Roms vergessener Feldzug: Die Schlacht am Harzhorn, Ausstellung im Braunschweigischen Landesmuseum bis 14. Januar; Katalog im Theiss-Verlag, 408 Seiten, Fr. 59.90.
Samstag, 31. August 2013
Die Schlacht am Harzhorn.
Roms vergessener Feldzug: Die Schlacht am Harzhorn, Ausstellung im Braunschweigischen Landesmuseum bis 14. Januar; Katalog im Theiss-Verlag, 408 Seiten, Fr. 59.90.
Sonntag, 2. September 2018
Das gesamtdeutsche Tabu.
... Eine klare Mehrheit der Bürger ist einer Umfrage zufolge der Überzeugung, dass der Osten Deutschlands ein größeres Problem mit Rechtsradikalismus hat als der Westen. In einer Emnid-Erhebung für die „Bild am Sonntag“ äußerten 66 Prozent der Befragten diese Auffassung, nur 21 Prozent sahen dies anders. Selbst in Ostdeutschland teilten 57 Prozent diesen Standpunkt, 39 Prozent verneinten, dass das Problem im Osten größer ist als im Westen. ...
27 Prozent der Bürger finden es nach der Umfrage in Ordnung, wenn gegen Ausländer protestiert wird, 66 Prozent haben dafür kein Verständnis. ...
Da wird es morgen durch die Blätter wehen: "Ossi-Bashing bringt uns nicht weiter" und "In dieser angespannten Zeit muss man nicht noch einen weiteren Keil ins deutsche... in die deutsche Bevölkerung treiben", und mancher westlich zertifizierte Publizist wird aufzählen, wie viele Leistungen den Ostdeutschen seit der Wiedervereinigung abgefordert wurden und wie meisterlich sie das bewältigt hätten. Und außerdem gäb's die Rechten ja auch im Westen und hätte sie dort immer gegeben.
Letzteres ist wahr. Wahr ist aber auch, dass sie sich dort erst nach Hoyerswerder und Rostock-Lichtenhagen auf die Straße wagen. Noch heute sind sie im Westen eine punktuelle Erscheinung, im Osten sind sie eine regionale Größe. Ähnlich wie bei der Linken zehren im Westen die Rechten an ihrem Nährboden im Osten.
Da werden demnächst wieder eine Menge Erklärungen gefunden werden. Und wieder wird keiner auszusprechen wagen, was eine der Hauptbedingungen des rechten Aufstiegs dort war: Seit bald drei Jahrzehnten wird die deutsche Innenpolitik beherrscht von einem Tabu, das lautet: Das Ossi darf nicht gekränkt werden.
Denn was immer das Ossi sonst auch noch sei, vor allen Dingen ist es eins: verletzlich. Und da seit der Wiederverei- nigung Bundestagswahlen im Osten gewonnen oder verloren werden, hat kein Politiker und kein Journalist die Cou- rage, ihnen die Dinge zu sagen, die man ihnen hätte sagen sollen, als vielleicht die Ohren noch offen waren. Aber damals war's nicht die Angst vor den Rechten, die 'den Eliten' in der Hose saß, sondern die vor der PDS...
*
Die erste Generation, die die DDR erlebt hat, waren die Überlebenden des Krieges, die sich im antifaschistischen Bollwerk unter sowjetischer Besatzung über ihre Vergangenheit keine Fragen zu stellen brauchten. Im Westen woll- ten sie es genausowenig, aber es blieb ihnen schließlich nicht erspart. Die tiefste Spaltung Deutschlands brachte nicht die Mauer, sondern das Jahr 1968, das im Osten ausfiel.
In der Gesellschaft der DDR sind zwei Generationen großgeworden. Unrechtsstaat, Nischengesellschaft oder kommode Diktatur - auf jeden Fall war es eine Welt, die Eigenwillen und Wagemut erstickte, wo immer sich ein Fünkchen regte, von der Krippe bis... Wer nie was selber entscheiden kann, der wird sich für nichts verantwortlich fühlen, und was für viele Einzelne in der ersten Generation noch ein beschämendes Gefühl der Ohnmacht gewe- sen sein muss, war für die große Masse schließlich selbstverständlichste Condition humaine, und wer es partout nicht ertragen konnte, suchte irgendeinen Weg nach Westen.
Wer nichts selber machen darf, der erwartet entschädigungsweise alles von dem, der es ihm vewehrt. Das Normal- verhältnis des DDR-Bürgers zu seinem Staat war das Ressentiment. 'Alles willst du regeln? Na, dann mach mal!' Und weil natürlich nichts klappte, hieß es allerorten: Anmahnen, einfordern, Versagen anprangern! Freilich nur daheim in der Datschen-Nische, draußen hielt man die Zunge im Zaum.
Öffentliche Duckmäuserei bei privater Ansprüchlichkeit waren die Bewusstseinsverfasssung des entwickelten sozia- lisitschen Menschen, und nichts ist geschehen, um daran etwas zu ändern. Die Leipziger Montagsdemonstranten haben sich was getraut, das wird keiner leugnen, und vielleicht waren sie nicht weniger von ihrer Courage überrascht, als der Rest der Welt. Doch danach ist von unten nicht mehr viel gekommen. Die DDR ist buchstäblich zusammengebro- chen, eine Volksrevolution war das nicht.
Und so musste sich keiner, der's nicht von sich aus wollte, groß ändern. Um das Ausmisten des eigenen Saustalls haben sie sich schlau gedrückt, indem sie sich flugs der Bundesrepublik anschlossen, die war jetzt für alles verant- wortlich, und das Ressentiment sprach prompt von Siegerjustiz, und wer "gegauckt" wurde, fühlte sich auf einmal gedemütigt, wie er es in der DDR nie tat. Die Entstasifizierung war ihnen von andern angetan worden, und das war auch schon zuviel. "Ich habe mir nichts vorzuwerfen." Habe nur Befehle ausgeführt sagte man früher. Und weiter hieß die Einstellung zum Gemeinwesen anmahnen, einfordern, Versagen anprangern. Mit dem Unterschied, dass sie es jetzt öffentlich dürfen.
