Dienstag, 22. Januar 2019

Ein Übergang aus der Hochkultur ins Wanderleben?

Grab eines Jugendlichen,Trans-Ural, Neplujevka
aus derStandard.at, 22. Jänner 2019, 06:00

Große Umwälzungen: 
Was geschah vor 4.000 Jahren am Ural?
Forscher wollen herausfinden, was am Rand der Eurasischen Steppe am Übergang zur Eisenzeit zu umfassenden kulturellen Veränderungen geführt hat

Frühere Funde haben gezeigt, dass die Grenzregion zwischen Europa und Asien am nördlichen Rand der Eurasischen Steppe vor Jahrtausenden eine einzigartige Kulturlandschaft darstellte. Denkmäler der Bronze- und Eisenzeit wie Grabhügel, sogenannte "Kurgane" und Siedlungen lassen vermuten, dass sich im südlichen Trans-Ural ein Zentrum wirtschaftlicher Entwicklung und soziokultureller Prozesse befand, die bereits im dritten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung einsetzten.

Nach dem Niedergang dieser befestigten Siedlungen veränderte sich die Wohnstruktur allerdings, es entstanden gleichsam offene Siedlungen mit Reihenhausbauten ohne Befestigungsanlagen. Russische Forschungen datieren diese Siedlungen in die Mitte des 2. Jahrtausends vor unserer Zeitrechnung, also in die späte Bronzezeit. Was zu diesen großen Veränderungen in der Lebensweise der dortigen Menschen geführt haben könnte, ist noch immer weitgehend unklar.

Hoch entwickelte Kultur

Nun aber wollen Wissenschafter um Rüdiger Krause von der Goethe-Universität Frankfurt am Main gemeinsam mit russischen Kollegen und Forschern von der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz dieses Rätsel lösen. Krause hat sich bereits in der von 2009 bis 2014 andauernden Forschungszeit den befestigten Siedlungen der Sintaschta-Petrovka-Periode gewidmet, die vor der merkwürdigen kulturellen Zäsur angesiedelt ist. Diese Kultur zeichnete sich durch frühe Streitwagen aus, durch intensiven Kupferbergbau und eine hoch entwickelte Bronzeherstellung.

Nun rücken verschiedene andere archäologische Stätten der Bronze- und Eisenzeit in der Mikroregion des Flusses Yandyrka-Akmulla und am oberen Karagaily-Ayat in den Fokus. Wie haben sich die Siedlungsstrukturen dort verändert? Wie wurde die Landschaft als ökonomische Basis für Tierhaltung genutzt? Und vor allem woher stammen die Menschen, die den damaligen Wandel von einer sesshaften Lebensform zum Nomadismus vollzogen haben? Auf der Suche nach Antworten sollen Archäologen und Paläogenetiker eng zusammenarbeiten.

Hochauflösende Gensequenzierung

Das Team um Joachim Burger an der Universität Mainz ist auf die Analyse von Genomen aus archäologischen Skeletten spezialisiert. In diesem Projekt werden die Mainzer Forscher der Frage nachgehen, inwiefern genetische Einflüsse aus Europa oder der zentralasiatischen Steppe einhergehen mit dem kulturellen Wandel, der im Transural zu beobachten ist. Um Antworten auf die zahlreichen Fragen zu finden, werden die Wissenschafter die Genome aus den archäologischen Fundstellen des Projekts hochauflösend sequenzieren. Mit eigens entwickelten statistischen Methoden werden diese im Anschluss analysiert, um möglichst viele Details über die Menschen der Bronze- und Eisenzeit herauszufinden. (red,)

Freitag, 18. Januar 2019

Römische Gleichheit und germanische Ungleichheit.

Kairos, der Gott der guten Gelegenheit
aus FAZ.NET, 25.12.2018-13:42

Erben wie die alten Römer
Haben regionale Unterschiede sozialer Gleichheit ihre Wurzel auch in uralten Rechtstraditionen? Was des Einen Gleichheit ist, schränkt den Anderen in seiner ein, zeigen die Forschungen eines Ökonomen

Von Gerald Wagner

Auch die Geschichtswissenschaft ist eine Sozialwissenschaft. Umgekehrt sind manchmal historische Ausgriffe unerlässlich, wenn man aktuelle soziologische Forschung betreibt. Etwa zu der Frage, warum manche Gesellschaften gleicher sind als andere. Dass man hierzu kaum etwas Verlässliches sagen kann, wenn man an der sozialen Ungleichheit nicht auch deren Ursprünge untersucht, dürfte selbstverständlich sein. Aber wie weit soll man zurückgehen?

Der Berliner Ökonom Anselm Rink meint: sehr weit. Vielleicht sogar bis zu den Römern. Denn das römische Recht habe das Erbrecht in den süddeutschen Regionen geprägt, was Auswirkungen bis heute haben soll. Doch auch wenn die großen Unterschiede in den Erbsitten in den Gemeinden dieser ehemals römischen Provinzen auch anders erklärt würden: Man müsse sich mit diesen lokalen Differenzen des Erbrechts beschäftigen, wenn man die soziale Ungleichheit von heute erklären möchte. Denn, so Rink, soziale Ungleichheit ist das Ergebnis ungerechter Erbsitten. Wo innerhalb von Familien gerechter vererbt wurde, sei auch die soziale Ungleichheit geringer. Aber wie misst man so etwas?

Rink ging hier erfrischend unkonventionell vor. Zum einen konnte er auf eine Umfrage aus den 50er Jahren zurückgreifen, in welcher der Agrarwissenschaftler Helmut Röhm die historischen Unterschiede des Erbrechts in allen 24.500 westdeutschen Gemeinden dieser Jahre dokumentiert hatte. Diese schwankten zum Teil erheblich zwischen der von den Römer praktizierten Realteilung (alle Erbberechtigten erhalten den gleichen Anteil) und dem germanischen Anerbenrecht, gemäß dem ein Erbberechtigter (meistens der erstgeborene Sohn) allein erbte.

Zum anderen griff Rink zur Messung der aktuellen sozialen Ungleichheit in diesen Gemeinden auf zwei Indikatoren zurück: Er fragte nach dem Anteil von Frauen in den Gemeinderäten dieser Kommunen und nach der Anzahl Adliger in den lokalen Rotary-Clubs. Dass man hier Unterschiede in den deutschen Gemeinden findet, dürfte nicht überraschen. Aber sollen diese tatsächlich auf zum Teil jahrhundertealte Erbsitten zurückgehen? Und zwar systematisch und empirisch nachweisbar?

Der „Bill-Gates-Effekt“

Rink jedenfalls ist davon überzeugt. Seine Befunde bewiesen, dass Gemeinden, in denen historisch gerecht (also unter Maßgabe der Realteilung) vererbt wurde, tatsächlich bis zum heutigen Tage sozial gleicher seien als solche, in denen die Vererbung nach dem Anerbenrecht geregelt war. In den Gemeinden mit gerechterem Erbrecht säßen mehr Frauen in den Gemeinderäten und trügen weniger Rotarier adlige Namen.

