie in den Tod schickt – den Sohn oder die Tochter. Ich konnte diese Szene nur ein einziges Mal anschauen. Als ich den Film ein weiteres Mal sah, musste ich Bild und Ton ausschalten. Wer sich eine Vorstellung von der Leningrader Blockade machen will, sollte wissen: Im Winter 1941/42 mussten viele Mütter in Leningrad die Wahl treffen, welchem ihrer Kinder sie zu essen geben sollten.

In unseren Familien wird die Erinnerung an die Blockade von Generation zu Generation weitergegeben. Diese Erinnerung ist ein unstillbarer Schmerz und ein kollektives Trauma des Leningrader Bewusstseins: Jede Familie hat ihr eigenes Martyrologium – ihr Verzeichnis derer, die während der Blockade gestorben oder gefallen sind. 

Hunger und Kälte zusammen 

Am 3. Juli 1941 wurde meine Mutter zehn Jahre alt. Ihre Mutter arbeitete in einer Schuhfabrik, ihre Grossmutter in der Notaufnahme des Konjaschin-Krankenhauses. Im August 1942, nachdem sie das, was Leningrader bis heute als «die tödliche Zeit» bezeichnen, überlebt hatten, wurden sie in den Ural evakuiert. Am Leben geblieben waren sie aus einem einzigen Grund: Bevor mein Grossvater an die Front ging, hatte er eine Wagenladung Holz gekauft und die Fenster im Zimmer mit Brettern vernagelt. Und noch eher, schon im Mai 1941, hatte er den grossen Ofen auseinandergebaut und einen neuen, kleinen Ofen gesetzt, für den man nur zwei oder drei Scheite zum Heizen brauchte.
 


In jenem Winter litt meine Familie also nur Hunger. Die Leningrader wissen: Hunger und Kälte zusammen bedeuten den sicheren Tod. Für mich aber, die ich nach dem Krieg geboren wurde, heisst das, dass mein Grossvater, der am 27. Januar 1944 umkam (an dem Tag, als die Blockade endgültig aufgehoben wurde), der offiziellen Propaganda keinen Glauben schenkte – sie hatte behauptet, der Krieg würde nicht lange dauern, spätestens im Herbst würden die faschistischen Truppen zurückgeschlagen sein.

Meine Kindheit verlief im Zeichen des Schweigens. Heute weiss ich, dass das Blockadegedächtnis meiner Familie doppelt verriegelt war, von innen und von aussen. Von innen, weil die Blockade ein Schmerz ist, über den zu erzählen schwer und schrecklich ist; von aussen, weil man ständig von der Furcht geplagt war, man könnte «zu viel sagen». Noch während des Krieges nämlich wurde das Thema der Blockade mit Zensur belegt – der sowjetische Staat tat alles, um die Wahrheit zu verheimlichen.



Aus diesem Grund zerstörten die Behörden das Museum, dem die Leningrader Bevölkerung Tagebücher und persönliche Dinge aus der Blockadezeit anvertraut hatte in der Hoffnung, die Erinnerung an ihre Leiden möge nicht verloren gehen. Angehörige der älteren Generation können sich noch an das Feuer im Hof des verwüsteten Museums erinnern, in dem diese Tagebücher und persönlichen Dinge verbrannt wurden. Unter Verschluss blieb auch die wahre Zahl der Opfer bei der Zivilbevölkerung. Erst nach der Perestroika wurde sie offengelegt: zwischen 1 000 000 und 1 200 000. 

Geflüsterte Unterhaltungen 

Die Zahl kann man sich nicht vorstellen. Aber man kann die Gesichter ansehen. In unserem Familienarchiv befindet sich eine Fotografie aus der Vorkriegszeit: meine damals zehnjährige Mutter und ihre Freundinnen, mit denen sie im Hof spielte. Auf dem Foto sind neun Mädchen. Sechs von ihnen starben während der Blockade. Drei haben überlebt. (Von den Jungen auf ihrem Hof, die nacheinander sämtlich eingezogen und an die Front geschickt wurden, ist kein einziger zurückgekehrt.)

Das Schweigen meiner Mutter und meiner Grossmutter bedeutet indes nicht, dass ich als Kind von der Blockade nichts mitbekommen hätte. Sie konnten ihren Erinnerungen nicht entrinnen. Wenn sie daran zurückdachten, veränderten sich ihre Stimmen. Sie wurden unsicher, gerade so, als schämten sie sich ihrer Leiden. Sie sprachen verstohlen miteinander, im Flüsterton. Und manchmal gaben sie versehentlich etwas preis.



Meine Mutter sagte zum Beispiel: «In unserer Familie bleiben die Jungen nicht am Leben.» Und ich sass mit meinen vier Jahren da und rätselte: Welche Jungen, und warum bleiben sie nicht am Leben? Oder meine Grossmutter erzählte von «Weichteilen», sie sagte zum Beispiel: «Wenn du morgens ins Krankenhaus kommst, sind sie noch ganz; wenn du abends wieder gehst, sind alle Weichteile herausgeschnitten.» (Vom Kannibalismus während der Blockade hatte ich schon eine Ahnung, bevor meine Grossmutter mir später davon erzählte.)

Alles Wesentliche, was ich über die Blockade weiss, habe ich also mehr oder weniger zufällig aufgeschnappt. Ich meine nicht die Informationen, die man aus Büchern oder Tagebüchern schöpfen kann. Davon habe ich auch viele gelesen. Aber was genau die Leningrader Blockade bedeutete, das habe ich begriffen, als ich etwa fünf Jahre alt war. Seit der Zeit lasse ich mir von offiziellen Legenden nichts mehr vormachen. Ich bin bis heute überzeugt, dass meine Mutter und meine Grossmutter mir mit ihren geflüsterten Unterhaltungen eine Art Blockade-Kammerton vorgaben, anhand dessen ich Wahrheit und Lüge mühelos unterscheiden kann.

Das Blockadegedächtnis meiner Generation ist ein langsamer und langer Prozess des Umdenkens, der allmählich zu dem Schluss führt, dass Hitler und Stalin Schuld an der Tragödie der Leningrader Blockade tragen: Die beiden schlimmsten Diktatoren des 20. Jahrhunderts spielten diese tragische Fuge vierhändig. Hitlers Part ist offensichtlich: Um die bei Kämpfen in einer grossen Stadt unausweichlichen Verluste an Menschen und Technik zu vermeiden, traf er eine «wissenschaftlich fundierte» Entscheidung – die Leningrader Bevölkerung verhungern und erfrieren zu lassen, alle, auch Alte und Kinder. 

