aus welt.de, 10. 8. 2021Otto I. und seine erste Frau Edgitha in dem von ihm begründeten Dom von Magdeburg
10. August 955: Der ostfränkische König Otto I. (912–973) siegt gegen die Ungarn bei Augsburg
Mit acht Legionen begründete der Sachse das Reich der Deutschen
Mit ihren Beutezügen hatten die Ungarn für Angst und Schrecken gesorgt.
Doch als sie 955 erneut ins Ostfrankenreich vordrangen, stellte sich
ihnen Otto I. bei Augsburg entgegen. Mit einer neuen Taktik errang er
einen historischen Sieg. von Berthold Seewald
Sie
waren furchtbar in Kleidung und Bewegung und hatten, von menschlicher
Gier gepackt, viele Male das Reich plündernd und mordend überfallen. So
beschreibt der Chronist Widukind von Corvey, das Volk, das seit 900 n.
Chr. zum Schrecken Europas wurde: die Ungarn. Auch im Sommer 955 fielen
sie mit einem großen Heer in das Ostfrankenreich ein, das inzwischen von
einer Dynastie aus Sachsen regiert wurde. König Otto I. (912–973) nahm die Herausforderung an.
Das
war hochriskant, schließlich hatten sich die nomadischen Ungarn, die
aus der eurasischen Steppe kommend bis an die mittlere Donau gelangt
waren, mit ihrer hochmobilen Reiterei den schwerfälligen Aufgeboten des
Reiches lange als überlegen gezeigt. Daraufhin hatte Ottos Vater Heinrich I. (ca. 876–936) eine Heeresreform durchgeführt, die aus den bislang zu Fuß kämpfenden Sachsen Panzerreiter
machte. Zugleich unterwarf der König seine Ritter harter Disziplin. Sie
sollten die Linie halten und sich gegenseitig mit den Schilden vor dem
gefürchteten Pfeilhagel der Ungarn schützen. Mit dieser Taktik errang
Heinrich 933 bei Riade einen ersten Sieg.
955
war Otto in einer schwierigen Lage. Sein Sohn Liudolf und sein
Schwiegersohn Konrad der Rote hatten sich gegen den König erhoben,
zugleich tobte im Osten ein Aufstand der Slawen, der das Gros seiner
sächsischen Truppen band. Also brach Otto mit nur wenigen Leuten nach
Süden auf, wo die Ungarn daran gingen, die Stadt Augsburg zu belagern.
Auf dem Marsch stießen Kontingente der Franken, Bayern, Schwaben und
Böhmen zu ihm, sodass sein Heer etwa 10.000 Mann umfasste.
Da
die Ungarn – wie andere Reitervölker wie Hunnen oder Awaren vor ihnen –
Probleme mit Belagerungen hatten und vor dem stark befestigten Augsburg
festlagen, gewann Otto die Zeit, um sein Heer aufzustellen. Er gliederte
es in acht „Legionen“, wie Widukind nach römischem Vorbild die
Abteilungen nannte: Vorne standen die Bayern in drei Legionen, nach
ihnen die Franken sowie als fünfte die stärkste, die königliche Legion
mit Elitekriegern. Es folgten die Schwaben in zwei Legionen und mit dem
Tross am Ende die Böhmen. Diese letzten Kämpfer waren „besser mit Waffen
als mit Glück versehen“.
Vor dem entscheidenden Angriff soll Otto eine Rede gehalten haben:
„Sie übertreffen uns, ich weiß, an Zahl, aber nicht an Tapferkeit,
nicht an Rüstung. Es ist uns doch hinreichend bekannt, dass sie zum
größten Teil ohne Rüstung sind … Ihnen dient als Schirm lediglich ihre
Verwegenheit, uns dagegen die Hoffnung auf göttlichen Schutz … Lieber
wollen wir im Kampf … ruhmvoll sterben als den Feinden unterworfen in
Knechtschaft leben oder gar wie böse Tiere durch den Strick enden.“
Fast
wäre es so gekommen. Denn die Ungarn umgingen Ottos Zentrum und
stürzten sich auf den Tross und die Böhmen. Nur ein Gegenangriff der
Franken verhinderte eine Katastrophe. Daraufhin „ergriff Otto den Schild
und die heilige Lanze und richtete selbst als erster sein Pferd gegen
die Feinde, wobei er seine Pflicht als tapferster Krieger und bester
Feldherr erfüllte“. Der Regen kam ihm dabei zu Hilfe, durchweichte er
doch die Sehnen der ungarischen Kompositbögen.
Training
und Disziplin seiner Panzerreiter taten ein Übriges, dass den Ungarn
„der Garaus gemacht“ wurde, schreibt Widukind, ihre Anführer
„krepierten durch den Strick“, aber auch die eigenen Verluste waren
hoch. Die Überlebenden huldigten Otto als „Vater des Vaterlandes ...
denn eines solchen Sieges hatte sich kein König vor ihm in zweihundert
Jahren erfreut“. Die Ungarn dagegen zogen sich zurück und gingen zur
festen Landnahme über.
Der gemeinsam erkämpfte Sieg begründete
das Bewusstsein, Angehörige eines Reiches zu sein, das nicht mehr ein
Teil des Fränkischen, sondern nach der Sprache seiner Bewohner ein
„deutsches“ sein würde. Da Otto 962 von Papst Johannes XII. zum Kaiser gekrönt wurde, stellte er sich zudem in die Tradition Westroms, aus der das Heilige Römische Reich deutscher Nation entstand.
aus Die Pressse, Wien, 4. 8. 2021„Who invented the typical girl?“,
hieß es in einem Song der Punkband The Slits, die ihr erstes Konzert
1977 im Vorprogramm der Sex Pistols gab
Kulturgeschichte
Von Punk über Atomangst zur Identitätspolitik.
