Freitag, 26. Juli 2019

Die Schule der "Annales".

aus FAZ.NET, 25.07.2019

Historikerschule der „Annales“
Im Fach blieb das Klima stabil 
Witterungsumschläge erlebte er nie als jäh, dafür spürte er sie zu früh. Emmanuel Le Roy Ladurie, gerade 90 geworden, übertreibt im autobiographischen Rückblick die Kontinuität der Historikerschule der „Annales“.

Von Thomas Kroll

Die französische Schule der „Annales“ prägte bis Mitte der achtziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts weltweit die Sozialgeschichtsschreibung und erreichte ein beachtliches Lesepublikum. Ein Bestseller war „Montaillou“, die 1975 von Emmanuel Le Roy Ladurie publizierte Alltagsgeschichte eines Dorfes in Südfrankreich an der Wende vom dreizehnten zum vierzehnten Jahrhundert, die mit ihren Übersetzungen eine Auflage von fast einer Million Exemplaren erreichte. Das Buch traf den Nerv der Zeit, weil seine Leser eine in der modernen Industriegesellschaft längst verschwundene ländliche Welt wiederzufinden glaubten. Unter Historikern machte „Montaillou“ Furore, weil das Buch Antworten auf die Frage versprach, wie man die Geschichte der Gesellschaft ohne den in die Krise geratenen Marxismus oder soziologische Modernisierungstheorien erklären konnte. Le Roy Ladurie avancierte zum Haupt der „nouvelle histoire“, die mittels anthropologischer Theorien das Subjekt und dessen Erfahrungen in den Mittelpunkt historiographischer Betrachtung rückte.

Emannuel Le Roy-Ladurie

Allerdings lehnt er selbst den Begriff der „nouvelle historie“ ab und zieht es vor, einfach nur von der Geschichtsschreibung der Annales zu sprechen. Damit betont er die Kontinuitäten sowohl in seinem Werk als auch in der französischen Historiographie, wie eine jüngst publizierte Biographie von Le Roy Ladurie zeigt, die in enger Zusammenarbeit des Protagonisten mit seinem Biographen entstanden ist (Ştefan Lemny: „Emmanuel Le Roy Ladurie“. Une vie face à l’histoire. Éditions Hermann, Paris 2018. 570 S., 22 Abb., br., 28,– ).

Le Roy Ladurie, der am 19. Juli seinen neunzigsten Geburtstag feiern konnte, ist ein Vertreter der dritten Generation der „Annales“. Er trat das Erbe von Ernest Labrousse und Fernand Braudel an, die bis in die sechziger Jahre die Fäden in der französischen Historikerzunft zogen. Da Braudel die Karriere von Le Roy Ladurie systematisch förderte, galt der junge Historiker schon früh als Kronprinz des Meisters. Als Braudel sich 1967 aus der Redaktion zurückzog, übernahm Le Roy Ladurie die Leitung.
Das Neueste aus Alteuropa in Radio und Fernsehen

1973 folgte er seinem Mentor auf dem Lehrstuhl am Collège de France, schließlich suchte und fand er sogar die Nähe zur Staatsmacht, als er während der Präsidentschaft von François Mitterrand von 1987 bis 1994 die Nationalbibliothek leitete. Diese herausragende Position verdankte sich freilich nicht nur klassischer Patronage und wissenschaftlichem Verdienst, sondern auch dem offenen Umgang mit den Medien. Le Roy Ladurie wurde in den siebziger Jahren eine Art Star in Radio und Fernsehen, wo er seine Ideen von einer Sozialgeschichte ländlicher Gesellschaften verbreitete.

Bei genauer Betrachtung lassen seine Schriften der siebziger Jahre allerdings einen Bruch mit den Vorstellungen von Braudel und Labrousse erkennen. Die zweite Generation der „Annales“ verfolgte einen szientistischen Ansatz. Man wollte das „Soziale“ durch die Erhebung umfangreicher Datenreihen vermessen. Am Ende der sechziger Jahre galt Le Roy Ladurie zunächst selbst (ähnlich wie sein Freund François Furet) sogar als jüngerer Hauptvertreter der quantifizierenden Geschichtsschreibung, die er als die einzig wissenschaftliche Form der Historie feierte.

Eindringlich warb er für die Verwendung des Computers, weil dieser dazu in der Lage sei, große historische Datenmassen zu beherrschen. Zur Berühmtheit gelangt ist das 1968 von Le Roy Ladurie formulierte Diktum, der Historiker von morgen werde Programmierer sein, oder es werde ihn nicht mehr geben. Begeisterung für den Zauber der Zahl kennzeichnete auch seine Qualifikationsschrift über die Bauern des Languedoc von 1966, welche die Grundbesitzverteilung der Region vom vierzehnten bis ins achtzehnte Jahrhundert nachzeichnete. 

Die demographische Blockade der vormodernen Gesellschaft

Obwohl Le Roy Ladurie Geschichte als Prozess auffasste, war es keineswegs der historische Materialismus von Marx, sondern die Bevölkerungslehre von Malthus, die Le Roy Ladurie als theoretische Inspirationsquelle diente. So trieb den Historiker nicht die Frage nach den Ursprüngen des Kapitalismus um, sondern das Problem, warum die vormoderne Gesellschaft kein Wachstum hervorbrachte und insofern demographisch quasi blockiert war. In mancher Hinsicht spiegeln sich in diesem historiographischen Programm Erfahrungen des dynamischen Wirtschaftswachstums und der aufkommenden Konsumgesellschaft Frankreichs während der „Trente Glorieuses“, der in der sozialdemokratischen Historiographie Westeuropas verklärten Boomjahre der Nachkriegszeit.