Leningrad als Hassobjekt

Für Stalin war Leningrad ganz offensichtlich nichts anderes als ein Hassobjekt. Der Grund dafür war, so denke ich, das Selbstbewusstsein der Leningrader, ihre Kraft zum eigenständigen Denken – beides galt es zur Stärkung von Stalins gottgleicher Macht mit Stumpf und Stiel auszurotten. Ein für alle Mal zu zerstören. Anders lässt sich nicht erklären, dass zu Blockadezeiten ganze Züge von Rüstungsgütern aus Leningrader Fabriken aufs «Festland» (wie das nicht okkupierte Gebiet der Sowjetunion bezeichnet wurde) rollten, während Stalin und seine Helfershelfer nicht einmal die minimale, geschweige denn die reguläre Versorgung der Stadt mit Lebensmitteln organisierten. Wenn diese Züge vom «Festland» zurückkehrten, waren sie beladen mit Rohstoffen (Tausende Tonnen Metalle der benötigten Sorten), mit Bauteilen und Werkzeugen – nach Schätzungen von Historikern waren nicht weniger als einhundert Güterzüge im Einsatz. Ich bin keine Historikerin, aber ich glaube, selbst ein kleiner Teil dieser Züge hätte Zehn-, wenn nicht Hunderttausende Menschenleben retten können.



Heute, fünfundsiebzig Jahre später, sind die Archive geöffnet (wenn auch bei weitem nicht alle!), und es gibt bezüglich der Blockade mehr Fragen als Antworten. Aber ich bin sicher, früher oder später wird sich die Wahrheit Bahn brechen. Die allgemeine Wahrheit ebenso wie die persönliche jeder einzelnen Leningrader Familie.
 
Mein bescheidener Beitrag zum allgemeinen Blockadegedächtnis ist der Roman «Die Stadt, aus dem Gedächtnis geschrieben». Ihm zugrunde liegen Erzählungen meiner Mutter (die ich vor etwa zwei Jahren auf Band aufgenommen habe, weil mir klarwurde, dass es bald einmal zu spät sein könnte), Familienfotos, Erzählungen meiner Grossmutter und schmerzliche Geschichten, die ich selbst erlebt habe.

Stellen Sie sich folgende Szene vor: Es klingelt. Sie öffnen die Tür und sehen einen alten Mann. Neben ihm eine Frau in mittleren Jahren. Der alte Mann steht da, auf ihren Arm gestützt, und schweigt. Die Frau redet. Bitte entschuldigen Sie, wir kommen von weit her, mein Vater hat als Kind während der Blockade hier gewohnt. Vierundvierzig sind sie weggegangen und nie mehr zurückgekehrt. Er wollte schon lange einmal kommen, aber irgendwie hat es sich nie ergeben, Sie wissen ja, wie das ist, mal fehlt das Geld, mal die Zeit . . . Sie verstummt, um Ihnen Zeit zu lassen – zu begreifen, verlegen zur Seite zu treten, die Tränen zu unterdrücken, froh zu sein, dass es Sie nichts kostet, seinem Wunsch zu entsprechen, ihm das zu ermöglichen, wovon er sein Leben lang geträumt hat. Er tritt ein und geht, nun nicht mehr auf den Arm der Frau gestützt, von Zimmer zu Zimmer. Sie folgen ihm. Entschuldigen Sie, hier ist jetzt alles anders, murmeln Sie, die Renovierung, die Türen, die Fenster . . . Nein, sagt er, und seine Finger zittern, als er die Hand an die Wand legt, es ist noch alles genau so, wie es war. Jetzt kann ich sterben. 

Beschämende Art des Gedenkens 

Mein Blockadegedächtnis – das ist, Sebald zu lesen, über die Flächenbombardierung von Köln, und dabei zu denken: Sie sind auch durch die Hölle gegangen.

Mein Blockadegedächtnis – das ist auch Beschämung darüber, wie der russische Staat heute mit den blokadniki, den Überlebenden der Blockade, umgeht. Einerseits gibt es am Tag der Aufhebung der Blockade eine Militärparade auf dem Platz vor dem Winterpalast. Andererseits hat die «Blockade-Gesellschaft» (eine offizielle, von der Stadt finanzierte Organisation) meiner Mutter zum neuen Jahr drei Päckchen Cracker überreicht, die obendrein schon abgelaufen waren. Was meine Mutter in dem Moment empfand, habe ich sie gar nicht erst gefragt. Ich habe das Geschenk einfach in den Abfalleimer geworfen.



Das Thema der Blockade spaltet die russische Gesellschaft bis heute. Noch immer, auch nach so vielen Jahrzehnten, wird um die «Blockadewahrheit» gestritten. Als der Fernsehsender Doschd die Frage stellte, ob es nicht vernünftiger gewesen wäre, Leningrad aufzugeben und so der Bevölkerung die Greuel der Blockade zu ersparen, hätte er beinahe den Betrieb einstellen müssen. Für diese Frage, zudem öffentlich gestellt, riskiert man eine Anklage wegen «Geschichtsfälschung» oder «Extremismus». Gleichzeitig verwenden die Behörden bei passender Gelegenheit die Frage zur Diskreditierung ihrer politischen Gegner. So beschuldigte der interimistische Gouverneur von Petersburg einen Abgeordneten der Opposition, dieser habe geäussert, man hätte Leningrad damals aufgeben sollen. Als der Abgeordnete seine Ehre und Würde verteidigen und die Sache zur Anzeige bringen wollte, wurde seine Klage für unzulässig erklärt.

Man muss nicht sonderlich scharfsichtig sein, um zu begreifen, dass es gar nicht so sehr um diese Frage geht. Es geht vielmehr darum, dass die heutigen Machthaber, die Erben der sowjetischen Ideologie, bei jeglichem Nachdenken über die Blockade, das über den offiziellen Diskurs hinausgeht (einschliesslich der wahren Rolle Stalins), in blinde Wut geraten. Ihr Blockadegedächtnis, das sind nicht die Leiden der elend verhungerten Leningrader Kinder, sondern imposante Monumente und pompöse Feierlichkeiten, bei denen die Heldenhaftigkeit der Leningrader, die ihre Stadt vor den Nazihorden verteidigten, in höchsten Tönen besungen wird. Qualen und Leiden finden angesichts der heutigen militaristischen Rhetorik höchstens noch beiläufig Erwähnung.

