Dienstag, 30. Juli 2019

Europa vor dem Jamnaja-Sturm.

Archäologen gehen davon aus, dass die ersten sesshaften Ackerbauern und Viehzüchter aus dem nahen Osten eingewandert sind
aus welt.de, 26.01.2011

Auf den Spuren der Urahnen heutiger Europäer
Neue Untersuchungen* von Skeletten aus der Steinzeit zeigen: Einwanderer aus dem Nahen Osten läuteten das Ende des Lebens als Jäger und Sammler in Europa ein.



G egen Ende der mittleren Steinzeit veränderte sich das Leben der Menschen in Mitteleuropa für immer: Sie begannen, ihr Nomadendasein als Jäger und Sammler aufzugeben, wurden sesshaft und setzten erstmals auf Ackerbau und Viehzucht - eine Umwälzung, die auch neolithische Revolution genannt wird. Ihren Ausgangs- punkt, da sind sich die meisten Forscher einig, hatte diese folgenreiche Veränderung im Nahen Osten. Von dort, da herrscht ebenfalls Konsens, breitete sie sich über ganz Europa aus.

Doch an dieser Stelle ist Schluss mit der Einigkeit. Es stellt sich nämlich die Frage, wie diese Ausbreitung vonstattenging: War es lediglich die Idee des sesshaften Lebens, die nach Europa einwanderte und wie ein Lauffeuer immer mehr Terrain eroberte? Oder kam dieses Konzept vielmehr im Schlepptau einer Einwande- rungswelle, brachten also die Erfinder von Ackerbau und Viehzucht diese Lebensweise selbst in den Westen?
Gleiche Werkzeuge trotz unterschiedlichem Lebensstil

Der Frankfurter Archäologe Jens Lüning ist klarer Anhänger der ersten Variante und gehört damit zu der Gruppe von Forschern, die jahrzehntelang die Nase vorn hatte. Der Spezialist für die Bandkeramiker, wie die erste Bauernkultur aufgrund der bandförmigen Verzierungen an ihren Tongefäßen auch genannt wird, hat dafür gute Gründe, wie das Magazin „bild der wissenschaft“ in seiner Februarausgabe berichtet.


Sein schlagkräftigstes Argument: die kulturelle Kontinuität. Denn die Werkzeuge aus Feuerstein, die an den Siedlungsplätzen der frühen Bauern ausgegraben wurden, entsprechen exakt denen, die die seit etwa 40.000 Jahren in Europa heimischen Jäger und Sammler benutzten, trotz der vollkommen unterschiedlichen Lebensweise. Für Lüning ist klar: Es könnte vielleicht einen kleinen Zuzug gegeben haben, der größte Teil der bäuerlichen Bandkeramiker stammt jedoch von den ursprünglichen Bevölkerungsgruppen ab.

In jüngster Zeit beginnt die Vorherrschaft der Ansicht vom Ideen-Import aus dem Nahen Osten jedoch zu bröckeln - und zwar zugunsten der Einwanderer-Theorie. Verantwortlich dafür sind vor allem genetische Untersuchungen.

Eine davon haben der Australier Alan Cooper und sein Kollege, der deutsche Archäologe Wolfgang Haak, durchgeführt. Sie verglichen dazu Erbgut aus den Knochen von 21 Skeletten, die auf einem 7000 Jahre alten Friedhof der Bandkeramik-Bauern entdeckt worden waren, mit der von heute lebenden Europäern.

Haak fasst das Ergebnis in ungewohnt klaren Worten zusammen: „Die ersten Bauern in Europa waren Einwanderer.“ Sogar ihre potenzielle Route konnten die Forschern aus den Genen ablesen: Die Immigranten starteten vermutlich in Anatolien und dem Nahen Osten und wanderten über Südeuropa und das Karpatenbecken bis nach Mitteleuropa.

Gene enthüllen: Keine Verwandtschaft zwischen Jäger-Sammlern und Bauern

Auch die Ergebnisse eines Forscherteams aus Mainz um Barbara Bramanti und Joachim Burger passen in dieses Bild. Sie hatten die sogenannte mitochondrielle DNA untersucht, den Teil des Erbguts, der nicht im Zellkern, sondern in den Kraftwerken der Zelle beheimatet ist. Als sie deren Aufbau in Proben von 25 bandkeramischen Bauern mit dem von 20 Jägern und Sammlern verglichen, stellten sie fest: Die beiden Gruppen hatten, genetisch betrachtet, rein gar nichts miteinander zu tun.

Die Bandkeramiker waren also definitiv nicht die Nachkommen der ursprünglichen Bevölkerung, sondern „es muss eine substanzielle Einwanderung neolithischer Bauern nach Mitteleuropa gegeben haben - mit Familien und Vieh“, sagt Burger.
Dass die Einwanderer zwar nicht über die gleichen Gene, aber über die gleichen Werkzeuge verfügten wie die Jäger und Sammler, ist für Burger kein Widerspruch: „Man muss doch nicht Kinder miteinander machen, um von einer Bevölkerungsgruppe Werkzeuge einzutauschen“, entrüstet er sich.

Der Paläogenetiker stellt sich das damalige Szenario so vor: Als die Immigranten nach Mitteleuropa kamen, hatten sie und die Ortsansässigen über 30.000 Jahre unterschiedlicher Entwicklung hinter sich - die Angehörigen der beiden Gruppen sahen also mit hoher Sicherheit unterschiedlich aus und sprachen auch unterschiedliche Sprachen.

Allein das dürfte schon enge Kontakte erschwert haben, ähnlich wie die Vorliebe für unterschiedliche Lebensräume. Die Jäger und Sammler zog es nämlich eher an größere Seen und an die Küsten, während die Bauern bevorzugt den fruchtbaren Lössgürtel im Landesinneren besiedelten. Eine Art Tauschhandel scheint es trotzdem zwischen den Gruppen gegeben zu haben, berichtet „bild der wissenschaft“.

So fanden sich in Siedlungen von Bandkeramikern im hessischen Wetterau beispielsweise Feuersteinerzeugnisse, die aus den heutigen Niederlanden stammen - ein Gebiet, in das die Bauern zu dieser Zeit nachweislich noch nicht eingewandert waren. Vermutlich brachten demnach die nach wie vor als Nomaden lebenden Jäger und Sammler auf ihren Wanderungen die Stücke mit und tauschten sie gegen die Erzeugnisse der Bauern.

