
...wären ihnen zu weit.
Herr Baerbock zieht extra den Bauch ein.
aus derStandard.at, 22. 11. 2021
Der Wiener Standard bringt heute ein Interview mit dem belgischen Philosophen und Ökonomen Philippe van Parijs.
...
Van Parijs: Es gibt eine perverse Korrelation: Attraktivere Jobs werden viel besser bezahlt als unangenehme Jobs. Es sollte umgekehrt sein. Jetzt ist es so, dass die Verhandlungsmacht der Arbeitnehmer mit bestimmten Qualifikationen größer wird. Das Grundeinkommen würde genau das Gegenteil bewirken, es würde die Verhandlungsposition der Schwächeren stärken. Derjenigen, die sonst keine Wahl haben, als einen unangenehmen Job anzunehmen. Was müsste passieren? Die Gehälter für unattraktive Jobs müssten steigen oder diese Jobs angenehmer werden. Das wäre sozial fair. Es gibt viele systemrelevante Jobs, die sehr anstrengend sind. Zum Beispiel Krankenpfleger. Jetzt könnte man einwenden, dass wir ohnehin schon zu wenige Krankenpfleger haben und ein Grundeinkommen die Situation noch schlimmer machen würde. Aber es gäbe genügend Geld, um das Einkommen von Pflegern anzuheben. Man muss diejenigen besteuern, die derzeit viel mehr verdienen. Die würden ihre Arbeit weiterhin machen, ihr Gehalt würde ja weiterhin über dem Grundeinkommen liegen.
STANDARD: Womit wir bei der Frage der Finanzierung wären. Viele behaupten ja, ein Grundeinkommen sei nicht finanzierbar.
Van Parijs: In entwickelten Sozialstaaten müsste das bedingungslose Grundeinkommen zusammen mit einer Reform der Einkommenssteuer eingeführt werden. Es würde sich dann großteils selbst finanzieren. Sozialtransfers, die unter dem Grundeinkommen liegen, würden gestrichen. Und Leistungen, die drüber liegen, wie etwa Pensionen, um den Betrag des Grundeinkommens gekürzt. Weil dadurch manche bessergestellt werden, entstehen zusätzliche Kosten für den Staat. Die kann er durch eine Reform der Einkommenssteuer finanzieren. Zum Beispiel würde die Steuerfreiheit für niedrige Gehälter fallen, man würde jeden verdienten Euro gleich mit 30 Prozent oder mehr besteuern. Die Spitzensteuersätze auf hohe Einkommen würden steigen. Ein Vorteil wäre, dass Menschen nicht mehr in Sozialleistungen gefangen werden. Wer etwa Arbeitslosengeld bekommt, wird nur arbeiten gehen, wenn das Gehalt hoch genug ist. Bei einem bedingungslosen Grundeinkommen wäre das nicht der Fall, das Grundeinkommen wird nicht gestrichen. ...
Nota. - Er legt den Finger auf den springenden Punkt: Wenn Löhne und Gehälter nicht mehr daran gemessen würden, was die Ausbildung der jeweiligen Arbeitskraft einma gekostet hat, sondern daran, wieviel menschliche Mühsal die Arbeit heute kostet, wäre das Grundgesetz der bürgerlichen Gesellschaft außer Kraft gesetzt: das Wertgesetz. Nicht mehr der Tauschwert regierte den gesellschaftlichen Verkehr, sondern der Gebrauchswert, alias der Nutzen für einen jeden. Das müsste politisch reguliert werden statt ökonomisch.
Das wäre keine Sozialreform, sondern eine gesellschaftliche Revolution. Wie die durchzuset-zen wäre, ist freilich eine Frage für sich.
JE
aus zeit.de, 9. 11. 2021
Viel spricht also dafür, dass Merz bald die CDU
führen wird. Noch mehr deutet allerdings darauf hin, dass er die Partei
weit weniger prägen wird, als er das im Augenblick vermutlich selbst
glaubt.
Da ist, erstens, die Ausgangslage: Merz ist deutlich konservativer als alles, was die CDU so zuletzt im Angebot hatte. Er polarisiert damit die eigene Partei. Das wird selbst jemand wie Merz nach innen damit kompensieren müssen, dass er seine fünf Stellvertreter, den Generalsekretärsposten und den Vorstand der Bundestagsfraktion mit Jungen, Liberalen und – im Idealfall – Frauen besetzt. Bei seinen letzten Kandidaturen galt er als der Solitär – auch das wird als Grund für seine Niederlagen betrachtet. Daraus scheint er gelernt zu haben und nun seine Fähigkeiten als Integrator testen zu wollen.
Das
Teambuilding läuft derzeit, jeder spricht mit jedem. Ergebnis: noch
offen. Ebenso wie die Frage: Hätte denn eine junge, liberale Frau
überhaupt Lust, unter einem Parteichef Merz das Adenauer-Haus als
Generalsekretärin zu leiten?
