Montag, 7. Oktober 2019

Das Private darf nicht politisch werden.



aus nzz.ch, 7.10.2019
                   
Die Privatsphäre schwindet – auch weil wir sie dauernd ausdehnen

In unsere eigenen vier Wände wollen wir keinen blicken lassen. Und gegen Firmen, die unsere persönlichen Daten sammeln, bringen wir den Staat in Stellung. Doch zugleich arbeiten wir selber lustvoll am Ende der Privatheit. 

von Claudia Mäder

Es gibt Meldungen, die man zweimal lesen muss, ehe man sie richtig versteht. Diese hier aber ist selbst nach dreimaliger Durchsicht kaum zu glauben: Vorletzte Woche ist Steven Weber in Tansania ertrunken, als er seiner Freundin durch das Fenster eines Unterwasserhotels hindurch einen Heiratsantrag machte.

«Alles, was ich an dir liebe, liebe ich mit jedem Tag mehr», hatte der amerikanische Anwalt in kindlich-krakeliger Handschrift auf ein liniertes, dreifach gelochtes und in Klarsichtfolie verpacktes Blatt Papier geschrieben. Kenesha Antoine, seine Freundin, hat es auf der anderen Seite der Scheibe gelesen, sich lachend über den Antrag gefreut, die ganze Szene gefilmt – und das Video ins Internet gestellt, nachdem Weber tot aus dem Wasser geborgen worden war. Wodurch er beim Auftauchen umkam, ist unklar. «Der beste Tag unseres Lebens wurde zum schlimmsten», kommentierte die Frau ihren Film, und selbstverständlich ist der Eintrag bald millionenfach angeklickt worden.


Man weiss nicht, was man verrückter finden soll: die Existenz von Unterwasserhotels, das Brimborium um einen Heiratsantrag, den tragischen Tod des Mannes – oder doch den Umstand, dass die Frau einen höchst intimen Moment ihrer Existenz mit der ganzen Welt teilt und ihr Privatleben so transparent macht wie das seltsame Aquarium, in dem es sich abspielte. Die Grenzen zwischen privater und öffentlicher Sphäre verschwimmen: Das zeigt sich bei diesem dramatischen Ereignis jedenfalls auf selten sinnbildliche Weise. 

Heiraten und nachdenken

Dieser Befund aber ist heute wenig mehr als eine Binsenwahrheit. Seit die digitale Revolution und der Umgang mit Daten zu Topthemen unserer Tage geworden sind, ist auch die Gefährdung der Privatsphäre ein vielzitierter Topos. Doch was genau verändert sich in diesem Bereich, durch welche Akteure und mit welchen Konsequenzen? Das ist alles andere als klar, denn wenn es ums Private geht, herrscht häufig das Paradoxe.


Die Fragen fundiert zu erörtern, dürfte in Zukunft indessen nur noch wichtiger werden. In Zürich haben zurzeit gerade Heiratswillige die beste Gelegenheit, sich mit dem Thema zu befassen: Wer den Antrag überlebt hat und sich zur Eheschliessung im Stadthaus befindet, kann dort im zweiten Stock die Ausstellung «Privatsphäre – geschützt, geteilt, verkauft» besuchen. Natürlich steht die Schau auch allen anderen offen, und man möchte ihren Besuch allen Bürgern empfehlen: Hier geht es um Belange, die die Grundfesten unserer Gesellschaft berühren.

Zwei getrennte Daseinssphären, eine private Hinter- und eine öffentliche Vorderbühne: Dieses Konzept strukturierte lange unser Zusammenleben. Schon die Griechen kannten es. Im oikos, in der Hauswirtschaft, wurde gelebt und geliebt, gearbeitet und gegessen; auf der agora, dem zentralen Platz der Polis, haben die (wenigen dazu ermächtigten) Männer debattiert, um Vernunft gerungen, Politik gemacht. Später ging die strikte Scheidung der Sphären zurück. Bis in die Frühe Neuzeit hinein hatte das Denken in zwei verschiedenen Kategorien kaum mehr einen Sinn – die ständische Struktur definierte die Rolle eines jeden Menschen in allen Lebensbereichen. 

