Samstag, 7. September 2013

Sunna und Schia.

aus NZZ, 4. 9. 2013                                                                                                                               Hussein Schrein, Kerbela

Sunna und Schia
 
Ein Heft der Vontobel-Schriftenreihe

Der Nahe Osten ist in Aufruhr. Ein Vontobel-Heft der deutschen Islamwissenschafterin Katajun Amirpur beleuchtet die historischen und heutigen Konfliktfelder zwischen Schiiten und Sunniten. 

von Christian H. Meier 

Der Anspruch der Vontobel-Stiftung, mit ihrer Schriftenreihe «aktuelle und grundlegende Themen» aufzugreifen, ist im vorliegenden Band zweifellos gleichermassen erfüllt: Das Heft «Schia gegen Sunna. Sunna gegen Schia» der Islamwissenschafterin Katajun Amirpur erscheint in einer Phase, in der die Spannungen zwischen den beiden grossen islamischen Konfessionen wieder das Niveau eines verdeckten oder sogar offenen Religionskriegs zu erreichen scheinen. In Syrien spielen sunnitische Jihadisten eine zentrale Rolle im Kampf gegen das - zumindest nach oberflächlicher Betrachtung - schiitische Alawitenregime der Asads; in Pakistan wiederum, aber beispielsweise auch in Ägypten sind Schiiten Stimmungsmache und Gewalt ausgesetzt, und auf regionaler Ebene kämpfen die streng antischiitische Wahhabiten-Monarchie Saudiarabien und der revolutionär-schiitische Iran um die Vormachtstellung im Nahen Osten, inklusive verschiedener Stellvertreterkonflikte.

Dass nicht alle diese Konflikte - selbst wenn es so scheinen mag - originär mit der Glaubensrichtung zusammenhängen, schreibt Amirpur selbst: Insbesondere im Falle Iran contra Saudiarabien «lässt sich kaum sagen und auseinanderhalten, was wen oder wer was beeinflusst: Politik oder Religion». Gleichzeitig - und dies zu verdeutlichen, ist das grösste Plus ihrer Abhandlung - hängen entscheidende Differenzen, etwa was Auffassungen von Macht und Autorität betrifft, eben doch auch mit den unterschiedlichen theologischen Wegen zusammen, die Schiiten und Sunniten genommen haben, seit sich in frühislamischer Zeit - bezeichnenderweise aufgrund politischer Streitpunkte - erstmals unterschiedliche Fraktionen bildeten. So spielt der Klerus im schiitischen Islam - dem weltweit schätzungsweise 15 Prozent aller Muslime folgen - eine viel stärkere Rolle als bei den Sunniten, und im Zuge verschiedener Neuinterpretationen ist es iranischen Gelehrten gelungen, diese theologische Bedeutung in politische Ansprüche umzumünzen - in Khomeinys Konzept von der «Herrschaft des Rechtsgelehrten».

Immer wenn die Konsequenzen fundamentaler Differenzen zwischen Sunna und Schia analysiert und jeweils mit historischen Entwicklungen verknüpft werden, ist Amirpurs Darstellung stark: etwa wenn sie die Genese der quietistischen «Jammer-Schia» und der aktivistischen «roten Schia» beschreibt. Die titelgebende Idee, interkonfessionelle Zusammenhänge und Konfrontationen zu beleuchten, hätte jedoch noch konsequenter erfolgen müssen. Die sunnitisch-schiitische Ökumenebewegung des 20. Jahrhunderts etwa wäre ausführlicherer Erwähnung wert gewesen. Auch die Alltagsebene fehlt weitgehend - wie gestaltet sich beispielsweise das Zusammenleben im multikonfessionellen Libanon? Insbesondere in der ersten Hälfte, einem historischen Schnelldurchlauf, überzeugt die Darstellung nicht immer, und insgesamt erfährt der Leser weit mehr über Schiiten als über Sunniten, was an der Spezialisierung der Autorin liegen mag. Rätselhaft bleibt schliesslich auch, warum ein - hochinteressantes - Kapitel über schiitische Minderheiten und gegenwärtige politische Konflikte mit «Sunnitische Vielfalt» überschrieben ist. Letztlich zeigt das Heft vor allem eines: Die Zusammenhänge zwischen Sunna und Schia sind komplex, immer wieder aktuell - und aus diesem Grund auf knapp 80 Seiten bei weitem nicht erschöpfend zu behandeln.

Katajun Amirpur: Schia gegen Sunna. Sunna gegen Schia. Schriftenreihe der Vontobel-Stiftung, Nr. 2070. Unentgeltlich zu beziehen unter www.vontobel-stiftung.ch oder bei Vontobel-Stiftung, Schriftenreihe, Tödistrasse 17, 8002 Zürich.