Die Kontinuität besteht im Ressentiment. Der Unterschied ist, dass es sich damals um die stalinistische Konserve des preußischen Obrigkeitsstaat handelte und heute um einen repräsentativen liberalen Rechstsstaat. Dass sie in ihrer großen Masse diesen Unterschied nie begriffen haben, müssen sie sich selber vorwerfen; und müsste ihnen, weil es schlimme Folgen hat, nun endlich in aller Öffentlichkeit vorgeworfen werden.
Ihr mögt lamentieren, wie ihr wollt - wenn ihr euch das nicht traut, habt ihr euch "Pro Chemnitz" redlich verdient.
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Sonntag, 22. September 2019
Das Ressentiment und seine Profiteure.
aus FAZ.NET, 21.09.2019
Woher die schlechte Laune?
Ein Kommentar von Frank Pergande, Berlin
Steht es dreißig Jahre nach dem Ende der DDR wirklich so schlimm mit der deutschen Einheit und dem Osten? Nein. Die krasse Fehleinschätzung hat auch etwas mit denen zu tun, die heute die politische Meinung im Osten mitprägen.
Was Politiker und Wissenschaftler derzeit über den Osten mitzuteilen haben, klingt nicht gut. Kritisiert wird, dass ostdeutsche Biographien nicht genügend anerkannt würden, Löhne und Renten zu schlecht ausfielen, Altersarmut drohe. Es ist die Rede von Übernahme durch den Westen, Demütigung, gesellschaftlichen Frakturen, neue Spaltungslinien, Verbitterung, Unmut, Fliehkräften. Man reibt sich die Augen. Schon der bloße Augenschein widerlegt solche Reden.
Die blühenden Landschaften sind da, im übertragenen wie im Wortsinne. Die Wirtschaft wächst genau wie Lebensqualität und Einkommen. Die Renten im Osten sind höher als die im Westen. Altersarmut ist eher ein West-Problem, auch wenn immer wieder das Gegenteil behauptet wird. Die Infrastruktur im Osten ist oft besser als im Westen. Der Osten ist lebendig, liebens- und lebenswert. Nicht überall, klar. Es gibt, wie heute gern gesagt wird, „abgehängte Regionen“. Aber das gilt genauso für den Westen – und ist politisch längst als großes Thema erkannt.
Oder der Soziologe Stefan Mau und der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk, die beide soeben bemerkenswerte Studien über den Osten vorgelegt haben. Sie alle sind so jung, dass sie die DDR nur noch als Kinder oder junge Erwachsene erlebt haben. Sie haben deshalb wenig Erfahrungen mit dem, was die DDR wirklich war. Dafür umso mehr mit dem schwierigen Übergang in den neunziger Jahren, mit Lebensumbrüchen, Massenarbeitslo- sigkeit und Treuhand. Ihnen fehlt die sinnliche Erfahrung, dass all das weniger das Ergebnis einer kalten westlichen Übernahme war, sondern vielmehr der DDR geschuldet ist, einem Gesellschaftssystem, das über Jahrzehnte hinweg stillstand und mit dem Mauerfall von jetzt auf gleich seine Bewohner unvorbereitet in die westliche Globalisierung entließ.
Man höre nur einmal Schwesig, Dulig oder Hirte zu, wenn sie von der DDR sprechen. Es klingt wie angelesen oder von anderen erzählt. Aber wenn sie von der Zeit nach der Wiedervereinigung reden, schwingt Persönliches mit, im Positiven wie im Negativen. Das ist kein Vorwurf, sondern der normale Lauf der Zeit. Auch die Studien von Mau und Kowalczuk sind unbedingt empfehlenswert. Aber etwas mehr Stolz darauf, dass das DDR-Erbe immer mehr verschwindet, wäre schon angemessen. Und vielleicht auch der Hinweis, dass nichts einfach so aus dem Westen kommt wie früher die Pakete. Dort, wo die Leute ihre Geschicke selbst in die Hand genommen haben, wächst etwas; wer nur wartet, wird immer enttäuscht. Der Ost-Beauftragte Hirte zieht am Ende doch den richtigen Schluss. Er sagt mit Blick auf die ostdeutsche Entwicklung, mehr gute Laune und Zuversicht würden dem Osten schon guttun. Recht hat er.
Samstag, 1. Februar 2014
Kubas halbherzige Wirtschaftsreformen.
Die kosmetischen Liberalisierungsschritte im Mikrobereich können die Zuckerinsel nicht aus der wirtschaftlichen Misere führen
von Richard Bauer, Havanna
Nach drei Jahren Reformpolitik steht die Wirtschaft Kubas nicht besser da. Die Euphorie über eine «Marktwirtschaft von unten», gekoppelt an ein sozialistisches Gesellschaftsmodell, ist verflogen. Was nottut, sind produktive Auslandsinvestitionen.
ebd.
DIE SÜSSEN FRÜCHTE DES FREIEN MARKTES
bau. · «Himmlisch» sei das Leben in La Cuevita, jubelt der charmante junge Parfümerieverkäufer auf dem grössten Graumarkt von Havanna. Die Mütze der nordamerikanischen Hip-Hopper schräg auf dem Kopf, preist er seine Ware an. In kleinen Fläschchen verkauft er Düfte, die Kubas Frauen und Männer begehren. Sein Angebot ist in druckreifen Lettern auf einem Pappkarton zu lesen: Givenchy, Antonio Bandera, Lacoste. Besonders gut läuft «Xexo en la playa» (Sex am Strand).
Alles ist für weniger als einen Dollar zu haben, und alle Produkte sind Imitate. Doch wen kümmert's, die Kunden wissen es, und der findige Duftmischer macht keinen Hehl daraus.