Aufs Team kommt es umso mehr an, da Merz weitere Aspiranten wird abfinden müssen – Gesundheitsminister Jens Spahn
etwa oder den Wirtschaftspolitiker Carsten Linnemann. Und weil ja
selbst Merz ahnen dürfte, dass er in der etwas breiteren Öffentlichkeit
kaum als der Kandidat wahrgenommen wird, der glaubhaft für Aufbruch und
Erneuerung steht, braucht er die Generation 40 plus dringend an seiner
Seite. Das heißt: Selbst wenn die Basis Merz mit einem starken Ergebnis
ausstatten sollte – durchregieren kann er nicht. Er ist auf die anderen
angewiesen.
Zweitens: Merz könnte als
CDU-Chef schnell Geschichte sein. Nächstes Jahr stehen vier
Landtagswahlen an. In drei Ländern könnte die CDU die Staatskanzlei
verlieren. Sollte Mitte Mai die Wahl im so wichtigen Flächenland NRW
schiefgehen, wäre das für jeden neuen Parteivorsitzenden ein schwerer
Schlag. Gut möglich also, dass Merz’ Vertrauensvorschuss als neuer
Parteichef binnen weniger Wochen verbraucht ist. Und intern seine
Autorität schwindet und die Führungsfrage gestellt wird. Ein ähnlicher
Horror-Start mit gleich mehreren Wahlniederlagen war letztlich der
Anfang vom Ende von Annegret Kramp-Karrenbauer als Parteichefin.
Parteichefs werden auf zwei
Jahre gewählt. Nicht ausgeschlossen, dass Merz danach derart verspielt
hat, dass er gar nicht mehr antreten kann.
Das wird drittens umso wahrscheinlicher, je näher die nächste Bundestagswahl rückt. Und damit die Frage: Wer wird Kanzlerkandidat? Dafür müssten CDU und CSU nach den Erfahrungen des Frühjahrs schleunigst ein geordnetes Verfahren finden, auch wenn für so grundlegende Fragen derzeit keiner einen Kopf zu haben scheint. In jedem Fall werden CDU und CSU versuchen, einen gemeinsamen Kandidaten aufzustellen. Und die CSU wird, solange Markus Söder da noch was zu melden hat, alles daran setzen, dass das nicht Merz wird. Das Verhältnis der beiden gilt als irreparabel. Und ein CDU-Chef, der nicht Kanzlerkandidat wird, wird schnell zur Lame Duck. Und vermutlich nicht mehr allzu lange Parteichef bleiben. Zu kurz jedenfalls, um eine Ära zu prägen.
Nota. - Hoffentlich nicht einmal vorübergehen: Wo sie einem Kopf für morgen bräuchten, einen, sagen wir mal, Hintermann von gestern zu wählen - das wäre nicht nur verlorene Zeit. Das wäre ein Zurück auf Anfang.
Ich werd mir nicht das Maul verbrennen und für Norbert Röttgen Reklame machen. Wäre er nicht mehr als der Vertreter des liberalen Flügels der CDU, wäre er auch nur Platzhalter für einen, den sie wirklich brauchen. Nämlich einen, der das wirkliche Vermächtnis von Angela Merkel übernimmt. Die hat im Jahr 2015 zweimal - erst in der Krise um Griechenland, dann in der historischen Flüchtlingskrise - gezeigt, was Deutschlands Bestimmung ist: Europa zusam-menführen, um seinen Platz in der Welt zu behaupten.
Gezeigt hat sie es; aber wahrgenommen wurde es drinnen so wenig wie draußen. Heute klingt es fast bockig, wenn sie sagt, 'das' hätten wir geschafft. Schlecht und recht haben wirs ge-schafft, ohne dass wirklich ein Schaden entstanden wäre. Aber das ist leider auch alles. Worum es eigentlich ging: Eine historische Herausforderung, die, wie wir an der polnischen Ostgrenze sehen, noch lange Weltpolitik machen wird, als europäische Aufgabe wahrzunehmen - das ist in den Niederungen des bundesdeutschen Klein-Kleins untergangen. Aber sie wird uns er-haltenbleiben und gar noch anwachsen. An ihr wird sich Europa bewähren - oder auseinan-derfallen.
Das ist keine Frage von eher liberaler oder eher konservativer Herzensneigung. Es ist eine weltpolitische und eine historische Frage. Wer in Deutschland das Ruder ergreifen will, muss an diesem Punkt seine Qualifkation glaubhaft machen. Einen andern dürfen wir uns auch "vorübergehnd" gar nicht erst überhelfen lassen.