Freitag, 6. September 2013

Jacob Burckhardts «Griechische Culturgeschichte».

aus NZZ, 4. 9. 2013

Antiklassizistischer Klassiker
 
Die Neuedition der «Griechischen Culturgeschichte» Jacob Burckhardts ist abgeschlossen

von Stefan Rebenich · Im Sommersemester 1872 las Jacob Burckhardt an der Universität Basel zum ersten Mal über die Griechen. Lange hatte er das Kolleg vorbereitet, ausführlich die antiken Quellen exzerpiert und souverän die gelehrte Literatur ignoriert. Rund ein Drittel aller immatrikulierten Studenten sass dem Historiker zu Füssen: Unter den gut fünfzig Hörern fand sich auch Friedrich Nietzsche. Jacob Burckhardt hielt seine Vorlesung bis zum Wintersemester 1885/86 insgesamt siebenmal. 3200 Manuskriptseiten dokumentieren seine kontinuierliche Arbeit an dem Text. Zunächst wollte er nur sein akademisches Auditorium erreichen. Erst später dachte er an eine Publikation und machte sich daran, seine Aufzeichnungen für eine Veröffentlichung vorzubereiten. Bei seinem Tode im Jahre 1897 lag nur ein Teil in revidierter Fassung vor. Burckhardts Neffe Jacob Oeri führte die überarbeiteten Partien und die Vorlesungspapiere zusammen, zog auch Nachschriften von Hörern heran und setzte sich selbstbewusst über Burckhardts letztwillige Verfügung hinweg, das Manuskript nicht zu drucken. Die vierbändige Ausgabe, die durch Oeris Initiative von 1898 bis 1902 in erster Auflage erschien, machte die «Griechische Culturgeschichte» weltberühmt.

Bei den Zeitgenossen stiess das Werk auf höchst unterschiedliche Aufnahme. Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff, der «princeps philologorum», meinte, das Buch existiere für die Wissenschaft nicht, weil es die Ergebnisse der modernen Forschung ignoriere; sein althistorischer Kollege Robert Pöhlmann hingegen pries das Werk «als ein hochbedeutendes Denkmal der tiefgreifenden Wandlungen, welche das historische Urteil über die Griechen in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts erfahren» habe. Heute ist unbestritten, dass Burckhardt der Forschung neue Wege wies, indem er die Polis als paradigmatische Lebensordnung begriff, die gleichermassen Politik, Kultur und Religion integrierte.

Burckhardt richtete sein Augenmerk auf das Ganze der griechischen Geschichte und überwand die traditionelle Beschränkung auf die antiquarische Forschung und politische Ereignisgeschichte. Er relativierte die klassizistische Überhöhung der Griechen, akzentuierte die Dialektik von Individualität und Staatsknechtschaft und skizzierte den Zusammenhang von Kulturleistung und «agonalem Prinzip». Er schrieb wider die historistische Relativierung der individuellen Forscherleistung und blieb auch dann noch ein Meister der historischen Wissenschaft, als Theodor Mommsen schon längst nur noch Geselle sein mochte.

Doch welchen Text lasen die Zeitgenossen? Das Werk ist, wie gesagt, in seiner Druckfassung ein Produkt Jacob Oeris. Burckhardts Neffe straffte hier und kürzte dort, er erfand Überleitungen und stellte grosszügig um. Erst er schuf einen lesbaren Text, der - gerade durch die Eingriffe und Glättungen - erfolgreich war. 1930/31 und 1956/57 erschienen Neuausgaben, die offenkundige Versehen beseitigten und dann im Taschenbuch und als CD-ROM weite Verbreitung fanden.

Die neuen Herausgeber der «Griechischen Culturgeschichte», die über einen Zeitraum von zehn Jahren im Rahmen der monumentalen Werkausgabe des Basler Historikers erschienen ist, haben Oeris «editorische Konstruktion eines diskursiven Textes» gerade in den Teilen, für die nur Burckhardts Vorlesungskonzepte und Notizen vorliegen, mit philologischer Präzision erfolgreich dekonstruiert. Gewiss, das Werk ist jetzt nicht mehr so flüssig zu lesen, wie man es von den wohlfeilen Ausgaben gewohnt war. Und man vermisst vertraute Wendungen und altbekannte Formulierungen. Doch in der Neuausgabe wird Burckhardts Arbeit am Text sichtbar, vor allem seine innovative und originelle Quellenarbeit, die überraschende Perspektiven auf verschiedene Forschungsgegenstände eröffnet. Zugleich wird das Skizzenhafte und Vorläufige mancher Schilderung viel deutlicher als in Oeris harmonisierender Übertragung.

Vier mächtige Bände, 3600 Seiten, zeugen von der Genauigkeit und Gelehrsamkeit, dem Fleiss und der Ausdauer der Basler Herausgeber. Die traditionsreichen Verlage Schwabe in Basel und C. H. Beck in München haben zu diesem Grossprojekt zusammengefunden. Und der Schweizer Nationalfonds hat es über Jahre gefördert.

Christian Meier, der Doyen der Althistoriker, hat, als er unlängst in Basel die herausragende Edition würdigte, keinen Zweifel daran gelassen, dass dieses Werk aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nach wie vor unsere Aufmerksamkeit verdient: Burckhardt fragt nach der historischen Bedeutung der Griechen, beschreibt das schwierige Verhältnis von freier Individualität und kollektiver Souveränität und bezeugt Empathie für die Opfer der Staatsverbrechen und für die Not der Zukurzgekommenen. In seiner antiklassizistischen Kulturgeschichte hat Burckhardt den duldenden und den leidenden Menschen in das Zentrum historischen Interesses gerückt.