 

Ich finde es bedauerlich, dass die Blockade – anders als der Holocaust oder Stalins Gulag – im europäischen Bewusstsein noch immer ein marginales Thema ist. Dabei ist sie ein Spiegel, in den das heutige Russland blickt. Wenn man genau in diesen Spiegel schaut, kann man vieles verstehen.

Elena Chizhova lebt als Schriftstellerin in St. Petersburg. Zuletzt ist bei DTV der Roman «Die Terrakottafrau» erschienen. – Aus dem Russischen von Dorothea Trottenberg.

Samstag, 4. Mai 2019

Die linke Hype um die Rechten.

aus Telepolis, 4. Mai 2019 

Was nicht rechts ist, wird rechts gemacht 
Viele haben die Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung kritisiert. Doch die besten Argumente gegen Rechtsruck und Alarmismus liefert die Mitte-Studie selbst

 

Haben Sie in der vergangenen Woche die Schlagzeile gelesen, wonach fremdenfeindliche Einstellungen seit 2002 um 75 Prozent abgenommen haben? Oder die, dass die Abwertung von homosexuellen Menschen in den letzten 16 Jahren kontinuierlich abgenommen hat? Oder jene, wonach weniger Menschen denn je in Deutschland rechtsextrem orientiert sind? Oder dass sich sexistische Einstellungen in Deutschland auf einem historischen Rekordtief befinden?

Vermutlich nicht. Denn keine dieser Schlagzeilen hat es gegeben. Die geschilderten politischen Entwicklungen gab es hingegen schon. Zumindest, wenn man den Ergebnissen der Mitte-Studie glaubt, die im Auftrag der Friedrich Ebert Stiftung Ende April veröffentlicht wurde (Hat die Mitte ihren "festen Boden" verloren?).

Statt eingangs formulierte Meldungen, titelten Medien hingegen folgendermaßen: "Die Mitte rückt an den rechten Rand" (taz), "Verlust demokratischer Orientierung" (Tagesschau), "Zustimmung zu Rechtspopulisten wächst" (Saarbrücker Zeitung), "Gesellschaft rückt nach rechts" (dpa), "Rechte Einstellungen verfestigen sich", (Stern), "Wie der Gesellschaft die Mitte verloren geht" (SZ) und "Äußerst alarmierend" (SpOn). 

Die Studie des Bielefelder Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung wurde von vielen Seiten kritisiert: wegen unzureichender Fragenauswahl durch die Forscher oder ihre tendenziöse Interpretation des Antwortverhaltens. Selbst Sigmar Gabriel äußerte Kritik. 

Nur das offensichtliche Argument gegen den Alarmismus im Namen der Mitte-Studie kam hingegen bisher zu kurz: die Mitte Studie selbst. Denn entgegen der öffentlichen Darstellung der Studie zeichnet sie ein überwiegend positives Bild der politischen Einstellungen in Deutschland.

Rechtsextreme Einstellungen sinken um 75 Prozent

Das zeigt sich unter anderem bei der Verbreitung rechtsextremer Einstellungen. Diese haben die Forscher in sechs "Dimensionen" gemessen. Neben der "Befürwortung einer rechtsgerichteten Diktatur" und eines "nationalen Chauvinismus" suchten sie nach "Verharmlosung des Nationalsozialismus", "fremdenfeindlichen Einstellungen" sowie "Antisemitismus" und der "Befürwortung eines soziobiologischen bzw. rassistischen Sozialdarwinismus." 

Das erfreuliche Ergebnis: Blickt man auf die Entwicklung seit der ersten Befragung im Jahr 2002 haben rechtsextreme Einstellungen in sämtlichen Bereichen abgenommen. So befürworteten bei der Erstbefragung noch 7,7 Prozent der Befragten eine rechts-autoritäre Diktatur. Aktuell sind es mit 3,3 Prozent weniger als die Hälfte. Chauvinistische Einstellungen finden sich heute noch bei 12,5 Prozent der Befragten. 16 Jahre zuvor waren es noch 18,3 Prozent. Den Nationalsozialismus verharmlosten aus Sicht der Studienmacher im Jahr 2002 4,1 Prozent der Befragten. Heute sind es nur noch 2,5 Prozent. 

Auch antisemitische Einstellungen sind zurückgegangen: 9,3 Prozent aus dem Jahr stehen aktuell nur noch 3,4 Prozent entgegen. Am deutlichsten ist der Rückgang bei der Fremdenfeindlichkeit. Stimmten im Jahr 2002 nach Meinung der Forscher noch 26,9 Prozent der Deutschen solchen Einstellungen zu, bleibt davon in der Untersuchung 2018/2019 mit 8,9 Prozent gerade noch Drittel übrig. 

Fasst man alle Dimensionen zum Gesamtmarker "rechtsextreme Einstellungen" zusammen, ergibt sich damit ein beeindruckender Rückgang von 9,7 Prozent im Jahr 2002 auf 2,4 in der aktuellen Untersuchung.

Positive Trends auch bei "gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit"

Abseits der Überschriften erwähnen viele Medien zwar in ihren Texten den Rückgang rechtsextremer Einstellungen. Um ihre These eines gesellschaftlichen Rechtsrucks zu bestätigen, verweisen sie dafür auf Entwicklungen, die die Forscher unter der Überschrift "gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit" untersucht haben. In diesem Teil der Studie haben die Forscher Vorurteile bezüglich bestimmten gesellschaftlichen Minderheiten gemessen. Aber auch hier sind die Entwicklungen überwiegend positiv. 

So hat sich der Anteil der Befragten, die "klassisch antisemitischen" Einstellungen vertreten, in den den vergangenen 16 Jahren von 34,5 Prozent auf 18,8 Prozent fast halbiert. "Israelbezogener Antisemitismus", den die Forscher erstmals im Jahr 2005 erfassten, ist seitdem von 39,2 Prozent auf 24,2 Prozent zurückgegangen. Auch Muslimfeindlichkeit ist leicht rückläufig: Zwischen 2003 sank sie von 21,7 Prozent auf aktuell 18,7 Prozent. Noch deutlicher ist der positive Trend bei der Abwertung von Sinti und Roma. Diese sank seit der Ersterfassung im Jahr 2011 von 34,9 Prozent auf aktuell 25,8 Prozent. 

