Samstag, 14. Dezember 2019

Sklaverei in der Renaissance.

Galeeresklaven, Detail aus: Kriegszug Kaiser Karls V. gegen Tunis, Jan Cornelisz Vermeyen, 1546/1550
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Vormoderne Sklaverei am Mittelmeer
Dass es im Mittelmeer-Raum Sklavenarbeit auf Baumwollplantagen bereits im Mittelalter gab, ist wenig bekannt – ebenso wenig, dass Europäer in der Neuzeit in Nordafrika als Sklaven gehalten wurden. Ein neues Forschungsnetzwerk beleuchtet die Sklaverei nun aus globaler Perspektive.
„Am Ende des Mittelalters kehrte die Sklaverei zurück nach Europa“, sagt die Arbeitshistorikerin Juliane Schiel von der Universität Wien. Im Italien des 14. und 15. Jahrhunderts betrieben die aufstrebenden Seemächte Venedig, Pisa und Genua überregionalen Handel in neuen Dimensionen: „Neben anderen Gütern hat man dann auch Sklavinnen und Sklaven transportiert.“ Geholt hat man vor allem Frauen aus dem Schwarzmeerraum: Russinnen, Tscherkessinnen, Mongolinnen. Dort waren die italienischen Seeleute übrigens nicht die einzigen, die auf Menschenjagd gingen: „Im muslimischen Raum war der Menschenhandel schon seit Jahrhunderten etabliert und viele Sklavinnen und Sklaven in der muslimischen Welt kamen ebenfalls aus dem Schwarzmeerraum.

Vermögende hatten in der Renaissance eine Sklavin

Lange ging man in der Geschichtswissenschaft davon aus, dass mit dem Ende der Antike auch die Sklaverei aus der westlichen Welt verschwand und der Leibeigenschaft Platz machte. Das mag vielleicht auf die Männer zutreffen, meint Schiel: „Wenn wir auf die Frauen schauen, haben wir eine viel stärkere Kontinuität von Versklavungspraktiken von der Antike bis ins Mittelalter.“ Durch den mediterranen Handel im Spätmittelalter nahm der Menschenhandel dann quantitativ zu. Zahlen seien für diese Zeit dennoch sehr schwierig zu nennen, sagt Schiel: „Was wir sagen können, ist, dass in jedem einigermaßen vermögenden Haushalt der größeren Städte der italienischen Renaissance mindestens eine Sklavin gelebt hat.“

Etwa ein Viertel der versklavten Menschen in den italienischen Seereichen waren Männer. Sie dienten beispielsweise als Plantagenarbeiter, etwa auf Kreta, das vom 13. bis ins 17. Jahrhundert eine venezianische Kolonie war, erklärt Schiel: „Kreta sollte die Kornkammer des venezianischen Seereichs werden. Man hat dort massiv investiert, um die Bodenerträge zu erhöhen. Dafür hat man auf männliche Sklaven zurückgegriffen.“ 

Piraten auf Sklavenjagd

Auch in der Neuzeit verschwand die Sklaverei nicht aus dem Mittelmeerraum: Zwischen dem 16. und dem 18. Jahrhundert wurden mehrere hunderttausend Europäer von nordafrikanischen Piraten als Sklaven gefangen genommen und in Tunis, Algier, Tripolis und Salé verkauft und festgehalten. Bei den Opfern handelt es sich überwiegend um Männer. Primäres Ziel war es, Lösegeld zu erpressen. „Man geht in der Forschung davon aus, dass 25 Prozent des Haushaltsbudgets der nordafrikanischen Staaten damals aus Lösegeldern bestand“, sagt Mario Klarer, von der Universität Innsbruck. Der Amerikanist und Historiker ist Autor des Buchs „Verschleppt – Verkauft – Versklavt: Deutschsprachige Sklavenberichte aus Nordafrika“ und forscht zu europäischen Sklaven im Nordafrika der Neuzeit.