Vermischung der Gruppen erst nach weit über 1000 Jahren

Es sollte rund 1500 Jahre - im heutigen Skandinavien sogar 3000 Jahre - dauern, bis die Gruppen schließlich doch begannen, sich zu vermischen, kann Joachim Burger aus seinen Daten ablesen. Und noch etwas erzählen ihm seine Gen-Studien: „Die Mischung aus Jäger-Sammlern und frühen Bauern allein reicht nicht aus, um zum mitochondrialen DNA-Pool der jetzigen europäischen Bevölkerung zu führen“, erläutert seine Mitarbeiterin Barbara Bramanti.

Burger bringt diese überraschende Erkenntnis auf eine kurze Formel: „Die mitochondriale DNA der heutigen Europäer besteht aus regionalen Variationen derjenigen von Jäger-Sammlern plus frühen Bauern – plus X.“

Bisher gibt es allerdings nur Vermutungen, was dieser X-Faktor war. Möglicherweise handelte sich um eine zweite Immigrationswelle, lange nach der Einwanderung der neolithischen Bauern, die zu einer weiteren Vermischung der damaligen Europäer mit den Neuankömmlingen geführt hat.

Auch zu deren Identität gibt es einen ersten Verdacht: Es könnte sich um Menschen der geheimnisvollen Jamnaja-Kultur gehandelt haben - einer Gruppe von Rindernomaden aus der Schwarzmeersteppe, über die bisher kaum etwas bekannt ist.


*Nota. - Gemeint sind die Untersuchungen, die damals neu waren. Mein gestriger Eintrag referiert den aktuellen Stand der Froschung. Der letzte Satz des Artikel kündigt ihn an.
JE




Montag, 29. Juli 2019

Die Gründung Europas aus dem Osten.

aus welt.de, 28. 7. 2019

Mit dieser Waffe zogen die Indoeuropäer nach Europa
Die Domestikation des Pferdes zählt zu den wichtigsten Kulturleistungen. Mit ihm gelang vor 5000 Jahren wohl eine der größten Migrationen der Menschheit – mit weitreichenden Folgen, finden Genetiker.


Nur gute 40 Zentimeter war das Wesen groß, von dem in der Welterbe-Grube Messel bei Darmstadt mehrere fast vollständig erhaltene Exemplare als Fossilien auf uns gekommen sind. Propalaeotherium haben Biologen das Tier genannt, das vor 50 bis 40 Millionen Jahren die Dschungel durchstreifte, die damals das Gebiet des heutigen Mitteleuropa bedeckten. Propalaeotherium ist ausgestorben, aber aus einem nahen Verwandten entstand einer der wichtigsten Helfer des Menschen, der ihn erst in den Stand setzte, weite Teile der Alten Welt zu besiedeln: das Pferd (Equus).


Wie diese eindrucksvolle Partnerschaft entstand, zeigt die „Terra X“-Dokumentation „Die Geschichte von Pferd und Mensch“ am Sonntag im ZDF. Darin entwerfen Niobe Thompson und Dennis Wells ein faszinierendes Panorama, das von dem fuchsgroßen Pflanzenfresser von Messel bis zu den Vollblütern moderner Galopp-Rennbahnen und den Kaltblütern reicht, die mit mehr als einer Tonne Gewicht Wagen voller Bierfässer zu ziehen vermögen. Die zu Wort kommenden Genetiker und andere Spezialisten skizzieren zudem den Stand der aktuellen Debatte, wo das Pferd domestiziert wurde und welche umstürzenden historischen Folgen damit verbunden waren.

Das Pferd kam verhältnismäßig spät auf den Menschen. Schon Tausende Jahre vor der neolithischen Revolution, in der ab etwa 7000 v. Chr. Menschen im Nahen Osten daran gingen, mithilfe von gezieltem Hegen und Anbau von Pflanzen ihre Nahrungsgrundlage zu erweitern, hatten sie Hund, Schaf, Schwein, Ziege, Rind und Katze zu Haustieren gemacht. Vor etwa 7000 Jahren, im Zuge der Sesshaftwerdung, kam der Esel hinzu.

 
Auf der Suche nach der Region, in der erstmals Pferde gezähmt wurden, führt uns die Dokumentation in den Norden von Kasachstan. Dort wurden bei dem Ort Botaj die Reste von etwa 70 Hütten ausgegraben. Daneben fanden sich Gruben, die Zehntausende Knochen von Pferden enthielten. Die Vermutung, dass sich die Botaj-Leute allein von der Jagd auf den Unpaarhufer ernährten, widerlegt die Analyse der geborgenen Keramikbruchstücke. Darin fanden sich die genetischen Fingerabdrücke von Stutenmilch. Ein eindeutiges Indiz für die Domestizierung der Tiere, denn keine wilde Stute lässt sich regelmäßig melken.

Anfang des 3. Jahrtausends v. Chr. war es Menschen also gelungen, das kraftvolle Herden- und Fluchttier, das sich zudem durch Intelligenz, Ausdauer und Anpassungsfähigkeit auszeichnet, zu ihrem Gefährten zu machen. Damit hatten die Bewohner der kargen Steppen Nordkasachstans zwar noch nicht zur Sesshaftigkeit gefunden. Aber mit dem Pferd war es ihnen nun möglich, ihre Herden aus Rindern, Ziegen und Schafen über große Entfernungen weiden zu lassen und damit ihre Nahrungsgrundlage deutlich zu erweitern.


Replika eines Dorfes der spätzeitlichen Botaj-Kultur
 
Diese Leistung gelang nicht nur der Botaj-Kultur. Unter ähnlichen geografischen Bedingungen konnten einige Jahrhunderte später Bewohner der nordpontischen Steppe Equus domestizieren. Das war eine Frage des Überlebens. Denn in der Frühbronzezeit wurde das Klima trockener, die Wälder verschwanden, und in den Regionen nördlich des Schwarzen Meeres entstanden halbwüstenartige Landschaften. Wegen der Bauweise ihrer Häuser, deren unterer Teil in einer Grube liegt, spricht man von Jamnaja- oder Grubengrab-Kultur.
Die Jamnaja-Leute verfügten bereits über feste Plätze und hielten sich Schweine, was auf eine gewisse Sesshaftigkeit schließen lässt. Zugleich ermöglichte ihnen das Pferd hochmobile Formen der Viehzucht. Das bedeutete auch, dass mehr Menschen mit großem Gepäck größere Entfernungen zurücklegen konnten.