Die Nivellierungseffekte einer gleichen Aufteilung von Erbschaften schlügen sich also langfristig in der politischen Beteiligung von Frauen als auch im Verschwinden von ebenfalls erblichen Statusunterschieden nieder. Insofern also wächst hier die soziale Gleichheit, so Rink. Weil also bereits vor Generationen ihre Vorfahren, darunter auch ihre Urururgroßmutter, ihren gerechten Anteil am Hof der Eltern geerbt und anschließend weiterbewirtschaftet hatte, konnten sie wiederum ihren Kindern etwas vererben, was dann dazu führte, dass deren Ururur-enkelin heute in dieser Gemeinde als angesehene Landwirtin im Gemeinderat sitzt. Und zwar unter ihresgleichen – anderen Landwirtinnen, Ladenbesitzerinnen, Ärztinnen oder Lehrerinnen. Und keinen Grafen oder Landjunkern. Das mag weit hergeholt klingen, spräche aber für die These, dass die Sozialstruktur der deutschen Gesellschaft doch weitaus geringere Freiheitsgrade aufweist, als es so manche soziologische These von den individualisierten Bastelbiographien nahelegt. Stehen die deutschen Gemeinderäte tatsächlich immer noch unter dem Einfluss römischer Erbsitten?

Man muss hier allerdings einen gewichtigen Einspruch Rinks berücksichtigen. Faire Erbsitten fördern nicht nur Gleichheit, sie können auch Ungleichheit verstärken. Nämlich solche des Einkommens, wie Rink unter Rückgriff auf jüngste Steuerdaten der von ihm untersuchten Gemeinden zeigt. Paradoxerweise schaffe die Nivellierung sozialer Gruppenunterschiede als Folge einer gerechteren Vererbung von Vermögen nämlich die Möglichkeit, dass vor diesem Hintergrund an Gleichheit persönliche Talente umso mehr herausragen könnten.

Rink nennt das den „Bill-Gates-Effekt“: Einzelnen kann es gelingen, große Vermögen anzuhäufen, ohne dafür auf solche Ressourcen wie vererbte Privilegien oder traditionelle Statusvorteile zurückgreifen zu müssen. Ökonomisch gesprochen, handele es sich hier also um einen Trade-off zwischen sozialer und ökonomischer Ungleichheit, der eine gleichzeitige Zunahme beider Größen ausschließe. Soziale Gleichheit befreit also von den Fesseln der Chancenungleichheit, verschärft damit aber auch die Macht individueller Ungleichheiten des Talents, des Ehrgeizes oder der Intelligenz. Insofern kann Rink mit seiner Abschlussfrage, ob eine Gesellschaftsordnung denkbar wäre, die ökonomische und soziale Gleichheit gleichermaßen steigere, nahtlos an aktuelle politische Debatten anknüpfen. Seine Vermutung: Man kann wohl nur eines davon verwirklichen.

Anselm Rink: Das Rätsel der Ungleichheit. Historische Erbsitten haben Auswirkungen bis heute, in: WZB-Mitteilungen 161, September 2018


Nota. - Den deutsch-völkischen Mythen zufolge müsste es genau umgekehrt sein: Unter den volksrechtlichen Germanen habe Gleichheit geherrscht, erst das römische Eigentumsrecht hätte privilegierete Eliten ausgebildet.

Interessanter ist allerdings dieser Punkt: Erst unter der Voraussetzung gleicher Ausgangsbedingungen könne sich individuelle Leistungsbereitschaft entfalten. Da steckt Weisheit drin.
JE 

Mittwoch, 9. Januar 2019

Der Untergang von Akkad.

Akkad
aus scinexx                                                            Das Reich von Akkad zerfiel vor rund 4.150 Jahren abrupt – aber warum?

Was brachte das erste Großreich der Geschichte zu Fall?
Rätselhafter Untergang: Vor rund 4.300 Jahren entstand in Mesopotamien Akkad – das erste Großreich der Geschichte. Doch schon 150 Jahre später war es zerfallen. Den möglichen Grund dafür haben nun Tropfsteine in einer Höhle im Nordiran verraten. Demnach ließ ein plötzlicher Klimawechsel die „Kornkammer“ des akkadischen Reiches austrocknen und löste Massenmigrationen und Konflikte aus.

Im 24. Jahrhundert vor Christus entstand in Mesopotamien der wahrscheinlich erste organisierte Flächenstaat der Geschichte – das akkadische Reich. Dieser von semitischen Herrschern gegründete Staat erstreckte sich fast über das gesamte Zweistromland. Selbst im Nordirak haben Archäologen mögliche Vorposten dieses Reichs entdeckt. Doch über die Kultur der Akkadier und die Struktur ihres Reichs ist bisher kaum etwas bekannt – es gibt kaum archäologische Zeugnisse.

Rätselhafter Niedergang

Besonders rätselhaft ist bis heute der plötzliche Niedergang des akkadischen Großreichs: Nur rund 150 Jahre nach seiner Gründung kollabierte das enorme Staatsgebilde und zerfiel. Doch was war die Ursache für dieses abrupte Ende? Eine Möglichkeit wäre ein Klimawechsel, der die fruchtbaren Anbaugebiete des akkadischen Reichs ausdörrte und so zu Missernten, Massenmigrationen und Konflikten führte. Bisher allerdings fehlten dafür eindeutige Belege.

Akkadisches Reich
Ausdehnung des akkadischen Reiches (braun) um 2250 vor Christus.

Entscheidende Indizien könnten nun Stacy Carolin von der University of Oxford und ihr Team im Nordiran aufgespürt haben. Für ihre Studie hatten sie Tropfsteine in einer Höhle nahe des Bergs Damavand analysiert und datiert. Dies erlaubt Rückschlüsse über das Klima der Region, zudem konservieren die Tropfsteine den aus dem akkadischen Reich dorthin gewehten Staub, wie die Forscher erklären.

Zwei Trockenperioden

Das Ergebnis: Die Forscher identifizierten zwei ausgeprägte Dürreperioden im zweiten Jahrtausend vor Christus. Indiz dafür war ein jeweils stark erhöhter Magnesiumgehalt im Kalk der Tropfsteine, der auf große Mengen aus Mesopotamien eingewehten Staub hindeutet. Die erste Trockenperiode ereignete sich vor 4.510 Jahren und damit vor der Gründung des akkadischen Reiches.

Die zweite Dürrephase aber stimmt zeitlich ziemlich genau mit dem Ende des Großreiches überein, wie Carolin und ihre Kollegen berichten: Sie begann relativ abrupt vor 4.260 Jahren und dauerte rund 290 Jahre lang. „Damit gibt es kaum zeitliche Abweichungen zwischen dem Beginn dieser zweiten Trockenperiode und der Zeit, zu der viele Siedlungen in Nordmesopotamien verlassen wurden“, so die Forscher.

Kein Korn mehr, kein Regen…

Nach Ansicht der Wissenschaftler bestätigen diese Daten die Hypothese, nach der ein plötzlicher Klimawechsel das akkadische Reich destabilisierte. Gleichzeitig passt das Szenario einer Dürre im fruchtbaren Norden des Reiches gut zu einem sumerischen Text, der den „Fluch von Akkad“ beschreibt: „…große Bereiche des Ackerlandes lieferten kein Korn mehr, die überschwemmten Felder keinen Fisch und die bewässerten Obstgärten lieferten weder Sirup noch Wein. Die dicken Wolken brachten keinen Regen…“

Gestützt wird dieses Szenario auch von Bohrkernen aus dem Roten Meer und dem Golf von Oman, in denen Forscher bereits vor einigen Jahren ebenfalls erhöhte Staubeinträge festgestellt hatten. Zudem liefern archäologische Grabungen im nördlichen Syrien Hinweise darauf, dass viele Siedlungen in dieser Region vor rund 4.200 Jahren verlassen wurden, wie Carolin und ihre Kollegen berichten.