Seit Wirtschaften auf eigene Rechnung in Kuba wieder zugelassen ist, haben Hunderte Händler das ärmliche Viertel am Stadtrand von Havanna im Sturm erobert. Wer an der improvisierten Einkaufsmeile ein Häuschen besitzt, hat das grosse Los gezogen. Er vermietet den Vorgarten, den Hauseingang und die gute Stube an andere Händler. Die meisten können eine staatliche Lizenz als «cuentapropista», als Kleinunternehmer, vorweisen, führen eine rudimentäre Buchhaltung und bezahlen Steuern. Andere wiederum sind fliegende Händler. Sie verschluckt der Boden, sobald Inspektoren oder Polizisten auftauchen.
Der Erfolg ist überwältigend: Zehntausende Kauflustige besuchen jedes Wochenende das informelle Einkaufsparadies, wo vom Kochtopf bis zum Hochzeitskleid alles zu haben ist. Die Stimmung ist ausgelassen. Sogar Marktschreier - eine in Vergessenheit geratene kubanische Tradition - treten wieder auf den Plan. Doch das bunte Treiben, das Kuba seit dem Verbot des privaten Kleingewerbes im Gefolge der Revolution nicht mehr gesehen hat, ist den Behörden ein Dorn im Auge. Plötzlich ist den staatlichen Devisenläden unerwünschte Konkurrenz erwachsen, und es zirkulieren Waren aus Quellen, die der Kontrolle des Staates entglitten sind.
Die Herkunft der verkauften Waren ist nicht über alle Zweifel erhaben. Einiges ist gestohlen oder gelangte durch die Hintertüre der Staatsbetriebe in den freien Markt. Vieles haben unternehmerisch denkende Kubaner in Ballen und Koffern legal aus dem Ausland herbeigeschafft. Seit jedermann das Land frei verlassen darf, hat sich ein reger Einkaufstourismus vor allem für gebrauchte Kleider und Schuhe aus Panama, Ecuador und den USA entwickelt. Damit will die Regierung jetzt Schluss machen. Seit Jahresbeginn ist der Detailverkauf dieser Artikel verboten. Die Behörden schliessen damit ein Schlupfloch in der Gesetzgebung, das findige Kubaner bisher ausnützten. Man besorgte sich eine Lizenz als Schneiderin oder Couturier und widmete sich anschliessend dem Verkauf importierter Fertigwaren.
In La Cuevita ist man auf den Ernstfall vorbereitet. Sie werde ihren Verkaufsstand schliessen und wie früher die Waren wieder unter der Hand von Haus zu Haus verkaufen, sagt eine Geschäftsfrau mittleren Alters. Deren Nachbarin dagegen will ihre Kunden über die populäre Internetplattform «Revolico» erreichen. Dass sie damit Erfolg haben kann, ist anzunehmen. Pro Tag werden dort regelmässig über 3000 Angebote geschaltet und eifrig studiert.
Sonntag, 13. September 2015
Mikroaggressiv verletzlich.
Bitte nicht schütteln
Statt sachlich zu diskutieren, werden in öffentlichen Debatten immer häufiger verletzte Gefühle geltend gemacht. Die Radikalsensiblen geben sich dabei progressiv. Doch tatsächlich sind sie eine Bedrohung für die freie Gesellschaft.
von Barbara Höfler
Roberto Blanco sang 1972 «Ein bisschen Spass muss sein». Unter Spass verstand der Schlagersänger, Franz Josef Strauss beim CSU-Parteitag zuzurufen: «Wir Schwarzen müssen zusammenhalten!» Jetzt hat der Spass ein Loch. Ein CSU-Politiker nannte Blanco in einer Talkshow einen «wunderbaren Neger». Neger. N-Gate. Rücktrittsrufe. Völlig überraschend geriet anderntags noch einer unter Nazi-Verdacht. Blanco selbst, der kommentierte: «Ich habe mit Neger kein Problem. Ich fühle mich weder beleidigt noch verletzt.» Bamm!
Die anderen sind in der Causa aber mittlerweile alle beleidigt und verletzt: Talkshow-Moderator, Zuschauer, Faschisten, Afrikanisten, Schwarze, Weisse und natürlich die äusserst reizbare Internet-Crowd. «Sprache ist eine Waffe», sagte Kurt Tucholsky. Mit dem N-Wort wird heute jeder zum Bombenleger. Zum Aggressor gegen die Menschlichkeit, die sich zunehmend als Überempfindlichkeit definiert, wie es scheint.
Die Allersensibelsten richten in sozialen Netzwerken ernsthaft darüber, ob Roberto Blanco das trojanische Pferd der Rassisten ist. Der Faschismusgehalt der Aussage des bayrischen Innenministers Joachim Herrmann wird dagegen vergleichsweise lax überprüft. In der Talkshow zitierte Herrmann das böse Wort eigentlich nur aus einer Umfrage-Zuspielung kurz vorher. Wer ihm Rassismus vorwerfen will, könnte sich auch mit der Ausländerpolitik beschäftigen. Aber das entspricht nicht dem Niveau zeitgenössisch geführter Diskussion.
Konflikte, so scheint es, werden heute immer weniger mit harten Argumenten ausgetragen. Sie geraten stattdessen zunehmend zu hysterischen Gesinnungsdebatten, deren Gegenstand nicht mehr die Sache ist, sondern die Gesinnung und wer wen damit wie stark in seinen Gefühlen verletzt. Gewonnen hat, wie im Sandkasten, wer als Erster schreit.
> Schon vor ein paar Jahren verwandelten sich bei der Frage, ob der «Negerkönig» zum Schutze zarter Kinderseelen aus Pippi Langstrumpf gelöscht werden muss, liberale Bücherleser in blutrünstige Hyänen. Jetzt erleben wir die Steigerungsform dieser Tendenz zur völligen Übertreibung: statt Wut nun Gekränktsein als Trumpf.
Opferemotion
Mit Sätzen wie «Ich bin enttäuscht von dir» oder «Es verletzt mich, dass du...» werden Opferemotionen artikuliert und wird der andere in die Täterrolle gezwungen. Raus geht’s nur noch per Entschuldigung, die wiederum ein Schuldeingeständnis ist. Schneller kann man eine Diskussion nicht gewinnen. Schneller verlieren auch nicht.
