Freitag, 13. Juni 2014

Protektoren und Interventen.

aus nzz.ch, 13. Juni 2014, 13:59                                                                                          Wilhelm III. von Oranien-Nassau


Politische Protektion und Intervention in der europäischen Neuzeit
Ohnmacht und Macht der Kleinen



Im 16. und 17. Jahrhundert war es vornehmlich die Konfessionszugehörigkeit, die Gründe und Vorwände für Interventionen lieferte. Nach dem Westfälischen Frieden führte freilich gerade die Lehre von der Souveränität zu einer Stärkung des Interventionsrechts.

Mit einem Brief soll der ukrainische Ex-Präsident Wiktor Janukowitsch den russischen Präsidenten Wladimir Putin um eine militärische Intervention auf der Krim gebeten haben. Die russischsprachige Bevölkerung werde verfolgt, hiess es in dem Schreiben, das der russische Vertreter am 3. März 2014 im Uno-Sicherheitsrat vorzeigte. Zu ihrem Schutz und zur Wiederherstellung der Ordnung seien Truppen vonnöten. Kurz zuvor waren russische Einheiten auf der Halbinsel einmarschiert, die weiteren Folgen sind bekannt: Ausschaltung ukrainischer Funktionsträger, Referendum und Unabhängigkeitserklärung der Krim, sodann Massnahmen zur Eingliederung in die Russische Föderation trotz internationalem Protest.

Analogien

Handelt es sich bei der Annexion der Krim lediglich um eine geringfügige Neujustierung von territorialen Grenzen, die vor nicht allzu langer Zeit aus der Konkursmasse des Sowjetimperiums hervorgegangen sind? Oder vielmehr um ein gefährliches Präjudiz, das die Grundlagen der internationalen Ordnung und des Völkerrechts zur Disposition stellt? Gerne richtete sich der Blick von Politikern und Kommentatoren während der letzten Wochen auf die Geschichte, wenn es darum ging, die Ereignisse zu interpretieren. Der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble verglich die russische Übernahme der Krim etwa mit der Eingliederung des Sudetenlandes ins Nazireich im Jahr 1938 – ein Vergleich, von dem sich die deutsche Kanzlerin nach russischen Protesten indes rasch distanzierte.

Dass Schäubles Aussage, die er vor einigen Schülern äusserte, überhaupt zu Regierungsnoten Anlass gab, verweist auf die meist implizite politische Agenda, die historischen Analogien innewohnt. Hätten die europäischen Mächte den Diktator damals rechtzeitig in die Schranken gewiesen, statt die Übernahme nachträglich zu legitimieren, hätte sich Schlimmeres vielleicht verhindern lassen – so lautet die Lektion, die nach entsprechendem Handeln verlangt. Gerade dies macht das Herstellen von historischen Analogien problematisch. Letztlich führen sie primär zu einer Vorentscheidung desjenigen zurück, der die Analogien bildet. Auch der Ereignisse im unmittelbaren Vorfeld des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs vor hundert Jahren ist im Zusammenhang mit der Ukrainekrise gedacht worden: Deeskalation und Vermittlung, lautet in dieser Perspektive der historische Imperativ.

Ungeachtet dieser Problematik historischer Analogien können aktuelle Debatten aber auch dazu anregen, neue Fragen an die Vergangenheit zu richten. Mehr oder weniger inszenierte Bitten von einzelnen Gruppen oder gar Individuen um die Intervention einer fremden Macht zu ihrem Schutz finden wir seit dem Beginn der europäischen Neuzeit, als sich mit der Territorialisierung von Herrschaft überhaupt erst eine Trennung von politischem «Innen» und «Aussen» herausbildete. Nicht die Ethnie, sondern primär die Konfessionszugehörig- keit war es im 16. und 17. Jahrhundert, die Anlass für Friktionen innerhalb einer politischen Ordnung und für Appelle an auswärtige Protektoren gab. Während der Religionskriege in Frankreich wandte sich etwa die hugenottische Partei hilfesuchend an die englische Krone als «Defender of the Faith», später taten die Stände der Provence Entsprechendes, als sie an den «rey católico» Philipp II. von Spanien appellierten.

Auf der Seite der Mächte wurden solche Hilfegesuche zum Gegenstand politischer Kalküle. Die Appelle der fremden Untertanen kamen nicht selten gelegen, um dynastische Rivalen zu schwächen oder gar neue Gebiete hinzuzugewinnen. Doch spielten auch Fragen des Gewissens und der Reputation eine Rolle: War es statthaft, die Rebellion von Untertanen gegen ihren legitimen Herrscher zu unterstützen? Und was meinten, andererseits, Gott und die jeweiligen Religionsangehörigen dazu, wenn die Glaubensgenossen einfach im Stich gelassen wurden? Zumindest auf indirekte Formen der Unterstützung konnten die Hilfesuchenden in der Regel zählen. Die Beziehungen zu auswärtigen Mächten wurden so potenziell zu einem Machtmittel von Untertanen im Verhältnis zu ihrem Herrscher, und dies durchaus nicht nur, wenn es um den Schutz des nackten Lebens und des Gewissens ging, sondern auch beim Aushandeln von Privilegien und lokalen Autonomierechten. – Tatsächlich konnte der Schutz von Untertanen anderer Herrscher für sich genommen einen hinreichenden Grund für eine Intervention auch dann noch darstellen, als sich die Aussenbeziehungen sonst allmählich entkonfessionali- sierten. Die Lehre von der Souveränität, die nach dem Westfälischen Frieden um sich griff, führte paradoxer- weise zu einer Stärkung des Interventionsrechts, wie der Historiker Christoph Kampmann aufgezeigt hat: Da den Untertanen kein Widerstandsrecht mehr zukam, fiel die Verantwortung für den Schutz ihrer unverbrüchli- chen Rechte und Privilegien an die Souveräne – eine Art Vorform der modernen «Responsibility to Protect». Manche Gründe für eine Intervention mögen aus heutiger Sicht gar geringfügig erscheinen: Wilhelm III. von Oranien begründete 1688 seine Invasion in England unter anderem mit der widerrechtlichen Ernennung zweier katholischer Dozenten an einem Oxforder College.

Vom Schutz zur Neutralität

Auch für kleine Republiken, die keiner Herrschaft unterstanden, konnten Protektionsbeziehungen eine Strategie darstellen, um in einer sich verdichtenden Staatenwelt zu bestehen. Die Stadtrepublik Genf wahrte etwa zumindest bis 1782 ihre Unabhängigkeit, indem sie sich zugleich an Frankreich und die eidgenössischen Orte Bern und Zürich band. Und auch die Eidgenossenschaft selbst wurde nicht so sehr der Kraft ihrer Waffen wegen zur europäischen Friedensinsel, sondern aufgrund der multiplen Allianzen der Kantone mit untereinander konkurrierenden Mächten. Als die katholischen Orte 1715 eine Sonderallianz mit dem französischen König eingingen und diesem erlaubten, bei inneren Konflikten zu ihrem Schutz zu intervenieren, erschien Kritikern die Grenze zwischen Absicherung und Abhängigkeit indes überschritten. In der 1777 mit allen Orten erneuerten Allianz war von einem Interventionsrecht keine Rede mehr.

