aus derStandard.at, 4. April 2017, 10:18
Wurzeln der
Kooperation liegen in engen Zweier-Freundschaften
Österreichischer Biomathematiker Martin Nowak entdeckte Formel für die
Entwicklung von Zusammenarbeit in einer Gesellschaft
Wien – Enge Zweierfreundschaften sind mehr wert als ein loses Netzwerk
an Bekanntschaften, wenn es um den Zusammenhalt in einer Gesellschaft
geht: Zu diesem Schluss kommt ein Team um den österreichischen
Biomathematiker Martin Nowak. Die Forscher fanden erstmals eine
Gleichung, wie die natürliche Selektion in einer realistischen
Bevölkerung Kooperation hervorbringt. Die Studie erschien im Fachmagazin
"Nature".
Bisher konnte man nur ausrechnen, wie Kooperation in einer Population
entsteht, wenn jeder exakt gleich viele Bekanntschaften hat, erklärte
Nowak, der an der Harvard University (USA) forscht. Die mathematische
Beschreibung eines wirklichkeitsnahen Beziehungsnetzwerks sei eigentlich
so komplex, dass sie laut gängiger Computerwissenschaft gar nicht
möglich ist – ausgenommen in Grenzfällen.
Grenzfälle in Beziehungsnetzwerken
"Wenn die Evolution nur schwach wirkt und vieles vom Zufall abhängt, ist
genau so ein Grenzfall", sagte Nowak. Bei regelmäßigen Treffen mit
Mathematik-Kapazundern wie dem Fields Medaillen-Gewinner Shing-Tung Yau
und dem Mathematik-"Jungstar" Ben Allen sei man schließlich auf die
Formel gekommen.
Schon 1992 hat Martin Nowak mit seinem damaligen Mentor Robert May
(heute Lord May of Oxford) in "Nature" eine Arbeit veröffentlicht, bei
der gezeigt wurde, dass bestimmte Beziehungsstrukturen in einer
Bevölkerung Kooperation ermöglichen. "Seit damals sucht man nach der
allgemeinen Formel, die jetzt gefunden wurde", erklärte er.
Wenig Kooperation auf Basis von Facebook
Die Forscher untersuchten mit dieser Formel verschiedenste
Beziehungsnetzwerke bei Menschen, Delfinen und Primaten. Am wenigsten
Kooperation brachte dabei das soziale Internet-Netzwerk Facebook hervor,
berichten sie.
"Am besten für die Kooperation sind stabile paarweise Beziehungen, also
Partnerschaften und Freundschaften", sagte Nowak. Sie bilden quasi das
Rückgrat der Zusammenarbeit in einer Gesellschaft und könnten durch eine
große Zahl an losen Bekanntschaften und Verbindungen niemals ersetzt
werden. (APA, red,)
Abstract
Nature: "Evolutionary dynamics on any population structure."
Samstag, 20. Mai 2017
Montag, 15. Mai 2017
Dieser Zug ist abgefahren.
Samstag, 6. Mai 2017
Der Krieg ist nicht Mutter, sondern Vater aller Dinge.
SchimpanseWie Krieg Schimpansen prägt
Das Verhalten nach außen schlägt durch auf die Sozialstruktur: Schimpansen tun sich mit Männchen zusammen, Bonobos mit Weibchen.
von Jürgen Langenbach
„Der Erste, der ein Stück Land mit einem Zaun umgab“, brachte alles Elend in die Welt: „Wie viele Verbrechen, Kriege, Morde wäre dem Menschengeschlecht erspart geblieben, wenn jemand die Pfähle ausgerissen hätte.“ So sah 1755 Rousseau den Sündenfall, mit dem die Menschheit aus dem Paradies der Natur auszog. Dorthin wollte er nicht zurück, er hatte die Utopie einer ganz anderen Gesellschaftsform, aber eine Idylle war sie doch für ihn, die Natur.
Dabei geht es in ihr oft auch so zu, als hätte jemand Zäune gezogen: Da werden Reviere beansprucht und mit Klauen und Zähnen verteidigt oder auch erobert. So halten es unsere einen nächsten Verwandten, die Schimpansen, sie sind – außer uns – die einzigen, die über Nachbarn herfallen und sie erschlagen. Unsere anderen nächsten Verwandten, die Bonobos, agieren ganz anders, sie leben in äußerem Frieden und im Inneren auch, letzteren sichern sie durch exzessive Sexualität. Verwandt sind wir mit beiden in gleichen Graden: Unsere Ahnen spalteten sich vor etwa acht Millionen Jahren vom gemeinsamen Ast ab, Schimpansen und Bonobos gingen vor zwei Millionen Jahren getrennte Wege.
Ähnlicher in der Physiologie sind uns die Bonobos, das zeigen die Gene, die Muskeln auch Bernard Wood (George Washington University) hat es gerade erhoben (Scientific Reports 29. 4.). Beim Verhalten ist es anders: „Während Schimpansen ausgesprochen territorial sind, was sich in feindseligen Begegnungen zwischen Gruppen mit oft tödlichem Ausgang äußert, unterhalten Bonobos eher friedliche Beziehungen zu anderen Gruppen, Begegnungen enden nicht tödlich.“
Männchen kämpfen um Revier
So formuliert es Martin Surbeck (Leipzig), und er ist in langjährigen Feldbeobachtungen den sozialen Folgen nachgegangen: Bei Schimpansen bleiben Weibchen und Männchen eher unter sich, die Männchen suchen Freunde und Verbündete unter anderen Männchen: Zusammen kämpfen sie um das Gruppenrevier, und bei internen Rangeleien sind männliche Verbündete auch hilfreich.
Bei Bonobos tun sich auch Weibchen zusammen – aber Männchen halten sich auch an Weibchen, oft Söhne an die Mütter, die helfen ihnen, den Rang in der Gruppe zu steigern (Roy. Soc. Open Science 3. 5.) „Das Führen von Kriegen scheint einen fundamentalen Einfluss auf die Struktur einer Gesellschaft zu haben“, schließt Surbeck.
aus derStandard.at, 6. Mai 2017, 09:00 Bonobo-Weibchen
Unsere Urahnen könnten Bonobos geglichen haben
Zwei Studien rollen eine alte Frage neu auf: Die nach den Unterschieden und Gemeinsamkeiten von Schimpanse, Bonobo und Mensch
Leipzig/Washington – Seit der Bonobo (Pan paniscus), vormals "Zwergschimpanse", Ende der 1920er Jahre als eigene Spezies identifiziert wurde, wogte eine Debatte darüber, ob nun er oder doch der Gemeine Schimpanse (Pan troglodytes) unser nächster Verwandter sei. Diese Diskussion hatte durchaus weltanschauliche Hintergedanken, denn die beiden engst miteinander verwandten Menschenaffenarten unterscheiden sich in ihrem Verhalten beträchtlich.
Ungleiche Verwandte
Spätestens seit dem "Schimpansenkrieg von Gombe" in den 1970er Jahren, einer mehrjährigen brutalen Auseinandersetzung zwischen zwei Schimpansengruppen, werden die Tiere zunehmend als ähnlich gewaltbereit wie der Mensch betrachtet.