Eines der berühmtesten Opfer war wohl der spanische Schriftsteller Cervantes, der fünf Jahre in Algier versklavt war. Mario Klarer sagt: „Die Arbeitskraft spielte nicht so eine Rolle wie beispielsweise später, als afrikanische Sklaven in die amerikanischen Kolonien gebracht wurden. Der kapitalbringendste Sklave war der, der am meisten Lösegeld einbrachte.“ Wurde kein Lösegeld bezahlt, endete man als Haussklave oder landete auf einem Kriegsschiff: „Rudersklave kam einem Todesurteil gleich.“ Umgekehrt wurden auch hunderttausende Menschen aus Nordafrika von europäischen Freibeutern versklavt und auf Galeeren zum Rudern eingesetzt.
Illustration des Sklavenmarktes in Algier, Algerien, 17. Jahrhundert
Sklavenmarkt in Algier, 17. Jahrhundert

Der überwiegende Teil der versklavten Menschen fristete ein Leben unter schlimmsten Bedingungen, für einzelne konnte die Versklavung aber einen ökonomischen Aufstieg bedeuten, so Klarer: „Hochqualifizierte Sklaven wie Navigatoren, Schiffskapitäne oder Zimmerleute konnten steile Karrieren hinlegen. Als Sklave in Nordafrika musste und durfte man für seinen Lebensunterhalt selbst aufkommen.“ Indem man zum Islam konvertierte, konnte man seine Situation auch verbessern: „Dadurch konnte man es an die Spitze der nordafrikanischen Gesellschaft schaffen. Frei wurde man dadurch nicht und man verwirkte so die Möglichkeit auf einen Freikauf durch eine christliche Organisation.“ Die nordafrikanische Piraterie nahm solche Ausmaße an, dass es in Europa professionelle Freikäufer gab. In Norddeutschland entstanden dadurch auch die ersten Sozialversicherungen, sagt Klarer: „Es gab Sklavenkassen, in die die Reeder einzahlten, um ihre Seeleute im Falle eines Piratenangriffs freizukaufen.“

Mehr analytische Schärfe, weniger blinde Flecken

Die mittelalterlichen und neuzeitlichen Formen der Sklaverei seien angesichts des transatlantischen Sklavenhandels in Vergessenheit geraten, sagt die Arbeitshistorikerin Juliane Schiel. Bei diesem sind ab dem 16. Jahrhundert schätzungsweise zwölf Millionen Menschen aus Afrika in die amerikanischen Kolonien verschleppt worden. Das sei aber nur ein bestimmter Zeitausschnitt, der in der Geschichte der Sklaverei eine gewisse Ausnahme darstellt, so Schiel: „Diese extremste Form der körperlichen Ausbeutung und der Entrechtung menschlicher Körper in dieser Größenordnung ist eigentlich eine Anomalie im globalhistorischen Vergleich von Sklavereien.“ Dennoch bestehe ein Zusammenhang: „Die Plantagensklaverei ist eigentlich keine Erfindung der Kolonialen in Amerika, sondern ist im mediterranen Raum bereits praktiziert worden, etwa auf Mallorca oder Kreta. Wir vergessen, dass es das schon so früh gegeben hat, wenn auch nicht im selben Ausmaß.“

Unterbeleuchtet – sowohl geschichtswissenschaftlich, als auch im öffentlichen Bewusstsein – ist auch der Sklavenhandel, der mehr als ein Jahrtausend lang im Indischen Ozean betrieben wurde. Dabei wurden einerseits vom 7. bis ins 19. Jahrhundert ostafrikanische Sklavinnen und Sklaven in den arabischen Raum verschleppt, andererseits wurde auch zwischen Asien und Afrika mit Menschen gehandelt.

Für die (historische) Sklavereiforschung stellt sich die Frage, wie man Sklaverei definiert und abgrenzt, etwa von Zwangsarbeit. „Die Sklavereiforschung hat sich lange daran orientiert, ob es in einer Gesellschaft einen legalen Rechtsstatus des Sklaven gab. Dadurch ergaben sich viele blinde Flecken“, sagt Juliane Schiel. Beispielsweise sei so die Sklaverei im venezianischen Seereich gar nicht zu fassen gewesen, weil es zwar de facto Sklavinnen und Sklaven gab, de jure allerdings nicht. Ein weiter Begriff von Sklaverei, der alle Situationen umfasst, in denen Menschen zu Besitz bzw. Ware werden, sei zwar politisch oft sinnvoll, etwa, wenn es um moderne Formen der Sklaverei geht, analytisch aber sehr unscharf.