Das Großreich von Akkad könnte damit ein weiteres Beispiel dafür sein, wie das Klima die Entwicklung von Zivilisationen und Hochkulturen geprägt hat. Denn auch die Indus-Zivilisation, das Reich der Maya und einige bronzezeitliche Kulturen am Mittelmeer wurden höchstwahrscheinlich Opfer plötzlicher Klimaumschwünge. (Proceedings of the National Academy of Sciences, 2019; doi: 10.1073/pnas.1808103115)

Quelle: Northumbria University


Mittwoch, 2. Januar 2019

Philosophie als wirtschaftliche Ressource.

al-Chwarizmi, Erfinder des Algorithmus

Marc Neumann schreibt in den Neuen Zürcher vom 27. 12. 2018 über einen höchst bemerkens- werten Aufschwung der Philosophie in den Vereinigten Staaten. Zwar erleben auch dort die Geisteswissenschaften zur Zeit einen Einbruch - nicht zuletzt, weil die Frauen, die dort lange Zeit dominierten, inzwischen in die männlichen Fächer überwechseln... 

Es gibt jedoch eine Ausnahme von der Regel: die Philosophie – jedenfalls, wenn man Medien wie «Business Insider», «Wired» oder «Forbes» glauben darf. Im Silicon Valley, liest man dort, würden Chief Philosophy Officers und praxisorientierte Philosophen reihenweise angestellt. Das kritische Hinterfragen der Geschäftsstrategie, analytisches Denken in komplexen Systemen, die Fähigkeit, präzis zu formulieren und den Blick aufs Ganze zu bewahren, seien entscheidende Voraussetzungen für Innovation und Profit.

Als Kronzeugen dienen beispielsweise der Linkedin-Mitgründer Reid Hoffman oder der Flickr-Gründer Stewart Butterfield, die beide ihr Philosophiestudium als entscheidend für ihren unternehmerischen Erfolg bezeichnen. Butterfield studierte unter anderem in Cambridge Wissenschaftstheorie und Philosophie des Geistes, Hoffman erwarb einen Master in Philosophie am Wolfson College in Oxford. Auch Peter Thiel, Mitgründer von Paypal und Facebook-Investor der ersten Stunde, gehört zum Klub der reichen Philosophen. Dem anthropologischen Philosophen René Girard attestiert Thiel prägenden Einfluss auf seine Entwicklung als Unternehmer und libertärer Denker.

Gemäss dem Jobinformationsportal Payscale haben frischgebackene Absolventen eines Philosophie-Bachelors mit jährlich 44 700 Dollar das höchste Anfangsgehalt aller Universitätsabgänger. Philosophen auf Masterniveau fangen gar mit einem Jahreseinkommen von gut 75 000 Dollar an. Mit Berufserfahrung verdienen Philosophen im Mittel 84 000 Dollar. Das ist mehr als das vom US Bureau of Economic Analysis auf 56 200 Dollar veranschlagte nationale Mittel von Berufstätigen mit Bachelorabschlüssen und liegt weit über dem Medianeinkommen von Arbeitern (dieses lag 2016 bei rund 32 000 Dollar).

In Harvard beispielsweise haben sich die Neueinschreibungen in Philosophie beinahe verdoppelt.

Das beliebteste Gerät im Fitnessstudio des Geistes ist die angewandte Ethik. Gemäss Alison Simmons beschäftigen die Studierenden derzeit besonders die ethischen Implikationen der technologischen und wirtschaftlichen Durchdringung unserer Lebenswelt, aber auch aktuelle Themen wie Diskriminierung nach Rasse, Geschlecht, Gender bis hin zu #MeToo. Deshalb habe das Philosophieseminar von Harvard den Studiengang Embedded EthiCS lanciert, der ethisches Grundwissen interdisziplinär im technologieaffinen Studiengang Computer Sciences verankere.

Michael Stynes, selbst studierter Philosoph und CEO des New Yorker Think-Tanks Jain Family Institute, rekrutiert sie direkt ab Fabrik, in diesem Fall von der Harvard University. Das Jain Institute berät Verwaltungsstellen beim Einsatz von künstlicher Intelligenz in hochautomatisierten administrativen Programmen. Für die Bewertung dieser KI-Systeme aus ethischer Sicht braucht Stynes Fachleute in digitaler Ethik.

Als Beispiel nennt er Suchtbehandlung und -prävention in epidemiologischen Modellen. Der maschinell lernende Algorithmus eines solchen Programms kann beispielsweise zum Schluss kommen, dass Schwerstsüchtige im Dienste des Therapieerfolgs aller Patienten isoliert werden sollten – da Schwerstabhängige ohnehin die geringsten Erfolgsaussichten haben und zudem die Wahrscheinlichkeit besteht, dass sie bald an ihrer Sucht sterben. Hier sind gemäss Stynes «Philosophen gefragt, die die ethischen Implikationen der automatisierten Verwaltung verstehen», die lebensweltliche Kontexte einbringen und als Korrektiv wirken.

Für Stynes ist die digitale Ethik eine neuere Form angewandter Moralphilosophie – ähnlich wie die Anfang des Jahrtausends entwickelte Bioethik, die unter anderem bei der Genforschung zum Tragen kommt. Angesichts der fortschreitenden Digitalisierung im Gesundheits- oder im Versicherungswesen sowie in anderen Dienstleistungsbereichen wird er sich über mangelnde Anwendungsmöglichkeiten nicht beklagen können.

Auch jenseits von Top-Seminaren und coolen Startups in Manhattan spürt die Philosophie Aufwind – nicht zuletzt dank dem Mäzenatentum erfolgreicher Absolventen. Anfang Jahr kündigte der Financier Bill Miller eine Schenkung von 75 Millionen Dollar an das philosophische Seminar seiner Alma Mater, der Johns Hopkins University in Baltimore, an. Der Seminarvorsteher Richard Bett will damit das Lehrpersonal der philosophischen Fakultät an der für medizinische Forschung und Lehre weltbekannten Privatuniversität beinahe verdoppeln, von 13 auf 22. Denn die naturwissenschaftlich interessierten Studienanfänger brächten oft keinerlei Vorkenntnisse über Philosophie mit, so Bett. Dank der Millionenspende aber könne ihnen das entsprechende Rüstzeug vermittelt werden. Das Modell Fitnessstudio Philosophie scheint Schule zu machen.


Nota. - Halten wir zunächst einmal fest: Es ist nicht die Philosophie, die das Sprungbrett zur Karriere bietet. Es sind vielmehr gewisse skills, die man sich während eines (amerikanischen) Philosophiestudiums aneignet. Bei der Lektüre obigen Artikels werden wir Kontinentalen daher die Augenbrauen hochziehen. Sekundärtugenden an Stelle der Sache selbst! Als ob nicht die Angelsachsen ohnehin schon reichlich Verheerungen in der Philo- sophie angerichtet hätten...

Aber es ist doch bedenkenswert, dass es gerade die Digitalisierung ist, die in der Wirtschaft einen Bedarf an philosophisch Gebildeten weckt. Der Algorithmus versteht gar nichts, der Algorithmus kann nicht denken, er verrechnet bloß Daten, doch was die bedeuten, weiß er nicht und will er nicht wissen.

Das spricht sich langsam rum.

Aber Entscheidungen müssen nunmal getroffen werden, wenn man nicht HAL 9000 sich selbst überlassen will. Das sind nun keine Ingenieure mehr, die die Maschinen optimal funktionieren machen, sondern Leute, die ihnen sagen, was gewollt wird; nämlich damit sie einem Zweck dienen, den sie selber gotttlob nicht wählen können.

Die erste industrielle Revolution des 19. Jahrhunderts hat dahin geführt, den ausführenden, muskulärenTeil der Arbeit den Maschinen zu übertragen. Die digitale Revolution ist im Begriff, nun auch einen Anteil der lebendi- gen Intelligenz, nämlich das Kombinieren und Verwalten, als 'Programm' zu kodieren und den Apparaten zu überlassen. "Als Spezifikum der wirklichen lebendigen Arbeit, das schlechterdings nicht digitalisiert und kyber- netisiert werden kann, ist am Ende des Prozesses allein der inventive, konzipierende Anteil der Intelligenz übrig geblieben: das lebendige Einbildungs- und Urteilsvermögen", schrieb ich vor Jahr und Tag.  

