Dienstag, 11. April 2017

Hochkultur am Amazonas?

aus Die Presse, Wien,

Amazonien, altes Agrarland
Lang galten die endlosen Regenwälder als Natur. Aber weithin sind sie von Kulturgeformt, die Barbarei der Abholzungen bringt es ans Licht.



Wie Igel hätten die Schiffe ausgesehen, so gespickt seien sie mit Pfeilen gewesen. Das überlieferte Friar de Carvajal, Seelsorger im Gefolge des Konquistadoren Francisco de Orellana. Der war im Februar 1541 vom Oberlauf des namenlosen Flusses losgesegelt, bald gingen die Vorräte aus, die Spanier plünderten und stecken Dörfer in Brand. Aber die Gegenwehr wurde immer stärker, und die Indianer wurde immer mehr, bald waren die Ufer gesäumt. Am 24. Juni 1542 dann, nach fast 6000 Kilometern Fahrt und schon weit am Unterlauf, kam die Wolke der Pfeile – einer kostete de Carvajal ein Auge –, sie kam von Indigenen, die einem Stamm von Frauen tributpflichtig waren. Die kämpften an vorderster Front, „tapfer und als Führer der anderen“.

Die Spanier töteten „sieben oder acht Amazonen, worauf die Indianer ihren Mut verloren“, dann machten sie sich selbst eilig davon, am 6. August erreichten sie die Mündung. Da hatte der Fluss seinen Namen, de Orellana hatte sich von den Kriegerinnen inspirieren lassen. Der Name blieb, der Rest geriet in Vergessenheit, bald, in Spanien glaubte keiner die Geschichte von den Amazonen und auch nicht die von den Heerscharen. Denn andere Raubzüge fanden schon kurz darauf fast niemanden: Amazonien war menschenleer, Urwald seit eh und je.


Diese Sicht hielt sich lang, sie wurde dadurch unterstützt, dass es in den endlosen Wäldern auch kaum größere Tiere gibt – außer im Wasser –, und der Grund war spätestens 1971 klar, da publizierte US-Archäologin Betty Meggers ein höchst einflussreiches Buch, „Amazonia: Man and Culture in a Counterfeit Paradise“: Der riesige Regenwald sieht nur so üppig aus, in Wahrheit ist er eine „grüne Wüste“ oder auch eine „nasse Wüste“, deren karge Böden kaum Nährstoffe haben, außer denen, die von weit her kommen, mit dem Wind aus Afrika.

Die gehen sofort in die Vegetation, und neue kann sich nur bilden, wenn alte verrottet: Herausziehen kann man nichts, schon gar nicht für große Populationen. Das Buch hatte seinen Hintergrund darin, dass Amazonien von der Agrarindustrie entdeckt worden war und das großflächige Waldvernichten begonnen hatte, Meggers wollte es abwenden. Das gelang ihr nicht. Aber die Forschung wurde lang durch sie gelähmt: Als Archäologen, unter ihnen der Student Alceu Ranzi, 1977 in Acre am Oberlauf des Amazonas Geoglyphen entdeckte – menschgemachte Muster in der Erdoberfläche, Kreise, Rechtecke etc. –, wurde der Fund elf Jahre nicht publiziert, und erst nach 20 Jahren sah Ranzi, inzwischen Paläontologe an der Universität von Acre, noch einmal genauer hin: Die Fläche zog sich über tausend Kilometer.


Und die Geoglyphen waren eingebettet in viel ältere und größere Modifikationen der Erdoberfläche, die auf intensive Bewirtschaftung deuteten: Da waren Dämme gezogen worden und Inseln aufgeschüttet, so trotzen die Bewohner dem lebensfeindlichen Klima, das das Land das halbe Jahr unter Waser setzt und die restliche Zeit ausdörrt. Mit den Dämmen hielt man das Wasser zurück und die zahllosen Fische darin, in zickzackförmigen Abflüssen wurden sie geerntet. Ergänzt wurde die Aquakultur durch ausgefeilte Hortikultur auf den künstlichen Inseln.

Terra preta.  


Bald fanden sich auch anderswo am Fluss Zeichen längst verfallener und vergessener Siedlungen und Zeichen längst vergessenen, aber noch fruchtbaren Wissens: Die dortigen Böden sind keineswegs karg, im Gegenteil, sie tragen so üppig, dass sie als Blumenerde verkauft werden. Und das, obwohl sie vor über 500 Jahren von Menschen gemacht (und seitdem nicht gepflegt) wurden: Die veredelten die magere gelbe Erde zu fetter schwarzer – „Terra preta do Indio“–, sie mischten Knochen und Gräten hinein und Holzkohle und Kot, die exakte Rezeptur ist trotz vieler Mühen noch nicht rekonstruiert. Abschätzen konnte man immerhin, wie viele diese Erde nähren konnte: Die größte Terra-preta-Fläche hätte für 200.000 Menschen gereicht – heute halten sich in der Region gerade 500 –, das wären fast so viele gewesen wie in der damals größten Metropole der Erde, der Azteken-Hauptstadt Tenochtitlan (Science 297, S. 920). Solche Funde befeuerten die Amazon Archaeology Wars, sie wurden darüber geführt, ob Amazonien Urwald war oder Kulturland, sie wurden hart geführt, und entschieden wurden sie mit böser Ironie durch die fortschreitende Zerstörung des Regenwalds: Wo immer Rodungstrupps anrückten, kamen frühere Zivilisationen ans Licht, auch an der Mündung fanden sich Geoglyphen und ganz im Nordosten gar Monolithen, die so aufgestellt waren, dass sie als „Stonehenge des Amazonas“ Schlagzeilen machten.