JE
Diese wollen eine Eintagsfliege zum Kanzler machen. Setzen jene einen Dauerbrummer dagegen?
Nota. Das obige Foto gehört mir nicht, ich habe es im Internet gefunden. Wenn Sie der Eigentümer sind und seine Verwendung an dieser Stelle nicht wünschen, bitte ich um Nachricht auf diesem Blog. JE

aus welt.de, 16. 11. 2021
Auch die größten Theoretiker haben einmal als Praktiker begonnen. Zumindest gilt das für Niklas Luhmann (1927–1998), der – lange bevor er zum Übersoziologen wurde – in nieder-sächsischen Behörden gearbeitet hat. Nach acht Jahren als Ministerialbeamter begann Luh-mann 1962 seine akademische Karriere als Verwaltungswissenschaftler in Speyer. In dieser Zeit entstand eine unvollendet gebliebene Abhandlung, die nun umsichtig ediert worden ist. Es ist eine denkbar grundlegende Verwaltungstheorie, die wirtschaftswissenschaftliche, juri-stische, psychologische und soziologische Fragestellungen miteinander vereint.
Das geht nicht ohne Abstraktionen ab, die durch konkretes Insiderwissen zum Beamtenalltag unterfüttert werden. Luhmann entwickelt auf dem empirischen Feld des Behörden- und Mana-gementwesens jenes begriffliche Instrumentarium, mit dem er später so unterschiedliche Din-ge wie Liebe, Kunst, Pädagogik und Massenmedien analysiert hat. Die Geburt der System-theorie aus dem Geist der Bürokratie. Der Meister selbst zeigt sich von der Tragweite seiner Methode schon damals überzeugt und verkündet selbstbewusst im Vorwort: „Es gibt nichts Praktischeres als eine gute Theorie.“ Marianna Lieder
Niklas Luhmann: Die Grenzen der Verwaltung. Suhrkamp, 254 Seiten, 28 Euro
.
„Ich denke, dass der wirkliche Grund manchen Verhaltens der Wunsch ist, die Umwelt zu schockieren.“ Seit 1968 gebe es optisch, musikalisch, sexuell nichts mehr, „was wirklich gegen den Strom schwimmen kann – ausgenommen rassistisches Verhalten, das für das politische Establishment und das Allgemeinbefinden der Menschen ziemlich unangenehm ist“.
Niklas Luhmann, welt.de 4. 12. 17
supervisionswerkstatt aus Tagesspiegel.de,14. 11. 2021
Die CDU muss nach Auffassung des früheren Bundestagspräsidenten Norbert Lammert ihren Markenkern grundlegend modernisieren. „Die CDU hat fast alle historischen Alleinstellungs-merkmale verloren“, sagte Lammert dem Tagesspiegel am Sonntag.
Klassische Positionen von der Westbindung bis zur sozialen Marktwirtschaft seien längst auch von anderen Parteien übernommen worden. Notwendig sei deshalb jetzt ein „prägnante Neu-formulierung“ dieser Markenkerne „unter Berücksichtigung der tatsächlichen Herausforde-rungen des 21. Jahrhunderts“.
Lammert, der heute die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung leitet, warnte dabei vor einer Verengung des Blickwinkels auf die Kernklientel. „Wahlen werden heute von den Wechsel-wählern entschieden“, sagte er.
Der früher typische CDU-Wähler könne sich heute genauso vorstellen, seine Stimme für FDP, Grüne oder SPD abzugeben. „Für drei Viertel der Wählerinnen und Wähler wird mit jedem Wahltag das Spiel neu eröffnet“, sagte Lammert. „Keine Partei, auch keine der ehemals größe-ren Volksparteien, kann heute mehr Wahlen durch die Mobilisierung der Stammwähler gewin-nen.“
Die Union habe bei Bundestagswahl alleine 2,5 Millionen Stimmen an SPD und Grüne verlo-ren. „Schlicht desaströs“ sei ihr Abschneiden bei Erstwählern.
Skeptisch sieht Lammert die geplante Mitgliederbefragung über den CDU-Vorsitz. „Leider vertagt dieses Vorgehen eher die Identifizierung und Lösung der eigentlichen Probleme“, sagte er.
Zugleich präjudiziere die Entscheidung über die Person die Neuaufstellung, bevor über diese Probleme überhaupt gesprochen worden sei. „Beides hätte ich eigentlich lieber umgekehrt gesehen“, sagte er.
Das jetzt gewählte Verfahren begünstige zugleich eine Personalentscheidung aus der Nabel-schau der Partei statt einer Orientierung an den Wählern.
„Unter praktischen wie empirischen Gesichtspunkten spricht manches dafür, dass die Dele-gierten eines Parteitags ... näher an der Wählerschaft sind als die Mitglieder“, sagte Lammert. Denn Delegierte müssten sich selber Wahlen stellen, während „die Mehrheit der Mitglieder politisch eher inaktiv“ sei.