Der Abschied von der quantifizierenden Geschichtsschreibung hat verschiedene Gründe. Le Roy Ladurie war schon in jungen Jahren historiographischen Moden gegenüber durchaus aufgeschlossen gewesen und witterte früh entsprechende Stimmungswechsel. Wichtig war die Erfahrung der Studentenrevolte von 1968, die er tief verabscheute, mehr noch die Ölpreiskrise von 1973, die Vorstellungen eines grenzenlosen industriellen Wachstums in Frage stellte.

Als Ursache denkbar sind ferner in der Biographie weiter zurückreichende politische Erfahrungen, da Le Roy Ladurie (wie Furet oder Maurice Agulhon) jener Generation von französischen Sozialhistorikern angehörte, die sich in den fünfziger Jahren in der Kommunistischen Partei engagierten. Der KPF war Le Roy Ladurie 1949 aus Begeisterung über die chinesische Revolution beigetreten, möglicherweise jedoch auch, um den Makel wettzumachen, dass sein Vater als Minister in einem Kabinett des Vichy-Regimes gesessen hatte, bevor er sich der Résistance anschloss.

Auch wenn ursächliche Zusammenhänge zwischen historischem Werk und persönlicher politischer Entwicklung methodisch schwer zu fassen sind, spricht einiges dafür, dass der Austritt aus der KPF nach der Niederschlagung des Ungarn-Aufstands, die folgende Ablehnung der Ideologie des Marxismus, ein Zwischenspiel in der unabhängigen Linken und schließlich eine allmähliche Annäherung an den liberalen Antitotalitarismus bei Le Roy Ladurie wissenschaftliche Energien und Innovationspotentiale freisetzten. Eine Entpolitisierung ist darin allerdings nicht zu sehen. Darauf verweist nicht zuletzt das Alterswerk, in dem sich der immer noch produktive Historiker mit der Geschichte des Klimawandels befasst.

Donnerstag, 25. Juli 2019

Der Fluch des Ackerbaus.

Kulturlandschaft – aber auch Kultur? Oder steht Landwirtschaft für den Beginn der Sklavenhalterei?
aus welt.de, 18. 7. 2019

Ackerbau ist barbarisch
Ohne Landwirtschaft, sagt James C. Scott, wäre die Sklaverei nie entstanden. Sesshafte Zivilisationen seien eindeutig unkultivierter als archaische. Müssen wir jetzt wieder Jäger und Sammler werden?



Der Amerikaner James C. Scott ist ein Anarchist. Früher einmal hat er in Connecticut Schafe gehalten; heute begnügt er sich damit, an der Yale University Politikwissenschaft zu lehren. Sein wichtigstes Werk trägt den scheinbar harmlosen Titel „Seeing Like a State“. Dieses Buch handelt von lauter Versuchen, die Gesellschaft nach rationalen Maßstäben zu gestalten. Solche Rationalisierungsmaßnahmen können laut Scott nur durchgeführt werden, wenn die Gesellschaft erst einmal radikal simplifiziert wurde: Jedes Radieschen muss nummeriert (und möglichst quadratisch) an seinem Platz stehen, bevor es losgehen kann.

Die Schurken in diesem früheren Buch von Scott waren etwa Baron Haussmann, der für seine Prachtboulevards breite Schneisen durch Paris schlug und so eine brutale Ordnung in das Wirrwarr der mittelalterlichen Gassen und Gässchen brachte; oder der Architekt Le Corbusier, der am Reißbrett eine Drei-Millionen-Metropole im Urwald entwarf, Brasilia; oder Julius Nyerere, der fünf Millionen Bauern in Tansania umsiedeln ließ. Es war jedes Mal so gut gemeint, und es endete jedes Mal in Chaos und Elend. Die Helden von James C. Scotts sind die einfachen Leute, die sich den staatlichen Zwangsmaßnahmen mithilfe einer antiken Tugend widersetzten, die auf altgriechisch metis heißt – gemeint ist so etwas wie List, Bauernschläue, Lebensklugheit. Metis bewies Odysseus, als er sich von seinen Gefährten an den Mast fesseln ließ und ihre Ohren mit Wachs verstopfte, damit sie nicht Opfer der Sirenen würden. James C. Scott rät uns, den Sirenengesängen der radikalen Modernisierer besser nicht zu lauschen.

„Die Mühlen der Zivilisation“

Jetzt hat der Anarchist sich für sein neues Buch die Frühgeschichte der Menschheit angesehen, und siehe da: Es war alles ganz anders, als wir es uns bisher vorgestellt hatten. Die Standarderzählung geht so. Am Anfang waren wir alle Jäger und Sammler, und unser Leben war „scheußlich, viehisch und kurz“. Dann wurden in der Wiege der Zivilisation, also in Mesopotamien, die Landwirtschaft erfunden. Mit Kanälen wurden Felder bewässert, Getreide wurde geerntet, Äcker wurden bestellt. Zugleich wurden die ersten Städte gegründet. So entstand der Staat: Beamte, Steuern, Hierarchien und der ganze Rest. Jene, die Jäger und Sammler blieben, mussten leider draußen bleiben und hießen Barbaren; hin und wieder fielen sie über die Leute in den Stadtstaaten her, denen sie das gute Leben neideten. Der Rest der Erzählung ist eine Fortschrittsgeschichte. Nach der Sklavenhaltergesell- schaft der Antike kam der Feudalismus, auf den Feudalismus folgte der Kapitalismus, und für Marxisten gibt es dann noch – nach einer kurzen sozialistischen Übergangsperiode – das kommunistische Paradies.