Das ist natürlich Spekulation. Und spannender waren ohnehin vorderhand unspektakuläre Funde, etwa die von Pollen im Boden. Die zeigen, wieder in Acre, dass die Geoglyphen mitten in einem Wald errichtet wurden, er bestand aus Bambus und wurde vor 6000 Jahren für die Erdarbeiten partiell gerodet. Dann war bald wieder Wald da. Aber keiner aus Bambus und keiner von der Natur. Stattdessen wurden Bäume gesetzt, deren Früchte sich nutzen lassen, Palmen etwa, die dominieren heute noch, Ranzi hat es gerade gezeigt (Pnas 21. 2.). Und es ist nicht nur in seiner Region so: Carolina Levis (Wageningen) hat in ganz Amazonien Tausende Waldflächen und archäologische Stätten abgeglichen: Vor allem in deren Nähe überwiegen Bäume wie Kakao und Paranuss, die wurden in der Region domestiziert, vor 8000 Jahren: „Lange Jahre hat man den Einfluss der präkolumbianischen Völker auf die Wälder, die wir heute sehen, ignoriert“ schließt Levis (Science 325, S. 925).

Megalithe in Rego Grande, Brasilien

7500 Jahre Hochkultur brachen vor 500 Jahren in nichts zusammen, wie das? In Amazonien lässt es sich kaum rekonstruieren, aber auch dort brachten die Konquistadoren wohl nicht nur Waffen mit, die in der Neuen Welt unbekannt waren: Als Cortés 1519 Mexiko überfiel, lebten dort 25 Millionen Azteken. Hundert Jahre später war es eine Million. Paläogenetiker Johannes Krause (Jena) hat den Grund in Zähnen aus der Zeit des großen Sterbens gefunden: (bioRxiv 21. 2.): Dahingerafft wurden die Azteken von Typhus: hoch aggressiven Salmonellen aus Europa.

Was aus der Ferne aussieht wie ein ursprünglicher Urwald, zeigt dem näheren Blick viele Nutzpflanzen, die gesetzt wurden.




Sonntag, 9. April 2017

Die muslimischen Frauen sind die größten Unterdrücker der Töchter.

aus Süddeutsche.de

Frühere Femen-Aktivistin Zana Ramadani
"Muslimische Mütter erziehen ihre Söhne zu Versagern"

Zana Ramadani, 33, wurde in Skopje, Mazedonien, geboren und kam als Siebenjährige mit ihrer Familie nach Deutschland. Sie studierte Recht, Soziologie und Politikwissenschaft und war Mitglied bei Femen; heute politisiert sie für die CDU. Seit 2009 hat sie die deutsche Staatsbürgerschaft, und nur diese, denn ihrer Meinung nach ist ein klares Bekenntnis von ­Migranten zur neuen Heimat unabdingbar. Ihr Anfang März veröffentlichtes Buch "Die verschleierte Gefahr - Die Macht der muslimischen Mütter und der Toleranzwahn der Deutschen" ist ein leidenschaftliches Plädoyer gegen falsch verstandene ­Toleranz dem konservativen Islam gegenüber. 

Interview von Bettina Weber 

Sie legen sich in Ihrem Buch mit allen an: mit der Politik, vor allem der linken, mit den Feministinnen, dem Feuilleton, dem konservativen Islam, den muslimischen Machos und deren Müttern. Brauchen Sie Polizeischutz?

Zana Ramadani: Der ist schwerer zu bekommen, als man denkt. Ich habe unzählige Anzeigen eingereicht, aber weil die Drohungen, vor allem auf Social Media, fast immer anonym sind, kann die Polizei nicht viel machen. Ich habe deshalb letztes Jahr einen Waffenschein beantragt.

Wer reagiert am heftigsten?

Die Gender-Feministinnen. Sie sprechen mir meine Bildung ab, nennen mich einen Einzelfall und relativieren. Von den konserva­tiven Muslimen hingegen kommt keine Kritik, die drohen nur. 

Wie sehen die Drohungen aus?

Ach, da ist alles darunter. Sie nennen mich Hure, drohen mit Vergewaltigung, Mord und seitdem ich schwanger bin, damit, mir das Kind aus dem Leib zu treten.

Haben Sie Angst?

Es wäre absurd, wenn ich Nein sagen würde. Es belastet mich, ja, aber ich versuche, mich davon nicht vereinnahmen zu lassen.

Ist es besonders schlimm, dass Sie als Muslimin den Islam kritisieren?

Wäre ich Deutsche, würde man mich eine Nazi-Schlampe und eine Rassistin nennen, dieser Vorwurf kommt ja immer. Dass ich Muslima bin, macht es schwieriger und daher schlimmer. Dass ich als Frau Kritik äußere, ist das Allerschlimmste. Und so nennt man mich halt einfach gestört und traumatisiert. Aber man fürchtet mich auch mehr, weil ich sehr genau weiß, wovon ich rede. Meine Gegner vermeiden es wenn immer möglich, mir in einer Talkshow gegenüberzusitzen.

Zana Ramadani Zana Ramadani: "Die Frauen sind die größten Unterdrücker der Töchter."

Was haben Sie gegen Feministinnen? Sie waren doch einst Mitglied bei Femen.

Ich habe nur etwas gegen einen ganz bestimmten Schlag von Feministinnen. Und zwar gegen jene, die von Frauensolidarität reden, diese aber nicht leben. Die meinen, das einzige Übel sei der westliche weiße Mann, und diesen dürfe man ungehindert kritisieren, während sie Kritik an Angehö­rigen einer fremden Kultur, die genauso frauenverachtend ist, automatisch als rassistisch bezeichnen. Beim Feminismus geht es um Menschenrechte: Man darf alles und alle kritisieren, die Frauenrechte mit Füßen treten, auch Muslime. Wenn mich Feministinnen deswegen als Rassistin bezeichnen, dann hab ich ein Problem mit deren Verständnis von Feminismus.

Sind Sie deshalb bei Femen ­ausgetreten?

Das war mit ein Grund. Femen hat immer mehr solche Gender-Feministinnen angezogen. Es ging so weit, dass die als Protest gegen die Fifa eine Deutschlandfahne auf dem Holocaust-Mahnmal verbrennen wollten, und eine schrieb sich wegen Pegida in Dresden "Bomber Harris, do it again" auf die Brüste. Das ist inakzeptabel.

