Mittwoch, 21. November 2018

Die befreite Kanzlerin.

Bundestag
aus süddeutsche.de,

Die befreite Kanzlerin
Deutschland erlebt eine verwandelte Angela Merkel: Souverän legt sie dar, was die wirklich wichtigen Aufgaben sind - und schickt Alice Weidel in den Keller der politischen Bedeutungslosigkeit.

von Cerstin Gammelin

 Der Abschiedsschmerz wird noch groß sein. Jedenfalls dann, wenn die Kanzlerin in diesem Stil weitermacht. An diesem Mittwoch sah man im Bundestag eine gelöste, emotional aufgeladene und zugleich nüchtern argumentierende Angela Merkel. Die rechte Hand zur Faust geballt, begründete Merkel ihre politischen Überzeugungen zur Digitalisierung und zum Multilateralismus so zwingend, wie Mathematiker eine komplizierte Gleichung mit zehn Unbekannten lösen. Merkel reihte deutsche Interessen, internationale Probleme und technologische Entwicklungen so sauber aneinander, dass ihr Schlusssatz klang wie: "was zu beweisen war". Es liegt im deutschen Interesse, die Interessen der anderen immer mitzudenken, sagte Merkel am Ende. Klarer kann ein Bekenntnis zum Multilateralismus nicht ausfallen.


Das Bekenntnis ist zugleich ihr Vermächtnis. Auch Angela Merkel wird klar sein, dass ihr Auftritt am Mittwoch ihr letzter als Kanzlerin in einer Generaldebatte zur Politik der Bundesregierung gewesen sein könnte. In zwei Wochen tritt Merkel als CDU-Vorsitzende ab, die CDU wird eine neue Führung bekommen, und es bleibt abzuwarten, ob ihre Nachfolgerin oder ihr Nachfolger dann von Merkels Angebot Gebrauch machen wird, bis zum Ende der Legislaturperiode als Kanzlerin zu regieren. Sollte es nicht so sein, dann ist es Merkel in dieser Debatte jedenfalls gelungen, die wirklich wichtigen Aufgaben aufzuzeigen, als da wären: Digitalisierung, Migration und Europa.

In den vergangenen Monaten hatte man Angela Merkel als eine von Sorgen gezeichnete Politikerin erlebt. Seit sie das Ende ihrer politischen Karriere in Aussicht gestellt und sich selbst damit eine große persönliche Freiheit geschaffen hat, erlebt das Land eine verwandelte Kanzlerin. Fast hat man den Eindruck, als gäbe Merkel jetzt auch mal gerne den Schröder, den früheren SPD-Kanzler, so wie sie lässig die politische Konkurrenz abtropfen lässt. So schickte Merkel die AfD-Fraktionsvorsitzende Alice Weidel in den Keller der politischen Bedeutungs- losigkeit. Weidel hatte zuvor ausführlich über ihre Spendenaffäre gesprochen und Merkel vorgeworfen, das Land zu spalten. Die Kanzlerin antwortete souverän: "Das Schöne an freiheitlichen Debatten ist, dass jeder über das spricht, was er für das Land für wichtig hält."


Vor zwei Jahren bat der scheidende US-Präsident Barack Obama die damals noch mächtige Kanzlerin, im Amt weiterzumachen, um die freiheitlichen Werte der westlichen Welt zu verteidigen. Lange Zeit hatte man dann den Eindruck, als würde Merkel an dieser Aufgabe scheitern. Inzwischen sieht es so aus, als habe sie sich erst die persönliche Freiheit schaffen müssen, um sich um die Freiheit der anderen kümmern zu können. Je mehr sie das in souveräner Manier und mit der kühlen Argumentation einer Naturwissenschaftlerin tut, desto mehr wird man sie vermissen.