Nimmt man die Popkultur als zuverlässiges Seismometer für diffuse Gefühlslagen, kann man den Imagewandel der Schimpansen an den "Planet der Affen"-Filmen ablesen: Waren sie in der Originalserie der späten 60er und frühen 70er in Kontrast zu den vermeintlich gewalttätigen Gorillas noch Ausgeburten von Vernunft und Friedfertigkeit, so kehrten sich im Remake von 2001 die Verhältnisse um: Ein Schimpanse übernahm nun die Schurkenrolle.
Demgegenüber gelten Bonobos geradezu als "Hippies". Die in matriarchalisch geführten Gruppen lebenden Tiere verzichten weitgehend aufs Kämpfen und lösen zwischenäffische Probleme bevorzugt mit Sex – in jeder denkbaren Konstellation. Beobachtungen in der jüngeren Vergangenheit haben zwar gezeigt, dass Bonobos keine hundertprozentigen Pazifisten sind – es kann zu Kämpfen kommen, und manchmal machen sie auch Jagd auf andere Affenarten. Im Vergleich zum Gemeinen Schimpansen (und uns) werden sie ihrem "Make love, not war"-Image aber gerecht.
Was den Verwandtschaftsgrad anbelangt, wird in der Primatenforschung mittlerweile von einer genetischen Äquidistanz ausgegangen: Bonobo und Schimpanse stehen uns gleich nahe. Der letzte gemeinsame Vorfahre aller drei heutigen Spezies soll vor etwa 8 Millionen Jahren gelebt haben. Dann spaltete sich die Stammlinie des Menschen ab. Die Trennung der beiden Menschenaffenarten erfolgte wesentlich später – vielleicht vor 2 Millionen Jahren, vielleicht sogar vor weniger als einer.
Unterschiedliche Wege
Der Grund für die Trennung dürfte ein geografisches Hindernis gewesen sein: der Kongo-Fluss. Bonobos kommen nur südlich des Kongo vor und sind reine Regenwaldbewohner. Nach traditioneller Auffassung ist die Nahrungssuche in ihrem Verbreitungsgebiet leicht genug, um ein ruhiges Leben ohne größere Konkurrenzkämpfe mit benachbarten Bonobogruppen oder innerhalb der eigenen zu führen.
SchimpanseIn der aktuellen Ausgabe von "Royal Society Open Science" führen Forscher des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie diese These weiter. Bei Beobachtungen von Schimpansen- und Bonobogruppen in mehreren afrikanischen Ländern stellte das Team um Martin Surbeck einen durchgängigen Unterschied in den Sozialkontakten der beiden Spezies fest: Bonobos egal welchen Geschlechts wenden sich primär an Weibchen – und am liebsten an ihre Mütter. Bei Schimpansen hingegen herrscht eine viel stärkere Geschlechtertrennung.
Die Forscher vermuten, dass dies mit dem aggressiven Verhalten von Schimpansen zusammenhängt. Männchen kooperieren sowohl bei Jagden als auch bei den immer wieder stattfindenden Angriffen auf benachbarte Schimpansengruppen: zwei Faktoren, die bei Bonobos weitestgehend entfallen. "Das Führen von Kriegen scheint einen fundamentalen Einfluss auf die Struktur einer bestimmten Gesellschaft zu haben", philosophiert Surbeck.
Bonobo-MutterParallel dazu ist in "Scientific Reports" eine US-Studie erschienen, die den Bonobo ein kleines bisschen näher an den Menschen heranrückt als den Schimpansen – wenn auch nicht genetisch. Forscher um Rui Diogo von der Howard University in Washington gingen die anatomischen Merkmale der drei Spezies durch, insbesondere die Funktionalität der Muskulatur. Zuvor waren auch Erbgut-Analysen durchgeführt worden.
Die Forscher sprechen von einer "mosaikartigen" Evolution der drei Spezies: In einigen Aspekten ähneln Bonobos stärker Menschen als Schimpansen, in anderen ist es umgekehrt – und wieder andere Merkmalsausprägungen werden nur von Menschen und Schimpansen geteilt. Jede der beiden Menschenaffenarten teile mit dem Menschen etwa drei Prozent genetische Merkmale, die in der anderen nicht enthalten sind.
Der Urform am nächsten
Der wichtigste Befund aus der vergleichenden Analyse waren aber Hinweise darauf, dass sich die Anatomie der drei Arten im Lauf der Zeit unterschiedlich stark weiterentwickelt haben muss. Und die Bonobos – vielleicht weil sie in einem weitgehend unverändert gebliebenen Habitat zuhause sind – hätten sich körperlich am wenigsten verändert.
SchimpansenkindWas mit anderen Worten heißt: Die Bonobos hätten das Aussehen der gemeinsamen Stammform aller drei Spezies am stärksten bewahrt – und damit auch jenes Vorfahren des Menschen, der vor acht Millionen Jahren lebte. Allerdings betrifft dies nur das Äußere. Wie sich unser Urahn verhielt, ob friedlich oder kriegerisch, bleibt reine Spekulation. (jdo)
Links
- Scientific Reports: "Bonobo anatomy reveals stasis and mosaicism in chimpanzee evolution, and supports bonobos as the most appropriate extant model for the common ancestor of chimpanzees and humans"
- Royal Society Open Science: "Sex-specific association patterns in bonobos and chimpanzees reflect species differences in cooperation"
Donnerstag, 4. Mai 2017
Der alte Maulwurf, oder Das garantierte Grundeinkommen.
aus Der Standard, Wien, 4. Mai 2017
"Bei Grundeinkommen in den USA wäre Trump nie Präsident geworden"
Für Populisten und Wutbürger wäre in einer Gesellschaft mit Grundeinkommen wenig Platz, glaubt Unternehmer Häni
Interview von Verena Kainrath
STANDARD: Sie fragen Menschen regelmäßig, was sie arbeiten würden, wenn für ihr Einkommen gesorgt wäre. Was würden Sie denn tun?
Häni: Das Gleiche, aber besser. Es geht beim bedingungslosen Grundeinkommen ja nicht um mehr Geld, sondern um mehr Freiheit. Könnten Menschen ihre Fähigkeit freier einbringen, würde das zu besseren Arbeitsresultaten führen und die Gesellschaft dynamisieren.
STANDARD: Was macht Sie so sicher, dass der Mensch im Grunde seiner Seele nicht doch ein Faulpelz ist?
Häni: Bei Kindern können Sie das gut beobachten: Wenn Sie ihnen was auftragen, ohne ihnen zu vermitteln, ob es Sinn macht, wollen sie es nicht machen. Dann ist Faulheit etwas Gesundes. Das Grundeinkommen setzt keinen besseren Menschen voraus, und es ist auch keine karitative Veranstaltung. Es geht darum, eine Gesellschaft durch weniger Bevormundung auf gesündere Beine zu stellen.
STANDARD: Mit Einkommen, an das keinerlei Leistung geknüpft ist?
Häni: Menschen sind weniger manipulierbar und verführbar, ist ihre Existenz gesichert. Hätten die USA das bedingungslose Grundeinkommen, wäre Trump niemals Präsident geworden. In Österreich hätten populistische Bewegungen am rechten Rand weniger Zulauf. Wir hätten weniger Wutbürger, dafür mehr Mutbürger.
STANDARD: Eine These. Bisher hat jedoch keine einzige Gesellschaft Erfahrungen damit.
