Donnerstag, 21. Januar 2016
Auch bei SAP: Für ein Bedingungsloses Grundeinkommen.
Die heutige FAZ bringt anlässlich des Treffens in Davos ein Kurzinterview mit dem SAP-Vorstand Bernd Leukert.
... Die gesamte Gesellschaft wird von der vierten industriellen Revolution große Vorteile haben. Es stimmt auch, dass sich Kompetenzen verlagern werden. Wissen, das man vor zwanzig Jahren erworben hat, hat morgen wahrscheinlich einen geringeren Wert. Das wird noch nicht einmal so sehr Führungskräfte treffen, auch nicht die weniger gut bezahlten normalen Arbeiter. Aber das mittlere Gehaltssegment wird unter Druck kommen. ...
Ich bin der Meinung, dass man die Bedingungen für ein faires Einkommen nicht der Wirtschaft überlassen sollte. Hier ist die Politik gefragt, den richtigen Rahmen zu setzen.
Bis hin zu einem bedingungslosen Grundeinkommen?
Ja, davon würden langfristig auch diejenigen profitieren, die weiterhin höhere Gehälter beziehen. Wenn wir an dieser Stelle nichts tun, droht die Gesellschaft auseinanderzubrechen. ...
Mittwoch, 20. Januar 2016
Davos und die digitale Revolution.
aus Tagesspiegel.de, 20. 1. 2016, 09:01 Uhr
Davos diskutiert Folgen der Digitalen Revolution.
Maschinen statt Menschen: In den nächsten fünf Jahren könnten fünf Millionen Arbeitsplätze durch die Automatisierung verschwinden. Vor allem Schreibtischjobs.
Von Simon Frost und Carla Neuhaus
Lkw fahren. Essen servieren. Im Supermarkt kassieren. Was früher selbstverständlich Menschen übernommen haben, wird zunehmend die Aufgabe von Maschinen: von intelligenten Robotern und Automaten. Einerseits ist das Fortschritt. Andererseits stellt das aber auch die Arbeitswelt auf den Kopf.
Allein in den Industriestaaten könnten aufgrund der stärkeren Automatisierung und Digitalisierung in den nächsten fünf Jahren fünf Millionen Arbeitsplätze verschwinden. Zu dem Schluss kommt eine Studie, die das Weltwirtschaftsforum WEF jetzt vorgelegt hat. Deren Chef, Klaus Schwab, spricht von der „vierten industriellen Revolution“, die „dramatische Auswirkungen auf politische, soziale und wirtschaftliche Systeme hat“. Deshalb hat er das Thema ins Zentrum des diesjährigen Treffens der führenden Wirtschaftsbosse und Politiker in Davos gestellt.
Für die Studie haben die Autoren gegengerechnet, wie viele Arbeitsplätze durch künstliche Intelligenz, Roboter, 3-D-Druck oder Fortschritte in der Biotechnologie entstehen und wie viele wegfallen. 7,1 Millionen Jobs, die nicht mehr gebraucht würden, stehen demnach gerade einmal 2,1 Millionen neugeschaffene Arbeitsplätze gegenüber. Zwar müssen die Maschinen entwickelt, programmiert, gewartet werden. Doch dafür sind weniger Menschen nötig.
In den USA ist jeder zweite Job bedroht
Das bestätigt auch Oxford-Professor Carl Frey. „Die vierte industrielle Revolution hat bislang sehr wenige Jobs direkt geschaffen“, sagte er dem Tagesspiegel. Mit seinem Kollegen Michael Osborne gelangt er in einer Studie zu dem Schluss: Allein in den USA könnte durch die Digitalisierung fast die Hälfte aller Jobs auf dem Spiel stehen. Auch wenn sie nicht komplett untergehen, würde sich ihr Anforderungsprofil stark ändern.
Und das trifft längst nicht nur die Industrie, in der Roboter Arbeiter in der Fertigung ersetzen. Der WEF-Studie zufolge sind es vor allem Schreibtischjobs, die auf dem Spiel stehen – und zwar immer dann, wenn es um Routinetätigkeiten geht. Klar wird das am Beispiel des Rechtsanwalts. So gibt es schon jetzt Programme, die Berge von Akten nach Argumenten durchsuchen. Andere spucken Standardverträge aus. Die Folge: Am Ende braucht man für die gleiche Arbeit viel weniger Rechtsanwälte als heute.
Das Beispiel lässt sich auf viele andere Berufe übertragen. Buchhaltung oder Anlageberatung übernehmen zunehmend Maschinen. Setzt sich das selbstfahrende Auto durch, braucht man auch keine Lastwagen-, Bus- oder Taxifahrer mehr. Roboter steigen zudem in die Servicebranche ein, versorgen Kranke oder servieren im Restaurant das Essen. WEF-Chef Schwab ist überzeugt, kaum eine Branche werde von der Digitalisierung nicht erfasst.
Die Arbeitsagentur in Nürnberg ist gelassen
Deshalb warnt er: Sollten die Staaten nicht reagieren, seien wachsende Arbeitslosigkeit und soziale Ungleichheit die Folge. Manche Forscher halten das jedoch für übertrieben. Befürchtungen eines massiven Arbeitsplatzabbaus seien „derzeit eher unbegründet“, heißt es beim Institut für Arbeit und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg.