Die Edition will denn auch ein breites Publikum erreichen. So sind alle Originalzitate übersetzt und zahlreiche Erläuterungen beigegeben. Ein umfangreiches Sachregister erschliesst zuverlässig Burckhardts begriffliches Instrumentarium. Den Herausgebern ist es in vorbildlicher Weise gelungen, ein vielschichtiges Textmaterial in eine Form zu bringen, die die Entstehungszusammenhänge und die Manuskriptentwicklung abbildet. Sie haben mit dieser Edition nicht nur einen wichtigen Beitrag zur Jacob-Burckhardt-Forschung und zur Geschichte der Altertumswissenschaften geleistet, sondern in methodischer Hinsicht ein «ktema es aiei» geschaffen, einen «Besitz für alle Zeit», der beispielhaft zeigt, wie ein solch komplexer Text auf der Grundlage moderner wissenschaftlicher Prinzipien ediert werden muss und wie man es vermeidet, der naiven Fiktion Jacob Oeris zu verfallen, der geglaubt hatte, die Autorintention rekonstruieren zu können.

Der neue Text der «Griechischen Culturgeschichte» verlangt dem Leser einiges ab, aber dessen Mühe wird reich belohnt: Er kann einen faszinierenden Blick in die Werkstatt des Basler Gelehrten werfen. Zu bedauern ist allerdings der hohe Preis: Die vier Bände kosten gut 800 Franken. Viele werden diese mustergültige Ausgabe deshalb nur in einer Bibliothek benutzen können. - Vielleicht ist es Zeit, über eine elektronische Publikation nachzudenken?

Jacob Burckhardt: Griechische Culturgeschichte. 4 Bände (Kritische Gesamtausgabe, Bd. 19-22). Aus dem Nachlass herausgegeben von Leonhard Burckhardt, Barbara von Reibnitz, Alfred Schmid und Jürgen von Ungern-Sternberg. Schwabe, Basel, und C. H. Beck, München 2002-2013. Insgesamt rund 3600 S., Gesamtpreis: € 598.-, Fr. 805.60.

Donnerstag, 5. September 2013

Der wichtigste Beitrag des Christentums zum Abendland war die weltliche Macht seiner Kirche.


Der bedeutendste Beitrag des Christentums zum Abendland war die Verbindung des Monotheismus mit einem sakramentalen Priestertum.

Erst diese Verbindung hat die Entstehung einer Kirche mit universellem Anspruch möglich gemacht. Warum unter den vielen konkurrierenden Religionen des römischen Reichs sich gerade das Christentum durchsetzen konnte, ist eine viel diskutierte Frage. Dass Kaiser Konstantin sich zu dieser Sekte bekehrte, hätte historisch ebenso folgenlos bleiben können, wie das Bekenntnis seines Vorgängers Aurelian zu Sol invictus - das der ja auch zum Staatskult erhoben hatte. Dass es das nicht blieb, hat seinerseits mit dem (etwas zu) universellen Charakter dieser Lehre zu tun.

Als das römische Reich aus einander fiel, blieb als einzig verbindende zivilisierende Instanz in Europa die römische Geistlichkeit zurück. Dass nicht alle römischen Städte jenseits er Alpen von den Barbaren ausradiert wurden, verdanken sie den Bischofssitzen. Ohne sie war das Erbe der antiken Kultur für die neuen germanischen Reiche nicht zu retten. Das erkannte Karl der Große – als die römische Kirche die einzige Macht war, die ihm in Europa noch entgegenstand. Durch das Bündnis mit ihr unterlegte er seinem Reich eine Verwaltungsstruktur, die es vor dem alsbaldigen Zerfall bewahrte, der alle andern germanischen Staatsgründungen traf. Nicht zu reden von der unvergleichlichen Macht, die die Reichsidee durch ihre geistliche Weihe hinzu gewann.


Allerdings machte er das Kaisertum ebenso von der Kirche abhängig, wie diese von ihm, und wie das ausging, ist bekannt.
 
Aber gerade dies macht den abendländischen Sonderweg aus: dass sich das geistige Leben aus der Verquickung mit dem religiösen Glauben befreien konnte, weil sich die weltliche Macht in der Kirche einem Nebenbuhler gegenüber sah, aus dessen Umarmung sie sich lösen und den sie sich zu unterwerfen hatte. Nur im christliche Europa war der Mensch zwei ebenbürtigen Autoritäten zugleich hörig, nirgends sonst war die willige Unterwerfung unter den Herrscher der Welt nur mit bösem Gewissen möglich, nirgends sonst stand der weltliche Geist allezeit unter dem Schutz eines Arms, der ein Schwert hielt.

 
Der sächsische Kurfürst hat Luther beschützt. Zum Dank haben die Lutheraner ihre Landesfürsten zu Landes- bischöfen gemacht. Der Reformation verdankt Europa den Aufbruch ins wissenschaftliche Zeitalter, und verdankt das nördliche Deutschland die selbstgerechte Bigotterie seiner Bürgerschaften, die dort bis heut die Kehlen schnürt.