In den Sprachgemetzeln der Gegenwart geht es nicht mehr nur um einzelne Tabuwörter. Tabu sind heute ganze Themenkomplexe, da nur noch emotional, also gar nicht mehr diskutierbar: Homöopathie, sämtliche Gender-Fragen, Siedlungspolitik Israels, Asylpolitik der EU, Tierschutz, Klimawandel, Jeans aus Kambodscha. Je kleiner die Gruppe, die sich dabei angegriffen fühlt, umso berechtigter wirkt ihr Ruf nach Schutz durch die Gemeinschaft – sprich: nach Sanktion.
Die Supermarktkette Aldi nahm Anfang des Jahres eine «1001 Nacht»-Seife mit Moschee vorn drauf aus dem Sortiment, Lego einen Bausatz «Jabba’s Palace» aus der «Star Wars»-Kollektion, der der Hagia Sophia in Istanbul ähnelte. Verletzung der religiösen Gefühle der empörten muslimischen Minderheit. Der «Hart, aber fair»-Moderator Frank Plasberg wiederholte diese Woche eine Folge – als Neudreh. Beim ersten Versuch im März hatte er sich nach dem Geschmack von Frauenverbänden zu stark über die Gender-Forschung amüsiert.
Die Splittergruppe der Transsexuellen dagegen wartet derzeit noch auf Ausgleich für die Kränkung durch Feministinnen, die mit «Frau» immer nur Frauen meinen, die schwanger werden können. Es gehört dazu, dass die verletzte Partei ihrem Hass dann in möglichst beleidigender Weise freien Lauf lassen darf. So kreischt eine Trans-Bloggerin: «Wenn dein Feminismus zu engstirnig ist, um unsere Perspektive mitzudenken: Get your shit done!»
Noch mehr Sprachregelungen würden hier aber kaum zur Deeskalation beitragen. Sie übererfüllen ihren Zweck bereits: Statt für mehr Verhandlungssicherheit sorgen sie in ihrer schieren Masse oftmals eher für Verhandlungsunfähigkeit. Dazu warf sich gerade in einer Harakiri-Aktion «Die Zeit» mit dem Titel «Was man nicht mehr sagen darf» in die Schlacht. Tenor: Wo alle kommunikative Schonung fordern, werden Sprechverbote zu Denkverboten, das Sich-gekränkt-Geben zum politischen Mittel. «Die entscheidende Macht hat nicht, wer spricht, sondern wer andere vom Sprechen abhalten kann», so der Autor Jens Jessen. Oder mit anderen Worten: Meinungsfreiheit muss eine Demokratie aushalten können. Wenn nicht, hat sie ein Problem.
Das Problem tritt in den USA, wo alles bigger und meist auch etwas früher ist, bereits klarer zutage. Das Magazin «Atlantic» beobachtete unlängst eine Institutionalisierung des Gekränktseins als Machtinstrument. Ausgerechnet am Hort der konkurrierenden Meinungen und Theorien, an der Universität, fordern Studenten immer öfter, von unliebsamen Worten und Ideen bitte verschont zu werden. Harvard-Studenten baten ihre Jura-Professoren etwa, die Rechtslage in Vergewaltigungsfällen aus dem Curriculum zu streichen – und auch das Wort «to violate». Beides verletzt die Gefühle der angehenden Juristen zu stark. Vergewaltigungsopfer müssten in den USA demnach, so ist zu befürchten, künftig ohne Gerichte auskommen.
Ende August verweigerten die Studenten der Duke University North Carolina die Lektüre eines Comics der Cartoonistin Alison Bechdel («Fun Home»). Es kommen darin Nackte vor. Zu «pornografisch». Klassiker der Weltliteratur wie «The Great Gatsby» von Scott Fitzgerald können nicht mehr ohne Warnung vor «domestic violence» besprochen werden: Jemand könnte traumatisiert werden.
Wo der Opferdruck der Hypersensiblen die freie Lehre nicht beeinträchtigt, regelt er die freie Rede auf dem Campus. Microaggressions lautet das Stichwort. 1954 waren Alltagsrassismen gegen Schwarze damit gemeint. Heute listet ein Merkblatt aus dem Büro des Präsidenten der University of California etwa den Satz «I don’t believe in race» auf. Man leugne damit «Erfahrung und Geschichte der rassischen/ethnischen Identität». «America is the land of opportunity» darf man auch nicht sagen. Damit unterschlägt man die Rolle von Rasse und Geschlecht beim Erfolg. An einer Uni in Massachusetts wurde derweil die Aktion einer asiatischen Minderheit zum Thema microaggressions abgebrochen. Aussagen wie «Aren’t you supposed to be good at math?» waren, wenn auch nur als Übung gemeint, einzelnen Studenten zu mikroaggressiv.
Aus dem Ruder gelaufen
Eine ursprünglich gute Sache ist hier völlig aus dem Ruder gelaufen: die «political correctness» der achtziger Jahre. Ging es dabei früher um eine gerechtere Gesellschaft und die Emanzipation von Randgruppen, geht es den Radikalsensiblen heute nur noch um Macht und persönliches Wohl. Ein «rachsüchtiges Protektorat» habe sich ausgebildet, so der «Atlantic», das nicht nur ständig Rücksichtnahme für sich selbst fordere, sondern auch die Bestrafung aller Andersdenkenden. An der Uni Michigan wurde ein Student, der einen Witz über microaggressions machte, von einer Gruppe weiblicher Furien heimgesucht, die seine Haustür mit Eiern, Hotdogs und der Botschaft «Everyone hates you, you violent prick» versahen. An der HU Berlin versuchen Soziologiestudenten seit Monaten den Politologen Herfried Münkler loszuwerden, indem sie im «Münkler Watch» nach jeder Vorlesung dessen angeblich sexistische und rassistische Äusserungen bloggen.
Was hier vor sich geht, ist kaum anders als eine kollektive Verhaltensstörung zu beschreiben: zwanghaftes Schwarz-Weiss-Denken, Rückschluss von eigenen negativen Gefühlen auf die Realität, mentales Filtern, Katastrophieren und übertriebenes Verallgemeinern.