Sascha Stowasser, Direktor des Instituts für angewandte Arbeitswissenschaft in Düsseldorf, sieht das ähnlich: „Aktuell gibt es keine wissenschaftlich gesicherten Erkenntnisse über die tatsächlichen Auswirkungen der digitalen Revolution“. Zudem werde die Zahl der Erwerbsfähigen in alternden Gesellschaften wie den westlichen Industriestaaten trotz Zuwanderung um bis zu sieben Millionen zurückgehen.In einer eigenen Untersuchung gehen die IAB-Forscher davon aus, dass hierzulande ein Sechstel der Beschäftigen ihre Arbeit an Computer und Maschinen verlieren könnten. Dabei müsse man jedoch verstehen, was volkswirtschaftlich passiert, sagt Enzo Weber vom IAB. „Der technologische Fortschritt verändert die Produktion fortwährend: Betriebe kaufen neue Maschinen, die auch jemand warten muss. Die Produktivität steigt, Produkte werden günstiger, das schafft neue Nachfrage.“
Dieter Schweer, Mitglied der Hauptgeschäftführung beim Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), sagt, man müsse die Chancen der Digitalisierung in den Mittelpunkt stellen – allerdings müsse man auch die Arbeitnehmer mitnehmen. Damit stehen die Arbeitgeber in seltener Eintracht Seit’ an Seit’ mit den Gewerkschaften. Es gehe darum, alle Chancen zu nutzen, sagt auch DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach, „um die Risiken durch intelligente Bildungs- und Qualifizierungspolitik sowie die Beteiligung der Beschäftigten in den Griff zu bekommen.“
Davos diskutiert Folgen der Digitalen Revolution.
Maschinen statt Menschen: In den nächsten fünf Jahren könnten fünf Millionen Arbeitsplätze durch die Automatisierung verschwinden. Vor allem Schreibtischjobs.
Von Simon Frost und Carla Neuhaus
Lkw fahren. Essen servieren. Im Supermarkt kassieren. Was früher selbstverständlich Menschen übernommen haben, wird zunehmend die Aufgabe von Maschinen: von intelligenten Robotern und Automaten. Einerseits ist das Fortschritt. Andererseits stellt das aber auch die Arbeitswelt auf den Kopf.
Allein in den Industriestaaten könnten aufgrund der stärkeren Automatisierung und Digitalisierung in den nächsten fünf Jahren fünf Millionen Arbeitsplätze verschwinden. Zu dem Schluss kommt eine Studie, die das Weltwirtschaftsforum WEF jetzt vorgelegt hat. Deren Chef, Klaus Schwab, spricht von der „vierten industriellen Revolution“, die „dramatische Auswirkungen auf politische, soziale und wirtschaftliche Systeme hat“. Deshalb hat er das Thema ins Zentrum des diesjährigen Treffens der führenden Wirtschaftsbosse und Politiker in Davos gestellt.
Für die Studie haben die Autoren gegengerechnet, wie viele Arbeitsplätze durch künstliche Intelligenz, Roboter, 3-D-Druck oder Fortschritte in der Biotechnologie entstehen und wie viele wegfallen. 7,1 Millionen Jobs, die nicht mehr gebraucht würden, stehen demnach gerade einmal 2,1 Millionen neugeschaffene Arbeitsplätze gegenüber. Zwar müssen die Maschinen entwickelt, programmiert, gewartet werden. Doch dafür sind weniger Menschen nötig.
In den USA ist jeder zweite Job bedroht
Das bestätigt auch Oxford-Professor Carl Frey. „Die vierte industrielle Revolution hat bislang sehr wenige Jobs direkt geschaffen“, sagte er dem Tagesspiegel. Mit seinem Kollegen Michael Osborne gelangt er in einer Studie zu dem Schluss: Allein in den USA könnte durch die Digitalisierung fast die Hälfte aller Jobs auf dem Spiel stehen. Auch wenn sie nicht komplett untergehen, würde sich ihr Anforderungsprofil stark ändern.
Und das trifft längst nicht nur die Industrie, in der Roboter Arbeiter in der Fertigung ersetzen. Der WEF-Studie zufolge sind es vor allem Schreibtischjobs, die auf dem Spiel stehen – und zwar immer dann, wenn es um Routinetätigkeiten geht. Klar wird das am Beispiel des Rechtsanwalts. So gibt es schon jetzt Programme, die Berge von Akten nach Argumenten durchsuchen. Andere spucken Standardverträge aus. Die Folge: Am Ende braucht man für die gleiche Arbeit viel weniger Rechtsanwälte als heute.
Das Beispiel lässt sich auf viele andere Berufe übertragen. Buchhaltung oder Anlageberatung übernehmen zunehmend Maschinen. Setzt sich das selbstfahrende Auto durch, braucht man auch keine Lastwagen-, Bus- oder Taxifahrer mehr. Roboter steigen zudem in die Servicebranche ein, versorgen Kranke oder servieren im Restaurant das Essen. WEF-Chef Schwab ist überzeugt, kaum eine Branche werde von der Digitalisierung nicht erfasst.
Die Arbeitsagentur in Nürnberg ist gelassen
Deshalb warnt er: Sollten die Staaten nicht reagieren, seien wachsende Arbeitslosigkeit und soziale Ungleichheit die Folge. Manche Forscher halten das jedoch für übertrieben. Befürchtungen eines massiven Arbeitsplatzabbaus seien „derzeit eher unbegründet“, heißt es beim Institut für Arbeit und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg.
