Dienstag, 11. Januar 2022

Der Ritter und sein Ross.


aus welt.de, 11. 1. 2022

Schlachtrösser? 
Die wichtigste Waffe eines Panzerreiters kostete 4500 Schafe 
Erst das Pferd machte einen mittelalterlichen Soldaten zum Ritter. Doch diese Tiere waren keineswegs Riesen, sondern glichen eher Ponys, wie eine neue Studie belegt. Schlachtrösser mussten eine Vielzahl von Fertigkeiten beherrschen.
 

 
Die Bedeutung des Pferdes für den Ritter hat ein muslimischer Augenzeuge der Schlacht von Hattin 1187, in der die Kreuzfahrer vernichtend geschlagen wurden, zusammengefasst: „Mit dem Pferd ist der Franke ein Block von Eisen, gegen den alle Schläge wirkungslos bleiben. Wenn sein Pferd tot ist, wird er eine leichte Beute.“ Deswegen richteten die Muslime ihre Angriffe zunächst gegen die Pferde, bevor sie sich mit den Reitern beschäftigten.

Erst das Pferd machte den Krieger des Mittelalters zum Ritter. Denn es bewies, dass er sich ein Leben für den Kampf leisten konnte. Das mag erklären, warum in Filmen oder auf modernen Darstellungen die ritterlichen Reittiere als regelrechte Monster erscheinen, die sie offenbar gar nicht waren. Das zumindest ist das Ergebnis einer vom Arts and Humanities Research Council finanzierten Studie, die jetzt im „International Journal of Osteoarchaeology“ erscheint. Danach zogen viele Ritter mit besseren Ponys in die Schlacht oder auf den Turnierplatz.

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Dafür hat ein Team von Wissenschaftlern der Universität von Exeter und weiterer britischer Hochschulen Pferdeknochen analysiert, die auf 171 archäologischen Stätten des Vereinigten Königreichs geborgen wurden und die zwischen 300 und 1650 n. Chr. datiert werden. Es zeigte sich, dass im Hochmittelalter ab etwa 1100 Pferde nicht einmal 1,48 Meter hoch waren, die Größe also eines Ponys nicht überstiegen. Erst ein Tier, dessen Widerrist, also der Übergang vom Hals zum Rücken, höher ist, gilt heutzutage als Pferd.

„Weder die Größe noch die Stärke der Knochen allein reichen aus, um Schlachtrosse sicher zu identifizieren“, sagt die Zooarchäologin Helene Benkert von der Universität Exeter. Die Körperformen der Tiere richteten sich nach den Anforderungen im Kampf, im Einsatz überhaupt und nicht zuletzt nach dem Geschmack der Käufer. Offenbar legten Züchter im Mittelalter mehr Wert auf das Temperament und körperliche Eigenschaften als auf die Größe.

Der Ritter zu Pferde erschien den Zeitgenossen als übergroßer Held
Denn Ritter verfügten in der Regel nicht über ein Pferd, sondern definierten ihren Rang als adliger Reiterkrieger nicht zuletzt dadurch, dass sie mit einer Entourage durch das Land zogen, zu der eine ganze Reihe von Tieren für unterschiedliche Aufgaben gehörten. Für den Transport der Ausrüstung gab es Saumpferde. Die wurden von Knappen und Dienern geführt, die für die Versorgung der Tiere zuständig waren und ihren Herrn vor dem Kampf mit Rüstung und Waffen einsatzbereit machen mussten. Sie waren mit leichten Pferden, sogenannten „Zeltern“, ausgestattet, mit denen sie dem Ritter zur Unterstützung in die Schlacht folgten. Ein ähnliches Tier wurde für den Ritter mitgeführt, das er zu Ausritten ohne Rüstung nutzte.

Zum Panzerreiter machte ihn das „destrier“, das Kampfpferd, von dem begüterte Kämpfer durchaus mehrere Tiere im Bestand haben konnten. Sie waren neben Rüstung und Waffen das wertvollste Gut des Ritters. Man hat errechnet, dass ein solches Pferd Mitte des 12. Jahrhunderts so viel kostete wie 40 Zelter, 200 Saumtiere, 500 Ochsen oder 4500 Schafe, was der vier- bis fünffachen Summe entsprach, die ein englischer Ritter ein Jahr lang für seinen Lebensunterhalt aufwenden musste.