Mittwoch, 4. September 2013

Wir wissen, welche Welt zu Ende geht...

 
Wir wissen, welche Welt zu Ende geht. Wir wissen nicht, welche Welt entsteht. Es nützt nichts, im Kaffeesatz zu suchen, welcher Parameter uns morgen ‘Maß und Substanz’ der Werte liefern kann, wenn es denn die Arbeit nicht mehr tut. Man muß sich – vielleicht noch nicht wir, aber die zwei, drei Generationen nach uns – auf eine Welt einstellen, in der die Sachen nichts mehr ‘wert’ , oder wo nicht mehr die Sachen etwas ‘wert’ sind. Wo also die Werte nicht mehr gemessen, nicht mehr ermittelt, sondern geschätzt werden.

Das wäre keine andere Art des Wirtschaftens, sondern es wäre kein Wirtschaften mehr. Kein Ermitteln von Durchschnittsgrößen in blinden, selbstgesteuerten ‘Prozessen ohne Subjekt’, sondern Einbilden und Urteilen, wann und wo sich’s ergibt. Keine ökonomische, sondern eine politische Gesellschaft. Eine Gesellschaft, die sich nicht nach den Gewichten der Sachen richtet, sondern nach den Urteilen der Personen.


Dienstag, 3. September 2013

Ist Marx aktuell?

aus Badische Zeitung, 3. 9. 2013                                                                             Ms.-Seite aus Das Kapital

Hatte Karl Marx Recht? 

Eine plakative Frage – und zwei Bücher: Jonathan Sperbers Biographie und ein Theorie-Sammelband.

von Jörg Später

Im September 2008 beantragte die US-amerikanische Investmentbank Lehman Brothers Insolvenz. Die Folge war eine Banken- und Finanzmarktkrise, die bald auch Europa ergriff. Griechenland offenbarte 2009 erstmals, dass die Refinanzierung seines Haushaltsdefizits nicht gedeckt sei. Andere Länder der Europäischen Union folgten. Aus der Bankenkrise war eine Staatsschuldenkrise geworden, die das gesamte Projekt der Europäischen Union und seine Währung zur Disposition gestellt hat.

Mit dieser Krise des Kapitalismus war Karl Marx zurück auf der Bühne. Die konservative Londoner Times – nicht gerade dafür bekannt, das Gespenst des Kommunismus herbeizuwünschen – fragte im Oktober 2008: "Did Karl Marx get it allright?" Dass Marx womöglich am Ende doch Recht behalten könnte, mutmaßt inzwischen auch das deutsche Feuilleton. Doch womit genau soll Marx denn Recht gehabt haben? Mit dem Satz, dass die Geschichte eine Geschichte von Klassenkämpfen ist? Mit dem Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate? Oder einfach nur mit dem Befund, dass der Kapitalismus voller Irrationalitäten und Widersprüche steckt? Die plakative und unterkomplexe Frage ähnelt Fragen wie "Wozu Philosophie?" oder "Was ist der Sinn des Lebens?". Daraus entwickeln sich dann Debatten, die bei Adam und Eva beginnen und in Belanglosigkeit verenden.

Der US-Historiker Jonathan Sperber hat in seiner neuen Biografie von Karl Marx ebenfalls die Frage nach der Aktualität aufgegriffen. Seinem Buch schickt er voran, dass Marx nicht über die Qualitäten eines Hellsehers verfügt habe, 150 Jahre in die Zukunft schauen zu können. Das Bild von Marx als eines Zeitgenossen, dessen Ideen die moderne Welt prägen, sei überholt. Marx gehöre zum Zeitalter der Französischen Revolution, der Hegel’schen Philosophie, der Anfänge der Industrialisierung in England. Sperber zeichnet ihn als einen rückwärtsgewandten Menschen, der die Gegebenheiten der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in die Zukunft projizierte.

An die Stelle der Ikonisierung von Marx setzt er eine radikale Historisierung, also die Verortung von Marx in seiner Zeit. Dagegen ist prinzipiell nichts einzuwenden. Sperber fragt, woher Marx kam, was er tat und was er hinterließ. Er erklärt die Kontexte, in denen sich Marx bewegte und die sein Denken prägten. So erläutert er, was es hieß, in einer sich in Auflösung befindlichen Ständegesellschaft zu leben, und was es bedeutete, als Trierer Jude in einer solchen Transformationsphase zu leben. Diese breiten, gleichwohl zielgerichteten Kontextualisierungen sind sehr erhellend.

Doch Sperbers Provokation, Marx sei rückwärtsgewandt, ist töricht. Sie erinnert an eine Maus auf einem hohen Berg, die feststellt, dass die Elefanten im Tal doch ziemlich winzig seien. Sie ist als Antwort auf den großen, jüngst verstorbenen marxistischen Historiker Eric Hobsbawm zu interpretieren. Der Brite hatte bereits vor der Marx-Renaissance immer wieder auf die prophetische Kraft von Marx’ Analysen hingewiesen: Sie vermittelten die unaufhaltsame globale Dynamik der kapitalistischen ökonomischen Entwicklung, ihre Fähigkeit alle hergebrachten sozialen Gefüge zu zerstören und neue zu setzen, die dem Menschen wie eine zweite Natur gegenüberträten, gleichwohl aber von inneren Widersprüchen durchdrungen seien.