Sascha Stowasser, Direktor des Instituts für angewandte Arbeitswissenschaft in Düsseldorf, sieht das ähnlich: „Aktuell gibt es keine wissenschaftlich gesicherten Erkenntnisse über die tatsächlichen Auswirkungen der digitalen Revolution“. Zudem werde die Zahl der Erwerbsfähigen in alternden Gesellschaften wie den westlichen Industriestaaten trotz Zuwanderung um bis zu sieben Millionen zurückgehen.In einer eigenen Untersuchung gehen die IAB-Forscher davon aus, dass hierzulande ein Sechstel der Beschäftigen ihre Arbeit an Computer und Maschinen verlieren könnten. Dabei müsse man jedoch verstehen, was volkswirtschaftlich passiert, sagt Enzo Weber vom IAB. „Der technologische Fortschritt verändert die Produktion fortwährend: Betriebe kaufen neue Maschinen, die auch jemand warten muss. Die Produktivität steigt, Produkte werden günstiger, das schafft neue Nachfrage.“
Dieter Schweer, Mitglied der Hauptgeschäftführung beim Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), sagt, man müsse die Chancen der Digitalisierung in den Mittelpunkt stellen – allerdings müsse man auch die Arbeitnehmer mitnehmen. Damit stehen die Arbeitgeber in seltener Eintracht Seit’ an Seit’ mit den Gewerkschaften. Es gehe darum, alle Chancen zu nutzen, sagt auch DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach, „um die Risiken durch intelligente Bildungs- und Qualifizierungspolitik sowie die Beteiligung der Beschäftigten in den Griff zu bekommen.“
Sonntag, 17. Januar 2016
"Jeder schaut nur auf sein eigenes Terrain."
Reuters, 15. Januar 2016, 07:06
IWF-Chefin: Flüchtlings-Herausforderung "größer, als wir sehen"
Frankfurt (Reuters) - Die Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF), Christine Lagarde, warnt davor, die Folgen der Flüchtlingskrise zu unterschätzen. Die Herausforderung sei "viel größer, als wir sehen und sehen wollen", sagte sie der "Süddeutschen Zeitung" (Freitagausgabe) laut Vorabmeldung.
Im Moment schaue jedes Land nur auf sein eigenes Terrain. "Aber es gibt viel mehr Probleme". Sie erwarte, dass der Zustrom von Flüchtlingen nach Europa 2016 anhalten werde, sagte sie. Wenn die Friedensverhandlungen erfolgreich verliefen, könnte sich die Zahl der Flüchtlinge aus Syrien, Afghanistan und Pakistan verringern. Sollte das nicht klappen, erwarte sie, dass noch mehr Menschen kommen.
Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos kommende Woche werde sie eine Studie zum Thema Flüchtlinge vorlegen, sagte Lagarde weiter. "Wir haben Ströme, Ursachen, Kosten und Nutzen der Migranten untersucht und welchen Einfluss sie auf die Volkswirtschaften haben".
Nota. - Es ist Sache der Deutschen - wessen denn sonst? -, dafür zu sorgen, dass alle europäische Länder begreifen: Die Zuwanderung aus Asien und Afrika wird anhalten und ist eine bleibende Herausforderung für das ganze Europa. An dem Thema wird Europa wachsen oder zerbrechen.
Dass die anderen, wirtschaftlich schwächeren Länder ersteinmal dazu neigen, sich um sich selbst zu sorgen, ist begreiflich und war vorauszusehen. Doch gerade darum darf eine deutsche Regierung in dieser Sache nicht locker lassen. Wenn jeder sich um sich selber kümmert und die Schotten dicht macht, ist Europa einmal gewesen.
Aber die Flüchtlinge kommen weiter übers Mittelmeer (die, die Glück haben; die andern bleiben dort.)
JE
Samstag, 16. Januar 2016
Größere Ungleichheit in China als in den USA.
Wanderarbeiteraus derStandard.at, 15.1.2016
Ein Prozent der Chinesen besitzt ein Drittel des Volksvermögens
Wohlstandsgefälle im kommunistisch regierten Reich der Mitte wesentlich größer als in den kapitalistischen USA
von Alexander Hahn
Mit dem wirtschaftlichen Aufstieg Chinas nimmt auch die Ungleichheit im Reich der Mitte rasant zu. Derzeit besitzt das reichste Prozent der Bevölkerung insgesamt ein Drittel des Gesamtvermögens des Landes, wie aus einer Erhebung der Renmin Universität in Peking hervorgeht. Richtig bedenklich wird diese Betrachtung im Umkehrschluss, denn das ärmste Viertel der Chinesen muss sich demnach bloß ein Prozent des Vermögens teilen.
Diese Entwicklung wird sich weiter fortsetzen, wenn es nach Universitätsprofessor Thou Xiaozheng geht: "Es kann keinen Zweifel geben, dass die Einkommensunterschiede größer und größer werden", wird er von der Financial Times zitiert. "Die Armen werden immer ärmer und die Reichen immer reicher." Zum Beleg zeigt der von der Studie unabhängige Hurun Report, dass die Zahl der Dollar-Millionäre in China im Vorjahr um acht Prozent auf 3,14 Millionen Menschen, darunter 596 Milliardäre, angestiegen ist.