Der positive Trend zieht sich fast durch den gesamten Katalog gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit: Die "Abwertung wohnungsloser Menschen" sank von 24,1 Prozent im Jahr 2005 auf heute 10,8 Prozent, die "Abwertung von Menschen mit Behinderung" von 5,4 Prozent im Jahr 2007 auf 0,8 Prozent. Die "Abwertung homosexueller Menschen" vertraten im Jahr 2005 noch 21,6 Prozent der Befragten. Heute sind es nur noch 8,3 Prozent.

 Auch die erst in der letzten Umfragerunde aufgenommene "Abwertung von Trans*Menschen" ging leicht zurück: von 12,5 Prozent auf heute 12,3 Prozent zurück. Besonders deutlich ist der Rückgang sexistischer Einstellungen: 29,4 Prozent im Jahr 2002 stehen hier nur noch 7,5 Prozent in der Befragung 2018/2019 gegenüber.

Die negative Entwicklung landete in den Schlagzeilen

Es gibt nur zwei Entwicklungen, die nicht diesem positiven Trend folgen. Die "Abwertung langzeitarbeitsloser Menschen" stieg von 49,3 Prozent im Jahr 2007 auf aktuell 52,3 Prozent. Außerdem nahm die "Abwertung asylsuchender Menschen" zu.

Der Anteil der Befragten, der nach Einschätzung der Studienmacher in diese Kategorie passt, stieg seit der Ersterfassung im Jahr 2011 von 47,4 auf aktuell 54,1 Prozent.

Es ist das Studienergebnis, das die meisten Medien für ihre Überschriften auswählten: "Vorbehalte gegen Asylbewerber in Deutschland so hoch wie nie" (Hannoversche Allgemeine), "So denken Deutsche über Flüchtlinge" (Bild, "Vorbehalte gegen Asylsuchende gestiegen" (Neues Deutschland), "Mehr als die Hälfte der Deutsche hat Vorbehalte gegenüber Asylbewerbern" (FAZ), "Vorbehalte gegen Asylsuchende gewachsen" (ZDF heute).

Wenn Studienmacher ihre eigenen Ergebnisse nicht ernst nehmen

Dass aus einer Studie voller positiver Trends vor allem über die wenigen negativen Entwicklungen berichtet wurde, liegt in diesem Fall aber nicht nur an den berichtenden Journalisten. Auch die Studienverantwortlichen machten mit. Die Friedrich-Ebert-Stiftung bewarb ihre Studie mit Verweis auf die negative Entwicklung der Asylfeindlichkeit.

Der Alarmismus geht auf dem Cover der Studie weiter: "Verlorene Mitte. Feindselige Zustände" haben die Forscher ihre Untersuchung genannt und damit die Tradition, einen empirischen Positivtrend mit immer negativeren Überschriften zu begleiten, fortgesetzt ("Mitte im Umbruch" (2012), "Fragile Mitte" (2014), "Gespaltete Mitte" (2016)). Ihre eigenen Ergebnisse scheinen die Verwantwortlichen selbst nicht so ganz ernstzunehmen. Im Vorwort der Herausgeberin heißt es:

Leider müssen wir anhand dieser wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit rechtsextremen und menschenfeindlichen Einstellungen in unserer Gesellschaft auch festhalten, dass rechtsextreme, -populistische und demokratiefeindliche Einstellungen und Tendenzen in der Mitte tief verwurzelt sind und die Normalisierung rechter Einstellungen sich immer mehr in der Mitte festschreibt und verfestigt.
Franziska Schröter, Projekt gegen Rechtsextremismus im Forum Berlin der Friedrich-Ebert-Stiftung
Den empirischen Beleg für diese behaupteten Tendenzen bleiben die Studienmacher in ihrer Studie zum Glück schuldig. Damit tragen die Forscher allerdings dazu bei, dass sich eine andere Tendenz wohl in Deutschland weiter verstärken dürfte: die Skepsis gegenüber sozialwissenschaftlichen Studien.


Nota. - Die Linke hat mit dem Ende der Weltrevolution ihre Identität verloren. Ihre Überreste kratzen wie die Identitären der andern Seite ein paar faktische Brosamen zusammen und verkleistern sie mit Stammtischparo- len aus dem Heimatmuseum. Diese sind so glücklich wie jene, dass es die anderen gibt; so haben sie ihren Mitläufern wenigstens ex negativo was Konkretes zu bieten. Zu dem Zweck, es ist so banal, dass man es kaum aussprechen mag, überzeichnen sie ihren Gegner ins Gigantische: Gefahr ist im Verzuge!
JE  

Freitag, 3. Mai 2019

Mensch und Pferd.

aus scinexx

Die bewegte Geschichte von Mensch und Pferd
Genanalysen enthüllen Neues über Domestikation und Zucht in den letzten 5.000 Jahren 

Das Glück der Erde: Forscher haben mithilfe genetischer Analysen neue Einblicke in die Geschichte von Mensch und Pferd erlangt. Ihre Ergebnisse offenbaren nicht nur die Existenz zweier bisher unbekannter Pferdelinien. Sie zeigen auch, wie politische Expansionen die Zucht beeinflussten – und dass das Streben nach reinen Rassen in den letzten 200 Jahren zu einem erheblichen Diversitätsverlust im Pferde-Erbgut geführt hat. 

Pferde begleiten uns Menschen schon seit tausenden von Jahren. Als unsere Vorfahren die galoppierenden Vierbeiner für sich entdeckten und sie domestizierten, begann eine weltweite Erfolgsgeschichte. „Das Pferd hat die Menschheitsgeschichte so sehr beeinflusst wie kein anderes Tier“, konstatiert Ludovic Orlando von der Universität Toulouse.

Genetische Geschichte im Blick

Der neue Begleiter des Menschen revolutionierte Transport, Handel, Kriegsführung und Landwirtschaft. Später gewann er zunehmend für Sport und Freizeit an Bedeutung. Welche Spuren hinterließ dies im Genom der Pferde? „Unser Ziel war es herauszufinden, inwiefern der Mensch und seine Aktivitäten die Tiere im Laufe der letzten 5.000 Jahre verändert haben“, erklärt der Molekulargenetiker.