1977 habe der Abschied von der Moderne
begonnen, schreibt Philipp Sarasin. Wie kann er das behaupten? Was
meinte man damals mit Identität? Und was hat das mit Punk zu tun?Zu
zwei neuen Büchern: „1977" von Philipp Sarasin und „High Energy“ von Jens Balzer
„No Elvis, Beatles or The Rolling Stones in 1977“, skandierte die
Punkband The Clash im Song „1977“, den sie im Herbst 1976 erstmals
spielte. Die Prophezeiung erfüllte sich nur zum Teil: Elvis Presley
starb am 16. August 1977, die Beatles gab es ohnehin nicht mehr, die
Rolling Stones machten munter weiter.
Nach
dem Jahr 1977 heißt auch ein ganzes Album, „77“ von den Talking Heads.
Ein Stück darauf, „New Feeling“, beginnt mit einer knappen Zeile: „It's
not yesterday anymore.“ Ähnlich sentenziös gesagt: Damit hatte die New
Wave offiziell begonnen. Ein gutes Popjahr, dieses 1977.
„Im April
1977 war ich ein paar Tage in London und brachte das Kunststück fertig,
nichts von der Punk-Explosion mitzubekommen“: Mit diesem ehrlichen
Bekenntnis beginnt Historiker Philipp Sarasin sein Buch, das das
glorreiche Jahr weiter glorifiziert. Von einem „Zwischenraum der Zeit“
schreibt er, vom „weißen Rauschen der Gegenwart von 1977“, vom Abschied
„von der Moderne zumindest in ihrer ,klassischen‘ Form“. Schließlich
hätten 1977 auch die Sex Pistols „verkündet, es gebe keine Zukunft mehr“
(stimmt nicht ganz: Die Pistols sangen „No future for England's
dreaming“, und „We're the future“). Und Foucault habe, desillusioniert
vom Maoismus, 1977 erklärt: „Wir müssen ganz von vorn anfangen.“
So ist Jassir Arafat der Winnetou der Achtzigerjahre und das
Palituch die alternativkulturelle Version des Indianerkopfschmucks. Jens Balzer in „High Energy“.
Ein
Jahr als Zäsur, als globaler Bruch: Das passt streng nur auf Jahre, in
denen Weltkriege begannen oder endeten, vielleicht auch auf 1989 oder
2020 (Corona). Bei anderen Jahren ist es ein kulturhistorisches Spiel.
Ein kluges Spiel, das so tut, als walte ein Weltgeist, am liebsten im
popkulturellen Gewand, und bereite vor, was wir heute von ihm wollen –
diesfalls einen „Gewinn an Freiheit, Diversität und Inklusion“. Diesen
sieht Sarasin als „Erbe von 1977“, wie auch „das gefährlich schimmernde
Zauberwort einer Zeit nach der Moderne“: Identität. Der Begriff
„identity politics“ sei im April 1977 geprägt worden, von einer
lesbischen Abspaltung der National Black Feminist Organization. Bald
griff der postmoderne Philosoph Jean-François Lyotard die Idee im
Bändchen „Das Patchwork der Minderheiten“auf.
Von der Utopie zum RAF-Terror
Was
hat die Moderne ausgemacht, deren Ende Sarasin 1977 ansetzt? Der Glaube
an die Machbarkeit, an ein globales Ziel der Geschichte, und sei es
auch nur, dass „alles Ständische und Stehende verdampft“, wie es im
Kommunistischen Manifest über den Siegeszug des Kapitals heißt. Gegen
den Marx den „Traum von einer besseren Welt ohne Herrschaft von Menschen
über Menschen“ setzte: In diesem Traum, schreibt Sarasin, habe Ernst
Bloch das „utopische Potenzial aller bisherigen Geschichte“ gesehen.
Am
Grab des 1977 gestorbenen Philosophen Bloch beginnt Sarasin sein erstes
Kapitel – und erinnert daran, dass Rudi Dutschke dort gesprochen hat:
„Dutschkes Grabrede war kaum verklungen, da überfiel am 5. September ein
Kommando der Roten Armee Fraktion den Konvoi des deutschen
Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer.“ Wir sind im Deutschen
Herbst, am Höhepunkt des RAF-Terrors. In ihm sieht Sarasin die Trümmer
des modernen linken Traums von der Revolution, wie in der zersplitterten
linken „scene“, wie sich diese selbst gern nannte. Auch das Wort von
den „Stadtindianern“ kam damals auf. Die römischen „indiani
metropolitani“ erklärten 1977 in einem Manifest, dass „die Truppen der
Bleichgesichter mit Stahl und Beton den Atem der Natur erstickt“ hätten.
Die heute unter die „Coronaskeptiker“ gegangene Nena griff den Topos im
Song „Indianer“ auf.
Selbstformung mit Schwarzenegger
Auch
die weiteren Kapitel beginnt Sarasin jeweils mit einem Tod des Jahres
1977. Von der US-Bürgerrechtlerin Fannie Lou Hamer kommt er auf die
feministische Wende; von Anaïs Nin – weithin bekannt durch den
Kitschporno „Das Delta der Venus“ – zu Esoterik und Identitätspolitik;
vom Lyriker Jacques Prévert zum Computer und zur Postmoderne; vom
CDU-Politiker Ludwig Erhard zu den radikalen Marktökonomen, zur
Soziobiologie und schließlich zu einem Steirer, der 1977 mit der Doku
„Pumping Iron“ zur Ikone des Körperkults, der Selbstformung wurde:
Arnold Schwarzenegger.