Höhere Steuern für Umverteilung
Kurioserweise weist damit just ein kommunistisch regiertes Land größere Ungleichgewichte auf als viele kapitalistische Staaten. Gemessen wird dies anhand des sogenannten Gini-Koeffizienten, der Werte zwischen Null, dem marxistischen Traumzustand völliger Gleichverteilung, und eins annehmen kann, wenn sämtliches Volksvermögen auf eine einzelne Person entfällt. China weist derzeit einen Wert von 0,49 auf – klingt nicht dramatisch, liegt aber deutlich über den USA mit 0,41 oder Deutschland, das bloß auf 0,30 kommt. Die Weltbank ortet bei Gini-Koeffizienten über 0,4 bereits schwere Ungleichheiten.
Die Pekinger Studienautoren, die rund 25.000 Haushalte in 25 Provinzen des Landes befragt haben, empfehlen eine progressivere Besteuerung, um mehr Geld bei den Reichen abschöpfen zu können. Über einen Ausbau der Sozialleistungen könnten diese Mittel an die armen Bevölkerungsschichten weitergegeben werden. Klingt fast nach einem Sozialstaat westeuropäischer Prägung.
Dienstag, 12. Januar 2016
Leitkultur? Aber ja doch!
n-tvIn der heutigen Ausgabe der FAZ veröffentlich Hans-Georg Soeffner einen langen Artikel unter der Überschrift Vergesst eure Leitkultur! Die Quintessenz lässt sich leicht zusammenfassen: Eine deutsche Leitkultur könne es nicht geben, weil sie nicht weniger als die religiösen Fundamentalismen jeglicher Konfession im Widerspruch stünde zu den universalistischen Prinzipien der westlichen Gesellschaft, die ihrerseits Grundlage und einzige Rechtfertigung eines vereinten Europas sein können.
Er hat sogar mehr Recht, als er denkt. Denn das historisch Auszeichnende der deutschen politischen und Geistes-geschichte ist unsere säkulare Zerrissenheit, die ihren Anfang nahm in der Vereinigung der deutschen Königswürde mit dem römische Kaisertum, und in der Katastrophe des Dreißigjährigen Krieges ihre historische Beglaubigung fand. Wir Deutschen sind immer sowohl das Eine als auch sein Gegenteil; aber das gründlich.
- Nur wer sich seiner selbst gewiss ist, muss die Andersheit des Andern nicht scheuen.
- Deutsche Frage und abendländische Leitkultur.
- Zwiespalt ist unser Nationalcharakter.
Hans-Georg Soeffner irrt sich aber, wenn er meint, das könne keine Basis für eine Leitkultur abgeben. Es ist die Basis einer Leitkultur, die auch er als gültig ansieht; nur eben nicht einer spezifisch deutschen, sondern der gemeinsamen abendländischen. Wir stehen nach allem, was wir getan und durchgemacht haben, diesem Kern der abendländischen Identität näher als irgendeine europäische Nation. Wir sind Kronzeugen und stehen als solche mehr in der Verant-wortung als andere.
Sonntag, 10. Januar 2016
Anatolische Drehscheibe.
aus derStandard.at, 10. Jänner 2016,
Die Landwirtschaft kam über die Türkei nach Europa
Genetische Analysen stützen die Hypothese von Anatolien als kulturelle Drehscheibe
Stockholm – Die sogenannte Anatolien-Hypothese besagt, dass sich die Landwirtschaft und damit eine sesshafte, bäuerliche Lebensweise vor 9500 bis 8000 Jahren über Anatolien nach Europa ausbreitete (und mit ihr eine indogermanische Ursprache). Die Annahme eines solchen Kulturtransfers, der seinen Ausgang in der Levante nahm, stützen nun auch genetische Analysen, die Forscher der Universität Stockholm vornahmen.
Die Wissenschafter untersuchten DNA aus 8.000 Jahre alten menschlichen Überresten, die in der nordwestanatolischen Ausgrabungsstätte Kumtepe entdeckt worden waren. Es dürfte sich dabei um die ersten sesshaften Bewohner von Kumtepe gehandelt haben. Auf dem prähistorische Hügel wurden in den vergangenen Jahrzehnten zahlreiche Spuren früher Besiedelung gefunden.
Die Arbeit sei aufgrund des schlechten Zustands der Funde schwierig gewesen, habe sich aber gelohnt, sagte Ayca Omrak: Demnach würden die Ergebnisse im Vergleich mit dem Erbgut früher europäischer Bauern und heutiger Europäer zeigen, dass Anatolien tatsächlich eine Art kulturelle und genetische Drehscheibe nach Europa war.
Um besser beurteilen zu können, wie und in welchen Schritten sich die landwirtschaftliche Entwicklung genau ausbreitete, müssten weitere Analysen und Vergleiche mit Funden aus der Levante folgen. Die Forscher planen nun ein gemeinsames Projekt mit Archäologen aus der Türkei und dem Iran. Eines sei jedoch bereits klar, kommentierte Anders Götherstörm (ebenfalls Uni Stockholm) den Zwischenstand: "Unsere Ergebnisse streichen die herausragende Bedeutung Anatoliens in der europäischen Kulturgeschichte hervor." (red,)
Samstag, 9. Januar 2016
Massenarbeitslosigkeit durch Digitalisierung?
aus nzz.ch, 9.1.2016, 09:09 Uhr
Zukunft der Arbeit
«Millionen Arbeitsplätze verschwinden»
Die rasche Automatisierung werde die Arbeitswelt auf den Kopf stellen und berge die Gefahr sozialer Konflikte, sagt MIT-Professor Erik Brynjolfsson im Interview. Die Politik müsse nun Gegenstrategien entwerfen
von Marco Metzler
NZZ am Sonntag: Was wird aus Taxi- und Lastwagenfahrern, wenn Autos selbst fahren lernen?