Vor Kurzem hat sich ein internationales Forschungsnetzwerk zum Thema „Arbeit und Zwang“ gegründet, dessen Vorsitzende Juliane Schiel ist. Es ist EU-gefördert, versammelt etwa 200 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit und hat im November 2019 seine Arbeit aufgenommen. Eines der Ziele des Netzwerkes ist es, eine globalhistorische Perspektive auf die verschiedenen Formen der Sklaverei zu entwickeln – von den Ursprüngen bis zur Gegenwart.
Katharina Gruber, ORF-Wissenschaft

Freitag, 13. Dezember 2019

Die andere Seite des Sklavenhandels.

aus Tagesspiegel.de, 

Historikerstreit um Sklaverei
Wie afrikanische Eliten mit kolonialen Regimen zusammen- arbeiteten
Nicht nur Opfer der Sklaverei: Der senegalesische Historiker Ibrahima Thioub erklärt in Berlin, warum westafrikanische Gesellschaften auch Täter waren.

von Giacomo Maihofer

Sklavenhandel gilt heute als eines der größten Menschheitsverbrechen der Moderne. Zwölf Millionen Menschen wurden von Europäern bis ins 19. Jahrhundert auf den amerikanischen Doppelkontinent deportiert und versklavt, oftmals unter grausamsten Verhältnissen. Dieser Prozess bildet für viele postkoloniale Denker die Grundlage des antischwarzen Rassismus. Und er begründet einen Kreislauf kolonialer Gewalt und Abhängigkeit, der in den USA und den Staaten der Subsahara nachwirkt. „Die Sklaverei ist die blutende Wunde unter den Narben der Gesellschaft“, schrieb einst der ghanaische Poet Opoku Agyemang. 

Und doch wurde ihr Erbe gerade in den westafrikanischen Ländern lange verdrängt. Denn die Gesellschaften an den Küsten waren nicht nur Opfer, sondern auch Täter. Erst seit einigen Jahren wird dieser Aspekt der Erinnerung öffentlich thematisiert. Die lange Zeit dominanten nationalen Geschichtsschreibungen geraten dabei in Ländern wie Ghana oder dem Senegal in die Kritik. Es ist ein regelrechter Historikerstreit entbrannt.

Einer der Wortführer in dieser Debatte ist der senegalesische Historiker Ibrahima Thioub, Rektor der Universität von Dakar. Der 64-Jährige forscht seit über zwanzig Jahren zum Thema – und sieht sich als Störenfried der Debatte. Mit scharfen Worten kritisiert er die westafrikanischen Eliten und viele seiner Historikerkollegen, gerade aus der ersten Generation nach der Unabhängigkeit in den 1960er Jahren. Das wurde auch bei einem Auftritt in Berlin am Mittwoch deutlich.


Die eigene Rolle wurde nie thematisiert

„Sie haben die Forschung zur Sklaverei unterdrückt“, sagte Thioub jetzt im deutsch-französischen Forschungszentrum für Sozial- und Geisteswissenschaften Centre Marc Bloch. Ein Befund, zu dem auch die israelische Historikerin Ella Keren vor einigen Jahren kam, als sie die ghanaische Geschichtsschreibung untersuchte. Ihr Fazit: Die Historiker hätten die eigene Rolle in der Sklaverei nicht thematisiert, weil sie nicht in das Bild der glorreichen Vergangenheit der eigenen Nation passe.

Schon in den 1960er Jahren machte der guyanische Historiker Walter Rodney in seinem Buch „How Europe Underdeveloped Africa“ auf die Kooperation zwischen afrikanischen Eliten und den kolonialen Regimen aufmerksam. Sie hätten die afrikanischen Massen gemeinsam ausgebeutet. Das kritisiert auch Thioub. „Meine Vorfahren waren an diesem Prozess beteiligt“, sagt der Historiker. Die westafrikanischen Eliten hätten ihre Landsleute entführt und zu ihrem eigenen Vorteil den Europäern ausgeliefert. Sie hätten gemeinsam ein Sklavensystem aufgebaut.

„Nicht jeder Schwarze wurde Gefangener“

Die Kritik, die Thioub äußert, rüttelt am Selbstverständnis vieler westafrikanischer Nationen. Dabei geht es nicht darum, die grundsätzliche Verantwortung der Europäer für die Verbrechen des Sklavenhandels und Kolonialismus in Frage zu stellen, sondern sich den unterschiedlichen und konflikthaften Erinnerungen dieser traumatischen Vergangenheit zu stellen.

