Samstag, 23. März 2019

Wie kam der Ackerbau nach Anatolien?

Grab eines Angehörigen einer Jäger-und-Sammler-Kultur, der vor 15 000 Jahren starb  
aus spektrum.de, 19.03.2019

Jungsteinzeit
Wer waren die ersten Bauern Anatoliens?
Die meisten heutigen Europäer haben frühe Bauern aus Anatolien unter ihren Vorfahren. Doch wer waren diese steinzeitlichen Landwirte? Eine genetische Studie gibt nun Antwort.

von Jan Dönges

Ihren Ursprung hatte die Landwirtschaft vor rund 11 000 Jahren im »Fruchtbaren Halbmond« – einem Gebiet, das von Ägypten entlang der Länder der westlichen Mittelmeerküste über das heutige Syrien und den Irak bis an den Persischen Golf reichte. Die neue, so genannte neolithische Lebensweise wurde aber schon bald zum kulturellen Exportgut: Ab etwa 8300 v. Chr. finden sich Hinweise auf Ackerbau und Viehzucht auch nordwestlich in Zentralanatolien.

Diese anatolische Gruppe erwies sich als höchst bedeutsam für die weitere europäische Geschichte. Ihre Angehörigen wanderten aus und brachten diese Wirtschaftsform über den Balkan nach Mitteleuropa. Dort dominierten ihre Nachfahren bald die Population, während die einheimischen Jäger und Sammler in den Hintergrund traten und sich kaum mit den Neuankömmlingen vermischten. Der durchschnittliche Mitteleuropäer von heute ist darum kaum noch mit den Jägern und Sammlern von einst verwandt, umso präsenter ist das genetische Erbe der ehemals in Anatolien beheimateten Bauern.

Ganz anders waren die Vorgänge, als die Landwirtschaft zu ihnen selbst nach Anatolien kam; dies zeigt nun ein Forscherteam um Michal Feldman vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena. Wie die Wissenschaftler im Fachmagazin »Nature Communications« darlegen, ähneln sich die Bevölkerungsgruppen in Anatolien vor und nach Übernahme der Landwirtschaft sehr stark. Offenbar, so die Schlussfolgerung, schauten sich ortsansässige Jäger und Sammler die neue Form des Lebensunterhalts in den ursprünglichen Gebieten weiter im Süden ab.

Feldman und Kollegen stützen sich dabei auf die Analyse der DNA von acht prähistorischen Skeletten aus Anatolien, darunter ein 15 000 Jahre alter Angehöriger von Jäger-und-Sammler-Gruppen. Sie verglichen die Individuen, die in der Studie neu analysiert wurden, zudem mit bestehenden Daten von 587 prähistorischen Individuen und 254 heutigen Populationen.

Spektrum Kompakt:  Neolithische Revolution – Vom Jäger und Sammler zum Bauern

Wie die Forscher in einer Mitteilung des Max-Planck-Instituts erläutern, stammen zu Beginn des Neolithikums in Anatolien zwischen 8300 bis 7800 v. Chr. nur rund zehn Prozent der Gene der Ortsansässigen aus Nachbarpopulationen im heutigen Iran und im Kaukasus. Ab etwa 7000 bis 6000 v. Chr. komme laut den Forschern eine weitere genetische Komponente aus der Levante-Region im heutigen Israel mit Palästina, dem Libanon und Jordanien hinzu. »Dies deutet trotz veränderter Klima- und Ernährungsstrategien über fünf Jahrtausende auf eine langfristige genetische Stabilität in Zentralanatolien hin«, so Feldman. 

Anatolien sei demnach nicht nur ein Sprungbrett für die frühen Bauern aus dem Fruchtbaren Halbmond nach Europa gewesen, erläutert Koautor Choongwon Jeong, ebenfalls vom Jenaer MPI. »Es war vielmehr ein Ort, an dem lokale Jäger und Sammler Ideen, Pflanzen und Technologien annahmen, die zu einem landwirtschaftlichen Lebensunterhalt führten.« Dieser neue Lebensunterhalt bildete dann die Grundlage für entsprechende Innovationen in Europa.



aus derStandard.at, 22. März 2019

Wie die ersten Bauern Anatoliens zur Landwirtschaft kamen 
Genetische Studien untermauern die These, dass die ersten anatolischen Bauern keine neu eingewanderte Gruppe, sondern lokale Jäger und Sammler waren

Woher und wann kam die Landwirtschaft nach Europa? Ihr Ursprung lag vor rund 11.000 Jahren im Fruchtbaren Halbmond, das gilt inzwischen als sicher. Diese Region umfasst den heutigen Irak, Syrien, Israel, den Libanon, Ägypten und Jordanien sowie die Randgebiete von Südanatolien und dem westlichen Iran. Um etwa 8.300 vor unserer Zeitrechnung breitete sich die Landwirtschaft dann in Zentralanatolien aus.

Die frühen anatolischen Bauern wanderten anschließend durch ganz Europa und verbreiteten ihren neuen Lebensstil – und ihre Gene mit. Heute stammen die Europäer genetisch zum größten Teil von diesen anatolischen Bauern ab. Wie aber kam die Landwirtschaft nach Anatolien? Wurde sie auf ähnliche Weise von einer Gruppe wandernder Bauern eingeführt oder übernahmen die lokalen Jäger und Sammler Anatoliens landwirtschaftliche Praktiken von ihren Nachbarn?