Das ist keine Sache für Spezialisten. Dafür braucht es umfassend gebildete Generalisten. Dass man die unter studierten Philosophen zu finden hofft, ist ja nicht falsch. Wenn das an den Hochschulen zur Ausbildung eines Fachs 'Angewandte Philosophie' führt, ist das nur zu begrüßen - weil es die Seminare entlastet, in denen wirk- lich philohophiert wird. Um die Benennung muss man nicht streiten.
JE

Mittwoch, 26. Dezember 2018

Vom Ursprung der Schrift.


aus spektrum.de, 1. 12. 1978

Vom Ursprung der Schrift
Lange bevor die Sumerer in Mesopotamien die Schrift erfanden, gab es im westlichen Asien Buchhaltungssysteme, die unterschiedlich geformte Tonstücke als Symbole benutzten. Wahrscheinlich waren diese Symbole die Vorläufer der sumerischen Schriftzeichen.
 
von Denise Schmandt-Besserat, Übersetzt von Ulrich Jaeger 

Wer erfand die Schrift? Es gibt Hinweise, daß die Kunst des Schreibens von mehreren Völkern unabhängig und zu verschiedenen Zeiten entwickelt wurde. Chinesische Schriftzeichen können bis zu ihren Urformen im zweiten Jahrtausend vor Christo zurückverfolgt werden. Sie sind eingraviert in Schildkrötenpanzer oder Schulterblätter von Schafen erhalten geblieben. Die Schrift der Mayas entfaltete sich etwa tausend Jahre später in Mittelamerika. Sie bestand aus vielen Hieroglyphen und einigen einfachen Zeichen für die Zahlen. Beide Schriften sind trotz ihres Alters verhältnismäßig junge Entwicklungen. Schon im letzten Jahrhundert des vierten Jahrtausends vor Christo entwickelten die Bewohner der sumerischen Stadt-Staaten eine Schrift, die Zahlen, Pictogramme (das heißt bildhafte Darstellungen von Objekten) und abstrakte Schriftzeichen umfaßte – zusammengenommen mindestens 1500 Symbole.

Im Stadt-Staat Uruk fanden deutsche Archäologen 1929 und 1930 zahlreiche beschriftete Tontafeln. Erstaunlicherweise waren sie alle gewölbt und nicht – wie unsere Schiefertafeln – flach. In feuchten Ton lassen sich Zeichen mit einem Holz-, Knochen- oder Elfenbeingriffel besonders leicht einprägen. Zahlen wurden mit dem stumpfen Ende des Griffels im Ton markiert. Alle anderen Zeichen, also die Pictogramme und die unseren Buchstaben vergleichbaren Schriftzeichen, ritzte man mit der Spitze des Griffels ein.

Archäologen und Sprachforscher nehmen gemeinhin an, daß bildhafte Zeichen die Vorläufer abstrakter Schrift-Symbole sind. Die Tafeln von Uruk scheinen gegen diese Vermutung zu sprechen, denn der größte Teil der in ihnen enthaltenen Symbole hat abstrakten Charakter. Die wenigen leicht lesbaren Pictogramme stellen Tiere, wie Wolf und Fuchs, oder technische Entwicklungen, wie den Wagen oder den Hammer dar. Aus den wenigen Fragmenten, die sich bisher entziffern ließen, geht hervor, daß die Schreiber im wesentlichen geschäftliche Transaktionen und Landverkäufe aufgezeichnet haben: Am häufigsten treten die Zeichen für Brot, Bier, Schafe, Vieh und Kleidung auf.

Auch Schrifttafeln, die man später in anderen Teilen Mesopotamiens in den Ruinen von Privathäusern fand (die Tafeln von Uruk stammten aus einem Tempel), sind reich an abstrakten Zeichen und überraschend arm an Pictogrammen. Viele Forscher glauben daher, daß man es bei all diesen Tontafeln mit Dokumenten einer späten Stufe der Schriftentwicklung zu tun hat (was sicher zutrifft) und daß sich schriftliche Aufzeichnungen früherer Jahrtausende nicht erhalten haben, weil sie aus verderblichem Material (Papyrus, Pergament oder Holz) bestanden. Hier bin ich anderer Meinung. Ich glaube, daß die Urformen der Schrift keineswegs verlorengegangen sind, sondern in unseren Museen noch heute in Augenschein genommen werden können.

 Zwischen 1927 und 1931 wurden im Iran die Ruinen der Stadt Nuzi ausgegraben, die ihre Blütezeit im Jahr 2000 vor Christo hatte. Im Palast fand man ein aus dem Jahr 1500 vor Christo stammendes Text-Archiv. Etwa dreißig Jahre nach den Ausgrabungen entdeckte ein Archäologe, daß die Bewohner der Stadt ein Buchhaltungssystem benutzt hatten, das aus »Zählsteinen« bestand. Im Zusammenhang mit den Steinen berichten die Texte von »Einzahlungen«, »Überweisungen« und »Abhebungen«. Offenbar führte man also in doppelter Weise Buch, das heißt, parallel zu den kunstvollen Keilschriftbelegen des Schreibers unterhielt die Palastverwaltung ein Archiv in greifbarer Form. Dort konnte man jedem Tier der Palastherde einen Zählstein von bestimmter Form zuordnen. Wurden im Frühjahr Tiere geboren, so fügte man passende Steine hinzu; wurden Tiere geschlachtet, so nahm man deren Steine fort. 

Die Entdeckung eines verschlossenen eiförmigen Tongefäßes in dessen Oberfläche eine Liste von 48 Tieren graviert war, unterstützt diese These, denn beim Öffnen des Behälters fand man 48 Zählsteine. Wahrscheinlich beurkundeten die Schriftzeichen auf dem Gefäß und die Zählsteine in ihm die Lieferung von Vieh von einem Palastdienst an einen anderen. Leider gingen die Zählsteine nach ihrer Entdeckung verloren.

Bei Ausgrabungen in Susa entdeckte ein Mitarbeiter des Louvre 1964 ein Buchhaltungssystem, das dem in Nuzi verwendeten glich, aber um mehr als 1500 Jahre älter war. Die Behälter, in denen er die Zählsteine fand, waren hohle, aus Ton modellierte Kugeln. Der Entdecker nannte sie »Bullae« (lat. bulla= Blase). Bis heute konnten fast siebzig solcher Gebilde ausgegraben werden. Sie enthielten aus Ton geformte geometrische Figuren: Kugeln, Scheiben, Zylinder, Kegel und Tetraeder. Der Fund von Susa ist so bedeutend, weil er zeigt, daß Bullae und Zählsteine schon zur Zeit der frühesten Tafeln von Uruk in Gebrauch waren und wahrscheinlich noch sehr viel älter sind.

1969 begann ich, die Frühgeschichte der Ton-Verarbeitung im Nahen Osten zu untersuchen. Der Forschungsauftrag führte mich in die Museen vieler Städte der USA, Europas und des Nahen Ostens und – auf die Spuren der ersten Schrift. Neben den erwarteten Tonperlen, Ziegeln und Figuren entdeckte ich in den Museen Objekte, deren Existenz mir unbekannt geblieben war: Kleine Tongegenstände unterschiedlicher Form, unter ihnen Kugeln, Scheiben, Kegel, Tetraeder, Ovoide (eiförmige Körper), Dreiecke, Doppelkegel, Rechtecke, und unregelmäßig geformte Gegenstände, die nur schwer zu beschreiben sind.

