Mittwoch, 17. April 2019

Lässt die Nachrichtenflut die Aufmerksamkeit abstumpfen?

aus Die Presse, Wien, 17.04.2019
 
Wir treiben die Sau immer schneller durchs Dorf
Erstmals bewiesen: Die wachsende Flut an Themen verkürzt unsere kollektive Aufmerksamkeit für sie.
 

Notre-Dame brennt: Das bewegte am Montag die ganze Welt. Morgen ist es schon fast vergessen. Wir werden rund um die Uhr mit immer neuen Themen bombardiert, vor allem über soziale Medien. Da kann sich der einzelne Aufreger nicht mehr lang halten. Viele haben das im Gefühl, es klingt plausibel, aber erforscht war es bisher nicht. Das sollte uns skeptisch machen. Vor vier Jahren ging die Meldung um die Welt, unsere individuelle Aufmerksamkeitsspanne – die Fähigkeit, uns auf etwas zu konzentrieren – sei seit dem Jahr 2000 von zwölf auf acht Sekunden gesunken und damit nun kürzer als bei Goldfischen. Das waren Fake News. Gut, dass es die meisten rasch vergessen haben. 

Aber jetzt liefert ein dänisch-irisch-deutsches Team von Forschern den Nachweis, dass unsere kollektive Aufmerksamkeitsspanne – wie lang ein Thema „in aller Munde“ ist – tatsächlich sinkt (in Nature Communications, 15. 4.).

Zunächst haben sie empirische Daten gesammelt, mit Twitter beginnend: Im Jahr 2013 konnte sich ein Hashtag im Schnitt noch 17,5 Stunden im Ranking der 50 global am meisten verwendeten halten, 2016 waren es nur mehr 11,9 Stunden. Aber der Trend ist älter und nicht auf soziale Netzwerke beschränkt. Untersucht wurde etwa auch, wie rasch sich die Häufigkeit von Fünf-Wörter-Blöcken (wie etwa „der Brand von Notre-Dame“) in Büchern der vergangenen 100 Jahre ändert oder wie schnell sich seit 40 Jahren die Blockbuster an US-Kinokassen ablösen. Alles wird kurzlebiger. 

Allerdings stumpft unsere Begeisterungsfähigkeit nicht ab: Auf dem Höhepunkt interessieren sich nicht weniger Menschen für ein Thema. Was treibt also die Entwicklung? Um das zu klären, haben die an der Studie beteiligten Mathematiker ein einfaches Modell erstellt. Es liefert dann die besten Ergebnisse – nämlich ganz nah an den empirischen Daten –, wenn es nur eine erklärende Variable enthält: die steigende Menge an Informationen, die Medien generieren und Leser konsumieren.

Schnell erregt, schnell gelangweilt

Im Ganzen ergibt sich aus Modell und Empirie folgendes Bild: Die Kapazität unserer kollektiven Aufmerksam- keit ist begrenzt. Es strömen mehr Informationen auf uns ein, sie sind viel schneller in aller Munde. Aber damit ist auch der Speicher in kürzerer Zeit voll. Das zeigt sich daran, dass uns ein Thema bald langweilt („war ja schon gestern“) und sich der Durst nach Neuem rascher wieder regt. So steil die Popularität einer Nachricht ansteigt, so brutal stürzt sie gleich wieder ab. Die Konkurrenz der Themen sorgt dafür, dass der nächste Aufreger gleich zur Hand ist und sofort durchstarten kann.

Ist das schlimm? Vielleicht kann sich unser Hirn an die neue Situation gut anpassen. Vielleicht aber lässt die News-Flut auch viele überfordert und orientierungslos zurück – angefangen bei den Journalisten selbst, die sie verbreiten. Wie lassen sich schädliche Effekte abmildern? Die Studie zeigt: Es gibt einen Bereich, der von der Schnelllebigkeit verschont geblieben ist – die Wissenschaft. Das Interesse an Wikipedia-Einträgen und Artikeln in Fachzeitschriften unterliegt nicht den heute üblichen hektischen Zyklen. Wie gut also, dass Sie diesen Artikel zu Ende gelesen haben. Sie werden sich noch morgen daran erinnern.


Nota. - Die Frage, wie lange ein Thema im Mittelpunkt öffentlicher Beachtung steht, geht eigentlich nur Jour- nalisten und Politiker an - und die Demoskopen, die ihnen zuarbeiten. Auf die Dauer aber wird entscheiden, wie lange - ja - etwas im Gedächtnis gespeichert bleibt, und - vor allem - unter welchem Wichtigkeitsgrad es dort verzeichnet ist. Denn davon hängt ab, wie lange und wie stark es die Entscheidungen der Personen prägen wird.

Dass das ein anderes Feld ist als das Vorbeijagen der Neuigkeiten zeigt ausgerechnet die anhaltende Aufmerk- samkeit für wissenschaftliche Facheinräge; und die geben sich so schnell die Klinke in die Hand wie die Faits divers. Aber die werden eher individuell beachtet als kollektiv, oder?
JE

Montag, 15. April 2019

Der Aufbau Ost ist eine Erfolgsgeschichte.

 aus welt.de, 5. 4. 2019                                                                          Dresden

Das Ruhrgebiet ist das neue Armenhaus DeutschlandsTeile Deutschlands werden sich weiter entvölkern, warnen Forscher. Während die am wenigsten zukunftsfähigen Kreise im Westen liegen, haben sich Teile Ostdeutschlands überraschend gut entwickelt. Doch auch ihre Erfolgsgeschichte ist akut gefährdet.



Deutschlands Bevölkerung schrumpft und altert, das ist bekannt. Oder doch nicht? Eine aktuelle Untersuchung bestätigt jetzt, was sich schon seit Längerem abzeichnet: Die verstärkte Zuwanderung vor allem aus dem EU-Ausland und ein überraschender, seit Jahren anhaltender Babyboom sorgen dafür, dass die Bevölkerung hierzulande bis zum Jahr 2035 stabil bleiben wird.