In der Tat fällt Marx’ Leben mit der größten Umwälzung zusammen, die die Menschheit seit dem Neolithikum erlebt hat. Und diese "Great Transformation", wie sie der Wirtschaftshistoriker Karl Polanyi genannt hat, hatte ihren Ursprung in der Wirtschaft. Dafür hatte Marx ein Gespür wie kein anderer Zeitgenosse. Er war es, der die liberale These von der harmonisierenden unsichtbaren Hand der Märkte angriff und die Notwendigkeit von Krisen im Gencode des Kapitalismus, der Warenform, entschlüsselte. Dass Marx’ Denken aufgeladen war mit anderen eher vormodernen ideologischen Lehren wie zum Beispiel der vom Rassenkampf, ändert daran wenig. Das kann aber nur für Marxisten erschütternd sein.

Das größte Missverständnis, das der Frage, ob Marx bis heute Recht hat, zugrunde liegt, ist seine Einordnung als Ökonom. Marx war kein Wirtschaftswissenschaftler, sondern ein Kritiker der politischen Ökonomie und des Wissens über diese Ökonomie. Ob man mit Marx hinreichend die gegenwärtige Krise analysieren kann, ist in der Tat zweifelhaft. Doch generell wirken gegenwärtig Versuche, die Makroökonomie zu erklären, eher wie sachkundiges Raten. Gerade deshalb spricht man ja wieder von Marx.

Seine Relevanz und Aktualität liegen eher in der Sozialphilosophie – das nehmen jedenfalls Rahel Jaeggi und Daniel Loick an, die Herausgeber des umfangreichen Sammelbands "Nach Marx". Sie befinden, aktuell werde Marx weniger durch die Fortdauer der Probleme des Kapitalismus, sondern durch die Relevanz seiner Problemstellungen. Diese hätten sich auf einem Reflexionsniveau bewegt, das überhaupt erst wieder erreicht werden müsse. Dazu muss man allerdings theoretisch ordentlich gesattelt sein: In dem Band geht es um zentrale Begriffe von Marx – wie die der Freiheit, des Eigentums, der Gerechtigkeit; es wird nach Hegels Spuren gesucht oder nach Verbindungen mit anderen sozialphilosophischen Theorien wie der von John Rawls. Wer hier Perlen finden will, muss das Buch studieren, nicht nur lesen.

Auch als Sozialphilosoph gehörte Karl Marx übrigens ins 19. Jahrhundert – wohin auch sonst? Gleichwohl hat er das Denken über die Wirklichkeit in einem Maße verändert wie etwa Kopernikus, Darwin oder Freud. Ob die wohl Recht hatten?

– Jonathan Sperber: Karl Marx. Sein Leben und sein Jahrhundert. C.H. Beck, München 2013. 634 Seiten mit 33 Abbildungen, 29,95 Euro.
– Rahel Jaeggi und Daniel Loick (Hrsg.): Nach Marx. Philosophie, Kritik, Praxis. Suhrkamp, Berlin 2013. 518 Seiten, 22 Euro.

Montag, 2. September 2013

Mentalitäten: Das erweiterte Selbst in der digitalen Welt.

aus Süddeutsche.de, 1. 9. 2013
 
Das kaufen wir euch nicht ab  

Digitalisierung und Konsumverhalten
 
Von Bernd Graff

Im Jahr 1890 kümmerte sich William James, der amerikanische Philosoph und Harvard-Professor für Psychologie - ein Mann, der berühmt wurde für seine Theorien zum Ich und zum Selbst -, um die Frage: Warum wollen Menschen eigentlich Besitz anhäufen?

James gab darauf folgende Antwort: "A man's Self is the sum total of all that he CAN call his, not only his body and his psychic powers, but his clothes and his house, his wife and children, his ancestors and friends, his reputation and works, his lands, and yacht and bank-account. All these things give him the same emotions. If they wax and prosper, he feels triumphant; if they dwindle and die away, he feels cast down - not necessarily in the same degree for each thing, but in much the same way for all."

("Das Selbst eines Mannes ist die absolute Summe von allem, das er sein eigen nennen kann. Nicht nur sein Körper und seine psychischen Kräfte, sondern auch seine Kleidung und sein Haus, seine Frau und Kinder, seine Vorfahren und Freunde, sein Ruf und seine Arbeit, seine Ländereien, Yacht und Bankkonten. Alle diese Dinge geben ihm dieselben Gefühle. Wenn sie anwachsen, fühlt er sich herrlich; wenn sie schrumpfen und wegsterben, fühlt er sich niedergeschlagen - nicht notwendigerweise in demselben Maße für jedes einzelne Ding, aber auf die ziemlich gleiche Weise für alle.")