Die Garantie der immerwährenden Neutralität der Eidgenossenschaft auf dem Wiener Kongress stand auf anderen Füssen. Nun waren es nicht mehr situative, einander ausbalancierende Allianzen, welche die Sicherheit des Kleinstaats gewährten, sondern es war der gemeinsame Entschluss der Grossmächte. Nach den Jahren der napoleonischen Hegemonie sollten die Grenzen souveräner Staaten nur noch unter kollektiver Zustimmung verschoben werden können, ein Prinzip, dass sich seither erhalten hat. An den Rändern Europas und auf anderen Kontinenten galten andere Regeln. Doch versuchten die expandierenden europäischen Grossmächte auch hier, Formen direkter wie indirekter Dominanz völkerrechtlich zu ahnden.

Nebst den Kolonien wurden so gegen Ende des 19. Jahrhunderts sogenannte Protektorate ins Leben gerufen, die aufgrund des Verbleibs bestimmter Souveränitätsrechte potenziell auf höhere Akzeptanz stiessen. Im Falle der osmanischen Provinzen Bosnien und Herzegowina, die ab 1878 von Österreich-Ungarn verwaltet wurden, funktionierte ein solches Verhältnis tatsächlich für einige Zeit leidlich. Erst die formale Annexion durch die Schutzmacht im Jahre 1908 machte den Balkan zum Pulverfass, welches das Attentat des bosnisch-serbischen Studenten Gavrilo Princip auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger vom 28. Juni 1914 schliesslich zur Explosion brachte.

Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen

Die Verheerungen der beiden Weltkriege, die Spaltung des Globus in zwei Blöcke mit dominierenden Zentren, die kurze Phase, in der die verbliebene «Supermacht» relativ ungestört ihre Interessenpolitik verfolgen konnte und zugleich erfolgreich militärische Interventionen zum Schutz von Menschenrechten orchestrierte – die Geschichte des 20. und des frühen 21. Jahrhunderts böte zweifellos ebenfalls viel Anschauungsmaterial für die Macht und Ohnmacht der Kleinen im Rahmen von politischen Schutzverhältnissen. Gewandelt haben sich die Begründungen: weg von allen Herrschaftsrechten, hin zum Selbstbestimmungsrecht der Völker. Global etabliert und zugleich institutionell und rechtlich relativiert wurde zudem das Prinzip staatlicher Souveränität.

Doch ob man nun die Vergangenheit in der Gegenwart spiegelt oder die Gegenwart in der Vergangenheit – das vage Gefühl einer Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen stellt sich immer wieder ein. Wenn in einem Grenzraum Gruppierungen, die sich bedrängt sehen, die Intervention einer auswärtigen Macht anrufen, so appellieren sie zweifellos an eine völkerrechtliche Schutzverantwortung. Folgt darauf jedoch eine Herrschaftsübernahme, erweist sich die gewährte Protektion als semantische Ummantelung reiner Macht- und Interessenpolitik. Zur Wahrung der neu etablierten Ordnung bedarf es daher anderer Quellen der Legitimation, gegenwärtig etwa einer Volksabstimmung oder, erneut, des Verweises auf die Geschichte.

Auch nach der Krönung Wilhelms III. von Oranien zum König von England traten die ursprünglich angeführten Gründe für die militärische Intervention rasch in den Hintergrund und machten stattdessen der Meistererzählung einer gleichsam autochthon herbeigeführten «Glorious Revolution» Platz. Die im französischen Exil weilenden Anhänger des gestürzten Stuart-Königs hatten dem letztlich wenig entgegenzusetzen.

Dr. des. Nadir Weber ist wissenschaftlicher Assistent am Historischen Institut der Universität Bern.

Donnerstag, 12. Juni 2014

Der Ackerbau kam übers Wasser.

Seeweg mit Inselpausen: Die Route der ersten Bauern auf dem Weg nach Europa.
aus scinexx

Die ersten Bauern kamen über den Seeweg
Neolithische Einwanderer praktizierten Inselhüpfen in der Ägäis

Inselhüpfen in der Jungsteinzeit: Auf welcher Route die ersten steinzeitlichen Bauern nach Europa kamen, war bisher unbekannt. Jetzt zeigt ein DNA-Vergleich: Die neolithischen Einwanderer wählten offenbar nicht den Landweg über Anatolien und den Balkan, wie bisher meist angenommen. Stattdessen kamen sie über das Mittelmeer und nutzten die Inseln der Ägäis als Zwischenstationen, wie Forscher im Fachmagazin "Proceedings of the National Academy of Sciences" berichten.

Die meisten Bewohner Europas tragen heute ein gemischtes genetisches Erbe in sich: Ein Teil ihrer DNA stammt von den Jägern und Sammlern, die schon vor rund 40.000 Jahren den Kontinent besiedelten. Der andere Teil aber zeugt von einer zweiten Einwanderungswelle vor rund 9.000 Jahren. Damals kamen die ersten Bauern aus dem Nahen und Mittleren Osten nach Europa und lösten damit einen tiefgreifenden Wandel der Lebensweise von nomadischen Jägern und Sammlern zu sesshaften Bauern aus.

Aber über welche Route wanderten diese ersten Bauern ein? "Im Prinzip können sie über drei verschiedene Wege nach Europa gelangt sein", erklären Studienleiter George Stamatoyannopoulos von der University of Washington in Seattle und seine Kollegen: Über die Landroute von Anatolien über den Bosporus bis in den Balkan, über den Seeweg von der Levante aus an die Südküste Europas oder aber von der anatolischen Küste über die Inseln der Ägäis aufs griechische Festland. Dass die Menschen der Jungsteinzeit durchaus schon seetüchtige Boote bauten konnten, belegt die frühe Besiedelung von Inseln wie Sardinien, Zypern und auch Kreta.

DNA verrät steinzeitlichen Genfluss und damit die Route

Um herauszufinden, welche der drei Routen unsere Vorfahren nahmen, verglichen Stamatoyannopoulos und seine Kollegen die DNA von Menschen aus insgesamt 32 Populationen. Darunter waren Genproben von Bewohnern Kretas und der Inseln der Ägäis, vom griechischen Festland und 14 weiteren europäischen Volksgruppen, aber auch von Menschen aus Anatolien, dem Nahen Osten und Nordafrika. Mit Hilfe spezieller Algorithmen rekonstruierten die Forscher dann anhand der Abweichungen in einzelnen Genbausteinen den Genfluss zwischen den Populationen und schlossen so auf die wahrscheinliche Wanderungsbewegung der jungsteinzeitlichen Bauern.


Die Inseln der Ägäis dienten den Einwanderern als Trittsteine auf dem Weg nach Griechenland
Das Ergebnis war eindeutig: "Die Populationen, die am engsten mit Anatolien verknüpft sind, sind die Bewohner Kretas und der Inseln der östlichen Ägäis", berichten die Forscher. Bewohner des Balkan oder Nordgriechenlands zeigen dagegen deutlich weniger genetische Gemeinsamkeiten mit den Menschen Anatoliens. Dies zeigte sich übereinstimmend in gleich drei verschiedenen Tests.