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aus welt.de, 6.12. 2019

...Afrikanische Sklaven wurden vor allem deshalb in die Neue Welt verschleppt, weil sie – die in der Wiege der Menschheit lebten – gegen das Gelbfieber eine gewisse Immunität entwickelt hatten. Die Europäer waren überhaupt nur deshalb imstande, ungefähr zwölf Millionen afrikanische Männer, Frauen und Kinder zu schnappen, weil sie ihnen in Forts an der afrikanischen Westküste von anderen Afrikanern verkauft wurden. Kein Weißer konnte ins Innere des schwarzen Kontinents vordringen; dort lauerte der Tod.
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Das Bild vom Schwarzen als pauschalem Opfer verschleiere die Machtverhältnisse und Ausbeutungsstrukturen auf dem Kontinent. „Alle Gefangenen waren Schwarze. Aber nicht jeder Schwarze wurde Gefangener“, mahnt Thioub. Wer sich bloß auf die Hautfarbe konzentriere, stärke zwar die gemeinsame Identität, erschwere aber eine historische Lesart des Problems.

Die Sklaverei ist längst nicht Geschichte

Thioub zieht durchaus Parallelen zur heutigen Situation und der gegenwärtigen Migrationskrise. Auch sie sei ausgelöst durch eine stillschweigende Übereinkunft zwischen afrikanischen Eliten und westlichem Kapital, die die Ausbeutung der Massen zum Ziel hätte. Die Sklaverei sei zwar abgeschafft, aber längst nicht Geschichte. Sie überdauere in den Verwüstungen und Entführungen der Bürgerkriege, der Zwangsarbeit in den Minen und auf den Plantagen, der Prostitution.

Wer die sogenannte Flüchtlingskrise verstehen wolle, der müsse sich der Komplexität der afrikanisch-europäischen Geschichte und ihrer Ausbeutungsverhältnisse stellen, sagt Thioub. Es reiche eben nicht mit dem Finger auf den jeweils anderen zu zeigen.

Dienstag, 10. Dezember 2019

Gab es unter Franco in Spanien Fortschritt?

Franco mit dem Thronfolger Juan Carlos
aus Tagesspiegel.de, 10. 12. 2019

Spanien auf dem Weg zur Moderne
Francos Mann für die Reform 
Anna Catharina Hofmann erklärt, wie es dem Regime gelang, die Macht in Spanien zu behalten und das Land dennoch zu modernisieren. 

von Hannes Schwenger

Der Nachruhm von Diktatoren erreicht seine Halbwertzeit, wenn sie aus ihren Mausoleen verbannt und kurzer- hand „umgebettet“ werden, wie Stalin 1961 aus dem Lenin-Mausoleum an die Kreml-Mauer und Francisco Franco 2019 aus dem „Tal der Gefallenen“ in ein Familiengrab. Dass der spanische Caudillo 1975 als dienst- ältester Diktator Europas starb, hat seinem Nachruhm keine längere Dauer verliehen. Vielmehr urteilen die meisten Historiker, sein als „faschistisch“ etikettiertes Regime sei trotz seiner langen Dauer ein anachroni- stisches Überbleibsel im postfaschistischen Europa gewesen, sein Zusammenbruch aufgrund des sozioökono- mischen Wandels der modernen Welt unvermeidlich.

Dem widerspricht die in Freiburg promovierte Historikerin Anna Catharina Hofmann in ihrer für die Buch- ausgabe überarbeiteten Dissertation über „Francos Moderne“ als technokratische Erneuerung, die das Überleben der Diktatur unter den Demokratien des Westens ermöglicht habe. Danach sah es beim Zusammenbruch der faschistischen Vormächte Deutschland und Italien gar nicht aus, als die Vereinten Nationen auf ihrer ersten Vollversammlung Spanien als „faschistisches Regime“ verurteilten und einen internationalen Boykott empfah- len. Das Land wurde deshalb weder im Marshallplan berücksichtigt noch in die europäischen und internationa- len Organisationen aufgenommen. 