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Diese Schlachtpferde waren nicht auf geradlinige Geschwindigkeit gezüchtet, sondern auf eine wohlausgewogene Mischung aus leichtfüßiger Beweglichkeit, Stärke, Ausdauer und kriegerischem Temperament, schreibt der Historiker Thomas Asbridge. Destrier wurden lange und intensiv trainiert. Denn sie mussten auf jeden Befehl ihres Reiters auch ohne Einsatz des Zügels reagieren, denn dieser hatte mit Lanze, Schwert und Schild alle Hände voll zu tun.

„Ganz entscheidend war auch die Abhärtung der Tiere gegen den dröhnenden Lärm und die entsetzliche Gewalt eines mittelalterlichen Schlachtfelds.“ Diese Pferde waren daher eine begehrte Beute, im Kampf oder im Turnier. Allerdings wird ihre Zahl in Relation zur übrigen Pferdepopulation im mittelalterlichen England einigermaßen überschaubar gewesen sein. Stellt man außerdem noch in Rechnung, dass der Fund von historischen Pferdeskeletten doch sehr vom Zufall abhängt, wird das methodische Problem der aktuellen Studie deutlich.

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Sie unterstreicht einmal mehr, dass „das Schlachtross ist von zentraler Bedeutung für das Verständnis der mittelalterlichen englischen Gesellschaft und Kultur“ ist, sagt der Archäologe Oliver Creighton von der Universität Exeter und wissenschaftlicher Leiter des Projekts: Als Statussymbol war das Pferd sowohl eng mit der Entwicklung aristokratischer Identität verbunden und spiegelt als Waffe die sich wandelnden Verhältnisse auf dem Schlachtfeld.

Dazu passt, dass die Größe der Pferde just zu jener Zeit größer wurden, in der die Ritter ihre militärische Rolle zunehmend verloren. In der Frühen Neuzeit lösten Massenheere aus leicht bewaffneten Fußsoldaten die schwer gepanzerten Ritter ab. Fürstliche Armeen führten von nun an Kriege; dem Ritter blieb nur die Rolle des adligen Grundherrn.  [Und, wenn er sich dafür nicht zu fein war, des mitzehrenden Höflings]

Montag, 10. Januar 2022

Brauen und keltern - Zur Kulturgeschichte des Alkohols.

aus FAZ.NET, 10. 1. 2022                                                                                                Großbrauerei im altägyptischen Abydos
Alkohol in der Geschichte 
Die Mythen um den Suff
In Europa trinkt man gerne – Wein und Bier gehören zum Alltag. Doch, wie kam es dazu, dass Alkohol so tief in der Gesellschaft verwurzelt ist? Ein Blick in die Geschichte.

Alkohol ist mit unserer Gesellschaft so fest verwoben, dass ausgerechnet von denen, die in geselliger Runde nicht trinken, angenommen wird, sie hätten ein Alkoholproblem. Das Anstoßen zum Jahreswechsel ist Kult, bei Volksfesten fließt fässerweise Bier, und zu jedem Feinschmecker-Menü gehört der passende Wein. Wie konnte von allen Rauschmitteln ausgerechnet Ethanol zum Kulturphänomen werden?

Alkohol nimmt unter den Drogen eine Sonderrolle ein, ist fast schon Teil des Menschseins. Durch eine Mutation vor etwa zehn Millionen Jahren war es den Vorfahren der Menschen, Gorillas und Schimpansen möglich, Ethanol mittels eines Enzyms effektiv abzubauen, wie Forscher der University of California in Berkeley anhand von Erbgutanalysen 2015 herausfanden: So konnten unsere Ahnen vergorene Früchte vom Waldboden verspeisen, die Kalorien lieferten.

Wann wurde die „Trunksucht“ zur Schwäche?

Viele Wissenschaftler vermuten, dass Homo sapiens nicht nur sesshaft wurde, um Getreide für Brot zu pflanzen, sondern um damit Bier zu brauen. In der Rakefet-Höhle im heutigen Israel lagerten Steingefäße mit Überresten eines Gärprozesses, die vor 13.000 Jahren genutzt wurden und somit die ältesten Hinweise auf Brauerei sind. Damals lebten dort Menschen der Natufien-Kultur, für die Bier zu Festen gehörte. Auch bei den Babyloniern und im alten Ägypten wurden alkoholhaltige Getreidezubereitungen gern getrunken. Freilich unterschieden sich diese vom Lieblingsgetränk der Deutschen, enthielten etwa keinen Hopfen und auch weniger Ethanol.