Erik Brynjolfsson: Maschinen werden ihnen wahrscheinlich in den nächsten fünf bis zwanzig Jahren die Arbeit wegnehmen. Fahrer sollten sich neue Fähigkeiten aneignen und nach anderen Jobs Ausschau halten.
Gilt das auch für alle anderen Arbeitnehmer?
Die Wirtschaft wird künftig noch dynamischer. Wir müssen deshalb ständig neue Möglichkeiten suchen, um arbeiten zu können. Wir können nicht erstarren oder verhindern, dass der Fortschritt Jobs eliminiert. Man sollte die neuen Technologien nutzen, um andere Arten von Arbeit in neuen Bereichen zu schaffen. Wir nennen das «mit den Maschinen rennen statt gegen sie».
Digitalisierung und Automatisierung erhöhen die Produktivität stark. Wird es in zwanzig Jahren Massenarbeitslosigkeit geben?
Ich würde das weder vorhersagen noch ausschliessen. Ob es dazu kommt, bestimmt nicht die Technologie. Als Politiker, Unternehmer oder Arbeitnehmer haben wir die Wahl. Unsere Zukunft hängt davon ab, wie wir Technologien einsetzen. Je nachdem, welchen Weg wir wählen, könnte es schneller zu Massenarbeitslosigkeit kommen oder aber zu einer Welt des gemeinsam geteilten Wohlstands. Das hängt davon ab, wie stark wir in Bildung investieren, wie wir Firmen ermutigen, neue Jobs zu schaffen und welche Sozial- und Steuerpolitik wir wählen. Wir können sicher nicht selbstzufrieden sein.
Eine Studie aus Oxford schätzt, dass die Hälfte der heutigen Jobs verschwinden wird.
Wahrscheinlich verschwinden Dutzende Millionen von Arbeitsplätzen. Aber man muss auch genauso stark betonen, dass wir wohl auch Dutzende Millionen neue Jobs schaffen werden. Das ist ein historisches Muster.
«Dampfmaschinen ergänzten oder ersetzten Muskeln. Jetzt verstärken wir unser Gehirn.»
Wo werden neue Jobs entstehen?
Zwischenmenschliche und soziale Kompetenzen werden wichtiger für die Pflege und Betreuung von Menschen in Zentren oder zu Hause. Der Bereich wird stark wachsen. Jobs werden auch entstehen, wo es gilt, andere Menschen von etwas zu überzeugen, so wie es Verkäufer tun. Verhandeln, führen, im Team arbeiten und coachen können Maschinen nicht allzu gut. Auch kreative Aufgaben werden zunehmen, sei dies künstlerisches Schaffen, Unternehmertum, Entwickeln von Apps, Videos oder Musik.
Seit Erfindung der Dampfmaschine haben Menschen trotz Automatisierung immer Jobs gefunden. Kann sich das ändern?
Es wäre möglich. Denn alles geschieht einmal zum ersten Mal. Wir sollten uns also nicht darauf verlassen, dass die Dinge immer genau gleich bleiben wie in der Geschichte.
Wie unterscheidet sich die heutige Situation von der Vergangenheit?
Anders als in früheren Perioden steigert Technologie heute unsere geistigen Kräfte und verbessert unsere Fähigkeit zu denken. Dampfmaschinen und Motoren ergänzten oder ersetzten Muskeln. Jetzt verstärken wir unser Gehirn. Dies ist eine grundsätzlich andere Technologie, die sich viel breiter auswirken wird. Zudem geschieht die Veränderung diesmal viel schneller. Die Rechenleistung von Computer-Chips verdoppelt sich etwa alle zwei Jahre.
Heute ist dieses Wachstum exponentiell. War es im Zeitalter der Dampfmaschine linear?
Technisch gesehen, war das Wachstum nach Erfindung der Dampfmaschine auch exponentiell, aber die Verdopplung benötigte ungefähr 70 Jahre. Heute geht es viel schneller.
In der digitalen Wirtschaft gilt: «Der Gewinner erhält alles.» Hochproduktive Tech-Konzerne aus dem Silicon Valley verdrängen lokale Firmen. Wer schafft da noch Arbeitsplätze vor Ort?
Es werden künftig viele neue Firmen entstehen: Sie werden diese nicht nur im Silicon Valley, sondern auch in China und einige auch in Europa sehen, so hoffe ich. Es wird viele neue Dienstleistungen geben, die potenziell Millionen von Menschen beschäftigen. Aber Sie haben recht: In den kommenden Jahren könnten mehrere Milliarden-Konzerne entstehen, mit Diensten auf der Grundlage von Technologien, die wir uns noch gar nicht vorstellen können.
«Sie suchen nach Sündenböcken, seien es Einwanderer oder Roboter.»
Uber verwendet eine IT-Schnittstelle, um Kunden und Arbeitskräfte zusammenzubringen. Das Prinzip liesse sich auf die ganze Wirtschaft ausdehnen. Dann reichten wenige Manager, um eine Masse Freischaffender per App zu steuern. Könnte es dazu kommen?