Dann werden in Deutschland 82,3 Millionen Menschen leben, schreiben die Autoren der aktuellen Bevölkerungsprognose des gemeinnützigen Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. Die Bevölkerung sinke damit um weniger als ein Prozent und weit weniger stark als lange erwartet.

Diese überraschend positive Entwicklung kann allerdings nicht verhindern, dass Teile des Landes weiter entvölkern, warnen die Forscher. Es sei absehbar, dass vor allem in ländlichen Gebieten und ganz besonders denen in Ostdeutschland die Bevölkerung weiter schrumpfen und überdurchschnittlich stark altern werde.

 
Quelle: Infografik WELT

Die Autoren der Studie sprechen gar von „demografischen Krisenregionen“ in Ostdeutschland. Einzelne Landkreise in Brandenburg und Sachsen-Anhalt, die jetzt schon dünn besiedelt und überdurchschnittlich alt sind, könnten bis 2035 ein Viertel ihrer jetzigen Bevölkerung verlieren.
 
Die Großstädte hingegen, die mit ihren Hochschulen und innovativen Unternehmen jetzt schon Magnete vor allem für junge Menschen sind, wüchsen weiter, heißt es von den Forschern des CIM, die im Auftrag des Berlin-Instituts die Berechnungen angestellt haben. Die großen Metropolen und Uni-Städte wie Heidelberg, München, Frankfurt am Main, Münster und Regensburg profitieren dabei doppelt: Die Bevölkerungen wachsen nicht nur, sie sind auch überdurchschnittlich jung.


Quelle: Infografik WELT  

Stadt boomt, Land schrumpft – diese Entwicklung wird in den kommenden Jahrzehnten eine der dominierenden Trends hierzulande sein und Jobs, Mieten, Gesundheitsversorgung und viele weitere Lebensbereiche beeinflussen. Dabei gebe es eine relativ einfache Regel, um die Entwicklung vorherzusagen, sagt Manuel Slupina, Leiter der Abteilung Demografie am Berlin-Institut: „Je entlegener eine Region, desto stärker der Bevölkerungsrückgang.“ 

Von der Regel gibt es allerdings auch Ausnahmen: Die Landkreise Cloppenburg, Emsland und Vechta in Niedersachsen gehören dazu. Abseits gelegen und in Grenznähe, galten sie vor einigen Jahrzehnten als armutsgefährdet. 

„Der Aufbau Ost ist eine Erfolgsgeschichte“
 
Das ist vorbei: Ausgerechnet um die Landwirtschaft herum haben findige Unternehmer dort äußerst profitable Wertschöpfungsketten aufgebaut. Es gibt dort Jobs, gute Einkommen und offenbar eine hohe Lebensqualität: Die Familien hier haben viele Kinder, und junge Menschen aus der Region kommen nach Studium und Ausbildung zurück, um Familien zu gründen.
 
Kein Wunder, dass die Region den Forschern auch als besonders zukunftsfähig gilt: Um herauszufinden, wie gut alle 401 Landkreise und kreisfreien Städte hierzulande auf die kommenden Jahrzehnte vorbereitet sind, haben die Wissenschaftler Wirtschaftsdaten, Bevölkerungsentwicklung und soziale Infrastruktur untersucht.


Quelle: Infografik WELT

Wenig verblüffend landen Landkreise aus Bayern und Baden-Württemberg in der Rangliste der Kreise mit den besten Zukunftsaussichten ganz weit vorne. Erstaunlich allerdings ist deren Dominanz: Von den 20 am besten aufgestellten Kreisen hierzulande liegen 19 in den beiden wirtschaftsstarken süddeutschen Bundesländern; allein die Stadt München und drei angrenzende Landkreise belegen vier der sechs ersten Plätze.

Lediglich auf Platz 15 taucht eine Stadt aus einem anderen Bundesland auf: Dresden. Die sächsische Kulturmetropole sei dynamischer als häufig vermutet, sagt Institutschef Klingholz. Frauen bekommen dort überdurchschnittlich viele Kinder, was für eine familienfreundliche Stadt spreche, die Universität ziehe viele junge Leute an, und um Dresden habe sich eine florierende Hightech-Industrie gebildet. Jeder zweite in Europa hergestellte Mikrochip komme beispielsweise aus Silicon Saxony

Das Ruhrgebiet hat den Niedergang von Kohle und Stahl bis heute nicht wirtschaftlich verkraftet
Das Ruhrgebiet hat den Niedergang von Kohle und Stahl bis heute nicht wirtschaftlich verkraftet

Die gute Lage in Dresden unterstreicht einen der zentralen Befunde der Untersuchung, den Institutsleiter Klingholz bei der Vorstellung der Ergebnisse mehrfach betont: „Der Aufbau Ost ist eine Erfolgsgeschichte.“ Das zeigt ein Blick auf die am wenigsten zukunftsfähigen Kreise. Bei der vorletzten Untersuchung dieser Art aus dem Jahr 2006 lagen 19 der 20 am schlechtesten bewerteten Kreise in Ostdeutschland. Im Jahr 2011 waren es nur noch 14, und in diesem Jahr sind es nur noch fünf. 
 
Am Ende des Rankings finden sich jetzt Kreise und Städte aus dem Ruhrgebiet und dem Saarland. „Der Osten holt auf, aber dem Aufbau Ost steht ein Abstieg West gegenüber“, sagt Klingholz.  

Die Armenhäuser Deutschlands lägen nicht mehr im Osten wie nach der Wende, sondern in Westdeutschland, in den Regionen, wo der Niedergang von Kohle und Stahl bis heute nicht wirtschaftlich verkraftet ist: im Ruhrgebiet und im Saarland. 