Die Isolation endet

Erst auf dem Hintergrund des Koreakriegs schien den USA die Einbindung Spaniens in den antikommuni- stischen westlichen Block geboten. 1950 bewilligte der Kongress einen Millionenkredit und entsandte amerikanische study teams für eine militärische und ökonomische Zusammenarbeit. Das Ergebnis war ein Vertrag von 1953, „in dem die USA Spanien gegen die Abtretung von Luft- und Flottenstützpunkten umfang- reiche Militär- und Wirtschaftshilfen gewährten“. Bereits 1952 konnten die Lebensmittelrationierung abge- schafft und Einfuhrbeschränkungen für Rohstoffe und Maschinen aufgehoben werden, die das Land in seiner freiwillig-unfreiwilligen Autarkie fixiert hatten. Seine Isolierung hatte bewirkt, „dass eines der Hauptziele des 1939 errichteten Franco-Regimes nicht erreicht worden war, hinter einer Mauer aus bilateralen Handelsverträ- gen, Importrestriktionen und einem System multipler Wechselkurse das Land aus eigener Kraft zu industriali- sieren und weitgehend von der Außenwelt unabhängig zu machen“. 

Kooperation gesucht

Als das Land 1956 auch noch durch eine Frostwelle gelähmt und von Studentenunruhen erschüttert wurde, sah sich das Regime genötigt, seine Aufnahme in die OEEC (European Economic Cooperation) zu beantragen, die ihre Bedenken gegen die Franco-Diktatur ebenfalls zurückstellte und in einem Bericht zur spanischen Wirt- schaftslage radikale Änderungen anmahnte: Aufgabe der inflationistischen Wirtschaftspolitik, Abwertung der Peseta, Liberalisierung des Außenhandels, weniger Staatseingriffe und Anreize für ausländische Investoren.

Es war diese Agenda, die der erst 35-jährige Professor Laureano Lopez Rodó als Mitglied im Obersten Rat für Wissenschaftliche Forschung aufnahm, um eine „Reform der Staatsverwaltung“ zu fordern. Auf Initiative des Präsidentschaftsministers und späteren Regierungschefs, des 1973 mitten in Madrid ermordeten Franco-Ver- trauten Carrero Blanco, wurde er zum Chef eines Technischen Generalsekretariats zur Durchführung dieser Reform berufen, die er mit Unterstützung der Weltbank verwirklichte. 

Gerüchte um "Opus Dei"

Dieser Aufgabe blieb er durch die Ausarbeitung dreier Vierjahrespläne zur ökonomischen – später auch sozia- len, politischen und ökologischen – Entwicklung Spaniens treu, die ihn bis in ein Ministeramt trugen und ihn zur Galionsfigur der technokratischen Erneuerung des Regimes machten. Mit taktischem Geschick schaltete er den Widerstand der traditionellen Falange und der faschistischen Einheitsgewerkschaft aus, um sie anschließend in seine Politik wieder einzubinden. Es gelang ihm, Verdächtigungen, als Mitglied des katholischen „Opus Dei“ eine „heilige Mafia“ gegen die Falange zu begünstigen, zu zerstreuen, als eine Korruptionsaffäre um Opus Dei die Regierung erschütterte. „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort: Das Opus Dei ist keine politische Partei“, zer- streute er den in Francos Regime schwerstwiegenden Verdacht der Rückkehr zur Parteiendemokratie.

Die Parteien kamen doch

Franco, Blanco und er selbst blieben bis zuletzt dem autoritären Konzept einer „organischen Demokratie“ mit beschränkter Partizipation treu, aber selbst deren Zulassung wurde zum Spaltpilz des Franquismus, an der das Regime nach Francos Tod scheiterte. Anna Catharina Hofmann beschreibt Erfolg und Scheitern von „Francos Moderne“ anhand der Biografie Rodós als „personengeschichtlichen Ansatz“. Das macht ihr Buch zu einer gut lesbaren Erklärung für das lange Leben des postfaschistischen Franquismus. Ihre besondere Pointe: Nach Francos Tod und der Rückkehr der Parteiendemokratie schloss sich Rodó der „Volksallianz“ Fraga Iribarnes an. Als deren Abgeordneter schied er nach Annahme der neuen Verfassung 1978 aus dem politischen Leben aus und schrieb seine Memoiren. In einem Brief beklagte er 1992, dass „wir uns heutzutage in einer erbärmlichen Par- teienherrschaft befinden“.

Anna Catharina Hofmann: Francos Moderne. Technokratie und Diktatur in Spanien 1956–1973. Wallstein Verlag, Göttingen 2019. 464 S. m. 53 Abb., 42 €.

Sonntag, 8. Dezember 2019

Zu spät.