 
Der berittene Krieger war lange jedem Fußgänger überlegen

Im Durchschritt bewegt sich ein Pferd mit oder ohne Last fast doppelt so schnell wie ein Ochse, und die Tagesleistung eines Zugpferdes kann dreimal so hoch sein wie die eines Ochsen, begründet der Berliner Archäologe Hermann Parzinger in seiner „Geschichte der Menschheit vor Erfindung der Schrift“ diese „Revolution im Transportwesen“. „Mit dem Pferd als Zug- und Reittier hatte der Mensch damit zum ersten Mal in seiner Geschichte ein Transportmittel, dessen Geschwindigkeit seine eigene bei Weitem übertraf.“

Mit ihrer neu gefundenen Mobilität konnten die Jamnaja-Leute völlig neue Lebensräume erschließen. Zudem hatten sie mit dem Pferd eine Waffe in der Hand, gegen deren Geschwindigkeit und Durchschlagskraft Zweibeiner keine Chance hatten. Das sollte weltgeschichtliche Folgen haben.

Forscher gehen davon aus, dass die ersten sesshaften Ackerbauern und Viehzüchter aus Ungarn nach Mitteleuropa eingewandert sind
Archäologie Auf den Spuren der Urahnen heutiger Europäer

Während die Genetik für die Leute von Botaj keine nennenswerte Nachfahrenschaft ausmachen konnte, wurde die Jamnaja-Kultur zur Quelle einer der größten Migrationen aller Zeiten. Bereits in den 1950er-Jahren hatte die aus Litauen stammende Harvard-Anthropologin Marija Gimbutas die These aufgestellt, dass die Reitervölker der nordpontischen Steppen ihre hochrangigen Toten in den weithin sichtbaren Kurganen (Grabhügeln) bestatteten, die sich noch heute in den weiten Ebenen ausmachen lassen.

Auf der Grundlage neuer genetischer Analysen entwirft die „Terra X“-Dokumentation ein atemberaubendes, wenngleich spekulatives Szenario. So haben Wissenschaftler der Universität Kopenhagen 2015 gezeigt, dass 75 Prozent des Erbguts der Jamnaja-Leute von den Schnurkeramikern aufgenommen wurden. Diese Schnurkera- miker, benannt nach dem Stil ihrer Keramik, werden von vielen Forschern als Träger der indoeuropäischen Sprache angesehen, die von den nordpontischen und südrussischen Steppen aus für die dritte große Besiedlungs- welle Europas verantwortlich waren. Zugleich, so die Dokumentation, drangen Leute mit Jamnaja-DNA bis weit nach Asien vor.

Dafür spricht, dass das Vokabular der Pferdezucht zur ältesten Schicht der indoeuropäischen Sprachen gehört, deren sich inzwischen mehr als 50 Prozent der Weltbevölkerung bedienen. Kamen sie einst als Eroberer, indem sie sich ihrer Superwaffen, der Pferde und Wagen, für Kampf und Transport bedienten?

Die Autoren der Dokumentation verweisen auf ein interessantes Indiz. Die Untersuchung von Toten, die in Gräbern im sibirischen Altai-Gebirge gefunden wurden, hat ergeben, dass jene offenbar von einer Variante der Pest dahingerafft worden sind. Das könnte bedeuten, dass die Pferdebesitzer auf ihrer weiträumigen Reise tödliche Krankheitserreger verbreiteten, gegen die sie selbst bereits eine gewisse Resistenz erworben hatten (so wie das bei den Pocken der Fall war, die ab 1492 mit den Spaniern Amerika verwüsteten).

Umso leichter sei es dann den Inhabern der Jamnaja-DNA gefallen, ihre Kultur in den entvölkerten Regionen zu etablieren und weiterzutragen. Mit Pferd und Pest trieben die Ahnen der Indoeuropäer ihre Migrationen voran? Eine steile These. Ob sie Bestand hat, wird sich noch zeigen müssen.


Nota. -  Dies ist ein Referat der gestrigen Terra-X-Ausstrahlung im Zweiten Fernsehen.

Noch vor wenigen Jahren wurde angenommen [siehe meinen morgigen Eintrag an dieser Stelle], dass die neolithischen Zuwanderer aus dem Balkan den wesentlichen genetischen Grundstock der heutigen Europäer ausmachen und die spätere Zuwanderung aus der Steppe lediglich zu einer Vermischung und allerfalls kulturelle Überformung der ethnischen Zusammensetzung geführt hat. 

Nun wird stattdessen die These vertreten, dass die neolithischen Populationen von den Jamnaja vollständig verdrängt und womöglich ausgerottet wurden. Das wäre in diesem Ausmaß einzigartig in der Menschheitsge- schichte - soweit sie schon bekannt ist; vielleicht sollte man auch den Untergang der mykenischen Kultur und die dorischen Wanderungen unter diesem Gesichtspunkt untersuchen.
JE

Samstag, 27. Juli 2019

Vor Mohammed.

 
aus nzz.ch, 27.7.2019     Auf dieser Miniatur des Topkapi Museums in Istanbul schmücken Engel die Kaaba anlässlich der Geburt Mohammeds.

Der Rückzug der arabischen Götter – wie ist der Islam entstanden? 
Lange verehrte die Bevölkerung auf der Arabischen Halbinsel mehr als einen Gott. Der Historiker Glen W. Bowersock untersucht, wie sich dort der Monotheismus durchsetzen konnte – und warum sich ausgerechnet Mohammeds Glaubenslehre verbreitete.

von Philipp Hufschmid
 
Die Muslime bezeichnen den Zustand vor der Verbreitung des Islam als Jahiliya – die Zeit der Unwissenheit. Und auch aus Sicht von Archäologen und Historikern hat diese Bezeichnung einiges für sich, ist doch über die Spätantike auf der Arabischen Halbinsel vergleichsweise wenig bekannt. Zwar konnten seit der Jahrtausend- wende dank Ausgrabungen und neu entdeckten schriftlichen Zeugnissen einige Wissenslücken geschlossen werden. Doch sind viele Fragen zur Zeit vor der Auswanderung des Propheten Mohammed von Mekka nach Medina im Jahr 622 unserer Zeitrechnung offen. 