Häni: Sie haben recht. Meine Erfahrung aber ist, dass Menschen arbeiten wollen; sie wollen es nur selbstbestimmt tun. Zudem stecken wir durch die Digitalisierung im Umbruch. Fleiß und Gehorsam waren einst große Tugenden. In Zukunft sind wir mit ihnen schlecht aufgestellt. Was es braucht, sind keine gehorsamen, sondern kreative und selbstbestimmte Menschen. Das Grundeinkommen ist überfällig und nur eine Frage der Zeit. Offen ist, ob es aus der Not heraus kommen wird, oder ob wir es hinbringen, es uns gegenseitig zuzusprechen.
STANDARD: Gönnen Menschen ihren Mitmenschen eine Existenz ohne Bedingungen? Überschätzen Sie ihre Menschlichkeit nicht erheblich?
Häni: Das Gönnenkönnen müssen wir noch lernen. In der Schweiz waren bei der ersten Abstimmung 23,1 Prozent dafür. Das ist ein bemerkenswerter erster Schritt.
STANDARD: Werden die Schweizer weitere Anläufe dazu nehmen?
Häni: Ja. Wir haben sie am Abstimmungssonntag gefragt, ob sie denken, dass es eine zweite Abstimmung geben wird. 69 Prozent gingen davon aus. Es wird nicht heute oder morgen sein – aber vielleicht schneller, als wir denken.
STANDARD: Die Finnen und Niederländer experimentieren derzeit damit. Was hören Sie von ihnen?
Häni: Aus den Niederlanden gibt es noch keine Resultate, Finnland gibt nicht viel dazu her. Dort wird getestet, was passiert, ist Arbeitslosengeld an keine Bedingung geknüpft. Mit bedingungslosem Grundeinkommen hat das aber wenig zu tun.
STANDARD: In Österreich wird ein Mindesteinkommen diskutiert. Ist das für Sie eine Alternative?
Häni: Das ist ein Festhalten am alten System, ein Pflaster auf der infizierten Wunde. Man versucht, einen Schaden aus der Vergangenheit zu flicken. Dass man von der Erwerbsarbeit leben kann, muss selbstverständlich sein, alles andere ist eine Schande.
STANDARD: Auch ein Frauenvolksbegehren soll Baustellen beim Einkommen hierzulande beseitigen.
Häni: Eine weitere Schande ist es, dass unsere Gesellschaft Frauen derart benachteiligt. Das höchste Armuts- risiko ist es, Frau und alleinerziehend zu sein. Das Grundeinkommen ist eine gute Antwort darauf. Es ist uremanzipatorisch.
STANDARD: Die Gretchenfrage aber bleibt die Finanzierung.
Häni: Es ist kein zusätzliches Einkommen, wir müssen deswegen ja nicht mehr Geld drucken. Die entschei- dende Frage ist, warum wir es nicht wollen. Ist es Angst vor Machtverlust? Angst, man könne Menschen nicht an der Leine führen? Ich aber will in keiner Gesellschaft leben, in der die Toiletten geputzt werden, nur weil Leute, die das tun, Existenzangst haben. Mit Details der Finanzierung sollten wir uns nicht aufhalten, bevor der Grundsatz entschieden ist.
STANDARD: Und was wird aus den Jobs, die keiner machen will?
Häni: Die müssen wir besser wertschätzen. Wieso verdient die Kindergärtnerin weniger als der Investment- banker, obwohl ihre Arbeit wahrscheinlich wertvoller für die Gesellschaft ist? Investmentbanker schaffen sich im Übrigen durch die Digitalisierung selbst ab, weil Computer besser Lottospielen können als sie.
STANDARD: Was ist mit Sozialleistungen? Wer bezahlt Krankenversicherungen, Pensionen, Unterhalt? Was ist mit jenen, die zusätzliche staatliche Hilfestellung benötigen?
Häni: Keine soziale Errungenschaft wird abgeschafft. Wo höhere Sozialleistung nötig ist, wird sie natürlich bestehen bleiben. Es geht nicht um ein Sparprojekt.
STANDARD: Die Kluft zwischen Arm und Reich geht weiter auf. Kritiker des Grundeinkommens sehen darin kein probates Mittel, um diese Entwicklung zu bremsen.
Häni: Es ist auch kein Umverteilungsprojekt von Geld, sondern eine Umverteilung von Macht. Es wird immer Menschen mit viel und mit weniger Geld geben. Aber Konkurrenz um die Existenz ist menschenunwürdig und verderblich. Gibt es den prekären Niedriglohnbereich nicht mehr, tut dies der gesamten Gesellschaft gut.
STANDARD: Die Wirtschaft leidet bereits jetzt unter Fachkräftemangel. Was, wenn sich das Gros der Leute entscheidet, lieber zu garteln, als sich zum Mechatroniker ausbilden zu lassen, lieber Bilder zu malen, als IT-Experte zu werden?
Häni: Die Menschen werden ihren Talenten mehr nachgehen, was zu einer höheren Qualifizierung führen wird. Unser Fachkräftemangel hat mit dem Schulsystem von heute zu tun: Und es braucht etwa für das Handwerk ebenso mehr Wertschätzung wie für den Bereich der Pflege.
STANDARD: Warum kam eine der Initialzündungen für das Grundeinkommen gerade aus der vermögenden Schweiz?
Häni: Es geht um großen zivilisatorischen Fortschritt, um unsere Gesellschaft auf die nächste Stufe zu bringen. Die Schweiz hat dazu mit der Volksabstimmung das richtige politische Instrument.
STANDARD: Würde die Schweiz mit einem Grundeinkommen nicht ein Magnet für Zuwanderer werden?
Häni: Nein, das Grundeinkommen ist migrationsneutral. Man müsste natürlich mit einer Frist regeln, ab wann und wie lange man dazu berechtigt ist.
STANDARD: Sie selbst kämpfen seit bald 30 Jahren fürs Grundeinkommen. Was treibt Sie dabei eigentlich an?
Häni: Ich habe den Eindruck, die Menschen arbeiten unter ihren Möglichkeiten. Hören wir doch endlich auf damit, ihnen die Lust am Leben zu nehmen. Viele sind frustriert, rennen im Halbschlaf rum, ducken sich und halten den Mund. Als Arzt würde ich mehr Selbstbestimmung und einen Schuss Anarchie verschreiben.
Daniel Häni (50) gründete die "Initiative Grundeinkommen" und war einer der führenden Köpfe hinter der Schweizer Volksabstimmung. Einst Hausbesetzer, führt er heute in Basel mit 80 Mitarbeitern das größte Kaffeehaus der Schweiz. Häni veröffentlichte jüngst mit Philip Kovce ein Manifest zum Grundeinkommen: "Was würdest Du arbeiten, wenn für Dein Einkommen gesorgt wäre?"
Homepage der Grundeinkommens-Initiative
Nota. - Was passieren würde, wenn niemand mehr zu Erwerbsarbeit gezwungen würde, weil für seinen Lebensunterhalt gesorgt iat, sehen wir an unseren Kindern. Wovor ihnen am meisten graut, ist Langeweile, und wenn sie die Schule verabscheuen, dann aus diesem Grund. Dass Kinder nur das gern tun, was keine Anstrengung kostet, kann nur glauben, wer noch nie auf einem öffentlichen Sportplatz, nie in einer Badeanstalt und sogar noch nie in einem städtischen Park gewesen ist. Man muss sie im Gegenteil immer wieder mal bremsen und zur Ruhe anhalten; dann merken sie nach einer Viertelstunde, dass Muße nicht nur erbaulich ist, sondern sogar fesselnd sein kann.