Barbarische Baumwollpflückerei? Mit der Landwirtschaft begann nicht nur die Zivilisation, sondern auch die Leibeigenschaft, argumentiert James C. Scott  
Barbarische Baumwollpflückerei? Mit der Landwirtschaft begann nicht nur die Zivilisation, sondern auch die Leibeigenschaft, argumentiert James C. Scott

James C. Scott hat sich die archäologischen Befunde der letzten zwanzig Jahre angesehen und stellt die Geschichte auf den Kopf. Voilà: Mesopotamien (der heutige Irak) war 6500 v. Chr. keineswegs so trocken, dass er mit Kanälen bewässert werden musste. Das Zweistromland war ein wunderbarer Sumpf, in dem es von essbaren Tieren und Pflanzen nur so wimmelte. Das Wasser des Persischen Golfs schwappte bis vor die Tore des alten Ur. Hier ließen sich die ersten Jäger und Sammler auf Hügeln nieder – aber sie betrieben keineswegs Landwirtschaft. Sie domestizierten auch keine Tiere. Sie pflückten, was ihnen in die Finger fiel, und jagten Fische, Vögel und Schildkröten, von denen es nur so wimmelte. Und keine staatliche Autorität weit und breit! Vielleicht ist diese frühe Epoche die Grundlage für die biblische Geschichte vom Garten Eden.


Dann passierte irgendetwas, das auch James C. Scott nicht erklären kann. Die Folge dieses Irgendetwas war die neolithische Revolution: Die Menschen hörten auf, Jäger und Sammler zu sein, und fingen an, sich in Städten anzusiedeln. Eine Vertreibung aus dem Paradies! Scott nennt die frühen Städte denn auch gar nicht so; er spricht von „spätsteinzeitlichen Umsiedlungslagern für verschiedene Spezies“.

Die Folgen der neolithischen Revolution waren katastrophal. Man kann diese Katastrophe in Zahlen ausdrücken: Im Jahr 10.000 vor Christus lebten auf der Welt circa vier Millionen Menschen. Im Jahr 5000 vor Christus war die Weltbevölkerung gerade mal auf fünf Millionen angestiegen. Was erklärt dieses Beinahe-Gar-nicht-Wachstum? Die Antwort: Seuchen. Je mehr Menschen auf einem Fleck zusammenlebten, desto rasanter konnten sich Pest, Cholera und Typhus ausbreiten. Da die Menschen in unmittelbarer Nachbarschaft zu ihren Haustieren lebten, teilten sie mit ihnen Würmer, Larven, Viren und Bazillen.


Zu diesen Seuchen kam als weitere Plage: der Staat. Diese Plage gründete sich auf den Anbau von Getreide, und zwar nur von Getreide. Scott schreibt: „Die geschichtlichen Quellen berichten von keinen Maniokstaaten, keinen Sago-, Yamswurzel-, Taro-, Mehlbananen-, Brotfrucht- oder Süßkartoffelstaaten.“ Dies hat einen einsichtigen Grund: Getreide ist am einfachsten zu besteuern. Yamswurzeln wachsen in der Erde, sind also schwer zu inspizieren. Hülsenfrüchte haben keine feste Erntezeit. Getreide reift genau einmal im Jahr, und wogende Weizenfelder sind schwer zu verstecken.

In engstem Zusammenhang damit steht die Erfindung der Schrift. Die ersten Keilschrifttafeln bestehen aus „Listen, Listen, Listen“: Es wird aufgeführt, wie viel Gerste geerntet wurde, wie viele Kriegsgefangene gemacht wurden, wie viele weibliche und männliche Sklaven heimgeführt wurden. Die Sklaven wurden gebraucht, um das Getreide zu ernten; zu den ältesten Bildnissen der Menschheitsgeschichte gehören Darstellungen von Leuten in Halsketten, die in Kolonnen zur Arbeit geführt werden. Damit man mehr Sklaven fangen konnte, wurde von Zeit zu Zeit ein Krieg nötig. Und natürlich war die Organisation des Ganzen nicht ohne Spezialisten möglich: Priester, Diener, Verwalter.

Die Barbaren, die vor den Stadtmauern bleiben, erscheinen aus dieser Perspektive gar nicht als die zu einem unizivilisierten Leben Verdammten. Sie kommen uns eher wie anarchische Scharen von Freien und Gleichen vor, denen es gelungen war, sich nicht von den Verwaltern des Gulag einfangen zu lassen. Und jene „dunklen Zeitalter“, in denen Städte zusammenbrachen – sei es wegen Naturkatastrophen, sei es, weil sie ihre Umwelt ökologisch zu sehr ausbeuteten –, sind für James C. Scott Augenblicke der Befreiung: „Dunkel – für wen?“, fragt er.

Sklaven wurden gebraucht, um das Getreide zu ernten, argumentiert James C. Scott  
Sklaven wurden gebraucht, um das Getreide zu ernten, argumentiert James C. Scott  

Das goldene Zeitalter der Barbaren brach an, als sie anfingen, die zivilisierten Staaten nicht nur zu plündern, sondern auch mit ihnen Handel zu treiben. Die keltischen oppida am Rand der römischen Republik waren multiethnische Handelsposten, die Getreide, Öl, Wein, feines Tuch importierten und den Römern im Gegenzug Rohstoffe, Wollsachen, Leder, Pökelfleisch, ausgebildete Hunde und Käse schickten. Dieses goldene Zeitalter dauerte viele Jahrtausende. An ihrem Untergang waren die Barbaren dann selber schuld.