Das ist ein Szenario; es muss aber nicht negativ sein. Ich betone, dass wir viele verschiedene Arten von Zukunft entwerfen können. Ich halte nichts von Fragen wie: «Was wird die Technologie uns tun? Wird sie gut oder böse sein?» Technologie ist seit je ein Werkzeug. Ich hoffe, dass wir mit unseren leistungsfähigen Werkzeugen eine Zukunft des gemeinsamen Wohlstands schaffen. Es könnte aber auch eine Zukunft mit stark konzentrierter Macht geben, an der die meisten Menschen nicht teilhaben. Ich hoffe, dass wir den ersten Weg wählen werden.
Was für Massnahmen braucht es?
Als nach der Erfindung der Dampfmaschine die Landwirtschaft automatisiert wurde und die Industrie entstand, trafen wir als Gesellschaft Entscheidungen, etwa die Einführung von öffentlicher Bildung für die Massen oder die Veränderung der Steuerstruktur. Wir führten auch Anti-Kartell-Gesetze ein, damit Unternehmen nicht zu mächtig werden. Gleichzeitig verhalfen wir diesen zu Wachstum, indem wir Grundlagenforschung förderten und bessere Infrastruktur bauten. Wir müssen nun dasselbe tun und die Wirtschaft neu erfinden, um die Vorteile der Technologien zu nutzen und in einer Weise zu kanalisieren, die für alle Wohlstand schafft. Wir haben die Wahl.
Erwarten Sie soziale Konflikte wie im 19. Jahrhundert?
Ja, absolut. Ich sehe viel Spannungspotenzial. Eines der traurigen Dinge ist, dass der Medianlohn, bei dem die Hälfte der Arbeitnehmer mehr verdient und die andere Hälfte weniger, niedriger ist als noch vor 20 Jahren, obwohl das Gesamteinkommen höher ist als je zuvor. Der Reichtum geht zu immer weniger Menschen. Eine immer konzentriertere Vermögensverteilung ist ein sehr schlechtes Zeichen. Da ist es verständlich, dass viele Menschen frustriert und wütend sind. Sie suchen nach Sündenböcken, seien es Einwanderer oder Roboter. Wenn wir nicht handeln, um mehr geteilten Wohlstand zu schaffen, wird der Ärger der Menschen zunehmen. Einige werden gewalttätig. Ich befürworte das nicht, aber wir sollten das vorhersehen und politische Strategien entwickeln, um den Wohlstand besser zu verteilen.
Woran denken Sie?
Lassen Sie uns zuerst die Bildung neu erfinden. Wir müssen den Menschen nicht nur Fakten beibringen, denn Maschinen lernen diese sehr gut auswendig, sondern sie lehren, wie sie kreativ sein und ihre sozialen Kompetenzen, Teamarbeit, Führung, Pflege, Überzeugungsarbeit verbessern können. Zweitens müssen wir den Unternehmergeist fördern, indem wir es einfacher machen, neue Firmen zu gründen, die neue Güter, Dienstleistungen und Arbeitsplätze schaffen. Es gibt zu viel Stagnation, sowohl in Europa als auch in den USA. Das hindert Unternehmer daran, Technologie zu nutzen, um die Wirtschaft neu zu beleben. Drittens müssen wir unsere Steuerpolitik überdenken. Dinge wie eine negative Einkommenssteuer könnten helfen, die Rückschläge für die Verlierer der Automatisierung abzufedern. Mit Steuern auf Umweltverschmutzung und Verkehrsstaus könnten wir einen Teil refinanzieren.
Ist ein Land wie die Schweiz gut darauf vorbereitet?
Es ist eines der weltweit am besten vorbereiteten Länder. Es ist schon sehr wohlhabend, hat eine sehr gut ausgebildete Bevölkerung und eine gute, starke Demokratie. Die Schweiz hat bereits einige innovative Ideen wie das bedingungslose Grundeinkommen ins Auge gefasst, das in den nächsten 10 bis 20 Jahren erforderlich sein könnte, um die Folgen der Automatisierung abzufedern. Das Land könnte sich dieses neue Modell leisten, weil es reich und produktiv ist und Technologie effektiv nutzt. Ich sehe die Schweiz als ein mögliches Modell für die Zukunft. Schließlich bin ich optimistisch, nicht weil Technologie den Menschen immer hilft, das tut sie nicht, sondern weil wir wissen, wie wir sie nutzen müssen, damit die Menschen davon profitieren. Wenn wir den Beispielen erfolgreicher Nationen folgen, gibt es einen Pfad, auf dem wir Technologie effektiv nutzen können. Ich bin zuversichtlich, dass die Bürger übereinkommen werden, dies zu tun.
Der 53-jährige Däne ist Professor für Betriebsökonomie an der MIT Sloan School of Management in Boston und Direktor der MIT-Initiative zur digitalen Wirtschaft. Im Januar 2014 hat er zusammen mit seinem Co-Direktor Andrew McAfee den Bestseller «The Second Machine Age: Wie die nächste digitale Revolution unser aller Leben verändern wird» veröffentlicht. Brynjolfsson hat in Harvard studiert und erforscht seither die Auswirkungen der Informationstechnologie auf die Wirtschaft. Sein akademischer Lebenslauf ist mittlerweile auf 60 Seiten angewachsen. Im Januar besucht er das diesjährige WEF in Davos. (mtz.)
Zukunft der Arbeit
«Millionen Arbeitsplätze verschwinden»
Die rasche Automatisierung werde die Arbeitswelt auf den Kopf stellen und berge die Gefahr sozialer Konflikte, sagt MIT-Professor Erik Brynjolfsson im Interview. Die Politik müsse nun Gegenstrategien entwerfen
von Marco Metzler
NZZ am Sonntag: Was wird aus Taxi- und Lastwagenfahrern, wenn Autos selbst fahren lernen?
