Dienstag, 13. Mai 2014

Was vom Realexistierenden übrigblieb.

Andreas Rentz/Getty Images

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Weniger Zusammenhalt in den ostdeutschen
Bundesländern
Ute Friedrich 
Pressestelle
Bertelsmann Stiftung  

12.05.2014 08:02

Studie: Bundesweit wächst der gesellschaftliche Zusammenhalt / 25 Jahre nach dem Mauerfall ist Abstand zwischen Ost und West jedoch größer denn je / Wirtschaftskraft, Wohlstand, Urbanität und Demographie entscheidende Faktoren / Akzeptanz von Vielfalt entwickelt sich ambivalent

Gütersloh, 12. Mai 2014. Die Deutschen halten heute besser zusammen als noch zu Beginn der 90er Jahre. Eine Studie der Bertelsmann Stiftung belegt, dass in Deutschland insgesamt der Gemeinsinn während der vergangenen zwei Jahrzehnte gewachsen ist. Hamburg nimmt im Gesamtindex eine deutliche Spitzenstellung ein. Neben den Stadtstaaten schneiden auch Baden-Württemberg, Bayern und das Saarland überdurchschnittlich gut ab. Schwerer tun sich die ostdeutschen Bundesländer: Zwar ist auch dort der Gemeinsinn heute stärker als direkt nach der Wende, allerdings ist der Abstand zu den westlichen Bundesländern 25 Jahre nach dem Mauerfall größer denn je.

Das "Radar Gesellschaftlicher Zusammenhalt" untersucht die sozialen Beziehungen zu anderen Menschen, die emotionale Verbundenheit mit dem Gemeinwesen und die Orientierung am Gemeinwohl anhand von 31 Indikatoren, die in neun Dimensionen zusammengeführt werden. In sieben Dimensionen belegen die ostdeutschen Bundesländer im Ländervergleich die hinteren Plätze. Das heißt allerdings keineswegs, dass die Gesellschaft dort immer weiter auseinander driftet. Denn auch im Osten hat sich der Zusammenhalt seit der Wiedervereinigung positiv entwickelt, nur offensichtlich langsamer als im Westen.

In den ostdeutschen Bundesländern beobachten die Autoren, ein Forscherteam aus Sozialwissenschaftlern der privaten Jacobs University Bremen, durchaus Parallelen zu anderen ehemals sozialistischen Staaten. So ist das relativ geringe Vertrauen der Ostdeutschen in ihre Mitmenschen typisch für Länder, in denen zuvor eher Kontrolle das gesellschaftliche Klima bestimmt hatte. "Vertrauen in Menschen ist ebenso wertvoll wie zerbrechlich. Eine Vertrauensbasis ist schnell zerstört – sie wieder aufzubauen, erfordert Zeit und Geduld", sagt Liz Mohn, stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann Stiftung.

Beim Vertrauen in Institutionen wie Justiz und Polizei hingegen hat der Osten während der vergangenen zehn Jahre einen kräftigen Sprung nach oben gemacht.

Die Verteilungsgerechtigkeit beurteilen die Bürger im Osten deutlich schlechter als die Bürger im Westen. So sind in den ostdeutschen Ländern erheblich mehr Menschen der Meinung, die Regierung solle dafür sorgen, Einkommensunterschiede zu reduzieren. Dies spiegelt sich in einer relativ hohen Unzufriedenheit der Ostdeutschen mit dem eigenen Lebensstandard: Während im Westen seit 1990 durchgehend mehr als jeder zweite Bürger meint, einen gerechten Anteil am Wohlstand zu erhalten, sackte dieser Anteil in den meisten ostdeutschen Bundesländern nach einem Zwischen-hoch wieder kräftig ab. Fast so niedrig wie direkt nach der Wende sind die Werte in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt. Dort empfindet nur noch jeder Fünfte seinen Lebensstandard als gerecht. "In vielen Regionen im Osten scheint der zwischenzeitliche Optimismus einer gewissen Ernüchterung gewichen zu sein", sagt Kai Unzicker, Experte für gesellschaftliche Entwicklung in der Bertelsmann Stiftung.

Die Akzeptanz von Vielfalt hat sich in Deutschland ambivalent entwickelt. Erheblich angestiegen ist in nahezu allen Bundesländern die Toleranz gegenüber Homosexuellen. Selbst in Bayern als dem in diesem Punkt am wenigsten tolerantem westdeutschen Bundesland herrscht relativ hohe Zustimmung zu der Aussage, Schwule und Lesben sollten ihr Leben führen können, wie sie möchten. Auch in den ostdeutschen Bundesländern hat sich die Akzeptanz gegenüber homosexuellen Lebensformen erhöht, liegt aber außer in Thüringen unterhalb des Bundesdurchschnitts.

Zuwanderern begegnen viele Deutsche nach wie vor mit großer Skepsis. Zwar zeigen sie sich zunehmend offener für ein gesellschaftspolitisches Engagement von Ausländern, allerdings akzeptieren sie immer seltener, wenn diese in Deutschland ihren traditionellen Lebensstil pflegen. Diese nachlassende Akzeptanz von kultureller Vielfalt erscheint unbegründet, denn die Studie zeigt: In den Bundesländern mit den höchsten Ausländeranteilen halten die Bürger am engsten zusammen.

"Offenbar empfinden noch immer viele Deutsche Zuwanderung als Bedrohung. Wir sollten stattdessen Vielfalt als Chance begreifen", sagt Liz Mohn, die stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann Stiftung.