Entweder eroberten sie die Reiche, denen sie gegenüberstanden – den Chinesen etwa ist das zwei Mal in ihrer Geschichte passiert. In diesem Fall hörten sie sofort auf, Barbaren zu sein, und wurden zu einer neuen Elite. („Man kann ein Königreich zu Pferde erobern“, sagt ein chinesisches Sprichwort, „aber um zu herrschen, muss man absteigen.“) Oder sie ließen sich vom jeweiligen Machtzentrum als Söldner anwerben und waren damit nicht mehr frei. Oder aber die Barbaren verkauften ihresgleichen an die Zentren der Zivilisation – denn zu den Waren, mit denen sie handelten, gehörten selbstverständlich auch Sklaven – und bedachten nicht, dass irgendwann sie selber am Ende dieser brutalen Nahrungskette stehen würden.

Heute gibt es praktisch keine Barbaren mehr. Die riesigen multiethnischen Stadtstaaten, die rund um den Globus entstanden sind – Lagos, Mumbai, New York, Schanghai, Mexico City – sind keine Straflager. Sie wachsen, weil die Landbevölkerung mit den Füßen abstimmt und freiwillig in die urbanen Ballungszentren zieht. Eine neue „Verstreuung“ der Stadtmenschen über den Globus ist schon aus ökologischen Gründen nicht wünschenswert. Allerdings stellt sich die Frage, ob die Stadtbewohner von den Tugenden der Barbaren – Faulheit, Renitenz, Staatsverdrossenheit – nicht allerhand zu lernen hätten.

James C. Scott: Die Mühlen der Zivilisation. Eine Tiefengeschichte der frühesten Staaten. Suhrkamp, 400 S., 32 €.


Nota. - Als Persiflage des überlieferten bürgerlichen Fortschrittsdogmas ist das vorzüglich, denn in Wahrheit war es eine Apotheose der Arbeit - freilich der Arbeit von Andern, und damit sich jene das Joch nicht etwa vom Halse schüttelten, wurden die Staaten gebildet: Ansammlungen bewaffneter Menschen.

Soll das aber heißen, wir hätten es damals anders anfangen und hätten unsere Geschichte anders gestalten sollen - und sollten sie womöglich zurückdrehen und nochmal von vorn beginnen?

Dass man auf so eine Frage überhaupt kommen kann, setzt jedoch faktisch voraus, dass die Geschichte so verlaufen ist, wie sie verlaufen ist, denn erst intellektueller und technologischer Fortschritt habe uns in die Lage versetzt, uns eine absichtlich selbstgemachte und bezweckte Geschichte auch nur vorzustellen. Es wäre doch nötig gewesen, dass unsere Vorfahren sämtlich oder doch in großer Mehrheit übereingekommen wären, den Weg des Getreideanbaus nicht einzuschlagen und schon seine Anfänge an der Wurzel auszurotten - und stattdessen einen andern Weg zu planen. Nicht nur fehlten Institionen und Instanzen, die den erforderlichen Austausch von Gesichtspunkten und die Ausbildung alternativer Projekte möglich gemacht hätten; es fehlten zuerst einmal die Kenntnisse, die nötig gewesen wären, um sie als wünschenswert zu erachten. Historische Erfahrungen muss man, um  sie beherzigen zu können, erst einmal gemacht haben. 

Die Frage, ob die Geschichte so, wie sie verlaufen ist, notwendig war, verdunkelt mehr als sie erhellt. Sie müsste in diesem Falle ja einem intelligent design gefolgt sein - und wer sollte das entworfen haben? 


Wir müssen sie vielmehr anschauen wie die Naturgeschichte: als Auslese der unter gegebenen Umständen wahrscheinlichsten Lösungen. Nehmen wir an, neben den getreidebauenden Gemeinden im Fruchtbaren Halb- mond habe es Maniok-, Yamswurzel- und Kartoffel-bauende Gemeinschaften gegeben, die mit den umherstrei- fenden Jäger- und Sammler-Gruppen im fredlichem Austausch gelebt hätten. Hätten die sich neben den Getrei- debauern dauerhaft behaupten können, die ihre Mitglieder ja nur kümmerlich nähren konnten? Nach Scotts Überlegung nicht, denn sie haben eben keine... Staaten gebildet, und das sind Ansammlungen bewaffneter Menschen. Gegen die könnte man sich nur durch Mauern und eine Ansammlung bewaffneter Menschen schützen...
JE


Montag, 22. Juli 2019

War das aristokratische Rom auch demokratisch?

aus FAZ.NET, 18.07.2019                                                                                      Forum Romanum 

Fergus Millar ist tot
Direkter Demokrat
Er provozierte eine der heftigsten Debatten in der jüngeren Geschichte seines Faches: Zum Tod des englischen Althistorikers Fergus Millar. 

Von Simon Strauss
 

Im sonst eher beschaulichen Forschungsumfeld der Althistorie steht sein Name für eine der schärfsten Debatten in der jüngeren Fachgeschichte. Ab Mitte der achtziger Jahre veröffentlichte der Oxforder Camden Professor Fergus Millar eine Reihe von Aufsätzen, in denen er die „orthodoxe“ Bewertung der römischen Republik als aristokratische Ordnung in Frage stellte und für eine stärkere Beachtung ihrer „demokratischen Elemente“ plädierte. Für die Durchsetzung der „Orthodoxie“ machte er vor allem eine deutsche Forschungstradition verantwortlich, die ihr Augenmerk zu stark auf die Klientel- und Patronagebeziehungen einer herrschenden Klasse und die Entscheidungsmacht des römischen Senats gelegt hätte. 
 