Ägäische Inseln als Trittsteine

Nach Ansicht der Wissenschaftler spricht dies sehr dafür, dass die neolithischen Bauern nicht den Land-, sondern den Seeweg nach Europa wählten: "Auf ihrem Weg von Anatolien nach Südeuropa nutzen die einwandernden Populationen Kreta und die ägäischen Inseln als Trittsteine", so Stamatoyannopoulos und seine Kollegen. Da diese Inseln von der Küste Anatoliens bis in die Nähe des griechischen Festlands verteilt sind, mussten die steinzeitlichen Bauern immer nur kleine Etappen auf See zurücklegen. Von Griechenland aus erreichten sie per Boot dann auch Sizilien und das italienische Festland.

Dieses auf genetischen Daten beruhende Szenario passt auch sehr gut zu archäologischen Funden, wie die Forscher betonen: Die ältesten europäischen Relikte jungsteinzeitlicher Bauern finden sich in Griechenland und stammen aus der Zeit vor rund 8.500 bis 9.000 Jahren. Fundstätten in Thrakien und Makedonien sind dagegen jünger.

Der Seeweg könnte auch erklären, warum sich die jungsteinzeitlichen Bauern in Südeuropa besonders schnell ausbreiteten: Die Passage per Boot ging schneller als die Einwanderung über Land. Auf dem Festland ließ das Tempo der Ausbreitung dann nach, Anthropologen kalkulieren dafür etwa 0,6 bis 1 Kilometer pro Jahr. Deshalb dauerte es dann noch ein paar tausend Jahre, bis sich die Landwirtschaft auch in Nordeuropa etabliert hatte. (Proceedings of the National Academy of Sciences, 2014; doi: 10.1073/pnas.1320811111)

Mittwoch, 11. Juni 2014

Krise als Normalzustand.

aus nzz.ch, 11. Juni 2014, 05:30                                                                                   eanimusic3d


Ein Symposion der Schweizerischen Philosophischen Gesellschaft
Moral und Politik, Kritik und Krise



«Unser Zeitalter ist das eigentliche Zeitalter der Kritik, der sich alles unterwerfen muss. Religion durch ihre Heiligkeit und Gesetzgebung durch ihre Majestät wollen sich gemeiniglich derselben entziehen. Aber alsdann erregen sie gerechten Verdacht wider sich und können auf unverstellte Achtung nicht Anspruch machen, die die Vernunft nur demjenigen bewilligt, was ihre freie und öffentliche Prüfung hat aushalten können.» – Ob das, was Immanuel Kant 1781 in der Vorrede zur «Kritik der reinen Vernunft»* als Signatur seiner Epoche beschrieb, als Charakteristik auch noch unserer Gegenwart verstanden werden könnte – einer Zeit, in der das kritische Urteil in der Willkür und Beliebigkeit des Drückens oder Nichtdrückens von «Gefällt mir»-Knöpfen sich zu verflüchtigen scheint –, sei dahingestellt.

Eine spekulative Erzählung

Die seinerzeit nicht nur von Kant verkündete Inthronisierung der Kritik als letzte und permanente Urteilsinstanz eines öffentlichen und freien Räsonierens hat der Historiker Reinhart Koselleck vor sechs Jahrzehnten in seiner berühmt gewordenen Studie «Kritik und Krise» jedenfalls als Auslöser einer fatalen, geschichtlich sich entfaltenden Dialektik der Aufklärung nachzuzeichnen versucht: Mit moralischem Impetus schwinge sich eine Kritik, die unpolitisch zu sein glaube, zu einer – indirekten – politischen Macht auf, die den moralischen Bogen überspanne und sich als Vollstreckerin eines geschichtlichen Auftrags selbst ins Recht zu setzen wähne. So werde, ob gewollt oder ungewollt, eine Krise in Gang gesetzt, die in Revolution und Terror münde und die im Grunde auch die weltgeschichtliche Situation nach dem Zweiten Weltkrieg noch bestimme.

Die erstaunlich spekulative Geschichte, die Koselleck in seiner ambitionierten Dissertation erzählt, beginnt beim absolutistischen Staat, der in Reaktion auf die Religionskriege sich als Ordnungsgefüge etabliere und seinen Untertanen einen befriedeten «Raum der Indifferenz» eröffne, in dem die Menschen – politisch zunächst machtlos – ihr individuelles Gewissen ausbildeten. Dieses Gewissen bringe sich, je selbstgewisser es werde, notwendigerweise in einen Gegensatz zu der Ordnung, der es sich verdanke. Anders gesagt: Die Trennung von Moral und Politik, die die zerstörerische Dynamik konfligierender religiös-politischer Wahrheitsansprüche habe bremsen sollen, wende sich gegen den Staat, der die Überzeugungen und Meinungen seiner Untertanen in das Reservat eines privaten Innenraums sperren zu können vermeine.

Es mag auch an der Suggestivität der (nur erst) angedeuteten Überlegungen Kosellecks liegen, dass sie, bei allen Einsprüchen und Korrekturen, die sie auf sich gezogen haben, nach wie vor Resonanz erzeugen. Nicht zuletzt die Wendung «Kritik und Krise» drängt sich gerne auf, zumal in Zeiten, in denen nicht nur Kritik, sondern auch Krisen aller Art zum Normalbetrieb zu gehören scheinen. Das diesjährige Symposion der Schweizerischen Philosophischen Gesellschaft, das letzte Woche an der Universität St. Gallen stattfand, stand unter ebendiesem Titel – und nicht wenige der zahlreichen Vorträge griffen den einen oder anderen Aspekt des Koselleckschen Werkes auf.

Soweit der Historiker darin nicht nur einen Geschichtsprozess analysiert, sondern auch einem Verständnis von Politik das Wort redet, das für den demokratischen Staat der Gegenwart Gültigkeit beansprucht, liess sich der Vortrag der Philosophin Elif Özmen (Regensburg) als Gegenentwurf dazu verstehen: Gerade weil «letzte» Wahrheiten nicht das Fundament einer – freiheitlichen – politischen Ordnung sein dürften, werde Kritikfähigkeit zur «demokratischen Tugend», werde die permanente kritische Infragestellung und Selbstinfragestellung zum Modus des politischen Prozesses. Den – politischen – Vorrang der Meinungen vor «letzten» Wahrheiten wollte Özmen allerdings nicht als Freibrief für einen «Subjektivismus» verstanden wissen, der im «politischen Feuilleton» und auch in der politischen Philosophie um sich gegriffen habe. Auch wer Meinungen äussere, verpflichte sich, gute Gründe für sie zu formulieren. – Wahrheit kommt so als das Richtige, das sich rechtfertigen lässt, zumindest im Fluchtpunkt des potenziell unendlichen Austauschs von Meinungen zwar wieder ins Spiel. Das aber heisst keineswegs, dass die öffentliche Diskussion zu dem «moralischen» Bürgerkrieg werden muss, als den Koselleck sie dann doch verzeichnet hat.