Zwischen den Erwartungen von Mitgliedern und Wählern bestünden aber „zum Teil beacht-liche Unterschiede“.
Kanzlerin Angela Merkel habe sich etwa in der Familienpolitik oder beim Umgang mit Migra-tion deutlich von den eigenen Mitgliedern entfernt. Eine Studie der Stiftung habe jedoch ge-zeigt, dass sie damit zugleich große Zustimmung unter Wählern gefunden habe. „Leicht zu-gespitzt gesagt: Hätte sich die Vorsitzende als Kanzlerin so verhalten, wie es die Mehrheit der Unionsmitglieder von ihr erwartete, wäre sie mit hoher Wahrscheinlichkeit längst nicht mehr im Amt gewesen“, sagte Lammert.
Nota. - Wie eine Unterstützung der Kandidatur von Helge Braun klingt das nicht; vom Unto-ten ganz zu schweigen. Dasselbe wie gehabt, bloß in gefälligerer Verpackung, oder gar zurück zur guten alten Zeit? Nicht im Erscheinungsbild, sondern in ihrer Substanz müsste die CDU erneurt werden. Westbindung und soziale Marktwirtschaft sind gebongt. Als Markenkern übrig bliebe Kanzler*wahlverein mit Bisselwas für jeden. Das war der Kandidat Laschet: Mit 'Volks-partei' ist kein Staat mehr zu machen. Was heute gefragt ist: Profil statt großer Magen.
*
Ist Lammert ein Zugewinn für die radikale Mitte?
JE
Vulkanausbrüche dürften in den letzten zweitausend Jahren entscheidend zum Zusammenbruch zahlreicher Herrscher-Dynastien des chinesischen Kaiserreichs beigetragen haben. Das geht aus einer Analyse eines internationalen Forschungsteams mit Beteiligung der Universität Bern hervor.
Große Vulkanausbrüche zählen zu den wichtigsten natürlichen Ursachen für abrupte und kurzfristige Klimaveränderungen. In Asien beispielsweise können sie kältere Sommer im Norden, einen schwächeren Monsun und somit weniger Regen im Süden hervorrufen. Die Kälte und Trockenheit schlagen sich negativ auf die Ernteerträge nieder.
Die Forschenden um Chaochao Gao von der Zhejiang University (China) und Francis Ludlow vom Trinity College im irischen Dublin rekonstruierten nun anhand von Eisbohrkernen 156 Vulkanausbrüche, die sich zwischen dem Jahr 1 und 1915 ereignet hatten. Diese Informationen verknüpften sie mit historischen Dokumenten aus 68 chinesischen Dynastien.
Die im Fachmagazin "Communications Earth & Environment" veröffentlichte Analyse legt nahe, dass der großen Mehrheit der Dynastie-Kollapse (62 von 68) eine oder mehrere Vulkaneruptionen vorausgingen. "Wir konnten zum ersten Mal zeigen, dass es in China nach Vulkanausbrüchen deutlich wahrscheinlicher war, dass Dynastien zusammenbrachen. Diese Ursache hat System", sagte Mitautor Michael Sigl von der Universität Bern.
Die Forschenden weisen allerdings darauf hin, dass der Zusammenbruch einer Dynastie komplex und ein Zusammenspiel vieler Faktoren ist. Das wird beispielsweise durch die Tatsache unterstrichen, dass den Ausbrüchen des Tambora im Jahr 1815, des Huaynaputina (1600) oder des Samalas (1257) kein unmittelbarer Sturz folgte. Neben Missernten gehören etwa auch schlechte Führung und Korruption in der Verwaltung zu den Faktoren, die eine Dynastie destabilisieren.
In ihrer Studie zeigten die Forschenden, dass kleinere, von Vulkanen ausgelöste Klimaschocks zum Zusammenbruch von Dynastien führen können, falls es bereits politische und sozioökonomische Spannungen gibt. Größere Schocks hingegen können auch bei zuvor geringem Druck zum Sturz führen.
Die Forschenden vermuten, dass die lediglich mäßigen Vulkanausbrüche der 1970er- bis 1990er-Jahre in Kombination mit von Menschen verursachten Schwefelemissionen zu Dürren in der Sahelzone beigetragen haben dürften. Die Katastrophen forderten der Universität Bern zufolge 250.000 Todesopfer und trieben zehn Millionen Menschen in die Flucht. In Verbindung mit der globalen Klimaerwärmung könnten größere Vulkanausbrüche wohl tiefgreifende Auswirkungen auf die Landwirtschaft "in einigen der bevölkerungsreichsten und gleichzeitig am stärksten marginalisierten Regionen der Erde haben", so die Autoren. (APA)