Ihre Familie floh aus Maze­donien nach Deutschland, als Sie sieben Jahre alt waren. ­Während Ihr fortschrittlicher Vater ein neues Leben begann, verhärtete sich Ihre Mutter. Weshalb?

Ich hatte großes Glück, dass mein Vater gebildet war. Er stammte aus einer liberalen Familie, keine Frau trug Kopftuch. Als wir in Deutschland ankamen, vermied er den Kontakt mit anderen Albanern, nahm stattdessen aktiv am Dorfleben teil, lernte sofort Deutsch und sagte uns immer wieder, wie wichtig die Sprache sei und dass wir uns anstrengen müssten.

Und Ihre Mutter?

Sie fand den Anschluss nicht. Sie telefonierte jede Woche stundenlang mit ihrer Familie zu Hause und blieb so in dieser Welt verhaftet. Die Werte und die Moral von dort, die mein Vater nie gemocht hatte, gegen deren Enge und Beschränktheit er sich gewehrt hatte, wurden immer wichtiger für sie. Weil die Deutschen als Ungläu­bige gelten und die deutschen Frauen als Schlampen, hatte sie, je älter ich wurde desto mehr das Gefühl, mich kontrollieren zu müssen. Weil ich ja die Familienehre beschmutzen könnte und mich dann kein albanischer Mann mehr heiraten würde. Und sie daran schuld wäre.

Der fatale ­"Söhnchenkult"

Die Frauen setzen fort, ­worunter sie einst selbst ­gelitten haben?

Die Frauen sind die größten Unterdrücker der Töchter. Deshalb wäre es so wichtig, bei der Integration auf die Frauen zu setzen, ihnen die Errungenschaften der westlichen Welt aufzuzeigen, denn in der muslimischen Welt sind sie für die Aufrechterhaltung der Familienehre zuständig, nicht die Männer. Die Söhne können Drogen verkaufen, gewalttätig sein, das ist alles kein Problem für die Mütter, denn dadurch nimmt die Familienehre keinen Schaden. Aber die Jungfräulichkeit der Tochter, die muss um jeden Preis erhalten werden. Wenn das nicht der Fall ist, hat die Mutter versagt, bringt Schande über die Familie. Deshalb bestellte meine Mutter irgendwann ihre Brüder ein. Ich floh am selben Abend ins Frauenhaus, weil ich befürchten musste, nach Mazedonien gebracht und verheiratet zu werden.

Die muslimischen Mütter kommen bei Ihnen ohnehin schlecht weg: Sie schreiben von einem fatalen ­"Söhnchenkult".

Weil die Jungs zu Prinzen erzogen werden. Sie werden verhätschelt, verwöhnt, bedient und damit letztlich zu Versagern erzogen. Sie scheitern, weil der Westen eine Leistungsgesellschaft ist, ihnen aber zu Hause etwas ganz anderes beigebracht wird. Sie kennen es nicht, dass etwas von ihnen verlangt wird, dass sie sich anstrengen müssen. Und so scheitern sie. Schuld sind dann alle anderen: die Lehrerin, diese ungläubige Schlampe, die dem Sohn nichts zu sagen hat, oder überhaupt die Westler, die alle Rassisten sind und den Muslimen keine Chance geben.

Sie schreiben, dass Sie gewisse Quartiere in Berlin meiden, ­Neukölln etwa: Sie würden dort als Freiwild betrachtet. Ist das nicht übertrieben?

Nein. In Neukölln, Wedding und Kreuzberg gibt es Straßen, wo man als Frau nicht hingehen kann, erst recht nicht im Sommer. Es ist ein Spießrutenlauf, man wird bedrängt. Kürzlich parkte ich mein Auto in Neukölln, und ein junger Muslim schrie mich an: "Hey Schlampe, hau ab, ich will diesen Parkplatz haben." Sicher fühlte ich mich dort nur ein einziges Mal: als ich letztes Jahr für eine Reportage einen Hidschab trug - zum ersten Mal beachteten mich die Männer nicht. Das kann doch nicht sein, dass ich als Frau in einer deutschen Stadt nur dann Respekt erfahre, wenn ich verhüllt bin.

Wehren Sie sich deshalb so vehement gegen das Kopftuch?

Das Kopftuch steht für Geschlechterapartheid. Wo immer der politische Islam Einzug hält, hält die Verhüllung der Frauen Einzug. Das Kopftuch diente ursprünglich dazu, ehrbare Frauen von Sklavinnen unterscheiden zu können, die man benutzen durfte. Benutzen, ja, so heisst das. Auf diesem Gedanken basiert das Kopftuch, und es gilt immer noch: Man unterscheidet damit sittliche von unsittlichen Frauen. Deshalb gelten westliche Frauen als Schlampen, die man anfassen darf.

Das denken Muslime, die in der dritten Generation im Westen leben?

Ach, Sie sollten mal hören, wie viele von denen über Westler sprechen. Das ist Pegida auf Türkisch. Oder Albanisch oder Arabisch.

Trotzdem: Gläubige Musliminnen, die Kopftuch tragen, pochen auf ihr Selbstbestimmungsrecht.

Das mit der Selbstbestimmung ist ein Witz. Millionen von Frauen in muslimischen Ländern haben keine Wahl, ob sie das Kopftuch tragen wollen oder nicht. Im Iran rasieren sie sich sogar die Haare ab deswegen. Und hier reden die von Freiheit? Ich wünsche mir ein Kopftuchverbot, vor allem an Schulen, wenigstens dort sollen die muslimischen Mädchen frei sein können. Für Minderjährige sollte es sowieso verboten sein: Wenn man Zwölfjährigen das Kopftuch anzieht, sexualisiert man sie, dabei sind das noch Kinder! Es macht mich wütend, wenn da jemand vor lauter Verständnis die Zusammenhänge nicht sieht.