Für die Tugend der recht verstandenen Kritik plädierte, ohne es so zu nennen, auch der Historiker Caspar Hirschi (St. Gallen). Zumindest nahm in seinen Analysen zur Herkunft des Begriffs der «Kritik» aus der Philologie eine kritische Tätigkeit beinahe idealtypische Konturen an, die sich als Bestandteil einer «vertextlichten» politischen Praxis verstehen lasse – einer Praxis, die wesentlich durch das Medium des Textes (durch Gerichts- und Verwaltungsakten ebenso wie durch Zeitungen und Zeitschriften) vermittelt sei. Das an historischen Beispielen gewonnene Modell einer solchermassen eingebetteten Kritik kontrastierte Hirschi mit der «konservativen» Vorstellung Kosellecks, nach der Politik, weil Moral ihr äusserlich sei, durch Moral «gefesselt» werde. Er hob es nicht weniger gegen das «progressistische» Pendant ab, gegen eine Auffassung, die darauf setze, dass Mahnrufe und Proteste – wiederum von aussen – in die Politik unmittelbar hineinwirkten.

«Es liegt im Wesen einer Krise, dass eine Entscheidung fällig ist, aber noch nicht gefallen. Und ebenso gehört es zur Krise, dass offenbleibt, welche Entscheidung fällt.» So heisst es in Kosellecks 1959 erstmals publiziertem Buch zu Beginn des letzten Kapitels. – Was aber, wenn eine Krise gar keine Entscheidung heraufführt? Was, wenn der Ausnahmezustand, wie in jüngerer Zeit – angesichts der Staatsschulden-, der Finanzmarkt- und der Klimakrise sowie anderer Phänomene – öfter gesagt wird, zur Normalität geworden ist? Wie lässt sich, was eine Krise ist, dann beschreiben; wie lässt sich eine Krise begreifen, «die nicht mit einer Entscheidung schwanger geht»? Diese Frage stellte Gunnar Hindrichs (Basel) – und beantwortete sie subtil und mit Hegels Hilfe.

Theorie und Rhetorik

Mit ein, zwei gröberen Körnchen Salz lautete die Antwort: Man muss nur die Gesellschaft beschreiben, in der wir leben, die bürgerliche Gesellschaft und ihr marktgesteuertes «System der Bedürfnisse». Diese Gesellschaft nämlich sei letztlich nichts anderes als eine einzige grosse «Krise ohne Entscheidung». Hegel sah die Spannungen und Widersprüche der krisenhaften Sphäre indes in einem «sittlichen Staat» ihren Ausgleich finden. Marx und Engels, deren «Kommunistisches Manifest» Hindrichs als Parallellektüre zu Wort kommen liess, visierten dagegen, wie man weiss, eine widerspruchsfreie, eine klassenlose Gesellschaft an. Das sind beides, folgt man Hindrichs, nur «Platzhalter» einer ersehnten – aber unmöglichen – Entscheidung der Krise. Den Platz für eine ganz andere Entscheidung schien die Schlussbemerkung freihalten zu wollen, in der die Posaune des Jüngsten Gerichts (nämlich ein Zitat aus der Offenbarung des Johannes) zu vernehmen war. Die Verhältnisse, so Hindrichs, spielten sich heute die Melodie, die sie zum Tanzen bringe, selbst vor: «Wer Ohren hat, der höre!»

Krisenrhetorik, so der Ideenhistoriker Harald Bluhm (Halle) mit Blick namentlich auf Karl Marx, Joseph Schumpeter, Leo Strauss und Hannah Arendt, sei eine unvermeidliche Begleiterin jeder Krisentheorie. Und noch kaum eine solche Theorie verzichte auf den dramatisierenden Erzählrahmen, den der Dualismus von «normal» und «pathologisch» aufzuspannen erlaube. Dieter Thomä (St. Gallen) sprach zum Auftakt des Symposions von der Spannung, die dem Verhältnis von Kritik und Krise innewohne. Krisen forderten zur Aktion, zur Entscheidung heraus, Kritik aber trete einen Schritt zurück. In diesem Zwiespalt bewege sich die Philosophie. Der Zwiespalt von Reflexion und Aktion, so darf man vielleicht anfügen, ist die Normalität der Philosophie – die Normalität einer permanenten Krise.

*) KrV, A XX Anm.

Dienstag, 10. Juni 2014

Der Kampf war der Vater des Menschen.

aus Die Presse, Wien, 10.06.2014 | 18:36 |                                                                                          dante-saw

Anthropologie:
Prügelten die Männer die Menschheit empor? 
Die massigen Gesichter unserer ganz frühen Ahnen wurden in einem Rüstungswettlauf entwickelt, vermutet ein US-Biologe: Erst kam die Faust zum Zuschlagen, dann wurde das bevorzugte Ziel verstärkt, das Gesicht.

Von Jürgen Langenbach

Waren die ersten Menschen friedliche und freundliche Gesellen, geistig nicht allzu rege allerdings auch, und wurden sie einander erst durch die Ursünde des Privateigentums zu Wölfen? Oder waren sie das von Anfang an und konnten nur unter der starken Hand einer zentralen Autorität halbwegs miteinander auskommen? Diese Differenz markierten Rousseau und Hobbes, sie war natürlich vor ihnen schon da und blieb es bis heute, Autokraten und Kolonialisten bedienten sich bei Hobbes, Egalitäre suchten Gegenmodelle zu den eigenen Gesellschaften bei edlen Wilden, die letzte große Runde lief Mitte des 20.Jahrhunderts, als Margarete Mead das Paradies in der Südsee sichtete, mit freier Sexualität obendrein etwa in Samoa. Mead war Ethnologin, aus der Zunft kam heftiger Widerspruch, die Erforschung fremder Völker ist anfällig für Projektionen.
 

Aber wie soll man sonst unsere Ursprünge erkunden, wenn nicht an denen, die noch näher an ihnen leben? Soll man etwa in den paar Knochen lesen, die sich erhalten haben seit den fünf, sechs Millionen Jahren, vor denen sich unsere Ahnen von denen der Schimpansen getrennt haben?

Wir, die „aggressiven Affen“

Ja, exakt dort soll man hinschauen, antwortet seit geraumer Zeit David Carrier, der Biologe ist (an der University of Utah) und sich auch als „Friedensforscher“ versteht. In seinen Augen sind die Menschen die „aggressiven Affen“ – mehr noch: die „gewalttätigsten Wirbeltiere auf unserem Planeten“ –, und sie sind es nicht erst heute, sie waren es von Beginn an: Die Menschheit hat sich hinaufgeprügelt bzw. ihr männlicher Teil* hat es getan.

Auf die Idee kam Carrier 2007, als ihm auffiel, dass die ersten, die aufrecht gehen konnten – die Australopithecinen –, relativ kurze Beine hatten und lange Arme. Diese Ahnen lebten vor etwa 4,2 Millionen Jahren, partiell noch auf den Bäumen, zeitweise stiegen sie herab und gingen herum, aber gut gehen konnten sie wohl nicht, die Beine waren einfach zu kurz. Dafür lag der Schwerpunkt des ganzen Körpers tief, und darin sah Carrier den Schlüssel für den Bauplan: Die Männer hätten miteinander gekämpft – um Frauen und Reviere –, und sie hätten es mit den Armen getan, zugeschlagen. Und wer getroffen war, konnte es um so besser auspendeln, je tiefer sein Schwerpunkt lag.