In seinem Buch «Die Wiege des Islam» sucht der renommierte Historiker Glen W. Bowersock nach Antworten. Der emeritierte Professor für Alte Geschichte am Institute for Advanced Study in Princeton will «einen Einblick in das chaotische Umfeld» geben, das den Islam möglich machte, und zu «einem besseren Verständnis seiner Entstehung beitragen». Auf der Arabischen Halbinsel sind in der Spätantike drei Entwicklungen besonders interessant: das Vordringen des Monotheismus, das Auftreten von Personen, die in Konkurrenz zu Mohammed für sich eine Prophetenrolle in Anspruch nahmen, und die Einflussnahme der beiden Grossmächte, der persischen Königsdynastie der Sassaniden und des byzantinischen Reiches. 

Niedergang heidnischer Kulte

Es gab zwar schon früh Juden und Christen auf der Arabischen Halbinsel. Die Mehrheit der Bevölkerung verehrte aber mehr als einen Gott. Doch im späten vierten Jahrhundert traten in der Region des heutigen Jemen mehrere Stämme zum Judentum über und errichteten das jüdische Königreich von Himyar. Erstaunlicherweise wandten sich zur gleichen Zeit auf der anderen Seite des Roten Meeres die Äthiopier im Königreich von Axum von ihren alten Göttern ab und wurden Christen. Warum es zu dieser synchronen Hinwendung zum Monotheismus kam, bleibt bis heute rätselhaft.


Im Jahr 525 eroberte der christliche Monarch von Äthiopien Himyar und setzte der jüdischen Herrschaft ein Ende. Das Königreich von Himyar wurde christlich und hatte bis um 560 Bestand. Kurz nach dem Einmarsch gelangte Abraha, ein äthiopischer General, an die Macht. Während seiner mehrere Jahrzehnte dauernden Herrschaft liess er in Sanaa eine grosse Kirche – laut Bowersock «eines der Wunder Arabiens» – errichten und den berühmten Staudamm von Marib reparieren. 552 hatte einer seiner Feldzüge zum Ziel, die Anziehungskraft der Kaaba in Mekka zu schwächen, die damals ein wichtiger polytheistischer Pilgerort war.

Auch dieser Feldzug ist ein Beleg dafür, dass die knapp 200 Jahre, in denen der erst jüdische und dann christliche monotheistische Staat von Himyar existierte, zu einem Niedergang der heidnischen Kulte beigetragen haben, wie Bowersock schreibt. Doch habe der Polytheismus des späten sechsten Jahrhunderts so viele neuerdings entdeckte Spuren auf Stein hinterlassen, «dass an der Vielzahl heidnischer Kultbilder noch zu jener Zeit kein Zweifel» bestehen könne. Er verweist auch auf die drei Göttinnen, die im Koran namentlich erwähnt werden. Der klangvollste Name unter den vorislamischen Göttern sei Allah gewesen, der zum Namen des einzigen Gottes des islamischen Monotheismus geworden sei.

Viele einzige Götter

Gleichwohl befanden sich die arabischen Götter schon lange vor der Geburt Mohammeds, die gemeinhin auf das Jahr 570 datiert wird, tendenziell auf dem Rückzug. Und mit dem Islam war das Ende des Polytheismus besiegelt. Möglicherweise hatte der Monotheismus zu Beginn des 7. Jahrhunderts aber auch generell an Anziehungskraft gewonnen, was Mohammeds Mission erleichtert hätte. Denn für Bowersock gibt es einige Anzeichen, dass es neben jenem Mohammeds auch andere Formen des arabischen Monotheismus gab. So weist er auf mehrere Propheten hin, die einen einzigen Gott verkündeten und so in Konkurrenz zu Mohammed traten. Obwohl zeitgenössische Belege für deren Existenz fehlten, sei es sehr unwahrscheinlich, dass sie alle nach Mohammeds Tod erfunden worden seien.

Der bekannteste Konkurrent Mohammeds, Musailima, soll einen eigenen einzigen Gott und eine eigene Offenbarungen gehabt haben. Laut der arabischen Tradition soll er Mohammed angeboten haben, den Monotheismus gemeinsam zu verbreiten, aber von diesem zurückgewiesen worden sein. In Erinnerung blieb Musailima vor allem, weil Abu Bakr, der erste Kalif nach Mohammeds Tod, ihn und seine Anhänger vernichten wollte.

Sehr bemerkenswert ist der Zusammenhang, den Bowersock zwischen der geopolitischen Lage und dem Aufstieg Mohammeds herstellt. Die beiden rivalisierenden Grossmächte verfolgten auch auf der Arabischen Halbinsel ihre Interessen. So hatten die Sassaniden etwa das jüdische Königreich von Himyar unterstützt. Als Mohammed im Jahr 622 der Einladung aus dem heutigen Medina folgte und mit seinen Anhängern Mekka verliess, soll dagegen der byzantinische Kaiser seine Finger im Spiel gehabt haben. 

Die Flanke abgesichert

Bowersock glaubt, dass Michael Lecker von der Hebräischen Universität Jerusalem die richtige Antwort auf die Frage gefunden hat, weshalb sich die jüdischen und die heidnischen Stämme darauf einigten, Mohammed und seine Anhänger in Medina aufzunehmen, obwohl sie sich wenige Jahre zuvor noch erbittert bekämpft hatten. Lecker verweist auf eine erstaunliche Koinzidenz: 622 war nicht nur das Jahr von Mohammeds Auswanderung, sondern auch jenes, in dem der byzantinische Kaiser Heraklius seinen Angriff auf das Sassanidenreich begann.

Lecker argumentiert, Heraklius habe sich der arabischen Klientelstämme von Byzanz bedient, um die Juden und die heidnischen Stämme in Medina dazu zu bringen, Mohammed und seine Gemeinde aufzunehmen. So habe Heraklius die Juden gegen persische Vereinnahmungsversuche immunisiert und dadurch die arabische Flanke für seinen Feldzug abgesichert.

Sicher ist, dass es Mohammed in den Jahren bis zu seinem Tod 632 gelang, die Kontrolle über Medina zu übernehmen und seinen monotheistischen Glauben nach Mekka und in die Kaaba zu bringen. Unter seinem Nachfolger Abu Bakr begann dann die islamische Expansion über die Arabische Halbinsel hinaus.