Sie machen genau dieses Verständnis für den radikalisierten Islam verantwortlich. Eine 
gewagte These.

Nein. Die Politik hat den konservativen Islam jahrelang hofiert, deren Vertreter werden in jede Talkshow eingeladen. Dabei geht es denen nie um Spiritualität, sondern immer um Politik. Gleichzeitig hört die fortschrittlichen Muslime niemand, weil sie nicht so laut sind. Und sie nicht so viel Geld haben. Deshalb haben auch jene Muslime, die noch bis zur Jahrtausendwende kaum je eine Moschee besuchten - also die überwiegende Mehrheit -, mit einem Mal den Eindruck, dass Muslim sein eine eigene Identität sei. Und dass sie von "den anderen", den Deutschen oder den Schweizern, diskriminiert würden und sie ihre muslimische Identität verteidigen müssten. Die Toleranten unter den Muslimen werden vor lauter westlicher Toleranz den Rechten unter den Muslimen ausgeliefert.

Sie gehen einen Schritt weiter: Sie machen den Islam für den Islamismus verantwortlich.

Keine andere Religion bringt so viele Mörder hervor wie der Islam. Da kann man doch nicht einfach sagen, das habe nichts miteinander zu tun. Natürlich hat es das. Da muss man auch keine Entschuldigungen suchen oder sich herausreden. Muslime sehen sich lieber als Opfer, anstatt selbstkritisch zu sein. Aber genau das gewöhnt ihnen der rückständige Islam ja ab, weil der auf das Jenseits und nicht auf das Diesseits fixiert ist. Es geht nicht um Fortschritt oder darum, Fragen zu stellen. Zum Beispiel diese: Weshalb wird in einer Moschee, einer heiligen Stätte, einem Ort der Spiritualität, Hass gepredigt? Dass Sie darauf nie eine Antwort bekommen, sagt alles.

Dieser Artikel erschien zuerst in der SonntagsZeitung des Tagesanzeigers vom 8. April 2017.

Samstag, 1. April 2017

War die Erfindung des Ackerbaus nur ein Notbehelf?


 
Soviel Kenntnisse inzwischen zusammengetragen wurden über das Was uns Wo der sogenannten Neolithischen Revolution, die uns das vergiftete Geschenk von Sesshaftigkeit, Ackerbau und Arbeitsgesellschaft beschert hat - über ihre Ursachen kann man noch immer nur rätseln. Eins scheint festzustehen: Als eine erstrebte Verbesserung ist sie nicht in die Welt gekommen, denn zunächst bedeutete die Umstellung auf Getreidekost eine Verarmung der Diät und brachte Mangelernährung mit sich. 

Entsprechend haben sich die Bewohner des nördlichen Mitteleuropa zunächst auch gegen die Übernahme des Ackerbaus von den Zuwanderern aus Sübwesteuropa gesträubt, sein Fortschreiten nach Norddeutschland und Skandinavien ging merkwürdig schleppend voran. Erst als die langsame Erwärmung während der Jungsteinzeit das Großwild nach Norden und Osten vertrieb, ging man dort widerstrebend zum kargen und mühseligen Getreideanbau über.

Folgender Beitrag aus scinexx lässt vermuten, dass auch im Fruchtbaren Halbmond der Ackerbau zunächst als Notbehelf aufgekommen ist:
 

aus scinexx
 
Säen gegen den Hunger
Oder waren Klimawechsel die Triebkraft?

Einen weiteren Hinweis darauf, warum sich unsere Vorfahren in der Jungsteinzeit von der bewährten Tradition des Jagens und Sammeln abkehrten, könnten Archäologen um Gordon Hillman vom University College London im nordsyrischen Abu Hureyra gefunden haben. Vor rund 11.500 Jahren lag hier, am Ufer des Euphrat, eine Siedlung, in der knapp 200 Menschen lebten.

Aber obwohl diese Menschen allem Anschein nach schon sesshaft waren, handelte es sich nicht um Bauern. Stattdessen lebten die Bewohner von Abu Hureyra zunächst noch als Jäger und Sammler. Sie profitierten vom Wildreichtum und dem reichen Pflanzenwuchs im feuchtwarmen Klima dieser Zeit, wie die Funde zahlreicher Tierknochen und Pflanzenreste belegen.


Die Bewohner von Abu Hureyra gehörten zur Kulturstufe des Natufien - einer Vorstufe der echten Landwirtschaft.
Klimawechsel frisst Nahrung

"Doch 300 bis 400 Jahre nach der Gründung dieser kleinen Siedlung deuten Veränderungen in den Nahrungspflanzen darauf hin, dass das Klima in diesem Gebiet begann, trockener zu werden", berichtet Hillman. Im Zweistromland brach eine Periode kühleren, trockeneren Wetters an, die sogenannte jüngere Dryas. Als Folge veränderte sich die Pflanzenwelt im fruchtbaren Halbmond, die bis dahin üppig wachsenden wilden Linsen, Eicheln und Früchte verschwanden.

"Man kann sich fragen, warum die Bewohner Abu Hureyras nicht einfach fortzogen", konstatiert Hillman. "Aber höchstwahrscheinlich gab es diese Option damals gar nicht, denn im weiteren Umkreis bot Abu Hureyra noch die besten Bedingungen." Andere, klimatisch günstige Regionen in der westlichen Levante waren zudem bereits von anderen Gruppen besetzt. Sie hätten die einwandernden Nahrungskonkurrenten wohl kaum mit offenen Armen empfangen.

Mahlsteine aus einer Siedlung der Natufien-Kulturstufe in Israel.
Mahlsteine aus einer Siedlung der Natufien-Kulturstufe in Israel.
Säen als Notlösung

"Die Leute von Abu Hureyra mussten daher eine lokale Lösung für dieses Problem finden", so der Archäologe. Und genau das taten sie offenbar auch: Sie begannen, die Samen von wildem Roggen und wildem Weizen gezielt auszusäen, um ihren Nahrungsnachschub zu sichern. Sie gelten damit als frühe Vertreter des Natufien. Indizien dafür liefern zahlreiche Reste von Roggen- und Weizenkörnern in den Ruinen von Abu Hureyra.