 

 

Archäologen berichteten jüngst von der wohl ältesten Brauerei industriellen Ausmaßes. In Abydos, dem Sitz der frühen ägyptischen Herrscher, konnten um 3000 v. Chr. rund 22.000 Liter Bier auf einmal produziert werden. Die wurden gebraucht, um Monumente wie die Totentempel zu errichten, denn Arbeiter erhielten Bier als Lohn. Außerdem war es Teil kultureller Rituale und Festlichkeiten. „In den frühen Hochkulturen wurde Bier oder Alkohol gemeinschaftlich getrunken, vor allem von Männern und mit kultischer Bedeutung“, sagt Gunther Hirschfelder, Inhaber des Lehrstuhls für Vergleichende Kulturwissenschaft an der Universität Regensburg und Autor eines Buches über die Geschichte des Bieres. Alkoholkonsum, Rausch und Religion gehörten also eng zusammen. Das zieht sich durch die Geschichte – man denke an Dionysos oder Bacchus, den Gott des Weins und des Rausches der klassischen Antike, oder die vielen hundert Bibelstellen, in denen vom Wein die Rede ist.

Auf fast allen Kontinenten erfand man berauschende Getränke. Asiatische Steppenvölker tranken vergorene Stutenmilch, der Reiswein Sake wird in Japan seit rund 2000 Jahren gesüffelt, in Südamerika brauten die Inkas eine Art Bier aus Mais, und in Meso­amerika sprach man dem Pulque zu, vergorenem Agavensaft. Die Germanen tranken Met auf Honigbasis auch zu Ehren ihrer Götter. Der römische Geschichtsschreiber Publius Cornelius Tacitus schrieb im frühen zweiten Jahrhundert über die Gelage der Germanen: „Tage und Nächte durchzuzechen hat durchaus nichts Anstößiges.“ Durch solche Zeugnisse entsteht der Eindruck, im Altertum sei jedermann ständig volltrunken herumgetorkelt. Doch der täuscht. „Von der Größenordnung des Alkoholkonsums, die wir heute imaginieren, ist nicht auszugehen“, sagt Hirschfelder. Den meisten Menschen mangelte es immer wieder an Nahrung, schon die Schwankungen der Ernte verhinderten einen konstanten Alkoholfluss. Hinzu kommt: „Im gesamten Ernährungsbereich herrschte eine Hierarchisierung, von frühen Hochkulturen bis zum Bauernhof des 19. Jahrhunderts“, so Hirschfelder. Regelmäßige Exzesse waren nur der Oberschicht möglich.

Ein Mythos lautet auch, im Mittelalter hätte man in Mitteleuropa ausschließlich Alkohol getrunken, weil das Wasser so verdreckt war. Tatsächlich trank im späteren Deutschland, wer es sich leisten konnte, bis in die frühe Neuzeit tagsüber Bier, das allerdings wenig Alkohol enthielt, oder Wein, vor allem in den Städten, wo die Wasserqualität schlecht war. Doch für die städtische Unterschicht und einfache Bauern war das Hauptgetränk dennoch Wasser. Alkohol war eher eine nahrhafte Ergänzung, so aßen auch Kinder bis ins 19. Jahrhundert Biersuppe zum Frühstück.

Schon für Tacitus war die „Trunksucht“ der Germanen eine Schwäche, und bereits der Aztekenherrscher Motecuhzoma I. erließ drakonische Strafen gegen den Pulque-Konsum. Doch erst im 19. Jahrhundert wurde man sich der Gefahren des Alkohols für die Gesundheit bewusst. Ein Anlass war die sogenannte Branntweinpest: Schnaps, ursprünglich eine Arznei, wurde plötzlich in rauen Mengen gesoffen, ein Mann in Preußen genehmigte sich um 1840 im Schnitt etwa acht Liter reinen Alkohol im Jahr. Zwar tranken auch einfache Arbeiter, doch der Elendsalkoholismus war nicht so verbreitet, wie wir heute glauben, meint Hirschfelder. „Die Hauptklasse der Leute, die ungehemmt trinken konnten, waren Männer des Bürgertums, der Handwerkerschaft und besonders der Oberschicht.“ In dieser Zeit kamen die ersten Abstinenzbewegungen auf, Alkoholismus wurde von Medizinern zunehmend als schädlich und krankhaft erachtet.