Sonntag, 18. November 2018

Das finsterste Jahr der Geschichte.

aus derStandard.at, 17. November 2018,                                                  Jan Brueghel Triumph des Todes 1597

War 536 das schlimmste Jahr der Geschichte?
Eine Naturkatastrophe im Frühmittelalter hatte für ein Jahrzehnt dramatische Folgen. Forscher fanden nun womöglich den "Schuldigen"

Für das schrecklichste Jahr unserer Zeitrechnung gibt es etliche Kandidaten: 1914 und 1939, die Jahre am Beginn des Ersten und Zweiten Weltkriegs, kommen ebenso infrage wie das Jahr 1349, als die Pest halb Europa auslöschte, oder 1918, als die Spanische Grippe weltweit bis zu 100 Millionen dahinraffte.

Für den US-amerikanischen Mittelalterhistoriker und Archäologen Michael McCormick von der Harvard-Universität ist es ein anderes Jahr, das seiner Meinung nach das schlimmste für die Menschheit in den vergangenen zwei Jahrtausenden war: nämlich 536. Als Mediävist mag McCormick eine besondere Vorliebe für das Mittelalter haben. Aber er liefert in der Online-Ausgabe von "Science" gute Gründe für seine Wahl: Dieses Jahr habe den Auftakt für das dunkelste und kälteste Jahrzehnt zumindest der vergangenen 2.300 Jahre markiert – jedenfalls in weiten Teilen der Nordhalbkugel inklusive China.

Schnee im Sommer

Die Geschichtsschreiber Prokopios, Michael der Syrer oder Flavius Cassiodor berichten für diese Zeit einhellig von niedrigen Temperaturen mit Schnee im Sommer sowie von dramatischen Missernten. In den Worten von Prokopios: "Die Sonne, ohne Strahlkraft, leuchtete das ganze Jahr hindurch nur wie der Mond und machte den Eindruck, als ob sie fast ganz verfinstert sei. Seitdem aber das Zeichen zu sehen war, hörte weder Krieg noch Seuche noch sonst ein Übel auf, das den Menschen den Tod bringt."

Damit war beispielsweise gemeint, dass sich ab dem Jahr 541 die Beulenpest vom römischen Hafen von Pelusium in Ägypten ausbreitete, vermutlich knapp die Hälfte der Bevölkerung des Oströmischen Reiches auslöschte und dessen Zusammenbruch beschleunigte.

"Wetteranomalie von 535/536"

In der Fachliteratur ist der Beginn dieser Katastrophe als die "Wetteranomalie von 535/536" bekannt. Wie Klimahistoriker in den 1990er-Jahren anhand von Baumringen rekonstruierten, fielen die Temperaturen im Sommer 536 und in den Jahren danach durchschnittlich um rund 2,5 Grad Celsius.

Was die anhaltende Verfinsterung des Himmels und die nachfolgende Kälteperiode auslöste, ist indes unklar: Einmal wurden Asteroideneinschläge in Australien dafür verantwortlich gemacht, dann wieder Vulkanausbrüche. Unklar blieb jedenfalls, wo die verheerenden Eruptionen stattgefunden haben könnten.

Suche nach dem "Verursacher"

Nun aber könnte ein Team um McCormick und dem Glaziologen Paul Mayewski (University of Maine) den "Schuldigen" gefunden haben. Bei einem Workshop in Harvard, der diese Woche stattfand, berichteten die Forscher, dass vermutlich ein katastrophaler Vulkanausbruch in Island Anfang 536 Asche großräumig über die nördliche Hemisphäre verteilt haben dürfte. Zwei weitere massive Ausbrüche folgten dann anscheinend im Jahr 540 und 547.

Erste Hinweise hatten bereits polare Eiskerne aus Grönland und der Antarktis geliefert. Wie Michael Sigl (Uni Bern) und andere seiner Kollegen zeigten, wiesen Spuren von Schwefel und anderen Substanzen im Eis in Abgleich mit den Baumringen darauf hin, dass fast jeder ungewöhnlich kalte Sommer der letzten 2.500 Jahre von einem Vulkanausbruch begleitet wurde.