Wichtiger denn je 

Erst mit der Aufklärung und in den liberalen Ordnungen des Bürgertums kam die Idee des privaten und öffentlichen Raums zurück, und dies mit neuer Kraft. Das (männliche) Individuum war nun einerseits partizipierender Teil einer politischen Öffentlichkeit und andererseits ein Wesen, das, unter dem verbrieften Schutz von grundlegenden Rechten, in seinen eigenen vier Wänden nach persönlichem Gusto denken, glauben und leben konnte. Zentral dabei war freilich nicht nur die Trennung, sondern auch das Zusammenwirken der beiden Seiten: Nur wo sichere Rückzugsorte die Entwicklung eigener Ideen und Haltungen ermöglichten, konnten sozioökonomische Innovationen und insbesondere pluralistische Demokratien entstehen.

Physisch fand diese neue Öffentlichkeit ihren Raum in Cafés und Salons, auf Plätzen und in Zeitungen. Die Privatsphäre breitete sich derweil in den Häusern aus, wo die einzelnen Menschen zusehends mehr Platz für sich wollten und hatten: Zumindest im Bürgertum waren eigene Betten und separate Zimmer für verschiedene Familienmitglieder bald Normalität. Arbeiter dagegen mussten sich vielerorts noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts Bleiben mit 20 Betten teilen – doch ändert das nichts an der Gesamtrichtung der Entwicklung: Private Räume wurden im Verlauf der letzten 200 Jahre immer wichtiger; heute wird fast die Hälfte aller Zürcher Haushalte von einer Einzelperson geführt.

Um diese «maximale Privatsphäre» zu schützen, montieren wir Vorhänge und Rollos, wir züchten Hecken und schliessen die Läden – auf dass uns bloss kein fremder Vogel ins Gärtchen gucke. Betuchte wie Mark Zuckerberg kaufen ganze Nachbargrundstücke auf, um Neugierige auf Distanz zu halten, und egal, zu welcher Abschottungsstrategie man selber neigt, der Schluss scheint vollkommen klar: Offenbar ist uns das Private wichtiger denn je. Aber Zuckerberg . . . steht doch als Unternehmer für das glatte Gegenteil, und hier beginnt es nun mit den Paradoxen: Während wir einerseits immer geschützter leben, verliert das Private andererseits massiv an Boden.

In Zürich Aussersihl haben diese Eltern und ihre Kinder um 1909 ein einziges Zimmer zum Wohnen, Kochen und Schlafen zur Verfügung.
Bedroht wie eh 

Mächtige Akteure bedrohen heute unsere Privatheit. Das ist offensichtlich – im Prinzip aber nichts ganz Neues. Die Zürcher Ausstellung, die Historisches und Gegenwärtiges klug verflicht, macht das mit lokalen Beispielen deutlich. Allein im Zürcher Stadtarchiv, liest man etwa, lagern 55 000 Fichen von Menschen, die der hiesige Staat im Kalten Krieg überwachte. Dazu erfährt die Besucherin auch von einem Homosexuellen-Register, das die Stadt seit den 1950er Jahren führte und für Razzien und Repressionen benutzte. Im 20. Jahrhundert, heisst das mit anderen Worten, waren es die Staaten, die sich für das Privatleben der Bürger interessierten, Auffälligkeiten registrierten, Informationen sammelten – und daraus ihre Konsequenzen zogen.

Am blutigsten fielen diese Folgen in totalitären Systemen aus. Faschistische wie kommunistische Regime strebten die möglichst vollständige Vernichtung des Privaten an und eliminierten all das von der Staatsdoktrin abweichende Denken und Verhalten, das sich in geschützten Räumen eben entwickeln kann. Seine eigenen vier Wände brauchte der regimekonforme Bürger eigentlich nur noch für eines, wie ein hochrangiger NS-Funktionär erklärte: «Der einzige Mensch, der in Deutschland noch ein Privatleben führt, ist jemand, der schläft.»

