Mittwoch, 28. Juli 2021

Es gibt ein Leben nach dem Tod.

oder Wofür die FDP vielleicht doch nochmal gut sein könnte g-geschichte

Man hat sie schon mehrfach abgeschrieben, denn ein wahrnehmbarer liberaler Akzent in der politischen Landschaft ist sie ja nun wirklich nicht. Dass sie trotzdem immer wiedermal nach Luft schnappt, liegt gar nicht an ihr, sondern an den Mängeln der andern. Als sie vor vier Jahren das Jamaika-Experiment aus freien Stücken abgeblasen hatte, schien aber auch das vorbei.

Und nun wird es statt einer Notlösung zu einer Formel, die man sogar aus politischen (sic) Gründen präferieren könnte! Das kam so: Seit geraumer Zeit sieht es aus, als ob an einer schwarz-grünen Regierung kein Weg vorbeiführte - allein wegen der Zahlenverhältnisse und aller Politik unerachtet. Aber dann haben die Grünen selber daran geglaubt und ließen alle Vorsicht fahren. Sie zeigten sich, wie sie wirklich sind. 

Das fing schon an, als sie als Frontman den stets selbstzufriedenen Sonnyboy mehr hinnah-men als einsetzten. Neben ihm ganz unbekannt die Frau ohne Eigenschaften. Aber eine Feme muss sei, das gehört zu ihrem Markenkern! Und dann brannten ihnen die Sicherungen durch: Die machten sie gar zu ihrer Kandidatin für das Amt des Bundeskanzlers.

Sowas haben sich selbst die Sozis nicht getraut. Auch Steinmeier war, als er Außenminister wurde, nie Politiker gewesen, sondern war als Karrierebeamter bis nach oben gekommen. Weil sie sonst keinen hatten, machten sie ihn zum Kanzlerkandidaten, und inzwischen ist er Bun-despräsident.

Aber jemanden mit einer reinen Funktionärslaufbahn im schwülwarmen innerparteilichen Geflecht zum Träger ihrer Botschaft zu machen, der - ach nein: - die sich noch keiner öffent-lichen Pflichtaufgabe gestellt, geschweige denn darin bewährt hat - das können nur Leute tun, die ganz in ihrem Biotop aufgehen und für die profane Außenwelt nur Hochmut haben. Ihr Statut will, dass auf dem ersten Platz immer ein F. steht, das muss der Wähler nunmal so neh-men.

Und jetzt haben sie den Salat. Keiner wäre gut beraten, sich in einer Zweierkoalition von die-sen östrogengetriebenen Dilettant:innen erpressbar zu machen; schon gar nicht die CDU, die ja mit dem, was den Grünen am meisten fehlt, selber nicht reich gesegnet ist: Liberalität und rechtliche Gesinnung; Gendersterne, xy-Wörter, Cancel-culture.

*

Hätten Sie für möglich gehalten, dass man an dieser Stelle jemals wieder an die FDP denken könnte? Natürlich nicht um ihretwillen, sondern wegen der Mängel der andern.

 

Dienstag, 27. Juli 2021

Versunken in der Latrine.

 

aus welt.de, 26. 7. 2021                                                                  Heinrich VI. (1165–1197), Manessische Handschrift

Die edlen Herren ertranken in der Kloake
Um einen Streit zu schlichten, hielt König Heinrich VI. 1184 in Erfurt Hof. Plötzlich brach der Boden des Saals ein, und rund 60 Anwesende stürzten in die Latrine. Nur wenige konnten mit Mühe vor dem Ertrinken gerettet werden.
Eigentlich sollte das Jahr 1184 für den Staufer Heinrich VI. (1165–1197) einen doppelten Karriereschub markieren. Der zweite Sohn Kaiser Friedrichs I. Barbarossa hatte im Mai in Mainz die Schwertleite erhalten, die aus dem 18-Jährigen einen vollwertigen Ritter machte. Und sein Vater knüpfte Verhandlungen mit dem Normannen Wilhelm II. von Sizilien an, um Heinrich die Hand der Erbprinzessin Konstanze zu gewinnen. Da Heinrich bereits im Jahr 1169 zum römisch-deutschen König gewählt worden war, eröffnete dieses Projekt fantastische Machtoptionen.