Dagegen stellte Millar die verschiedenen römischen Volksversammlungen als wichtige institutionelle Macht dar und betonte den Umstand, dass sich in Rom jeder noch so hochgeborene Politiker dem Volk zur Wahl stellen musste. Von einer Aristokratie könne im republikanischen Rom keine Rede sein, es habe sich vielmehr – frei nach Polybios – um eine „direkte Demokratie“ gehandelt, die der athenischen Ordnungsstruktur vergleichbar sei. 
 
Die „Fergus-Millar-Debatte“

Auf Millars provokative – und bald als „revisionistisch“ gebrandmarkte – These reagierte das Fach wie ein aufgescheuchter Bienenschwarm, in dessen Bau jemand mit spitzem Stock hineingestochen hatte. Nahezu monatlich erschienen damals entrüstete Gegendarstellungen, etwa mit Verweis auf ungerechte Abstim- mungsmodalitäten und die einflussreiche Rolle der Versammlungsleiter. Aber die sogenannte „Fergus-Millar-Debatte“ setzte im Fach auch neue Energien frei, um sich mit der Frage nach dem tatsächlich zwitterhaften Wesen der römischen Republik und dem erstaunlich langlebigen Zusammenhalt von Elite und Masse zu beschäftigen. Statt staatsrechtlicher oder prosopographischer Erklärungen suchte man nun allerdings eher in der integrativen Wirkung politischer Kultur und ritualisierter Erinnerung die Gründe für diesen Zusammenhalt. 
 
Deutsche Hegemonie
 
Fergus Millar, der nach seinem Wehrdienst bei der Royal Navy in den fünfziger Jahren am Oxforder Trinity College studierte und bei Ronald Syme über Cassius Dio promovierte, später Nachfolger von Arnaldo Momigliano am University College London wurde und danach für den Rest seines lehrenden Lebens nach Oxford zurückkehrte, hatte sich vor seinen pointierten Aussagen zur Republik insbesondere mit der kaiserlichen Verwaltung vom ersten bis vierten nachchristlichen Jahrhundert beschäftigt. Der Versuch, den römischen Kaiser als politischen Amtsträger zu fassen, der – im Büro arbeitend wie ein moderner Beamter – auf Anfragen reagierte, schloss trotz heftiger Abgrenzung von der deutschen staatsrechtlichen Forschung etwa eines Theodor Mommsen im Grunde wieder an diese an. In Millars Person lebte immer auch das Bestreben der englischen Forschung fort, ihre Eigenart zu bewahren und gegen die im Fach allgegenwärtige deutsche Hegemonie zu verteidigen. Nicht unbedingt die Antworten, die er gab, aber auf jeden Fall die Fragen – auch die unbequemen –, die er stellte, haben dann aber eher zu einer Annäherung beider Forschungskulturen geführt.

In späteren Jahren widmete sich Millar verstärkt den institutionellen Verschiebungen in der Spätantike und verfasste ein Standardwerk zur Ordnung des Oströmischen Reiches. Zuletzt war er nicht mehr bei der Alten Geschichte, sondern am Institut für Orientalistik angesiedelt. Am vergangenen Montag ist der 2010 von Queen Elizabeth geadelte und von seinen Schülern als „towering figure“ bewunderte Nestor britischer Altertumswissenschaft kurz nach seinem vierundachtzigsten Geburtstag gestorben.




Sonntag, 21. Juli 2019

Wie das Wissen öffentlich wurde.


Albertus Magnus
aus derStandard.at, 17. Juli 2019

Schon damals waren Beziehungen für die Karriere wichtig
Datenbank zeigt persönliche Netzwerke mittelalterlicher Gelehrter
Bern – Wissenschafter der Uni Bern haben mit Kollegen die Lebenswege von 60.000 mittelalterlichen Gelehrten in einer Online-Datenbank zusammengefasst. Sie zeigt die persönlichen Netzwerke, die damals genau wie heute entscheidend für die Karriere waren.

Seit mehr als zehn Jahren sammeln und digitalisieren Wissenschafter der Universität Bern und der Justus-Liebig-Universität Giessen (Deutschland) die Lebenswege von Gelehrten im Mittelalter. Das Forschungs- und Digitalisierungsprojekt RAG (Repertorium Academicum Germanicum) rückt nicht nur den einzelnen Gelehrten, sondern den ganzen Gelehrtenstand in das Blickfeld der Forschung, wie Co-Projektleiter Rainer Schwinges von der Universität Bern erklärte.

Beziehungssache

Damit werden plötzlich umfassend die persönlichen Netzwerke sichtbar, die damals wie heute entscheidend für die Karriere waren und auch so bekannte Persönlichkeiten wie Erasmus von Rotterdam und Martin Luther beeinflussten. Schon damals lief vieles über Beziehungen. Wer ging mit wem zur Uni? Wer traf auf wen im Zuge seiner Reisen? Woher bekamen die Gelehrten womöglich Inspiration?


Diesen Fragen hilft die nun öffentlich zugängliche Online-Datenbank des Projekts auf den Grund zu gehen. Sie umfasst rund 60.000 Personen, die zwischen 1250 und 1550 an einer Universität Europas promoviert habe.