Heute hat der Staat in unseren Breiten eine völlig andere Rolle: Man erwartet von ihm, dass er die Privatsphäre mit Gesetzen schützt gegen jene riesigen Firmen, die ihr Geld mit dem Sammeln persönlicher Daten verdienen. Ein Grossteil der zehn weltweit wertvollsten Unternehmen stammt inzwischen aus dem Daten- und Technologiesektor, und in dieser postindustriellen Ökonomie sind Informationen der Stoff, aus dem Gewinn entsteht. Ganz wie früher die Staaten haben die neuen Player daher alles Interesse, die private Sphäre möglichst stark zu durchdringen, und wenn die Motivationen vorerst völlig andere sind – das Unternehmen will a priori keine Ideologie durchsetzen, sondern seinen Profit maximieren –, so sind die Folgen doch verwandt: Die Tendenz zum nichtkonformen Verhalten sinkt.

Schutz ist daher fraglos nötig, aber ist der Staat die Instanz, die ihn effektiv gewährleisten kann? Informationen über die sexuelle Orientierung oder die politischen Präferenzen ihrer Bürger mögen unsere Behörden heute nicht mehr sammeln. An anderen Angaben aber hat die Verwaltung durchaus Interesse. Zu wissen, wann die städtischen Individuen wo ihr Velo oder Auto benutzen, kann beispielsweise der Verkehrsplanung dienen, und die vielzitierte Smart City wird ohne breite Datenbasis kaum je entstehen. Kurzum: Staatliche Behörden sind selber Teilnehmer in dem Spiel, das sie kontrollieren sollen. 

Auf neue Weise zerstört

Und es kommt noch komplizierter, denn auch der Bürger hat mehrere Gesichter und ist beileibe nicht nur das Opfer in einem grossen Schacher der Konzerne. Bei der Vorstellung, dem Auge eines grausamen Staates nur noch im Schlaf zu entkommen, dürften die meisten Menschen erschauern. Doch zugleich lassen sich heute ziemlich viele von ihnen selbst nachts überwachen und tragen Uhren am Handgelenk, die Herzschläge, Wachphasen und was sonst noch alles aufzeichnen und auswerten. Das geschieht in der Absicht, die eigene Gesundheit zu steigern, gewiss, aber auch für weniger hehre Ziele geben etliche Menschen Persönliches preis, wie im Stadthaus eine Filmsequenz zeigt: Ein Gratis-Mandelgipfel genügt als Köder, und schon reichen zahlreiche Kunden einem unbekannten Bäcker AHV-Nummern und Angaben zu Partnerschaften über die Theke.

Der vielbeschworenen Sorge um die von Riesenfirmen bedrohte Privatsphäre steht demnach die erschreckende Achtlosigkeit der mündigen Individuen gegenüber. Vor ein paar Jahren, als das Thema der privaten Daten im Zuge der Snowden-Affäre erstmals verbreitet aufkam, hat man noch annehmen können, dass es den Leuten an Wissen und Aufklärung fehle. Inzwischen muss man vermuten, dass sich viele Zeitgenossen jenseits des Wohnraums schlicht nicht um ihre Privatsphäre scheren. Oder schlimmer noch: sie geradezu mit Lust zerstören – der submarine Heiratsantrag auf Facebook lässt grüssen.

Persönliche Liebesbezeugungen in ein Millionenpublikum zu schleudern, wäre einst undenkbar gewesen. Klar, Scham und rigider Schutz der privaten Sphäre liessen es ehedem nicht einmal zu, sich öffentlich im Badekleid zu zeigen, und wenn sich die Sitten lockern und sich die Moral verändert, verschieben sich immer auch die Grenzen zwischen privaten und öffentlichen Bereichen. Doch zwischen der Freiheit, sich offener zu geben, und dem Drang, sich der Welt in allen Facetten zu zeigen, besteht ein wesentlicher Unterschied.