Doch ein Vorfall am 26. Juli 1184 sollte Heinrich daran erinnern, dass das Schicksal auch unangenehme Überraschungen bereithalten kann. Sein Vater bezog ihn zunehmend in die Regierungsgeschäfte ein und betraute ihn mit durchaus anspruchsvollen Aufgaben. So sollte Heinrich an der Spitze eines Heeres den polnischen Großfürsten Mieszko III. gegen seinen Bruder Kasimir II. unterstützen.

Kaiser Friedrich I. Barbarossa (M.) mit seinen Söhnen Heinrich (l.) und Friedrich von Schwaben

Auf dem Weg dorthin bot sich in Erfurt die Chance, den Streit zwischen dem Landgrafen Ludwig III. von Thüringen mit dem Mainzer Erzbischof Konrad I. zu schlichten und damit diplomatisches Fingerspitzengefühl zu beweisen. Denn der Landgraf war ein enger Verbündeter der Staufer, der Erzbischof Erzkanzler des Reiches. Entsprechend groß war der Andrang hochgestellter Persönlichkeiten zu dem Treffen, das entweder auf der Burg des Kirchenfürsten (der Stadtherr von Erfurt war) oder in seiner Dompropstei anberaumt war.

Es war auf jeden Fall ein Bauwerk, das offensichtlich über die modernste Technik verfügte, die die Zeit zu bieten hatte. Das bedeutete zum Beispiel, dass eine Latrine vorhanden war und die Ausscheidungen der Gäste nicht einfach aus dem Fenster auf den Hof gekippt wurden. Diese Kloake lag in Parterre, sodass die Dienstleute, denen die Aufgabe der Leerung zufiel, einen erträglichen Zugang zu diesem Abort hatten.

Irgendwo auf dem Erfurter Domberg dürfte der Ort der Versammlung gestanden haben

Wie es in der Chronik von St. Peter heißt, war die Versammlung in der „Oberstube“ angesetzt, also im Saal im Zweiten Stock. Als Vorsitzender hatte Heinrich in einer Fensternische Platz genommen, ebenso der Hausherr: „Plötzlich (brach) das Gebäude zusammen und Viele stürzten in die darunter befindliche Abtrittsgrube, deren einige mit Mühe gerettet wurden, während andere im Morast erstickten.“

Der Pastor Leitzmann zu Tunzenhausen hat die Katastrophe bis ins Detail erforscht. Danach brach zunächst der Boden des zweiten Stocks unter dem Gewicht der Versammlung ein. Als etwa 60 edle Herren in den ersten Stock stürzten, gab auch dieser nach. Darunter aber lag die Latrine. „Von denen (konnte) ein Theil kaum mit großer Mühe herausgezogen werden, die anderen erstickten in dem scheußlichsten Unflat.“

„Landgraf Ludewig“, schrieb Leitzmann, „stürzte auch mit hinab, wurde jedoch glücklich gerettet. Der König und der Erzbischof saßen in den Fensterbänken, sie mussten mit Hülfe angelegter Leitern herabgetragen werden.“ Die Liste derer, für die es keine Rettung aus den menschlichen Ausscheidungen gab, soll etwa 60 Namen umfasst haben, darunter „Friderich, Graf von Abinberc, Heinrich, ein Graf aus Thüringen, Gozmar, ein hessischer Graf, Friderich, Graf von Kirchberg, Burchard von Wartburg und Andere geringeren Namens“, so die Chronik.

Der konsternierte König soll daraufhin fluchtartig die Stadt verlassen haben. Nach dem Tod seines Vaters auf dem Dritten Kreuzzug 1190 folgte ihm Heinrich als Kaiser nach und errichtete tatsächlich in Süditalien und Sizilien ein Imperium. Aber sein früher Tod 1197 in Messina – vermutlich starb er an Malaria – bewies einmal mehr, wie launisch die Geschichte sein kann.

 

Sonntag, 25. Juli 2021

Da bleibt dir die Spucke weg.

pfanni

aus Tagesspiegel, 25. 7. 2021

... Als sie im Interview davon erzählt, sagte sie, „ ... wo das Wort N****r drin vorkam ...“. Baerbock spricht bei der Erzählung nicht von dem „N-Wort“, sondern spricht es voll aus.