Liegt’s an der Überbehütung durch zunehmend sicherheitsneurotische Eltern? Sorgt Facebook für Verdummung, wo Parolen mehr Anerkennung bringen als Abwägen und differenzierte Meinung? Möglicherweise funktioniert der Rückzug auf spontane Emotionen auch als Mittel der Komplexitätsreduktion. Wie auch immer: Die Verhaltensstörung muss schleunigst therapiert werden. Denn es verdirbt dabei nicht nur der Charakter. Demokratie ist ebenfalls nur mit Kritikfähigkeit, Urteilskraft und dem Aushalten mehrerer Wahrheiten zu machen. Alles andere wäre microaggressive der ganzen Gesellschaft gegenüber.
Mittwoch, 15. April 2015
Die legendären Seevölker sind - eine Legende.
Wissenschaftler des Sonderforschungsbereichs RessourcenKulturen für neue Erkenntnisse zur biblischen Archäologie ausgezeichnet
Jesse Millek, Doktorand des Sonderforschungsbereichs 1070 RessourcenKulturen an der Universität Tübingen, widerlegt in seiner Forschungsarbeit die bis heute in der biblischen Archäologie vieldiskutierte These, dass Seevölker aus dem nördlichen Mittelmeerraum für den Kollaps der Reiche in der Levante am Ende der Bronzezeit verantwortlich waren. Als Evidenz für diese Seevölker – Theorie gilt eine Inschrift aus dem Totentempel von Ramses dem III in Medinet Habu aus dem Jahr 1180 v.Chr., auf der die Invasion von Fremden, die über das Meer kamen, als Grund für den Niedergang ägyptischer Nachbarreiche genannt wird. Daraus leitete die bisherige archäologische Forschung ab, Seevölker aus dem Mittelmeerraum seien auch für den ökonomischen Kollaps in der Levante verantwortlich gewesen.
Nach neuesten Erkenntnissen spricht jedoch einiges dafür, dass die Ursachen für den starken Rückgang des Handels viel komplexer sind als bisher angenommen und eher auf einen internen, gesellschaftlichen Umwälzungsprozess und auf einen veränderten Umgang mit Ressourcen zurückzuführen sind. Die Dokumentationen archäologischer Grabungen an 16 Fundorten der Region werden in der Forschungsarbeit des SFB 1070 kritisch neu bewertet und ausdifferenziert. Ein Beispiel ist die Fundstätte Lachisch, 44 Kilometer südwestlich von Jerusalem, eine der größten und bedeutendsten Fundstätten der Levante.
In früheren Grabungen wurden in der spätbronzezeitlichen Zerstörungsschicht 7 die ausgebrannten Überreste eines Tempels und eines Gebäudes entdeckt. Diese Funde interpretierte man in Untersuchungen als Hinweise auf eine kriegerische Auseinandersetzung mit den Seevölkern. Die kritische Neubetrachtung der Grabungsdokumentation zeigt, dass bei der initialen Interpretation einige Faktoren übersehen wurden.
„Der bronzezeitliche Gebäudebrand in Lachisch begann nachweislich im Küchenbereich – auch in der Bronzezeit gab es ganz alltägliche Ursachen für Zerstörungen“, berichtet Jesse Millek. „Der Tempel weist keinerlei Vandalismus und keine Anzeichen von Schatzräuberei auf und wurde vor der Zerstörung vollständig geräumt. Alles deutet auf eine kultische Stilllegung der Stätte hin. Die heiligen Gegenstände wurden geordnet und systematisch entfernt. Der Standort des Tempels blieb dennoch als heilige Stätte tabu, auch in späterer Zeit.“ Die geordnete Stilllegung von Heiligtümern deutet auf einen veränderten Umgang mit spirituellen Ressourcen und eine kulturelle Neuordnung von Werten innerhalb der Gesellschaft hin. In der weiteren Forschungsarbeit soll nun geklärt werden, inwieweit der Rückgang des Handels mit diesem Wertewandel zusammen hängt.
Jesse Millek studierte zunächst Archäologie und Kunstgeschichte in New York und Leiden. Seit 2013 ist er Doktorand im SFB RessourcenKulturen an der Universität Tübingen und untersucht unter Leitung von Professor Jens Kamlah die Ressourcenkontrolle am Übergang von der Bronze- zur Eisenzeit im Ostmittelmeerraum. Vor allem der Niedergang des Handels in der Spätbronzezeit in Israel und den umliegenden Ländern steht dabei im Forschungsinteresse.
Professor Jens Kamlah, Leiter des Teilprojekts A06, hebt die Bedeutung der Widerlegung der Seevölkerthese hervor: „Ziel unserer Forschung ist es, dem alten, stark vereinfachenden Modell die Beweise zu entziehen. Hierzu leistet die Arbeit von Jesse Millek einen wichtigen Beitrag. Der Zeitraum, den wir untersuchen, ist ausschlaggebend für die Entstehung des alttestamentarischen Israels, wie wir es aus der Bibel kennen. Das Aufzeigen der verschiedenen Gründe und komplexen wirtschaftlichen Zusammenhänge für den Handelsrückgang kann neue Einblicke in diese wichtige Epoche leisten.“
Für seine Forschung wurde Jesse Millek mit dem Sean W. Dever Memorial Prize ausgezeichnet. Der Preis wird jährlich für bahnbrechende Veröffentlichungen im Bereich syro-palästinischer und biblischer Archäologie vergeben. Das William F. Albright Institute of Archaeological Research in Jerusalem honoriert damit einen innovativen Forschungsansatz.
http://www.aiar.org/announcing-winner-of-sean-w-dever-memorial-prize-2015/
Kontakt:
Alexandra Niskios, M.A.