Erik Brynjolfsson: Maschinen werden ihnen wahrscheinlich in den nächsten fünf bis zwanzig Jahren die Arbeit wegnehmen. Fahrer sollten sich neue Fähigkeiten aneignen und nach anderen Jobs Ausschau halten.
Gilt das auch für alle anderen Arbeitnehmer?
Die Wirtschaft wird künftig noch dynamischer. Wir müssen deshalb ständig neue Möglichkeiten suchen, um arbeiten zu können. Wir können nicht erstarren oder verhindern, dass der Fortschritt Jobs eliminiert. Man sollte die neuen Technologien nutzen, um andere Arten von Arbeit in neuen Bereichen zu schaffen. Wir nennen das «mit den Maschinen rennen statt gegen sie».
Digitalisierung und Automatisierung erhöhen die Produktivität stark. Wird es in zwanzig Jahren Massenarbeitslosigkeit geben?
Ich würde das weder vorhersagen noch ausschliessen. Ob es dazu kommt, bestimmt nicht die Technologie. Als Politiker, Unternehmer oder Arbeitnehmer haben wir die Wahl. Unsere Zukunft hängt davon ab, wie wir Technologien einsetzen. Je nachdem, welchen Weg wir wählen, könnte es schneller zu Massenarbeitslosigkeit kommen oder aber zu einer Welt des gemeinsam geteilten Wohlstands. Das hängt davon ab, wie stark wir in Bildung investieren, wie wir Firmen ermutigen, neue Jobs zu schaffen und welche Sozial- und Steuerpolitik wir wählen. Wir können sicher nicht selbstzufrieden sein.
- Industrie 4.0.
- Zukunft der Arbeit: Uns braucht es bald nur noch als Konsumenten
- Jetzt aber wirklich: Ein neues Maschinenzeitalter.
- Der Niedergang der Arbeitsgesellschaft...
Eine Studie aus Oxford schätzt, dass die Hälfte der heutigen Jobs verschwinden wird.
Wahrscheinlich verschwinden Dutzende Millionen von Arbeitsplätzen. Aber man muss auch genauso stark betonen, dass wir wohl auch Dutzende Millionen neue Jobs schaffen werden. Das ist ein historisches Muster.
«Dampfmaschinen ergänzten oder ersetzten Muskeln. Jetzt verstärken wir unser Gehirn.»
Wo werden neue Jobs entstehen?
Zwischenmenschliche und soziale Kompetenzen werden wichtiger für die Pflege und Betreuung von Menschen in Zentren oder zu Hause. Der Bereich wird stark wachsen. Jobs werden auch entstehen, wo es gilt, andere Menschen von etwas zu überzeugen, so wie es Verkäufer tun. Verhandeln, führen, im Team arbeiten und coachen können Maschinen nicht allzu gut. Auch kreative Aufgaben werden zunehmen, sei dies künstlerisches Schaffen, Unternehmertum, Entwickeln von Apps, Videos oder Musik.
Seit Erfindung der Dampfmaschine haben Menschen trotz Automatisierung immer Jobs gefunden. Kann sich das ändern?
Es wäre möglich. Denn alles geschieht einmal zum ersten Mal. Wir sollten uns also nicht darauf verlassen, dass die Dinge immer genau gleich bleiben wie in der Geschichte.
Wie unterscheidet sich die heutige Situation von der Vergangenheit?
Anders als in früheren Perioden steigert Technologie heute unsere geistigen Kräfte und verbessert unsere Fähigkeit zu denken. Dampfmaschinen und Motoren ergänzten oder ersetzten Muskeln. Jetzt verstärken wir unser Gehirn. Dies ist eine grundsätzlich andere Technologie, die sich viel breiter auswirken wird. Zudem geschieht die Veränderung diesmal viel schneller. Die Rechenleistung von Computer-Chips verdoppelt sich etwa alle zwei Jahre.
Heute ist dieses Wachstum exponentiell. War es im Zeitalter der Dampfmaschine linear?
Technisch gesehen, war das Wachstum nach Erfindung der Dampfmaschine auch exponentiell, aber die Verdopplung benötigte ungefähr 70 Jahre. Heute geht es viel schneller.
In der digitalen Wirtschaft gilt: «Der Gewinner erhält alles.» Hochproduktive Tech-Konzerne aus dem Silicon Valley verdrängen lokale Firmen. Wer schafft da noch Arbeitsplätze vor Ort?
Es werden künftig viele neue Firmen entstehen: Sie werden diese nicht nur im Silicon Valley, sondern auch in China und einige auch in Europa sehen, so hoffe ich. Es wird viele neue Dienstleistungen geben, die potenziell Millionen von Menschen beschäftigen. Aber Sie haben recht: In den kommenden Jahren könnten mehrere Milliarden-Konzerne entstehen, mit Diensten auf der Grundlage von Technologien, die wir uns noch gar nicht vorstellen können.
«Sie suchen nach Sündenböcken, seien es Einwanderer oder Roboter.»
Uber verwendet eine IT-Schnittstelle, um Kunden und Arbeitskräfte zusammenzubringen. Das Prinzip liesse sich auf die ganze Wirtschaft ausdehnen. Dann reichten wenige Manager, um eine Masse Freischaffender per App zu steuern. Könnte es dazu kommen?
