Sonntag, 27. Januar 2019

Nennt ihr das Politische Ökonomie?


Warum Ökonomen immer wieder daneben liegen
Ob es ums Wirtschaftswachstum geht oder um die Folgen des Brexits: Die Prognosen der Ökonomen sind oft ungenau. Dafür gibt es eine Erklärung. 

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Timo Wollmershäuser hat einen nahezu unmöglichen Job. Er soll den Deutschen die Zukunft vorhersagen. Dabei ist er kein Hellseher. Wollmershäuser ist Ökonom. Genauer gesagt Konjunkturchef am Münchner Ifo-Institut. Vier Mal im Jahr suchen er und seine Kollegen eine Antwort auf diese eine Frage: Wie geht es mit der deutschen Wirtschaft weiter? Heraus kommt dabei eine Zahl wie diese: 1,1 Prozent. So gering fällt nach Berechnungen des Ifo-Instituts das Wirtschaftswachstum in diesem Jahr aus.

Für Unternehmer und Politiker, selbst für Lobbyisten, ist diese Zahl wichtig. Firmen etwa hilft sie abzuschätzen, wie viele Mitarbeiter sie brauchen. Für den Wirtschaftsminister kann die Zahl ein Signal sein, sich Gedanken über ein Konjunkturprogramm zu machen. Verbände wiederum nutzen die Zahl, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Selbst Verbrauchern gibt die Zahl Orientierung: Wächst die Wirtschaft, machen sie sich weniger Sorgen um ihren Job und geben mehr Geld aus.

Wenn Ökonomen irren

Nur was passiert, wenn Wollmershäuser und seine Kollegen mit ihrer Prognose daneben liegen? Wenn ihre Vorhersage eben nicht eintritt? So wie zuletzt. Mit einem Wachstum von 2,6 Prozent hatten sie vor gut einem Jahr für 2018 gerechnet. Tatsächlich waren es am Ende aber nur 1,5 Prozent. Wie das Ifo-Institut lagen auch die Experten der anderen Wirtschaftsforschungsinstitute daneben, vom Berliner DIW bis zum Kölner IW. Sie alle hatten mit einem Boom gerechnet – tatsächlich schrammte die Wirtschaft aber nur knapp an der Rezession vorbei.

Damit versagen die Ökonomen ausgerechnet jetzt, da der Wunsch nach Orientierung besonders groß ist. Der Brexit, Donald Trump, die neue China-Schwäche: All das verunsichert Unternehmer und Politiker – aber auch Ökonomen. Wollmershäuser sagt: „Wir sind eben keine Propheten.“

Der Job ist schwieriger geworden

Um zu verstehen, warum die Wirtschaft sich anders entwickelt, als die Forscher es vorhergesagt haben, muss man wissen, wie sie arbeiten. Wollmershäuser erklärt das so: „Wir beschreiben den Ist-Zustand der deutschen Wirtschaft und versuchen daraus Prognosen für die Zukunft abzuleiten.“ Die Ökonomen schauen sich also an: Wie hoch ist die Arbeitslosigkeit? Wie voll sind die Auftragsbücher der Firmen? Wie stark ist die Wirtschaft zuletzt gewachsen? Aus dem Bild, das so entsteht, ziehen sie Rückschlüsse auf die künftige Entwicklung.

Das hört sich einfach an, ist es aber nicht. „Der Job des Prognostikers ist schwieriger geworden“, sagt Ulrich Fritsche. „Die politischen Unwägbarkeiten haben stark zugenommen.“ Fritsche hat bis 2005 für das DIW Konjunkturprognosen erstellt – heute erforscht er an der Universität Hamburg, wie treffsicher die Prognosen der anderen Ökonomen sind. „Wie der Kurs einer Währung sich verändert, kann man auf Basis historischer Werte mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit vorhersagen“, sagt er. „Ob aber ein US-Präsident Strafzölle einführt oder welche Folgen der harte Brexit hat, dazu gibt es keine Erfahrungswerte aus der Vergangenheit.“

Die Folgen des Brexits sind schwer vorherzusagen

Deshalb gehen auch die Schätzungen darüber so weit auseinander, was passieren würde, wenn es tatsächlich zum harten Brexit kommen sollte. Die OECD zum Beispiel rechnet in diesem Fall für Großbritannien bis 2020 mit 3,3 Prozent weniger Wirtschaftswachstum, während die britische Regierung ein Minus von bis zu elf Prozent prognostiziert. Für 2030 wiederum sagt die Beratungsfirma PwC einen Rückgang von 3,5 Prozent voraus, während der Internationale Währungsfonds (IWF) von einem Minus von acht Prozent ausgeht. Mit anderen Worten: Nichts genaues weiß man.