72 Meter langer Eiskern vom Gletscher

Mayewski und sein interdisziplinäres Tam suchten für ihre neue Untersuchung am Gletscher des 4453 Meter hohen Colle Gnifetti in den Schweizer Alpen nach diesen Eruptionsspuren. In einem 72 Meter langen Eiskern, der dort 2013 zutage gefördert wurde, finden sich wertvolle klimatologische Informationen über die letzten gut 2.000 Jahre – egal, ob es sich nun um die Spuren von Vulkaneruptionen, Staubstürmen aus der Sahara oder menschliche Aktivitäten im Zentrum Europas handelt.

Eine neue, extrem hochauflösende Methode ermöglichte es dem Team zum einen, zwei mikroskopische Partikel aus vulkanischem Glas zu identifizieren, die aus dem Jahr 536 stammen. Deren chemischer Fingerabdruck legte zum anderen nahe, dass die Teilchen vermutlich aus einem isländischen Vulkan nach Mitteleuropa gelangt waren, wie die Wissenschafter in Harvard berichteten.

Um das mit letzter Sicherheit sagen zu können, seien aber noch weitere Vergleichsuntersuchungen nötig.

Bestätigung der Methode

Wie gut diese Methode mittlerweile funktioniert, zeigt eine neue Studie von Forschern um Christopher Loveluck (Uni Nottingham) im Fachblatt "Antiquity": Sie fanden heraus, dass sich etwa ab dem Jahr 640 besonders viel Bleipartikel im Eis des Colle Gnifetti fanden. Das wiederum weist darauf hin, dass viel Silber aus Bleierz geschmolzen wurde.

Die Interpretationen der Spuren aus dem Ewigen Eis gehen aber noch weiter: Die Forscher vermuten erstens, dass die Spuren des Silberbergbaus aus Melle in Frankreich stammen und werten sie zweitens als Beleg dafür, dass sich in dieser Zeit die Geldwirtschaft von Gold auf Silber umstellte. Ziemlich genau ein Jahrhundert nach dem vielleicht schlimmsten Jahr der Geschichte.

Quellen Bericht in "Science": Why 536 was ‘the worst year to be alive’
Antiquity: "Alpine ice-core evidence for the transformation of the European monetary system, AD 640–670"


Nota. - Das wäre ein donnernder Abschluss der sogenannten Völkerwanderung, den die Historiker bisher mit dem Einfall der Langobaarden in Norditalien um das Jahr 580 ansetzten. 
JE 

Freitag, 16. November 2018

Die technologische Voraussetzung für den Erfolg der Wikinger.

Wikinger-Festival auf den Shetland-Inseln
aus Spiegel.de, 6. 11. 2018

Was die Wikinger zu gefürchteten Seefahrern machte 
Um 700 nach Christus begann die Hochzeit der Wikinger. Möglich war das wahrscheinlich nur durch die Großproduktion eines klebrigen Stoffes.

Ohne ihre Schiffe wären die Wikinger wohl nicht weit gekommen. Im achten Jahrhundert war die Zeit, in der die nordischen Völker begannen, weite Teile Europas zu plündern und später auch den Atlantik zu überqueren. Möglich war das wahrscheinlich nur aufgrund einer technologischen Innovation: Durch die Produktion von Teer waren die Wikinger in der Lage, ganze Schiffsflotten abzudichten und so vor Wasser zu schützen.

In Schweden hat ein Forscher nun trichterförmige Gruben untersucht, die genutzt wurden, um diesen Teer zu produzieren. Darin wurde Kiefernholz mit Torf bedeckt und unter Luftabschluss angezündet. So entstand Holzteer. Allerdings geschah das über die Wikingerzeit in unterschiedlich großem Ausmaß, berichtet Andreas Hennius von der Uppsala University im Fachmagazin Antiquity. 