Erlernte Lebensweise

Ein internationales Team unter der Leitung des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte ist dieser Frage nun genauer nachgegangen und hat dafür bis zu 15.000 Jahre alte Skelette von Einwohnern Anatoliens untersucht. Wie sie in "Nature Communications" berichten, waren die ersten anatolischen Bauern direkte Nachkommen lokaler Jäger und Sammler. Diese Ergebnisse stützen die These, dass Jäger und Sammler in Anatolien die bäuerliche Lebensweise selbst annahmen, indem sie das Know-how aus anderen Gebieten importierten und weiterentwickelten.

Für die Studie analysierten die Forscher historische DNA von acht prähistorischen Skeletten. Dabei gelang es ihnen erstmals, 15.000 Jahre alte Genomdaten von einem frühen anatolischen Jäger und Sammler zu gewinnen. Die Daten ermöglichten es, die DNA dieser Person mit späteren anatolischen Bauern sowie mit Menschen aus benachbarten Regionen zu vergleichen, um festzustellen, wie sie miteinander verbunden waren. Sie verglichen die neu analysierten Genome auch mit bestehenden Daten von 587 prähistorischen Individuen und 254 Individuen aus heutigen Populationen.

Stabiles Genom

Dabei zeigte sich, dass rund 90 Prozent der frühen anatolischen Bauern von Vorfahren abstammen, die mit den frühen anatolischen Jägern und Sammlern verwandt war. "Dies deutet trotz veränderter Klima- und Ernährungsstrategien auf eine über fünf Jahrtausende währende genetische Stabilität in Zentralanatolien hin", sagte Michal Feldman vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte, Erstautor der Studie.

Die Ergebnisse würden frühere archäologische Hinweise stützen, wonach Anatolien nicht nur ein Sprungbrett für die frühen Bauern aus dem fruchtbaren Halbmond nach Europa war. "Es war vielmehr ein Ort, an dem lokale Jäger und Sammler Ideen, Pflanzen und Technologien übernahmen, die zu einer landwirtschaftlichen Lebensweise führten", sagte Koautor Choongwon Jeong. (red.)
 

Abstract
Nature Communications: "Late Pleistocene human genome suggests a local origin for the first farmers of central Anatolia"


Nota. - Der aktuelle Stand ist also der: In Anatolien wurde der Ackerbau selbstständig erfunden; doch wurden die frühen anatolische Bauern später durch Zuzug aus der Levante verstärkt. 

Aber nach Mitteleuropa wurde der Ackerbau eingeführt: über die Balkanroute von Bauern aus Anatolien.
JE 

Freitag, 22. März 2019

Moralisierende Götter, komplexe Gesellschaften.

aus scinexx                             Die ägyptische Gottheit Maat wog nach dem Tode die Herzen und gab strenge moralische Regeln vor.

Starke Götter als Kitt der Hochkulturen
Moralisierende Religionen entstanden erst nach dem Aufkommen komplexer Gesellschaften 

Warum und wann haben sich Religionen mit starken Göttern und strengen Moralregeln entwickelt? Darauf haben Forscher nun eine überraschende Antwort gefunden. Denn entgegen gängiger Annahme waren solche Religionen nicht die Triebkraft für die Entwicklung komplexer Gesellschaften, sondern eher ihr Kitt: Sie entstanden erst nach den komplexen Großreichen, sorgten dann aber dafür, dass diese Sozialgebilde auf Dauer stabil blieben, wie die Forscher im Fachmagazin „Nature“ berichten.

Ob Christentum, Islam, Judentum oder Buddhismus: In vielen großen Weltreligionen gibt es strenge moralische Gebote und starke Gottheiten, die ihren Gläubigen bestimmte Regeln auch im sozialen Umgang untereinander auferlegen. Das Auffallende daran: Religionen mit starken moralisierenden Gottheiten haben sich vor allem in Hochkulturen entwickelt, aber nur selten bei Naturvölkern. Schon länger vermuten Wissenschaftler deshalb einen engen Zusammenhang zwischen der Umwelt, der gesellschaftlichen Komplexität einer Kultur und der Art ihrer Religion.

Triebkraft komplexer Kulturen?

Nach gängiger Hypothese könnte der Glaube an strenge, kontrollierende Gottheiten als Sozialkitt in den wachsenden Bevölkerungen der Hochkulturen gedient haben: Er minderte das Misstrauen zwischen sich eigentlich Fremden und schreckte „Sozialschmarotzer“ ab. Erst das könnte die Bildung großer, komplexer Gesellschaften ermöglicht haben. Ob aber die Religion wirklich die Triebkraft für Hochkulturen war, ist strittig – auch weil Studien bisher widersprüchliche Ergebnisse lieferten. 

Deshalb haben nun Harvey Whitehouse von der University of Oxford und sein Team eine der bisher umfangreichsten Studien zu dieser Thematik durchgeführt. Sie werteten dafür standardisierte historische Daten für 414 Kulturen in 30 verschiedenen Regionen der Erde aus – von der Jungsteinzeit bis zum Beginn der industriellen Revolution. Aus 51 kulturellen und sozialen Parametern erstellten sie einen Index der jeweiligen gesellschaftlichen Komplexität und verglichen dann, ob und wann diese Kulturen eine moralisierende Religion entwickelten.

Erst Großreich, dann starke Götter

Das überraschende Ergebnis: Bei den zwölf Kulturen, bei denen moralisierende Religionen auftraten, gab es eine klare, aber unerwartete Abfolge: „Wir stellen fest, dass moralisierende Götter dem Entstehen komplexer Gesellschaften nicht vorangehen, sondern erst danach auftreten“, berichten Whitehouse und sein Team. „Das widerspricht den gängigen Hypothesen.“ Das Hauptwachstum der Kulturen fand im Schnitt mehr als hundert Jahre vor dem Erscheinen der moralisierenden Götter statt.