Mit andern Worten, dass bei einem garantierten Grundeinkommen die Gesellschaft an Faulheit zugrunde ginge, ist keine Befürchtung, sondern eine wissentliche Lüge.
Sicher wird es immer einen Grundbestand an Leuten geben, die von Natur träge sind. Den gibt es auch heute, auch heute wird er von den andern durchgeschleppt. Aber heute sind sie dabei gezwungen, etwas zu tun, was sie nicht gerne tun, und das tun sie schlecht. Unterm Strich schadet diese Sorte erzwungener Erwerbsarbeit der Gesellschaft.
Weiß einer nicht, was ich meine? Der soll sich nurmal bei uns (Ich wohne in Berlin) in der Öffentlichen Ver- waltung umsehen!
*
Auf die Frage nach der Finanzierbarkeit hat Häni die richtige Antwort gegeben: Die entscheidende Frage ist, warum wir es nicht wollen.
In den westlichen Gesellschaftten ist die Produktivität der Arbeit - der Arbeit derer, die noch immer welche haben - so exorbitant, dass sie alle, die nicht arbeiten (wollen oder) dürfen, mühelos miternähren könnte, wenn die Gesellschaft dafür organisiert wäre. Das Dass steht außer Frage. Ein Wie wird sich selbstverständlich nicht finden lassen, wenn man es gar nicht erst will. Wenn man es aber will, wird man einen Weg finden. Was wie objektive Hindernisse aussieht, wird sich im Grunde auf subjektive Bedingungen zurückführen lassen.
Das ganze Problem liegt im Wollen. Wer nicht will und warum er nicht will - das muss die Kampagne ans Tageslicht bringen; das allein wäre schon all den Aufwand wert.
JE
"Bei Grundeinkommen in den USA wäre Trump nie Präsident geworden"
Für Populisten und Wutbürger wäre in einer Gesellschaft mit Grundeinkommen wenig Platz, glaubt Unternehmer Häni
Interview von Verena Kainrath
STANDARD: Sie fragen Menschen regelmäßig, was sie arbeiten würden, wenn für ihr Einkommen gesorgt wäre. Was würden Sie denn tun?
Häni: Das Gleiche, aber besser. Es geht beim bedingungslosen Grundeinkommen ja nicht um mehr Geld, sondern um mehr Freiheit. Könnten Menschen ihre Fähigkeit freier einbringen, würde das zu besseren Arbeitsresultaten führen und die Gesellschaft dynamisieren.
STANDARD: Was macht Sie so sicher, dass der Mensch im Grunde seiner Seele nicht doch ein Faulpelz ist?
Häni: Bei Kindern können Sie das gut beobachten: Wenn Sie ihnen was auftragen, ohne ihnen zu vermitteln, ob es Sinn macht, wollen sie es nicht machen. Dann ist Faulheit etwas Gesundes. Das Grundeinkommen setzt keinen besseren Menschen voraus, und es ist auch keine karitative Veranstaltung. Es geht darum, eine Gesellschaft durch weniger Bevormundung auf gesündere Beine zu stellen.
STANDARD: Mit Einkommen, an das keinerlei Leistung geknüpft ist?
Häni: Menschen sind weniger manipulierbar und verführbar, ist ihre Existenz gesichert. Hätten die USA das bedingungslose Grundeinkommen, wäre Trump niemals Präsident geworden. In Österreich hätten populistische Bewegungen am rechten Rand weniger Zulauf. Wir hätten weniger Wutbürger, dafür mehr Mutbürger.
STANDARD: Eine These. Bisher hat jedoch keine einzige Gesellschaft Erfahrungen damit.
Häni: Sie haben recht. Meine Erfahrung aber ist, dass Menschen arbeiten wollen; sie wollen es nur selbstbestimmt tun. Zudem stecken wir durch die Digitalisierung im Umbruch. Fleiß und Gehorsam waren einst große Tugenden. In Zukunft sind wir mit ihnen schlecht aufgestellt. Was es braucht, sind keine gehorsamen, sondern kreative und selbstbestimmte Menschen. Das Grundeinkommen ist überfällig und nur eine Frage der Zeit. Offen ist, ob es aus der Not heraus kommen wird, oder ob wir es hinbringen, es uns gegenseitig zuzusprechen.
STANDARD: Gönnen Menschen ihren Mitmenschen eine Existenz ohne Bedingungen? Überschätzen Sie ihre Menschlichkeit nicht erheblich?
Häni: Das Gönnenkönnen müssen wir noch lernen. In der Schweiz waren bei der ersten Abstimmung 23,1 Prozent dafür. Das ist ein bemerkenswerter erster Schritt.
STANDARD: Werden die Schweizer weitere Anläufe dazu nehmen?
Häni: Ja. Wir haben sie am Abstimmungssonntag gefragt, ob sie denken, dass es eine zweite Abstimmung geben wird. 69 Prozent gingen davon aus. Es wird nicht heute oder morgen sein – aber vielleicht schneller, als wir denken.
STANDARD: Die Finnen und Niederländer experimentieren derzeit damit. Was hören Sie von ihnen?
Häni: Aus den Niederlanden gibt es noch keine Resultate, Finnland gibt nicht viel dazu her. Dort wird getestet, was passiert, ist Arbeitslosengeld an keine Bedingung geknüpft. Mit bedingungslosem Grundeinkommen hat das aber wenig zu tun.
STANDARD: In Österreich wird ein Mindesteinkommen diskutiert. Ist das für Sie eine Alternative?
Häni: Das ist ein Festhalten am alten System, ein Pflaster auf der infizierten Wunde. Man versucht, einen Schaden aus der Vergangenheit zu flicken. Dass man von der Erwerbsarbeit leben kann, muss selbstverständlich sein, alles andere ist eine Schande.
STANDARD: Auch ein Frauenvolksbegehren soll Baustellen beim Einkommen hierzulande beseitigen.
Häni: Eine weitere Schande ist es, dass unsere Gesellschaft Frauen derart benachteiligt. Das höchste Armuts- risiko ist es, Frau und alleinerziehend zu sein. Das Grundeinkommen ist eine gute Antwort darauf. Es ist uremanzipatorisch.
STANDARD: Die Gretchenfrage aber bleibt die Finanzierung.
Häni: Es ist kein zusätzliches Einkommen, wir müssen deswegen ja nicht mehr Geld drucken. Die entschei- dende Frage ist, warum wir es nicht wollen. Ist es Angst vor Machtverlust? Angst, man könne Menschen nicht an der Leine führen? Ich aber will in keiner Gesellschaft leben, in der die Toiletten geputzt werden, nur weil Leute, die das tun, Existenzangst haben. Mit Details der Finanzierung sollten wir uns nicht aufhalten, bevor der Grundsatz entschieden ist.
STANDARD: Und was wird aus den Jobs, die keiner machen will?
Häni: Die müssen wir besser wertschätzen. Wieso verdient die Kindergärtnerin weniger als der Investment- banker, obwohl ihre Arbeit wahrscheinlich wertvoller für die Gesellschaft ist? Investmentbanker schaffen sich im Übrigen durch die Digitalisierung selbst ab, weil Computer besser Lottospielen können als sie.
STANDARD: Was ist mit Sozialleistungen? Wer bezahlt Krankenversicherungen, Pensionen, Unterhalt? Was ist mit jenen, die zusätzliche staatliche Hilfestellung benötigen?