Ein reiches, bei aller Fantasie der Thesen
in den Details seriöses Buch. Dass die Fixierung auf 1977 etwas
willkürlich ist, zeigt ein anderes neues Buch: „High Energy“ von Jens
Balzer über die Achtzigerjahre. Viele Themen Sarasins kommen auch hier
vor: Schwarzenegger etwa – der in den Achtzigern freilich zum Cyborg
wurde –, oder die Stadtindianer. Im Indianerkostüm hätten die Deutschen
aus der Rolle der Täter in jene der Opfer wechseln können, meint Balzer.
Arafat sei „der Winnetou der Achtzigerjahre“ für die deutsche Linke
gewesen, deren Liebe zu den Palästinensern stehe in der Tradition des
linken Antisemitismus. Heute freilich lehne man das Tragen ethnischer
Kleidungsstücke wie des Palästinensertuchs wohl eher als kulturelle
Aneignung ab ...
Zu Beginn aber fokussiert Balzer auf ein
Lebensgefühl, das die frühen Achtziger prägte. Man könnte es mit dem
Fehlfarben-Lied „Apokalypse“ fassen, oder mit Nestroy: Die Welt steht
auf kein' Fall mehr lang. Balzer zitiert nicht Nestroy, doch sein
Einstieg in seine Kulturgeschichte der Achtzigerjahre ist theatralisch
im besten Sinn. Er beginnt mit einer großen Demonstration gegen das, was
man damals „Theater Nuclear Force“ nannte: Atomraketen. Er kommt
schnell auf Apokalypse und Angst, und er führt einen weiteren zentralen
Begriff ein: Wende.
Es war diese Weigerung, diese postmoderne Geste des Singulären, die Punk ausmachte. Philipp Sarasin in „1977“ über die Sex Pistols.
Schon
1975 hatte der CDU-Abgeordnete Herbert Gruhl eine „planetarische Wende“
gefordert, fort vom „Raubbau“ an der Natur. 1980 war Gruhl
Gründungsmitglied der Grünen, während seine Ex-Partei CDU für eine
„geistig-moralische Wende“ eintrat, zurück zu konservativen Werten. So
wendete sich der Begriff Wende – der am ehesten mit „turn“ übersetzt
wird, im Gegensatz zum „change“, der in den Sechziger- und Nullerjahren
en vogue war. Und er wendete sich gegen Ende der Achtziger abermals, in
eine völlig unvorhergesehene Richtung: als Bezeichnung für den Fall des
Kommunismus.
So rahmt Balzer seine Geschichte des Jahrzehnts, die
auch eine Getränkekunde enthält, inklusive Red Bull, das schon 1987 auf
den Markt kam – süffiges Beispiel dafür, wie alt viele scheinbar
heutige Dinge sind.
Noch verblüffender ist, wie viele Motive heutiger
Diskurse tief in den Achtzigern wurzeln. Die multikulturelle
Gesellschaft wurde schon 1980 vom Ausländerreferenten der Evangelischen
Kirche in Deutschland postuliert. Schon 1981 warnten Uniprofessoren vor
der „Überfremdung unserer Sprache, unserer Kultur und unseres
Volkstums“. Die feministisch-lesbische Theoretikerin Gayle Rubin träumte
schon 1985 „von einer androgynen und Gender-losen Welt“, was Judith
Butler 1986 in ihrer Idee von der kulturell konstruierten sexuellen
Identität aufnahm: „Frauen haben keine Essenz, kein Wesen.“ Schon damals
spürte man den inneren Widerspruch der Identitätspolitik: Einerseits
soll man alle möglichen Identitäten tunlichst unterscheiden,
respektieren und hüten; andererseits gelten diese Identitäten als frei
wählbar und konstruiert.
Verwirrung mit Judith Butler
In
diesem Sinn gab Butler ihrem bis heute verwirrenden Werk „Gender
Trouble“ (1990) den Untertitel „Feminism and the Subversion of
Identity“, und sogar Michel Foucault zweifelte am Konzept der Identität:
„Es ist sehr langweilig, immer derselbe zu sein.“
Wieso
verwenden rechtsextreme „Identitäre“ heute fast denselben Begriff wie
Linke? Sogar diese Frage keimte schon in den späten Siebzigern, als
Alain de Benoist die „Nouvelle droite“ verkündete und Henning Eichberg,
der Maos Losung „Dem Volk dienen“ übernahm, einen Band namens „Nationale
Identität“ veröffentlichte. Glich der Keltenkult der Rechten nicht der
Indianerschwärmerei der Linken? Der Unterschied sei, dass die linken
Identitätspolitiker ihre Idee auf den „fiktionalen Fluchtpunkt der
Gleichheit aller Menschen“ bezögen, urteilt Sarasin etwas unscharf in
„1977“.
So
hat der Ruf nach der Identität bis heute den in sich widersprüchlichen,
brüchigen Impetus des Punk. „I Wanna Be Me“ hieß 1976 ein Song der Sex
Pistols, in dem „dieses Ich alle übergreifenden Deutungsraster und
Wahrheiten rabiat zurückwies“, wie Sarasin schreibt: „Es war diese
Weigerung, diese postmoderne Geste des Singulären, die Punk ausmachte.“
So regieren am Ende die Irokesenfrisur (als globales Stammeszeichen)
sowie Rasierklinge & Sicherheitsnadel (fürs Cut and Paste der
Kategorien), okay?