Visualisierte Reiserouten

Die Datenbank erlaubt es den Nutzenden, die Gelehrten nach Herkunftsort, Studienfach oder den besuchten Universitäten zu gruppieren, wie die Universität Bern am Dienstag mitteilte. Man kann aber auch ihre Reisen auf einer Karte darstellen oder ihre Beziehungen zu anderen Gelehrten visualisieren.

In der Datenbank finden sich auch Gelehrte aus dem Gebiet der heutigen Schweiz, obwohl junge Männer damals fürs Studium weiter reisen mussten. Die erste Universität der Schweiz entstand erst 1460 in Basel. Frauen war der Zugang zum Studium generell verwehrt.

Unter den insgesamt 1250 Schweizer Gelehrten in der RAG-Datenbank finden sich neben bekannten Namen wie Johannes Calvin auch weitaus weniger bekannte Schweizer Gelehrte aus kleineren Ortschaften. (APA, red,)

Link


Samstag, 20. Juli 2019

Im grünen Morast beginnt's zu gären.


aus welt.de, 19. 7. 2019

Was für eine Kandidatin wollt ihr denn? Mutter Teresa?
Der Grüne Werner Schulz kritisiert in einem offenen Brief das Verhalten seiner Partei bei der Wahl Ursula von der Leyens zur neuen EU-Kommissionschefin. Dieses sei „befremdlich und merkwürdig“ gewesen, so der Bürgerrechtler.

Liebe Freundinnen und Freunde,

ich bin schwer enttäuscht von euch und kann noch immer nicht verstehen, warum ihr Ursula von der Leyen bei der Wahl zur EU-Kommissionspräsidentin nicht unterstützt habt. Das ist nicht die neue bündnisgrüne Politik, die ich von euch erwarte und die sich darum bemüht, zu überzeugen und zu versuchen, Bündnis- und Kooperationspartner zu gewinnen, sondern eher ein Rückfall in grünes Fundi-Verhalten.

Eure Gratulation und die nachträglichen Erfolgswünsche sind formal und fragwürdig. Leider seid ihr eurer proklamierten Rolle als Veränderer nicht gerecht geworden, sondern steht jetzt als Verweigerer da. Von welcher Hybris muss man getragen sein, um zu erwarten, dass eine Kandidatin aus einer konservativen Partei das komplette Programm der viertstärksten Fraktion im Europaparlament übernimmt?

Werner Schulz, 69, war Mitgründer des Neuen Forums in der DDR. Später trat er den Grünen bei   
Werner Schulz, 69, war Mitgründer des Neuen Forums in der DDR. Später trat er den Grünen bei  

Im Einklang mit den ultrarechten und -linken Europagegnern und -skeptikern und den bornierten deutschen Sozialdemokraten habt ihr eine weithin bereitwillige und aufgeschlossene Kandidatin abgelehnt.

Das ist für mich als ehemaliger Europaabgeordneter nicht nachvollziehbar und irritierend. Dabei ist das Anschwärzpapier der SPD, das sogar von der ehemaligen Kabinettskollegin Barley mitgetragen wurde, ein besonders infames Dokument der politischen Denunziation. Wie tief muss man gesunken sein, um derart billige Vorwürfe in Umlauf zu bringen? 

In der Kandidatenkür versagte das Parlament 

So wie die SPD findet ihr es problematisch, dass Ursula von der Leyen keine Spitzenkandidatin war. In einer Situation, wo weder im Parlament noch im Rat eine Mehrheit für einen Spitzenkandidaten zu finden war, ihr daraus einen Vorwurf zu machen, ist absurd. Bedenklich ist doch vielmehr, warum das Parlament in der Kandidatenkür versagt und keine Stärke bewiesen hat. 

Gewiss, Ursula von der Leyen hat sich nicht im EU-Wahlkampf um das Amt der Kommissionspräsidentin beworben. Dass sie dennoch unter den besagten Umständen bereit war, diesen Knochenjob zu übernehmen und sich der Prüfung durch die Parlamentarier zu stellen, sollte eher Dankbarkeit finden.

Der Prozess der Spitzenkandidaten war kein Durchbruch zu einer europäischen Demokratie, sondern eine Selbsttäuschung, die einen faden Nachgeschmack hinterlässt. Ehrlich betrachtet, und das wisst ihr genau, war und ist die Sache nicht stringent. Manfred Weber stand bei der Europawahl nur in Bayern auf dem Wahlzettel, Frans Timmermans nur in den Niederlanden, Margrethe Vestager nur in Dänemark und unser Spitzenduo Ska Keller und Bas Eickhout nur in Deutschland beziehungsweise in den Niederlanden.

Will man das wirklich ändern und aus dem Gezerre zwischen Rat und Parlament herauskommen und tatsächlich den politischen Willen der europäischen Bürgerinnen und Bürger ermitteln, dann braucht es künftig zwei Stimmen. Eine für die Direktwahl des Kommissionspräsidenten und eine für die nationale oder transnationale Parteiliste. Das wäre eine bahnbrechende Veränderung, die bisher niemand geschafft hat und die auch eine noch so bemühte Kommissionspräsidentin nicht allein bewältigen kann. 

Warum sollte die neue EU-Kommissionspräsidentin auf euch zugehen und die Zusammenarbeit suchen, wo sie doch vielmehr denen verpflichtet ist, die sie gewählt haben? Wenn sie es dennoch tun sollte, ist es eher ihrer Souveränität und Größe zuzuschreiben als eurem kleinmütigen Verhalten. Dabei gab es so viele wichtige Gründe, sie zu wählen: 

Warum habt ihr nicht die Offerte von Donald Tusk aufgegriffen, künftig eine grüne Kommissarin oder grünen Kommissar für Umwelt und Klimaschutz zu benennen und dafür eine verbindliche Zusage der künftigen Kabinettschefin eingeholt? Sicher, es ging euch vor allem um grüne Inhalte. Aber diese lassen sich doch erfahrungsgemäß am besten über geeignete Personen transportieren.