Universität Tübingen
Pressestelle des Sonderforschungsbereichs 1070 Ressourcen Kulturen
Telefon +49 7071 29 73586
alexandra.niskios[at]uni-tuebingen.de
www.sfb1070.uni-tuebingen.de
Publikation:
Jesse Millek: “Sea Peoples, Philistines, and the Destruction of Cities: A Critical Examination of Destruction Layers ‘Caused’ by the ‘Sea Peoples’”—
presented on 4 November 2014 at the conference “The Sea Peoples Up-To-Date: New Research on the Migration of Peoples in the 12th Century BCE,” in Vienna.
Bild oben: nach der Siegesstele Ramses' III.
Montag, 10. März 2014
Keine Neger in Wien!
IG Autoren kritisiert Hysterie um "Die Neger"
Petition forderte Absetzung von Jean Genets Werk vom Festwochen-Spielplan
Wien - Der im Internet initiierte Protest um die Inszenierung von Jean Genets "Die Neger" bei den heurigen Wiener Festwochen zeugt für die IG Autorinnen Autoren von einem neuen "Ungeist". "Wer nicht von vornherein klar und deutlich zu erkennen gibt, dass er auf der 'richtigen' Seite steht, wird automatisch verdächtigt, zu diskriminieren", so Geschäftsführer Gerhard Ruiss in einer Aussendung.
"Das blindwütige Hinschlagen auf Texte und Inhalte, die sich künstlerisch mit konfliktbeladenen Themen beschäftigen, im Namen einer zur Hysterie abgedrifteten 'political correctness', die wütet, ohne sich auf den Kontext einzulassen, macht das kulturelle Miteinander, die seriöse Auseinandersetzung mit Rassismus nicht einfacher, ganz im Gegenteil, sie wird verhindert", so Ruiss weiter. Die IG Autorinnen Autoren unterstütze deshalb die Absicht der Festwochen, "Die Neger" aufzuführen.
Via Facebook war eine Petition mit dem Titel "Schwarze Menschen in Europa gegen Aufführung des Theaterstücks 'Die N****' von Johan Simons" veröffentlicht worden. In der vom Wiener Verein Pamoja initiierten und von 19 europäischen Vereinigungen unterzeichneten Petition wird die Absetzung des Stücks vom Spielplan gefordert. (APA,)
Link
Facebook-Protest gegen die Aufführung von "Die Neger"
Nota.
In Österreich, wo der Beitrag der Landsleute zum Judenmord bis heute ein Tabu ist, können sie's sogar noch besser. Vor vierzehn Tagen gab es im selben Standard wie in allen andern Medien einen Skandal, weil eine Lehrerin in einer Übung für Legastheniker, wo es um das Umkehren von Wörtern ging, unter anderm das Wort Regen vorgegeben hatte...
Die arglose Frau wurde vor den Unterrichtsminister zitiert. Zwar verboten ist der N**** nicht, aber moralisch dringendst unerwünscht. Doch spotten wir nicht über die Österreicher. Wäre das eine Schule im Amtsbereich des Leitenden Oberstaatsanwalts Fröhlich in Hannover gewesen, hätte es vielleicht sogar eine Haussuchung mit Pressetermin gegeben.
JE
Montag, 30. November 2020
Die Freimaurer.

Und «mächtig»? Das waren (und sind) die Freimaurer vor allem in den Augen ihrer Gegner, die ihnen seit der Französischen Revolution praktisch jedes Übel der Geschichte angedichtet haben, einschliesslich der Jack-the-Ripper-Morde. Sehr wohl aber kann man die Bruderschaft als «einflussreich» bezeichnen, und ebendarauf zielt der Untertitel der Originalausgabe: «How the Freemasons Made the Modern World».
Etwa sechs Millionen Freimaurer gebe es heute auf der Welt, berichtet John Dickie im Vorwort. Zu ihren Glanzzeiten waren es um ein Vielfaches mehr, mit einer stattlichen Liste an Berühmtheiten, unter ihnen Goethe, Mozart und Casanova, George Washington, Winston Churchill und Franklin D. Roosevelt, Henry Ford und Walt Disney, ja sogar Arthur Conan Doyle oder Oliver Hardy. Aber noch so viele prominente Namen verhindern nicht, dass der Londoner Historiker mit seinem Gegenstand ein Problem hat: Die Freimaurerei selbst ist nur halb so aufregend wie ihre Geschichte und die sich um sie rankenden Verschwörungsmythen.
Wohl deshalb legt John Dickie, der Autor eines vorzüglichen Buches über die Cosa Nostra, schon im zweiten Kapitel die Karten auf den Tisch. Im Schnellgang und mit der angemessenen spöttischen Distanz resümiert Dickie alle heute längst bekannten «Geheimnisse» der Bruderschaft wie ihren bis zum Tempel Salomons zurückreichenden Entstehungsmythos oder die bizarr anmutenden Aufnahmerituale mit verbundenen Augen und hochgekrempeltem Hosenbein.
Dabei sei die Androhung drakonischer Strafen bei Verrat, wie das Herausreissen der Zunge, stets blosser «Theaterdonner» gewesen, so Dickie, und überhaupt: «Mehr steckt nicht dahinter», denn «die Wahrheit über die Freimaurerei» sei «absolut banal». Einerseits. Andererseits erzeugte das Versprechen, beim Aufstieg vom Lehrling zum Meister Zugang zu immer geheimeren Wahrheiten zu erhalten, auch eine enorme Anziehungskraft; sie war es, die die Freimaurerei zu einem «der erfolgreichsten kulturellen Exportgüter Grossbritanniens» machte.
Denn auf der Insel ist die Bruderschaft entstanden: Nach einer verwickelten Vorgeschichte im Schottland der Renaissance wurde 1717 in der Londoner Gaststätte «Goose and Gridiron» («Gans und Bratrost») die erste Grossloge gegründet. Attraktiv, zumal in Zeiten politischer und religiöser Spannungen, seien die Logen auch deshalb gewesen, weil in ihnen Politik und Religion von Anfang an tabu waren. Und weil sich die Mitglieder, Bürger und Aristokraten, in einem geschützten Raum ständeübergreifend auf Augenhöhe austauschen konnten. Durch die Einübung von Toleranz, Diskursfähigkeit und Demokratie (die gewählte Führung einer Loge wechselt alle zwei Jahre) hätten die Maurer ihren Teil zur Entstehung einer modernen, egalitären Gesellschaft beigetragen, betont der Historiker.