Obwohl alle Objekte klein waren, erlaubten sie die Gliederung in zwei Gruppen: Es gab kleine Kegel von etwa einem Zentimeter Höhe und große, die drei bis vier Zentimeter maßen. Neben dünnen, etwa drei Millimeter starken Scheiben gab es solche, die bis zu zwei Zentimeter dick waren. Außer vollen Kugeln fanden sich Halb-, Viertel- und Dreiviertel-Kugeln. Einigen Formen ergänzten einander. Viele Tonstückchen wiesen tiefe Linien auf, einige waren mit Tonkügelchen oder Spiralen bedeckt, andere trugen schwach eingedrückte kreisförmige Markierungen. Alle waren von Hand gefertigt worden. Um ihre Form zu erhalten, hatte man sie an der Luft getrocknet oder im Feuer gehärtet. Spuren einer besonderen Behandlung fanden sich nicht.

Überraschend war die weite Verbreitung dieser Tonstücke. Sie wurden bei Ausgrabungen in Beldibi im Südwesten der Türkei, in Chan Daro im heutigen Pakistan und selbst am Nil nahe Khartum entdeckt. Am ergiebigsten waren Grabungen im etwa 8500 Jahre alten Jarmo im Irak. Man fand dort 1153 Kugeln, 206 Scheiben und 106 Kegel. Aus fast allen Grabungsberichten geht hervor, daß die Tonstücke in Häusern an sehr vielen Stellen des Grabungsgebietes lagen. Oft waren sie über den Boden verstreut, aber es gibt auch Anzeichen dafür, daß sie von anderen Gegenständen getrennt aufbewahrt wurden, denn in vielen Fällen lagen sie in Haufen von 15 oder mehr beisammen, und zwar immer in den Speicherräumen der Häuser.

Obwohl ich die Berichte über die Zählsteine von Susa kannte, blieb mir deren große Ähnlichkeit mit »meinen« Objekten lange verborgen. Dann schien es unmöglich, eine Beziehung zwischen beiden Gruppen herzustellen, denn mindestens fünftausend Jahre trennten die Tonsymbole der Jungsteinzeit von den Zählsteinen aus Sua. Erst als ich meine Forschungen auf Tongeräte ausdehnte, die in der Zeit zwischen dem siebenten und vierten Jahrtausend vor Christo entstanden waren, bemerkte ich, daß man gleichartige Tonformen offenbar in ganz Westasien seit dem neunten vorchristlichen Jahrtausend ununterbrochen bis zum zweiten Jahrtausend vor Christo benutzt hatte.

Eine systematische Aufstellung aller Tonsymbole ergab, daß sie sich in etwa 15 Haupttypen und 200 Untertypen gliedern lassen. Die Untertypen unterscheiden sich durch ihre Größe, Markierung und Unterteilung (Kugel, Dreiviertelkugel, Halbkugel). Offenbar hat jede Form eine besondere Bedeutung. Einige scheinen Zahlen zu bezeichnen, andere repräsentieren bestimmte Objekte, insbesondere Waren. Wir sind hier aber gar nicht auf Vermutungen angewiesen, denn viele Zeichen auf den Tafeln von Uruk sind die getreuen zweidimensionalen Wiedergaben der Tonsymbole: Der kleine kegelförmige Eindruck für die Zahl 1, der kreisförmige Eindruck für die Zahl 10 und der größere, wiederum kegelförmige Eindruck für die Zahl 60 stimmen genau mit den Formen der entsprechenden Zählsteine überein: Kleiner Kegel, Kugel und großer Kegel. Weitere Beispiele sind das Uruk-Zeichen für Schaf (ein Kreis mit einem Kreuz), das einem scheibenförmigen Tonsymbol mit eingeprägtem Kreuz entspricht. Um ein Kleidungsstück zu notieren, ritzten die Schreiber von Uruk vier parallele Linien in einen Kreis und ahmten damit ein altes Tonsymbol nach: Vier parallele Linienauf einer Scheibe. Ebenso stimmen die Zeichen für Metall und Öl überein, und noch deutlicher ist die Ähnlichkeit bei den Pictogrammen für Vieh, Hunde und Gefäße. Auch viele bisher nicht entzifferte Schriftzeichen gleichen nach Form und Prägung den Tonsymbolen.

Es ist sicher kein Zufall, daß die ersten Zählsteine in der frühen Jungsteinzeit auftreten, in einer Zeit also, in der die Gesellschaft der Jäger und Sammler zu Tierhaltung und Feldwirtschaft übergeht. Bis dahin unbekannte, mit der Lagerung von Vorräten und der Überwachung der Viehherden im Zusammenhang stehende Probleme waren wohl die Ursachen für die Entwicklung des ersten »Buchhaltungssystems« der Geschichte. Die ältesten uns bekannten Zählsteine stammen aus zwei Orten des Zagros-Gebirges im Iran: aus Tepe Asiab und Ganji-Dare Tepe. Die Menschen, die diese Stätten um 8500 vor Christo bewohnten, hielten Schafherden und haben wahrscheinlich auch schon mit Feldfrüchten experimentiert. Nebenher waren sie Jäger und Sammler. Ihre Zählsteine zeigen vielfältige Formen: Neben den vier Grundtypen Kugel, Scheibe, Kegel und Zylinder hatten sie Tetraeder, Ovoide, Dreiecke, Rechtecke, Spiralen und stilisierte Tierformen, und einige Steine waren mit Einritzungen und eingedrückten Markierungen versehen.

Während der Jungsteinzeit und der ihr folgenden Kupferzeit, einer Periode von insgesamt etwa 5000 Jahren, ändern sich die Zählsteine kaum, ein Beweis dafür, wie gut dieses System den Bedürfnissen der frühen Bauerngesellschaft entsprach. Funde aus Tepe Sarab, das seine Blütezeit um das Jahr 6500 vor Christo hatte, sind lediglich etwas formenreicher: Eine vierseitige Pyramide und ein stilisierter Ochsenschädel, der wahrscheinlich Vieh symbolisieren sollte, kommen hinzu. Auch die Zählsteine aus vier Orten, die zwischen 5500 und 4500 vor Christo in Blüte standen -Teil Arpatschija und Teil as-Sawwan im Irak sowie Chaga Sefid und Jaffarabad im Iran – lassen nur geringe Fortschritte erkennen: der Doppelkegel tritt auf, und in einigen Fällen hat man die Furchen und eingedrückten Zeichen durch aufgemalte schwarze Linien und Punkte ersetzt.

Erst das frühe Bronzezeitalter (zwischen 3500 und 3100 vor Christo) bringt deutliche Veränderungen des jetzt schon Jahrtausende alten Systems. Mit der Gründung der ersten Städte im westlichen Asien gehen handwerkliche Spezialisierungen und die Anfänge von Massenproduktionen einher. Wohl gaben die Bronzeschmiede der Epoche ihren Namen, aber auch andere Berufe entstanden in dieser Zeit. Mit der Erfindung der Töpferscheibe entwickelte sich eine Tonwaren-Industrie, die mit dem Ausstoß ihrer Brennöfen weitverzweigten Handel trieb, und die vom Handel lebende Stadt-Wirtschaft stellte neue Anforderungen an die Buchhaltung. Produktion und Lagerbestände, Verfrachtungen und Lohnzahlungen mußten kontrolliert und registriert werden, und für die Kaufleute war es unerläßlich, die Belege ihrer Handelsaktionen aufzubewahren. Diese Erfordernisse haben das System der Zählsteine sowohl in seinen Symbolen als auch in deren Gebrauch stark verändert.