Dann ging es bei Carrier Schlag auf Schlag, zunächst führte er auch die Erfindung des aufrechten Gangs selbst auf die ewige Aggression zurück: Viele Tiere erheben sich zum Kämpfen bzw. Drohen auf zwei Beine, Katzen, Hunde, Bären, auch Menschenaffen tun es. Aber nur einer blieb auf Dauer aufrecht, weil er so oft kämpfte, und weil Schläge von oben nach unten viel kraftvoller ausfallen als in Gegenrichtung, Carrier hat das experimentell an Boxern gemessen.

Fäuste ballen können nur wir

Zugeschlagen wurde natürlich mit der Faust, aber diese selbst war alles andere als natürlich: Nur wir können die Hände so ballen, Menschenaffen können es nicht, das war Carriers nächster Streich. Und nun hat er sich endlich auch den Körperteil angesehen, auf den (heute) am häufigsten eingedroschen wird, das Gesicht. Dort sitzen 83 Prozent aller bei Schlägereien gebrochenen Knochen, und unter ihnen wieder rangieren ganz oben der Unterkiefer, die Nase, die Augenhöhle. 


Paranthropus boisei

Ausgerechnet dorthin packten die frühen Menschen die meisten Knochen und Muskeln. Das erklärt man für gewöhnlich mit der Ernährung: Die Australopithecinen hätten umgestellt von Früchten auf Nüsse, und einer ihrer Verwandten – Paranthropus bosei – hatte solche Kieferpakete, dass man ihn auch „Nussknacker“ nannte. Aber in den letzten Jahren zeigten Isotopenanalysen seiner Knochen, dass er überhaupt keine Nüsse verzehrte, sondern Gras und Rinde, die brauchen auch starke Kiefer, aber keine so starken.

Ein ähnliches Bild zeigen die Australopithecinen selbst: Ihr Kauaparat war viel stärker als zum Kauen erforderlich (und als Waffen haben sie ihre Zähne wohl so wenig benutzt, wie wir das tun). Carrier fasst all das zur Hypothese von der „schützenden Verstärkung des menschlichen Gesichts“ zusammen, die erhebt keinen Alleinerklärungsanspruch für die Gesichter der frühen Menschen, aber sie hat ein schwerwiegendes Indiz auf ihrer Seite, das des Sexualdimorphismus: Männer und Frauen sind anders gebaut, früher war die Differenz noch viel größer, und die Männer waren im Gesicht dort viel stärker gerüstet, wo die Schläge hinhagelten und die Energie abgeführt werden musste, an den Augen, an der Nase, am Kiefer, vor allem an dem. Gegessen hingegen haben Männer und Frauen wohl das Gleiche (Biol. Rev. 9.6.).

Abstract
Biological Reviews: Protective buttressing of the hominin face

*Nota.

Darum sagt man heute noch der Mensch und nicht das Mensch.
JE 



 

Samstag, 7. Juni 2014

Mangel im Ersten Weltkrieg verschärfte die soziale Ungleichheit



Mangel im Ersten Weltkrieg verschärfte die soziale Ungleichheit

Dr. Ulrich Marsch  
Corporate Communications Center
Technische Universität München 

20.05.2014 11:23 

Im Ersten Weltkrieg brach die deutsche Landwirtschaft weitgehend zusammen. Trotz Rationierung reichten die Lebensmittel nicht aus, viele Menschen litten Hunger. Bessergestellte Familien hatten den Vorteil, sich zusätzlich teure Nahrungsmittel auf dem Schwarzmarkt leisten zu können. Die ungleiche Versorgung wirkte sich auf den Ernährungs- und Gesundheitszustand aus, der sich am Wachstum der Kinder ablesen lässt. Ein Wissenschaftler der Technischen Universität München (TUM) hat gezeigt, dass im Krieg geborene Männer aus der Oberschicht deutlich größer waren als ihre Altersgenossen aus ärmeren Verhältnissen.

Das frühe 20. Jahrhundert stand im Zeichen eines Wirtschaftsbooms. Deutschland profitierte von der Industrialisierung, immer mehr Menschen fanden Arbeit in den Städten, das pro-Kopf-Einkommen stieg. Die Agrarproduktion konnte mit dieser Entwicklung allerdings nicht Schritt halten: Um den Lebensmittelbedarf der Bevölkerung zu decken, war das Deutsche Reich auf Importe angewiesen.

Beim Ausbruch des Ersten Weltkriegs kam es schnell zu Versorgungsengpässen. 40 Prozent der Männer waren eingezogen, so dass im Agrarsektor viele Arbeitskräfte fehlten. Zudem verschärfte die Blockade durch die Allierten die Lage: Vor 1914 hatte Deutschland ein Drittel seiner Nahrungsmittel und die Hälfte seines Tierfutters aus dem Ausland bezogen.

Hungerkrise: Ursache für geringeres Körperwachstum

Um die Ernährung der Bevölkerung sicherzustellen, rationierten die Behörden ab 1916 die Lebensmittel und legten Höchstpreise fest. Trotzdem herrschte Hunger, wie Dr. Matthias Blum vom TUM-Lehrstuhl für Agrar- und Ernährungswirtschaft ausführt: „Von 1914 bis 1917 sank das durchschnittliche Körpergewicht der Bevölkerung von 60 auf 49 Kilogramm. In diesen Jahren fiel die Getreideproduktion um circa die Hälfte, die Fleischproduktion kam fast völlig zum Erliegen.“

Besonders dramatisch entwickelte sich die Lage 1916 und 1917, als Erwachsene im Schnitt mit 1.000 Kilokalorien pro Tag auskommen mussten. Das entspricht etwa 50 bis 60 Prozent des täglichen Energiebedarfs. Bei den in den Kriegsjahren geborenen Kindern wirkte sich die Mangelernährung auf das Wachstum aus.

Wie Blum feststellte, gab es dabei deutliche Abweichungen zwischen den Bevölkerungsgruppen: Bei den späteren Erwachsenen der Ober-, Mittel- und Unterschicht betrugen die Größenunterschiede jeweils etwa 1,7 Zentimeter. „Unterschiede gab es bereits vor dem Krieg – doch verstärkten sie sich in den Kriegsjahren", führt Blum aus.

Schwarzmarkt setzt sich durch

Als Grund nennt Blum den ungleichen Zugang zu Lebensmitteln. „Trotz Brotkarten und Fleischzuteilung reichten die Lebensmittel nicht aus. Die Preisbindung hebelte außerdem die damals vorhandenen Produktionsanreize für Landwirte aus. In der Folge wurden etwa ein Drittel bis die Hälfte aller Nahrungsmittel illegal auf dem Schwarzmarkt vertrieben – diese konnten sich nur Familien mit hohem Einkommen leisten.“ Damit verfehlte die Regierung ihr Ziel: Die Belastungen durch den Krieg gerecht auf alle Bevölkerungsschichten zu verteilen.