In der Regel entwickelten sich die Religionen mit starken Gottheiten immer erst dann, wenn eine Kultur die Schwelle zur Megagesellschaft mit mehr als einer Million Menschen schon überschritten hatte. „Das erste Auftreten moralisierender Götter in unserer Probe war in Ägypten, wo das Konzept einer übernatürlichen Vollstreckung von Ordnung (Maat) um 2800 vor Christus dokumentiert ist“, berichten Whitehouse und seine Kollegen. Dem folgten weitere lokale Moral-Religionen in Mesopotamien, Anatolien und China.

Bindung in multiethnischen Reichen

„Machtvolle Götter und übernatürliche Strafen sind demnach keine Voraussetzung für die Entwicklung sozialer Komplexität“, sagen Whitehouse und seine Kollegen. Stattdessen seien solche Religionen eher eine Art Kitt, der komplexe, multiethnische Gesellschaften auf Dauer zusammenhielt. „Sie könnten nötig gewesen sein, um die oft sehr unterschiedlichen Bevölkerungsteile solcher Großreiche unter einer höheren Macht zusammenzubinden“, so die Forscher.

Demnach sind komplexe Gesellschaften und starke Religionen tatsächlich verknüpft – nur etwas anders als bisher gedacht. Statt Triebkraft und Voraussetzung für die Bildung großer Reiche waren sie eher der Garant für deren Stabilität. Einen gemeinsamen Faktor allerdings gab es bei vielen Kulturen tatsächlich schon vor dem Sprung zur Hochkultur: die Existenz vorgegebener religiöser Rituale. Nach Ansicht der Forscher könnten sie eine wichtige Vorstufe für die moralisierenden Religionen gewesen sein. (Nature, 2019; doi: 10.1038/s41586-019-1043-4)

Quelle: Nature

Führte ein "starker Gott" zu komplexen Gesellschaften? Hochkulturen entstanden etwa zur selben Zeit wie "moralisierende Götter". Doch was kam zuerst? Eine Studie zeigt, dass die Religionen etwas später dran waren


Die heutigen Weltreligionen – egal ob Christentum, Islam, Judentum oder Buddhismus – haben eine Gemeinsamkeit: Götter oder übernatürliche Gesetze (wie das Karma), die den Gläubigen moralische Gebote vorschreiben. Werden diese übertreten, setzt es Strafen.

Solche moralisierenden Gottheiten sind erst relativ spät in der Menschheitsgeschichte aufgetaucht: Die Götter bei den älteren Jäger- und Sammlerkulturen etwa geben sich kaum mit den Menschen und deren Verhalten ab, sondern kreisen sehr viel mehr um das Geschehen in der Natur.

Die "Big God"-Hypothese

Bleibt die spannende religionssoziologische Frage, wann und warum die "starken Götter" mit den strengen Moralregeln entstanden sind. Seit einigen Jahren wird eine Antwort auf diese Frage heftig diskutiert. Diese sogenannte "Big God"-Hypothese geht davon aus, dass es solche strengen, moralisierenden Götter brauchte, damit sich die ersten Hochkulturen entwickeln konnten.


Während nämlich die Gruppen der Jäger und Sammler so klein sind, dass unmoralisches Verhalten anderen Gruppenmitgliedern auffallen würde, gibt es diese persönliche Kontrolle in größeren und anonymeren Gesellschaften – also etwa den ersten Städten – nicht mehr. Als Ersatz für die Sanktionierung durch die Gruppe brauchte es starke Götter, die laut der "Big God"-Hypothese komplexere Gesellschaften überhaupt erst ermöglichen würden.

Datenbank der Weisheit

Um diese Behauptung empirisch zu überprüfen, hat ein internationales und interdisziplinäres Forscherteam um Harvey Whitehouse (Universität Oxford) Informationen einer neuen Datenbank namens Seshat (benannt nach der altägyptischen Gottheit der Weisheit) ausgewertet. Konkret analysierten die Forscher die historischen Daten für 414 Kulturen in 30 verschiedenen Regionen der Erde aus den vergangenen 10.000 Jahren.

Anhand von 51 Indikatoren bestimmten die Forscher zuerst die erreichte Komplexität der jeweiligen Gesellschaft. Danach versuchten sie zu eruieren, ob die Angehörigen dieser Gesellschaften an einen moralisierenden Gott glaubten. Die im Fachblatt Nature veröffentlichten Ergebnisse brachten einige Überraschungen – und lieferten jedenfalls keine eindeutige Bestätigung der Hypothese.

Starker Gott als sozialer Kitt

In den zwölf Kulturen mit "starken Göttern" – die erste war übrigens Ägypten mit Maat vor 4800 Jahren – bildeten sich diese Religionen erst dann heraus, wenn eine Kultur die Schwelle zur komplexen Gesellschaft mit mehr als einer Million Menschen schon überschritten hatte. Sprich: Moralisierende Götter gingen dem Entstehen komplexer Gesellschaften nicht voran, sondern traten erst rund hundert Jahre später auf.

Die Forscher vermuten deshalb, dass "starke Götter" quasi als sozialer Kitt dienten, um komplexe, oft multiethnische Gesellschaften auf Dauer zusammenzuhalten. Einen gemeinsamen Faktor gab es bei vielen Gesellschaften freilich schon vor dem Sprung zur Hochkultur: gemeinsame religiöse Rituale. Laut Whitehouse und Kollegen könnten diese eine wichtige Vorstufe für die moralisierenden Religionen gewesen sein. 