Zweifellos befeuern die sozialen Netzwerke den zweiten Trend, und so treiben sie die Vernichtung der Privatsphäre auf ungleich perfidere Weise voran als die smarten Unternehmer, denen sie gehören: Ja, das Private ist bedroht, weil professionelle Datensammler es absorbieren. Aber gänzlich verschwinden wird es erst dann, wenn wir selber es überall verbreiten.

Die Ausstellung «Privatsphäre – geschützt, geteilt, verkauft» im Stadthaus Zürich ist bis zum 29. Februar 2020 zu sehen.

Sonntag, 6. Oktober 2019

Störtebecker war ein biederer Geschäftsmann.

Business-Look im Mittelalter: Künstlerische Rekonstruktion von Störtebekers Kopf, basierend auf einem Schädelfund in Norddeutschland
aus FAZ.NET, 6. 10. 2019                 Rekonstruktion von Störtebekers Kopf, basierend auf einem Schädelfund in Norddeutschland 
 
Störtebeker GmbH & Co. KG
Klaus Störtebeker soll ein tollkühner Seeräuber und ein barmherziger Helfer der Armen gewesen sein. Alles Quatsch, sagen Historiker jetzt: Er war Inkasso-Unternehmer. 

Von Sebastian Balzter

Für einen Mann, der vor rund 600 Jahren gelebt hat, ist Klaus Störtebeker erstaunlich populär. Auf der Insel Rügen gibt es ihm zu Ehren jeden Sommer opulente Festspiele, eine Brauerei aus Rostock hat ein Bierglas nach ihm benannt, und im „Was ist Was“-Buch über Piraten, dem Zentralorgan für Seeräuberfragen, wird er als „Robin Hood der Meere“ gefeiert. Dass er nach seiner Enthauptung als kopfloser Torso an elf seiner Getreuen vorbeigelaufen sein soll, um sie gemäß einer vorher getroffenen Abmachung mit dem Scharfrichter vor der Todesstrafe zu bewahren, erhöht den wohligen Grusel beim Publikum aller Altersklassen. Seinen Platz im kollektiven Gedächtnis als Deutschlands furchtloser Vorzeigepirat hat Störtebeker sicher.

Mit der Wahrheit hat das alles jedoch herzlich wenig zu tun, sagt der Frankfurter Historiker Gregor Rohmann, der seit bald zwanzig Jahren die Geschichte der maritimen Gewalt im Mittelalter erforscht. „Störtebeker war ein wohlsituierter Danziger Bürger, der erst lange nach seinem Tod zum Piraten stilisiert wurde, der ohne staatliche Befugnis und zur persönlichen Bereicherung auf dem Meer Beute machte“, fasst der Historiker seine Erkenntnisse zusammen.

Bier und Stockfisch statt Gold und Silber

Das klingt erst einmal enttäuschend: Nimmt uns da die Wissenschaft einen Helden weg und gibt uns einen langweiligen Pfeffersack zurück? Je mehr Rohmann ausholt, desto spannender wird die Sache dann aber. Schließlich ist die Frage, wo das Geschäft aufhört und das Verbrechen anfängt, brennend aktuell. Das Euro- päische Hansemuseum in Lübeck widmet dieser Störtebeker-Interpretation folgerichtig eine Sonderausstellung, die gerade eröffnet worden ist. Störtebeker war demnach der Kapitän eines Handelsschiffes, der sich ein zusätzliches Geschäft als „Security-Dienstleister und Inkasso-Unternehmer“ aufbaute. Die Gelegenheit dazu gab ihm der Umstand, dass Nord- und Ostsee im Mittelalter juristische Grauzonen gewesen sind, wo die Anrainerstaaten noch kein Monopol auf die Ausübung von Gewalt hatten.