Ziemlich genau 100 Jahre später, im Jahr 1988, vor einem Vierteljahrhundert also, fand sich diese James-Passage in einem wissenschaftlichen Aufsatz wieder, der im Journal of Consumer Research veröffentlicht wurde: "Besitztümer und das Erweiterte Ich" ist er überschrieben.

In diesem Aufsatz, der seither abertausende Male zitiert wurde, versuchte der Autor Russell Belk dieses Konzept des erweiterten Selbst für die Konsumforschung fruchtbar zu machen. Der Begriff "Erweitertes Selbst" war sein Versuch zu erklären, warum wir "wissentlich oder unwissentlich, absichtlich oder unabsichtlich unseren Besitz als Teil von uns selbst betrachten".
Besitztümer galten hier als eine von vielen Möglichkeiten, wie wir das Konstrukt unseres Selbst aufrechterhalten, für uns und für andere spürbar und sichtbar machen. Eigentlich war es die James-These auf die Bedingungen des hochentwickelten, reifen Kapitalismus angewandt. Natürlich war es keine wirklich neue Idee. Belk setzt das James-Zitat auch gleich an den Aufsatzbeginn. Denn er dekliniert die James-These durch diese vier, vor allem am Kaufverhalten von Heranwachsenden interessierten Punkte:

(1) Das Kind unterscheidet das Selbst von seiner Umwelt
(2) Das Kind unterscheidet das Selbst von Anderen
3) Besitztümer helfen Jugendlichen und Erwachsenen ihre Identität zu bewahren
(4) Besitztümer helfen den Älteren ein Gefühl von Kontinuität zu gewinnen und sich auf den Tod vorzubereiten

Hey, es war 1988. Damals kauften Teenies noch Tonnen von Audio-Kassetten, Shopping-Malls boomten und irgendwie bekam man von der Globalisierung nur mit, dass es - mit echtem Geld! - noch mehr (und internationaler) zu kaufen gab. Und: Niemand wurde bei seinen Einkäufen durch die Displays von smarten Medien, durch die Dauerkommunikation mit den Lieben von den heimischen Kleiderschränken abgelenkt.

Für Jahrzehnte, eigentlich bis zum Ende des letzten Jahrtausends, galt, dass zum Erwachsen- und Konsumentwerden der tatsächlich physische Besitz einer Ware gehörte, die man auspacken und nutzen konnte. Wie man das tat, definierte persönlichen Stil, Geschmack, Charakter - für die Heranwachsenden selbst wie für die Anderen in der Peer Group.

Das hat sich in den letzten 25 Jahren dramatisch geändert. Heute gehört zum Akt des Konsums nicht mehr, dass man den physischen Besitz eines Objekts anstrebt. Musik, Fotos, Videos, sogar unsere geschriebenen Worte sind "weitgehend unsichtbar und immateriell, bis wir uns entscheiden, sie auf Träger zu bringen." Der Autor, der hier zitiert wird, ist wiederum Russell Belk. Er, nun Professor für Marketing an der York University, sah sich genötigt, nach einem Vierteljahrhundert ein Update seiner Ideen zum Erweiterten Selbst zu verfassen, das die neuen Bedingungen der Digitalisierung berücksichtigt. Entsprechend heißt der Aufsatz "Extended Self in a Digital World". 

Shoppen selbst ist toll, nicht mehr, die Dinge zu kaufen

Fünf Änderungen in der digitalen Welt charakterisiert dieses Papier nun, das dramatische Änderungen unseres Selbst nach sich zieht. Belk behandelt sie unter diesen Stichworten:

(1) Dematerialization
(2) Reembodiment
(3) Sharing
(4) Co-construction of self
(5) Distributed memory

Das Erweiterte Selbst ist damit nicht verschwunden, es definiert seine Erweiterungen nur völlig anders - was, wie Belk findet, zu nicht unerheblichen Veränderungen im Konsumverhalten führt.
Am augenfälligsten ist der Punkt "Dematerialisierung". Denn wie Belk schreibt: "Die Dinge werden direkt vor unseren Augen verschwinden." Was uns wichtig ist, befindet sich "irgendwo in unseren digitalen Speichermedien oder auf Servern, deren Standort wir nie wissen werden."

Die Digital Natives oder auch die "Millennials", also diejenigen, die eine nicht-vernetzte Zeit nicht mehr kennen und die auf die Generation der Baby-Boomer und die sogenannte Gen-X folgen, müssen ihre Besitztümer nicht tatsächlich physisch besitzen, um sie zu besitzen.

Insofern ist die Verfügbarkeit von (auch immateriellen) Dingen nicht mehr definiert als unmittelbarer Besitz, sondern als Möglichkeit des Zugriffs auf sie.

Oder anders: Nicht der Kauf eines Dings erweitert das Selbst, sondern die unbegrenzte Optionen, überhaupt zu kaufen. Und das wiederum verändert die Weise, wie, warum und wo schließlich noch eingekauft wird.

Shoppen selbst ist toll und hip, heißt das, nicht mehr wie in nahezu allen früheren Generationen, die im Kapitalismus gelebt haben, die Dinge auch zu kaufen. Dazu zählt natürlich, und Belk hebt das hervor, dass die Digitalisierung nun tatsächlich Globalisierung bedeutet: Nicht, was ein Laden in der Nachbarschaft anbietet, kann besorgt werden, sondern prinzipiell alles von überall.