Um die genetische Geschichte des Hauspferds zu entschlüsseln, analysierten er und seine Kollegen um Erstautor Antoine Fages das Erbgut von 278 Pferden – darunter DNA von archäologischen Funden sowie Genome heute lebender Pferde. „Diese große Datenmenge ermöglichte es uns, ein viel präziseres Verständnis von der Domestikation und Zucht der Tiere in unterschiedlichen Epochen und Regionen zu entwickeln“, sagt Orlando.

Zwei neue Abstammungslinien

Die Ergebnisse zeigen, dass die evolutionäre Vergangenheit der Pferde komplexer ist als bislang angenommen. So existieren heute lediglich zwei Pferdelinien: das domestizierte Hauspferd (Equus caballus) und das Przewalski-Pferd, ein Abkömmling des sogenannten Botaipferds. Bei ihrer Arbeit identifizierten die Forscher nun jedoch zwei weitere, bisher unbekannte Abstammungslinien – eine aus Sibirien und eine von der Iberischen Halbinsel.

Vertreter dieser inzwischen ausgestorbenen Pferdelinien müssen noch vor rund 4.000 Jahren gelebt haben und damit zu einer Zeit, als die Domestikation des Pferdes bereits begonnen hatte. Trotzdem haben sie dem Team zufolge kaum Spuren im Genom moderner Hauspferde hinterlassen. „Diese Pferde sind weder eng verwandt mit dem heutigen domestizierten Pferd, noch mit dem Przewalski-Pferd“, sagt Orlando.

Kreuzung aus Pferd und Esel

Der Blick in die Gene offenbarte zudem, dass die Menschen in Eurasien ihre lieb gewonnenen Begleiter bereits vor mindestens 2.200 Jahren mitunter auch mit einem anderen Tier kreuzten: dem Esel. Wie Orlando und seine Kollegen berichten, konnten sie zwei Tiere aus einer eisenzeitlichen Fundstelle in Frankreich als Maultiere identifizieren. „Maultiere waren trittsicherer, belastbarer und weniger anfällig für Krankheiten, weshalb sie für frühere Gesellschaften eine wichtige Rolle gespielt haben könnten“, schreiben sie.

Interessanterweise änderten sich die Zuchtgewohnheiten der eurasischen Bevölkerung im Laufe des sechsten bis neunten Jahrhunderts drastisch: Pferde, die vor dieser Zeit in Europa und Zentralasien weit verbreitet waren, kommen heute nur noch in isolierten Regionen wie Island vor. An ihrer Stelle setzten sich Tiere durch, die zuvor hauptsächlich in Persien verbreiteten Pferden genetisch sehr ähnlich sind, wie die Analysen zeigten.

Arabischer Einfluss

Die Wissenschaftler führen den zunehmenden Einfluss dieser Pferdelinien auf islamische Expansionen zu dieser Zeit zurück: „Es war ein Moment, der die Pferdelandschaft in Europa nachhaltig umformte“, sagt Orlando. „Wenn man sich Pferde anschaut, die wir heute als arabische Pferde bezeichnen, sieht man, dass diese einen ganz anderen Körperbau besitzen als beispielsweise Isländer. Womöglich konnten sich die neuen Pferde so erfolgreich durchsetzen, weil sie eine neue Anatomie und vielleicht auch andere nützliche Eigenschaften mitbrachten.“

Auch im vergangenen Jahrtausend hat der Mensch seine Pferde noch nachhaltig verändert, wie die Ergebnisse offenbarten: Neben bestimmten körperlichen Merkmalen gewannen damals unter anderem Eigenschaften wie die Schnelligkeit auf kurzer Distanz an Popularität. „Etliche mit Pferderennen assoziierte Allele, darunter das Speed-Gen MSTN, begannen sich erst im letzten Jahrtausend durchzusetzen“, erklärt das Team.

Ein wesentliches Rätsel bleibt

Am auffäffigsten aber ist den Forschern zufolge, dass erst in der jüngeren Vergangenheit die Genvielfalt unter den Pferden drastisch gesunken ist: „Pferdezüchter erhielten Jahrtausende lang eine große genetische Diversität aufrecht“, berichten sie. Das änderte sich vor 300 bis 200 Jahren – wahrscheinlich mit dem Aufkommen der Idee von „reinen Rassen“. „In den letzten 200 Jahren ist die genetische Vielfalt um 16 Prozent gesunken. Dies verdeutlicht den enormen Einfluss moderner Zuchtpraktiken“, so das Team.

Insgesamt liefern die Ergebnisse interessante neue Einblicke in die Geschichte von Mensch und Pferd. Doch damit sind noch längst nicht alle Rätsel geklärt: „Zum Beispiel wissen wir noch immer nicht genau, wann und wo die Vorfahren der heutigen Hauspferde domestiziert wurden. Die Geschichte der Pferde ist von zentraler Bedeutung für die Geschichte der Menschen und doch wissen wir nicht, wo sie begonnen hat. Das ist schon unglaublich“, schließt Orlando. (Cell, 2019; doi: 10.1016/j.cell.2019.03.049)

Quelle: Cell Press

Donnerstag, 2. Mai 2019

Das Schicksalsdatum der Weimarer Republik.

aus Tagesspiegel, 1. 5. 2019

Unruhen in Berlin 1929
Blutige Tage im Mai
Vor 90 Jahren eskalierten die Auseinandersetzungen zwischen demonstrierenden Arbeitern und der Polizei – mit verheerenden Folgen. Ein Blick in die Geschichte.
 
 

Der Sündenfall des Gereon Rath beginnt in Staffel 1, Episode 4. Der Kriminalkommissar wird sich im Laufe der winkelreichen Handlung von „Babylon Berlin“ vieler Verfehlungen schuldig machen, aber seine spätere Falschaussage zum „Blutmai“ 1929 ist die moralisch verwerflichste.