Der «Verschwiegenheitskult» der Brüder war für Aussenstehende aber nicht nur faszinierend, er rief auch Misstrauen hervor. Vor allem bei der Kirche, die seit einer Bulle von Papst Clemens XII. 1738 (bestätigt 1983 vom damaligen Kardinal Ratzinger) für eine Zugehörigkeit zu den Maurern die Exkommunikation vorsieht. Die Kirche verdächtigte die Brüder des Satanismus und, weil Frauen der Zutritt zu den Logen verwehrt blieb, der Sodomie. Eine Unterstellung, bei der sich John Dickie die Gelegenheit zu einem Seitenhieb nicht entgehen lässt: «Vielen dürfte angesichts solcher Anschuldigungen der Gedanke kommen, dass die Kirche in puncto sexuelle Perversion eventuell im Glashaus sitzt.»
Seit je haben sich die Freimaurer als exklusiv männliche Gesellschaft verstanden, erst in jüngster Zeit wird dieser Ansatz zaghaft aufgeweicht. Von Ausnahmen wie den gemischtgeschlechtlichen «Adoptionslogen» im vorrevolutionären Frankreich abgesehen, standen die Rollen für Frauen fest: «pflichtbewusste Ehefrauen. Totems männlicher Ehrbarkeit. Mitleidige Engel. Witwen, die der Fürsorge bedürfen. Zuschauerinnen bei kostümierten männlichen Spektakeln». Bedenkt man, dass Freimaurer sich selbst so blumige Titel wie «Ritter des Argonautenordens» verleihen, erscheint Dickies Vorschlag naheliegend, die freimaurerische Geschichte auf die Formel «vier Jahrhunderte männlicher Überspanntheit» zu bringen.
Der Historiker nähert sich seinem Gegenstand aber nicht nur mit mildem Spott, sondern auch mit einer gehörigen Portion Sympathie. Zugleich stösst er aber beim (mitunter sehr kleinteilig erzählten) Gang durch die Geschichte immer wieder auf Widersprüche zwischen maurerischen Werten wie Gleichheit, Brüderlichkeit, Weltoffenheit und Humanität und der Realität. Wie in Britisch-Indien, wo Rudyard Kipling schmeichelhafte Lobgesänge auf die Logen dichtete, in denen sich Briten und Angehörige des Kolonialvolks angeblich brüderlich begegneten. Oder in Italien, wo die Freimaurerei schon seit der Ära Napoleons auf unselige Weise mit der Politik verstrickt war.
Der deutschen Freimaurerei wirft Dickie ein geschöntes Selbstbild als Opfer der NS-Zeit vor: Zwar wurden die deutschen Logen nach 1933 tatsächlich verboten, aber zuvor hätten die meisten alles versucht, sich den Nazis als loyale Stütze des neuen Staates anzudienen, und ihre jüdischen Mitglieder gar nicht schnell genug loswerden können. Besonders erhellend wird Dickies Darstellung aber im Fall der USA, wo die Freimaurerei nach dem Ersten Weltkrieg so populär war, dass eine Mitgliedschaft für Geschäftsmänner «zur Visitenkarte für Glaubwürdigkeit und korrektes Geschäftsgebaren» wurde.
Für Weisse zumindest, denn Afroamerikanern blieb der Zutritt verwehrt: «Die masonische Utopie steht allen offen», so Dickie lakonisch. «Nur nicht den Unerwünschten.» Die von Schwarzen schon Ende des 18. Jahrhunderts begründete Tradition der Prince-Hall-Freimaurerei, mit grossen Namen wie Nat King Cole, Sugar Ray Robinson oder Thurgood Marshall, dem ersten schwarzen Richter am Supreme Court, werde bis heute von vielen weissen Grosslogen der USA nicht anerkannt, all ihren Verdiensten um die Bürgerrechtsbewegung zum Trotz.
John Dickie: Die Freimaurer. Der mächtigste Geheimbund der Welt. Aus dem Englischen von Irmengard Gabler. Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2020. 560 S., Fr. 37.90.
Nota. - Giuseppe Balsamo alias Graf Cagliostro findet keine Erwähnung; nicht in der Re-zension, aber doch hoffentlich im rezensierten Buch. Niemals war nämlich die Maurerei kulturhistorisch bedeutsamer als unmittelbar vor und ein paar Jahre nach der französischen Revolution. Nicht nur Friedrich II. von Preußen, sondern auch Joseph II. von Österreich gehörten ihr an, letzterer neben Mozart den Illuminaten. Viel wurde gemutmaßt über dessen letzten großen Erfolg, die Zauberflöte, die doch von nichts anderm handelt als von der Be-freiung der menschlichen Seele (Pamina) durch den freien Geist (Tamino) aus den Fängen der römischen Kirche (Königin der Nacht) unter Anleitung der illuminierten Weisheit: Sarastro.
Die Wirklichkeit der Revolution besorgte dann Ernüchterung. In ihrem Alltag war die Maure-rei seither vor allem ein entspannter Ort, wo Geschäftsleute sich ohne Blick auf den Markt, aber nicht ganz ohne Rücksicht auf praktischen Nutzen treffen konnten.
Der idealistische Philosoph Fichte, natürlich selber Freimaurer, dachte jedoch nach dem Scheitern seiner Lehrtätigkeit in Jena daran, die Freimaurerei in eine Gelehrtenverschwörung umzubilden, die der Herrschaft der Vernunft in der bürgerlichen Gesellschaft den Weg be-reiten sollte - als eine geistige Avantgarde, die manchem als Keimform der Marx'schen revo-lutionären Partei erscheinen könnte.
JE
Samstag, 11. Mai 2019
Unsere Vorfahren waren Kannibalen.