Die Hungerkrise im Ersten Weltkrieg lag offenbar auch an ungünstigen Entscheidungen: Um Kartoffeln als Lebensmittel zu sichern, ordnete die Regierung die millionenfache Schlachtung von Schweinen an. „Dies trieb den Fleischpreis in die Höhe, was nicht nur Bauern, sondern auch Städter dazu veranlasste, illegal Schweine zu halten und sie mit einem weiteren Grundnahrungsmittel – Getreide – zu füttern“, erklärt Blum. Um die hohen Fleischpreise zu zügeln, wurde die Schweinezucht schließlich wieder gefördert.

Für seine Studie wertete Blum Daten von fast 5.000 Soldaten aus dem Zweiten Weltkrieg aus: Für seinen Angriffskrieg mobilisierte das Dritte Reich einen Großteil der jungen Männer und erfasste Informationen zu allen Rekruten: darunter den Wohnort, den Beruf des Vaters, den Gesundheitszustand und die Körpergröße.

Das Pro-Kopf-Einkommen wirkt sich auf den Ernährungs- und Gesundheitszustand von Kindern aus. Die Grafik zeigt die Körpergröße von im Ersten Weltkrieg geborenen junger Männern; die Daten stammen aus Rekrutenregistern im Zweiten Weltkrieg. (Diagramm: M. Blum/TUM)

Im Ersten Weltkrieg sank die Produktion von Grundnahrungsmitteln auf etwa die Hälfte des Vorkriegswerts. (Diagramm: M. Blum/TUM)

Im Vergleich zu den Vorkriegsjahren 1913/1914 kam die Fleischproduktion im Krieg fast vollständig zum Erliegen. Das Diagramm zeigt die Anzahl von Schlachtungen in Dortmund. (Diagramm: M. Blum/TUM)

Bildmaterial: http://mediatum.ub.tum.de/?cfold=1214505&dir=1214505&id=1214505#1214505

Publikation:
War, food rationing, and socioeconomic inequality in Germany during the First World War, Matthias Blum, The Economic History Review, DOI: 10.1111/j.1468-0289.2012.00681.x

Kontakt:
Dr. Matthias Blum
Technische Universität München
Lehrstuhl für Agrar- und Ernährungswirtschaft
Tel: +49 8161 71-2773
matthias.blum@tum.de
http://aew.wzw.tum.de

Weitere Informationen: http://www.tum.de/die-tum/aktuelles/pressemitteilungen/kurz/article/31518/

Freitag, 6. Juni 2014

Die Balkankriege 1912 und 1913.

Bulgarische Artillerie im Balkankrieg, 1913 

Balkankriege 1912 und 1913  
Grausame Ouvertüre des Ersten Weltkriegs
 
In den beiden Balkankriegen 1912 und 1913 zeigte sich die monströse Wirkung moderner Waffen, dem Kriegswillen tat dies keinen Abbruch. Die Feindschaften auf dem Balkan, die vor dem Ersten Weltkrieg entstanden, reichen bis in die jüngste Zeit. Der Keim für die Balkankriege wurde 1878 in Berlin gepflanzt. Auf dem Berliner Kongress moderierte der deutsche Reichskanzler Otto von Bismarck die Neuordnung des Balkan (hier mehr dazu). Das morsche Osmanische Reich hatte zuvor den Krieg gegen Russland verloren, das auf einen Zugang zum Mittelmeer drängte. Unter Bismarcks Regie durfte auch Österreich-Ungarn seine Interessenssphäre vergrößern.

Bosnien-Herzegowina sollte völkerrechtlich weiter zum Osmanischen Reich gehören, aber die austriakische Doppelmonarchie verwaltete künftig die Region. Es war - auf lange Sicht - eine schlechte Lösung des "ehrlichen Maklers" Bismarck. Denn das Konstrukt sicherte die Stabilität nur drei Jahrzehnte.

Am 4. Oktober 1908 brach Österreichs Kaiser Franz Joseph I. eigenmächtig die Vereinbarung. Der greise Kaiser war nun 60 Jahre auf dem Thron und außerdem hatte er Namenstag. "Ich habe Mich bestimmt gefunden, die Rechte Meiner Souveränität auf Bosnien und die Herzegowina zu erstrecken", verfügte Franz Joseph und schenkte sich damit die Provinz.

Die Annexion löste keine Empörung aus, aber sie legte die Machtlosigkeit des Osmanischen Reichs offen - und weckte nationalistische Gefühle auf dem Balkan und den Territorial-Hunger Russlands. Der Zar verstand sich und sein Land als "Protektor aller Slawen", wie der Historiker Volker Berghahn schreibt. 1912 gründeten unter russischer Schirmherrschaft die Staaten Bulgarien, Serbien, Montenegro und Griechenland die "Balkanliga".
Russland glaubte, die kleineren Länder kontrollieren zu können, doch die agierten immer eigenmächtiger. Sie marschierten gegen die osmanischen Truppen - der Erste Balkankrieg begann. Konstantinopel verlor in der Folge fast alle seine europäischen Besitzungen.

Das brutal geführte Gemetzel wurde im Mai 1913 beendet - im fernen London. In der britischen Hauptstadt versuchten die europäischen Großmächte noch einmal, auf diplomatischem Wege die Lage auf dem Balkan zu stabilisieren. Großbritannien war interessiert, die Machtbalance auf dem Kontinent zu halten.

Österreich pochte auf Eindämmung von Belgrads Einfluss. So wurde der Staat Albanien auch deshalb gegründet, damit Serbien keinen Zugang zum Mittelmeer erhält - ganz im Sinne Österreich-Ungarns. Albanien wurde unabhängig, wenngleich große Teile seines Staatsgebietes sofort von Serben, Griechen und Montenegrinern besetzt wurden.

Testfeld für Kanonen und Maschinengewehre

Wenig später, im Juni 1913, kam es zum nächsten Krieg. Diesmal bekämpften sich die zuvor verbündeten Länder Bulgarien sowie Serbien und Griechenland wegen konkurrierender Territorialansprüche. Bald schalteten sich auch Rumänen und Osmanen mit ein. Am Ende verlor Bulgarien seine Gebietsgewinne aus dem Ersten Balkankrieg.

Während der Kämpfe kamen moderne Waffen zum Einsatz, die aus der französischen Waffenschmiede Schneider-Creusot und aus den deutschen Krupp-Werken stammten. So wurde der Balkan zum grausamen Testfeld für Kanonen und Maschinengewehre, die im Ersten Weltkrieg Europa in ein Menschenschlachthaus verwandeln sollten.
 
Ebenfalls fatal: In Paris und Berlin glaubte man nach den Balkankriegen, waffentechnisch auf dem höchsten Stand zu sein - und damit in einer besonders günstigen Ausgangsposition bei einem großen militärischen Konflikt.
 
Diese beiden lokalen Kriege zeigten die Konfliktlinien des späteren Weltkrieges: Bulgarien und die Osmanen kämpften auf der Seite der Mittelmächte Deutschland und Österreich-Ungarn, weil sie glaubten, ihre Terretorien rückerobern zu können. Serbien, Griechenland und Rumänien kämpften aus dem selben Kalkül gemeinsam mit Frankreich, Russland und Großbritannien. 
 