Unversehens waren er und Kollege Bruno Wolter in die Straßenschlachten zwischen demonstrierenden Arbeitern und schießwütiger Polizei geraten, hatten sich in ein Haus, eine Arbeiterwohnung geflüchtet, wurden Zeuge, wie die Beamten ohne Grund die Fassaden unter Feuer nahmen, auch zwei Frauen auf dem Balkon trafen. Notwehr, man habe nur zurückgeschossen, will die Polizeiführung die amtliche Bluttat danach rechtfertigen. Rath wird das wider besseres Wissen bestätigen.

Unter den Ereignissen, die die labile Weimarer Republik immer weiter unterhöhlten und ihre Untergang beschleunigten, nehmen die Ereignisse um den „Blutmai“, die bürgerkriegsähnlichen Berliner Unruhen zwischen dem 1. und dem 3. Mai 1929, zweifellos eine exponierte Stellung ein. Dem Roman „Der nasse Fisch“ von Volker Kutscher und der darauf basierenden TV-Serie ist es zu verdanken, dass die im öffentlichen Bewusstsein nur noch wenig präsenten, doch in ihrer historischen Tragweite kaum zu überschätzenden Geschehnisse vor 90 Jahren einem breiten Publikum auf spannende Weise wieder in Erinnerung gerufen wurden.

Der Hass zwischen den staatstragenden Sozialdemokraten und den noch immer von Umsturz träumenden Kommunisten wurde damals endgültig zementiert. Ernst Thälmann und seinen KPD-Genossen galt endgültig nicht mehr der heraufziehende Faschismus, sondern der vermeintliche „Sozialfaschismus“ der SPD als Hauptgegner.

Der Streit um den 1. Mai wurde zur Machtprobe stilisiert

Und dabei gründete der Anlass zum „Blutmai“ gerade in den Auseinandersetzungen zwischen KPD und NSDAP. Mitte November 1928 hatte es nach der ersten Rede Hitlers im Sportpalast blutige, auch tödliche Zusammenstöße gegeben, woraufhin Polizeipräsident Karl Friedrich Zörgiebel, ein SPD-Mann, eine allgemeines Verbot von Demonstrationen unter freiem Himmel erließ.

Der Protest zum 1. Mai, und zwar auf der Straße, war aber seit langem Tradition der Arbeiterbewegung, von der die KPD, anders als die SPD, trotz Verbots nicht lassen wollte.

Mehr noch, der Streit um den 1. Mai wurde von beiden Seiten zur Machtprobe stilisiert. „Ich bin entschlossen, die Staatsautorität mit allen mir zur Verfügung stehenden Mittel durchzusetzen“, drohte Zörgiebel, der sich der Unterstützung von Preußens Innenminister Albert Grzesinski, ebenfalls SPD, sicher sein konnte.

Dagegen forderte die KPD-Führung unter Ernst Thälmann „Straße frei für den 1. Mai“ und versicherte in der „Roten Fahne“, die Berliner Arbeiterschaft werde zeigen, „dass keine Verbotsdrohung sie davon zurückhalten kann, ihr Recht auf die Straße zu behaupten“. Immerhin wurde bei den Aufrufen zu Demonstrationen verboten, Waffen jedweder Art mit sich zu führen – ein vergeblicher Versuch, den Konflikt nicht auf die Spitze zu treiben, einem eigenen Verbot vorzubeugen.

Die Polizei ging vielerorts mit großer Brutalität gegen Demonstranten vor 

Doch die Polizei hatte bis zu 16.000 Beamte aufgeboten, die den strikten Befehl hatten, jede Menschenansammlung sofort aufzulösen. Unter ihnen herrschte eine aufgeheizte Stimmung, wie ein ehemaliger Polizeioberst später schilderte: „Auch diesmal schwirrten in den Kasernen die wildesten Gerüchte herum und versetzten die Beamten so in richtige Kampfesstimmung. Wer zum Einsatz nach dem Wedding oder Neukölln fuhr, dachte, dort ist Krieg. Und im ,Kampfgebiet’ eingetroffen, betätigte man sich eben kriegerisch.“


Am Vormittag des 1. Mai hatten sich in den Arbeiterbezirken die ersten Demonstrationszüge versammelt, mit weit weniger Teilnehmern, als von der KPD erhofft, gegen die die Polizei sofort mit großer Härte vorging, wie der Korrespondent der dänischen Zeitung „Politiken“ schrieb: „Ich sah ein gutes Dutzend Polizeiangriffe, die immer dergestalt abliefen, dass die Demonstranten ins Laufen kamen, sobald die Polizisten von ihren Lastwagen stiegen und Miene machten, die Straße zu räumen. Ab und zu bekam ein Mann einige kräftige Schläge mit dem Gummiknüppel über den Nacken, in der Regel ohne jeden Grund.“ Erfolg hatte diese Taktik zunächst nicht. Die Demonstranten liefen weg und formierten sich einige Straßen weiter neu. Das erboste die Polizisten noch weiter.

Bald eskalierte die Gewalt. Zwischen 10 und 11 Uhr fielen die ersten Schüsse, gegen 13.45 Uhr gab es in der Kösliner Straße in Wedding das erste Todesopfer. Zum wiederholten Male war ein Polizeitrupp durch die Häuserschlucht gestürmt, empfangen mit Blumentöpfen, Flaschen und „Bluthunde“-Rufen. Die Beamten zogen ihre Waffen, forderten die Bewohner auf, die Fenster zu schließen.

Der Klempner Max Gemeinhardt, Sozialdemokrat, kam dem nicht sofort nach, wollte mit den Beamten sprechen, da traf ihn auch schon ein Schuss in die Stirn. Nahe dem Bülowplatz, dem heutigen Rosa-Luxemburg-Platz, beobachtete ein Arzt aus seiner Praxis, wie die Polizei wahllos in die Koblankstraße, die heutige Zolastraße, hineinschoss, von den Demonstranten etwa 50 Meter entfernt und keineswegs bedroht.

„Mir heraufgebracht zum Verbinden zirka zehn Schussverletzungen und zirka zwanzig Schlagverletzungen, die von äußerster Brutalität zeugen. Hiebe über den Kopf, dass die Kopfhaut aufgeschlagen ist und Gehirnerschütterung vorliegt. Fast alle Schüsse trafen von hinten“, notierte er.