Die Kanzlerkandidatin veröffentlichte den Ausschnitt auf Twitter. Sie schreibt: „Dieser Vorfall wühlt mich noch heute auf. Leider habe ich in der Aufzeichnung des Interviews in der emotio-nalen Beschreibung dieses unsäglichen Vorfalls das N-Wort zitiert und damit selbst reprodu-ziert.“

Wie kann man* eine Frau ohne Eigenschaften sein und trotzdem zum  größten anzunehmen-den Unfall auflaufen? Was für eine [Sch-Wort]!

 

Nachtrag aus welt.de, 27. 7. 2021 

"... Die stellvertretende Bundesvorsitzende der Grünen Ricarda Lang kritisiert Kanzlerkandi-datin Annalena Baerbock für den Gebrauch des N-Worts. „Dieses Wort sollte niemand von uns aussprechen, weil es Rassismus reproduziert und weil es Menschen verletzt“, sagte Lang am Dienstag dem Spiegel. ..."

Sie ist doch die richtige Kandidatin - nicht für das Amt natürlich, aber richtig für ihre Partei:

"Die 27-Jährige betonte jedoch, dass Baerbock die richtige Kandidatin für die Grünen sei." Da hat Frau Lang tausendmal Recht. Ob von denen überhaupt einEr für ein Regierungsamt in Frage kommt, wird immer zweifelhafter.

JE 

 

Samstag, 24. Juli 2021

Nebra - Repräsention der Herrschaft.


aus FAZ.NET, 23. 7. 2021

Himmelsscheibe von Nebra
Alles für die Legitimation der Eliten
Zeitmessung ist Macht: Harald Meller und Kai Michel untersuchen die soziale und politische Bedeutung der Himmelsscheibe von Nebra in der Bronzezeit. 

Von Robert Risch

Die Himmelsscheibe von Nebra ist nicht nur ein einzigartiges Objekt aus der Bronzezeit, sie ist auch der Auslöser einer faszinierenden Forschung, an der seit nun zwanzig Jahren die unterschiedlichsten wissenschaftlichen Disziplinen beteiligt sind. Nachdem Harald Meller und Kai Michel vor drei Jahren in ihrem Buch „Die Himmelsscheibe von Nebra“ diese Forschung und ihre Ergebnisse einem breiten Publikum vorgestellt haben, erscheint mit „Griff nach den Sternen“ ein reich illustrierter Band, der die Himmelsscheibe erstmals in das bronzezeitliche Panorama vor rund 3800 Jahren einordnet. Er stellt uns die sozialen und politischen Veränderungen einer Welt vor, die bis in unsere Gegenwart nachwirken.

Die Methoden und theoretischen Grundlagen der modernen Archäologie erlauben eine immer tiefere Reise in die Vergangenheit. Sie ermöglichen aber auch eine immer bessere Auseinandersetzung mit unserem eigenen Gesellschaftsverständnis, da sie uns vor Augen führen, dass vieles, was uns heute selbstverständlich erscheint, vor nicht allzu langer Zeit unter besonderen Bedingungen entstanden ist. In dieser Hinsicht gehört die Bronzezeit zu den entscheidenden Wegmarken der Geschichte Europas und Asiens, im Gegensatz zu allen anderen Kontinenten, wo es diese Periode nie gab oder sie, wie im Falle Afrikas südlich der Sahara, übersprungen wurde.

Woher kam das astronomische und mathematische Wissen?

Damals bildeten sich in manchen Regionen Europas ausgeprägte soziale Hierarchien. Neue Formen von Herrschaft entstanden. Erst in diesem Kontext wird die Himmelsscheibe von Nebra verständlich. Angefertigt wurde sie in der mitteldeutschen Aunjetitz-Kultur zwischen 1800 und 1750 vor Christus mit der damals besten Schmiedetechnik, die durch Vorbilder aus der Ägäis inspiriert zu sein scheint. Das Zinn für ihre Bronze stammte aus dem englischen Cornwall, woher auch das Gold der Himmelskörper kam. Nachdem sie über mehrere Generationen verwendet und wiederholt umgestaltet wurde, vergrub man sie um 1600 vor Christus auf dem Mittelberg bei Nebra.

Harald Meller und Kai Michel: „Griff nach den Sternen“. Nebra – Stonehenge – Babylon: Reise ins Universum der Himmelsscheibe.
Harald Meller und Kai Michel: „Griff nach den Sternen“. Nebra – Stonehenge – Babylon: Reise ins Universum der Himmelsscheibe. 