Da gehörte es laut Rohmann zum üblichen Geschäftsgebaren unter Kaufleuten aus verfeindeten Städten, sich gegenseitig Schiffe oder deren Ladung wegzunehmen, meistens Bier und Stockfisch, Getreide und Salz, nie dagegen Gold, Silber und funkelnde Edelsteine. „Nett waren die alle nicht. Aber es ging dabei weniger um Kriminalität als um den Zugang zu Märkten und Waren, um Privilegien“, urteilt Historiker Rohmann im Nachhinein.




Den Beleg dafür sieht er in den überlieferten Schadenersatzklagen und den Verhandlungen über Lösegeld, Entschädigungen und Vergleichszahlungen. Man rechnete lange Listen von Untaten gegeneinander auf, und dann schickte man einen Mutigen wie Störtebeker los, um die fein säuberlich verbrieften Ansprüche einzutreiben. Es gab sogar schon eine Art Wertpapierhandel mit diesen Inkasso-Briefen. So fortschrittlich war das Mittelalter.

ist Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Donnerstag, 3. Oktober 2019

Gesamtdeutsche Lebenslüge.


Die DDR ist zerfallen und ihre Hinterbliebenen haben sich der Bundesrepublik einverleibt; nicht die Bundesrepu- blik ist zerfallen und hat im Osten Unterschlupf gesucht. Die deutsche Vereinigung wurde als die Farce einer Begeg- nung zweier Gleicher "auf Augenhöhe" in Szene gesetzt. Alle wussten, dass es nicht stimmt, doch keiner hat gewagt, es auszusprechen.

Diese Lüge belastet bis heute das Verhältnis zwischen Ost- und Westdeutschen bis in die privatesten Winkel. So- lange sie nicht ausgeräumt ist, wird sich daran nichts ändern.




Mittwoch, 2. Oktober 2019

Die Ostdeutschen waren schon im Hintertreffen, bevor es die DDR gab.


aus Spiegel-online

... Als Seismograph für die Situation in Deutschland eignet sich das Onlinelexikon Wikipedia. Darin gibt es Artikel über Zehntausende Deutsche wie den Tennisspieler Boris Becker oder die Schauspielerin Christiane Paul. Wer eine gewisse Bekanntheit erreicht, wird über kurz oder lang auf Wikipedia landen. In den meisten Fällen hängt dies mit der beruflichen Karriere der betreffenden Person zusammen.

Daten von 35.000 Personen analysiert

Eine SPIEGEL-Datenanalyse zeigt nun, dass Ostdeutsche auch im Onlinelexikon Wikipedia unterrepräsentiert sind. Liegt der Geburtsort einer Person in Westdeutschland, ist die Wahrscheinlichkeit deutlich höher, dass über diese Person ein eigener Wikipedia-Artikel existiert.

Die Datenanalyse umfasst alle Personenartikel in der deutschsprachigen Wikipedia mit einem Geburtsjahr von 1960 bis 1999 - und einem identifizierbaren Geburtsort innerhalb der Grenzen des heutigen Deutschlands. Dies sind fast 35.000 Personen. Um die regionale Wikipedia-Quote zu berechnen, wurde die Zahl der Personen mit Wikipedia-Artikel jeweils durch die Anzahl der in der Region Geborenen dividiert.

Die Auswertung zeigt: Westdeutsche sind auf Wikipedia deutlich präsenter als Ostdeutsche - vor allem in den Jahrgängen von 1960 bis 1985. Im Jahrgang 1960 gibt es über 12 von 10.000 in Westdeutschland Geborenen einen Personenartikel - unter den Ostdeutschen ist die Quote nur halb so hoch.

[um das Diagramm anzusehen, klicken Sie bitte hier.]

Ab dem Jahr 1990 sind die Quoten nahezu identisch. Allerdings sind aus diesen Jahrgängen nur relativ wenige Personen auf Wikipedia vertreten, weil sie mit ihrer Karriere noch ganz am Anfang stehen. 