Häni: Keine soziale Errungenschaft wird abgeschafft. Wo höhere Sozialleistung nötig ist, wird sie natürlich bestehen bleiben. Es geht nicht um ein Sparprojekt.
STANDARD: Die Kluft zwischen Arm und Reich geht weiter auf. Kritiker des Grundeinkommens sehen darin kein probates Mittel, um diese Entwicklung zu bremsen.
Häni: Es ist auch kein Umverteilungsprojekt von Geld, sondern eine Umverteilung von Macht. Es wird immer Menschen mit viel und mit weniger Geld geben. Aber Konkurrenz um die Existenz ist menschenunwürdig und verderblich. Gibt es den prekären Niedriglohnbereich nicht mehr, tut dies der gesamten Gesellschaft gut.
STANDARD: Die Wirtschaft leidet bereits jetzt unter Fachkräftemangel. Was, wenn sich das Gros der Leute entscheidet, lieber zu garteln, als sich zum Mechatroniker ausbilden zu lassen, lieber Bilder zu malen, als IT-Experte zu werden?
Häni: Die Menschen werden ihren Talenten mehr nachgehen, was zu einer höheren Qualifizierung führen wird. Unser Fachkräftemangel hat mit dem Schulsystem von heute zu tun: Und es braucht etwa für das Handwerk ebenso mehr Wertschätzung wie für den Bereich der Pflege.
STANDARD: Warum kam eine der Initialzündungen für das Grundeinkommen gerade aus der vermögenden Schweiz?
Häni: Es geht um großen zivilisatorischen Fortschritt, um unsere Gesellschaft auf die nächste Stufe zu bringen. Die Schweiz hat dazu mit der Volksabstimmung das richtige politische Instrument.
STANDARD: Würde die Schweiz mit einem Grundeinkommen nicht ein Magnet für Zuwanderer werden?
Häni: Nein, das Grundeinkommen ist migrationsneutral. Man müsste natürlich mit einer Frist regeln, ab wann und wie lange man dazu berechtigt ist.
STANDARD: Sie selbst kämpfen seit bald 30 Jahren fürs Grundeinkommen. Was treibt Sie dabei eigentlich an?
Häni: Ich habe den Eindruck, die Menschen arbeiten unter ihren Möglichkeiten. Hören wir doch endlich auf damit, ihnen die Lust am Leben zu nehmen. Viele sind frustriert, rennen im Halbschlaf rum, ducken sich und halten den Mund. Als Arzt würde ich mehr Selbstbestimmung und einen Schuss Anarchie verschreiben.
Daniel Häni (50) gründete die "Initiative Grundeinkommen" und war einer der führenden Köpfe hinter der Schweizer Volksabstimmung. Einst Hausbesetzer, führt er heute in Basel mit 80 Mitarbeitern das größte Kaffeehaus der Schweiz. Häni veröffentlichte jüngst mit Philip Kovce ein Manifest zum Grundeinkommen: "Was würdest Du arbeiten, wenn für Dein Einkommen gesorgt wäre?"
Homepage der Grundeinkommens-Initiative
Nota. - Was passieren würde, wenn niemand mehr zu Erwerbsarbeit gezwungen würde, weil für seinen Lebensunterhalt gesorgt iat, sehen wir an unseren Kindern. Wovor ihnen am meisten graut, ist Langeweile, und wenn sie die Schule verabscheuen, dann aus diesem Grund. Dass Kinder nur das gern tun, was keine Anstrengung kostet, kann nur glauben, wer noch nie auf einem öffentlichen Sportplatz, nie in einer Badeanstalt und sogar noch nie in einem städtischen Park gewesen ist. Man muss sie im Gegenteil immer wieder mal bremsen und zur Ruhe anhalten; dann merken sie nach einer Viertelstunde, dass Muße nicht nur erbaulich ist, sondern sogar fesselnd sein kann.
Mit andern Worten, dass bei einem garantierten Grundeinkommen die Gesellschaft an Faulheit zugrunde ginge, ist keine Befürchtung, sondern eine wissentliche Lüge.
Sicher wird es immer einen Grundbestand an Leuten geben, die von Natur träge sind. Den gibt es auch heute, auch heute wird er von den andern durchgeschleppt. Aber heute sind sie dabei gezwungen, etwas zu tun, was sie nicht gerne tun, und das tun sie schlecht. Unterm Strich schadet diese Sorte erzwungener Erwerbsarbeit der Gesellschaft.
Weiß einer nicht, was ich meine? Der soll sich nurmal bei uns (Ich wohne in Berlin) in der Öffentlichen Ver- waltung umsehen!
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Auf die Frage nach der Finanzierbarkeit hat Häni die richtige Antwort gegeben: Die entscheidende Frage ist, warum wir es nicht wollen.
In den westlichen Gesellschaftten ist die Produktivität der Arbeit - der Arbeit derer, die noch immer welche haben - so exorbitant, dass sie alle, die nicht arbeiten (wollen oder) dürfen, mühelos miternähren könnte, wenn die Gesellschaft dafür organisiert wäre. Das Dass steht außer Frage. Ein Wie wird sich selbstverständlich nicht finden lassen, wenn man es gar nicht erst will. Wenn man es aber will, wird man einen Weg finden. Was wie objektive Hindernisse aussieht, wird sich im Grunde auf subjektive Bedingungen zurückführen lassen.
Das ganze Problem liegt im Wollen. Wer nicht will und warum er nicht will - das muss die Kampagne ans Tageslicht bringen; das allein wäre schon all den Aufwand wert.
JE
Dienstag, 2. Mai 2017
De Maizière im Wortlaut.
Wer sind wir? Und wer wollen wir sein? Als Gesellschaft. Als Nation. Die Fragen sind leicht gestellt, die Antworten schwer: Neil MacGregor versucht sie in seinen "Erinnerungen einer Nation" auf über 600 und Dieter Borchmeyer in "Was ist deutsch?" gar auf über 1000 Buchseiten.
Einige Dinge sind klar. Sie sind auch unstreitig: Wir achten die Grundrechte und das Grundgesetz. Über allem steht die Wahrung der Menschenwürde. Wir sind ein demokratischer Rechtsstaat. Wir sprechen dieselbe Sprache, unsere Amtssprache ist Deutsch. Für all das haben wir ein Wort: Verfassungspatriotismus. Ein gutes Wort. Aber ist das alles? Demokratie, Achtung der Verfassung und Menschenwürde gelten in allen westlichen Gesellschaften.
Ich meine: Es gibt noch mehr. Es gibt so etwas wie eine "Leitkultur für Deutschland". Manche stoßen sich schon an dem Begriff der "Leitkultur". Das hat zu tun mit einer Debatte vor vielen Jahren. Man kann das auch anders formulieren. Zum Beispiel so: Über Sprache, Verfassung und Achtung der Grundrechte hinaus gibt es etwas, was uns im Innersten zusammenhält, was uns ausmacht und was uns von anderen unterscheidet.
Ich finde den Begriff "Leitkultur" gut und möchte an ihm festhalten. Denn er hat zwei Wortbestandteile. Zunächst das Wort Kultur. Das zeigt, worum es geht, nämlich nicht um Rechtsregeln, sondern ungeschriebene Regeln unseres Zusammenlebens. Und das Wort "leiten" ist etwas anderes als vorschreiben oder verpflichten. Vielmehr geht es um das, was uns leitet, was uns wichtig ist, was Richtschnur ist. Eine solche Richtschnur des Zusammenlebens in Deutschland, das ist das, was ich unter Leitkultur fasse.