Früher sind diese Juso-Typen links untergetaucht, um rechts wieder hochzukommen und dort einen Posten abzufassen. Aber jetzt gibts keine Posten mehr abzufassen und gibt es kein Wiederhochkommen.



Samstag, 7. Dezember 2019

Erst seit der Revolution speist man à la carte.


aus spektrum.de, 7.12.2019

Zeitsprünge
Kleine Geschichte des »à la carte« – oder: Warum wir heutzutage essen gehen
Dass wir ins Restaurant gehen und aus einer Speisekarte wählen, verdanken wir der Französischen Revolution.

von Daniel Meßner und Richard Hemmer

Neulich hat uns jemand von einem Sternerestaurant in Hamburg erzählt, bei dem es für alle Gäste genau ein Menü gibt und alle gemeinsam an einem langen Tisch sitzen. Das hat uns ein bisschen an die frühe Neuzeit erinnert, denn bis ins 19. Jahrhundert war unter europäischen Adligen der »Table d'hôte« üblich: Zu einer festen Essenszeit setzten sich die Herrschaften gemeinsam an den Tisch (»table«) des Gastgebers (»hôte«). Wurde französisch serviert, trug das Personal alle Gänge gleichzeitig auf, wurde russisch serviert, brachte man die Gänge einzeln an den Tisch. Auch in den Wirtshäusern und Gaststätten war eine freie Menüwahl nicht üblich. Wer essen gehen wollte, bekam ein Tagesmenü zum Festpreis.

»Die Karte, bitte!«

Was es daher nicht gab, war eine Speisekarte – und Einzeltische. Denn die moderne Restaurantkultur, wie wir sie heute kennen, war noch nicht erfunden. Wann das erste Restaurant eröffnet hat, wissen wir leider nicht, aber es deutet einiges darauf hin, dass es in Paris war. Und der erste Spitzenkoch kam – keine Überraschung – ebenfalls aus Paris: Marie-Antoine Carême, auch bekannt als »Koch der Könige und König der Köche«. Von ihm sind Kochbücher und zahlreiche Rezepte überliefert. Er arbeitete am französischen Hof zur Zeit Napoleons – als das Essengehen in Paris schon üblich war.

Denn das À-la-carte-Essen verdanken wir der Französischen Revolution von 1789. Die Köche und das Küchenpersonal suchten nach dem Sturz des Adels ein neues Betätigungsfeld – und fanden im aufstrebenden Bürgertum ein hungriges Publikum. Nicht nur in Paris: Das erste Restaurant in Hamburg zum Beispiel eröffnete 1794. Betrieben wurde es vom ehemaligen Koch von Marie-Antoinette. Die französische Königin war ein Jahr zuvor in Paris mit der Guillotine hingerichtet worden. Ihr wird übrigens der Satz zugeschrieben, dass ihr Volk doch Kuchen essen solle, wenn es kein Brot gäbe. Wie so oft bei historischen Zitaten gilt auch hier: Sie klingen super, aber stimmen meistens nicht. Zumindest gibt es in den historischen Quellen keinerlei Hinweis darauf, dass sie das tatsächlich irgendwann einmal gesagt hat.

Von der Gewürzküche zum Eigengeschmack

Kuchen: Der wurde zu einem wichtigen Menüpunkt beim Essen à la carte. Denn erst um 1800 etablierte sich beim gemütlichen Schmausen auch das Verzehren einer süßen Nachspeise. Anlass genug, neue Formen von Süßspeisen zu kreieren. Der bereits genannte Koch Marie-Antoine Carême betrieb übrigens eine eigene Konditorei in Paris und setzte mit seiner Patisserie neue Maßstäbe – aufwändige Torten und Blätterteiggebäck wie das Mille-feuille zählten zu seinen Spezialitäten.

Süß gegessen wurde zwar schon vor der Einführung der süßen Nachspeise, aber anders: Die Küche der frühen Neuzeit wird als Gewürzküche bezeichnet – das heißt, Gerichte mit viel Aromen und exotischen Gewürzen kamen auf den Tisch. Beliebt waren Hauptgerichte mit süß-sauren Soßen. Mit Beginn des 19. Jahrhunderts änderte sich nicht nur die Zubereitung des Essens, sondern auch das Geschmacksbild wandelte sich. Es wurde pikanter, und die Gäste legten mehr Wert auf den Eigengeschmack der Zutaten. Das 19. Jahrhundert war dann auch die Zeit, in der die meisten Nationalgerichte entstanden – so zubereitet, wie wir sie heute noch kennen.