Interessanterweise nahm die Menge dieses Getreides kurz nach dem Klimaumschwung sogar noch zu, wie die Forscher feststellten. Zu dieser Zeit wären diese Wildgetreide in der trockener gewordenen Region aber kaum noch von selbst gewachsen. "Die dennoch anhaltende Präsenz von wildem Roggen und Weizen um Abu Hureyra deutet daher darauf hin, dass diese Wildgetreide gezielt ausgesät worden sein müssen", so Hillmans Schlussfolgerung.

Triebkraft auch anderswo?

Seiner Ansicht nach legt dies nahe, dass der Anbau von Nahrungspflanzen bei unseren Vorfahren ursprünglich aus einer Notlage entstand - als Reaktion auf schwindende natürliche Ressourcen. "Weil die Bewohner von Abu Hureyra keine Ahornsamen, Früchte und Linsen mehr fanden, begannen sie, die Samen der wenigen verbliebenen Wildgetreide zu sammeln und auszusäen", erklärt der Forscher.

Einige hundert Jahre später dann folgte bei den Bewohnern von Abu Hureyra dann auch der zweite Schritt der neolithischen Revolution: Die gezielte Auslese der Samen und die allmähliche Zucht ertragreicherer Getreidesorten. Zudem begannen sie aus Mangel an jagdbaren Gazellen, nun wilde Ziegen, Schafe und Rinder zu halten. 



Freitag, 31. März 2017

Misch- und Übergangsformen zwischen Wildbeuter- und Ackerbaugesellschaften.


    
Prä- und frühhistorische, nichtagrarische Gesellschafteninstitution logo ernährten sich vielfältiger als angenommen 

Carsten Wette
Stabsstelle für Presse und Kommunikation
Freie Universität Berlin  

Nahrungsspektren prä- und frühhistorischer, nichtagrarischer Gesellschaften waren laut einer Studie von Paläontologen und Archäologen vielfältiger als bisher angenommen. Wie die archäobotanische Untersuchung von Fundmaterial aus Nordjapan belegt, gab es bereits in der Ochotsk-Kultur im ersten Jahrtausend n. Chr. eine besondere Form hybrider Subsistenzwirtschaft. Diese war gekennzeichnet durch Jagen und Sammeln auf der einen Seite sowie Landwirtschaft mit dem Anbau vollständig domestizierter Pflanzen wie Gerste auf der anderen Seite. 

Der Anbau von Pflanzen habe aber nicht dazu geführt, dass die Gemeinschaft ihre Lebensweise als Jäger und Sammler aufgegeben hätten, fanden die Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen heraus. Die Ochotsk-Kultur war im Nordwest-Pazifik beheimatet und bisher bekannt als typische Jagdkultur, spezialisiert auf die Ausbeu- tung der nahrungsreichen Meeresküsten. Dieser Befund ist nach Einschätzung der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler das erste wissenschaftlich dokumentierte Beispiel für diese spezielle Form hybrider Subsistenz in der Frühgeschichte Ostasiens und ist deshalb von bahnbrechender Bedeutung. An der Studie waren neben dem Institut für geologische Wissenschaften der Freien Universität Forscherinnen und Forscher des Deutschen Archäologischen Instituts, der Universität Hokkaido (Japan), der University of Alberta (Kanada) und des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte beteiligt.

Die Ergebnisse wurden in der jüngsten Ausgabe des Magazins PLOS ONE veröffentlicht. "Wir waren über- rascht über den Beweis, dass auch domestizierte und selbst angebaute Pflanzen wie Gerste ein Teil der Ernäh- rung waren - der Feldbau aber trotzdem nicht zur Transformation der Jäger- und Sammlerkultur in eine Bauern- kultur geführt hat", betont Erstautor Dr. Christian Leipe, der Studie koordinierte. "Die neu gewonnenen Daten regen an, die bislang etablierte Klassifikation von Subsistenzstrategien zeitlich und räumlich fremder Kulturen zu hinterfragen. Die Ernährung des Menschen basierte während der längsten Zeit seiner Evolution auf Jagen und Sammeln, auf der Ausbeutung natürlicher Ressourcen.

Erst mit dem Beginn der gegenwärtigen Warmzeit, dem Holozän, vor etwa 11.700 Jahren, begannen Menschen in verschiedenen Teilen der Welt, Pflanzen und Tiere zu domestizieren und sesshaft zu werden. Diese Entwick- lung hin zu einer Lebensweise, die überwiegend auf Ackerbau und Viehzucht beruht, wurde lange Zeit als ein relativ schneller, nicht umkehrbarer Prozess betrachtet, der überall auf der Welt ähnlich verlief, wenn auch nicht gleichzeitig. Entwicklungstheoretische Ansätze folgten dem sogenannten Dualismusprinzip, das prähistorische Kulturen in zwei Kategorien teilte: Wildbeuter und Bauern.

Erst seit einigen Jahren setzt sich in der archäologischen Wissenschaft die Erkenntnis durch, dass viele Gemeinschaften unterschiedliche Subsistenzstrategien anwendeten, die in Gänze weder der einen noch der anderen Kategorie ausschließlich zugeordnet werden können. Angepasst an die Ressourcen ihres Naturraums bedienten sich diese Gemeinschaften sowohl wilder als auch gezüchteter Arten. Neue Erkenntnisse für das Verständnis solch hybrider Ernährungsstrategien liefern die Autorinnen und Autoren der aktuellen Studie der Freien Universität Berlin, des Deutschen Archäologischen Instituts, der Universität Hokkaido (Japan), der University of Alberta (Kanada) und des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte in Jena.