Allein ihr Vorhaben, die CO2-Reduktion von den bisher von der Kommission geplanten 40 Prozent bis 2030 auf 50 bis 55 Prozent zu steigern und damit die Forderung des EU-Parlaments zu erfüllen, sowie die Absicht, gezielte Maßnahmen einzuleiten, die Europa bis 2050 in einen klimaneutralen Kontinent verwandeln, wären plausible Gründe für ihre Wahl gewesen. Ihr bemängelt, dass ihr „Grüner Deal“ ohne Inhalt sei. Aber das ist doch dann gerade eine Chance für euch, ihn zu füllen und ihr zu helfen!

Werner Schulz 


Nota. - Er weiß natürlich, woran es hakt, doch wenn er's sagt, geht ein Shitstorm über ihn nieder. Das ist aber gar nicht nötig, jeder weiß es ja: Welche Politik tatsächlich gemacht wird, ist ihnen weniger wichtig, als den eigenen Laden zusammenzuhalten und sich die Freiheit künftiger Kompromisse und Kombinationen zu wahren. Eine sektenhafte Lifestyle-Community eben, keine politische Partei. 
JE


Freitag, 19. Juli 2019

Merkels Rochade.


Ich kann von der Leyen nicht leiden. Das war zuerst politisch, denn kennen gelernt hat man sie als Zensursula, und später hat sie nichts getan, um das Bild zu korrigieren. Hat sie überhaupt viel getan? Und inzwischen ist es persön- lich. Die Frau ist selbstgefällig und affektiert, und wenn sie zwar rhetorisch mehr glänzt als Frau Merkel, so ist sie doch kein bisschen eindeutiger.

Es geht aber um Merkel. Das verkrampfte, aus der Nachkriegszeit überkommene staubige Parteiensystem Europas von oben, eben von Europa her aufrollen und neue Bündnisse zustande bringen, die in die einzelnen Länder zu- rückwirken - war das der Zweck der Operation von der Leyen?

Es war schon immer nur ein Gerücht, dass sie bloß reagiert und planlos in den Tag hineinwerkelt, spätestens 2017 konnten es alle sehen. Zuzutrauen ist ihr so ein Manöver. Dass von der Leyen unsympathisch ist, ist ja politisch nicht vordringlich. Wenn sie sich dem Merkel-Plan gewachsen zeigt, könnte man darüber hinwegsehen.



Donnerstag, 18. Juli 2019

Der Anti-Flynn-Effekt.

aus futurezone, 15.07.2019

Anti-Flynn-Effekt
Warum unser IQ sinkt
Unsere Intelligenzleistung ist bis vor rund 35 Jahren stetig gestiegen. Nun geht sie zurück.
 
Zwischen 1909 und 2013 ist der Intelligenzquotient der Allgemeinbevölkerung um 30 Punkte gestiegen. Bessere Ernährung, Bildung, medizinische Versorgung und Umwelteinflüsse haben laut Forschern einen sogenannten „Flynn Effekt“ begünstigt. Seit Mitte der 1980er und Anfang der 1990er-Jahre nimmt die Intelligenzleistung, besonders im europäischen Raum, jedoch wieder ab. Neuere Beobachtungen deuten sogar auf eine globale Verlangsamung und möglicherweise bevorstehende Stagnation oder sogar Umkehr des Flynn Effekts hin.

"Balancierteres" Wissen

Grundsätzlich lässt sich der Anti-Flynn-Effekt mit Veränderungen von spezifischen und allgemeinen kognitiven Fähigkeiten erklären. Allgemeinwissen ist wie auch Lese- und Rechtschreibfähigkeiten, mathematische Fähigkeiten oder Raumvorstellung eine spezielle Form von Intelligenz. Während sich die größten Zuwächse zwischen 1909 und 2013 im Bereich der Logik um 37 Punkte beobachten ließen, stiegen sie bei konkretem Wissen hingegen nur gering, um 21,41 Punkte. In Europa sind es mit knapp 18 noch weniger (siehe Grafik). Das bedeutet, dass Menschen nach den Tests besser und schneller geworden sind, abstrakte Muster zu erkennen, sich räumlich zu orientieren und eine Entscheidungsauswahl zu treffen, Vokabular, Arithmetik oder allgemeines Wissen sind jedoch schwächer ausgeprägt. „Während spezielle, einzelne Fähigkeiten stärker gefördert werden, nehmen andere nicht den gleichen Raum in Anspruch wie früher. Wir haben vor 100 Jahren scheinbar balanciertere Fähigkeiten gehabt, also von allen Formen. Heutzutage ist es wichtiger, in einzelnen Facetten besonders hohe Fähigkeiten zu besitzen“, erklärt Jakob Pietschnig, Intelligenzforscher an der Universität Wien, der futurezone.
Digitalisierung und Denken

Häufig werden Technik und Digitalisierung mit dem Wandel der menschlichen Intelligenz in Verbindung gebracht. „Hierzu höre ich immer zwei komplett unterschiedliche Meinungen. Einerseits die kulturoptimistische Sicht: Durch Computer, Handy oder Digitalisierung werden wir intelligenter, weil unser schlussfolgerndes Denken trainiert wird. Und andererseits die kulturpessimistische Sicht: Wir müssen uns aufgrund von Computern nichts mehr merken. Die Rolle der Technik ist aber unentschieden“, sagt er. Studienergebnisse würden (und können) sich alle zwei Jahre widersprechen. „Digitalisierung kann daher beide Effekte haben, aber es ändern sich die Umweltanforderungen und die Fertigkeiten, wie wir mit der Umwelt umgehen“, ergänzt der Experte. Das könne dazu führen, dass sich Testwerte ändern und wir gewisse Fähigkeiten nicht mehr haben und durch adäquatere ersetzen.