München  
Deutschland – wie es sich verändert hat
   
Die demografische Entwicklung könnte die ostdeutsche Erfolgsgeschichte allerdings gefährden, denn die Zuwanderung und der aktuelle Babyboom werden die Alterung hierzulande nicht aufhalten. So wird die erwerbsfähige Bevölkerung in Deutschland weiter schrumpfen, und das wird besonders Ostdeutschland treffen, wo nach der Wende viele junge Menschen in den Westen gezogen sind und die Geburtenraten in den Keller sackten.
 
Dem Osten gehen die Menschen aus, und das könnte zum Problem werden, wenn Firmen kein Personal mehr finden. Schon heute sind in vielen Regionen in Ostdeutschland Arbeitskräfte knapp, und wenn sich diese Situation verschärft, könnten Unternehmen gezwungen sein, zu schließen oder Produktion in andere Regionen zu verlagern. „Das Thema Zuwanderung ist in einigen Gebieten in Ostdeutschland viel dringender als anderswo“, sagt Klingholz. „Wer in Dresden mit einem Transparent auf die Straße geht, sollte nicht weniger Migration fordern, sondern mehr davon.“


Nota. - Dass die Milliarden aus dem Westen die Landschaften nicht über Nacht erblühen ließen, war zu erwar- ten; auch wenn jede Mark in die richtigen Hände gekommen wäre. Viele Junge wollten nicht abwarten und sind in den Westen gegangen. Jetzt blühen die Landschaften, aber die Jungen fehlen, und so welken sie vielleicht bald wieder. Und es wird wieder heißen, der Westen war schuld.
JE

 

Samstag, 13. April 2019

Geschichte des Internets, II.

 aus spektrum.de, 02.04.2019

Eine kurze Geschichte des Internets
Los ging es 1969 im Jahr der Mondlandung. Eigentlich ganz passend, findet unser Kolumnist Christoph Meinel: In beiden Fällen ließ die Menschheit die alte Welt hinter sich.

von Christoph Meinel

»Wer die Vergangenheit nicht kennt, kann die Gegenwart nicht verstehen und die Zukunft nicht gestalten.« Was der ehemalige Bundeskanzler und Historiker Helmut Kohl einst über Geschichte sagte, trifft auch auf die noch kurze Geschichte der digitalen Technologien zu und ganz besonders auf das Internet, das den Grundstein für die neue digitale Welt gelegt hat. In diesem Jahr wird das Internet 50 Jahre alt. Grund genug, um sich seine Geschichte zu vergegenwärtigen.

Die Entwicklung des Internets startete 1969, im Jahr der ersten Mondlandung, was insofern eine schöne Koinzidenz ist, als sowohl das Vordringen in den Weltraum als auch die Schaffung einer neuen virtuellen Welt Wendepunkte in der Menschheitsgeschichte markieren. Beides steht für den Aufbruch aus der altbekannten terrestrisch und physisch gebundenen Welt.

Das Internet wurde entwickelt mit Fördergeldern der DARPA, einer Agentur des US-amerikanischen Verteidigungsministeriums zur Förderung von Innovationen. Es startete als Verbund von vier Rechnern der Universitäten Stanford, Santa Barbara, Utah und Los Angeles zum so genannten ARPANET (Advanced Research Projects Agency Network). Zwei Jahre später waren bereits 23 Rechner über 15 Knoten im ARPANET miteinander vernetzt, und die erste E-Mail wurde versandt – die erste »Killer-App« des Internets. 1973 gab es die ersten europäischen Internetknoten in Großbritannien und Norwegen, und zehn Jahre darauf waren weltweit schon 500 Hosts über das Internet verbunden.

1983 wurde eine maßgebliche Weichenstellung für das Internet vollzogen: Die von Vinton Cerf und Robert Kahn – beides übrigens Fellows am Hasso-Plattner-Institut – entwickelte TCP/IP-Kommunikationsprotokoll- suite wurde eingeführt. Bis heute steuert sie die gesamte Internetkommunikation. Gleichzeitig wurde das ARPANET in einen zivilen und einen militärischen Teil aufgespalten. Weitsichtig wurden dann auf Veranlassung der US-amerikanischen Regierung wenig später alle Universitäten in den USA an das Internet angeschlossen, was zu einer Explosion in der Nutzung des Internets und der Entwicklungen neuer Anwendungen führte. 1988 waren weltweit schon mehr als 60 000 Rechner verknüpft. Die Einsatzmöglichkeiten stiegen und stiegen. Auch die ersten Internet-Schadprogramme wurden entwickelt, um die Nutzung des Internets zu stören oder Unbefugten Zugriff auf Systeme anderer Internetnutzer zu gewähren. Der Ur-Internetvirus befiel damals zehn Prozent der mit dem Internet verbundenen Hosts.

Die Erfindung namens »Hyperlink«

Das Jahr 1990 brachte die bedeutendste Neuerung, die den Siegeszug des Internets und die Entstehung der auf dem Internet basierenden neuen digitalen Welt endgültig besiegelte. Am europäischen Forschungszentrum CERN entwickelten die Informatiker Robert Cailliau und Tim Berners-Lee das World Wide Web. Über das »Web« konnte mit Hilfe kleiner Programme, der Webbrowser nämlich, in Sekundenschnelle über das Internet auf weltweit verstreut gespeicherte multimediale Dokumente zugegriffen werden. Die neuen Webpages ließen sich durch »Hyperlinks« untereinander frei vernetzen. Fortan mussten die Nutzer gar nicht mehr wissen, wo genau das Dokument gespeichert war, für das sie sich gerade interessierten.