In dieser Zeit wurde ebenfalls eine Zutat erfunden, die heute in keiner Küche fehlt: die Bouillon, eine stark konzentrierte Fleischbrühe als Grundlage für alle Suppen und Soßen. Vorher waren Suppen eher teigig. Man dickte sie mit Brot zu einer breiigen Masse ein. Die Bouillon schätzte man als gesund und nahrhaft im Gegensatz zur höfischen Küche. Das Bürgertum diskreditierte diese als Inbegriff der Dekadenz. Dabei war die neue Restaurantkultur nicht weniger dekadent. Das Essengehen à la carte konnte sich eigentlich nur die bürgerliche Elite leisten.

Essen gehen wird zum Lifestyle

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nahm die Zahl der Restaurants stark zu. Es etablierte sich eine bürgerliche Esskultur, bei der der Genuss von Speisen und Getränken im Vordergrund stand. Essen gehen wurde zum Lifestyle – und ist es bis heute geblieben. Es ist also noch gar nicht so lange her, dass wir in ein Restaurant gehen, einen eigenen Tisch bekommen, individuell bedient werden und aus einer Speisekarte wählen. Und weil sich essen gehen inzwischen nicht nur die Wohlhabenden und Adligen leisten können, geht der Trend in der Sterneküche offensichtlich wieder zum »Table d'hôte«.

Die beiden Historiker Richard Hemmer und Daniel Meßner bringen jede Woche eine Geschichte aus der Geschichte auf ihrem Podcast »Zeitsprung«. Auf »Spektrum.de« blicken sie ebenfalls in die Vergangenheit und erhellen, warum die Dinge heute so sind, wie sie sind.


Nota. - Anzumerken bleibt: Das Restaurant ist ein öffentlicher Ort. Die aristokratischen Salons des Rokkoko waren das nicht. Öffentlich war nur die Taverne. Dazu passt, dass die Geschmäcker nun individuell und nicht mehr korporativ sind: Das Öffentliche bedingt das Private; und umgekehrt.
JE

Donnerstag, 5. Dezember 2019

Dem alten Rom war das Bauholz ausgegangen.


aus nzz.ch, 4.12.2019

Das antike Rom importierte Bauholz zum Teil aus Gallien. Immer noch streiten Archäologen darüber, ob das nötig war.
Einfaches Bauholz 1700 Kilometer nach Rom zu transportieren, deutet nicht nur auf ein hochorganisiertes Handelssystem hin, sondern auch auf einen Mangel an geeignetem Holz in der Umgebung der Stadt.

von Esther Widmann

«Holz aus heimischen Wäldern» – was dieser Werbespruch zur Zeit der Römer bedeutet haben könnte, zeigt eine kürzlich in der Fachzeitschrift «Plos One» veröffentlichte Studie: In Rom haben Archäologen Eichenbalken ausgegraben, die im ersten Jahrhundert nach Christus im Fundament eines Gebäudes verbaut worden waren. Die 24 gut erhaltenen Eichenbalken im Unterbau einer reich verzierten Portikus, einer überdachten Säulenhalle, kamen beim Bau der Metro ans Licht. Das Gebäude gehörte zu einem riesigen und reichen Anwesen. Erhalten ist das Holz, weil es offenbar über Jahrhunderte unter Sauerstoffausschluss mit Wasser vollgesogen war.Einige der Holzplanken in der Portikus, in der sie gefunden wurden.

Die bis zu 3,6 Meter langen Balken weisen Axtspuren, aber sonst keine Zeichen von Bearbeitung auf. Die Archäologen schliessen daraus, dass das Holz wohl eigens für diesen Bau zugerichtet worden war. Die Baumart liess sich nicht genau bestimmen, es könnte sich um eine Weisseichen-Art (zu dieser Sektion gehört etwa die Deutsche Eiche) oder Zerreichen-Art (dazu gehört zum Beispiel die Korkeiche) handeln. Gefällt wurden sie laut der Datierung der Jahresringe zwischen 40 und 60 nach Christus.