Philipp Sarasin: "1977 - Eine kurze Geschichte der Gegenwart" (Suhrkamp), 506 S., € 32,90(c) SuhrkampJens Balzer: "Die Achtziger – Das pulsierende Jahrzehnt" (Rowohlt Berlin), 400 S, € 28,80(c) RowohltNota. -Mit dem Zeitgeist hatte ich nie ein engeres Verhältnis, ob diese Nacher-zählung zutrifft, kann ich selber nicht beurteilen. Dass aber die Identität nicht auf dem Mist der Neureaktionäre gewachsen ist, hätte ich mir denken können.Durch Einfallsreichtum zeichnen sie sich nicht eben aus. Interessieren würde mich, ob nicht auch OlafScholzensRespektirgendwieausdiesemZusammenhangstammt, denn durch...Ja wodurch zeichnet er sich eigentlich aus?JE
Bislang sind in Kuba staatliche Unternehmen die Norm. Jetzt will die
kommunistische Regierung den Aufbau kleiner und mittlerer Unternehmen
zulassen.
In
einem beispiellosen Schritt hat die kubanische Regierung ein Gesetz
verabschiedet, das die Gründung kleiner und mittlerer Unternehmen
zulässt. Grünes Licht wurde am Freitag auf einer Sitzung des Staatsrats
gegeben, an der Präsident Miguel Díaz-Canel
per Videokonferenz teilnahm. „Der Staatsrat billigt das Dekret ’Über
Mikro-, Klein- und Mittelunternehmen’, das deren Eingliederung in die
Wirtschaft ermöglicht, um Teil der produktiven Transformation des Landes
zu sein“, hieß es in einer Mitteilung auf der Website der
Nationalversammlung.
Bislang sind im
kommunistisch regierten Kuba staatliche Unternehmen die Norm. Die
Änderung erfolgt rund einen Monat, nachdem tausende Kubaner auf die
Straße gegangen waren, um gegen die Regierung zu protestieren. Die
ungewöhnlichen Demonstrationen wurden teils gewaltsam unterdrückt.
In den
vergangenen Monaten hatte die Staatsspitze ihre Reformen beschleunigt,
um die Modernisierung der Wirtschaft voranzutreiben und die schlimmste
Wirtschaftskrise einzudämmen, die der Karibikstaat seit 30 Jahren
erlebt. Im Februar beschloss die Regierung, einen Großteil der staatlich
kontrollierten Wirtschaft für den Privatsektor zu öffnen - mit Ausnahme
von Schlüsselbereichen wie Gesundheit, Medien und Bildung. Rund 2000
Bereiche wurden für Selbstständige zugänglich gemacht.
Kubas Präsident Miguel Díaz-Canel
Schätzungsweise
600.000 Kubaner arbeiten in der Privatwirtschaft, das sind etwa 13
Prozent der Erwerbstätigen. Sie forderten jedoch eine rechtliche
Struktur, die ihre Unternehmen ausdrücklich zulässt. „Für die kubanische
Wirtschaft ist dies ein großer Schritt, der mittel- und langfristig
Auswirkungen auf die Umstrukturierung der nationalen Wirtschaft haben
wird“, sagte Oniel Díaz, ein auf die Entwicklung der kubanischen
Wirtschaft spezialisierter Berater. Das Gesetz stelle einen Wendepunkt
dar, den viele Kubaner seit Jahren sehnsüchtig erwartet hätten.
Mitten im dicksten Elend erfand er die Freiheit völlig neu
Als Franklin D. Roosevelt 1933 Präsident wurde, lagen die Vereinigten
Staaten wirtschaftlich am Boden. Doch mit dem New Deal schuf er ein
belebendes Klima der Zuversicht. Umstritten sind die Maßnahmen trotzdem
noch immer.
Das
Beste, was sich über diese Krise sagen ließ, war, dass es ein
Erkennungszeichen gab, das inmitten all des Elends Orientierung
schaffte: Aus den Jackentaschen der Männer, die buchstäblich auf der
Straße waren, hingen kleine Schnüre. Sie gehörten zu Tabakspäckchen der
Marke „Bull Durham“, und ihre Träger signalisierten damit: Ich bin zwar
am Boden, aber leg’ dich trotzdem nicht mit mir an, ich bin zu hart für
dich.
So erinnerte sich Charles Bukowski
an die Zeit der Großen Depression in seiner brillanten Autobiografie „Fast
eine Jugend“. Politiker hielt dieser Autor bekanntlich bestenfalls für
korrupte Jammergestalten – und doch kam er nicht umhin, das Rednertalent
seines Präsidenten Franklin Delano Roosevelts (1882–1945) zu würdigen.
Rhetorisches
Können hatte der Mann nach dem Zusammenbruch von 1929 bitter nötig.
„FDR“, wie man ihn nannte, übernahm 1933 ein Land, dessen größtes
Problem nicht etwa die Wirtschaftskrise war. Erstmals seit ihrer
Gründung 1776 glaubten viele Amerikaner nicht mehr an das Versprechen,
in den USA ihr Glück finden zu können.
Dem
entgegenzutreten, erforderte zuerst, Worte zu finden, die Hoffnung
weckten. Das tat der Demokrat, als er am 5. August 1934 von einem „New Deal“ sprach. Also davon, dass die Karten für alle Bürger neu gemischt würden.
Ein gewaltiges Versprechen, fußend auf einer Einsicht, die zumindest Wähler der Republikaner
heutzutage in die Nähe des Kommunismus rücken würden: „Was auch immer
wir tun, um unserer maroden Wirtschaftsordnung Leben einzuhauchen, wir
können dies nicht längerfristig erreichen, solange wir nicht eine
sinnvollere, weniger ungleiche Verteilung des Nationaleinkommens
erreichen“, urteilte Roosevelt.