Die Himmelsscheibe ist das älteste bekannte Instrument der Menschheit, um einen Kalender zu erstellen und somit Zeit exakt in Jahren zu messen. Die dafür angewandte Methode, die auf der Bronzescheibe festgehalten worden ist, war damals wahrscheinlich nur in Mesopotamien bekannt. In diesem Kontext stellen sich zwei Fragen, denen wir intensive Forschungen zur Himmelsscheibe und zur wirtschaftlichen Kraft, sozialen und politischen Struktur sowie Ideologie ihrer Kultur verdanken: In welcher Art von Gesellschaft wird die verlässliche Zählung der Jahre, und eben nicht nur die für die Landwirtschaft wichtige Bestimmung von Jahreszeiten, so bedeutsam, dass man sie auf gut zwei Kilogramm Bronze und rund dreißig Gramm Gold kodiert? Und: Wie kam man im Herzen Mitteleuropas an das notwendige astronomische und mathematische Wissen aus Mesopotamien?

Ein Paradigmenwechsel in der Archäologie

Neue Forschungsergebnisse erlauben es Meller und Michel, auf beide Fragen gewagte Antworten zu geben. Nur in einer Staatsgesellschaft entstünden Macht- und Reichtumsverhältnisse, in denen komplexes Wissen zur Zeitmessung und -vorhersage für die Legitimation der Eliten sinnvoll und für die Organisation von auf Abgaben beruhenden Sozialstrukturen notwendig wird. Dieses Wissen sei nicht langsam über mehrere Zwischenstationen in das Herz Europas gekommen, sondern durch Angehörige der Eliten, die direkt in den Vorderen Orient reisten.

Diese Thesen mögen zuerst Skepsis hervorrufen, verdeutlichen jedoch einen Paradigmenwechsel in der Archäologie. Er wurde nicht zuletzt ausgelöst durch die genetische Erforschung der Beziehung zwischen Menschen – und damit auch ihrer Mobilität. Hinzu kamen immer verfeinertere archäometrische Methoden zur Bestimmung der Herkunft und Zirkulation von Rohstoffen wie Gold oder Zinn in den vergangenen Jahren.

Kontakte zwischen den Menschen der damaligen Zeit

„Griff nach den Sternen“ stellt also nicht nur den Hort von Nebra und die Aunjetitz-Kultur vor, sondern geht allen möglichen Verbindungen nach, die sich aus der Archäologie Mitteldeutschlands ergeben. Das geschieht sehr kundig, da Harald Meller als Landesarchäologe von Sachsen-Anhalt seit zwanzig Jahren diese Forschungen leitet. Die Reise der Autoren führt von Stonehenge und der reichen Bronzezeit Skandinaviens über die Städte und Paläste von El Argar in Südspanien, den befestigten Siedlungen Süditaliens und das mykenische und minoische Griechenland bis nach Assur, Babylon und sogar Ägypten ins Niltal. Mögliche Kontakte und Beziehungen zwischen den Menschen der damaligen Zeit werden anhand der Zirkulation von Objekten und Rohmaterialien aufgezeigt, aber auch anhand der Übereinstimmung zwischen gesellschaftlichen Praktiken, Wissen und Ideologien in vielen Gebieten, begleitet von den neuesten Ergebnissen der Archäogenetik.

Damit bietet der Band einen aktuellen, von Nebra ausgehenden Überblick der Bronzezeit Europas und des Vorderen Orients, insbesondere über die Zeit zwischen 2200 bis 1200 vor Christus. Über zweihundert Abbildungen der materiellen Hinterlassenschaften erlauben es, die aufgestellten Hypothesen zu überprüfen. Illustrationen entwerfen ein mögliches Bild der damaligen Verhältnisse. So entsteht ein eindrucksvolles Panorama der Bronzezeit. Das Buch kann jedoch auch in Hinblick auf die Frage gelesen werden, was die Entstehung von Staaten und Ausübung von Herrschaft in der Geschichte bedeuten und welche Folgen sie für die Menschheit bis heute haben.