Bowersocks Buch liefert einen ausgezeichneten Überblick über die Zeit, die zur Wiege des Islam wurde. Und er zeigt die beachtlichen neuen Erkenntnisse, die dank den in den vergangenen Jahren entdeckten Quellen gewonnen wurden. Diese Fortschritte lassen hoffen, dass das Wissen über die Arabische Halbinsel in der Spätantike weiter zunehmen wird.

Glen W. Bowersock: Die Wiege des Islam. Mohammed, der Koran und die antiken Kulturen. Aus dem Englischen von Rita Seuss. Verlag C. H. Beck, München 2019. 160 S., Fr. 35.90.

Wie am Christentum die Antike unterging.


aus nzz.ch, 13.7.2019

Sie schleiften die Tempel der «Heiden», trieben sie ins Exil oder töteten sie sogar. 
Die Londoner Historikerin und Journalistin Catherine Nixey über die Zerstörungswut der frühen Christen. Eine bis jetzt ziemlich unbekannte Geschichte.

von Peer Teuwsen

Wir treffen uns im Britischen Museum in London. Es gäbe keinen besseren Ort. Hier kann man Statuen sehen, denen Extremitäten fehlen, denen die Nase abgehackt worden ist. Die meisten Besucherinnen und Besucher dürften denken, dies sei einfach dem Zahn der Zeit geschuldet. Sie irren sich. Das ist das Werk der frühen Christen. Die Journalistin und Historikerin Catherine Nixey erzählt in ihrem Buch Heiliger Zorn von diesen barbarischen Taten. In einem «Rausch der Zerstörung» vernichteten die frühen Christen eine unfassbar grosse Zahl von antiken Kunstwerken. Aus einer Welt der Römer, die gelassen alle Götter akzeptierte und fremde Kulte ohne weiteres integrierte, trat man in eine fundamentalistische Welt von religiösem Ausschliesslichkeitsan- spruch ein. Was nicht passte, wurde entfernt. Die Klöster, deren Aufgabe es war, Wissen zu bewahren, liessen Texte löschen, überschreiben oder vernichten. Heilige der katholischen Kirche waren Eiferer, die Tod und Verderben gegenüber den Ungläubigen predigten und sich selbst als Zerstörer betätigten (man feierte Benedikt von Nursia als fanatischen Vernichter antiker Kunstwerke). 

Leider wird dem Publikum im Britischen Museum diese Geschichte nicht erzählt – auch wenn man hier einen Germanicus stehen hat, dem die Nase fehlt und ein Christenkreuz auf die Stirn gemeisselt worden ist.

Deshalb seien die Tatsachen des damaligen Horrors nochmals in Erinnerung gerufen. 312 nach Christus konvertiert Kaiser Konstantin der Grosse zum Christentum, nachdem ihm Christen bei der Schlacht an der Milvinischen Brücke in Rom geholfen haben, seine Feinde zu besiegen. Ab 330 werden «heidnische» Tempel entweiht. 385 nehmen die Christen den Tempel der Athene in Palmyra ein und enthaupten die Göttin. 392 zerstört Bischof Theophilus den Tempel von Serapis in Alexandrien. 415 wird die griechische Mathematikerin Hypatia von Christen ermordet. 529 schliesst Kaiser Justinian Christen vom Lehrberuf aus. Im selben Jahr schliesst die Akademie in Athen ihre Tore, womit eine 900 Jahre alte philosophische Tradition zu ihrem Ende kommt.

*

Catherine Nixey sitzt schon im Museumscafé, als ich die Stufen hinaufhaste. Ihr Buch ist, zu ihrer eigenen Überraschung, ein Bestseller geworden, vor allem in den lateinischen Ländern. Sie bestellt sich ein winziges Zitronentörtchen. Los geht’s.

NZZ Geschichte: Frau Nixey, ist ein Mensch, der an einen einzigen, einen wahren Gott glaubt, ein dummer Mensch?

Catherine Nixey: Nein. Es gibt viele gute Gründe zu glauben oder einer Religion zu folgen. Obwohl es in vielen Religionen viele Aspekte gibt, bei denen man sich schwertut, sie als aufgeklärt zu beschreiben. Wie auch immer: Ich glaube, dass es extrem gefährlich ist, seinen Verstand jemand oder irgendetwas auszuliefern – und das verlangt zweifellos jede Religion. Also ich verlasse mich lieber auf meinen Verstand. Niemals wollte ich diesen aufgeben für etwas anderes.

Haben Sie geglaubt, als Sie jung waren?

Unbedingt. Meine Eltern, die vor meiner Geburt als Nonne und Mönch gelebt hatten, gingen mit mir in die Kirche, und ich habe jeden Tag gebetet.

Richtig gebetet?

Nun, ich habe um bestimmte Dinge gebeten. Gesundheit für meine Familie, für mich selbst. Das Gebet ist ja oft nicht mehr als eine Wunschliste für sich selbst – und selten für andere. Man betet ja nicht für den Status quo. Und, manchmal, in stillen Stunden, sehne ich mich auch nach dem Glauben zurück. Wie schön es doch ist, wenn dir jemand oder etwas sagt, was zu tun ist.

Ist das Christentum denn eine dümmliche Erscheinungsform?

«Dümmlich» ist nicht das richtige Wort. Ich würde eher von einer Geisteskrankheit reden. Wer seinen Geist abgibt für etwas Höheres, das ihm versprochen wird, ist krank.

Also waren die frühen Christen, welche «die grösste Zerstörung in der Menschheitsgeschichte» begangen haben, krank?

Nein, das ist zu extrem. Aber sie zogen eine grosse Befriedigung aus ihren Taten. Das sagen die Quellen. Und wenn man einen omnipräsenten Gott hat, der diese Kunstwerke als böse bezeichnet, ist es ein Leichtes. Dann ist es eine noble Tat, ja geradezu eine Gefälligkeit, eine Statue zu zerstören. Mein Vater sagt oft, wäre er jünger gewesen, er wäre wohl zu einem Selbstmordattentäter geworden: «Es wäre mir nicht schwergefallen, für meine Religion zu töten.» Er glaubte so stark.