Wer ist "wir"? Wer gehört dazu? Auch diese Frage wird oft gestellt und viel diskutiert. Für mich ist die Antwort klar: Wir – das sind zunächst einmal die Bürgerinnen und Bürger unseres Landes. Nicht jeder, der sich für eine gewisse Zeit in unserem Land aufhält, wird Teil unseres Landes. In unserem Land gibt es darüber hinaus viele Menschen, die seit langer Zeit hier leben, ohne Staatsbürger zu sein – auch sie gehören zu unserem Land. Wenn ich aber von "wir" spreche, dann meine ich zuerst und zunächst die Staatsbürgerinnen und Staatsbürger unseres Landes.
Wenn wir eine Leitkultur für Deutschland beschreiben, sind wir den Bedenken einer undifferenzierten Verallgemeinerung ausgesetzt. Wer Grundsätze benennt, muss sich die Ausnahmen vorhalten lassen. Das ist so. Und es stimmt: Es gibt viele Unterschiede in unserem Land. Aber wer will bestreiten, dass es hier erprobte und weiterzugebende Lebensgewohnheiten gibt, die es wert sind, erhalten zu werden? Wohl kaum jemand. Überzeugungen und Lebensgewohnheiten hat auch kein Land nur für sich allein. Was in Deutschland gilt, kann genauso in Frankreich gelten. Umgekehrt ist auch richtig: Andere Länder, andere Sitten. Wenn eine Lebensgewohnheit im Ausland anders ist, ist sie eben anders als in Deutschland, nicht besser oder schlechter. Es ist die Mischung, die ein Land einzigartig macht und die letztlich als Kultur bezeichnet werden kann. Und ist es nicht auch genau das, was wir suchen, wenn wir reisen – die Kultur des dann anderen Landes; das Erfahren eines anderen Kulturkreises, der uns den eigenen dann auch immer wieder bewusst macht?
Ich will mit einigen Thesen zu einer Diskussion einladen über eine Leitkultur für Deutschland.
1. Wir legen Wert auf einige soziale Gewohnheiten, nicht weil sie Inhalt, sondern weil sie Ausdruck einer bestimmten Haltung sind: Wir sagen unseren Namen. Wir geben uns zur Begrüßung die Hand. Bei Demonstrationen haben wir ein Vermummungsverbot. "Gesicht zeigen" – das ist Ausdruck unseres demokratischen Miteinanders. Im Alltag ist es für uns von Bedeutung, ob wir bei unseren Gesprächspartnern in ein freundliches oder ein trauriges Gesicht blicken. Wir sind eine offene Gesellschaft. Wir zeigen unser Gesicht. Wir sind nicht Burka.
2. Wir sehen Bildung und Erziehung als Wert und nicht allein als Instrument. Schüler lernen – manchmal zu ihrem Unverständnis – auch das, was sie im späteren Berufsleben wenig brauchen. Einige fordern daher, Schule solle stärker auf spätere Berufe vorbereiten. Das entspricht aber nicht unserem Verständnis von Bildung. Allgemeinbildung hat einen Wert für sich. Dieses Bewusstsein prägt unser Land.
3. Wir sehen Leistung als etwas an, auf das jeder Einzelne stolz sein kann. Überall: im Sport, in der Gesellschaft, in der Wissenschaft, in der Politik oder in der Wirtschaft. Wir fordern Leistung. Leistung und Qualität bringen Wohlstand. Der Leistungsgedanke hat unser Land stark gemacht. Wir leisten auch Hilfe, haben soziale Sicherungssysteme und bieten Menschen, die Hilfe brauchen, die Hilfe der Gesellschaft an. Als Land wollen wir uns das leisten und als Land können wir uns das leisten. Auch auf diese Leistung sind wir stolz.
4. Wir sind Erben unserer Geschichte mit all ihren Höhen und Tiefen. Unsere Vergangenheit prägt unsere Gegenwart und unsere Kultur. Wir sind Erben unserer deutschen Geschichte. Für uns ist sie ein Ringen um die Deutsche Einheit in Freiheit und Frieden mit unseren Nachbarn, das Zusammenwachsen der Länder zu einem föderalen Staat, das Ringen um Freiheit und das Bekenntnis zu den tiefsten Tiefen unserer Geschichte. Dazu gehört auch ein besonderes Verhältnis zum Existenzrecht Israels.
5. Wir sind Kulturnation. Kaum ein Land ist so geprägt von Kultur und Philosophie wie Deutschland. Deutschland hat großen Einfluss auf die kulturelle Entwicklung der ganzen Welt genommen. Bach und Goethe "gehören" der ganzen Welt und waren Deutsche. Wir haben unser eigenes Verständnis vom Stellenwert der Kultur in unserer Gesellschaft. Es ist selbstverständlich, dass bei einem politischen Festakt oder bei einem Schuljubiläum Musik gespielt wird. Bei der Eröffnung eines großen Konzerthauses sind – wie selbstverständlich – Bundespräsident, Vertreter aus Regierung, Parlament, Rechtsprechung und Gesellschaft vor Ort. Kaum ein Land hat zudem so viele Theater pro Einwohner wie Deutschland. Jeder Landkreis ist stolz auf seine Musikschule. Kultur in einem weiten Sinne, unser Blick darauf und das, was wir dafür tun, auch das gehört zu uns.
6. In unserem Land ist Religion Kitt und nicht Keil der Gesellschaft. Dafür stehen in unserem Land die Kirchen mit ihrem unermüdlichen Einsatz für die Gesellschaft. Sie stehen für diesen Kitt – sie verbinden Menschen, nicht nur im Glauben, sondern auch im täglichen Leben, in Kitas und Schulen, in Altenheimen und aktiver Gemeindearbeit. Ein solcher Kitt für unsere Gesellschaft entsteht in der christlichen Kirche, in der Synagoge und in der Moschee. Wir erinnern in diesem Jahr an 500 Jahre Reformation. Für die Trennung der christlichen Kirchen hat Europa, hat Deutschland einen hohen Preis gezahlt. Mit Kriegen und jahrhundertelangen Auseinandersetzungen. Deutschland ist von einem besonderen Staat-Kirchen-Verhältnis geprägt. Unser Staat ist weltanschaulich neutral, aber den Kirchen und Religionsgemeinschaften freundlich zugewandt. Kirchliche Feiertage prägen den Rhythmus unserer Jahre. Kirchtürme prägen unsere Landschaft. Unser Land ist christlich geprägt. Wir leben im religiösen Frieden. Und die Grundlage dafür ist der unbedingte Vorrang des Rechts über alle religiösen Regeln im staatlichen und gesellschaftlichen Zusammenleben.
7. Wir haben in unserem Land eine Zivilkultur bei der Regelung von Konflikten. Der Kompromiss ist konstitutiv für die Demokratie und unser Land. Vielleicht sind wir stärker eine konsensorientierte Gesellschaft als andere Gesellschaften des Westens. Zum Mehrheitsprinzip gehört der Minderheitenschutz. Wir stören uns daran, dass da einiges ins Rutschen geraten ist. Für uns sind Respekt und Toleranz wichtig. Wir akzeptieren unterschiedliche Lebensformen und wer dies ablehnt, stellt sich außerhalb eines großen Konsenses. Gewalt wird weder bei Demonstrationen noch an anderer Stelle gesellschaftlich akzeptiert. Wir verknüpfen Vorstellungen von Ehre nicht mit Gewalt.