Laut Trendforscher Reinhold Popp vom Institute for Futures Research in Human Sciences an der Sigmund Freud-Privatuniversität müsste bei der Definition von „Intelligenz“ die heute weitverbreitete Arbeitsteilung zwischen der menschlichen und der künstlichen Intelligenz stärker berücksichtigt werden. „Ob man die hoch spezialisierten Leistungen von digitalisierten Maschinen als ,Intelligenz’ bezeichnen kann und soll, ist jedoch bekanntlich umstritten.“ Unsere digitalisierten Lebensbegleiter seien beim Speichern und Verknüpfen von gigantischen Datenmengen deutlich besser als der Mensch – die Leistungsfähigkeit dieser Servicemaschinen wird laut Popp zukünftig weiterwachsen. 

Speicherung von Wissen auslagern

„Im Vergleich mit diesem sehr eingeschränkten Leistungsspektrum ist die menschliche Intelligenz ein hoch komplexes biochemisch-emotional-soziales Gesamtkunstwerk. In der gesamten Geschichte des Homo sapiens haben Menschen ihre Kompetenzen durch die Entwicklung und Nutzung von Maschinen erheblich verbessert. Deshalb ist es sinnvoll und nützlich, dass wir nun die Speicherung von Wissen und die Durchführung von Rechenoperationen an unsere digitalisierten Dienstleister auslagern“, sagt der Trendforscher. Damit könne sich der Mensch mehr auf jene Leistungen konzentrieren, die auch der beste Computer niemals beherrschen würde: das Verstehen, Planen und kreative Gestalten von komplexen Zusammenhängen im Zusammenspiel mit rationaler Analyse, sozialer Empathie und ethisch fundierten Werturteilen. Diese Entwicklungen verändere unsere Intelligenz.

Dabei handelt es sich laut Popp daher vielmehr um einen Umbau unseres Intelligenzprofils und nicht 
um einen Abbau der Intelligenz. Und er bietet einen Lichtblick: „Wenn man die von uns kontinuierlich genutzten Leistungen unserer „intelligenten“ Maschinen mitberücksichtigt, und die Entwicklung unserer emotionalen und sozialen Kompetenz einbezieht, würde die menschliche Intelligenz zukünftig wahrscheinlich weiterwachsen.“ 

Migration als Hinweis

Neben der Digitalisierung wurden in wissenschaftlichen Kreisen in jüngster Zeit auch Migrationsströme für das Ende des IQ-Höhenflugs verantwortlich gemacht. Pietschnig: „Diese Hypothese wurde auf theoretischer Basis dargebracht, ohne empirische Überprüfung.“ Er und seine Kollegen Martin Voracek und Georg Gittler wollten diesen Behauptungen auf den Grund gehen und haben Faktoren wie Asylwerber, Nettomigration und absolute Migration analysiert, um die Testleistung in einem Land, insbesondere Österreich, vorherzusagen. „Fazit ist: es kommt nie eine Verknüpfung zur Migration heraus. An dieser Hypothese ist also nichts dran“, sagt er. Das liege alleine schon daran, dass Stichproben, die den Flynn-Effekt untersuchen, Migration gar nicht betreffen. „Wenn jemand aufgrund von Konflikten oder Krieg rasch in ein anderes Land abwandern muss, wird es außerdem nicht sein erster Schritt sein, einen Test zur Intelligenzleistung zu machen“, so der Experte.

Einfluss von Hitze auf Denkvermögen 

Fast jährlich erscheint  eine neue Studie, die besagt, dass Hitze  unser Denkvermögen vermindert. Unter anderem haben Umweltmediziner der Harvard Chan School die morgendliche Reaktionsschnelligkeit von gesunden Studenten vor, während und nach einer Hitzewelle in Boston untersucht. Das Ergebnis: Das Gehirn leidet bei zu hohen Temperaturen – der Mensch hat das Gefühl, nicht so viel leisten zu können, wie er eigentlich sollte. Was laut den Forschern hinzukommt, sind Schlafmangel, das Unterbrechen der inneren Uhr und die höhere Wahrscheinlichkeit, nicht ausreichend Wasser zu trinken. 

Diesen Sommer haben wir in Europa eine Rekordhitze erreicht. Eine Bedrohung für die menschliche Intelligenz?  „Mit dem Flynn Effekt hängt Hitze nicht zusammen. Bei Hitze geht es nicht um interindividuelle, sondern um intraindividuelle Unterschiede. Man weiß, dass, wenn uns beispielsweise zu heiß ist, wir keine guten IQ-Leistungen erbringen“, erklärt der Wiener Forscher Pietschnig. Wir seien gut darin, Testleistungen zu erbringen, je wohler wir uns fühlen. „Dafür brauchen wir ein mittleres Erregungsniveau: keine Schmerzen, nicht zu heiß, nicht langweilig, etc. Dann erbringen wir die beste Testleistung.“