Die Art, wie wir trinken, wandelt sich bis heute: Im 20. Jahrhundert trank man etwa durch die Ansprüche der Arbeitswelt eher am Abend denn über den Tag. Doch noch in den 1970er-Jahren stellten Arbeitgeber ihrem Personal Dienstbier, und in so manchem Büro war stets eine Whiskyflasche griffbereit. Welches Maß an Alkoholkonsum noch normal ist, das sieht jede Zeit anders.

 

 

Freitag, 7. Januar 2022

Klimawandel und Hexenjagd.


aus welt.de, 7. 1. 20121                             angeblichen Hexen wurden der „Wettermagie“ beschuldigt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt

Kleine Eiszeit
Was die Hexenhysterie mit dem Klima zu tun hat
Die klimatische Abkühlung führte einst zu Ernteausfällen – und einer regelrechten Hexenhysterie. Es sieht also ganz so aus, als würden Klimaveränderungen unsere Gesellschaft in dramatischer Weise beeinflussen. Ist das so? Zeit für einen Perspektivwechsel.
 
 
Wie beeinflussen Klima und Klimawandel die Gesellschaft? Früher meinten Apologeten des Kolonialismus, die Menschen in den Tropen neigten wegen der Hitze zu Faulheit und Sinneslust und seien im Gegensatz zu den im rauen Norden beheimateten Europäern unfähig zu zivilisatorischen Großtaten. Kaltes Klima war in dieser Lesart gutes Klima.

In unseren Tagen wiederum verweisen Apologeten der fossilen Energieträger auf die europäische Warmperiode zwischen etwa 1000 und 1300: Da sei die Kultur des Hochmittelalters zur Blüte gelangt, hätten die Wikinger Grönland und Neufundland besiedelt, bevor die „kleine Eiszeit“ einsetzte, deren Ausläufer noch im 20. Jahrhundert zu spüren waren. Wärmeres Klima wäre also besseres Klima.

Nun, wir wissen inzwischen, dass es in den Tropen schon Hochzivilisationen gab, als die Germanen noch in Fellen herumliefen, und dass nicht kälteres Wetter, sondern eine Pandemie – der Schwarze Tod – das Ende des Hochmittelalters einläutete. Welchen Einfluss also hat das Klima wirklich? In ihrem Buch „Klima und Gesellschaft in Europa: Die letzten tausend Jahre“ versuchen der Historiker Christian Pfister und der Klimatologe Heinz Wanner eine Antwort zu geben.

„Westwind, saurer Wein“

Das 423 Seiten starke Werk enthält eine Fülle von Fakten. Will man wissen, wie der Sommer des Jahres 1144 war, findet man dort die Antwort: „Kühl, anhaltender Regen, Westwind, geringe Weinernte, saurer Wein.“ Aber auf die Frage, ob und wie der Klimawandel die Gesellschaft veränderte, geben die Autoren keine einleuchtende Antwort.

Nehmen wir ein Beispiel: die Hexenverfolgung des 16. Jahrhunderts, der 40.000 bis 60.000 Menschen zum Opfer fielen, die meisten von ihnen Frauen. Die Autoren führen das auf die klimatische Abkühlung zurück, die zu Ernteausfällen und Hunger führte.

Oft war ja „Wettermagie“ ein Anklagepunkt gegen die angeblichen Hexen. Jedoch betraf die „kleine Eiszeit“ die ganze Nordhemisphäre, während, wie Pfister und Wanner berichten, „drei von vier Opfern, die zwischen 1560 und 1660 in Europa hingerichtet wurden, einen deutschen Dialekt sprachen“ und „sechs von sieben innerhalb der Grenzen des Heiligen Römischen Reiches lebten und starben“.

Will man also die Hexenhysterie verstehen, muss man nicht das Klima studieren, sondern die damalige deutsche Befindlichkeit; so wie man heute die Anti-Impf-Hysterie auch nicht auf das Covid-Virus, sondern auf deutsche Befindlichkeiten zurückführen muss.