Das World Wide Web (WWW) wurde so nach dem E-Mail-Dienst zur zweiten Killer-App des Internets, denn mit den seit Ende 1993 verfügbaren Webbrowsern mit grafischer Oberfläche konnten nun auch Laien im Internet, einfach per Mausbewegung und -klick, »surfen«. Über Webbrowser lassen sich digitale Inhalte sehr leicht hochladen, vernetzen und zum Verkauf anbieten. Doch nicht jeder große Player im IT-Bereich sah den rapiden Bedeutungsgewinn des Internets voraus. So dauerte es noch fünf Jahre, bis Microsoft einen eigenen Browser, den Internet Explorer, auf den Markt brachte.

Das exponentielle Wachstum des Internets und seiner kommerziellen Nutzung ab Mitte der 1990er Jahre weckte viele Fantasien und ließ einen Dotcom-Markt im Internet entstehen mit einer unüberschaubaren Zahl durchdachter und weniger durchdachter Online-Services aller Couleur. Auch dieser Markt entwickelte sich exponentiell und überhitzte. Kleinstinternetunternehmen waren plötzlich so viel wert wie große Betriebe der traditionellen physischen Welt. Die »Dotcom-Blase« wuchs bis zum Millennium, um in der ersten Internet-Wirtschaftskrise jäh zu platzen.

Als klar war, dass sich das World Wide Web zum rasant wachsenden Massenphänomen entwickelte, gründete sich das W3C (WWW Consortium), das vom WWW-Pionier Berners-Lee gegründet und bis heute geleitet wird. Es übernahm die Aufgabe, wichtige Standardisierungsmaßnahmen im WWW vorzuschlagen und seine Weiterentwicklung zu koordinieren. Ohne die W3C-Standards hätte das Web nie seine heutige Reichweite und Bedeutung entfalten können.

2001 wurde in Japan ein Protokoll für die mobile Nutzung des Internets geschaffen, und die allerersten Smartphones eroberten den Markt. In dieser Zeit gründete sich auch die noch heute beliebte Online-Enzyklopädie »Wikipedia«. Die Dotcom-Marktbereinigung hatte zur Folge, dass sich nachhaltige Webangebote wie Google, Amazon und Ebay herauskristallisierten und ihren Siegeszug antraten. Wenige Jahre später wurden die ersten sozialen Netzwerke gegründet. So kann 2003 als das Jahr der Geburt des »Web 2.0« (konsequenter wäre eigentlich die Bezeichnung »Web 3.0«) betrachtet werden.

Internet zum Mitmachen

Praktisch jeder Internetnutzer wurde in die Lage versetzt, über digitale Anwendungen nicht nur im Web zu surfen und Informationen aufzunehmen, sondern auch eigene Inhalte einzubringen und in Echtzeit mit anderen Nutzern zu interagieren. MySpace gilt zwar als der Pionier des Web 2.0, aber LinkedIn und Facebook, das ein Jahr später gegründet wurde, machten das interaktive Internet zum Massenphänomen. So vernetzt LinkedIn heute mehr als 610 Millionen und Facebook sogar 2,7 Milliarden Nutzer weltweit miteinander. Darüber hinaus begannen auch die ersten Maschinen sich über das Internet zu vernetzen und zu kommunizieren. Das »Internet der Dinge« nahm seinen Lauf.

Apple revolutionierte 2007 das Webinterface mit der Einführung des Touchscreens für mobile Endgeräte. Diese Entwicklung wurde von der Einführung mobiler Betriebssysteme wie iOS (Apple) und Android (Google, 2008) begleitet. Damit wurde die Nutzung des WWW nochmals stark vereinfacht, und weitere Zielgruppen wurden erschlossen. So richtig erfolgreich wurden mobile Endgeräte wie Smartphones oder Tablets aber erst mit der Entwicklung des Cloud-Computings, das als weiterer Paradigmenwechsel in der Geschichte des Internets betrachtet werden kann. Rechen- und Speicherkapazität verlagerten sich von den Endgeräten hin zu professionell geführten Datenzentren, wo die besten Hochleistungsrechner und das bestausgebildete IT-Personal die Datenspeicherung und -absicherung administriert. Die Endnutzer brauchen nur noch mit dem Internet verbundene Endgeräte zu besitzen, um über Webservices auf die enorme Rechen- und Speicherleistung der Datenzentren zuzugreifen.
Heftcover Spektrum.de Digitalpaket: Digitales Zeitalter
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Dass diese Entwicklung einen neuen Boom der Internetindustrie und der IT-Gründerszene bedeutete, ist klar. Junge Unternehmen können sich seitdem auf ihre neuen Anwendungen konzentrieren und brauchen sich über die Bereitstellung von Rechenleistung, -speicherung und IT-Sicherheit keine Gedanken mehr zu machen. Selbst Nichtinformatiker können seither erfolgreiche IT-Unternehmer werden, und alle Generationen profitieren von der niedrigschwelligen Nutzung von Internetdiensten. 

So kann heute jeder ohne großes Vorwissen seine eigene Internetseite gestalten, einen Onlineshop eröffnen, digitaler Influencer werden und am globalen Wissensgewinn teilhaben.Das Internet ist damit endgültig zur bestimmenden Technologie der Gegenwart geworden und verspricht auch ganz neue internetbasierte Anwendungen in den Bereichen Big Data, künstliche Intelligenz, Internet der Dinge und Blockchain. Wir können gespannt sein …

Christoph Meinel ist Professor für Informatik, Geschäftsführer des Hasso-Plattner-Instituts und Dekan der Digital Engineering Fakultät der Universität Potsdam. Als Kolumnist auf »Spektrum.de« wirft er alle drei Wochen in »Meinels Web-Tutorial« einen Blick hinter die Kulissen des World Wide Web.