Fritsche wundert dieses Durcheinander bei den Brexitprognosen nicht. Schließlich muss man dafür Annahmen treffen: Welche Zölle fallen an der Grenze an? Wie schlimm wird der Lkw-Stau in Dover? Dürfen EU-Bürger weiterhin zum Arbeiten auf die Insel ziehen? Wie viele Firmen werden ihren britischen Produktionsstandort verkleinern oder in die EU verlagern? Je nachdem, wie man diese Fragen beantwortet, kommt eine andere Zahl heraus. So sucht sich jeder Verband, jede Partei die Einschätzung heraus, die am ehesten zu ihrer Argumentation passt.

Nur ein halbes Jahr im Voraus ist die Prognose verlässlich

Dabei ist es ohnehin schwer, so weit in die Zukunft zu schauen. „Einigermaßen verlässlich vorhersagen kann man die wirtschaftliche Entwicklung lediglich etwa ein halbes Jahr im Voraus“, sagt Jörg Döpke, Wirtschaftsforscher an der Hochschule Merseburg. Zusammen mit Fritsche hat er kürzlich Fragebögen an 200 deutsche Konjunkturforscher verschickt. Sie wollten von ihnen wissen, wie die Ökonomen selbst ihre Prognosefehler erklären. Über 45 Prozent nannten als Gründe unerwartete Ereignisse wie Naturkatastrophen und unerwartete politische Maßnahmen.

Das Team um Wollmershäuser berücksichtigt für die Ifo-Prognose zum Beispiel, was die Bundesregierung laut Koalitionsvertrag vor hat. Das heißt aber nicht, dass die Politik all das sofort umsetzt oder nicht in der Zwischenzeit etwas ganz anderes plant. Und auch die Unternehmen handeln längst nicht immer so wie erwartet. Im vergangenen Jahr waren es vor allem die deutschen Autobauer, die den Ökonomen einen Strich durch ihre Prognose gemacht haben. „Wer konnte schon ahnen, dass die Konzerne es nicht rechtzeitig schaffen, ihre Autos nach dem neuen Standard zu zertifizieren?“, fragt Wollmershäuser. Die Branche war im Sommer mit der Umstellung auf das neue Testverfahren WLTP nicht hinterher gekommen – mit der Folge, dass die Produktion einzelner Modelle zeitweise eingestellt werden musste. Weil der Autosektor für die deutsche Wirtschaft aber extrem wichtig ist, hat das das Wachstum gedrückt.

Unklar ist, wie sich die Nachfrage nach Autos entwickelt

Wie es nun weitergeht, ist zu einem gewissen Grad eine Glaubensfrage. So rechnet das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) damit, dass die Autobauer jetzt, da die Zertifizierung durch ist, wieder gute Geschäfte machen werden. Wollmershäuser vom Ifo-Institut dagegen vermutet, dass die Nachfrage nach deutschen Autos niedrig bleibt, weil der wichtige Markt China schwächelt. Auch deshalb fallen ihre Prognosen unterschiedlich aus. Statt der 1,1 Prozent Wachstum, die das Ifo-Institut vorhersagt, rechnen die Kieler mit 1,8 Prozent.

Am Ende kann es angesichts von Brexit und Trump aber ohnehin auch ganz anders kommen. Ökonomen müssen mit dieser Unsicherheit und der Schelte für verfehlte Prognosen leben. Der britische Ökonom John Maynard Keynes hatte damit kein Problem. Er soll gesagt haben: „Wenn die Tatsachen sich ändern, ändere ich meine Meinung. Was tun Sie, Sir?“


Nota. - Politische Ökonomie sagt schon niemand mehr, Nationalökonomie auch kaum. Heute heißt es Volks- wirtschaftslehre, schamhaft VWL abgekürzt, weil selbst das noch hochgestapelt klingt.

Die Politische Ökonomie war zu ihrer Zeit eine Wissenschaft vom Aufbau und den Entwicklungen der bürger- lichen Gesellschaft. Zunächst verherrlichte sie ganz unbefangen die wirtschaftlichen und politischen Errungen- schaften des Kapitalismus, doch die wurden schon bald vom Arbeiterelend in den Schatten gestellt, und je wissenschaftlicher sie blieb, umso kritischer wurde sie auch - allerdings in einer rasch schwindenden Minder- heit. Mit der Marx'schen Kritik war sie als Wissenschaft schließlich erledigt, sie überdauerte als reine Apolo- getik.

John Maynard Keynes formte sie gründlich um zu einer bloßen Wirtschaftspolitologie mit sozialdemokratischer Tendenz: die Ordnung stabilisieren durch Abmildern der Gegensätze; zuerst ausprobiert in Roosevelts New Deal - und in Hjalmar Schachts nationalsozialistischer Volks-Wirtschaft. Das ging gut, weil es der Vorbereitung auf den Wltkrieg diente. Und nachher diente es der Kompensation und Überkompensation seiner Verluste, und schließlich dem Wettbewerb der Systeme.

Der ist seit drei Jahrzehnten vorüber. Übrig bleibt seither VWL als Lesen im Kaffeegrund. 
JE

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