Damals war es etwa die Verunsicherung alter Glaubensgewissheiten und Autoritäten durch die Reformation und der Sturz der Himmelskönigin Maria, die zu einer allgemeinen Frauenfeindlichkeit führten; heute ist es die Erschütterung durch den Zusammenbruch des Kommunismus, die Globalisierung und die Auflösung traditioneller Gender-Rollen, die eine frei flottierende Wut auf die Eliten erzeugen.

Zweifellos werden auch der Klimawandel und die Antworten darauf im 21. Jahrhundert zu gesellschaftlichen Veränderungen führen. Doch ob die Deutschen mit Optimismus und Tatkraft auf die Herausforderungen reagieren oder mit Depression, Hysterie und Wut, das bestimmt nicht das Klima. Das bestimmen wir.

Donnerstag, 6. Januar 2022

Ein historisches Datum.


aus derStandard.at, 6. 1. 2022

Kongress-Nachforschungen
Die USA schrammten am 6. Jänner 2021 knapper am Kollaps vorbei als bisher bekannt
Ein Jahr nachdem das US-Kapitol von Trump-Anhängern gestürmt worden ist, bleiben für die Untersuchungskommission noch viele Fragen offen – auch die Schuldfrage Donald Trumps

"Hau ab!", faucht Liz Cheney ihren republikanischen Parteikollegen Jim Jordan an und schlägt seine helfende Hand zur Seite: "You fucking did this!" – "Du hast das angerichtet!". Es ist der 6. Jänner 2021, kurz nach 14 Uhr, als die Sicherheitskräfte des US-Kapitols in die laufende Parlamentssitzung zur Präsidentschaftswahl platzen. Ein wütender Mob von Trump-Anhängern hat das Gebäude gestürmt.

Die Sicherheitskräfte verteidigen mit gezogener Pistole den Eingang zum Plenarsaal, während die Abgeordneten angewiesen werden, sich die unter den Sitzen befindlichen Gasmasken überzuziehen. Panik bricht aus. Der Vizepräsident samt Familie wird unter Geleitschutz in einen Sicherheitsraum eskortiert. Abgeordnete laufen um ihr Leben, verschanzen sich mit ihren Mitarbeitern in den Büros. Fünf Menschen kommen an diesem Tag ums Leben, hunderte werden verletzt.

Beim Sturm auf das US-Kapitol am 6. Jänner 2021 wurden fünf Menschen getötet.

Dieser 6. Jänner sollte als schwarzer Tag in die amerikanische Geschichte eingehen. Ein Tag, der die USA völlig unvorbereitet traf und drohte, das gesamte Land ins Chaos zu stürzen. Die Vereinigten Staaten von Amerika, diese stolze Nation, die sich im Treueschwur auf die Flagge als "unbesiegbar" bezeichnet und die fernen Ländern gerne mit viel missionarischem Eifer und noch mehr Kriegsgerät Lektionen in Demokratie erteilt; ausgerechnet diese Supermacht wäre um ein Haar Schauplatz eines gewaltsamen Staatsstreichs geworden, angezettelt vom eigenen Präsidenten.

Wie konnte es so weit kommen? Das herauszufinden, ist die Aufgabe eines überparteilichen parlamentarischen Komitees, das seit Monaten dabei ist, ehemalige Mitarbeiter und Vertraute von Donald Trump vorzuladen, notfalls sogar verhaften zu lassen, sollten diese ihre Mitarbeit verweigern.

Mammutaufgabe

Das Gremium, zu dem auch Liz Cheney, die republikanische Abgeordnete aus Wyoming, gehört, steht vor einer Mammutaufgabe. 300 Zeugenaussagen, mehr als 60.000 Seiten an Dokumenten müssen ausgewertet werden. Auch wenn noch viele Fragen offen sind, ergeben die Puzzle-Teile, die bis heute bekannt sind, ein düsteres Bild über die allgemeine Verfassung der USA. Wie zerrissen die Gesellschaft ist und wie schnell selbst die stärksten Pfeiler von Demokratien zum Wanken gebracht werden können, sofern man weiß, welche Knöpfe gedrückt werden müssen.

Die Republikanerin Liz Cheney gehört zur Untersuchungskommission.