Am 5. 8. 1934: Roosevelt unterschreibt das erste Dekret zum New Deal
Und
fügte er hinzu: „Die Entlohnung für die Arbeit eines Tages muss – im
Durchschnitt – höher sein als jetzt, und der Gewinn aus Vermögen,
insbesondere spekulativ angelegtem Vermögen, muss niedriger sein.“ Es
dürfte einleuchten, dass eine so fundamentale Ansage einige scharfe
Regeln brauchte.
Die
Vorgängerregierung des Republikaners Herbert Hoover hatte sich auf das
Engagement des Einzelnen verlassen, doch sein Nachfolger trat eine
Lawine von staatlichen Maßnahmen los, wie es sie in den USA noch nie
gegeben hatte: Er regulierte den Aktienmarkt.
Er baute die Sozialversicherung und die Sozialhilfe vor allem für
Senioren aus. Aber vor allem legte der Mann, der infolge einer seltenen
Nervenerkrankung selbst kaum gehen konnte, ein gewaltiges Programm auf,
das Menschen Arbeit gab, die der Staat bezahlte.
Dieser
letzte Punkt folgte aller Kritik staatlicher Lenkung zum Trotz einer
Überlegung, die doch wieder bei der Psyche des Einzelnen ansetzte: Wer
Almosen empfängt, fühlt sich unnütz; wer arbeitet, entwickelt
automatisch das Gefühl, etwas beizutragen. Dies erkannt zu haben, ohne
den Einflussbereich des Staates zu weit auszudehnen, ist die große
Leistung, die Roosevelt in diesen Jahren vollbrachte. Nicht umsonst
bezeichnen die Amerikaner mit dem Wort „liberal“ eine Form von Politik, die an sein Wirken dieser Jahre anknüpft.
Franklin D. Roosevelt 1934
Umstritten
ist geblieben, wie viel die Maßnahmen konkret dazu beitrugen, dass 1941
in den USA wieder Vollbeschäftigung herrschte. Das stellt sich bei
Roosevelts Rhetorik ganz anders dar, sie gilt als makellos. Den Geist
des New Deals fasst wohl das Zitat am besten zusammen: „Hör nie auf,
etwas zu versuchen. Wenn du siehst, es funktioniert nicht, versuch etwas
anderes. Und egal, wie dick es kommt: Versuch überhaupt etwas.“
Es
ist das Zivile, die Möglichkeit zu scheitern, die diesen Satz so
großartig macht, die ihm die Furcht vor der Freiheit nimmt. Franklin
Delano Roosevelt brauchte für seinen New Deal keine Herrenmenschen und
niemanden, der alles teilen will, was er besitzt. Vermutlich ist es
nicht zuletzt das, was ihn zu einer Jahrhundertgestalt gemacht hat.
Nota. - Leo Trotzki, der größte Visonär des 20. Jahrhnderts, hatte im Angesicht des herauf-ziehenden Weltkriegs 1938 die Todeskrise des kapitalistischen Weltsystems diagnostiziert. Erst im Jahr darauf sollte der Welthandel wieder dasselbe Volumen erreichen wie 1913 am Vora-bend des ersten Weltkriegs, und da der kommende Krieg dessen Verheerungen in den Schatten stellen würde, sei jede Rückkehr zu einem Gleichgewicht ausgeschlossen.
Bekanntlich ist es anders gekommen. Der ausschlaggebende Fehler bei der Diagnose des Untergangs war die Einschätzung von Rossevelts New Deal gewesen: Noch im Mai 1940, ein gutes halbes Jahr nach Beginn der Kampfhandlungen, tat er ihn als einen Fehlschlag ab und sah die USA in Panik in den Abgrund treiben. Dabei hatte er früh verstanden, dass es sich, gewissernmaßen als Pendant Hitlers "Volksstaat", um eine Ausführung des alten sozialdemo-kratischen Programms der Ausgleichung des Klassengegensatzes durch die wirtschaftliche Eigenrolle des Staatsapparates handelte. Doch dieses hielt er für gescheitert, und seine faschi-stische Wiederbelebung diente der Vorbereitung Deutschlands auf den neuen Krieg, der die Welt in die Revolution oder in den Abgrund stürzen musste.
Tatsächlich war das New Deal ein durchschlagender Erfolg, Amerika musst sich nicht in Ver-zweiflung, sondern in Siegerlaune in den Krieg stürzen, und der wiederum erwies sich als das größte Konjukturprogramm aller Zeiten, das wenig später in Korea noch eine Fortsetzung fand. Und wieder waren Großbritannien und Frankreich bei den USA hoffnungslos verschul-det, während man dort nicht wusste wohin mit den monströsen Kriegsgewinnen. Und statt den europäischen Westmächten den Kredit zu kündigen, setzten sie eins drauf und pumpten dort, aber auch in die besiegten Deutschland und Japan, die Dollarmilliarden des Marshall-plans. Nicht nur folgte der größte Aufschwung, den die Weltwirtschaft je erlebt hatte; sondern zugleich wurdedasProblemerledigt,umdasdiebeidenWaffengängevon1914-18und 1939-45, die im Nachhinein wie ein unterbrochener einziger erscheinen, geführt werden musste: die Neuaufteilung der Welt.
So wurde der später so genannte Kalte Krieg zu der längsten Friedensepoche, den die indu-striell hochentwickelten, nämlich imperialistischen Länder je erlebt hatte.
In fast allem hat Leo Trotzki Recht behalten, nur nicht in diesem einen und entscheidenden Punkt. Der Todeskampf des Kapitalismus ist ausgefallen. Bestätigt wurde eine marxistische Binsenweisheit: Für das Kapital gibt es keine ausweglose Situation.
aus nzz.ch, 2. 8. 2021 Thomas Beckets Martyrium in einer Darstellung aus dem 13. Jahrhundert. (Urheber unbekannt).