Freitag, 12. April 2019

Das Internet war nicht geplant.

 
aus derStandard.at, 12. April 2019, 08:00
Marco Aiello: 
"Das Web war ein Amateurprojekt"
Vor 30 Jahren entstand das World Wide Web. Der Informatiker Marco Aiello analysierte, weshalb es so erfolgreich wurde – und warum das eigentlich eine Überraschung ist

Interview

Der Cern-Physiker Tim Berners-Lee hatte gerade erst die Software Enquire geschrieben: Sie sollte ihm schlicht dabei helfen, den Überblick über sein Labor zu behalten. Das Programm verknüpfte Projekte, beteiligte Personen und Computer durch Links, stellte also einen Hypertext dar.

Nun machte sich Berners-Lee daran, ein komplexeres System zum Informationsmanagement am gesamten Cern zu erstellen – und entwickelte damit vor 30 Jahren das World Wide Web, auf welches durch das Internet von mehreren Rechnern aus zugegriffen werden kann. Heute ist es nicht mehr aus dem Alltag wegzudenken.

Berners-Lee wusste damals noch nichts über jene Vordenker, die bereits ab den 1940er-Jahren Ideen zu Hypertextmaschinen formuliert hatten. Ein früher Vorläufer ist das Memex-Konzept, die Vorstellung eines Schreibtisches mit Bildschirmen und Mikrofilmgeräten, der Dokumente speichern und miteinander verknüpfen kann.

1960 entwickelte der Informatikpionier Ted Nelson, der auch den Begriff Hypertext prägte, das Projekt Xanadu, eine komplexe Art des Datenspeicherns mit Verweisen. So komplex, dass sie nie umgesetzt wurde. Berners-Lee kam unabhängig davon erneut auf das Konzept und erfand so gewissermaßen das Rad neu.

Eine beachtliche Leistung, die auch Schwierigkeiten mit sich brachte, so der Befund von Marco Aiello, Professor für Informatik an der Universität Stuttgart. Durch eine Auseinandersetzung mit früheren Ideen und einem passenden Aufbau hätten manche Probleme eher berücksichtigt werden können.

Daher sei es wichtig, sich der Geschichte des eigenen Fachs bewusst zu sein. Über den Erfolg des World Wide Web referierte Aiello vergangene Woche beim Workshop für digitalen Humanismus, organisiert von der TU Wien, der MA 23 und dem Wiener Wissenschafts-, Forschungs- und Technologiefonds (WWTF).

STANDARD: Voriges Jahr erschien Ihr Buch "The Web Was Done by Amateurs" (auf Deutsch in etwa: Das Netz wurde von Amateuren gemacht). Ein provokanter Titel.

Marco Aiello: Ich zitiere damit Alan Kay (US-amerikanischer Informatiker und Träger des Turing Award, Anm.). Vor ein paar Jahren las ich ein Interview mit ihm, in dem er sich über viele Aspekte des Web beschwerte und diesen Satz sagte. "Von Amateuren gemacht" hat einen negativen Beiklang. Ich wollte ergründen, inwiefern er damit recht hat.

STANDARD: Sie sagen, dass ein besser strukturiertes, ausgefeiltes System wohl nicht so erfolgreich gewesen wäre. Warum?

Aiello: Ich nenne drei Gründe, weshalb das Web so populär geworden ist. Einer davon ist die Schlichtheit. Es ist ein einfaches System, keine komplizierte Schichtenarchitektur, wie wir sie in anderen Softwaresystemen nutzen, bei denen jede Schicht einer Funktion zugeordnet ist. Dadurch ist es relativ leicht, etwas hinzuzufügen, ohne sich im Detail auszukennen. Bestimmte Veränderungen werden dadurch aber schwierig. Es hat immer wieder Nachbesserungen gegeben.

STANDARD: Was sind die anderen beiden Gründe?

Aiello: Das Web ist eine offene Plattform, für die jeder etwas entwickeln kann. Ihr Erfinder Tim Berners-Lee hat das unterstützt und in den 90er-Jahren darauf bestanden, alles lizenzfrei zu machen, sodass jeder das System erweitern konnte. Durch das Engagement vieler Leute wurde es vom Werkzeug einer einzigen Person zu einer globalen Ressource. Und zuletzt entstand es einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

STANDARD: Eine Zufallskomponente also.

Aiello: Das ist nicht zu unterschätzen. Die Pioniere des Internets und verschiedener Hypertextsysteme hatten große Visionen und wollten eine Technologie schaffen, die die Welt verbessert. Das Web hingegen war ein Amateurprojekt, um lokal ein Problem zu lösen. Trotzdem wurde es unglaublich populär.

STANDARD: Gab es damals praktische Alternativen?

Aiello: Ende der 80er-Jahre gab es Konferenzen, die sich nur mit Hypertextualität befassten, wo auch diverse Vorschläge präsentiert wurden. Software wie HyperCard von Apple war zwar recht beliebt, man konnte damit Daten auf dem eigenen Rechner organisieren. Das war aber isoliert, hatte also keine Netzwerkfunktion wie eben das Web. Wäre es fünf Jahre später herausgekommen, hätte sicher ein anderes System seinen Platz eingenommen. Es ist eine Erfolgsgeschichte, bei der man sich aber fragen kann, ob nicht viele Probleme, vor denen wir heute stehen, im amateurhaften Design verwurzelt sind.

STANDARD: Welche Probleme meinen Sie?

Aiello: Das Web wurde nicht in Hinblick auf Privatsphäre und Sicherheit konstruiert. Derartiges musste im Laufe der Zeit ergänzt werden: Datenverschlüsselung oder Techniken wie Torrents, durch die der eigene Datenverkehr mit dem der anderen Nutzer vermischt wird. Letztere sind aber nicht Mainstream oder in die Programmstruktur eingebettet. Für Firmen, die für ihre Werbung auf Userprofile angewiesen sind, wäre das natürlich ein Problem gewesen. Das ursprüngliche Web war zwar simpel, aber nicht zukunftssicher.