Wie konnten sich, nach einer über 100.000 Jahre langen Menschheitsgeschichte, in der kooperative und kollektive Organisationsformen eher die Regel als die Ausnahme waren, in bestimmten Gebieten Herrschaftsklassen herausbilden, die den Rest der Gesellschaft zur Leistung von Diensten und Steuerabgaben zwangen? Die von Meller und Michel vorgestellten Gesellschaften Europas und des Vorderen Orients und Ägyptens zeigen, wie langsam und instabil dieser Prozess war, der den bestimmenden Umbruch der Bronzezeit darstellt, weil er gegen teils massive Widerstände durchgesetzt werden musste.

Harald Meller und Kai Michel: „Griff nach den Sternen“. Nebra – Stonehenge – Babylon: Reise ins Universum der Himmelsscheibe. Propyläen Verlag, Berlin 2021. 272 S., Abb., geb., 39,– €.

Donnerstag, 15. Juli 2021

Das jüdische Element.

S. Freud und Tochter Anna

aus derStandard.at, 14. Juli 2021

Das "jüdische Element"
Das jüdische Großbürgertum um 1900 stellte in Österreich großteils sowohl die materielle Basis als auch das Publikum für den Schub der Moderne
 
von Hans Rauscher

Das Jüdische Museum in Wien begeht das 100-Jahr-Jubiläum der Salzburger Festspiele mit der Ausstellung Jedermanns Juden. Sie beleuchtet die Rolle jüdischer Künstler, aber auch Mäzene bei der Gründung und ersten Blütezeit (bis 1938) der Festspiele.

Die Idee Hugo von Hofmannsthals und Max Reinhardts, eine ganze Barockstadt zur Bühne zu machen, war ein Ausdruck eines Kulturwillens, der dem zusammengestutzten Restösterreich nach dem Ersten Weltkrieg eine übernationale, europäische Bedeutung retten sollte. Aus die-sem Anlass und über diesen Anlass hinaus kann man sich auch an den enormen kulturellen Beitrag erinnern, den jüdische Künstler und jüdische Mäzene zur Kultur der österreichischen Moderne geleistet haben, ehe sie dem organisierten Hass anheimfielen.

Im ausgezeichneten Katalog der Ausstellung heißt es zwar im Beitrag von Michael P. Stein-berg: "In der österreichischen Moderne des Fin de Siècle gibt es also viele Juden und viel Jüdisches, aber es ist methodisch falsch und politisch fatal, sie als ‚jüdisches Phänomen‘ zu bezeichnen, sei es aus einer modernefeindlichen antisemitischen oder einer der Moderne angeblich freundlich gesinnten philosemitischen Perspektive."

Doch man muss in keines der beiden Extreme verfallen, um schlicht festzustellen: Das jü-dische Großbürgertum um 1900 stellte großteils sowohl die materielle Basis als auch das Pub-likum für den Schub der Moderne. Die Industrialisierung der österreichisch-ungarischen Mon-archie war zu einem beträchtlichen Teil auf emanzipiertes, wirtschaftlich erfolgreiches Juden-tum zurückzuführen.

Zugewandtheit zur Moderne

Wenn man in dem informativen Band 100 x Österreich: Judentum (Amalthea, 2020) von Danielle Spera, der Direktorin des Jüdischen Museums, die Kapitel über die Ringstraße nach-liest, fällt die große Zahl von Palais der Gründerzeit auf, die von jüdischen Unternehmern und Bankiers errichtet wurden. In deren Salons wurden Künstler und Intellektuelle aufgenommen, die – jüdisch oder nicht – bis nach dem Untergang der Monarchie das kulturelle Leben beein-flussten. Zugleich weiß man aber, welchen Hass dieser Wohlstand – und diese Zugewandtheit zur Moderne – bei den traditionellen Christlich-sozialen und/oder Deutschnationalen auslöste.

Auch die Salzburger Festspiele stießen sofort auf provinziell-antisemitische Widerstände. So-wohl in der "patriotischen" Presse als auch in der Bevölkerung. Bei der Eröffnungsaufführung des Jedermann wurde mit knapper Not ein lautstarker Protest von Schülern des katholischen Borromäum verhindert, die gegen das "jüdische Element" protestieren wollten.

Ausstellungen wie Jedermanns Juden gehören zu einem Programm von Direktorin Danielle Spera, das von "Fachkreisen" als zu wenig "forschungsrelevant" kritisiert wurde (siehe dazu den STANDARD-Artikel von Olga Kronsteiner). Ohne die "wissenschaftliche Community" abwerten zu wollen – es ist mindestens so wichtig, einen publikumsnahen Einblick in diesen bedeutenden Teil unseres kulturellen Lebens zu bieten.