Donnerstag, 21. März 2019

Haben die Juden falsch gewählt?


aus derStandard.at, 20. März 2019, 15:49

Bild von Schutzgott gefunden, der böse Geister in die Flucht lachte
Abbildung der Gottheit Bes stammt aus dem 5. oder 4. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung und ist die erste ihrer Art in Jerusalem

Jerusalem – Israelische Archäologen haben in Jerusalem ein rund 2.500 Jahre altes Gesichtsrelief aus Ton gefunden. Fotos des Artefakts finden Sie in einem Artikel der "Times of Israel" mit dem fantastischen Titel "2,600 years ago in Jerusalem, this fat jokester dwarf laughed evil spirits away".

Es soll sich dabei laut den Archäologen um das Bruchstück eines persischen Tongefäßes handeln, wie die israelische Altertumsbehörde am Mittwoch mitteilte. Die Forscher datieren es auf eine Zeit zwischen dem 4. und 5. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, als die Region eine Provinz des Achämenidenreichs war. Der Fund war also gut getimed: Mittwochabend beginnt das Purimfest, mit dem der Rettung der Juden vor einem drohenden Völkermord während der Achämenidenherrschaft gedacht wird.

Beliebter Bes

Das Gesicht mit seinen weit aufgerissenen Augen soll den Forschern zufolge die Gottheit Bes darstellen, die ihre Wurzeln in der ägyptischen Mythologie hat. Bes sei als Beschützer des Heims, der Mütter und Kinder sowie als Gottheit der Musik und des Tanzes verehrt worden.

Abbildungen von Bes zierten oft Häuser, Tongefäße oder Amulette. Meist ist er als Zwerg mit Bart und langem Gesicht dargestellt, oft mit hervortretenden Augen und herausgestreckter Zunge. Diese groteske Darstellung sollte den Forschern zufolge böse Geister fernhalten. Ähnliche Abbildungen wurden laut den Archäologen bereits in anderen antiken persischen Siedlungen gefunden, in Jerusalem sei es aber der erste Fund dieser Art. (red, APA,)


Freitag, 15. März 2019

Demokratie beruht darauf, dass die meisten Leute Mitläufer sind.

noz
aus nzz.ch,

Ohne Mitläufer gäbe es keinen Totalitarismus – aber auch keine Demokratie. 
Ein Lob auf einen verrufenen Zeitgenossen
Mitläufer sind schlecht organisiert und haben keine eigene Meinung. Das macht sie anfällig. Und trotzdem braucht sie die freiheitlich verfasste Gesellschaft.

von Andreas Thiel 

Gebt den Mitläufern nichts zum Mitlaufen, sonst laufen sie mit. Und ohne Mitläufer gäbe es keinen Totalitarismus, in dem bekanntlich alles Private politisch ist und alles Politische kollektiv. Denn in keiner Gesellschaft gibt es genügend totalitär gesinnte Menschen, um einen totalitären Staat zu bilden. Aber offensichtlich gibt es auch nie genügend besonnene Menschen, um den Totalitarismus zuverlässig und dauerhaft zu verhindern. Genügend Mitläufer hingegen, um den Totalitarismus zu dulden, scheinen immer und überall latent vorhanden zu sein. 

Viele Phänomene tauchen in einer gaussschen Normalverteilung auf. Dieses abstrakte Verhältnis gilt auch für die Verteilung von guten und schlechten Menschen. Jede Gesellschaft verfügt über eine kleine Minderheit von wirklich guten und eine kleine Minderheit von wirklich schlechten Menschen. Die grosse Mehrheit ist weder ausserordentlich gut noch ausgesprochen schlecht. Diese grosse Mehrheit bildet in jeder Gesellschaft die breite Masse der Mitläufer.

Sie ist allerdings nicht als solche organisiert. Mitläufer passen sich an, machen mehr oder weniger begeistert mit, lassen sich beeinflussen, verhalten sich passiv, lachen sich ins Fäustchen oder machen die Faust im Sack. Aber sie sprechen sich nicht untereinander ab. Denn sie gehören sämtlichen gesellschaftlichen Schichten, politischen Gruppierungen und Berufsgattungen an. Je nach Standpunkt sind es Pragmatiker, Opportunisten oder einfach nur treue oder loyale Menschen. Zusammen bilden sie die stabile Basis jeder Gemeinschaft. Sie übernehmen eine passive, kollektive Verantwortung und sorgen dafür, dass sich die Dinge nicht so schnell ändern.

Zu wenig Demokraten

Wenn die grosse Mehrheit aus Mitläufern besteht und wenn der Totalitarismus von diesen Mitläufern getragen wird, dann verhält es sich mit der Demokratie nicht anders. Ohne Mitläufer gäbe es keine Demokratie. Es gibt schlicht zu wenige überzeugte Demokraten, um irgendwo eine stabile Demokratie zu bilden. Die meisten Menschen, die in einer Demokratie leben, sind Mitläufer der Demokratie.

Wir werden in eine Demokratie genauso hineingeboren, wie wir in eine Diktatur hineingeboren werden. Und die grosse Mehrheit wehrt sich genauso wenig gegen die Diktatur, wie sie sich für die Demokratie begeistert.