STANDARD: Wie wird sich die Art, wie wir das Web nutzen, in Zukunft verändern?

Aiello: Viele Innovationen gehen in Richtung Sprachsteuerung und einer Vermittlung durch persönliche Assistenzprogramme wie Alexa oder Siri. Diese sind noch sehr naiv, aber wir haben immer bessere Werkzeuge wie maschinelles Lernen, mit denen sie mehr und mehr verstehen.

STANDARD: Auch hier gibt es Vorbehalte in Bezug auf den Datenschutz.

Aiello: Generell teile ich die Sorge, dass die Macht von Unternehmen hier sehr groß ist. Dazu gehört, dass ein Großteil des Web-Inhalts heute durch Apps vermittelt wird. Das Web wird zu einer Wissensinfrastruktur im Hintergrund, auf die wir per App zugreifen. Wir geben den Firmen dahinter dadurch immer mehr Kontrolle. Wie wir damit umgehen, hat einen Einfluss darauf, ob das Web in zehn Jahren entweder viel besser oder viel schlechter sein wird. 

Zur Person:
Marco Aiello
(46) studierte in Rom und Amsterdam, bevor er an der TU Wien in angewandter Informatik habilitierte. Es folgten zwölf Jahre an der Universität Groningen. Seit 2018 ist er Professor und Leiter der Abteilung für Service Computing an der Universität Stuttgart.

Mittwoch, 10. April 2019

Nein, nicht China allein - auch die USA.

aus welt.de, 10. 4. 2019

Ein Brexit-Desaster kürt zwei große Sieger
Vor den Verhandlungen um die Modalitäten des EU-Ausstiegs der Briten zeigt eine Analyse der UN auf, wem ein ungeordneter Brexit nützen und wem er schaden würde. Ausgerechnet die großen ökonomischen Konkurrenten der EU würden sich die Hände reiben.

Größter Verlierer ist, wenig überraschend, mit einem Minus von 34,5 Milliarden Dollar die EU selbst. Aber auch Handelspartner wie die Türkei dürften mit einem Minus von 2,4 Milliarden Dollar einen deutlichen Schlag abbekommen.

„Der Brexit ist nicht nur eine regionale Angelegenheit“, sagt Pamela Coke-Hamilton, bei der UNCTAD zuständig für internationalen Handel und Rohstoffe. „Wenn das Vereinigte Königreich erst seine 27 Partner in der Europäischen Union hinter sich gelassen hat, wird das die Möglichkeiten für Nicht-EU-Staaten verändern, [in das Land] zu exportieren.“ Die „No-Deal Brexit“-Untersuchung über die Handelsgewinner und -verlierer zeigt nicht nur China und die USA als mit Abstand größte Brexit-Gewinner. Sie zeigt auch positive Auswirkungen für Indien und Vietnam, aber einen Rückschlag für Pakistan und Kambodscha.

Ein chaotischer Ausstieg der Briten ist nach wie vor nicht abgewendet. Heute Abend verhandeln die Staatschefs der EU27 und die britische Premierministerin Theresa May in Brüssel, ob und wie lange das Land noch Zeit bekommt, um den Ausstieg zu verhandeln. Während May eine Verlängerung von einigen Wochen wünscht, um die Wahlen zum EU-Parlament Ende Mai zu vermeiden, dringen die europäischen Verhandlungspartner auf eine lange Frist, um die verfahrene Situation endlich lösen zu können. Kommt es nicht zu einer Einigung, scheidet Großbritannien am Freitag aus der EU aus.
Auf den britischen Markt entfallen rund 3,5 Prozent des Welthandels. Von Importen im Wert von 680 Milliarden Dollar im vergangenen Jahr entfielen zwar 53 Prozent auf die EU. Die Insel ist aber auch für viele Schwellenländer ein wichtiger Handelspartner.

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Profitieren dürften jene Staaten, deren Einfuhren heute mit deutlichen Zöllen belegt werden. Die britische Regierung hat bereits angekündigt, dass sie im Falle eines No Deal die meisten Einfuhrzölle auf null setzen will. Gemäß der Meistbegünstigungsklausel der Welthandelsorganisation (WTO) wird diese Schwelle dann für alle Handelspartner gelten. Das Prinzip besagt, dass man die Zollkonditionen, die einem Land geboten werden, auch allen übrigen zugänglich machen muss. Ausgenommen sind Vereinbarungen innerhalb von Handelsabkommen.

„Die beabsichtigte Absenkung der Zölle unter der Meistbegünstigungsklausel würde die relative Wettbewerbsfähigkeit von großen Exportnationen wie China und den USA verbessern und Marktanteile von weniger wettbewerbsfähigen Staaten untergraben“, prognostizierte Coke-Hamilton. Japan dürfte der nächstgrößte Gewinner sein. Aber auch Thailand, Südafrika, Indien, Brasilien, Russland, Vietnam und Neuseeland dürften ihre Ausfuhren steigern können.

Viele kleinere Schwellenländer werden dagegen zu den Verlierern zählen, warnte Coke-Hamilton. Sie profitieren heute im Handel mit Großbritannien von Handelsabkommen mit der Europäischen Union, die voraussichtlich bald wegfallen. Von den gut 70 Handelsabkommen der EU sind bisher erst zwei Dutzend von Großbritannien übertragen worden, dabei auch nicht immer komplett.

Großbritannien selbst würde von einem No Deal am härtesten getroffen, bestätigte der Internationale Währungsfonds (IWF) am Dienstag in einem aktuellen Länderbericht. Selbst wenn es nicht zu Verzögerungen an den Grenzen kommen sollte, würde das Land in eine zwei Jahre dauernde Rezession stürzen. 2021 würde die Wirtschaftsleistung in diesem Fall um 3,5 Prozent hinter dem Szenario zurückbleiben, das der Fonds für einen geordneten Brexit entworfen hat.