Die frühen Christen begingen, wie Sie im Buch einen Wissenschafter zitieren, «die grösste Zerstörung von Kulturgut in der Geschichte der Menschheit». Wie ging das vor sich?

Es war vor allem harte Arbeit. Es ist nicht einfach, eine Statue zu zerstören. Man braucht Äxte, Vorschlaghammer oder Schwerter. Zuerst aber machten sie sich daran, die Statuen zu stürzen – dabei brach schon vieles ab. Und dann machten sie dem Rest den Garaus.

Warum taten dies die frühen Christen?

Damals glaubte man, in Statuen wohnten Dämonen, oder die Statue repräsentierte selbst einen Dämon. Oder man sagte, Statuen würden den Menschen den falschen Weg weisen – und müssten deshalb zerstört werden.

Nur zehn Prozent der Bewohnerinnen und Bewohner des Römischen Reichs waren Christen, als Kaiser Konstantin 312 nach Christus zum Christentum konvertierte. 120 Jahre später sind es 70 bis 90 Prozent. Was machte die unglaubliche Anziehung dieser monotheistischen Religion aus, dass sie eine polytheistische Kultur zerstören konnte?

Konstantin war entscheidend. Dass ein so wichtiger Mann zum Christentum konvertierte, war ein Fanal für eine Bewegung, die es ja schon vor ihm gegeben hatte. Er erliess auch Gesetze gegen die «Heiden», und das war der Anfang der Verfolgung. Ganz wichtig war, dass die Leute, die für die christliche Kirche arbeiteten, wirklich gut bezahlt wurden. Wessen Brot ich ess, dessen Lied ich sing. Die Hauptsache ist ja, dass man seine Familie ernähren kann. Christen wurden also bevorteilt. Auch in der Armee. Christliche Soldaten hatten, so nimmt man an, unter Konstantin am Sonntag frei, die anderen wurden sonntags noch härter gedrillt.
.
War der Monotheismus also einfach der einfachere Weg?

In diesen Zeiten schon. An sich ist Polytheismus natürlich eine entspanntere Lebensweise. Für jedes Bedürfnis schafft man sich einen neuen Gott, und da kann einer auch ruhig mal christlich sein. Man hat ja noch andere. Es gibt viele Quellen, die besagen, dass auch die frühen Christen damals noch andere Götter hatten. Man besuchte an einem Tag einen «heidnischen» Tempel und am nächsten Tag einen christlichen. Konstantin brachte dann die Wende.

Würden Sie das Christentum als Tyrannei bezeichnen?

Damals war das ohne Zweifel so. Konstantin war ein Tyrann gegenüber den «Heiden». Er liess ihre Tempel schleifen, schliessen oder umwidmen. Und folgten die «Heiden» der neuen Staatsreligion nicht, liessen sie sich also nicht taufen, wurden sie exiliert, wenn nicht getötet.

Gibt es Quellen, die von Protesten gegen diese brutale Christianisierung berichten?

Es gibt Schriftsteller, die sagen, man solle ihre Tempel in Ruhe lassen. Es gibt Gedichte, die die Zerstörungen beklagen. Und es gibt Berichte über die gewaltsamen Begegnungen.

Aber Massenproteste gab es nie?

Ich habe keine gefunden. Wenn die Christen Tempel angriffen, gab es bei diesen Tempeln Proteste. Sie waren aber nicht dauerhaft. Aber was kann man denn tun, wenn man einen Regierungsstatthalter mit einer Armee gegen sich hat?

Zudem hatte Konstantin auch noch seine «Hooligans», die Mönche.

Grauenhaft. Was die veranstalteten, das war wirklich blanker Terror. Das unterschied sich nicht vom Vandalismus, den wir vor ein paar Jahren hier in London erlebt haben. Die liefen einfach durch die Strassen und machten Sachen kaputt. Einfach weil sie Lust darauf hatten.

Es gibt eine Lust an der Zerstörung.

Unbedingt. Ich kann mir sogar recht gut vorstellen, dass dies Spass machen kann. Wenn man irgendjemand anderen hasst, die Reichen, die Regierung, die andern halt.

Es geht immer zusammen mit Alkohol. Auch die Mönche damals waren betrunken.

Und sie haben dies als Entschuldigung benutzt. Wie kann man Alkohol als Entschuldigung benutzen?

War das Christentum vielleicht moralisch überzeugender als die römische und damals schon ziemlich verweichlichte Lebensweise?

Das glaube ich nicht. Die Raubzüge in den Tempeln aber haben den Christen finanziell sehr geholfen. Zudem konnten sie die Steine der Tempel nutzen, um ihre eigenen Tempel zu bauen – so wie es während der Reformation in England geschah. Die «Heiden» hatten auch die besten Orte, das beste Land für ihre Gebäude – die frühen Christen hatten sich mit kleinen Hauskirchen zu begnügen. Das änderte sich jetzt. Das ist vielleicht nicht die aufregendste Geschichte, aber es ist eine pragmatische Geschichte von Geld und Land.

Es begann eine «Tyrannei der Lust». Warum gehorchen Menschen einer solchen Tyrannei?

Das tun die Menschen heute noch. Das ist aber eine Frage für Psychologinnen, nicht für Historikerinnen. Warum entscheiden sich Menschen für den schwierigeren Weg? In den Texten sieht man aber immerhin, dass viele Menschen diese neuen, klaren Regeln willkommen geheissen haben. Ich kann das verstehen. Wenn man weniger isst, wird man heiliger – das schien vielen ein einfacherer Weg, um sein Ziel zu erreichen.

Das Christentum war erfolgreicher als andere Religionen. Warum?

Die Fakten sind beeindruckend. Viele Menschen gaben ihre Besitztümer auf, die Klöster wurden riesig. Der Grund war wohl die scheinbare Sicherheit, die diese Religion vielen Menschen gab.

Warum haben Sie dieses Buch geschrieben?

Es ist eine tolle Geschichte. Und mir wurde das nicht beigebracht im Religionsunterricht und in der katholischen Kirche. Und es gibt ja schon genug Bücher über die guten Seiten des Christentums, über seine guten Taten.

Wann haben Sie diese Geschichte entdeckt?