8. Wir sind aufgeklärte Patrioten. Ein aufgeklärter Patriot liebt sein Land und hasst nicht andere. Auch wir Deutschen können es sein. "Und weil wir dies Land verbessern, lieben und beschirmen wir‘s. Und das liebste mag‘s uns scheinen, so wie andern Völkern ihrs", so heißt es in der Kinderhymne von Bert Brecht. Ja, wir hatten Probleme mit unserem Patriotismus. Mal wurde er zum Nationalismus, mal trauten sich viele nicht, sich zu Deutschland zu bekennen. All das ist vorbei, vor allem in der jüngeren Generation. Unsere Nationalfahne und unsere Nationalhymne sind selbstverständlicher Teil unseres Patriotismus: Einigkeit und Recht und Freiheit.
9. Unser Land hatte viele Zäsuren zu bewältigen. Einige davon waren mit Grundentscheidungen verbunden. Eine der wichtigsten lautet: Wir sind Teil des Westens. Kulturell, geistig und politisch. Die Nato schützt unsere Freiheit. Sie verbindet uns mit den USA, unserem wichtigsten außereuropäischen Freund und Partner. Als Deutsche sind wir immer auch Europäer. Deutsche Interessen sind oft am besten durch Europa zu vertreten und zu verwirklichen. Umgekehrt wird Europa ohne ein starkes Deutschland nicht gedeihen. Wir sind vielleicht das europäischste Land in Europa – kein Land hat mehr Nachbarn als Deutschland. Die geografische Mittellage hat uns über Jahrhunderte mit unseren Nachbarn geformt, früher im Schwierigen, jetzt im Guten. Das prägt unser Denken und unsere Politik.
10. Wir haben ein gemeinsames kollektives Gedächtnis für Orte und Erinnerungen. Das Brandenburger Tor und der 9. November sind zum Beispiel ein Teil solcher kollektiven Erinnerungen. Oder auch der Gewinn der Fußballweltmeisterschaften. Regionales kommt hinzu: Karneval, Volksfeste. Die heimatliche Verwurzelung, die Marktplätze unserer Städte. Die Verbundenheit mit Orten, Gerüchen und Traditionen. Landsmannschaftliche Mentalitäten, die am Klang der Sprache jeder erkennt, gehören zu uns und prägen unser Land.
Was folgt nun aus dieser Aufzählung? Manches mag fehlen, anderes kann hinzukommen. Ist das ein Bildungskanon, den alle wissen und lernen müssen, zum Beispiel in den 100 Stunden der Orientierung in unserem Integrationskurs? Schön wär’s. Kann eine Leitkultur vorgeschrieben werden? Ist sie verbindlich? Nein. Wie der Name Kultur schon sagt, geht es hier nicht um vorgeschriebene Regeln. Die Leitkultur prägt und soll prägen. Sie kann und soll vermittelt werden.
Leitkultur kann und soll vor allem vorgelebt werden. Wer sich seiner Leitkultur sicher ist, ist stark. Stärke und innere Sicherheit der eigenen Kultur führt zu Toleranz gegenüber anderen. Leitkultur ist also zunächst und vor allem das, was uns ausmacht. Wenn sie uns im besten Sinne des Wortes leitet, dann wird sie ihre prägende Wirkung auf andere entfalten. Auch auf die, die zu uns kommen und bleiben dürfen. Ihnen reichen wir unsere ausgestreckte Hand.
Was aber geschieht nun mit denjenigen, die zu uns gekommen sind, die hier eine Bleibeperspektive haben, die dennoch aber eine solche Leitkultur weder kennen, vielleicht nicht kennen wollen oder gar ablehnen? Bei denen wird die Integration wohl kaum gelingen. Denn zugehörig werden sie sich nicht fühlen ohne Kenntnis und jedenfalls Achtung unserer Leitkultur.
In unserem Umgang mit diesen Menschen sollte uns eine Unterscheidung leiten: Die Unterscheidung zwischen dem Unverhandelbaren und dem Aushaltbaren. Das Unverhandelbare werden wir nicht aufgeben, wir müssen auf dessen Einhalten bestehen. Dazu gehören neben den Forderungen nach Straflosigkeit und Achtung unserer Grundwerte auch die Einhaltung von Respekt im Miteinander und die Herrschaft des Rechts vor der Religion. Wir bleiben – unverhandelbar – Teil des Westens, stolze Europäer und aufgeklärte Patrioten. Vor allem die Menschenwürde ist für uns unverhandelbar, auch im Umgang der Menschen untereinander.
Aushalten müssen wir dagegen sicher einiges. Das lässt unsere Toleranz auch zu. Wenn wir aber darauf achten, dass wir uns unserer Leitkultur bewusst sind und sie vorleben, dann wissen wir um die Stärke dieser Leitkultur, können einiges aushalten und müssen weniger aushalten, je überzeugender unsere Leitkultur wirkt. Wenn wir uns klar darüber sind, was uns ausmacht, was unsere Leitkultur ist, wer wir sind und wer wir sein wollen, wird der Zusammenhalt stabil bleiben, dann wird auch Integration gelingen – heute und in Zukunft.
Thomas de Maizière
Nota. - Das ist alles trivial. Das soll es aber auch sein: nämlich so, dass keiner im Ernst widersprechen kann. Aber dürfte: So steht es in dem Text ja drin.
Freilich könnte man - Sie und ich und jeder, der sich aufgerufen fühlt - an jeder Stelle eine Handvoll abers anfügen: Dies müsste man weiter ausführen, jenes mitberücksichtigen und anderes einschränken. Das liegt in der Natur solcher Texte, darauf wollen sie ja hinaus, und das wird in den kommenden Tagen reichlich, wahr- scheinlich überreichlich geschehen.
Die ganze Aufregung reduziert sich am Ende wirklich bloß um den Gebrauch des Wortes Leitkultur. Das finde ich auch unglücklich. Kultur bezeichnet etwas Gegebenes. Etwas historisch Gewordenes. Sie ist die sachliche Voraussetzung, wirkliche Bedingung jedweder gesellschaftlich erheblichen Tätigkeit. Das ist genug gesagt.
Ob sie aber, nachdem sie einmal so und nicht anders geworden ist, auch weiterhin so und nicht anders werden soll, dass sie also die Richtung vorgibt und leitet, muss jede Generation neu ausmachen. Sie ist der Ausgangs- punkt, den man sich nicht frei aussuchen kann. Ein Rahmen. Über die Richtung muss allezeit neu verhandelt werden, das ist ja der Zweck demokratischer Verfassungen. Demokratie ist nicht Konsens über Korrektheiten, sondern Meinungskampf.
JE
JE
Darf der das?
Ja, das darf er.
Eins ist, was ein Gemeinwesen als verbindlichen Rahmen des Zusammenlebens in seine Verfassung schreibt. Etwas anderes ist, was eine politische Partei innerhalb dieses Rahmens als ihr Programm fomuliert. Man muss sie ja nicht wählen, aber wenn, will man doch wissen, wofür. Das war bei unsern Parteien in den letzten Jahr- zehnten nicht immer klar zu erkennen, die AfD ist die verdiente Strafe.
