Montag, 28. Januar 2019

Ostler? Doch nicht wir!

Ein Grenzpfosten im thüringischen Geisa nahe Hessen. Im deutschen Westen herrschen bis heute viele Missverständnisse über die ostdeutschen Länder
aus welt.de, 27. 1. 2019

Allensbach-Umfrage
Ostdeutsche – unwillig, den Pluralismus zu ertragen



Ich dachte, wie übrigens drei Viertel der Westdeutschen, der Unterschied zwischen Ost und West spiele keine Rolle mehr. Doch nun das: In einer Umfrage zweifeln die Ostdeutschen mehrheitlich an der Demo- kratie.

Menschen haben offenbar manchmal die Neigung, sich selbst zu stigmatisieren. Wer sich zum Beispiel auf seltsamste Weise in Nase und Lippen piercen oder sich bis über die Augenbrauen tätowieren lässt, hat dazu natürlich in einer freien Gesellschaft jedes erdenkliche Recht. Ebenso dürfen aber die Ungepiercten, Untäto- wierten das unerfreulich oder abstoßend finden. Pluralismus braucht Toleranz, klar, aber das bedeutet nicht: Anspruch auf uneingeschränkte Zustimmung.


In einer aktuellen Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach haben sich nun – natürlich auf rein reprä- sentative Weise – die Ostdeutschen selbst stigmatisiert. Und zwar, indem sie nur zu 40 Prozent der Aussage zustimmen mochten, dass die Demokratie, wie wir sie in Deutschland haben, die beste Staatsform sei. Nur die Hälfte von ihnen hält die Meinungsfreiheit in unserem Land für wirksam geschützt.

Das heißt im Umkehrschluss: Etwa 60 Prozent der Ostdeutschen finden irgendeine andere Staatsform besser. Man wüsste wirklich wahnsinnig gern, welche das sein sollte. Der selbst erlebte, authentische DDR-Stasi-Staat ja wohl nicht ernsthaft. Irgendeine andere Art von Sozialismus? Die Räterepublik? Oder noch eine alternative Staatsform mit schönem, klarem Führungsprinzip?

Pluralismus ist schwer zu ertragen 

Und durch was, um Himmels willen, sieht die Hälfte dieser Mitbürgergruppe die Meinungsfreiheit bedroht? Jeder sagt in diesem Land von morgens bis abends seine Meinung, das ganze Internet besteht überwiegend aus Meinung, und praktisch niemand kommt dafür ins Gefängnis – es sei denn, er bedroht exzessiv und glaubwürdig seine Mitmenschen.

Aber dann geht es ja auch gar nicht mehr um Meinung, dann geht es um Straftatbestände. Aus der ostdeutschen Sorge um die Meinungsfreiheit spricht, meiner Meinung nach, die Unfähigkeit oder Unwilligkeit, den Plura- lismus zu ertragen: Wenn mir nicht 100 Prozent der anderen zustimmen, dann – wäh! – ist natürlich mein Grundrecht bedroht. 

Ich hätte wirklich gedacht, wir wären weiter. Ich dachte, wie übrigens drei Viertel der Westdeutschen, der Unterschied zwischen Ost und West spiele keine Rolle mehr. Und ja, ja, ja, mich nervt es auch, dass ich die „Tagesthemen“ gar nicht anzuschalten brauche, um zu wissen, dass die da für ein Tempolimit sind. Aber darüber darf man sich im Pluralismus eben streiten.

Mich erinnert die anscheinend massenhaft vorhandene ostdeutsche Haltung an eine alte Gedichtzeile des Sati- rikers Robert Gernhardt: „Meine Meinung – ja, die lässt sich hören!/ Deine Deinung könnte da nur stören.“ Aber Gernhardt hatte ja auch so einen wahnsinnig wessimäßigen Humor.

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