Das ist ein Szenario; es muss aber nicht negativ sein. Ich betone, dass wir viele verschiedene Arten von Zukunft entwerfen können. Ich halte nichts von Fragen wie: «Was wird die Technologie uns tun? Wird sie gut oder böse sein?» Technologie ist seit je ein Werkzeug. Ich hoffe, dass wir mit unseren leistungsfähigen Werkzeugen eine Zukunft des gemeinsamen Wohlstands schaffen. Es könnte aber auch eine Zukunft mit stark konzentrierter Macht geben, an der die meisten Menschen nicht teilhaben. Ich hoffe, dass wir den ersten Weg wählen werden.
Was für Massnahmen braucht es?
Als nach der Erfindung der Dampfmaschine die Landwirtschaft automatisiert wurde und die Industrie entstand, trafen wir als Gesellschaft Entscheidungen, etwa die Einführung von öffentlicher Bildung für die Massen oder die Veränderung der Steuerstruktur. Wir führten auch Anti-Kartell-Gesetze ein, damit Unternehmen nicht zu mächtig werden. Gleichzeitig verhalfen wir diesen zu Wachstum, indem wir Grundlagenforschung förderten und bessere Infrastruktur bauten. Wir müssen nun dasselbe tun und die Wirtschaft neu erfinden, um die Vorteile der Technologien zu nutzen und in einer Weise zu kanalisieren, die für alle Wohlstand schafft. Wir haben die Wahl.
Erwarten Sie soziale Konflikte wie im 19. Jahrhundert?
Ja, absolut. Ich sehe viel Spannungspotenzial. Eines der traurigen Dinge ist, dass der Medianlohn, bei dem die Hälfte der Arbeitnehmer mehr verdient und die andere Hälfte weniger, niedriger ist als noch vor 20 Jahren, obwohl das Gesamteinkommen höher ist als je zuvor. Der Reichtum geht zu immer weniger Menschen. Eine immer konzentriertere Vermögensverteilung ist ein sehr schlechtes Zeichen. Da ist es verständlich, dass viele Menschen frustriert und wütend sind. Sie suchen nach Sündenböcken, seien es Einwanderer oder Roboter. Wenn wir nicht handeln, um mehr geteilten Wohlstand zu schaffen, wird der Ärger der Menschen zunehmen. Einige werden gewalttätig. Ich befürworte das nicht, aber wir sollten das vorhersehen und politische Strategien entwickeln, um den Wohlstand besser zu verteilen.
Woran denken Sie?
Lassen Sie uns zuerst die Bildung neu erfinden. Wir müssen den Menschen nicht nur Fakten beibringen, denn Maschinen lernen diese sehr gut auswendig, sondern sie lehren, wie sie kreativ sein und ihre sozialen Kompetenzen, Teamarbeit, Führung, Pflege, Überzeugungsarbeit verbessern können. Zweitens müssen wir den Unternehmergeist fördern, indem wir es einfacher machen, neue Firmen zu gründen, die neue Güter, Dienstleistungen und Arbeitsplätze schaffen. Es gibt zu viel Stagnation, sowohl in Europa als auch in den USA. Das hindert Unternehmer daran, Technologie zu nutzen, um die Wirtschaft neu zu beleben. Drittens müssen wir unsere Steuerpolitik überdenken. Dinge wie eine negative Einkommenssteuer könnten helfen, die Rückschläge für die Verlierer der Automatisierung abzufedern. Mit Steuern auf Umweltverschmutzung und Verkehrsstaus könnten wir einen Teil refinanzieren.
Ist ein Land wie die Schweiz gut darauf vorbereitet?
Es ist eines der weltweit am besten vorbereiteten Länder. Es ist schon sehr wohlhabend, hat eine sehr gut ausgebildete Bevölkerung und eine gute, starke Demokratie. Die Schweiz hat bereits einige innovative Ideen wie das bedingungslose Grundeinkommen ins Auge gefasst, das in den nächsten 10 bis 20 Jahren erforderlich sein könnte, um die Folgen der Automatisierung abzufedern. Das Land könnte sich dieses neue Modell leisten, weil es reich und produktiv ist und Technologie effektiv nutzt. Ich sehe die Schweiz als ein mögliches Modell für die Zukunft. Schließlich bin ich optimistisch, nicht weil Technologie den Menschen immer hilft, das tut sie nicht, sondern weil wir wissen, wie wir sie nutzen müssen, damit die Menschen davon profitieren. Wenn wir den Beispielen erfolgreicher Nationen folgen, gibt es einen Pfad, auf dem wir Technologie effektiv nutzen können. Ich bin zuversichtlich, dass die Bürger übereinkommen werden, dies zu tun.
Der 53-jährige Däne ist Professor für Betriebsökonomie an der MIT Sloan School of Management in Boston und Direktor der MIT-Initiative zur digitalen Wirtschaft. Im Januar 2014 hat er zusammen mit seinem Co-Direktor Andrew McAfee den Bestseller «The Second Machine Age: Wie die nächste digitale Revolution unser aller Leben verändern wird» veröffentlicht. Brynjolfsson hat in Harvard studiert und erforscht seither die Auswirkungen der Informationstechnologie auf die Wirtschaft. Sein akademischer Lebenslauf ist mittlerweile auf 60 Seiten angewachsen. Im Januar besucht er das diesjährige WEF in Davos. (mtz.)
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