Eine Partei muss sagen, was sie für politisch korrekt hält, und nicht mitsummen, was alle andern dafür halten. Und dass es diesmal ein Innenminister tut und nicht versuchsweise einen Hinterbänkler vorschickt, ist gut für die politischen Manieren.
Was de Maizière uns allerdings als Leitlultur vorschlägt, ist ein Thema für sich.
Montag, 1. Mai 2017
Tag der schwindenden Arbeit
aus Süddeutsche.de,
Tag der Arbeit
Die Industrialisierung kehrt nie zurück
Donald Trump, Martin Schulz und viele andere singen ein Loblied auf die Arbeiter. Doch was, wenn ihre Tatkraft in Zeiten der fortschreitenden Automatisierung nicht mehr gebraucht wird?
Kommentar von Thomas Steinfeld
Ein Bild des berühmten Fotografen Andreas Gursky zeigt eine Montagehalle der Firma Siemens in Karlsruhe. Hunderte Kabel ziehen sich von der Decke, Transportwagen mit Kleinteilen stehen ordentlich aufgereiht. Dazwischen hängen und liegen noch mehr Kabel, penibel auf Scheiben gerollt. Die Arbeiter sind in dieser Szenerie von gigantischer Kleinteiligkeit kaum zu sehen: Sie sitzen an schmalen Tischen der Kabelfabrik, die meisten von ihnen in weißen Kitteln, wie begraben unter dem Material. Die Fotografie stammt aus dem Jahr 1991. Es ist unwahrscheinlich, dass es diese Arbeit und die Arbeiter heute, fast eine Generation später, überhaupt noch gibt - und schon gar nicht an diesem Ort, wo Löhne gezahlt werden, die deutlich höher ausfallen als in anderen Ländern. Falls diese Arbeitsplätze noch existieren sollten, befinden sie sich vermutlich längst in Rumänien, in Bangladesch oder Taiwan.
Es gibt immer mehr Arbeiter, doch diese Tendenz wird sich umkehren
Das Bild ist ein Lehrstück. Es handelt vom Verschwinden der Arbeit. Zwar gibt es, infolge der Industrialisierung in den ehemaligen Schwellenländern und in der Dritten Welt, immer mehr Arbeiter. Ihre Zahl soll sich seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion mehr als verdoppelt haben, von gut einer Milliarde Menschen auf fast drei Milliarden. In den industrialisierten Ländern jedoch nimmt ihre Zahl seit zwanzig, dreißig Jahren kontinuierlich ab. Es lässt sich absehen, wann dieselbe Entwicklung in die Länder vordringt, in denen gegenwärtig die Zahl der Arbeiter noch wächst. Dann nämlich, wenn dort die Löhne steigen und, im Vergleich dazu, der Einsatz von Maschinen billiger wird. "Die Selbstverwertung des Kapitals durch die Maschine steht im direkten Verhältnis zur Arbeiterzahl, deren Existenzbedingungen sie vernichtet", heißt es in einem Buch, das in diesem September vor 150 Jahren erschien: dem ersten Band des "Kapitals". Wie recht Karl Marx mit diesem Satz hatte, lässt sich an Andreas Gurskys Fotografie erahnen.

Andreaas Gursky, Siemens Karlsruhe, 1991
Am Montag, dem 1. Mai, wird das an diesem Tag übliche Lob der Arbeit deutlicher ausfallen, als das noch vor einigen Jahren der Fall gewesen wäre. Das liegt zum einen an Verhältnissen, in denen das Kapital aufgehört hat, sich als solches zu verhalten: Geld gibt es zwar in fast unendlichen Mengen, und es kostet nur sehr wenig, aber es finden sich kaum traditionelle Unternehmen, in die es sich zu investieren lohnt - weswegen das Wachstum so gering bleibt. Und zum anderen lässt es sich nicht übersehen, vor allem nicht in den Fabriken selbst, welche rapiden Fortschritte die Automatisierung macht. "Lasst uns pflügen, lasst uns bauen, lernt und schafft wie nie zuvor", hieß es in der dritten Strophe der Nationalhymne der DDR. In diesem Jahr ist es, als könnten und wollten alle Redner des Tages in diese Verse einstimmen, die Politiker von rechts wie die von links, die Gewerkschaftler sowieso und vielleicht sogar der Arbeitgeberverband.
Die Wahlkampfformel von den "hart arbeitenden Menschen"
Martin Schulz spricht immer wieder von den "hart arbeitenden Menschen". Als er dies zum ersten Mal nach der Wahl zum Kanzlerkandidaten tat, klang es nach Schweiß, grobem Werkzeug und Schichtbetrieb, wie zurückgekehrt aus tiefer Vergangenheit. Aber es traf auf ein gegenwärtiges Unbehagen, auf eine Sorge, die den Automaten und der Digitalisierung ebenso gilt wie den wiederum nur 1,4 Prozent des Bruttoinlandprodukts, die Deutschlands Wachstum für das laufende Jahr darstellen sollen. "Hart arbeitende Menschen" - das soll heißen, dass diese Menschen im Recht seien, gegenüber allen Zumutungen, die Wirtschaft, Politik und Fortschritt für sie bereithalten. Aber was nützt das Bewusstsein, recht zu haben, wenn die Arbeit nicht gebraucht wird?
Karl Marx' "Reservearmee" der Arbeitslosen wird nicht mehr gebraucht
Im Lob der Arbeit, in den Forderungen zur neuerlichen Industrialisierung geht es auch um Arbeitsplätze, um die Möglichkeiten, ein Auskommen zu finden. Aber zugleich geht es um mehr: Denn wenn die industrielle Arbeit schwindet, nimmt nicht zugleich die soziale Bedeutung der Arbeit ab, ihre Funktion für die Vergesellschaftung der Menschen. Nichts verbindet dann diese Menschen mehr, im Schlechten wie im Guten, als die Arbeit. Arbeitslosigkeit, vor allem langfristige, bedeutet zwar Armut, aber in den westeuropäischen Ländern bedeutet sie schon lange nicht mehr existenzielle Not. Allerdings geht sie mit einer Auflösung von Gesellschaft einher. Karl Marx hatte die Arbeitslosen die "industrielle Reservearmee" genannt. Sie diente nicht zuletzt dazu, die Löhne niedrig zu halten. Diese Reserve wird nicht mehr gebraucht, und wer einst dazugehört hatte, befindet sich nun unter Überflüssigen. Das Lob der Arbeit, so wie es gegenwärtig angestimmt wird, hat ebenso mit dem Bewusstsein solcher Verluste zu tun wie das utopische Verlangen nach neuerlicher Industrialisierung.
Lewis HineFast dreißig Jahre ist es her, dass Andreas Gursky eine Werkhalle in Karlsruhe fotografierte, in der die Arbeiter die geringste und flüchtigste Ressource darstellten. Dem Kapital ist es seitdem nicht schlecht ergangen, im Gegenteil, und es sieht auch nicht danach aus, dass sich daran etwas änderte, jedenfalls nicht in Deutschland. Deswegen wird auch in diesem Jahr am 1. Mai mehr Lohn gefordert werden, und sei es, weil damit der Konsum beflügelt werden soll. Unwahrscheinlich ist es jedoch, dass die anderen traditionellen Themen dieses Tages, die Mitbestimmung oder die Dauer der Arbeitswoche, die Festreden beherrschen werden. An ihre Stelle scheint etwas viel Grundsätzlicheres zu treten: die Frage nach der Zukunft der Arbeit überhaupt.
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