Eigentlich schon in der Schule und dann später an der Universität. Da wurde mir zuerst eine heile, klassische Welt beigebracht, aber ich entdeckte Brüche, andere Quellen, die von Gewalt berichteten – und ich sah das Unwohlsein bei meinen Lehrern, wenn ich nachfragte. Dann las ich mehr, Texte, die meine Lehrer nicht erwähnt hatten.

Haben Sie auch mit Ihren Eltern darüber gesprochen?

Ja, mit meinem Vater. Er hatte das nicht gewusst. Und er war interessiert. Aber da glaubte er schon nicht mehr.

Ist Ihr Vater heute ein Atheist?

Sogar ein sehr überzeugter. Wir beide sind überzeugte Atheisten.

Ihr Vater hat also in ein anderes Extrem gewechselt.

Warum soll es extrem sein, nicht mehr an etwas zu glauben, das man nie gesehen hat und für das es keinen Beweis gibt?

Nun, man könnte sich ja einfach nicht mehr um Religionsfragen scheren.

Er hasst die Kirche nicht, er hat auch den Kontakt gehalten zu einigen seiner früheren Mitbrüder, bis sie gestorben sind. Aber er hat sich nie mehr mit ihnen gestritten.

Dieses Buch ist also auch Ihre persönliche Aufklärung.

Ja. Aber das klingt mir ein bisschen pathetisch.

Entschuldigen Sie, ich bin auch Deutscher.

Schon gut, Ihre Frage ist ja berechtigt. Für mich war dieses Buch schon eine Art Befreiung. Ich brauchte ziemlich lange, mich vom Katholizismus zu lösen, von dieser Indoktrination. Ich ging lange noch regelmässig beten und habe auch noch in Weiss in der Kirche geheiratet. Das würde ich heute nicht mehr tun. Ich fühlte mich lange schuldig, nicht stärker zu glauben. Ich hatte ein schlechtes Gewissen. Und, Gott weiss es, ich habe lange versucht, zum Glauben zurückzufinden. Es ist mir nicht gelungen, zum Glück. Dieses Buch hat mir sehr geholfen dabei.

Sie erzählen also eine Geschichte, die in der Schule nicht erzählt worden ist. Sie sagen aber auch, dass die Verfolgung der Christen, wie Sie uns berichtet wurde, nie in diesem Ausmass stattgefunden hat. Das sei ein Produkt der Marketing-Techniken der katholischen Kirche. Es waren höchstens 1500 in den zehn Jahren der Verfolgung, die getötet wurden.

Es waren sogar nur ein paar hundert – aber auch ich kann da nur spekulieren, wie jede Historikerin, die sich mit diesem Thema beschäftigt. Die Quellen nennen keine exakten Zahlen. Was man aber weiss: Man stellte die Christen meist bloss unter Anklage, man verfolgte sie nur selten. Aber googeln Sie doch einmal «Anklage von Christen»! Das Suchprogramm wird Sie dann fragen, ob Sie nicht eher «Verfolgung von Christen» gemeint haben?

Das heisst, die wahre Geschichte ist immer noch nicht in unseren Köpfen angekommen?

Genau.

Ist das der Grund, warum Ihr Buch in Spanien, Portugal und Italien zu einem Bestseller geworden ist?

Ich habe von dort jedenfalls immer gehört: Dass wir das nicht wussten! Aber so ist das ja generell mit Geschichte. Bei uns in Grossbritannien erinnert man sich an den «Blitz», die Bombenangriffe der Deutschen im Zweiten Weltkrieg, als eine heroische, wunderbare Zeit des Widerstands. Vor drei Jahren beauftragte man mich bei der Times, die Leserinnen und Leser zu fragen, wie sie sich an diese Zeit erinnern. Sie schickten ihre selbst niedergeschriebenen Erinnerungen ein. Ich erschrak. Die Berichte waren derart grauenvoll. Da war kein Quentchen mehr von Heroismus. Es gab einen Leser, der beschrieb, wie er nach einem Angriff aus dem Luftschutzkeller wieder an die Oberfläche kam. Und da rollte etwas durch die Strasse, er dachte, es sei ein Fussball. Beim Näherkommen sah er, dass es der Kopf eines Jungen war. Ich meine, dieses Grauen hätte schon früher beschrieben werden können – wenn man seinen Kopf eingeschaltet hätte. Wir leben ja nicht in einer Autokratie. Der «Blitz» konnte doch gar keine tolle Zeit gewesen sein. Aber ich glaubte, was man mir erzählt hatte – ich wollte es wohl glauben.

Es gibt doch gar keinen Heroismus.

Sie haben völlig recht. Schaut man genauer hin, ist da immer Schlamm, Lächerlichkeit und Tod.

Hat sich die Menschheit zum Besseren entwickelt seit der Zeit, über die Sie schreiben?

Fragen Sie das im Ernst?

Ich stelle nur eine Frage.

Zum Glück haben sich unsere Regierungen, unsere Gesellschaften verändert, aber die Menschen an sich? Ich bitte Sie!

Man muss ehrlich sein: Die Geschichte, die Sie erzählen, wurde vor Ihnen nur von ganz wenigen Historikern geschildert.

Das stimmt leider. Auch Historiker erzählen die Geschichte, die man hören will.

Muss die Konsequenz also sein: Vertraue nie einem Historiker!

Das hätten Sie gerne, dass ich diesen Satz sage.

Wenn er stimmt.

Ich sage nur: Vertraue nie einem Historiker allein, lies mindestens zwei.

Haben Sie aggressive Reaktionen bekommen?

Natürlich, viele. In christlichen Publikationen wurde ich arg zerrissen. In Spanien wurde ein Interview abgesagt, weil der Chefredaktor den Ton des Buches nicht mochte. Aber ich kann das verstehen, es ist auch nicht weiter schlimm. Sie müssen mich ja widerwärtig finden angesichts dessen, was ich schreibe – es stört ihren Glauben. Kürzlich sah ich im New Yorker einen Cartoon. Die Ehefrau kommt zu ihrem Mann, der vor dem Computer sitzt, und sagt: «Komm jetzt endlich ins Bett.» Er antwortet: «Das geht nicht, jemand im Internet hat unrecht.»

Es gab auch ernsthafte Kritik. Einer bezichtigte Sie der Übertreibung. Von den 700 Tempeln der damaligen Zeit seien nur 10 wirklich geschleift worden.