Darüber, was war, was immer noch ist und was sein könnte, sollte man sich in ansprechender Form informieren können. 


Nota. - Im habsburgischen Vielvölkerstaat konnte die Gruppe derer, die 'nirgendwo so richtg dazugehören', viel eher eine eigene Identität entwickeln als im provinziellen Flickenteppich Deutschland, wo jedes Kaff sein eigenes Profil hatte und seine eigenen Diversitäten; und zu-mal im vergleichsweise weltoffenen Wien, wo unangefochten der Kopf saß.

Aber dort konnte sie auch viel eher zum populären Feindbild stilisiert werden. Ein volkstüm-licher Antisemitismus hatte da eine lange Tradition - auch dies im Unterschied zu Deutsch-land, wo seit der Aufklärung der Antisemitismus unter den Gebildeten als Geschmacklosigkeit galt und erst durch Treitschke und den Kreis um Richard Wagner salonfähig wurde. Und unter den Volksmassen bekam er trotz Schützenhilfe aus dem kaiserlichen Hof gegen die sozialisti-sche Arbeiterbewegung keinen Fuß auf den Boden und keinen Keim in den Hirnwindungen.

Dass dann gerade dort daran gegangen wurde, die Juden Europas industriell auszurotten, bleibt ein Mysterium.

JE


Mittwoch, 14. Juli 2021

Der Untergang der Samurai.

The Battle of Nagashino (six fold screen). It happened on 28 June 1575 in Nagashino, Mikawa Province, Japan aus welt.de, 10. 3. 2021                                                                    In der Schlacht von Nagashino 1575 siegten Gewehre über Reiter

Schlacht bei Nagashino 1575 
Eine Waffe aus Portugal vernichtete Japans Samurai
Drei skrupellose Warlords machten der „Zeit der streitenden Reiche“ in Japan im 16. Jahrhundert ein Ende. Entscheidend wurde die Schlacht bei Nagashino 1575. Vor den Linien einfacher Fußsoldaten türmten sich die gefallenen Samurai-Reiter.
Längst gehört es zu den schönen Freizeitbeschäftigungen, historische Szenen nachzustellen. Die Varusschlacht im Teutoburger Wald etwa oder Napoleons Sieg bei Austerlitz. Die angenehme Begleiterscheinung dieser Treffen ist ihre geringe Verlustrate. Wohlgenährte Bürger mimen ein Gemetzel und versammeln sich anschließend zum fröhlichen Umtrunk.

Die Akzeptanz derartiger Reenactment-Veranstaltungen hat längst auch die Macher von historischen TV-Produktionen bewogen, mit derartigen Spielszenen ihre Lernangebote zu beleben. Allerdings blieben sie dabei in der Regel im Rahmen dessen, was einer Familienrunde zugemutet werden kann. Der Streaming-Dienst Netflix betritt da mit seiner Serie „Zeitalter der Samurai: Kampf um Japan“ Neuland. Hier rollen die Köpfe und spritzen die zumeist roten Körperflüssigkeiten in einem Maße, dass Bildungsinteressierte an sich selbst das Phänomen der Abstumpfung studieren können, je länger sie es vor dem Ferseh-Gerät aushalten. 

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The Satsuma Rebellion was a revolt that occurred nine years into the Meiji Era. After various military reforms had led to the lessening of samurai power and resulted in many unemployed samurai in the Satsuma Domain, Saigo Takamori, one of the senior Satsumi leaders, became worried about political corruption and the future role of samurai warriors. Saigo and his men eventually revolted in January 29, 1877, leading 20,000 to 30,000 samurai against the Japanese Imperial Army. The rebellion was decisvely crushed nine months later in September during the Battle of Shiroyama, the samurai outnumbered 60-to-1 by the Imperial Army. Saigo committed seppuku and killed himself rather than surrender, thus ending the last of a series of armed uprisings against the new government and effectively ending the samurai class. | Verwendung weltweit, Keine Weitergabe an Wiederverkäufer. 
Der große Aufstand 1877

Als mentale Einführung in das Thema ist das bestens geeignet. Denn in der „Zeit der streitenden Reiche“ floss im Japan der Frühen Neuzeit das Blut in Strömen. Während der machtlose Tenno in seinem Palast in Kyoto allenfalls die Idee eines Einheitsstaates repräsentierte, kämpften in den Provinzen Fürsten (Daimyo) und ihre Clans um die Macht, deren Krone das Amt des Shogun (Generalissimus) war, des kaiserlichen Militärkommandierenden, der faktisch der Herr des Landes war. Der Niedergang des Muromachi-Shogunats ließ Nachfolger vom Aufstieg träumen. Umso heftiger befehdeten sich die Daimyo.