Weil Wetter und Klima regional unterschiedlich sind, wachsen Bäume aber nicht überall gleich stark. Für die Datierung braucht man deshalb regionale Reihen; es bringt nichts, ein Stück Holz aus der Schweiz mit den Jahresringen in Griechenland zu vergleichen. Die Jahresringe verraten deshalb ausser dem Jahr, in dem der Baum gefällt wurde, auch, wo die Bäume wuchsen. Die Autoren verglichen das römische Holz mit Jahresring-Chronologien aus Ostfrankreich. Ihr Ergebnis: Die grösste Korrelation besteht mit Holz aus Moissey im Département Jura, etwa 60 Kilometer nordöstlich von Chalon-sur-Saône, dem römischen Cabillonum.

Sie schliessen daraus, dass die Eichen aus dieser Gegend kommen, die zudem nahe an den wichtigen und weitgehend schiffbaren Handelsrouten Galliens liegt. Das bereits zugerichtete Holz sei wahrscheinlich über die Flüsse Saône und Rhone über Lyon (Lugdunum) und dann über das Mittelmeer nach Rom transportiert worden. Der Transport auf dem Wasser ist plausibel; er war immer die günstigere Alternative zum Landweg, und Funde etwa aus Mainz und Strassburg zeigen, dass in römischer Zeit Holz zu Flössen verbunden wurde.

Robyn Veal, die an der Universität Cambridge die römische Holzwirtschaft erforscht, zweifelt jedoch an den Ergebnissen: «Die Korrelation ist gut, und es ist ein interessanter Vorschlag, dass das Holz aus Gallien kommt. Aber es könnte auch aus Norditalien stammen. Da braucht es noch viel mehr Forschung», sagt sie. Ulf Büntgen, an der Studie beteiligter Professor für Umweltsystemanalyse in Cambridge, widerspricht: «Der Referenzpunkt aus dem Jura ist der mit der höchsten Wahrscheinlichkeit. Natürlich gibt es eine statistische Unsicherheit, und das Holz könnte auch aus Baselland kommen. Aber es ist ausgeschlossen, dass es von südlich der Alpen stammt.»

Dass Holz über 1700 Kilometer nach Rom gebracht wurde, begründen Büntgen und seine Kollegen damit, dass der Wald in der Umgebung der Stadt und grossen Teilen des Apennins zu jener Zeit bereits abgeholzt gewesen sei. Mit der Ausbreitung des Reiches habe sich diese Ausbeutung in immer neue Gebiete ausgedehnt. Diese Aussage rührt an eine seit Jahrzehnten andauernde Diskussion unter Archäologen: Welchen Anteil hatte die klassische Antike, also Griechen und Römer, an dem heutigen teilweise sehr baumarmen Erscheinungsbild des Mittelmeerraums?

Die eine Fraktion geht davon aus, dass einst überall Wald war, dieser für Bau- und Feuerholz gerodet wurde und in der Folge der Boden erodierte und keine neuen Bäume nachwachsen konnten. Die andere verweist darauf, dass pauschale Aussagen nicht möglich seien; jede Region müsse für sich geologisch untersucht werden. Feuerholz könne durch Niederwaldwirtschaft und Schneiteln, also regelmässiges Beschneiden der Triebe von Laubbäumen, auch nachhaltig gewonnen werden – und Bäume wüchsen nach.

Robyn Veal, die Holzkohle aus Fundstellen in Rom untersucht, gehört zu letzterer: «Holz gab es in Italien reichlich. Die lokalen Ressourcen auch an Eichen waren nicht aufgebraucht, das zeigen Holzkohlefunde und Pollenanalysen. Die Wälder waren in der Regel wirtschaftlich gut verwaltet, wie die meisten Dinge bei den Römern.»

Allerdings lassen Reste von Eichen in Holzkohle- oder Pollenproben keine Schlüsse darüber zu, ob es sich um grosse Bäume oder etwa durch Tierverbiss niedrig gehaltene Büsche handelte. Büntgen argumentiert: «Wenn es in der Umgebung Holz in der gleichen Qualität gegeben hätte, hätte man das nicht von so weit her herangeschafft. Transport ist aufwendig und teuer. Das macht man nicht, wenn man nicht muss.»


Nota. - Zu erinnern ist, dass die vieltausendjährige Induskultur an der Rodung der Galeriewälder entlang dem Strom untergegangen ist, weil der Nachschub an Bauholz ausblieb.
JE