Käme es zu deutlichen Problemen bei der Grenzabwicklung, wäre der Einschnitt entsprechend noch schlimmer. Auch die EU-Staaten kommen in dieser Situation nicht ungeschoren davon, doch die Auswirkungen wären erheblich geringer. Sie würden 2021 um 0,5 Prozent unter der Soft-Brexit-Prognose bleiben.

„Wie wir alle wissen, ist die Situation im Fluss“, sagte IWF-Volkswirtin Gita Gopinath. „Wir sehen die negativen Auswirkungen der Unsicherheiten rund um den Brexit schon jetzt auf Investitionen in Großbritannien lasten.“ Sie waren auch der Grund für die Reduzierung der Wachstumsprognose für das Land. Im Falle eines geordneten Ausstiegs rechnet der IWF mit 1,2 Prozent Wachstum im laufenden Jahr und mit 1,4 Prozent 2020. „Wir hoffen, dass es bald zu einem Abkommen kommt“, sagte Gopinath.

UNCTAD-Expertin Coke-Hamilton empfahl Staaten in aller Welt, nicht nur die Zölle, sondern auch andere Handelshemmnisse wie Ursprungszeugnisse, Branchenregulierung und Quoten im Blick zu behalten.

Vor allem sei die Lage aber eine deutliche Warnung, dass „es nicht nur komplex ist, wirtschaftliche Integration rückgängig zu machen, sondern alles in allem eine schlechte Idee“.

Dienstag, 9. April 2019

Sieben Jahrhunderte Osmanisches Reich.

aus nzz.ch, 9.4.2019                                                                                            Blick auf die Neue Moschee und den Bosporus

Alles fing mit Osman an
Die siebenhundert Jahre bis zur modernen Türkei
Das Osmanische Reich prägte die Geschichte des Mittelmeerraums, seit sein erster Sultan die Macht ergriff.
 
von Hans-Albrecht Koch
Dieses Buch ist nicht für den Touristen geschrieben, der seine Türkei-Ferien nur am Badestrand verbringen möchte. Umso mehr Gewinn werden all jene aus ihm ziehen, die als historisch interessierte Besucher des Landes gründlicher über die Zeit unterrichtet sein wollen, bevor Kemal Atatürk aus dem Restterritorium des Osmanischen Reichs ab den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts die moderne Türkei zu formen begann – einen Staat, in dem einst auch deutsche Emigranten wie der Berliner Bürgermeister Ernst Reuter vor den Nationalsozialisten Zuflucht fanden.

Der amerikanische Historiker Douglas A. Howard hat die Geschichte des alten Imperiums aufgearbeitet und erzählt vor allem von dessen politischer Entwicklung. Er gliedert den Stoff in sieben Kapitel, die den Jahrhunderten des islamischen Kalenders folgen. Für die Kapitelüberschriften hätte man sich allerdings präzisere Formulierungen gewünscht als so allgemeine Floskeln wie «Eine Sicht auf die Welt», «Unklarheiten und Gewissheiten» oder «Globales und Lokales». Diese kryptischen Überschriften verbergen, welchen Reichtum an vorzüglich aufbereiteter Information die einzelnen Abschnitte darbieten. 

Das Erscheinen Osmans

Für die Periode der «Osmanischen Genese (1300–1397)» im «achten islamischen Jahrhundert» konzentriert sich Howard auf das Erscheinen Osmans, des ersten Sultans der osmanischen Dynastie, das Unglück der Pest, die 1348 wie in europäischen Städten auch in Mosul und Bagdad zuschlug, und auf die Schlacht auf dem Amselfeld (Kosovo) im Jahre 1389, an deren für die Osmanen vorteilhaften Ausgang manch wirkmächtige Legende auf serbischer Seite anknüpfte.

Aus den Ereignissen des 9. islamischen Jahrhunderts (1397–1494) hebt Howard die Invasion Timurs und den Aufstand der Derwische hervor. Für das 10. islamische Jahrhundert (1481–1591) steht Sultan Süleyman der Prächtige im Zentrum. Er machte durch seine Eroberungen aus dem Osmanischen Reich eine Grossmacht und geriet als erster Sultan in den lange andauernden schweren Konflikt mit den Habsburgern. Im Inneren stärkte er den «Ersten Haushalt» durch die Verbindung mit seiner Lieblingskonkubine Hürrem, die er in die Freiheit entliess, um sie sogleich als Freie zu seiner Hauptfrau zu nehmen. (Dem Leser hätte es die Orientierung erleichtert, sie auch unter dem in Europa geläufigen Namen als Roxelane einzuführen.)

Das 11. islamische Jahrhundert (1591–1688) war gekennzeichnet von verlustreichen kriegerischen Auseinandersetzungen mit Ungarn, Rebellionen im Inneren, verlotterten Finanzen und brutalen dynastischen Morden – Verhältnissen insgesamt, die erst Murad IV. (1623–1640) wieder ordnete. Das Jahrhundert endete mit den Niederlagen Mehmed IV., die dem osmanische Heer 1683 vor Wien der polnische König Johann III. Sobieski und 1687 Eugen von Savoyen bei Mohács beibrachten. Mit weitgespanntem Blick beschreibt Howard für das folgende Jahrhundert die teils handels-, teils territorialpolitischen Interessen der osmanischen Herrscher vom Indischen Ozean bis zum Schwarzmeergebiet. 