Darum wird Geld wichtiger als Ware. Denn Konsum wird nur dadurch beschränkt, dass ich irgendwo nicht bezahlen kann, nicht mehr dadurch, dass es die Dinge nicht zu erwerben gibt. Darum ist diesen "Millennials" auch wichtiger, dass zum Kaufen die Bewertung durch andere steht und nicht mehr das taktile "Touch and Feel" eines Produktes, das es zu kaufen gilt.

Denn außerdem ist ja auch die Kommunikation über das Erweiterte Selbst, seine Dinge und seine Vorlieben - etwa in Sozialen Netzen - nun globalisiert. Die Reichweite des Selbstausdrucks ist prinzipiell unbegrenzt und nicht mehr nur auf die Peer Group meiner unmittelbaren Nachbarschaft beschränkt.

Nicht nur Dinge werden also durch die Digitalisierung physikflüchtig, heißt das, sondern wir selber auch. Identität, und das nennt Belk "Reembodiment", benötigt nicht länger nur den physischen Körper, sondern kann durch Avatare erweitert und ersetzt werden, durch Facebook-Profile und Videostreams unserer Selbst.

Die Fragen, die sich auftun, berühren eine ganz andere Digital Divide als wir bisher angenommen haben. Es geht nicht mehr nur um Zugang, sondern innerhalb derjenigen, die Zugang haben, ändert sich das, was materialistisch genannt wurde. Wenn die Dinge irrelevant werden, begünstigt das, was man heute die Ökonomie des "Sharings" nennt wie eine Form der Finanzierung, die auf "Crowdfunding" basiert. Eigentum ist langweilig, darüber sprechen nicht. Vielleicht werden die Millennials ja auch wieder sparsam wie die Nachkriegsgenerationen, ihre Urgroßeltern.

Frühere Generationen waren fasziniert vom Eigentum, weil sie glaubten, Waren und Objekte könnten ihr Selbst veredeln. Das kaufen ihnen die jungen Leute heute einfach nicht mehr ab.


Nota.

Das werde ich wohl kommentieren müssen.
J.E.

Sonntag, 1. September 2013

Urheberrecht - ein zivilisatorischer Brennpunkt.

Goethe und Schiller vor dem Weimarer Nationaltheater

Es gibt Themen, die wie ein Brennglas die Elementarfragen eine Zivilisation in einem Punkt zusammen fassen. Der gegenwärtige Streit um das Urherberrecht alias das geistige Eigentum ist ein solches.
 
Akut wurde es, als die Betreiber der werbefinanzierten Internet-Tauschbörse The Pirate Bay von einem schwedischen Gericht zu Haftstrafen und einer hohen Schadenersatzzahlung verurteilt wurden: Sie hatten Millionen Nutzern geholfen, urheberrechtlich geschütztes Material gratis aus dem Internet herunterzuladen; ohne freilich am Tauschgeschäft selber etwas zu verdienen. Der jüngste Erfolg der schwedischen Piratenpartei geht darauf zurück; bei der Europawahl Anfang des Monats erhielt sie 7,1% der Stimmen und entsendet einen Abgeordneten nach Straßburg.

Vor allem junge Männer haben die Piratenpartei gewählt. Ihr ältester Aktivist aber dürfte der 73-jährige Schriftsteller Lars Gustafsson sein. In einem Wahlaufruf verglich er die heutige Lage mit dem Kampf um die Druckfreiheit vor der Französischen Revolution. Damals hätten sich die neuen Ideen nur dank der neuen Technologie durchsetzen können. Zensur und Razzien hätten diese nicht gestoppt, sondern geradezu stimuliert. Für Schriftsteller, die etwas zu sagen hätten, sei die Zirkulation ihrer Ideen, selbst durch Raubkopien, wichtiger als das Urheberrecht. Dieses schütze einzig die Verfasser von trivialer Massenliteratur, die sich so «neue Herrensitze» zulegen könnten.

Das ist wahr – dem Autor, der etwas zu sagen hat, ist mehr daran gelegen, ebendas zu tun, als am Geldverdienen. Genauso wahr ist aber auch, dass er, damit er es sagen kann, von irgendwas leben muss. Lebt er nicht von der Art und Weise, wie er es sagt – nämlich auf einem privat anzueignenden und folglich verkäuflichen Datenspeicher -, dann muss er von irgendwas anderm leben; und in der Zeit, die er dafür braucht, kann er nichts sagen – und nicht einmal überlegen, was er sagen soll. Es wird ihm auch, wenn’s ihm irgend ernst ist, mehr darauf ankommen, wie gut und wie hörbar er es sagen kann, als darauf, wie gut er dabei lebt. Aber dass er lebt, bleibt unabdingbar.
 
Die Frage nach dem Urherberrecht in Zeitalter des Internet ist daher sachlich verknüpft mit der Frage nach dem Tausch- und dem Gebrauchswert der Arbeit.
 