300 Liter Teer in einem Produktionszyklus

Hennius verglich die Teeröfen an unterschiedlich alten Grabungsstätten:
  • Im Südosten von Schweden hatten Forscher Anfang der Zweitausender Teeröfen aus den Jahren 100 bis 400 nach Christus entdeckt. Sie waren recht klein und in Siedlungen untergebracht, berichtet der Archäologe.
  • 2005 fanden Forscher dann weiter nördlich größere Teeröfen, die allerdings aus der Zeit zwischen 680 und 900 stammen. Sie befanden sich in der Regel außerhalb der Siedlungen in der Nähe von Kiefernwäldern, sodass Holz direkt verfügbar war.
Forscher waren zunächst davon ausgegangen, dass sie zur Produktion von Holzkohle genutzt wurden. Doch Hennius ist sich sicher, dass hier Teer entstand - und zwar in größeren Mengen. Bis zu 300 Liter von dem zähflüssigen Dichtmittel konnten in den großen Gruben in einem Produktionszyklus hergestellt werden.

Die Massenproduktion würde auch zeitlich passen. Denn mit dem Ende des siebten Jahrhunderts begann die Hochzeit der Wikinger. Zwar kann die Teerproduktion allein ihre Ausbreitung nicht erklären, sie leistete aber wahrscheinlich einen wichtigen Beitrag.

Im 11. Jahrhundert Ausdehnung bis nach Amerika 

Bei den Öfen habe es sich um Industriestätten gehandelt, die ausschließlich der Massenproduktion von Teer dienten, glaubt Hennius. Das habe es den Wikingern ermöglicht, mit ihren Langschiffen auf Plünderfahrt zu gehen. Zudem könne der Teer dazu gedient haben, Segel zu imprägnieren und mit den Waren zu handeln.

"Die zwischenzeitliche Größe der Wikingerflotte legt nahe, dass es eine große, beständige Nachfrage nach dem Produkt gab", schreibt der Forscher. In einigen Quellen sei die Rede von Hunderten Schiffen. Die Konstruktion von Wikingerlangbooten ist inzwischen archäologisch gut dokumentiert - auch die Nutzung von Teer war bekannt.

Bis zum 11. Jahrhundert beherrschten die Wikinger weite Teile Großbritanniens und hatten sich in Island, Grönland und Amerika niedergelassen. Von dort aus überfielen sie unter anderem spanische Häfen. Erst mit der Christianisierung um 1000 nach Christus endete allmählich die große Zeit der Wikinger. Sie wurden zunehmend sesshaft.
jme

Samstag, 10. November 2018

Ist die Vertreibung der Hyksos nur eine Legende?

2: Spätbronzezeitlicher Krug während der Ausgrabung
aus Die Presse, Wien,                                      Spätbronzezeitlicher Krug während der Ausgrabung
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Neue Befunde bringen der Archäologie neue Rätsel
Laut ihrer Geschichtsschreibung haben die Ägypter die Fremdherrschaft in ihrem Land mit Gewalt beendet. Doch ein Archäologe der Universität Wien schließt nun aus 14C-Daten, dass das ganz anders war.

Rund 40 Kilometer südwestlich von Jerusalem liegt Tel Lachisch, einer der bedeutendsten bronze- und eisenzeitlichen Fundorte des heutigen Israel. Dort findet nach über hundert Jahren wieder eine österreichisch-israelische Grabung statt, geleitet von Felix Höflmayer von der Uni Wien und Katharina Streit von der Universität Jerusalem.