Aus sechs Städten des späten vierten Jahrtausends vor Christo im Irak (Uruk, Tello und Fara), im Iran (Susa und Chogha Misch) und in Syrien (Habuba Kabira) sind insgesamt 660 Zählsteine erhalten. Sie zeigen das ganze Spektrum der frühen Formen sowie einige neue Formen, unter ihnen parabelförmige Körper (ähnlich einem Zuckerhut), Rhomben und Nachbildungen von Gefäßen. Auffälliger ist die Vielfalt der Gravierungen in den Zählsteinen. Sie weisen parallele Linien, Kreuzmuster oder querlaufende Markierungen auf. Am häufigsten sind Muster, aus einem, zwei, drei oder fünf Strichen. 26 Zählsteine tragen kreisförmige Markierungen. Einige haben nur einen Eindruck, anderen dagegen sechs in einer Reihe oder je drei Eindrücke in zwei Reihen. Auch die ersten Zählsteine mit aufgelegten Mustern stammen aus dieser Zeit: sie sind mit Perlen oder Spiralen aus Ton verziert.

Bedeutend ist, daß 198 Zählsteine durchbohrt sind. Die Löcher sind so fein, daß man heute nur einen dünnen Draht hindurchziehen kann. Viele Forscher sehen damit ihre These bestätigt, daß die Zählsteine eben doch nur Amulette waren, die von den Bewohnern des westlichen Asiens um Hals und Handgelenk getragen wurden. Ich halte diese Interpretation aus zwei Gründen für falsch. Zum einen weist keiner der von mir untersuchten Zählsteine Merkmale auf, die sich beim Tragen eines Amuletts bilden müssen: Sie sind weder abgeschliffen noch ist ihr Loch erweitert. Zum anderen scheint die Annahme absurd, daß diese Vielfalt an Formen, geographisch weit verbreitet und überall von erstaunlicher Gleichheit, zu Schmuckzwecken gefertigt worden ist. Auch könnte die Schmuck-These nicht die Existenz der unperforierten Zählsteine erklären. Ich glaube, daß man die Steine durchbohrt hat, um sie nach Abschluß einer geschäftlichen Transaktion zu »Akten« bündeln zu können. Dem gleichen Zweck dienten offenbar auch die hohlen Tonkugeln (Bullae), die man in Susa fand und die ungefähr aus der gleichen Zeit stammen: In den aus Tonklumpen geformten und mit flachen Tonscheiben verschlossenen Behältern bewahrte man die Zählsteine einzelner Geschäftsabschlüsse auf. Nach sumerischem Brauch wurde ein Handel erst durch die Siegel, die »Unterschriften« der Parteien gültig. Tatsächlich tragen die meisten der bisher gefundenen 350 Hohlkugeln die Eindrücke zweier Siegel. Die Kugeln konnten auch als Frachtbriefe dienen. Gab etwa ein ländlicher Tuchfa brikant einer Sendung seiner Ware an einen Kaufmann in der Stadt eine versiegelte Bulla mit, so hatte er die Möglichkeit, anhand der Zählsteine, die er in die Bulla legte, Art und Umfang der Lieferung zu beschreiben. Da es dem Spediteur oblag, eine unversehrte Bulla abzuliefern, konnte er unterwegs nicht einen Teil der Ware verschwinden lassen, denn der Empfänger brauchte die Tonkugel nur zu öffnen, um sich von der Vollständigkeit der Sendung zu überzeugen. Da aber das Siegel auf der Bulla Ausdruck für die Gültigkeit des Geschäftsabschlusses war, durfte es nicht gebrochen werden.

Wie konnte der Empfänger dann feststellen, welche und wieviele Zählsteine die Kugel enthielt? Das war ein Problem, aber die Lösung ließ sich offenbar leicht finden: Man drückte die Zählsteine in der Oberfläche der Bulla ab, solange diese noch weich war und bevor man die Steine ins Innere der Kugel tat. So war der Bulla schon von außen anzusehen, was sie enthielt, und man brauchte die Siegel nicht zu zerstören, um den Frachtbrief zu »lesen«.

Eines der schönsten Beispiele dafür ist eine unversehrt ausgegrabene Bulla, die sechs mit Furchen versehene Ovoide als Zählsteine enthielt. Jeder dieser Steine war in die Oberfläche der Kugel eingedrückt worden, bevor er in den »Umschlag« kam, und noch heute passen die Steine genau in diese Vertiefungen. Allerdings hat man den Inhalt einer Bulla nicht immer auf diese unmittelbare Weise gekennzeichnet. Die meisten Kugeln tragen außen vielmehr Zeichen, die mit dem Daumen oder mit einem Griffel in den weichen Ton gedrückt wurden, wobei eine runde Vertiefung einer Kugel oder einer Scheibe entsprach und ein Dreieck einem Kegel.

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Die Entwicklung dieser Inventarlisten hat dann einen Verlauf genommen, den ihre Schöpfer wohl kaum vorhersehen konnten: Zunächst setzte sich die Neuerung durch, weil sie praktisch war. Jeder konnte »lesen«, welchen Inhalt eine Bulla hatte. Dann aber traten die Abbildungen allmählich an die Stelle ihrer Originale, und darin besteht vermutlich der Übergang vom Buchhaltungssystem zur Schrift. Als nächstes wurden die hohlen Tonkugeln von massiven Tonobjekten abgelöst: Tontafeln kamen in Gebrauch. Wahrscheinlich leitet sich die gewölbte Form der frühen Tafeln von Uruk aus der Form der Bullae ab. Auch die Tatsache, daß die Sumerer auf Ton schrieben, dürfte so zu erklären sein, denn an sich sind Tontafeln nicht gerade als Schriftträger prädestiniert. Zwar lassen sie sich leicht gravieren, solange der Ton weich ist, aber dann muß das Material an der Sonne oder im Feuer härten, ehe es als dauerhaftes Dokument gelten kann.

Vieles spricht also dafür, daß die frühen Formen der Schrift, wie sie uns aus Mesopotamien überliefert sind, nicht einfach erfunden wurden, sondern sich allmählich aus einem Buchhaltungsverfahren entwickelten, das vor etwa 11000 Jahren im westlichen Asien entstand. Bis ins vierte vorchristliche Jahrtausend blieb das System der Zählsteine im wesentlichen unverändert, denn seine Leistungen entsprachen den geringen Ansprüchen der frühen Agrargesellschaften. Erst die Gründung von Städten und die damit einhergehende Entwicklung weitverzweigter Handelsbeziehungen machten Verbesserungen notwendig. Das Bild des Zählsteins ersetzte dessen physische Gegenwart, und damit war der entscheidende Schritt zur Erfindung der Schrift getan.

 

Mittwoch, 19. Dezember 2018

Frühe Migration über die Balkanroute.

Figurinen, Südserbien
aus derStandard.at, 19. Dezember 2018, 07:30

Die ersten Ackerbauern kamen über den Balkan nach Zentraleuropa 
Österreichisches Wissenschafterteam entdeckte neuen neolithischen Fundort im Süden Serbiens.

Wien – Nach bisherigen Erkenntnissen ließen die ersten Menschen vor rund 11.000 Jahren im nahen Osten ihr Jäger- und Sammlerdasein hinter sich, um erstmals Ackerbau und Viehzucht zu betreiben. Den Weg nach Europa fanden diese Kulturtechniken erst bedeutend später – wann das geschah, war allerdings lange Zeit weitgehend unklar. Immerhin ließen bisherige Funde darauf schließen, dass die ersten Bauern über die Balkanroute von der Ägäis nach Zentraleuropa vordrangen. Ein österreichisches Forschungsteam konnte nun diese Annahmen aufgrund aktueller Untersuchungen untermauern.