Das ist unfair. Erstens wissen wir nicht genau, wie viele Tempel es gab. Und, ja, vielleicht wurden nur rund zehn total zerstört. Aber man muss ja einen Tempel nicht total zerstören, da reichen auch ein paar zertrümmerte oder auch nur beschädigte Statuen, um den Leuten Angst und Schrecken einzujagen. Wenn man sagt, es seien nur zehn Tempel zerstört worden, dann ist das, als würde man bei einem Fund von zehn menschlichen Gebeinen darauf schliessen, dass in dieser Gegend nur zehn Menschen gelebt haben.

Wer Ihr Buch liest, wird, ob er will oder nicht, an die Gegenwart erinnert. Ging Ihnen dies auch so?

Es ist bemerkenswert, dass der IS den Statuen in Palmyra 600 Jahre später exakt dieselben Verletzungen zufügte wie die frühen Christen. In den Statuen würden Dämonen wohnen, sagt der IS, die zerstört werden müssten.

Sie zeigen, dass Intoleranz, Ignoranz und Feindseligkeit gegenüber kultureller Diversität nichts Neues ist.

So ist es, leider. Wer ignorant und feindselig ist, findet leicht ein Opfer.

Haben Sie durch Ihr historisches Wissen ein Rezept, was gegen diese Dreifaltigkeit der Ignoranz getan werden könnte?

Es ist so langweilig, aber wir müssen unsere guten, aber gleichzeitig so unattraktiven Werte verteidigen: Demokratie, Bildung, freie Meinungsäusserung. Da hat es die Rechte so viel einfacher, wenn sie sagt: Tut das, glaubt dies!

Sind wir die Griechen und die Römer von heute, die überrannt werden von den Engherzigen und Geistlosen?

Das denke ich nicht. Ich sehe, dass der Pluralismus gewinnt und der Atheismus auch. Was man hingegen beobachten kann, ist, dass der Kern der Strenggläubigen härter und zahlreicher wird.

Wir treten nicht in ein neues Mittelalter ein?

Nein, aber in ein neues Zeitalter der Kommunikation.

An dem Sie nicht teilnehmen. Sie sind weder auf Twitter noch auf Facebook.

Ich kommuniziere nicht gerne in ein schwarzes Loch hinein. Als das Buch herauskam, habe ich Twitter probiert. Aber was da kam, war so aggressiv und verletzend, dass ich es wieder sein liess. Ich glaube halt nicht daran, dass man die Menschen umerziehen kann. Wenn einer glaubt, dann glaubt er. Egal, was ich auf Twitter schreibe.

In Ihrem Buch nehmen Sie eine stark moralische Position ein. Ihr Text ist nicht einfach eine Beschreibung dessen, was passiert ist. Das tun Historikerinnen und Historiker normalerweise nicht.

Tue ich das? Darüber habe ich noch nie nachgedacht.

Das tun Sie, ja. Sie schreiben zum Beispiel: «Kunstliebhaber sahen mit Schrecken, wie einige der grössten Skulpturen der Antike von Menschen zerstört wurden, die zu dumm waren, diese zu schätzen – und sicher zu dumm, sie wiederherzustellen.» Das ist eine moralische Aussage.

Würde ich jetzt mit einem Vorschlaghammer in dieses Museum laufen und beginnen, Statuen zu zertrümmern, dann hätte die Weltöffentlichkeit doch jedes Recht, mich «dumm» oder gar «wahnsinnig» zu nennen. Nur weil jemand in der Vergangenheit gelebt hat, gibt ihm dies nicht das Recht, sich meinem Urteil zu entziehen. Ja, ich weiss, es gibt diese Ansicht, man solle sich als Historikerin jedes Urteils enthalten. Ich teile diese Ansicht einfach nicht.

Und deshalb schimpft man Sie dann eine Journalistin.

Damit kann ich leben. Hauptsache, ich kann, gestützt auf Fakten, eine interessante, überraschende Geschichte erzählen. Im Übrigen ist dies doch scheinheilig. Natürlich kann man all sein Wissen ausbreiten und alle Adjektive weglassen – und trotzdem urteilt man. Indem ich weglasse, urteile ich. Wer eine Foto macht, entscheidet sich für einen Ausschnitt der Wirklichkeit. Das ist aber nicht die ganze Wirklichkeit.

Catherine Nixey, Jahrgang 1980, hat Geschichte in Cambridge studiert. Sie arbeitete als Geschichtslehrerin, bevor sie ins Kulturressort der Times wechselte. Heute ist sie freie Journalistin und schreibt vor allem für den Economist, die New York Times und eben die Times. Sie lebt mit ihrem Mann, der das Wissenschaftsressort der Times leitet, in London. Ihr Buch Heiliger Zorn. Wie die frühen Christen die Antike zerstörten ist bei DVA erschienen.

Dieser Artikel ist am 11. Juli 2019 in der 23. Ausgabe von «NZZ Geschichte» erschienen. 


Nota. - Das ist eine Apostatin, die sich den Zorn über ihre belogene Jugend von der Seele schreibt. Wir sind nicht alle so. Ich z. B. bin atheistisch getauft, mit Spreewasser, und in einer sprichwörtlich gottlosen Stadt groß- geworden. Ich habe keine Rechnungen zu begleichen, ich kann ganz gelassen Abstand halten. Und ich bin heil- froh, dass ich im christlich geprägten Abendland lebe, weil ich woanders nicht hingehöre. Es ist nämlich nicht eine Religion so gut und schlecht wie die andere. Es kommt schon darauf an, was sie lehrt.

Auch dies sei nicht verhohlen: Wirklich untergegangen ist die Antike nur in Europa - während der Völker- wanderung, die zur Christianisierung der Germanen führte. Und da waren es die verbliebenern Rudimente der römischen Kirche - die Bischofssitze, einige Klöster -, die einen Grundbestand antiker Bildung in die Neue Zeit hinüberretteten.

In Vorderasien und Nordafrika war das anders. Da war keine Völkerwanderung, das oströmische Reich hielt stand, und als der Islam aufkam, konnte er lückenlos ans antike Erbe anschließen. Er hat es mehrere Jahr- hunderte ehrenvoll bewahrt. Doch Anlass zu einem Neubeginn fand sich nicht. Nach den Kreuzzügen gab es nurmehr politischen Zerfall und kulturelle Stagnation.
JE