„Wir sind sehr froh, dass wir gerade hier graben dürfen“, erklärt Höflmayer: „Schließlich war Lachisch eine der wichtigsten Städte der Bronze- und Eisenzeit, und gerade die Siedlungsschichten der späten Mittel- und frühen Bronzezeit, also der Zeit von rund 1600 bis 1500 v. Chr., wurden hier noch kaum erforscht. Uns hat genau diese Zeit besonders interessiert, da es damals zu größeren politischen Umwälzungen gekommen ist und diese Epoche als Grundlage für die folgende sogenannte erste Globalisierung gilt.“ Ägypten wurde rund 100 Jahre lang (von rund 1650 bis 1550 v. Chr.) von den Hyksos regiert, deren Namen darauf schließen lassen, dass sie aus dem westsemitischen Sprachraum stammten, wahrscheinlich Kanaaniter aus Palästina waren.

Zerstörungen waren früher

Der erste Hyksos-König soll Salitis gewesen sein, den die altägyptische Chronologie zur 15. Dynastie zählte. Hyksos heißt auf Altägyptisch „Herrscher der Fremdländer“: Die Ägypter sollen sich um 1550 v. Chr., zur Zeit der 17. Dynastie, dieser Fremdherrschaft mit Gewalt entledigt haben; darauf deuten auch die vielen Zerstörungs- horizonte in dieser Gegend. „Bisher ist man davon ausgegangen, dass die vielen Zerstörungen auf die Vertrei- bung der Hyksos durch die Ägypter zurückzuführen sind“, erläutert Höflmayer: „Das würde auch auf der Hand liegen, hat man doch auch schriftliche Quellen, die darauf hindeuten.“

Die große Überraschung erbrachte jedoch die Datierung mit der 14C-Methode (Radiokohlenstoffdatierung), die auf dem Zerfall des Kohlenstoff-Isotops 14C beruht und eine recht genaue zeitliche Einordnung ermöglicht. „Nach diesen Befunden“, erklärt Höflmayer, der Archäologie und Ägyptologie studiert hat, „erfolgten die Zerstörungsereignisse viel früher, bis zu 100 Jahre früher, und sie zogen sich bis zu einem halben Jahrhundert hin. Das bedeutet, dass man diese Ereignisse nicht gleichsetzen kann mit der Vertreibung der Hyksos durch die Ägypter. Und das heißt natürlich auch, dass man die Geschichte dieser Zeit neu schreiben, sie neu und anders mit der Geschichte der Ägypter verlinken muss.“ Mit diesem unorthodoxen Befund hat sich Höflmayer allerdings nicht nur Freunde gemacht. Sein ehemaliger Doktorvater, der Ägyptologe Manfred Bietak, der sich lange Jahre mit der Erforschung der Hyksos in Ägypten beschäftigt hat, lehnt die neue Datierung vehement ab. Denn damit tut sich noch eine Frage auf: Haben die Ägypter die Hyksos überhaupt wirklich vertrieben, wie sie selbst stolz behauptet haben? Oder haben sie sich die neuerliche Herrschaft in der Levante einfach sichern können, weil sie in ein Machtvakuum vorstoßen konnten?

Höflmayer meint, man müsse die schriftlichen Quellen eben kritischer hinterfragen. „Lang war man darauf angewiesen, sich schriftlicher Quellen zu bedienen oder anhand von Funden Datierungen vorzunehmen. Da kam es letztlich immer auf die Interpretation an. Heute kann man auf die 14C-Methode zurückgreifen, mit der eine genauere Datierung möglich ist.“

Freitag, 9. November 2018

Verschlechtbessert.

 
Heut jährt sich so manches Ereignis. Eines jeden wird gedacht werden. Alle haben ihren guten oder schlechten Na- men. Nur das uns Deutschen peinlichste nicht. Reichskristallnacht war eine höhnische Verniedlichung, und die sie erlebt hatten, wussten das. So blieb das Wort in Gebrauch, doch die nachwachsenden Generationen verstanden es so, als sei damals eigentlich nur Glas zu Bruch gegangen. Die vielen Todesopfer gerieten in Vergessenheit.