Die Wissenschafter um die Archäologin Barbara Horejs fanden an einem neolithischen Fundort im Süden Serbiens darüber hinaus Hinweise, warum die frühen Ackerbauern für ihr Vordringen in den Norden mehrere hundert Jahre brauchten. "Wir waren gezielt auf der Suche nach einem 'missing link' zwischen dem Neolithikum in der Ägäis und Zentraleuropa", sagte Horejs vom Institut für Orientalische und Europäische Archäologie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).

Keine Ost-West-Achsen

Dass dieser nur von Süden nach Norden entlang der sogenannten Balkanroute liegen konnte, war von vorneherein klar. "Es gibt so gut wie keine Ost-West-Achsen", so Horejs. Fündig wurden sie in der ersten Ebene nach Skopje, südlich von Nis auf einer Terrasse entlang des Flusses Morava.

"Die Terrasse liegt in einer Höhe von 400 bis 500 Metern, also perfekt für den Ackerbau", vermutet die Archäologin einen von frühen Ackerbauern und Viehzüchtern ganz gezielt gesuchten Punkt. Im August dieses Jahres begann das österreichische Forscherteam in Kooperation mit dem Archäologischen Institut von Belgrad zu graben und wurde fündig.

Sesshafte Gruppe mit materieller Kultur

Steinwerkzeuge, Keramikgefäße, Tierknochen, aber auch eindeutig verbrannte Bereiche, die auf Öfen schließen lassen, sowie eine große Anzahl von Figurinen kamen zum Vorschein. "Wir können davon ausgehen, dass es sich dabei um Reste einer zumindest partiell sesshaften Gruppe mit entsprechender materieller Kultur handelt", ist Horejs überzeugt.

Damit ist es aber nicht getan. Unter den bisherigen Grabungen des Fundortes – genannt "Svinjaricka Cuka" nach dem benachbarten Fluss – liegen noch etwa eineinhalb Meter neolithische Kulturschichten, wie entsprechende Radio-Carbon-Untersuchungen ergaben. "Nun herrscht natürlich große Aufregung, was da jetzt noch kommen wird," sagte die Archäologin. Einen "missing link" stelle der Fundort, der noch dazu eine "relativ große Ausdehnung hat" und laut Horejs "mindestens 20 große Strukturen" umfasst, auf jeden Fall dar und dürfte damit essenzielle Fragen rund um die Sesshaftwerdung in Europa beantworten.

Kleine Migrationsgruppen

Erste sesshafte Pioniere gab es in der Ägäis um 6.700 vor der Zeitrechnung. Dagegen datieren berühmte neolithische Fundorte – wie etwa "Lepenski Vir" an der Donau nördlich von Belgrad als einer der ältesten Zeugnisse frühen Ackerbaus – von 6.000 vor der Zeitrechnung. "Wir fragen uns natürlich, wie es zu dieser Zeitverzögerung kam", so Horejs. Generell gehe man davon aus, dass kleine Migrationsgruppen ausgehend vom Nahen Osten nach Mitteleuropa zogen und dabei das sehr komplexe Wissen über Ackerbau, Viehzucht, das Leben in sesshaften Gemeinschaften in gebauten Häusern mitbrachten. "Der Schritt vom Sammler und Jäger zu Ackerbau und Viehzucht ist eine der größten und nachhaltigsten Revolutionen der Menschheitsgeschichte und prägt uns bis heute", so die Archäologin.

Neben den Grabungen strengt das Forscherteam auch Umweltuntersuchungen an. Gesucht wird nach Zeichen von Umwelteinflüssen wie Überschwemmungen oder Klimawandel. Diese dürften Auslöser dafür gewesen sein, warum frühe Siedler weiter in Richtung Norden zogen. (red, APA,)


Dienstag, 18. Dezember 2018

Das Reich von Nebra.

dpatopbilder - 11.12.2018, Sachsen-Anhalt, Halle (Saale): Nicole Nicklisch, Anthropologin, und Frank Ramsthaler, Rechtsmediziner, begutachten in einem Arbeitsraum des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie in Halle/Saale die sterblichen Überreste des Fürsten von Helmsdorf (Mansfeld-Südharz). Nach 3828 Jahren ist klar, der Herrscher ist in der Epoche der Himmelsscheibe von Nebra einem Attentat zum Opfer gefallen. Umfangreiche Untersuchungen, die seit 2012 laufen, belegen den ältesten nachweisbaren Fürstenmord der Weltgeschichte. Wissenschaftler konnten drei eindeutige Verletzungen an den Knochen nachweisen · vermutlich ging ein Stich mit einem Dolch in den Bauchbereich, ein weiterer traf das Schlüsselbein. Foto: Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild/dpa +++ dpa-Bildfunk +++  
aus welt.de, 17.12.2018                                                                                      Die Anthropologin Nicole Nicklisch und der Rechtsmediziner Frank Ramsthaler analysieren die sterblichen Überreste des Fürsten von Helmsdorf

Der erste Fürstenmord der Geschichte geschah in Deutschland 
Vor mehr als 100 Jahren wurde in Sachsen-Anhalt ein Hügelgrab entdeckt. Neueste Analysen zeigen, dass der Tote brutal ermordet wurde – und zur Oberschicht eines unbekannten Reiches gehörte.

Von Berthold Seewald  

Wahrscheinlich war es eine übliche Audienz am Hof des Fürsten. Eine hochstehende Persönlichkeit, die dem Herrn des Hauses nahestand und ihm daher mit Waffen gegenübertreten durfte, wurde vorgelassen. Dann ging alles sehr schnell. Der Besucher zog seinen Dolch und rammte ihn mit voller Wucht in den Bauch des Fürsten. Der Attentäter hatte sogar noch die Zeit, weitere Male zuzustoßen. So starb der Fürst oder König von Helmsdorf.

So beschreibt der Künstler und Illustrator Karol Schauer den Mordanschlag, der sich vor etwa 3850 Jahren im heutigen Sachsen-Anhalt ereignet hat. Seit Jahren setzt Schauer die Objekte des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle detailgetreu in Szene. Ausführlich haben dessen Direktor Meller, zugleich Landesarchäologe Sachsen-Anhalts, und der Wissenschaftsjournalist Kai Michel Schauers pralle Schilderung in ihrem neuen Buch „Die Himmelsscheibe von Nebra“ (Propyläen 2018, 25 Euro) zitiert – allerdings noch unter dem Vorbehalt, dass weitere Analysen erst Gewissheit bringen würden. Die reichen Meller und Michel jetzt nach. „Es war Mord“, bestätigt der Rechtsmediziner Frank Ramsthaler. „So weit wir jetzt sehen, haben wir den ältesten tatsächlich nachweisbaren Fürstenmord der Weltgeschichte entdeckt“, zieht Michel ein erstes Resümee.


  ARCHIV - 20.09.2018, Berlin: Die Himmelsscheibe von Nebra steht in einer Glasvitrine in der Ausstellung «Bewegte Zeiten. Archäologie in Deutschland» im Martin-Gropius-Bau. (zu dpa vom 05.11.2018) Foto: Anne Pollmann/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ | Verwendung weltweit  
Die Himmelsscheibe von Nebra wird seit 2013 auf der Unesco-Welterbeliste geführt  

Die Geschichte ist eng verknüpft mit der berühmten Himmelsscheibe von Nebra, die erste realistische Darstellung einer konkreten Himmelskonstellation. Die Scheibe wurde 1999 von Raubgräbern entdeckt, auf dem Schwarzmarkt angeboten und von Meller 2002 in einer spektakulären Aktion gesichert. Seitdem wird sie im Museum in Halle untersucht. Dabei schält sich immer deutlicher heraus, dass die Ergebnisse der Analysen zugleich ein Schlüssel für zahlreiche andere Funde sind, die in Sachsen-Anhalt gemacht wurden und werden.