Für
Thomas Becket liess sich sogar ein König geisseln. Und obwohl seine
Ermordung 900 Jahre zurückliegt, ist er in England immer noch ein Star
Der
Erzbischof von Canterbury war einst Vertrauter des Königs. Doch dann
wurde er von dessen Rittern in seiner Kathedrale erschlagen.
von Marion Löhndorf
Es
ist keine von diesen historischen Ausstellungen, die gediegen gemacht,
aber schlecht besucht sind. Bei Thomas Becket im British Museum drängeln
sich die Besucher, und das trotz beschränkten Zulassungen. Er ist seit
851 Jahren tot und immer noch ein Star. Der englische Heilige gehört zu
den ikonischen Figuren des Landes, er beflügelte die Entstehung von
Romanen, Filmen und Theaterstücken wie T. S. Eliots «Murder in the
Cathedral» (1935).
Am
29. Dezember 1170 wurde Becket am Altar der Kathedrale von Canterbury
erschlagen. Vier Ritter des Königs waren gekommen, um ihn, den
Erzbischof, zu töten. Sie spalteten ihm den Schädel mit solcher Wucht,
dass Knochenstücke und Hirn auf dem Kirchenboden landeten. Der Mönch
Edward Grim war dabei und überlieferte der Nachwelt die Details. Eine
Kuratorin der Museumsschau fand, die Geschichte habe Ähnlichkeit mit der
Fernsehserie «Game of Thrones». Es geht hier wie dort um Macht, Ruhm
und Hass.
Vom Emporkömmling zum Gottesdiener
Dem
Mord vorangegangen waren jahrelange erbitterte Auseinandersetzungen mit
König Heinrich II. und seinem Erzbischof. Becket stammte aus einer
Londoner Kaufmannsfamilie mit Wurzeln in der Normandie. Ohne
Adelszugehörigkeit hatte er es bis zum Schatzkanzler Englands gebracht,
sich eng mit dem König befreundet und sogar die Erziehung von dessen
Kindern übernommen. Er war ein Aufsteiger, ein Aussenseiter, ehrgeizig
und machtbewusst. Als Heinrich ihm zusätzlich das Amt des Erzbischofs
von Canterbury antrug, vollzog der Weltmann Becket den erstaunlichen
Wandel zum strengen Gottesdiener.
Anstatt
jedoch die Interessen seines Königs und Förderers weiterhin loyal und
erfolgreich zu vertreten, wie er es als Schatzkanzler getan hatte,
stellte er sich nun mit derselben Rigorosität in den Dienst der Kirche.
Der Konflikt der ehemaligen Freunde, letztlich ein Kampf zwischen
geistlicher und weltlicher Macht, spitzte sich zu und führte zum
jahrelangen Frankreich-Exil des unbeugsamen, beim Volk populären
Erzbischofs. Bei seiner Rückkehr war nichts gelöst, im Gegenteil.
Der
im Gespräch geäusserte berühmte Satz des Königs, «Gibt es niemanden,
der mich von diesem lästigen Priester befreit?», wurde von vier
anwesenden Rittern missverstanden. Sie nahmen ihn als Auftrag und
machten sich auf den Weg nach Canterbury. Diese Äusserung und die
Mordszene empfindet die gegenwärtige Ausstellung im British Museum als
expressionistischen Scherenschnitt auf grosser Leinwand nach (im
Sonstigen bleibt sie zurückhaltend). Man konnte wohl der Versuchung
nicht widerstehen, den Konflikthöhepunkt auch filmisch zu inszenieren.
Rekord-Heiligsprechung
Nach
der Tat verbreitete sich die Nachricht vom Mord weit über die
Landesgrenzen hinaus und nährte eine glühende Becket-Verehrung. Dem zu
Lebzeiten umstrittenen Erzbischof wurde nun Wunder über Wunder
zugeschrieben. In den Augen der Menschen war er schon zum Märtyrer
geworden, bevor er in Rekordzeit – nur drei Jahre nach seinem Tod – von
der Kirche offiziell heiliggesprochen wurde. Ein Jahr später, 1174, tat
der König, der schwor, den Mord nicht angeordnet zu haben, seinen
barfüssigen Bussgang zur Kathedrale von Canterbury und liess sich von
Mönchen dort geisseln.
Die
Ausstellung in London legt zeitlich und geografisch grosse Distanzen
zurück. So sehen wir, wie lang und wechselvoll das Nachleben dieser
charismatischen Figur war. Nur zwanzig Jahre nach Beckets Tod entstand
etwa für eine winzige Kirchengemeinde im schwedischen Lyngsjö eine
geschnitzte Tür , die das Gespräch des Königs mit seinen Rittern
nachempfindet. Dem Fall wurde enormer politischer Nachhall zugeschrieben
– bis hin zur Magna Charta.
Das bleibende Geheimnis
Die
Legende überlebte auch die Anschläge auf die Erinnerung an den
Erzbischof. Mit der Ablösung Englands von Rom durch Heinrich VIII.
(1534) kam der Becket-Kult zu einem vorläufigen Ende. Das neue Oberhaupt
der englischen Kirche liess alle Spuren des Heiligen beseitigen,
einschliesslich des Sarkophags und der Gebeine. Wir lernen, wie Beckets
Ansehen schwankte und wie sehr das Sprechen über ihn auch immer ein
Urteilen war.
Für
die Dauerhaftigkeit des Andenkens sorgte indes nicht nur der Mord mit
seinen Horrordetails und dem unerhörten Tatort. Auch die Konstellation
der Beteiligten trug dazu bei: der Zwist zwischen dem König und Becket,
zwei starken Charakteren, über deren Bewertung sich die Nachwelt bis
heute streitet. Weiter kamen die Umstände und die Folgewirkung des
Mordes hinzu – und ein paar bis heute ungeklärte Probleme. Hatte der
König den Mordbefehl gegeben? Oder war der Satz über den «lästigen
Priester» falsch gedeutet worden?