Schon lange vor der Wahl, im Frühjahr 2020, begann Donald Trump damit, via Twitter und Facebook Gerüchte von einem möglichen Betrug zu streuen. Je näher der Wahltermin rückte, umso verheerender fielen die Umfragewerte für den Präsidenten aus. Als die Wahl Anfang November verloren ging, kam fünf Tage später in Arlington, am anderen Flussufer von Washington, das Trump-Team zusammen, um über mögliche nächste Schritte zu beraten. Mit darunter auch Stabschef Mark Meadows sowie Kayleigh McEnany, Trumps Pressesprecherin, die noch am selben Tag im Weißen Haus verkündete, diese Wahl sei "noch nicht gelaufen – noch lange nicht".

Behauptungen und Verschwörungsmythen

Es folgten Versuche, die Wahl juristisch anzufechten und für ungültig erklären zu lassen. Dazu wurde von Trumps Gefolgsleuten eine Reihe von wilden Behauptungen und Verschwörungsmythen aufgestellt, die sich vor Gericht allesamt als Unsinn erwiesen. Darunter auch die Legende, das US-Militär hätte in Deutschland Server beschlagnahmt, die im Zusammenhang mit manipulierten Wahlcomputern stünden. Eine andere Theorie, die sich in den sozialen Medien verbreitete, sprach von gefälschten Wahlzetteln, die aus Südkorea eingeflogen worden seien. Noch nicht einmal republikanisch geführte Bundesstaaten wie Arizona oder Georgia konnten nach intensiven Nachforschungen Belege für irgendwelche Unregelmäßigkeiten feststellen. Dutzende Klagen Trumps liefen ins Leere und scheiterten zuletzt sogar vor dem durch Trump persönlich mehrheitlich konservativ besetzten Supreme Court.

Im Dezember wurden die Untersuchungsberichte der eigenen Behörden, darunter auch das FBI, von Trump in Zweifel gezogen. Der Präsident und seine engsten Vertrauten begannen damit, Mitarbeiter aus dem Justizministerium, Gouverneure und einflussreiche Wahlkampfspender anzurufen. Darunter auch ein Telefonat, das seinen Weg in die "Washington Post" fand: "Ich will nur 11.780 Stimmen finden", drängt der US-Präsident den republikanischen Wahlaufseher von Georgia, Brad Raffensperger, in dem Telefonmitschnitt. 19-mal soll Trump Raffensperger zuvor angerufen haben, um die nötigen Stimmen für ihn zu finden. Später reichte der Präsident Klage gegen den Regierungsbeamten ein, weil dieser das Gespräch aufgenommen und veröffentlicht habe.

Anweisung an Mike Pence

Anfang 2021 überschlugen sich die Ereignisse. Am 6. Jänner kamen die Abgeordneten beider Kammern zur Ratifizierung der Präsidentschaftswahl im US-Kapitol zusammen. Für gewöhnlich ein rein formaler Akt, bei dem die Stimmen der Wahlleute verlesen werden, um dann den Wahlsieger auszurufen. Für Trump war es die letzte Möglichkeit, den demokratischen Prozess einer geordneten Amtsübergabe zu stoppen. Aus beschlagnahmten E-Mails und Textnachrichten geht hervor, dass Vizepräsident Mike Pence angewiesen wurde, das Votum einzelner Bundesstaaten aufgrund von "Unregelmäßigkeiten" nicht anzuerkennen. Dadurch hätte sich das Stimmenverhältnis verschoben und Trump hätte, jedenfalls in seiner Vorstellung und in windschiefen Interpretationen der Gesetze, zum Wahlsieger erklärt werden können. Doch dazu kam es nicht mehr. Tausende von Trump angestachelte Demonstranten zogen zu diesem Zeitpunkt bereits vom Weißen Haus in Richtung Kapitol.

Was die persönliche Schuldfrage des Ex-Präsidenten betrifft, liegt auch heute noch, ein Jahr später, vieles im Dunkeln. Hatte Trump persönlich seinen Stabschef Mark Meadows oder den Kongressabgeordneten Jim Jordan dazu aufgefordert, das Gesetz zu brechen? Wieso weigerte sich der Ex-Präsident mehrere Stunden lang, seine Anhänger zurückzurufen, während er das Spektakel vor dem Fernseher verfolgte? Warum hat er nicht sofort die Armee in Bewegung gesetzt, um das Parlamentsgebäude zu verteidigen? Und: Kann der Commander in Chief als oberster Befehlshaber auch für Untätigkeit belangt werden? Hätte Trump die allgemeine Lage über den sogenannten "Insurrection Act" umgekehrt für einen Putsch nutzen können, wenn die Nationalgarde früher zum Einsatz gekommen wäre? Drohte gar ein Bürgerkrieg? Was bisher bekannt ist, legt nahe, dass die USA knapper am Kollaps vorbeischrammten als bisher bekannt.