Die grosse Mehrheit zweifelt sogar latent am Funktionieren der Demokratie. Wenn eine Abstimmung anders verläuft als erhofft, wünschen sich viele Abstimmungsverlierer die Korrektur des demokratischen Entscheids durch das Parlament, die Verwaltung, Gerichte oder supranationale Organisationen. Die Demokratie lässt sich zwar nur mit Hilfe von Mitläufern erhalten, aber mit den gleichen Mitläufern kann man auch jede Demokratie wieder abschaffen. Eine Revolution ist im Grunde jederzeit und überall möglich, eine sanfte oder auch eine blutige, eine chaotische oder eine schleichende, aber sie ist nicht möglich ohne die schweigende Masse der Mitläufer.

Worin unterscheidet sich denn aber die Demokratie vom Totalitarismus, wenn der grösste Teil der Gesellschaft so oder so aus Mitläufern besteht?

Die Antwort ist einfach. In totalitären Systemen sind die wenigen wirklich Guten im Gefängnis und die wenigen wirklich Schlechten an der Macht. Und in der Demokratie sind die wenigen wirklich Schlechten im Gefängnis, aber die wenigen wirklich Guten sind nicht an der Macht.

Denn Machtstreben ist nichts Gutes. Demokratie ist der prekäre Zustand, in dem die grosse Masse der Mitläufer führerlos ist. Dieser Zustand ist nur so lange haltbar, wie man keine Machtpositionen schafft, in die sich die paar wenigen Schlechten drängen können. Denn Machtstreben ist ein schlechter Charakterzug.

Der kleine Unterschied

Aber wo sind sie denn, die Guten, in einer Demokratie, wenn nicht an der Macht? Natürlich an ihrem Platz in der Gesellschaft: an der Werkbank, in der Küche, im Büro, in der Arztpraxis, im Stall, vor der Schulklasse oder hinter der Theke.

Die Demokratie hat gegenüber dem Totalitarismus den Vorteil, dass die paar wenigen wirklich guten Menschen, über die jede Gesellschaft verfügt, frei sind. Eine freie Gesellschaft ist somit nur um die paar wenigen guten Menschen besser, die in einem totalitären System im Gefängnis wären. Das ist ein kleiner Unterschied und erklärt, warum Menschen, die in totalitären Systemen leben, im Durchschnitt nicht schlechter sind als freie Menschen und Menschen, die in Freiheit leben, auch nicht besser als unterdrückte.

Wenn nun also der Unterschied beider Gesellschaften so klein ist, was ist denn an der Demokratie so viel besser? Das Phänomenale an der Demokratie ist, dass es sich erübrigt, darüber zu streiten, wer die paar wenigen wirklich Guten sind. In einer Demokratie darf es keine politische Definition für gut geben. Man einigt sich nur darauf, was wirklich schlecht ist: Mord, Folter, Vergewaltigung, und man beschränkt sich dabei auf das Schlimmste. Alles andere ist eine Frage des Standpunktes. 

Die Freiheit der anderen 

Was gut ist, ist eine Streitfrage und abhängig vom Standpunkt. Diese Prämisse ist für das Funktionieren einer Demokratie grundlegend. Sie besteht auch darin, dass diese Frage vom Gesetzgeber unbeantwortet bleibt.

Es spielt keine Rolle, wer mit seiner Betrachtung von gut und schlecht recht hat. Denn wenn alle frei sind, dann sind auf jeden Fall auch die Guten frei, unabhängig davon, wer diese sind. Diese beruhigende Erkenntnis müsste uns alle gut schlafen lassen. Tut es aber nicht. Denn viele glauben, unabhängig voneinander und mit unterschiedlichen Resultaten, das Gute wie das Schlechte eindeutig identifiziert zu haben. Sie alle neigen dazu, ihrem jeweiligen Guten zu folgen und ihr jeweilig Schlechtes zu bekämpfen. Diese zum Teil entgegengesetzten Sichtweisen führen aber alle in die gleiche Richtung. Sie sind ein Schritt hin zum Totalitarismus.

Ich will damit nicht sagen, dass man nicht zwischen gut und schlecht unterscheiden soll. Was ich feststelle, ist etwas anderes: Es gibt so viele unterschiedliche Ansichten darüber, dass wir in einer Gemeinschaft nur so lange in Frieden und Freiheit zusammenleben können, wie wir diese Frage nicht zur Staatsangelegenheit erklären. Gutem zu folgen und das Schlechte sein zu lassen, ist eine private Angelegenheit.

Freiheit ist eine chaotische Ordnung, so paradox dies klingen mag. In der Freiheit sind zwar auch die schlechten Menschen frei, sofern sie nicht gerade wegen Mordes oder Vergewaltigung eingesperrt sind. Aber nur in der Freiheit haben gute Menschen gleich lange Spiesse wie schlechte Menschen.

Wer die Freiheit erhalten will, hütet sich davor, eine moralische Position zur kollektiven Angelegenheit zu erklären. Der Staat hat keine Moral zu haben. Als überzeugter Vegetarier darf ich nicht der Versuchung erliegen, nach staatlicher Förderung des Vegetarismus zu rufen. Als Hersteller von Impfstoffen darf ich nicht der Versuchung erliegen, staatliche Impfprogramme zu verlangen. Als Klimaschützer darf ich nicht der Versuchung erliegen, staatliche Klimaschutzprogramme zu fordern. Als Künstler darf ich genauso wenig nach staatlicher Unterstützung schreien, wie ich als Bauer die staatliche Subventionierung der Landwirtschaft propagieren darf.

Freiheit ist die Freiheit aller. Wer die Interessen von politisch Andersdenkenden als weniger wichtig betrachtet als seine eigenen, ist totalitär. Nein, halt, dieses Urteil wäre ebenfalls totalitär, denn vermutlich handelt es sich bei den meisten Menschen, die Andersdenkende bevormunden möchten, bloss um Mitläufer.