Einer davon ist der Grabhügel von Helmsdorf (Landkreis Mansfeld-Südharz). Er wurde bereits 1907 von dem Heimatforscher Hermann Größler ausgegraben. Auf einem aus Eichenholz gefertigten Totenbett kam seinerzeit ein schlecht erhaltenes Skelett ans Licht. Dass es sich offenbar um eine hochgestellte Persönlichkeit handelte, belegte der Goldschmuck, der dem Toten ins Grab mitgegeben wurde.

 
11.12.2018, Sachsen-Anhalt, Halle (Saale): Eine Anthropologin legt in einem Arbeitsraum des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie in Halle/Saale die sterblichen Überreste des Fürsten von Helmsdorf (Mansfeld-Südharz) aus. Nach 3828 Jahren ist klar, der Herrscher ist in der Epoche der Himmelsscheibe von Nebra einem Attentat zum Opfer gefallen. Umfangreiche Untersuchungen, die seit 2012 laufen, belegen den ältesten nachweisbaren Fürstenmord der Weltgeschichte. Wissenschaftler konnten drei eindeutige Verletzungen an den Knochen nachweisen · vermutlich ging ein Stich mit einem Dolch in den Bauchbereich, ein weiterer traf das Schlüsselbein. Foto: Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Das Skelett des Herrn von Helmsdorf ist nur noch in Teilen erhalten  

Seit einigen Jahren werden die Reste dieses Skeletts noch einmal mit modernsten Methoden analysiert. „Erstmals untersuchten wir die Knochen 2012/13“, sagt die Anthropologin Nicole Nicklisch. „Damals vermuteten wir schon, dass einige Knochen Verletzungen durch scharfe Gewalt aufweisen.“ Als sie an ihrem Buch arbeiteten, regte Kai Michel an, die früheren Ergebnisse noch einmal einer kritischen Prüfung zu unterziehen.

Das Ergebnis ist eindeutig. „An den Knochen können eindeutig drei Verletzungen nachgewiesen werden“, sagt Frank Ramsthaler, stellvertretender Leiter des Instituts für Rechtsmedizin der Universität des Saarlandes in Homburg. „Möglicherweise gab es noch weitere, aber diese drei waren allein schon tödlich. Bei der Tatwaffe könnte es sich um einen Dolch handeln, dessen Klinge gut 15 Zentimeter lang gewesen sein muss.“

Der Rechtsmediziner rekonstruiert den möglichen Tatablauf: Ein mit großer Entschlossenheit ausgeführter Stich ging in den Bauchbereich. Die Dolchspitze traf den elften Brustwirbel und hinterließ dort eine deutlich erkennbare Kerbe von sechs Millimeter Länge und drei Millimeter Tiefe. Um überhaupt durch den Bauch zu stoßen und dem Wirbel eine solche Scharte zuzufügen, brauchte es enorme Kraft. Das Opfer hat entweder an der Wand gestanden oder lag auf dem Boden. Sonst hätte der Täter den Dolch nicht bis in den Knochen stoßen können. Dabei wird er auch die Hauptschlagader getroffen haben.

Ein weiterer Stich traf den Fürsten von oben hinter dem Schlüsselbein und spaltete das linke Schulterblatt. Zahlreiche Blutgefäße, aber auch Teile der Lunge wird der Dolch hier verletzt haben – auch das mit Sicherheit tödlich. „Das spricht für einen erfahrenen Krieger“, schließt Meller, „noch die römischen Gladiatoren setzen dort den Todesstoß.“ Und der Täter? „Es muss eine Vertrauensperson aus dem Umfeld des Herrschers gewesen sein. Vielleicht ein Verwandter, ein Freund oder die Leibwache. Der Herrscher war arglos und wurde durch den Angriff überrascht.“

Die Herren der Himmelsscheibe von Nebra schufen das erste "Reich" in Mitteleuropa      
Die Herren der Himmelsscheibe von Nebra schufen das erste "Reich" in Mitteleuropa

Für Kai Michel ist die Entdeckung der Mordanschlag noch aus einem anderen Grund sensationell. „Schließlich handelt es sich bei dessen Knochen um die einzigen Überreste eines Menschen aus dem direkten Umfeld der Himmelsscheibe von Nebra.“ Auf die Frage, wie die Gesellschaft ihrer Schöpfer verfasst war, konnte die Wissenschaft in den vergangenen Jahren spektakuläre Antworten zusammentragen. 

Michel und Meller gehen in ihrem neuen Buch sogar so weit, den Herrn von Helmsdorf als Repräsentanten einer Oberschicht zu identifizieren, die in der ersten Hälfte des 2. Jahrtausends v. Chr. ein erstes „Reich“ in Mitteleuropa geschaffen hat. Seit der Entdeckung des monumentalen Grabmals von Bornhöck (unweit von Halle) seit 2014 wird deutlich, dass die sogenannte Aunjetitzer Kultur zwischen Magdeburger Börde und Goldener Aue offenbar eine differenzierte Gesellschaft mit kontinuierlicher Herrschaft entwickelt hat.

Dieses Reich entstand zum einen auf der Basis ertragreicher Böden, zum anderen mit den Gewinnen des Fernhandels, den eine umsichtige Oberschicht kontrollierte. Eines der Güter, die über europaweite Trassen gehandelt wurden, war Zinn für die Herstellung von Bronze. Eine der wichtigsten Fundstätten des Metalls war Cornwall im Südwesten von England. Metallurgische Untersuchungen zeigen, dass das Gold aus dem Grab von Helmsdorf, der Goldhort, der dem Tumulus von Bornhöck zugeordnet wird und das Gold, das auf der Himmelsscheibe von Nebra eingesetzt wurde, ebenfalls aus jener Gegend stammte.

 
Die Dimensionen der Grabhügel von Helmsdorf (ca. 34 Meter Durchmesser) und Bornhöck (65 Meter) lassen auf eine Gesellschaft schließen, in der zentrale Planung und Arbeitsteilung möglich war und die über Ressourcen verfügte, solche Bauwerke zu errichten. Und das über Generationen hinweg. Denn der Fürst von Helmsdorf wurde um 1830 v. Chr. bestattet. Mindestens 100 Jahre jünger ist der riesige Tumulus von Bornhöck, den sich offenbar eine Herrscherfamilie als Grablege errichten ließ.

Dieser Dynastie weisen Meller/Michel die Schöpfung der Himmelsscheibe zu. Über Generationen hinweg hatten ihre Vertreter demnach ihr Wissen um Astronomie und Kalender so weit vervollkommnet, dass sie es auf einem Kunstwerk dokumentieren konnten. Die Himmelsscheibe wurde zu einem Symbol der Herrschaft über die Zeit, wann die Äcker bestellt werden mussten und die Karawanen zu erwarten waren.

Für die Fähigkeit, eine einigermaßen stabile und kontinuierliche Herrschaft zu errichten, steht auch das Attentat auf den Fürsten von Helmsdorf. Denn der 30- bis 50-jährige Mann wurde nicht einfach verscharrt, sondern standesgemäß mit allen Ehren in dem Hügel, den er sich beizeiten errichtet hatte, begraben. Das „Reich von Nebra“, wie Meller/Michel es nennen, brach nicht auseinander, sondern blühte unter seinen Nachfolgern weiter.

Harald Meller, Kai Michel: „Die Himmelsscheibe von Nebra. Der Schlüssel zu einer untergegangenen Kultur im Herzen Europas“. (Propyläen, Berlin. 384 S., 25 Euro)