In Wedding und Neukölln, Bezirken, die geprägt waren von erbärmlichen Wohnverhältnissen, Armut, Krankheit, Arbeitslosigkeit, steigerten sich die Auseinandersetzungen bald zu Barrikadenkämpfen, doch waren es nicht viel mehr als „ein paar Kopfsteine und Bohlen, weit unter der halben Höhe einer Brustwehr, offensichtlich nicht zu Kampfzwecken zusammengeworfen, sondern um die unbarmherzigen Verfolger für Minuten zu hindern“, wie Carl von Ossietzky in der „Weltbühne“ schrieb.

Am Morgen des 4. Mai war der Widerstand zusammengebrochen

Eines der Zentren der Kämpfe war die Kösliner Straße, in die die Polizei schließlich von beiden Seiten einrückte und wahllos Fenster und Dächer beschoss. An der Ecke Wiesen-/Uferstraße erinnert seit 1991 ein Gedenkstein daran, dass hier bei den Straßenkämpfen 19 Menschen den Tod fanden und 250 verletzt wurden.

Die KPD rief nun nicht mehr zu Demonstrationen, wohl aber zu Massenstreiks auf, prägte auch den Begriff, der die Unruhen fortan bezeichnete: „Zörgiebels Blutmai – das ist ein Stück Vorbereitung des imperialistischen Krieges.“ Doch die Kämpfe gingen am nächsten Morgen weiter. Mittlerweile wurden von der Polizei auch Karabiner und Panzerwagen mit Maschinengewehren eingesetzt.

Wedding und Neukölln wurden abgeriegelt, am 3. Mai verhängte Zörgiebel dort von 9 Uhr abends bis 4 Uhr morgens ein totales Ausgehverbot. Herumstehen war verboten, Fahrradfahren, das Zusammentreffen von mehr als drei Personen. Fenster zur Straße waren geschlossen zu halten, in den Zimmern durfte kein Licht brennen.

Der Polizeipräsident stellte klar: „Alle Personen, welche diese Anordnungen nicht befolgen, setzen sich Lebensgefahr aus.“ Kurz danach startete eine Säuberungsaktion in Neukölln. Polizisten drangen in die Hermannstraße vor, nahmen die jeweils andere Straßenseite unter Feuer. Ein Panzerwagen beschoss mit seinem MG von der Ecke Ziethenstraße aus (heute: Werbellinstraße) die oberen Stockwerke. Weitere MG-Stellungen wurden aufgebaut, die Häuser durchsucht.

Am Morgen des 4. Mai war der Widerstand zusammengebrochen. Insgesamt hatten die drei Tage auf Seiten der Demonstranten, aber auch Unbeteiligter 33 Tote und zahllose Verletzte gefordert. Die Polizei, die nach eigener Zählung 10.981 Schüsse abgegeben hatte, musste nur 47 verletzte Beamte beklagen, zehn kamen ins Krankenhaus. Nur einer hatte eine Schussverletzung erlitten – durch unsachgemäßes Hantieren mit seiner Waffe.

Es hatte 1228 Festnahmen gegeben, offenbar überwiegend wahllos, denn nur 66 Personen wurden verurteilt. Für die KPD bedeutete die gescheiterte Machtprobe eine bittere Niederlage. Der Rote Frontkämpferbund wurde verboten, die „Rote Fahne“ durfte für sieben Wochen nicht erscheinen.
Die SPD-Führung dagegen war in den Augen der Öffentlichkeit diskreditiert. Die größte Niederlage aber hatte die Demokratie selbst erlitten. Mochten die Sozialdemokraten und die Kommunisten sich nur ordentlich zerfleischen – den Nationalsozialisten war es gerade recht.


Nota. - Der Rote Oktober in Russland hatte die Epoche der Weltrevolution eröffnet. Die politische Scheidelinie war nicht mehr Rechts oder Links, sondern unmittelbar Revolution oder Konterrevolution. Die Sozialdemokra- tie hatt sich seit dem August 1914 immer und immer wieder so eindeutig wie möglich auf die Seite der herr- schenden Ordnung gestellt. Und wieder im April 1929 in Berlin: Sie verkörperte den 'neutralen' Staat, der über der Alternative Revolution oder Konterrevolution schwebte. Bevor sie schließlich, als alles zu spät war, im Reichstag gegen das Eermächtigungsgesetz gestimmt hat, hat sie nichts Faktisches getan, um den Aufstieg der Nationalsozialisten zu stoppen. Sie hat lediglich den Staat angebettelt: Greif zu! Das hat er schließlich auch ge- tan, aber da hieß der preußische Ministerpräsident schon Göring.

Und die KPD? Außer vielen kleinen Saalschlachten und ein paar größeren Straßenscharmützeln hat auch sie nur mit Parolen und Demonstrationen gekämpft. Es ist wahr - Arbeiterkämpfe organisieren und führen konnte sie 1929 schon lange nicht mehr, aus den Betrieben war sie so gut wie verschwunden, sie war eine Partei von Arbeitslosen geworden, die sich nach Lage der Dinge immer wieder nur bei Wahlen "mobilisieren" ließen.


Doch statt darin das Problem zu erkennen, ohne dessen Lösung der Aufstieg des Nationalsozialismus nicht aufzuhalten war, verschärften sie immer nur ihre Wortwahl, radikal waren die Parolen, schlaff und halbherzig waren die Taten. 

Denn als sie beschlossen, sich dem Demonstrationsverbot der Sozialdemokraten, an deren konterrevoltionärer Entschlossenheit es nichts zu zweifeln gab, in Berlin zu widersetzen, mussten sie doch wissen, dass sie eine Bürgerkriegssituation in Szene setzten. Sie mussten sich fragen, ob sie dem politisch und - ja, so muss man es sagen - militärisch überhaupt gewachsen waren. Sie waren es natürlich nicht, keine Frage, sie spielten nicht mal mit der Idee. Und gaben die Parole aus, unbewaffnet zu erscheinen!

Sie haben ihre Anhänger als Kanonenfutter verheizt. Dass die Berliner Arbeiterschaft ihr nicht zutrauen mochte, sie siegreich in die proletarische Revolution zu führen, kann ihr niemand verdenken.

Aber Deutschland und der Rest der Welt haben es blutig bezahlt.
JE

Mittwoch, 1. Mai 2019

Karthagos Rückgrat.

Blick von einer Anhöhe auf die "Großen Bäder" und die antike Meeresbucht bei Utica.
aus Tagesspiegel.de,Die einstige Meeresbucht bei der antiken Stadt Utica

Bergbau in Nordafrika trug zu den Punischen Kriegen bei 
Wie finanzierte Karthago die Kriege gegen das aufstrebende Rom? Sedimentuntersuchungen in Tunesien bringen neue Erkenntnisse.