Daher die neue Sprachregelung Reichspogromnacht. Aber die macht alles schlimmer. Das Wort Pogrom haben wir aus Russland, so wie die Russen das Wort lager von uns haben. Es gehörte zu den abgefeimten Herrschaftsmitteln der Zaren: Staute sich irgendwo zu starker Unmut auf, sandte die Ochrana ihre Lockspitzel aus, die gegen Juden hetzten und auch selber tätlich wurden. Da entlud sich der Volkszorn gegen die Ghettos, die Blutlust des Pöbels war befrie- digt und Ruhe kehrte ein im Reich des Selbstherrschers aller Reußen.

Denn der Antisemitismus war in Osteuropa endemisch, und nicht immer brauchte es Provokateure des Zaren, um ein Pogrom auszulösen.

Ganz anders aber die antijüdische Gewaltorgie vom 9. November 1938. Sie war eine geplante und organisierte Ver- anstaltung der SA. Auffällig war gerade - und alle Zeugnisse stimmen darin überein -, dass die angeblich empörte Volksseele sich nicht daran beteiligte, wie die Nationalsozialisten erwartet hatten. Die Menschen standen dabei und sahen scheigend zu.

In Deutschland war der Antisemitismus nämlich nicht endemisch, in Deutschland gab es keinen alteingewurzelten Judenhass, und die wiederholten Versuche, aus rassistischem Ressentiment politisches Kapital zu schlagen, sind im Kaiserreich immer wieder misslungen. Der deutsch-israelisch-amerikanische Historiker George Mosse sagte einst, wenn zur vorigen Jahrhundertwende jemand prophezeit hätte, dass im Verlaufe des neuen Jahrhunderts in Europa sechs Millionen Juden umgebracht würden, hätte jeder Gebildete gesagt: "Den Franzosen ist alles zuzutrauen." An Deutschland hätte keiner gedacht.

Bevor ich Beifall oder Pfiffe von der jeweils falschen Seite beziehe, sei dies gesagt: Das macht die Sache nur noch schlimmer. Böse Leidenschaften werden dadurch nicht besser, dass sie Leidenschaften sind. Doch wo Vernunft ohnehin nie recht heimisch ist, kann sie jene nicht zügeln. Das mildert die Dinge nicht, macht sie aber begreiflicher.


Ewig unbegreiflich wird bleiben, dass das im Land der Dichter und Denker geschah, das sich seither schämt, so genannt zu werden.









Dienstag, 6. November 2018

Die hat noch was vor.


In der Union gebe stets der Parteivorsitzende den Ton an, der Kanzler spiele nur die zweite Geige, las ich in einem deutschen Qualitätsblatt. Als ob die das schon ausprobiert hätten! Als Erhard Kanzler wurde und Adenauer Partei- vorsitzender blieb, konnte es nicht anders sein. Das lag aber erstens an den Personen und zweitens an der weltpoliti- schen Lage. Nach außen war die Bundesrepublik ein Zwerg, sie lebte nur nach innen, es ging nur darum, wer dort der starke Mann war; und das war nicht Erhard. 

Heute ist das umgekehrt. Weltpolitisch ist Deutschland jetzt der Anchorman des Westens, seit es Amerika nicht mehr sein mag. Und war die deutsche Kanzlerin die Anchorwoman. Die Innenpolitik war ihr stattdessen, o ja, ein Klotz am Bein. Als Kanzlerin einer Koalition steht sie fast ein bisschen über den Parteien, und dass sie neben kanzlern nun nicht mehr parteivorsitzen muss, verschafft ihr neue Handlungsfreiheit.

Ich könnte mir vorstellen, dass die uns noch nicht zum letzten Mal überrascht hat.


PS. An ihrem Denkmal bauen können die Hinterbliebenen nun unbefangener als zuvor. Und das bedeutet: heraus- heben, was ihr politisches Vermächtnis ist, das auch nach 2021 fortbesteht. Das wird ein ganz eigner Beitrag zur Programmdebatte.