Die
Fragen verliehen dem Fall das nötige Geheimnis und damit
Diskussionspotenzial, das für mehrere Jahrhunderte reichte: Dazu gehörte
das Rätsel um die Kehrtwendung Beckets vom loyalen Freund des Königs
zum apodiktischen Vertreter der Kirche. War er darin glaubwürdig?
Heiliger oder Verräter? Manchen galt er als Rebell im Kampf gegen die
Obrigkeit, auch dieser Aspekt förderte seine scheinbar unvergängliche
Anziehungskraft. Zumal in England, das den Widerspruch und den Sonderweg
so liebt.
Ausstellung
im British Museum bis 22 August; der Katalog «Thomas Becket: Murder and
the Making of a Saint» ist für 30 £ erhältlich.
Die Industrielle Revolution veränderte das Leben der Menschen
nachhaltig. Aber wuchs die Wirtschaft auch schon vorher? Eine neue
Untersuchung wirft Licht auf eine vieldiskutierte Frage, die auch für
die Einschätzung der Zukunft wichtig ist.
Dem modernen Wirtschaften ging eine viele Jahrtausende währende Zeit
weitgehender wirtschaftlicher Stagnation voraus, die in Anlehnung an den
britischen Ökonomen Thomas Malthus als “Malthusianische Epoche” oder
“Malthusianische Falle” bezeichnet wird. (Zuletzt hatten wir uns in
FAZIT mit diesem Thema in dem Beitrag “Jenseits von Afrika”
befasst.) Über Jahrtausende wuchs die Bevölkerung nur langsam, weil
eine nur geringe Innovations-dynamik die Produktivität niedrig hielt und
die Menschen daher nicht in der Lage waren, eine deutlich wachsende
Bevölkerung zu ernähren. Vereinfacht ausgedrückt: Die Menschen lebten im
Rom zum Zeitpunkt von Christi Geburt im Durchschnitt kaum schlechter
als im Rom des Jahres 1200.
Weitgehende Einigkeit besteht in der Forschung, dass die um das Jahr
1800 in England aus-gebrochene Industrielle Revolution die Lebens- und
Arbeitsbedingungen der meisten Men-schen radikal veränderte und einen von
deutlichen Steigerungen der Produktivität und rück-läufigen
Geburtenraten begleiteten Prozess nachhaltigen Wirtschaftswachstums
einleitete. Wir verweisen ein auf weitgehende und nicht vollständige
Einigkeit in dieser Frage, weil der briti-sche Wirtschaftshistoriker
Clark unter anderem in seinem bekannten Buch “A Farewell to Alms” die
provozierende These vertreten hat, die Bedeutung der Industriellen
Revolution werde überschätzt. Auf der Basis von Kalkulationen seit dem
13. Jahrhundert gelangte Clark zu der Schlussfolgerung, das Wachstum der
Produktivität in England habe in der Mitte des 19. Jahrhunderts nicht
höher gelegen als in der Mitte des 15. Jahrhunderts. Sollten seine
Zahlen und Interpretationen korrekt sein, sei die Wirtschaftsgeschichte
in der vorindustriellen Zeit äußerst erklärungsbedürftig, schrieb Clark.
Das Thema ist sehr alt: Seit dem 19. Jahrhundert arbeiten Ökonomen an
Theorien, die den Übergang von der düsteren “Malthusianischen Epoche”
in die moderne Zeit erklären wollen – und mittlerweile fehlt es nicht an
empirischen Untersuchungen. Aus der Fülle der Theorien sei nur ein
Gegensatzpaar erwähnt: In unserer Zeit haben Ökonomen wie Douglass
North, der dafür einen Nobelpreis erhielt, und Daron Acemoglu auf die
entscheidende Rolle demokratie- und wirtschaftsfreundlicher
Institutionen als Vorbedingung für ein nachhaltiges Wirtschafts-wachstum
hingewiesen. Im Gegensatz dazu sah Karl Marx Institutionen als
Ausprägungen eines vorgelagerten Wirtschafts- und Gesellschaftssystems,
das durch die Produktionsbedin-gungen gekennzeichnet war.
Ohne Empirie geht es nicht
Rein theoretisch ist diese Fragestellung wohl nicht zu beantworten,
aber empirische Unter-suchungen leiden unter einer Armut an zuverlässigen
Daten aus längst vergangenen Zeiten. Daher sollte jede auch auf der
Basis modernster Verfahren vorgenommene empirische Analyse mit einer
gewissen Vorsicht aufgenommen werden. Gleichwohl wollen wir eine
aktuelle Arbeit vorstellen, die von angesehenen Forschern der jüngeren
Generation stammt und sich kritisch mit Arbeiten mancher Altmeister
befasst.
Nach ihren Forschungen begann das Wirtschaftswachstum in England
etwa im Jahr 1600. Für die Zeit davor finden sie keine Hinweise auf ein
Wachstum der Produkti-vität. Für die Zeit zwischen 1600 und 1810, eine
Art Zwischenperiode, finden sie ein Produktivitätswachstum von
durchschnittlich 4 Prozent je Dekade. Danach setz-te mit der
Industriellen Revolution ein dramatischer Wandel ein: Ab 1810 stieg die
Produktivität dann um stolze 18 Prozent je Dekade. Diese Ergebnisse
stehen in einem deutlichen Gegensatz zu den Ergebnissen Clarks.