Das Ende der Osmanen 

Nicht zur Sprache kommen die späten kriegerischen Auseinandersetzungen der europäischen Mächte mit dem osmanischen Reich, etwa die Schlacht von Peterwardein, die Eugen so sicher nicht hätte gewinnen können, hätte nicht der venezianische Feldherr Johann Matthias von der Schulenburg in aussichtslosem Kampf lange um die Festung Korfu gehalten. Ausführlich dagegen wird der Leser über die Konflikte des Osmanische Reichs mit Italien ab 1911, vor allem aber über den Völkermord an den Armeniern im Jahre 1915 unterrichtet.

Mit den erzählenden Passagen wechseln sich Darstellungen zu einzelnen grundlegenden Themen ab, etwa zur osmanischen Verwaltung, zum Topkapi-Palast, zu den Bildungseinrichtungen Moschee, Medrese und Tekken (den «Suffi»-Ordenshäusern) oder zum Buch- und Bibliothekswesen. An vielen Stellen sind in den Text auch längere Quellentexte eingeschoben.

Ein alter Reisebericht beispielsweise beschreibt die berühmte «stari most» in Mostar, die alte Brücke von 1566, die – immer ein Symbol des Zusammenlebens verschiedener Ethnien – 1993 zerstört und 2004 wieder aufgebaut worden war. 

Lange Herrschaft der Türken

Ein Quellenauszug etwa gilt der türkischen Sprachfamilie: Ihre erste sprachwissenschaftliche Analyse bot 1082 das in arabischer (!) Sprache verfasste «Kompendium der Turksprachen» von Mahmud al-Kashgari. Er berichtet, wie er seine Kenntnis der Turksprachen in der Empirie des Reisens erworben hatte, überliefert aber auch die emphatische Mahnung eines seiner Gewährsleute: «Lernt die Sprache der Türken, denn ihre Herrschaft wird lang sein.»

Zahlreiche Abbildungen und Karten erhöhen die Anschaulichkeit des flüssig geschriebenen Buches zur Vorgeschichte der modernen Türkei. Es vermittelt auch manchen Denkanstoss zum Verständnis gegenwärtiger Probleme des Landes.

Douglas A. Howard: Das Osmanische Reich: 1300–1924. Aus dem Engl. von Jörg Fündling, Übersetzung der literarischen Kastentexte von Michael Reinhard Hess. Theiss / Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2018. 480 S., Fr. 38.80.

Montag, 8. April 2019

Der Nutznießer ist China.

aus Tagesspiegel.de, 8. 4. 2019

"Europa ist gelähmt"  
Oettinger sieht China als Sieger des Brexit-Streits
China nutze die Lähmung der EU, um in Lücken vorzustoßen, sagt EU-Kommissar Oettinger. Chinas Ministerpräsident bestreitet, sein Land wolle Europa spalten.
EU-Kommissar Günther Oettinger sieht China als den größten Profiteur im anhaltenden Ringen um den Brexit. „Europa ist gelähmt“, sagte der CDU-Politiker der „Welt“ kurz vor dem EU-China-Gipfel in Brüssel. Seit mehr als zwei Jahren beschäftige sich die EU mit dem Brexit. „Das kostet Zeit und Mühe, Nerven und Geld. Dabei gibt es so viel zu tun, was wichtiger wäre. Damit machen wir andere stark. Größter Gewinner ist dabei China.“ In der Volksrepublik bringe die Regierung ihre Strategie unbeirrt voran und stoße überall auf der Welt in die Lücken, die Europa nicht füllen könne, weil es so sehr mit sich selbst beschäftigt sei. Als Beispiele nannte Oettinger die Künstliche Intelligenz (KI) und den Mobilfunk-Netzstandard 5G.

Der chinesische Ministerpräsident Li Keqiang weist derweil Vorwürfe zurück, sein Land wolle die Europäische Union spalten. „Wir unterstützen nachdrücklich den europäischen Integrationsprozess in der Hoffnung auf ein vereintes und prosperierendes Europa“, schreibt Li Keqiang in einem Gastbeitrag für das „Handelsblatt“. Pekings intensive Zusammenarbeit mit osteuropäischen Ländern sei „vorteilhaft für eine ausgewogene Entwicklung innerhalb der EU, dient auch zur Geschlossenheit der EU und stellt eine nützliche Ergänzung der Beziehungen zwischen China und Europa dar“. Die gemeinsamen Interessen zwischen China und Europa wögen viel schwerer als die Differenzen, schreibt Li.

China war vorgeworfen worden, durch die besondere Kooperation mit osteuropäischen Staaten die EU auseinanderzutreiben. Im vergangenen Jahr hatte ein alljährlich stattfindendes Treffen Li Keqiangs mit Regierungschefs aus 16 Ländern in Mittel- und Osteuropa Brüssel alarmiert. Erörtert wurde die Zusammenarbeit in wichtigen Bereichen - wie etwa Infrastruktur, Energiewirtschaft, Technologien und Tourismus. EU-Diplomaten beklagten, „Teile und herrsche“ sei die chinesische Strategie, um die europäische Einheit zu untergraben. ...


Nota. - Wie hoch die Kosten eines britischen Ausscheidens für die Europäische Union würden, ist noch gar nicht klar. Aber zerbrechen wird sie daran nicht. Viel bedenklicher sind die Kosten für Großbritannien selbst. Weniger die, die sich in Pfund und Europa ausdrücken lassen, als die längerfristigen politischen Kosten. Dass es sich auf die Dauer allein gegen die Begehrlichkeiten der Amerikaner und Chinesen behaupten kann, ist nicht wahrscheinlich. 

Eine amerikanische oder gar chinesische Satrapie direkt vor der eigenen Küste - das wäre allerdings ein Preis, der auf Dauer auch der Europäischen Union zu hoch sein würde. Doch bevor es so weit käme, wäre der unvermeidlich vorhergehende Untergang der Britishness ein schwerer Schlag gegen den Kernbestand Europas, und das ist die eigentliche Bedrohung.
JE