Nota. - Das ist ja gar keine Satire. Aber weil er Satiriker ist, kann er sich Ungenauigkeiten durchgehen lassen.

Was die repräsentative Demokratie als vergleichsweise beste Staatsverfassung auszeichnet, ist nicht, dass dort die Mehrheit herrscht. Das würde sie im Gegenteil zweifelhaft machen. 

Dazu muss man nicht Gute und Böse unterscheiden. Es reicht die Einsicht, dass das innovative Potenzial einer jeden Idee irgendwann erschöpft ist. In der Wirklichkeit stellen sich aber, mal häufiger, mal seltener, neue Aufgaben, für die es neue Lösungen braucht; wäre dem anders, bräuchte man auf Dauer gar keine politische Ver- fassung, eine funktionierenden Polizei reichte aus.


So aber müssen neue Ideen die Gelegenheit bekommen, sich zu den herrschenden zu entwickeln. Denn das müssen sie, wenn sie Lösungen bewerkstelligen sollen. Und neue Ideen kommen immer erst unter wenigen auf, die große Mehrheit weiß vielleicht noch nichtmal was von den neuen Aufgaben. Es bedarf also einer Verfas- sung, in der die Minderheit die Chance hat, Mehrheit zu werden. 

Das setzt voraus, da hat der Verfasser Recht, dass sie die Freiheit hat, ihre neuen Ideen öffentlich zu machen und zu propagieren (doch dass sie sich für die besseren Menschen hielten, wäre eher eine Hypothek). Um nämlich die Mitläufer auf ihre Seite zu ziehen, die ja nicht dumm sind (sondern im Gegenteil als vernünftig vorausge- setzt werden), sondern nur langsamer, bedächtiger, vorsichtiger - und vielleicht auch etwas feiger. Machtstreben ist nichts Schlechtes, wenn es um der richtigen Ideen willen geschieht; welche das sind, kann immer nur der Meinungsstreit entscheiden.

Darum ist die Demokratie andern Staatsformen vorzuziehen, weil sie die Möglichkeit schafft, wann immer die herrschenden Ideen und sicher auch die, die sie vetreten, erschöpft sind, es mit neuen Ideen zu versuchen, indem man ihre Verkünder ans Ruder lässt, die meistens weniger erschöpft sind. 

Freiheit und Recht sind die notwendige Bedingung; das Gewinnen der Mehrheit ist ein technisch-praktisches Pensum.
JE    

Donnerstag, 7. März 2019

Das Gute am Schlechten.

J. M. Molenaer, Wirtshausschlägerei
aus FAZ.NET, 7. 3. 2019 

Vorteile der Polarisierung?  
Schlauer im Streit 
Voneinander stark abweichende Meinungen können nützlich sein, sofern sie einer konstruktiven Diskussion nicht im Wege stehen. 

von Sibylle Anderl 

Die zunehmende Polarisierung der Gesellschaft hat viele negative Folgen. Forscher haben nun aber zumindest einen positiven Effekt polarisierter Gruppen ausgemacht.

Unserer Welt gehen zunehmend die Grautöne verloren. Die Dinge sind schwarz oder weiß, genau richtig oder völlig verkehrt, grandios oder katastrophal. Und diese Spaltung im Raum möglicher Urteile besitzt ihr Ebenbild in der Spaltung von Menschengruppen. Wir sind zunehmend polarisiert, und das nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Darüber, wer oder was dafür die Schuld trägt, gibt es verschiedene Theorien. Einigkeit herrscht aber darüber, dass dieses Phänomen uns Kopfzerbrechen bereiten sollte: Polarisierung hat die Tendenz, sich selbst in abgeschlossenen Echoblasen zu verstärken, und öffnet Missinformation und Manipulation Tor und Tür.

Aber könnte Polarisierung bei all dem Negativen nicht vielleicht doch auch gute Seiten haben? Letztendlich erzeugt sie ja auch nur eine radikale Form von Diversität, und die – da sind sich Psychologen einig – ist für die Performance zusammengesetzter Arbeitsgruppen außerordentlich förderlich. Dieser These sind nun amerikanische Wissenschaftler in „Nature Human Behaviour“ nachgegangen. Als Testfeld nutzten sie die Online-Enzyklopädie Wikipedia. Ihre Frage dabei: Wie wirkt sich die Polarisierung der Editoren von Wikipedia-Einträgen auf die Qualität der Texte aus?  

Dafür bestimmten sie zunächst die politische Ausrichtung der Autoren auf der Grundlage von deren bisheriger Beteiligung an konservativen oder liberalen Artikeln. Dabei zeigten sich tatsächlich zwei Populationen von Akteuren entgegengesetzter politischer Positionierung. Diese Information konnten die Wissenschaftler daraufhin nutzen, um den Grad der Polarisierung im Autorenpool einzelner Artikel zu messen. Zusammen mit den von Wikipedia selbst verliehenen Einschätzungen der Artikelqualität ergab sich daraufhin: Je höher die Polarisierung der Autoren, desto besser der Artikel.