Interessante Rückschlüsse erlaubt die separate Auswertung nach Bundesländern. Die Wikipedia-Quote wurde dabei über alle Jahrgänge von 1960 bis 1999 zusammen berechnet - siehe folgendes Diagramm:
Hamburg
19,7
Berlin
18,6
Bremen
13,9
Hessen
9,8
Bayern
9,7
Baden-Württemberg
9,4
Nordrhein-Westfalen
9,3
Rheinland-Pfalz
8,4
Saarland
8,2
Schleswig-Holstein
7,8
Niedersachsen
7,2
Thüringen
7,2
Sachsen
7,2
Mecklenburg-Vorpommern
6,8
Brandenburg
6,6
Sachsen-Anhalt
5,6
 
Auffällig sind dabei zwei Dinge:

  • Die höchsten Quoten erreichen die Stadtstaaten Hamburg, Berlin und Bremen. Berlin umfasst dabei Ost- und Westberlin, weil eine präzise Aufteilung der Personen in Ost und West nicht möglich war.
  • Auf den letzten Plätzen landen die fünf neuen Länder. Der Rückstand zu Niedersachsen und Schleswig-Holstein ist jedoch nur minimal.
Der Görlitzer Sozialwissenschaftler Raj Kollmorgen liefert eine interessante Erklärung für dieses Ranking: "Die unterdurchschnittliche Präsenz Ostdeutscher hat weniger mit der DDR als mit den Strukturen zu tun, die sich in Deutschland seit dem Mittelalter entwickelt haben." Der Osten Deutschlands sei deutlich stärker ländlich geprägt als der Westen. Daher seien großstädtische Sozialmilieus, die den "Humus moderner elitärer Kulturen" darstellten, deutlich weniger präsent.

[um das Diagramm anzusehen, klicken Sie bitte hier.] 

Für Kollmorgens These spricht, dass Niedersachsen, Schleswig-Holstein, das Saarland und Rheinland-Pfalz kaum besser abschneiden als die fünf neuen Länder. Überall dort, wo große Metropolen fehlen und ländliche Strukturen dominieren, gibt es weniger Menschen mit eigenem Wikipedia-Artikel.

"Gefeierte Erfinder, bekannte Künstler"

"Das ist ein soziodemografischer Effekt", meint Kollmorgen. Es seien vor allem die Bevölkerungen urbaner und großstädtischer Räume, deren Kinder gefeierte Erfinder würden, bekannte Künstler, Politiker oder erfolgreiche Unternehmer. "Daher muss Ostdeutschland mit seiner ländlichen Prägung schlechter abschneiden als Westdeutschland."

Wie sehr sich vor allem Großstädte vom Rest des Landes unterscheiden, zeigt der Blick auf die Wikipedia-Quoten der derzeit 15 größten Städte Deutschlands. Spitzenreiter ist demnach München mit 30 Wikipedia-Personen-Artikeln je 10.000 Geborene - für ganz Bayern beträgt die Quote 10.

München
29,9
Frankfurt am Main
25,2
Stuttgart
23,3
Hannover
21,0
Hamburg
19,7
Köln
19,3
Berlin
18,6
Düsseldorf
18,4
Dresden
14,8
Nürnberg
14,4
Leipzig
14,4
Bremen
13,9
Bochum
12,3
Essen
10,6
Duisburg
9,9
Dortmund
9,1


Dresden und Leipzig belegen im Städteranking die Plätze 9 und 11 (Quote 14 bis 15). Beide sächsischen Städte liegen damit vor Bremen, Bochum, Essen, Duisburg und Dortmund. Dass die Ruhrpottmetropolen vergleichsweise schlecht dastehen, liegt offenbar an ihrer besonderen sozialen Struktur. In den traditionellen Arbeiterstädten gibt es keine so starke bürgerliche Schicht wie in München, Köln oder Berlin.