Kannibalismus gilt heute als großes Tabu, dennoch gibt es den Verzehr von Artgenossen sowohl im Tierreich als auch unter Menschen. So belegen Knochenfunde, dass der Neandertaler nicht vor Kannibalismus zurückschreckte. In Notlagen haben jedoch auch moderne Menschen schon häufiger ihresgleichen vertilgt, beispielsweise bei der fatalen Franklin-Expedition des Jahres 1845.
Warum isst man Artgenossen?
„Kannibalismus ist eine alte und weit verbreitete menschliche Praxis“, konstatieren Jesus Rodriguez und sein Team von Nationalen Forschungszentrum für Menschheitsgeschichte im spanischen Burgos. Doch die möglichen Gründe und die Bedeutung des Verzehrs von Mitmenschen sind heiß umstritten. So sehen einige Forscher im Kannibalismus primär einen Weg zur Deckung des Kalorienbedarfs, andere halten dagegen kulturelle und soziale Gründe für wesentlicher.
„Warum Menschen sich gegenseitig aufessen, ist eine komplexe Frage“, so die Forscher. Um sie zu beantworten, haben sich Rodriguez und sein Team nun eine der ältesten und bekanntesten Fundstätten menschlichen Kannibalismus vorgenommen – die Gran Dolina-Höhle nördlich der Stadt Burgos. Sie enthält eine große Ansammlung von Fossilien, die dem vor rund 900.000 Jahren lebenden Homo antecessor zugeschrieben werden.
Bissspuren, Brüche und ausgelutschte Knochen
Das Gruselige daran: Die in der Fundstätte entdeckten Menschenknochen weisen klare Anzeichen für kannibalistische Praktiken auf: „Die menschlichen Körper wurden gehäutet, ausgeweidet und entbeint“, schildern Rodriguez und sein Team. „Die Langknochen wurden zerbrochen, um an das Knochenmark zu gelangen. Zudem sind auf mehreren menschlichen und tierischen Überresten Bissspuren dokumentiert.“
Das Muster der Schäden deutet nach Ansicht der Forscher daraufhin, dass hier Vertreter des Homo Antecessors den gesamten Körper toter Mitmenschen verzehrt haben – mitsamt Gehirn, Organen und Knochenmark. Sogar die Rippenknochen wurden angekaut und ausgelutscht, wie entsprechende Bissspuren verraten.
An einer Hungersnot lag es nicht
Das Merkwürdige an diesen Zeugnissen für frühmenschlichen Kannibalismus: Die reichlich vorhandenen Tierknochen in der gleichen Fundschicht belegen, dass diese Frühmenschen keinen Hunger litten. Es war daher wahrscheinlich nicht die Not, die sie zu Menschenfressern machte. Wie Rodriguez und sein Team ausrechneten, hätte allein die durch die Tiere abgedeckte Essensmenge ausgereicht, um 20 Gruppenangehörige drei Monate lang mit Nahrung zu versorgen.
Ungewöhnlich auch: Im Vergleich zu den Tierknochen sind Menschenknochen mit Bearbeitungsspuren in der Fundschicht deutlich überrepräsentiert. „Während die Tiere proportional zu ihrer Häufigkeit in der Umwelt konsumiert wurden, wurden die Menschen in einem höheren Anteil verzehrt als es ihrer Dichte in dieser Umwelt entsprach“, sagen die Forscher. Mit anderen Worten: Sie wurden absichtlich ausgewählt.
Mensch als lohnendste Beute
Aber warum? Um das herauszufinden, wendeten die Wissenschaftler ein klassisches Beutewahl-Modell an. Dieses geht davon aus, dass ein Tier – oder Mensch – die Beute wählen wird, die ihm die meiste Energie unter geringstem Aufwand liefert. Eine Beute, die kalorienreich, aber schwer zu erlegen ist, kann demnach ähnlich lohnend sein wie ein kalorienärmeres, aber leicht zu fangendes Beutetier.
Als die Forscher dieses Modell auf die Knochenfunde von Gran Dolina anwendeten, zeigte sich: Die menschlichen Überreste machen zwar nur rund 13 Prozent des Kalorienumfangs aller dort verzehrten Organismen aus, aber berücksichtigt man den Aufwand, liegen die Frühmenschen an erster Stelle. Denn im Gegensatz zu schnellen oder wehrhaften Beutetieren wie Hirschen oder Nashörnern waren die meist jugendlichen oder zumindest noch jungen menschlichen Opfer eher leichte Beute, sagen Rodriguez und sein Team.
Ähnlich wie Schimpansen bei Konflikten zwischen Gruppen vorwiegend Jungtiere töten und fressen, könnten auch diese Frühmenschen bei einem Konflikt getötet und dann als Nahrung konsumiert worden sein.
Durch frühen Tod zur Mahlzeit geworden?
Demnach ist es kein Zufall, dass der Homo antecessor hier zum Kannibalen wurde – es lohnte sich für ihn offenbar mehr als die Jagd auf Tiere. Doch das muss nicht heißen, dass diese Frühmenschen ihre Opfer auch absichtlich umbrachten, wie die Forscher betonen: „Die einfachste Erklärung aber könnte sein, dass diese Opfer zur gleichen Gruppe wie die Kannibalen gehörten und eines natürlichen Todes starben“, so Rodriguez und sein Team.
Wie sie erklären, belegen ethnografische Daten, dass bei Jägern und Sammlern die Sterblichkeit bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen sehr hoch ist. „So sterben beispielsweise bei den !Kung, Hadza und Ache zwischen 40 und 65 Prozent der Stammesangehörigen vor dem Erreichen des Erwachsenenalters““, berichten die Forscher. Der Homo antecessor könnte daher den frühen Tod seiner Gruppenangehörigen einfach ganz praktisch und tabufrei als willkommene zusätzliche Nahrung betrachtet haben. (Journal of Human Evolution, 2019; doi: 10.1016/j.jhevol.2019.03.010)
Quelle: Centro Nacional de Investigaci on sobre la Evoluci on Humana (CENIEH)
8. Mai 2019