Die Analyse fossiler makrobotanischer Reste aus Kulturschichten des archäologischen Fundplatzes "Hamanaka 2" auf der Insel Rebun im Norden Japans förderte hunderte karbonisierte Samen der Nacktgerste (Hordeum vulgare var. nudum) zu Tage. Durch direkte Radiokarbondatierungen der Samen konnten die Funde der sogenannten Ochotsk-Kultur zugeordnet werden. Diese Gemeinschaft lebte während des 1. Jahrtausend n. Chr. an den Küsten des Ochotskischen Meeres und besiedelte zwischen dem 5. und 10. Jahrhundert auch Teile der nördlichen Inseln Japans. Bekannt sind die Ochotsker für ihre hochentwickelte maritime Jagdtechnik (Fisch-, Robben- und Walfang), weshalb sie bislang für klassische Jäger und Sammler gehalten wurden.

Die umfangreichen Funde von Gerste aus einem Zeitraum von mindestens 500 Jahren zusammen mit Spuren signifikanter Rodung und Öffnung der dicht bewaldeten Landschaft zeigen jedoch, dass diese Gemeinschaft von hochgradig spezialisierten Wildbeutern langfristig auch Nutzpflanzen anbaute. Feldbau war ein wesentlicher Bestandteil der Subsistenzwirtschaft der Ochotsk-Gemeinschaften in Japan.

Die Studie wurde im Rahmen des internationalen Baikal-Hokkaido Archaeology Projects (BHAP, http://bhap.artsrn.ualberta.ca/ ) durchgeführt.

Weitere Informationen
Dr. Christian Leipe, Institut für geologische Wissenschaften der Freien Universität Berlin, Telefon: 030 / 83870271, E-Mail: c.leipe@fu-berlin.de, im Internet: www.geo.fu-berlin.de/paleo

Referenz:
http://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0174397

Literaturangabe
Leipe, C., Sergusheva, E.A., Müller, S., Spengler III, R.N., Goslar, T., Kato, H., Wagner, M., Weber, A.W., Tarasov, P.E., (2017). Barley (Hordeum vulgare) in the Okhotsk culture (5th-10th century AD) of northern Japan and the role of cultivated plants in hunter-gatherer economies. PLOS ONE 12(3): e0174397

Diese Pressemitteilung auf unserer Website:
http://www.fu-berlin.de/presse/informationen/fup/2017/fup_17_062-erkenntnisse-zu...

Donnerstag, 30. März 2017

Trump und Feyerabend, II.

aus Süddeutsche.de

Trumps Politik der falschen Behauptungen
Der US-Präsident beharrt darauf, sein Vorgänger habe ihn abgehört. Ohne Beweis. Jetzt zeigt eine Studie, wie viele Amerikaner trotzdem daran glauben - und wie gefährlich Trumps Taktik ist. 

Es war ein Samstagmorgen Anfang März als Donald Trump in seinemn Ferienressort Mar-a-Lago in Florida zum Handy griff und einer seiner Lieblingsbeschäftigungen nachging. In 140 Zeichen ein ganzes Land in Aufregung versetzen. 

Diesmal erhob Donald Trump den Vorwurf, sein Vorgänger Barack Obama habe ihn während des Wahlkampfes abhören lassen. Ein Vorwurf, der Trump noch große Probleme bereiten könnte.

Und für den bisher es keine Beweise gibt. Er ist aus der Luft gegriffen. Die Chefs von NSA und FBI haben Trumps Klage bei einer Anhörung kategorisch zurückgewiesen. Allein das: ein mehr als außergewöhnlicher, ein dramatischer Vorgang. Der Präsident der USA wurde von den Geheimdienstchefs, mit denen er eigentlich eng zusammenarbeiten sollte, öffentlich bloßgestellt.


Barack Obama hat die US-Geheimdienste nicht damit beauftragt, Donald Trump im Trump Tower abzuhören. Und trotzdem glauben 47 Prozent aller Amerikaner, es sei "sehr wahrscheinlich" oder "wahrscheinlich", dass Trumps Büros während der Präsidentschaftskampagne 2016 von Regierungsstellen überwacht wurden. Bei den Republikanern glauben dies sogar 74 Prozent. Das zeigt eine aktuelle CBS-Studie. Was viele Amerikaner glauben, hat mit Fakten in diesem Fall wenig zu tun. Durchaus aber etwas mit der parteipolitischen Präferenz. 

Das zeigt auch eine andere aktuelle Umfrage, die gerade veröffentlicht wurde

 


Ohne dass sich etwas an ihrer finanziellen Situation geändert hat, erklären Republikaner nach der Wahl doppelt so oft als vier Monate zuvor, dass sie sich, was ihre finanzielle Situation angeht, jetzt besser fühlen. Doch nicht nur die Konservativen haben ihre Wahrnehmung geändert. Demokraten empfinden ihre finanzielle Situation jetzt als durchschnittlich sehr viel schlechter als zuvor unter Barack Obama.

Was sagt das aus über die Vereinigten Staaten von Amerika und den Zustand des Landes unter dem neuen Präsidenten?

Es geht nur noch um Sympathie

Vor allem machen die Zahlen deutlich, welchen Erfolg Trump mit seiner Strategie hat.
 
Trump versucht mit Aussagen ein Amerika zu schaffen, in dem Fakten eine immer geringere Rolle spielen. Das ist im Wahlkampf bereits deutlich geworden, dass er das Vorhaben auch als Präsident weiter und mit jetzt durchschlagender Wirkung betreibt, hat dann kaum mehr überrascht. Die Folgen sind im Detail noch nicht abzuschätzen. Aber sie dürften die politische Landschaft für eine lange Zeit grundlegend verändern.

Jeder misstraut jedem. Das ist die Voraussetzung für eine Politik jenseits der Fakten, wie Trump sie macht. Denn wenn die Wahrheit keine Rolle mehr spielt, dann geht es, so Trumps Kalkül, nur noch um Sympathie, darum ob er seine Wähler bedient.