Das zaristische Russland sah in den Serben Brüder, die ebenso dem christlich-orthodoxen Glauben anhängen. Die Partnerschaft von damals hat das Jahrhundert überdauert und zeigt sich immer wieder bei Krisen wie etwa während des Kosovo-Krieges 1999 oder der aktuellen Ukraine-Krise.Vor 100 Jahren ging es Russland vor allem darum, den eigenen Einfluss auf dem Balkan auszudehnen - ein Ziel, das auch die Habsburger Monarchie verfolgte. "Das intensivierte Engagement in Serbien verpflichtete Russland zu einem direkten Konfrontationskurs gegen Österreich-Ungarn", sagt der Historiker Christopher Clark und hebt den Zusammenhang zwischen den Balkankriegen und dem Ersten Weltkrieg hervor: "Es wuchs die Entschlossenheit Österreichs, den serbischen Gebietsansprüchen Einhalt zu gebieten".
 
Ähnlich wie auch in anderen Staaten wie Deutschland oder Österreich-Ungarn hatte im serbischen Königreich die Armee großen Einfluss auf den Kurs des Landes. "Die Siege Serbiens in den Balkankriegen haben die militärischen Strukturen im Land auf Kosten der Politik gestärkt", sagt Husnija Kamberovic, der als Professor am Institut für Geschichte in Sarajevo die Auswirkungen der Balkankriege erforscht. "Allmählich setzte sich in Belgrad die Auffassung durch, dass man seine Grenzen gewaltsam durch Kriege vorschieben könne". 
 
Die Waffengänge auf der Balkanhalbinsel führten auch zu einer verstärkten inneren Gefährdung der Habsburger Monarchie. Durch seine Siege stieg Serbien in der Gunst seiner slowenischen und kroatischen "Verwandten".
 
Das Pulverfass Balkan explodierte  

Die gebildeten Bevölkerungsteile strebten zum Teil mehr Mitspracherechte der Slawen in Österreich-Ungarn an, um den bisherigen Dualismus von Österreichern und Ungarn durch den sogenannten Trialismus zu ersetzen. Das Habsburger-Reich fühlte sich schwach und suchte einen Befreiungsschlag. "Daher wuchs seit 1913 in Wien die Überzeugung, dass eine Abrechnung mit Belgrad unvermeidbar sei", sagt Kamberovic.
 

In den Balkankriegen stand Mazedonien im Mittelpunkt, das von Griechenland, Serbien und Bulgarien gleichermaßen beansprucht wurde - ein Konflikt, der die Weltkriege überdauert hat. Die nationalen, geschichtlichen und politischen Streitigkeiten des heute selbstständigen mazedonischen Staates mit seinen Nachbarn halten bis heute an. Die schweren Kriegsverbrechen serbischer Einheiten 1912/13 vor allem an Albanern schürten den Hass. Es kam zu Gräueln an Zivilisten, ethnischen Säuberungen wurden durchgeführt. Hunderttausende Muslime flohen in der Folge nach Kleinasien.

Mehr als 350 000Soldaten waren in dem Krieg umgekommen, der sowohl mit Lanzen als auch mit modernen Waffen wie Maschinengewehren geführt worden war. Zeitungen im übrigen Europa druckten Fotos von Leichenbergen und berichteten von Massakern - doch die abschreckende Wirkung blieb aus.

Friedenssichernde Lehren wurden in den europäischen Hauptstädten nicht aus den Balkankriegen gezogen - schon gar nicht in Berlin. Dort herrschte Kaiser Wilhelm II. und umgab sich mit Ja-Sagern und Militaristen. Der Monarch frohlockte über den Ausbruch des Ersten Balkankrieges und hätte dann am liebsten selbst an der Seite Österreich-Ungarn eingegriffen. Die Sache müsse "mit Blut und Eisen gelöst werden", schwadronierte er am 4. Oktober 1912. "Aber in einer für uns günstigen Periode! Das ist jetzt". Ein paar Wochen später schrieb Wilhelm: "Das kann der Europ(äische) Krieg werden und für uns event(uel)l ein Existenzkampf mit 3 Großmächten."  

Der Thronfolger wollte keinen Krieg - seine Ermordung löste ihn aus
 

Wilhelm ließ in London vorfühlen, ob sich Großbritannien neutral verhalten würde, falls sich Deutschland mit Frankreich und Russland im Krieg befände. Londons Antwort war klar: Nein, man würde eine Veränderung des Mächtegleichgewichts nicht hinnehmen. Auch Wien war nicht gewillt, in den Krieg zu ziehen. Das Militär drängte zwar auf einen Schlag gegen Serbien, doch der alte Kaiser wollte nicht. Und vor allem sein Thronfolger Franz Ferdinand stemmte sich deutlich gegen einen solchen Waffengang, weil ihm auch klar war, dass die Region zu einem Pulverfass geworden war.

Der Rest der Geschichte ist bekannt: Franz Ferdinand und seine Frau Sophie reisten in das acht Jahre zuvor vom Kaiser einverleibte Bosnien-Herzegowina. Am 28. Juni 1914 fuhren sie im offenen Wagen durch die Straßen der Haupstadt Sarajevo und wurden von einem jungen serbischen Nationalisten erschossen - ein Doppelmord, der den Kriegstreibern in Europas Hauptstädten gelegen kam. Das Pulverfass Balkan explodierte. Der Erste Weltkrieg brach aus.

An seinem Ende wurde die Idee Realität, alle Südslawen in einem einzigen Staat zu vereinigen. Das neu geschaffene Königreich Jugoslawien wurde von Hitler-Deutschland im Zweiten Weltkrieg besetzt. Nach 1945 entstand es neu als sozialistischer Staat, der in den vergangenen zwei Jahrzehnten mitunter in blutigen Kriegen in sieben Nachfolgestaaten zerfallen ist. 

Inzwischen spricht in Belgrad, Split und Ljubljana niemand mehr von der Anfang des letzten Jahrhunderts blühenden Idee von "Brüderlichkeit" und "natürlicher Verwandtschaft" der Serben und Kroaten, Slowenen und anderen Bevölkerungsgruppen des Balkan. 100 Jahre nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges ist der Traum von einem südslawischen Staat vorbei. Die in den Balkankriegen entstandene Feindschaft zwischen den Ethnien hat die Zeiten überdauert. 

 
 
Nota.
 
Ziehen Sie die Polemik gegen Wilhelm II. und 'seine Kriegstreiber' ab: Friedensfreunde waren sie damals auf keiner Seite, aber Wilhelm war mehr ein Großmaul als ein Mann der Tat. "Der Thronfolger wollte keinen Krieg" - aber gewiss nicht aus Philanthropie. Er wäre - und ist - seinen imperialistischen Zukunftsplänen in die Quere gekommen, für die es nur dynastische Argumente gab, aber nicht ein historisches.
JE
 
 

Mittwoch, 4. Juni 2014

Die Ordnung der Zeit.