Die Produktivitätssteigerung nach 1810 riss die Wirtschaft aus der
“Malthusiani-schen Epoche”. Thomas Malthus hatte, auf einer bescheidenen
Datenbasis beru-hend, Ende des 18. Jahrhunderts die düstere Prognose
abgegeben, dass sich die Be-völkerung mit einer schnelleren Rate vermehrt
als die Nahrungsmittelversorgung und dass die Menschheit auf lange
Sicht und trotz möglicher Produktivitätsgewinne in der Industrie aus
dieser Falle nicht entrinnen könne. Diese Ansicht hatte, wenn auch
weniger dezidiert, Malthus Freund und intellektueller Sparringspartner
David Ricardo geteilt. Daher geriet die von Ricardo und Malthus seinerzeit stark geprägte Volkswirtschaftslehre
in den Ruf einer “trostlosen Wissenschaft” (dismal science).
Bekanntlich ist es anders gekommen: Mit dem Aufschwung von Wirtschaft
und Produktivität gingen im Verlauf des 19. Jahrhunderts die
Geburtenraten zurück, worauf in den entstehenden Industrienationen die
durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen deutlich stärker zulegten als von
Malthus und Ricardo für möglich ge-halten. Nach Bouscasse, Nakamura und
Steinsson waren die Produktivitätssteige-rungen in der Industriellen
Revolution so gewaltig, dass sie auch bei unveränderten demografischen
Trends für eine Steigerung der Pro-Kopf-Einkommen gereicht hätten.
Malthus und Ricardo waren viel zu pessimistisch gewesen.
Theorie und Fakten
Interessant ist die Frage, zu welcher Theorie der Entstehung des
Wirtschaftswachstums die empirischen Untersuchungen passen. Die drei
Autoren sind vorsichtig und halten eine mo-nokausale Erklärung für die im
Jahre 1600 allmählich beginnende Dynamik für unwahr-scheinlich. Wie auch
immer: Erklärungen, die in der Bildung demokratie- und
wirtschafts-freundlicher Institutionen die entscheidende Voraussetzung
für die Entstehung des Wirt-schaftswachstums sehen, passen nicht so recht
zu den vorgelegten Daten. Unter den Anhän-gern einer auf
institutionellem Wandel beruhenden Wachstumserklärung gilt die
Glorreiche Revolution von 1688/1689 als ein sehr wichtiges Ereignis. Was
Bouscasse & Co. herleiten, passt aber, wie sie schreiben, eher zur
These von Karl Marx, nach der institutioneller Wandel das Ergebnis sich
verändernder Wirtschaftsstrukturen ist.
Diese scheinbar gegensätzlichen Erklärungen lassen sich indessen
unter einem Dach vereinen, wie es Acemoglu/Johnson/Robinson getan haben.
Demnach hat die Entdeckung Amerikas und die nachfolgende Ausbreitung
des Welthandels eine vermögende Klasse von Händlern entstehen lassen,
die auf sichere Eigentumsrechte drangen und damit die nachfolgenden
Än-derungen der Institutionen wie in der Glorreichen Revolution
begünstigten. Diese institutio-nellen Änderungen schufen dann die
Voraussetzungen für eine Belebung des Wirtschafts-wachstums. Auch andere,
durchaus kontroverse, Erklärungsversuche wurden vorgelegt – man denke
an Max Webers These von der wirtschaftsförderlichen Wirkung des
Protestantismus. Nicht mehr ernst genommen wird schon lange der Versuch
Werner Sombarts, einen “Geist des Kapitalismus” zu bemühen.
Produktivität und Digitale Revolution
Dieser Blick in die Vergangenheit ist nicht nur aus historischen
Gründen interessant. Denn er verdeutlicht die Wucht, mit der kräftige
Produktivitätsfortschritte wirtschaftlichen Wandel be-fördert und mit ihm
einen Wandel der Bedingungen, unter denen sehr viele Menschen leben.
Aktuell stellt sich die Frage, ob sich die Dynamik der digitalen
Revolution in einer nachhaltigen Produktivitätssteigerung niederschlagen
wird. Das ist ein eigenes Thema, hingewiesen sei an dieser Stelle auf
eine optimistische Einschätzung von Erik Brynjolfsson und Georgios
Petro-poulos: “The coming productivity boom”. Gestützt unter anderem auf diese Annahme haben manche Ökonomen schon ein “Goldenes Jahrzehnt” ausgerufen. Die Volkswirtschaftslehre ist nicht länger eine vorwiegend der Düsternis zugewandte Wissenschaft.
Nota. - Ob 'der Überbau' in der historischen Dynamik wichtiger ist als 'der Unterbau', ist eine rein dogmatische Frage, die in der Kritik der Politischen Ökonomie gar nicht zu stellen war. Wer 'angefangen' hat in der Freisetzung der wirtschaftlichen Dynamik seit ca. 1600, 'die Insti-tutionen' oder 'die Produktivität', ist eine scholastische Frage ohne eigene theoretische Bedeu-tung. Dienen kann sie parteiischen Interessen, aber die sind als solche nicht Gegenstnad von Wissenschaft. Nämlich wenn es um die Dynamik geht: die Frage, was in der Geschichte Spu-ren hinterlassen hat. 'Anfangen' mag tausenderlei, die Menschen machen ihre Geschichte sel-ber. Aber sie machen sie nicht unter frei gewählten Bedingugen. Die aber entscheiden darüber, was sich bewährt und behauptet. Davon wiederum berichtet "die Empirie": Eher noch ist eine politische Innovation im Verlauf des gesellschaftlichen Verkehrs untergegangen, als dass eine politische Innovation den gesellschaftlichen Verkehr neu bestimmt hätte. Letzteres ist auch im Ernst nur einmal versucht worden, in Russland, und es ist tragisch gescheitert.
JE
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