Da ergibt sich ein unerwarteter Zusammenhang mit der von Milton Friedmann, dem Schwarzen Mann des Neoliberalismus, in die Welt gesetzte Idee eines staatlich garantierten Grundeinkommens, gelegentlich auch als “Bürgergeld” apostrophiert. Zunächst stammte der Gedanke aus dem Wunsch nach einer Vereinfachung des Besteuzerungssystems, das, wenn es “gerecht” sein soll, je nach Höhe der Einkommen ungleich sein muss und tausend Ausnahmelagen berücksichtigen muss; dann aber unübersichtlich und überkompliziert ist und dabei einen gigantischen Verwaltungsaufwand verschlingt – was am Ende ungerecht ist gegen alle.
 
Am ‘effektivsten’ ist ein einheitlicher Steuersatz für alle. Aber indem er die Geringverdiener, die gerade eben das Lebensnotwendige im Portmonnaie haben, ebenso belastet wie die Eigentümer des großen Kapitals, ist er von allen der ungerechteste. Daher die Idee, dasjenige, was für eines jeden Lebensunterhalt das Unabdingbare ist, überhaupt nicht zu besteuern – und alles, was darüber liegt, mit ein und demselben Satz. Und von den gewaltigen Summen, die durch diese Vereinfachung eingespart würden, könnte in den entwickelten Industriesländern laut Berechnung der Weisen dieser Grundbetrag einem jeden Bürger ohne Prüfung der ‘Bedürftgkeit’ vom Staat ausgezahlt werden – auch wenn er sie nicht durch den Austausch seiner Produkte oder den Verkauf seiner Arbeitskraft ‘verdient’ hat!
 
Ihre ersten energischen Fürsprecher außerhalb der Gruppe der Steuerexperten hat diese Idee bei den Sozialpolitikern gefunden – die damit das leidige Thema der Sozialhilfen, Arbeitslosenunterstüzungen, deren Undurchsichtigkeit und ihren angeblich wuchernden Missbrauch gleich mit erledigen wollten.
 
Dann meldeten sich die Zukunftsforscher zu Wort. Die galoppierende Digitalisierung und Kybernetisierung der Arbeitswelt macht die einfachen, lediglich ausführenden Tätigkeiten überflüssig – und macht alle die arbeitslos, die sonst nichts gelernt haben. Die Etablierung einer stabilen Gesellschaftsklasse – “ein Drittel”! – von gezwungenen Nichtstuern droht, die ihre freie Zeit mangels Geld nicht mal durch Konsum ausfüllen können. Ein Sprengsatz für die gute Gesellschaft…
 
Dabei ist der Vorschlag am Innovativsten nicht am unteren, sondern am oberen kulturellen Rand der Mediengesellschaft! Der Fall Pirate Bay macht es deutlich, man muss nur genau hinschauen. All die ‘Kreativen’ (ein blöder Ausdruck, aber es fällt mir momentan kein besserer ein), denen es zuerst darauf ankommt, der Welt das mitzuteilen, was sie ihr zu sagen haben, und nicht darauf, in Luxus zu leben… all die könnten genau das tun, ohne sich um ihren Lebensunterhalt sorgen und dabei ihre fruchtbarste Zeit verplempern zu müssen. Wenn sie, wie man ihnen ja wünschen darf, dabei auf gute Resonanz stoßen und einen mondänen Erfolg erzielen, mögen sie ja auf diese oder jene Weise hinzuverdienen, soviel die Marktlage hergibt; und denselben einheitlichen Steuersatz zahlen wie alle andern.
 
Der Taxifahrer mit Dr. phil. ist eine gängige deutsche Witzfigur. Vielleicht nicht ganz so repräsentativ, wie die Comedians glauben machen; aber sicher finden sich unter den akademisch Gebildeten einige Zehn-, womöglich Hunderttausende, die des blöden Gelderwerbs willen ihre Lebenszeit mit Tätigkeiten überdauern, die weit unterhalb ihrer gefühlten Möglichkeiten liegen. Und wenn sich davon nur jeder Zehnte nicht überschätzt – dann ist das immer noch eine Riesenmasse von Talent, das für den Fortgang der Kultur vergeudet ist!
 
Und dass zu Viele dann ‘nix arbeiten’, sondern nur ihren Phantasien nachjagen, braucht eine Gesellschaft, “in der Arbeit künftig Mangelware sein wird”, nicht zu fürchten; denn solange sie eben das tun, kommen sie wenigstens nicht auf dumme Gedanken…
 
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Dass unter solchen Umständen von einer Klasse von Menschen, die ‘gezwungen sind, ihre Arbeitskraft an Andre zu verkaufen, weil ihnen die Arbeitsmittel fehlen, um selber Waren zu produzieren’, nicht mehr die Rede sein kann, ist abschließend noch zu erwähnen. Nicht nur, weil keiner mehr ‘gezwungen ist’; sondern auch, weil das wichtigste Arbeitsinstrument der Zukunft, der PC, längst zum “garantierten Minimum” zählt und noch im ärmsten Haushalt nicht weniger selbstverständlich ist als das Tiwie.