Dies spiegelte sich auch auf den die Texte begleitenden, moderierten Diskussionsseiten wider: Es wurde deutlich mehr diskutiert als in politisch homogenen Gruppen – Wikipedias interne Richtlinien zur Gewährleistung ihrer Qualitätsstandards vermochten dabei, inhaltliche Auseinandersetzungen konstruktiv zu halten. Die Forscher schließen daraus: Ausgeprägte Meinungen motivieren und stärken die für Debatten notwendige Geduld. Und das ist gut. Wir müssten also nur kultiviert zu streiten lernen. Vielleicht könnten wir dann in eine Phase der „Weisheit der polarisierten Gruppen“ eintreten – dem Titel der Studie folgend. Wie dies außerhalb von Wikipedia klappen könnte, darüber hüllen sich die Autoren allerdings in Schweigen.


Nota. - Dass politische Meinnungsverschiedenheit seit Jahr und Tag nur als entrüstetes Ankeifen ausgetragen? - nein: in Szene gesetzt werden, liegt ja nicht daran, dass aus der Öffentlichkeit die Vernunft geschwunden wäre. Sondern daran, dass aus der Öffentlichkeit das Streiten verbannt wurde. Hauptverantwortlich daran war aber nicht eine vormals wortlose Rechte, sondern die Generation, die in 80ern das nachhaltige Plärren mit ermüdetem Konsens zum herrschenden Modus des gesellschaftlichen Verkehrs gemacht haben. Nicht das rationelle Argu- ment, sondern die richtige Gesinnung gab den Ausschlag.

Mit den nüchternen Erwäggründen des Verstandes war dagegen damals kein Ankommen. Aber inzwischen mit Rüpeln und Pöbeln als der andern Seite der Medaille. 

Da sind wir nun. An einer Art Exaequo. Das ist nicht schlecht, jetzt kann vielleicht die Vernunft wieder ihr Glück versuchen. Und die ficht mit scharfer Klinge.
JE

Mittwoch, 6. März 2019

Als der Mensch nach Europa kam.

aus scinexx


Altsteinzeit: Leeres Europa?
Nur rund 1.500 Menschen lebten während der Altsteinzeit auf unserem Kontinent

Überraschend dünn besiedelt: Europa war während der Altsteinzeit offenbar nur von wenigen anatomisch modernen Menschen bevölkert. Neuen Schätzungen zufolge lebten vor 33.000 und 42.000 Jahren im Schnitt nicht mehr als 1.500 Jäger und Sammler auf unserem Kontinent. Nur fünf Gebiete in Europa hatten überhaupt eine überlebensfähige Population – die größte davon befand sich im Südwesten Frankreichs, wie die Forscher berichten.

Von seiner afrikanischen Heimat aus machte sich der Homo sapiens vor rund 130.000 Jahren auf, die Welt zu erobern. In mehreren Auswanderungswellen zogen die anatomisch modernen Menschen nach Norden – und erreichten vor rund 45.000 Jahren auch Europa. Doch wie viele unserer Vorfahren lebten während der frühen Besiedlungsphase genau auf dem europäischen Kontinent? „Studien, die sich mit der Demografie Europas während des frühen Jungpaläolithikums beschäftigen, sind bisher Mangelware“, schreiben Isabell Schmidt und Andreas Zimmermann von der Universität Köln.

Um diese Wissenslücke zu füllen, haben die Archäologen nun zwischen 33.000 und 42.000 Jahre alte Fundstellen in Europa nach Hinweisen untersucht. Über die Verteilung der archäologischen Stätten identifizierten sie dabei zunächst Kerngebiete intensiver und kontinuierlicher Besiedlung aus der fraglichen Zeit. Außerdem rekonstruierten sie, auf welchen Wegen und über welche Distanzen sich die Menschen damals bewegten und zum Beispiel Steinmaterialien von A nach B transportierten.

Nur 1.500 Menschen in Europa

Die auf diese Weise ermittelten Kern- und Mobilitätsgebiete nutzten die Forscher anschließend, um sich einer konkreten Bevölkerungszahl anzunähern: Wie viele Gruppen von Jägern und Sammlern könnte es damals gegeben haben und wie groß waren diese?

Die Ergebnisse zeigen, dass Europa damals erstaunlich dünn besiedelt war. Den Schätzungen des Teams zufolge lebten auf dem betrachteten Gebiet vom heutigen Nordspanien über Mittel- bis Osteuropa im Schnitt nur etwa 1.500 Menschen. Auch mögliche Schwankungen, die im Rahmen der Analyse ermittelt wurden, lassen nicht viel Spielraum. Wie Schmidt und Zimmermann berichten, lag die Obergrenze bei 3.300, die Untergrenze bei rund 800 Personen.

„Ballungsraum“ Südwestfrankreich

Angesichts dieser kleinen Zahl scheint auch ein weiteres Ergebnis der Forscher nicht verwunderlich: Nur fünf Gebiete in Europa hatten überhaupt eine überlebensfähige Population von etwa 150 Personen oder mehr: Nordspanien, Südwestfrankreich, Belgien, Teile Tschechiens sowie der obere Donauraum. Das Kerngebiet mit der größten Bevölkerung befand sich demnach mit rund 440 Personen im Südwesten Frankreichs, gefolgt von Nordspanien mit geschätzten 260 Einwohnern.

Europa

Gleichzeitig offenbarten die Untersuchungen, dass es während der späten Altsteinzeit eine Reihe von Gebieten mit extrem geringen Bevölkerungszahlen von nur zehn bis 80 Personen gab – diese Populationen wären isoliert für sich nicht überlebensfähig gewesen. Ähnlichkeiten von Schmuckgegenständen und Indizien für den Transport von Steinmaterialien deuten jedoch auf intensiven Kontakt zu den Kernregionen hin, wie die Archäologen erklären.

Wiederholt ausgestorben?