Blei- und Silberbergbau haben einer Studie zufolge die Widerstandsfähigkeit des antiken Karthago in den Kriegen gegen die Römer gestärkt. Dadurch habe die See- und Handelsmacht während der drei Punischen Kriege (264 bis 146 v. Chr.) den wirtschaftlichen Zusammenbruch lange verhindern können, schließen Forscher aus Bleiablagerungen im Mündungsgebiet des Flusses Medjerda an der Nordostspitze des heutigen Tunesien.

Aus den Bleiwerten im Delta nahe der antiken Stadt Utica zieht das Team um Hugo Delile von der Universität Lyon in den "Proceedings" der US-Nationalen Akademie der Wissenschaften ("PNAS") Rückschlüsse auf historische Zusammenhänge.

Die Karthager hielten Küstengebiete in Nordafrika

"Bei den drei Punischen Kriegen kämpften zwei der größten Reiche der Antike über ein Jahrhundert lang um die Kontrolle des westlichen Mittelmeers", schreiben die Forscher. Zu Beginn dieser Zeit hielten die - von den Römern Punier genannten - Karthager Küstengebiete im nördlichen Afrika und in Andalusien sowie etliche Inseln im Mittelmeer. Wie Karthago die Kriege gegen das aufstrebende Rom finanziert habe, sei bislang wenig bekannt gewesen - auch weil sich die Forschung stärker auf den Bergbau in Europa als in Nordafrika konzentriert habe.

Die Forscher werteten nun acht Bohrkerne aus dem Sediment des Medjerda aus, dem längsten Fluss Tunesiens. Sie waren nahe der antiken Stadt Utica entnommen worden. 77 der insgesamt 146 analysierten Proben daraus hatten einen niedrigen Bleigehalt, der wohl natürlichen Ursprungs ist. In den übrigen 69 Proben war der Bleigehalt stark erhöht, zum Teil um das 20-Fache.

"Das häufigste Silbererz ist Galenit, ein Bleisulfid", schreibt das Team. "Die meisten Silberminen sind daher auch Bleiminen." Das Blei im Flusssediment stammt demnach aus dem Sickerwasser, das bei der Metallge- winnung aus Erz entsteht. Das Team um Delile unterscheidet vier Phasen der Metallgewinnung in der Region: Demnach begann die erste Phase um 340 v. Chr., noch während der Griechisch-Punischen Kriege, die bis 307 v. Chr. dauerten.

Erste Prägung punischer Münzen in Karthago

"Auffällig ist, dass der Beginn dieser frühen Bleiverschmutzung mit der ersten Prägung punischer Münzen in Karthago in der Mitte des vierten Jahrhunderts v. Chr. zusammenfällt", schreiben die Forscher.

Die zweite Bergbauphase setzt um 275 v. Chr. ein, ein Jahrzehnt vor Beginn des ersten Punischen Krieges (264 bis 241 v. Chr.). Sie reicht bis zum Jahr 180 v. Chr., etwa 20 Jahre nach Ende des zweiten Punischen Krieges (218 bis 201 v. Chr.). Bisher wurde angenommen, dass die Karthager die Reparationszahlungen an Rom nach dem ersten Punischen Krieg, etwa 96 Tonnen Silber, aus ihren Minen im heutigen Spanien gewonnen hatten. "Wir vermuten jetzt, dass auch die tunesischen Minen zu dieser Aufwendung beitrugen, da Karthago während der ersten beiden Punischen Kriege seine traditionellen Silberquellen verlor: 241 v. Chr. Sardinien und Sizilien und 201 v. Chr. Spanien", heißt es in der Studie.

In der dritten Phase, von 180 bis 95 v. Chr., stammte das Blei aus anderen Quellen, wie die Isotopen-Zusam- mensetzung der Ablagerungen verrät. Sie passen zu mehreren Galenitvorkommen in der Gegend, von denen allerdings nur Bou Jaber und Slata im Einzugsgebiet des Medjerda liegen. Die Forscher schließen daraus, dass zumindest eines dieser beiden Vorkommen erschlossen wurde, nachdem die älteren Lagerstätten weitgehend erschöpft waren.

Versuchte Rom, sich die Metallressourcen anzueignen?

Diese Rohstoffe ermöglichten es Karthago demnach, dem wirtschaftlichen Druck standzuhalten: Nach dem zweiten Punischen Krieg hatte es die Minen in Südspanien verloren und musste zusätzlich an Rom 375 Tonnen Silber für Reparationen zahlen. "Es gab also eine beträchtliche Diskrepanz zwischen dem Geldbedarf von Karthago und den verfügbaren Metallressourcen", betont das Team. Dieser Druck habe Karthago dazu getrieben, auf seinem verbliebenen Territorium weitere Vorkommen auszubeuten. Die damalige Architektur der Städte belege, dass die Handelsmacht zu jener Zeit durchaus noch sehr wohlhabend gewesen sei - wohl auch wegen des Bergbaus in seinem Hinterland.

Möglicherweise seien der Wohlstand Karthagos und seine Bergwerke ein Grund für den dritten Punischen Krieg (149 bis 146 v. Chr.) gewesen, spekuliert das Team. Rom sei eventuell versucht gewesen, seinen Rivalen zu eliminieren und sich seine Metallressourcen anzueignen. Der Krieg endete mit der Zerstörung der Stadt Karthago, das Gebiet wurde eine römische Provinz.

In der vierten Bergbauphase von 95 v. Chr. bis 800 n. Chr. gab es der Studie zufolge zwar weitere Bergbauaktivitäten, aber in wesentlich geringerem Maße als zuvor. (Stefan Parsch, dpa)


Nota. - Nicht zu vergessen: Rom war auch einmal ein Aggressor, der mit seinen Raubzügen die von den Kartha- gern errichtete Friedensordnung im (westlichen) Mittelmeer untergrub. Seit Jahrhunderten lag der Seehandel in den Händen der phönizische Kolonien am Mittlmeer, unterm Protektorat ihrer Vormacht Karthago. Dort lag die Legitimität - bis Rom Kathago zertörte und sich selbst anmaßte.
JE