"Präsident Trump war persönlich an der Planung und Durchführung des 6. Jänner beteiligt und dieser Ausschuss wird dem auf den Grund gehen", hatte Kongressabgeordnete Cheney zum Auftakt der Ermittlungen im letzten Herbst angekündigt. Die Uhr tickt. Sollten die Demokraten bei den Zwischenwahlen im November die Mehrheit im US-Kongress verlieren, wäre das vermutlich auch das Ende der Untersuchungskommission.

Sonntag, 2. Januar 2022

Nach einem Jahr Brexit.

264082258.jpg aus n-tv.de, 

Ein Jahr nach EU-Austritt  
Briten plagt der Brexit-"Albtraum"

Es ist fast ein Jahr her, dass Großbritannien sich wirtschaftlich aus der EU löst. Was folgt, sind zwölf Monate mit leeren Regalen. Eine Erkenntnis ist bereits jetzt klar: Der von Premier Johnson propagierte Weg zur eigenständigen Handelsnation ist noch lang.

Es wirkt wie eine Ironie der Geschichte, dass auch Donald Trump die Folgen des Brexits spürt. Der frühere US-Präsident hatte den britischen EU-Austritt bejubelt und verteidigt. Nun leidet auch sein Luxus-Golfhotel Trump Turnberry in Schottland. Der Jahresbericht liest sich wie eine Zusammenfassung der Brexit-Sorgen: fehlende Arbeitskräfte wegen eines Mangels an EU-Beschäftigten, dafür höhere Kosten wegen gestiegener Zoll- und Transportgebühren.

Genau das sind die Probleme vieler Unternehmen, europäischer wie britischer, ein Jahr, nachdem Großbritannien am 1. Januar 2021 auch wirtschaftlich die Bande mit der EU gelöst hat. Teurer und aufwendiger: Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht eine Branche ihre Brexit-Sorgen publik macht. Zuvorderst merkt es der britische Arbeitsmarkt. Weit mehr als eine Million freie Stellen gibt es dort.

Doch worüber Finanzminister Rishi Sunak jubelt, sorgt in Supermärkten, an Tankstellen und auf Bauernhöfen für Probleme. Weil billige Arbeitskräfte aus EU-Ländern wie Polen, Rumänien oder Litauen wegbleiben, da seit dem Brexit hohe Gebühren für Arbeitsvisa fällig werden, fehlen nun Lastwagenfahrer - Regale und zeitweise Zapfsäulen blieben leer, Nachschub fehlte. Schweinebauern mussten Tausende gesunde Tiere keulen, weil in den Schlachthöfen zu wenig Metzger arbeiten. 200.000 EU-Bürger sind Schätzungen zufolge dauerhaft abgewandert.

Um Lücken zu stopfen, erteilt die Regierung immer wieder neuen Berufsgruppen Ausnahmen für Arbeitsvisa. Das Wort "Brexit" aber scheint in der Downing Street auf dem Index zu stehen. Premierminister Boris Johnson und sein Kabinett streiten regelmäßig ab, dass der EU-Austritt für die Probleme verantwortlich ist. Vielmehr beharren sie darauf, dass Großbritannien wie viele andere Länder von den Pandemie-Folgen getroffen werde. An einer Brexit-Aufarbeitung habe die Regierung kein Interesse, sagt Ulrich Hoppe, Chef der Deutsch-Britischen Handelskammer in London.

Die Wirtschaftskraft leidet

Im Gegenteil: Stattdessen werde jede positive Nachricht als Resultat des Brexits und der Freiheit vom regulativen Rahmenwerk der EU verkauft. Dabei gäbe es einiges zu diskutieren. Der bilaterale Handel mit der EU ist längst eingebrochen. Die Denkfabrik Center for European Reform hat errechnet, dass der britische Warenhandel im Oktober 2021 um 15,7 Prozent oder 12,6 Milliarden Pfund (knapp 15 Milliarden Euro) niedriger war als er im Falle eines britischen Verbleibs im EU-Binnenmarkt und in der Zollunion gewesen wäre.