Drei Männer sollten das Problem auf ihre Weise lösen, indem sie sich skrupellos, zielstrebig, innovativ und brutal ihrer Feinde entledigten. Ihr Vorteil war, dass sie nicht aus der ersten Reihe agierten, sondern gleichsam aus dem Schatten ins Licht traten.

Oda Nobunaga (1534–1582), porträtiert von einem Jesuiten

Als Oda Nobunaga (1534–1582) seinem Vater als Chef in der zentraljapanischen Provinz Owari nachfolgte, hätte nicht einmal seine Familie viel auf seine Zukunft gegeben. Er war rüpelhaft, unbeliebt und hielt nichts von Traditionen. Aber das setzte ihn in den Stand, neue Methoden zu entwickeln. So erkannte er als einer der Ersten, welches Potenzial in den Feuerwaffen steckte, die portugiesische Händler nach Japan gebracht hatten.

Zwar handelte es sich bei den Arkebusen um knallende Ungetüme, die nicht sehr zielgenau schossen, zwei Minuten zum Beladen brauchten und bei Feuchtigkeit leicht versagten. Aber sie ermöglichten ein Salvenfeuer, das Panzerungen sicher durchschlug und Pferde in Panik versetzte. Vor allem war der Umgang mit einem Gewehr viel schneller zu erlernen als der Einsatz von Pfeil und Bogen, der jahrelange Übung verlangte. Bald wussten Japans Handwerker, die neue Fernwaffe wie auch Kanonen in großen Stückzahlen zu fertigen.

"Herrschaft durch Gewalt": So schaltete Nobunaga seine Gegner aus

Die „Tanegashima“ wurden zu idealen Waffen für Leute, die bis dahin allenfalls als Opfer an Kriegen teilgenommen hatten: Bauern, Fischer, Tagelöhner und andere Unterprivilegierte der japanischen Gesellschaft. Nobunaga rüstete sie nicht nur mit Feuerwaffen, Speeren und schlichten Rüstungen aus, sondern drillte sie auch, sodass diese Ashigaru in größeren Formationen kämpfen konnten. Zugleich bewies er ein Händchen bei der Rekrutierung fähiger Generäle. Während er seinen jüngeren Bruder und Rivalen erschlug, fand er in Toyotomi Hideyoshi (1536–1598) und Tokugawa Ieyasu (1543–1616) kongeniale Unterführer.

Mit dieser Armee sah sich Nobunaga nicht mehr an die traditionelle Form der Kriegführung gebunden. Bis dahin hatten sich die Daimyo und ihre Anhänger in Hunderten Burgen verschanzt und ihre Kämpfe mit zumeist berittenen Samurai ausgetragen, die sich auf die Durchschlagskraft ihrer Schwerter und Bögen und nicht zuletzt ihre Ehre verließen. Als der mächtige Fürst Imagawa Yoshimoto mit 25.000 Mann durch seine Provinz zog, stellte ihm Nobunaga eine Falle. Nachts, während einer heiligen Zeremonie, überfiel er mit 2000 Soldaten dessen persönliches Lager. Nach dem Tod ihres Feldherrn löste sich dessen Armee auf.

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„Herrschaft durch Gewalt“ hat der Historiker Peter C. Perdue Nobunagas Konzept genannt. Das mussten auch die Mönche und ihre Schutzbefohlenen der Ikko-Sekte erfahren, die sich in dem riesigen buddhistischen Zentrum auf dem Berg Hiei nordöstlich von Kyoto verschanzt hatten. 3000 Gebäude wurden niedergebrannt, 20.000 Menschen sollen enthauptet worden sein. „Das Blut floss wie ein Fluss den Berg hinunter“, erklärt ein Fachmann in der Netflix-Doku, die es dankenswerter Weise bei einigen auserwählten Opfern belässt.