Artikel über sich selbst angelegt?

Über welche Personen gibt es überhaupt Artikel auf Wikipedia? Schaut man sich die Beschreibungen genauer an, fällt auf, dass viele aus dem Bereich Unterhaltung, Medien und Sport stammen. Vergleichsweise selten sind hingegen Wissenschaftler, Politiker und Manager. Folgendes Diagramm zeigt die Verteilung der in der jeweiligen Kurzbeschreibung zuerst genannten Berufe beziehungsweise Tätigkeiten:

[um das Diagramm anzusehen, klicken Sie bitte hier.]


Praktisch in allen Berufen und Tätigkeiten kommen Westdeutsche auf eine deutlich höhere Wikipedia-Quote als Ostdeutsche - siehe folgendes Diagramm. Die einzigen Ausnahmen sind Sport - die DDR hat Leistungssport massiv gefördert - und Politik. 

West
Ost
Sport
3,3
3,4
Schauspiel
1,5
0,9
Journalismus/Autor
1,4
0,6
Politik
1,0
1,0
Musik
1,0
0,5
Geisteswiss.
0,5
0,1
Naturwiss./Medizin
0,4
0,1
Kunst
0,3
0,2
Wirtschaft
0,3
0,1

Personen-Artikel je 10.000 Geborene, Mehrfachnennungen bei Berufen möglich

...

Bloß keine Experimente!

Eine generelle Erklärung für die Ost-West-Unterschiede dürfte auch das größere Selbstvertrauen und die größere Risikofreude der westdeutschen Eliten darstellen. "Die Eltern Ostdeutscher raten nach ihren schlechten Erfahrungen in der Nachwendezeit dazu, sichere Wege zu gehen", erklärt Hildebrandt. Das Motto laute: Bloß keine Experimente! Um in Führungsjobs zu kommen, brauche man aber einen Schuss Risikolust.

Diese Risikofreude ist auch nötig, um künstlerische Berufe wie Schauspieler oder Musiker zu ergreifen, was im Westen laut den Wikipedia-Daten häufiger geschieht als im Osten. Womöglich spielt dabei auch die bessere finanzielle Absicherung über Eltern oder Partner eine Rolle. Dies lässt sich anhand der Wikipedia-Daten und wegen der Vielzahl der Personen jedoch kaum klären.

Die Potsdamer Bildungsforscherin Hildebrandt und ihr Görlitzer Kollege Kollmorgen sind sich auf jeden Fall einig darüber, dass dem Osten die Eliten fehlen, um präsenter in Spitzenjobs zu sein. Im Osten habe es keine bürgerliche Oberschicht gegeben, die selbst- und machtbewusst auftritt, sagt Kollmorgen. "Ein Elitenbewusstsein wurde in der DDR nicht gefördert, es passte nicht zur Ideologie des Arbeiter- und Bauernstaates." Den Ostdeutschen fehle vor allem der Stallgeruch der Macht, ein Habitus der Herrschaft.

Kollmorgen verweist zudem auf die massive Abwanderung aus Ostdeutschland nach 1945 - siehe folgendes Diagramm. Ein Großteil des Besitz- und Bildungsbürgertums sei damals in den Westen gegangen. "Es gab einen unglaublichen Abfluss kulturellen Kapitals." Folge: Die Kinder dieser ausgewanderten Ostdeutschen wurden dann im Westen geboren und machten dort Karriere.

[um das Diagramm anzusehen, klicken Sie bitte hier.] 

Letztlich, auch das zeigen die Wikipedia-Daten, gibt es nicht nur ein Ost-West-Gefälle in Deutschland. Sondern auch eines zwischen Nord und Süd, zwischen Stadt und Land sowie zwischen kriselnden und boomenden Regionen. Wer in Heidelberg, Köln oder München geboren wird, hat bessere Karrierechancen als Menschen aus Dessau, Gelsenkirchen oder Bremerhaven.