Nach Ansicht der Forscher ist es wahrscheinlich, dass einige Menschen aus den Kernregionen zu bestimmten Jahreszeiten in diese im Schnitt etwa 200 Kilometer entfernten Gebiete zogen und sich dort zeitweise niederließen. Die Besiedlung dieser Regionen fand demnach nur zyklisch und befristet statt. Dies spreche für hochmobile Jäger-und-Sammler-Gruppen, die regelmäßig große Distanzen zurücklegten und sich an unterschiedliche Habitate anpassen konnten, schreibt das Team.

„Dieses Verhalten der ersten anatomisch modernen Menschen in Europa ermöglichte eine stabile Besiedelung des Subkontinents trotz der geringen Bevölkerungsdichte“, sagt Schmidt. „Auch wenn wir davon ausgehen, dass regionale Populationen wiederholt ausstarben, so ist dieses System sehr resilient.“ (PLOS One, 2019; doi: 10.1371/journal.pone.0211562)

Quelle: Universität zu Köln





Montag, 4. März 2019

Im Osten die Städte stärken.

aus Süddeutsche.de,


  • Die Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschland sind nach wie vor enorm hoch.
  • Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle.
  • Nach Ansicht der Forscher liegt das auch an einer verfehlten Subventionspolitik. Stattdessen müsse Geld vor allem in ostdeutsche Städte fließe
Von Jacqueline Lang, Berlin

30 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer steht Deutschland als Ganzes im internationalen Vergleich gut dar. Die Unterschiede zwischen den Regionen sind aber nach wie vor enorm hoch, vor allem zwischen West- und Ostdeutschland. Zu diesem Ergebnis kommt eine am Montag vorgelegte Untersuchung des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH).

Die Studie "Vereintes Land - drei Jahrzehnte nach dem Mauerfall" kommt zu der Erkenntnis, dass die Wirtschaft im Osten Deutschlands weniger produktiv ist als im Westen. Die Produktivität lag 2017 in den neuen Ländern einschließlich Berlin bei durchschnittlich 82 Prozent des Westniveaus. Kein ostdeutsches Flächenland reicht bislang an das westdeutsche Schlusslicht, das Saarland, heran. Neu ist das zwar nicht. Anders als bislang angenommen liegt das nach Ansicht der IWH-Forscher aber nicht daran, dass 93 Prozent der Großkonzerne immer noch im Westen angesiedelt sind, sondern an einer verfehlten Subventionspolitik. Über viele Jahre seien Milliarden geflossen, doch diese Förderung habe auch Schaden angerichtet und Unternehmen dazu verleitet, nicht benötigte Arbeitsplätze beizubehalten.

Stattdessen müsse Geld vor allem in ostdeutsche Städte fließen, sagte IWH-Präsident Reint Gropp. Die Unterschiede zwischen den ost- und westdeutschen Städten seien deutlich höher als die zwischen den ländlichen Regionen in Ost und West. "Natürlich ist es hart zu sagen, wir müssen ländliche Räume aufgeben. Aber nur so haben wir eine Chance, die Unterschiede zwischen Ost und West irgendwann mal auszugleichen", sagte Gropp. In einer Wissensgesellschaft seien die Städte die zentralen Orte für Forschung, Innovation und Wertschöpfung - und damit für Wohlstand. Seit den 90er-Jahren habe Deutschland einen Strukturwandel durchlaufen: Viele Industriearbeitsplätze seien verloren gegangen und neue Jobs vor allem im Dienstleistungssektor entstanden, diese wiederum vor allem in den Städten. Es gelte, dieser Entwicklung auch in Ostdeutschland Rechnung zu tragen. 

Heute arbeiten bereits drei Viertel der West-Beschäftigten in Städten, im Osten ist es nur die Hälfte.

Als dritten entscheidenden Faktor für eine mögliche Annäherung von Ost und West nennt Gropp eine stärkere Investition in Bildung, von Kindergärten bis hin zu Studiengängen für Fachkräfte an Universitäten. Schon jetzt habe Deutschland und vor allem der Osten einen großen Mangel an gut ausgebildetem, jungem Personal. Den Vorsprung, den der Osten in diesem Bereich noch bis zum Anfang des Jahrtausends gegenüber dem Westen gehabt habe, sei mittlerweile fast überall verloren gegangen. Zudem sei die Zahl der Schulabbrecher im Osten deutlich höher als im Westen. Der Westen sei außerdem erfolgreicher darin, qualifizierte Menschen aus anderen Ländern, vor allem innerhalb Europas, anzulocken. 

"Der Osten muss attraktiver werden", sagte Gropp. Die Politik sei deshalb gefragt, Orte mit guten Wohn- und Arbeitsbedingungen zu schaffen und sich als "weltoffen und attraktiv für qualifizierte Zuwanderung" zu profilieren. Besonders problematisch sei in diesem Zusammenhang die politische Entwicklung im Osten. Die Gründe für populistische Bewegungen allein auf lokaler Ebene zu suchen, hält Gropp dennoch für falsch. Rechtspopulismus sei kein ostdeutsches Problem, sondern ein globales.


Nota. - Ein bedenkenswertes Argument. Aber weil es keiner parteipolitischen Richtung nützt, wird es kaum aufgegriffen werden. Das ist das Strukturproblem der deutschen Politik. Die Vereingung der damaligen DDR mit der Bundesrepublik war ein zivilisatorisches Problem. Hat das keiner gewusst? -- ... -- Ach, und warum hat es dann keiner wahrhaben wollen?! - Ich weiß: Das Ossi durfte nicht gekränkt werden.
JE