Das wirkt sich auf die Wirtschaftskraft aus. Die Aufsichtsbehörde Office for Budget Responsibility (OBR) kommt zu dem Schluss, der EU-Austritt werde das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um vier Prozent verringern. Heruntergebrochen bedeutet das laut AHK-Chef Hoppe, dass jeder Brite ein Jahr länger arbeiten muss. "Der Brexit ist ein verdammter Albtraum", schimpft ein Verantwortlicher einer wichtigen englischen Hafenstadt hinter vorgehaltener Hand.

Noch immer sei unklar, wie die britische Regierung das Vereinigte Königreich im internationalen Wettbewerb positionieren will, kritisiert Außenhandelsexperte Marc Lehnfeld von der bundeseigenen Gesellschaft GTAI. Die EU bleibt der wichtigste Markt, der angepeilte Handelsvertrag mit den USA ist auch wegen politischer Streitigkeiten um Nordirland in weiter Ferne.

Auch deshalb behilft sich die Regierung oft mit Gesten. So gilt die traditionelle Eichmarke Crown Stamp, von der EU verboten, wieder als Maß. Ebenso wird die ausschließliche Kennzeichnung von Lebensmitteln mit alten Gewichtseinheiten wie Pfund und Unzen gestattet. Doch über die Grenze geblickt, erschwert Bürokratie weiterhin das Miteinander: "Überwiegend sehen Verbände und Unternehmen die EU-Nachfolger von EU REACH (UK REACH) und dem CE-Kennzeichen (UKCA) als große Doppelbelastung, bleibt doch die EU ein wichtiger Absatzmarkt", stellt Außenhandelsexperte Lehnfeld fest.

Es ist nicht alles schlecht

Jüngst bejubelte Premierminister Johnson ein Freihandelsabkommen mit Australien, es ist der erste Deal, den London nach dem Brexit vollkommen neu ausgehandelt hat. Im Vergleich zu den Einbußen im EU-Handel gilt der Vertrag aber eher als Tropfen auf den heißen Stein. Und selbst die BBC kommentierte: "Das Vereinigte Königreich hat Australien beim Zugang zum britischen Agrarmarkt fast alles gegeben, was es wollte. Anderen großen Volkswirtschaften wird das nicht entgehen, und sie werden ähnlichen Zugang fordern." Beschwerden kommen von britischen Farmern, die billige Fleischimporte fürchten.

Es ist aber nicht alles düster. Lehnfeld und Hoppe betonen, dass Großbritannien ein wichtiger Markt bleibe. In einigen Bereichen agiert die britische Regierung pragmatisch, so dürfen nun doch Warenlieferanten visafrei einreisen und etwa Maschinen oder Küchen aus der EU installieren. Die günstigere Dividendenbesteuerung zieht Unternehmen an, jüngst entschied sich Shell für Großbritannien als Hauptquartier. Bei Offshore-Windkraft und grünem Wasserstoff bleibt Großbritannien das Maß der Dinge.

Und auch wenn Großbritannien kurz davor steht, erstmals aus den Top Ten der deutschen Außenhandelspartner rauszufallen - beim Export steht das Königreich auf einem soliden fünften Platz. Experten fragen sich aber angesichts neuer Einfuhrkontrollen, die London zum 1. Januar angekündigt hat, wie lange das noch gelten wird.

Quelle: ntv.de, Benedikt von Imhoff, dpa

 

Nota. - Die Gefahr war nie, dass der Austritt Großbritanniens die EU tödlich treffen würde. Die Gefahr war und ist, dass er Großbritannien so sehr schwächt, dass es schließlich in und für Europa keine Rolle mehr spielt. Das wäre sehr bedenklich sowohl für Europa als auch die Welt. Freuen würde es China mehr noch als die USA.

JE 

 

China, Japan und der Westen.

Ohara Kosun

Das erste Opfer der chinesischen Weltherrschaftspläne wäre Japan; so wie China das erste Op-fer der japanischen Weltherrschaftspläne geworden ist. Japan wird sich wirtschaftlich nicht al-lein und nicht allein wirtschaftlich behaupten können. Es wird sich als vorgeschobener Posten des Westens behaupten müssen.  

Eine solche Chance hat die Vernunft in Asien noch nie gehabt.