Nobunagas wachsende Kriegsmacht hatte zur Folge, dass sich ihm nur noch die großen Daimyo entgegenzustellen wagten, die sich Festungen leisten konnten, die den neuen Kanonen widerstanden. Bekannt ist vor allem Takeda Shingen, der Anfang der 1570er eine Koalition von Daimyo zusammenbrachte. Dessen Schicksal hat der japanische Regisseur Akira Kurosawa in seinem Meisterwerk „Kagemusha – Schatten des Kriegers“ (1980) eindrucksvoll in Szene gesetzt.

Nobunagas Schützen bei Nagashino – Szene aus "KAGEMUSHA – Schatten des Kriegers" (1980)

Solange der alte Takeda lebte, konnten die Verbündeten Nobunagas Armee erfolgreich Widerstand leisten. Aber als dessen Sohn sich mit einer Offensive zu beweisen suchte, traf er 1575 bei Nagashino auf dessen Ashigaru-Soldaten. Takeda hatte die größere Armee und war dabei, eine Burg einzunehmen. Nobunaga ließ 3000 Arkebusen-Schützen hinter Palisaden in Stellung gehen.

Als Takedas Kavallerie gegen diese Feldbefestigungen anstürmte, wurde sie von dichtem Salvenfeuer vernichtet. Die Toten türmten sich vor den Verschlägen heißt es, 10.000 Samurai sollen ihr Leben verloren haben. Nobunaga ließ die Anführer kreuzigen und war auf dem besten Weg zum Shogunat. Doch bevor er sich dazu erklären konnte, wurde er Opfer von Verrätern.

Zu seinem Rächer und Nachfolger avancierte Hideyoshi. Aus einfachsten Verhältnissen stammend, sah er sich auch nicht an Traditionen gebunden, sondern setzte Nobunagas Politik fort, indem er mit wegweisenden Maßnahmen die Grundlage eines Einheitsstaates legte. Nachdem er auch die Daimyo im Süden und Nordosten Japans unterworfen hatte, erließ er das Dekret der „Großen Schwertjagd“: „Den Bauern der verschiedenen Provinzen ist es streng verboten, lange Schwerter, kurze Schwerter, Bogen, Speere, Muskete oder irgendeine andere Waffe zu besitzen.“ Auch die Samurai mussten ihre Fernwaffen abgeben, zahllose Burgen wurden geschleift.

Auf diese Weise verhinderte Hideyoshi neue Machtzusammenballungen, die ihm hätten gefährlich werden können. „Anschließend fror er die Gesellschaftsordnung ein“, schreibt Perdue. Bauern wurden an die Scholle gefesselt, Handel wurde den Städtern zugewiesen, Samurai war es verboten, bezahlte Arbeit anzunehmen. Das gesamte Land wurde vermessen, sein Produktionspotenzial zur Grundlage der Steuererhebung gemacht, die in koku gemessen wurde, was in etwa dem jährlichen Reisverbrauch pro Kopf entsprach. Den zwölf Millionen Japanern standen 18,2 Millionen koku zur Verfügung, von den Daimyo und Samurai nach einem gestaffelten System ihren Anteil bekamen.

Der Sieger: Tokugawa Ieyasu (1543–1616) nahm 1603 den Titel Shogun an

Doch sein Einigungswerk hatte Hideyoshi offenbar größenwahnsinnig gemacht. 1592 erklärte er, dass er sich nichts sehnlicher wünsche, „als dass mein Name überall in den drei Ländern (Japan, China und Indien) bekannt ist“. Doch seine 200.000 Mann starke Armee erlitt bereits in Korea schwere Verluste. Als Hideyoshi 1598 starb, war der einzige Erfolg seines Unternehmens, die chinesische Ming-Dynastie so weit geschwächt zu haben, dass sie einige Jahrzehnte später zum Opfer der Mandschu wurde.

Der Gewinner wurde der Dritte im Bunde: Tokugawa Ieyasu. Er siegte in der Entscheidungsschlacht über seine Gegner und konnte als Hochadliger 1603 den Titel des Shogun gewinnen. Er verbot den Krieg und machte die Samurai zu Beamten und Verwaltern, die ihre Schwerter nur noch zum Ausweis ihres Ranges tragen durften. Bis zur Ankunft der „Schwarzen Schiffe“ des US-Commodore Matthew Perry im Juli 1853 sollte Japan ein weitgehend abgeschlossenes Land bleiben.