Montag, 5. November 2018

Lebhafter Levantehandel in der Bronzezeit.

aus derStandard.at, 5. November 2018                                            Schale der frühdynastischen Zeit (um 2800 vor unserer Zeitrechnung)

6.000 Jahre alte Metallgefäße belegen Handel zwischen Ägypten und Anatolien
Ungewöhnliche Zusammensetzung von Kupferobjekten weist auf Fernhandelsrouten vor Beginn der Bronzezeit hin

Historische Museumsobjekte besitzen nicht nur Schauwert für ein interessiertes Publikum, in solchen Funden stecken noch immer zahlreiche Informationen, die bei frühere Untersuchungen übersehen wurden oder noch gar nicht gesammelt werden konnten. Einem Team aus tschechischen und deutschen Wissenschaftern ist es nun gelungen, aufgrund aus Metallobjekten aus der Sammlung des Ägyptischen Museums der Universität Leipzig auf weitreichende Handelsbeziehungen des Alten Ägyptens bis nach Anatolien zu schließen. Die nun im "Journal of Archaeological Science" veröffentlichten Erkenntnisse weisen auf einen wirtschaftlichen und kulturellen Austausch hin, der vermutlich schon seit dem 4. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung bestand.

Herkunft, Verarbeitung und Zusammensetzung

Die Untersuchungen umfassten etwa 20 Fundstücke, darunter vor allem Kupfergefäße und -werkzeuge. Die Kernzentren des Kupferabbaus befanden sich auf der Sinai-Halbinsel und in der ägyptischen Ostwüste. Der früheste Hinweis für Erzabbau in diesen Regionen findet sich weit vor 3000 vor unserer Zeitrechnung. Bei den Analyse der Objekten mit archäometallurgischen Methoden war es den Wissenschaftern um Martin Odler von der Karls-Universität in Prag möglich, ihre Herkunft und Verarbeitung weitgehend zu bestimmen. Trotz stark fortgeschrittener Korrosion an einigen der Objekte konnte zusätzlich die chemische Zusammensetzung an den meisten Fundstücken festgestellt werden.

Seit etwa 3500 vor unserer Zeitrechnung werden Objekten aus Kupfer, Arsen und andere Fremdstoffe beigemischt und so ein Arsenkupfer mit verbesserten Materialeigenschaften bewusst hergestellt. Bei einem Gefäß aus einem Grab der Zeit um 2800 vor unserer Zeit in Abusir (15 Kilometer südlich von Kairo) ließ sich allerdings eine Besonderheit feststellen: Die Zusammensetzung des Gefäßes, das aus beträchtlichen Mengen an Arsen und Nickel bestand, ergab Parallelen zu Kupfererzen und anderen kupfernen Objekten aus der Zeit des Chalkolithikums und der Frühbronzezeit in Anatolien.

Frühe Beziehungen zu Vorderasien

"Das ist der erste Beweis für eine mögliche, wenn auch indirekte Verbindung zwischen dem frühbronzezeitlichen Anatolien und dem frühdynastischen Ägypten", berichtet Odler. Er und sein Kollege Jiří Kmošek von der Pardubice Universität gehen davon aus, dass das Aufkommen von Kupferobjekten mit Spuren von Arsen und Nickel in Anatolien, der Levante und in Ägypten der Beleg für die Existenz einer Handels- und Austauschroute zwischen diesen Orten im 4. und 3. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung war. Diese Routen waren vermutlich nur ein geringer, jedoch trotzdem wichtiger Teil des Handels und damit auch des kulturellen Austauschs im östlichen Mittelmeer und nach Vorderasien. (red, 5.11.2018)  

Abstract
Journal of Archaeological Science: "Invisible connections. Early Dynastic and Old Kingdom Egyptian metalwork in the Egyptian Museum of Leipzig University."



Nota. - Man muss sich das östliche Mittelmeer viel unmittelbarer als den Ursprung unserer Zivilisation vorstellen, als wir es gewöhnt sind.
JE