Das ist Trumps Taktik. Der Präsident spricht so über die Welt, wie er glaubt, dass seine Anhänger sie sehen oder gerne sehen würden. Damit treibt er die Spaltung einer ohnehin polarisierten Gesellschaft weiter voran. Und bereitet den Boden für eine Entwicklung hin zum Autoritären. Das Autoritäre ist verführerisch, weil es einem erspart, Unfähigkeit, Differenz und Ambivalenz ertragen zu müssen.

Für die demokratische Debatte sind dagegen belegbare Fakten essentiell. Gestritten wird in der funktionierenden Demokratie darüber, was aus den Fakten folgt. Wenn es aber gar keine Einigkeit mehr gibt, wenn alles gleichzeitig wahr ist und unwahr ist, dann kann es keine ergebnisoffenen Diskussionen geben. Dann herrscht das Recht des Stärkeren.

Mittwoch, 29. März 2017

‚Finanzmarktkapitalismus‘.

Faust, Kädtler, Wolf (Hg.): Finanzmarktkapitalismus _ Cover
‚Finanzmarktkapitalismus‘ – treffende Bezeichnung für die Gegenwartsgesellschaft?

Dr. Jennifer Villarama 
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit 
Soziologisches Forschungsinstitut Göttingen (SOFI)

28.03.2017 15:46

‚Finanzmarktkapitalismus‘ dient als Chiffre für tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen. Leben, wirtschaften und arbeiten wir heute tatsächlich im ‚Finanzmarktkapitalismus‘? Mit dem Fokus auf Arbeit, Wachstum und Innovation werden in dem von Michael Faust, Jürgen Kädtler und Harald Wolf (Soziologisches Forschungsinstitut Göttingen) jüngst herausgegebenen Buch kontroverse Positionen und Befunde zu dieser Frage präsentiert. Die Debatte über das Zusammenspiel von Finanzmärkten, Finanzmarktakteuren, Unternehmen und der Arbeitswelt soll durch die neuen Forschungsbeiträge weiter vorangetrieben werden.

In den Sozialwissenschaften herrscht Einigkeit darüber, dass der mit einer zunehmenden Kapitalmarktorientierung von Unternehmen verbundene und mit Schlagworten wie ‚Shareholder Value‘ oder ‚Vermarktlichung‘ belegte Wandel neue Rahmenbedingungen für Arbeit, Beschäftigung, Innovationsfähigkeit und Wachstumsaussichten geschaffen hat. Strittig bleibt, welche Sektoren der Wirtschaft durch welche Veränderungen betroffen sind und welche Wirkungen im Einzelnen erwartet werden.

Der Göttinger Soziologe und Mit-Herausgeber Michael Faust betont: „Die Bestimmung von Zusammenhängen zwischen dem Wandel der Wirtschafts- und Finanzsphäre und den empirischen Einzelbefunden zur Entwicklung von Arbeit, Beschäftigung und Innovation wirft theoretische Probleme auf. Daher bleiben ‚große‘ Trendaussagen wie die vom Ende des ‚Managerkapitalismus oder ‚Innovations- und Wachstumsschwäche‘ als Konsequenzen des Finanzmarktkapitalismus umstritten. Dies gilt auch für die pauschale Zurechnung verschiedener Veränderungen von Arbeit und Innovationsfähigkeit zu ‚Finanzmarktkapitalismus‘ oder ‚Shareholder Value‘.

In dieser Kontroverse seien noch viele Fragen offen, zu denen der Sammelband mit Beiträgen aus der Soziologie und Ökonomie unterschiedliche Positionen und Befunde mit in die Diskussion bringe, so Faust. Darüber hinaus wird ausgelotet, wie unterschiedliche Zugänge konzeptionell und empirisch mit einander verbunden werden können. So plädieren die Herausgeber in ihren eigenen Beiträgen dafür, ‚Finanzialisierung‘ mehrdimensional und als Prozess sozialen Wandels zu begreifen, der durch vielfältige Einflüsse widersprüchlich und konfliktreich bleibt sowie für eine Theorie des Unternehmens, das nicht nur finanzialisiert sein kann.

Das neu erschienene Buch richtet sich sowohl an die Fachwissenschaft als auch an ein gesellschaftspolitisch interessiertes Publikum aus Politik, Gewerkschaften, Unternehmen und Medien.

Weitere Informationen und Kontakt: 

PD Dr. Michael Faust Soziologisches Forschungsinstitut Göttingen (SOFI) e.V. Tel.: +49 551 52205-35
 E-Mail: michael.faust@sofi.uni-goettingen.de 

Dr. Jennifer Villarama
 Soziologisches Forschungsinstitut Göttingen (SOFI) e.V. Tel.: +49 551 52205-19
 E-Mail: kommunikation@sofi.uni-goettingen.de www.sofi-goettingen.de 

Weitere Informationen: http://www.sofi-goettingen.de


Nota. -  Was man vor allem wissen wollte, ist: ob die Arbeit weiterhin die eigentliche Quelle der Wertschöpfung bleiben kann, und - wenn nicht - was sonst als Maß der Wertbestimmung an ihre Stelle tritt. Denn Wertschöpfung muss wohl sein, wo kämen sonst die Gewinne her? Eine bloße Umverteilung ohne Wertzuwachs im Ganzen würde erst zu Stagnation und dann zum Zusammenbruch führen. Ob die hier angezeigte Textsammlung überhaupt solche Fragen stellt? Sonst wollte ich sie Ihnen nicht angezeigt haben.
JE



 

Montag, 27. März 2017

Gleichheit gibt's nur durch Katastrophen.


aus derStandard.at, 27. März 2017, 16:59 
Historiker Scheidel 
Kriege und Seuchen sind Hauptfaktoren für Gleichheit 
Österreichischer Stanford-Historiker sorgt mit neuem Buch für Aufsehen

Wien/Klosterneuburg – Mehr Bildung und Sozialpolitik – beides gilt heute gemeinhin als wirkungsvolles Mittel gegen ein Auseinanderdriften von Arm und Reich. In seinem neuen Buch kommt der österreichische Historiker Walter Scheidel (Stanford University) zu dem Schluss, dass es über Jahrtausende hinweg aber vor allem Kriege und Seuchen waren, die für mehr Gleichheit sorgten. In Wien und Klosterneuburg erklärt er diese Woche seine These.