Dalí
aus nzz.ch, 4. Juni 2014, 05:30

Aleida Assmann über «Aufstieg und Fall des Zeitregimes der Moderne»
Geschichten und Geschichte
Lea Haller ⋅ Von nicht weniger als einer «Kontinentalverschiebung» in unserer Zeitordnung handelt dieses Buch. In den 1980er Jahren sei, so die Literatur- und Kulturwissenschafterin Aleida Assmann, die moderne Trennung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft in eine Krise geraten: In Bewegung kam vor allem die Vergangenheit. Statt ein von der Gegenwart klar abgetrennter Raum zu sein, mit dem sich lediglich professionelle Historiker beschäftigen, bricht sie mit ökologischen Folgeschäden, traumatischen Erinnerungen und kollektiven Gedächtnis- und Wiedergutmachungsansprüchen über uns herein. Gleichzeitig ist uns die Zukunft als Ideal und Utopie abhandengekommen. Die natur- und gesellschaftsverträgliche Fortsetzung einer nachhaltigen Gegenwart ist das Maximum, was wir uns von ihr noch erhoffen.

Vielgestaltige Umbrüche

Wie ist es dazu gekommen? Wie konnte sich innerhalb kürzester Zeit eine klar strukturierte, lineare Zeitachse auflösen? Gründe gäbe es einige aufzuzählen: Umweltprobleme und Ölkrise machten die «Grenzen des Wachstums» bewusst. Randgruppen organisierten sich und forderten die bürgerliche Elite heraus, die das Modernisierungsprojekt vorangetrieben hatte. Und das Ende des Kalten Kriegs läutete in den westlichen Demokratien den Niedergang des Sozialvertrags zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern ein, mit dem man im Systemstreit den Kapitalismus als Fortschrittsideal legitimiert hatte. Dass diese vielgestaltigen Umbrüche auch mit einem neuen Zeitverständnis einhergingen, erscheint plausibel. Es sind allerdings nicht die Gründe für den Wandel, die Assmann interessieren, sondern das, was Philosophen, Soziologen, Historiker und literarische Zeitzeugen zu ihm sagen, wie sie ihn wahrnehmen und bewerten.

In mäandrierenden Schlaufen und ohne Angst vor Redundanz breitet die Autorin zunächst auf zwei Dritteln des Buches den Aufstieg des modernen Zeitregimes aus, wobei ihren Überlegungen vor allem Analysen Reinhart Kosellecks Pate standen: Etwa um 1770 hat eine Verschiebung im Geschichtsbewusstsein stattgefunden – von den Geschichten zur Geschichte, vom Plural zum Kollektivsingular. Damit verlor die Geschichte den Charakter des Exemplarischen; die Vergangenheit wurde in eine universale Zeitachse eingefügt. Kulturen konnten nun miteinander verglichen und als mehr oder weniger fortschrittlich auf dem Zeitpfeil aufgereiht werden. Gleichzeitig – und verstärkt durch die Industrialisierung – wurde der zuvor offene Zukunftshorizont zum designierten Entwicklungsziel. Durch permanente Selbsterneuerung sagte sich die moderne Gesellschaft von der Vergangenheit los – beziehungsweise sie überliess sie der Bewertung der Historiker, die sich Anfang des 19. Jahrhunderts als Vergangenheitsspezialisten professionalisierten.

Dieser Doppelimpuls von Zerstören und Bewahren – also die zukunftssichere Vergangenheitsentsorgung und die gleichzeitige Überhöhung des Historischen im Monumentalen – wurde bereits im 19. Jahrhundert kritisiert. Friedrich Nietzsche beispielsweise hielt nichts von der These, dass die Weltgeschichte einen Sinn habe und ihr kontinuierlicher Fortschritt durch Vorher-Nachher-Vergleiche belegt werden könne: «Die Weltgeschichte ist kein einheitlicher Prozess. Das Ziel derselben ist fortwährend erreicht», schrieb er 1874. Die wachsende Kritik am bürgerlichen Weltverbesserungsoptimismus verhinderte allerdings nicht, dass das Modernisierungskonzept auch nach zwei Weltkriegen nochmals handlungsleitend wurde – mit dem Unterschied, dass man sich nun nicht mehr von den unzivilisierten Barbaren abgrenzte, sondern vom kommunistischen Ostblock.

Mit dem Ende des Kalten Kriegs, mit dem zunehmenden Bewusstsein für die Opfer und Verlierer der technokratischen Moderne und mit dem Aufkommen digitaler Informationssysteme, so Assmann, wurden in den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts sowohl Vergangenheit als auch Zukunft neu «verhandelbar». Vergangenheitsbewältigung lässt sich nicht mehr auf Hochschulen beschränken, sie ist eine politische und gesellschaftliche Aufgabe. Zukunft wird heute nicht mehr geplant, sondern datenbankgestützt modelliert – Katastrophen lassen sich in Szenarien antizipieren, die Auswirkungen von Finanzkrisen hochrechnen, und für Straftäter werden per Software forensische «Legalprognosen» erstellt.

Auf diese neuen Vergangenheitsdiskurse und Zukunftstechnologien geht Assmann allerdings nicht näher ein. Stattdessen lässt sie Kulturpessimisten zu Wort kommen, die den vermeintlich klar geordneten Zeitverhältnissen der Moderne nachtrauern. Hans-Ulrich Gumbrecht diagnostizierte eine Krise des Vergessens infolge der enormen Speicherkraft elektronischer Medien – uns sei die Fähigkeit zur Auswahl abhandengekommen. François Hartog beklagt den Niedergang der professionellen Geschichtswissenschaft durch die «Heritage-Industrie» – man habe das Monument durch das Memorial ersetzt und Geschichte damit zum Gegenstand partikularer Interessen gemacht.

Die gute Nachricht

Die gute Nachricht und Aleida Assmanns Hauptaussage ist: Der «Fall des Zeitregimes der Moderne» ist nicht bedauernswert, sondern eine Erlösung. Was die Moderne fein säuberlich getrennt hat, um Ordnung in der Welt zu schaffen, wird heute wieder «organischer» miteinander verbunden: Erinnern und Vergessen, Verstehen und Tradieren, Sinnstiftung und Gestaltung. Der von Jan und Aleida Assmann bereits in den frühen 1990er Jahren geprägte Begriff des «kulturellen Gedächtnisses» betont die Verschränkung der Zeitstufen: Die Vergangenheit ist nie endgültig vergangen und somit nicht objektivierbar.

Das Ende des Trennungsprinzips ist also kein Skandal, sondern ein Stück zurückgewonnene Normalität. Wir haben uns von einem hegemonialen Zugriff auf «die Geschichte» im Singular verabschiedet und lassen wieder vielfältige Entwicklungen und Deutungen zu – «Geschichten» im Plural. Die feinere Mechanik dieser Neuordnung, die Gründe für den Wandel und eine Interpretation seiner konkreten Auswirkungen rückt das Buch leider nicht in den Blick.

Aleida Assmann: Ist die Zeit aus den Fugen? Aufstieg und Fall des Zeitregimes der Moderne. Hanser, München 2013. 334 S., Fr. 31.90.