Natürlich helfen die historisch relativ neuen Instrumente der Qualifizierung durch Bildung und sozialpolitische Maßnahmen dabei, das bestehende Ausmaß an ungleicher Verteilung von Einkommen und Gütern einigermaßen im Zaum zu halten, so Scheidel. "Aber wenn es darum geht, einen bestehenden Grad an Ungleichverteilung deutlich zu vermindern, dann funktioniert das nicht so gut. Dafür braucht es – aus historischer Sicht – dramatischere Veränderungen." 

Vorträge in Wien und Klosterneuburg
 
Im Grunde könne man auch das breitere Ausrollen höherer Bildung und der Sozialpolitik als Reaktion auf die "gewaltsamen Schocks" der beiden Weltkriege in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts verstehen, so der Historiker, dessen Analyse unter dem Titel "The Great Leveler" aktuell viel mediale Aufmerksamkeit und erstaunlicherweise wenig Widerspruch in der Forschungsgemeinde auf sich zieht. In Wien referiert der 1966 ebenda geborene Historiker und Numismatiker am Montagabend an der Akademie der Wissenschaften (ÖAW) auf Deutsch, am Mittwoch hält er am Institute of Science and Technology (IST) Austria in Klosterneuburg einen Vortrag auf Englisch. 

Seine Schlüsse zieht Scheidel aus Beobachtungen über sehr lange Zeiträume hinweg: "Das hat bisher noch niemand gemacht. Wenn man sich das aber über solche Perioden ansieht, erkennt man einen Rhythmus." 

Die Ungleichheit steige langsam an oder sei auf hohem Niveau stabil. Ab und zu gebe es dann eine Art Neustart – eben durch Kriege, Seuchen oder Naturkatastrophen. "Das drückt die Ungleichheit sehr stark und oft sehr plötzlich hinunter. Wenn dieser Effekt verschwindet, kehrt man wieder zum ursprünglichen Trend der wachsenden Ungleichheit zurück. Das hat sich in Europa schon mehrfach wiederholt."
 
Ausgleich durch die Katastrophe
 
Betrachte man etwa die Französische Revolution werde auch klar, wie lange sehr ungleiche Systeme bestehen bleiben können. Denn in anderen europäischen Ländern sei die Ausgangssituation nicht unbedingt anders gewesen – Revolution fand beispielsweise im Habsburgerreich trotzdem keine statt. Der Zusammenbruch und gleichzeitig der Beginn einer größeren Veränderung Richtung materiellem Ausgleich kam erst mit der Katastrophe des Ersten Weltkrieges. 

Ausnahmen von dem überraschend simplen Mechanismus seien rar: So habe sich in Teilen Lateinamerikas die Einkommenungleichheit ungefähr seit dem Jahr 2000 ohne großen Krach verringert. Allerdings war die Ungleichheit davor in der Region schon extrem hoch. Unter solchen Bedingungen ließen sich auch mit "relativ bescheidenen Reformen" bereits sichtbare Verbesserungen erzielen. Das gebe zwar Hoffnung, ob der Weg in der Region weiter gegangen wird, sei momentan aber fraglich.
 
Europa habe sich in den vergangenen Jahrzehnten durch gesellschaftspolitische Umverteilungen in einer Phase relativer Gleichheit befunden, "jetzt sind wir vielleicht schon auf dem aufsteigenden Pfad", sagt der Historiker. In den USA habe sich die Ungleichheit in der letzten Generation mittlerweile verdoppelt. Dort würden viele schon davon sprechen, dass die Schieflage mittlerweile mit den 1920er Jahren vergleichbar sei– wenn auch auf insgesamt weit höherem Niveau. 

Eindimensionale Universitäten
 
Gewissermaßen ein Randsymptom des Auseinanderdriftens lasse sich an den US-Unis beobachten. Gerade Leute aus dem Bereich der Geistes- und Sozialwissenschaften seien von der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten völlig überrumpelt worden. Das liege daran, dass man sich hier in einer "eindimensionalen Umgebung" befinde, wo mehr oder weniger alle "einer bestimmten politischen Richtung anhängen. Es gibt 'Konservative' nur als Feindbild – und das ist ein Problem", so Scheidel. "Als Europäer war ich von Trump weniger überrascht als viele meiner Kollegen."
 
Für den Historiker, der an der Uni Wien studiert hat, war seine Arbeit an der University of Cambridge (Großbritannien) das Sprungbrett in die USA, wo er seit 2004 als Professor in Stanford tätig ist. Eine Rückkehr nach Österreich strebe er nicht an, auch wenn sich das Wissenschaftssystem in den vergangenen Jahrzehnten merklich geöffnet habe. (APA, 27.3.2017)

"The Great Leveler: Violence and the History of Inequality from the Stone Age to the Twenty-First Century", Princeton University Press, 528 Seiten, 35 US-Dollar.


Aktuelle Vorträge in Österreich
"Was reduziert Ungleichheit?", 27. März, 18.00 Uhr, Festsaal der ÖAW, Dr. Ignaz Seipel-Platz 2, 1010 Wien
"The Great Leveler", 29. März, 17.00 Uhr, Raiffeisen Lecture Hall des IST Austria, Maria Gugging. 


Nota. - Nur durch Katastrophen, was? Kriege, Seuchen, Naturkatastrophen - und Revolutionen wohl auch. Fragt sich bloß, ob und wozu man Gleichheit will.
JE