Mit ihrer Analyse, welche Einflussgrößen entscheidend sind für den Grad des Zusammenhalts in einer Gesellschaft, liefert die Studie auch Erklärungen, warum die ostdeutschen Länder den Abstand zu Westdeutschland noch nicht verringern konnten: "Je höher das Bruttoinlandsprodukt eines Bundeslandes, je niedriger das Armutsrisiko, je urbaner das Wohnumfeld und je jünger die Bevölkerung, desto höher der Zusammenhalt", fasst Kai Unzicker zusammen. Damit bestätigt die Studie, dass Wirtschaftskraft und Wohlstand förderlich sind für das innere Gefüge einer Gesellschaft. Das war bereits das Ergebnis des letztjährigen Radars, das den Gemeinsinn in mehr als 30 Staaten untersucht hatte. Der innerdeutsche Vergleich zeigt nun zusätzlich, dass auch ein städtisches Umfeld und eine positive demographische Entwicklung helfen, eine Gesellschaft zusammenzuhalten.

Informationen zum "Radar Gesellschaftlicher Zusammenhalt"

Das "Radar gesellschaftlicher Zusammenhalt" ist ein Index der Bertelsmann Stiftung, den ein Forscherteam unter der Leitung von Prof. Klaus Boehnke und Prof. Jan Delhey von der Jacobs University in Bremen erstellt hat. Bereits im Juli 2013 ergab ein internationaler Vergleich, dass die skandinavischen Staaten und die angelsächsischen Einwanderungsländer einen besonders hohen Zusammenhalt aufweisen. Deutschland landete hierbei im Mittelfeld der 34 untersuchten Länder, mit deutlichen Schwächen bei der Akzeptanz von Diversität. Für den innerdeutschen Vergleich der Bundesländer wurden verschiedene Befragungsstudien sowie Daten der amtlichen Statistik in einer sogenannten Sekundäranalyse zusammengeführt und ausgewertet. Der gesellschaftliche Zusammenhalt wird durch 31 Einzelindikatoren in neun Dimensionen erfasst, die sich den drei Themenbereichen "Soziale Beziehungen", "Verbundenheit mit dem Gemeinwesen" und "Gemeinwohlorientierung" zuordnen lassen.

Rückfragen an: Kai Unzicker, Telefon: 0 52 41 / 81 81405
E-Mail: kai.unzicker@bertelsmann-stiftung.de

Stephan Vopel, Telefon: 0 52 41 / 81 81397
E-Mail: stephan.vopel@bertelsmann-stiftung.de

Die vollständige Studie, die 16 Bundesländerreports, der Methodenbericht und der komplette Datensatz finden Sie unter

Weitere Informationen:
http://www.bertelsmann-stiftung.de und
http://www.gesellschaftlicher-zusammenhalt.de


aus Süddeutsche.de, 12. Mai 2014 08:28


Studie zu gesellschaftlichem Zusammenhalt  
Was den Wir-Westen vom Ich-Osten trennt 
Toleranz, Heimatgefühl und Familiensinn haben für die Menschen in Westdeutschland einen höheren Stellenwert als im Osten. Seit der Wiedervereinigung ist der Unterschied beim Zusammenhalt sogar immer größer geworden. Die Forscher haben auch untersucht, woran das liegen könnte.

 
Von Jan Bielicki

25 Jahre nach dem Mauerfall gibt es immer noch eine Kluft zwischen West und Ost. Und sie ist seither noch tiefer geworden - jedenfalls, was den Gemeinsinn der Deutschen angeht: Die Westdeutschen halten einer neuen Studie zufolge gesellschaftlich deutlich besser zusammen als die Ostdeutschen. Danach sind die Menschen in den westlichen Bundesländern enger in ihre Familien und Freundeskreise eingebunden als die Bewohner der östlichen Länder, sie haben ein größeres Vertrauen in ihre Mitbürger und die staatlichen Institutionen, sie sind eher bereit, ihre Gesellschaft für gerecht zu halten, und auch Solidarität und Hilfsbereitschaft sind bei ihnen stärker ausgeprägt. Das geht aus einer umfangreichen Vergleichsstudie hervor, die an diesem Montag von der Bertelsmann-Stiftung vorgestellt wird und die der Süddeutschen Zeitung vorliegt.

Bei Toleranz und Heimatgefühl steht der Osten hinten

Mit Abstand am stärksten ist der Gemeinsinn demzufolge in Hamburg entwickelt. Auch die andere als Bundesland selbständige Hansestadt -nämlich Bremen -, das Saarland und die großen Flächenländer Baden-Württemberg, Bayern und Niedersachsen stehen weit oben in der Rangliste des von Sozialwissenschaftlern der privaten Jacobs University Bremen zusammengestellten "Radars gesellschaftlicher Zusammenhalt".
Die fünf neuen Länder Brandenburg, Sachsen, Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern und als Schlusslicht Sachsen-Anhalt finden sich dagegen allesamt am Ende dieser Tabelle. Und wenig deutet darauf hin, dass sich daran etwas ändern könnte: "Die Kluft zwischen West und Ost ist aktuell sogar größer, als sie es unmittelbar nach der deutsch-deutschen Vereinigung war", schreiben die Bremer Forscher. Ob es nun um die soziale Einbindung, um das Heimatgefühl oder um die Toleranz gegenüber Ausländern geht - in vielen der vermessenen Teilbereiche sind die östlichen Bundesländer seither tendenziell weiter hinter dem Westen zurückgefallen.
 
Für seine Studie hat das Bremer Forscherteam um die Soziologen Klaus Boehnke und Jan Delhey Daten des Statistischen Bundesamtes, des Bundeswahlleiters und sechs weiteren nationalen und internationalen Erhebungen für einen Zeitraum von fast 25 Jahren ausgewertet. Dabei versuchten sie, den gesellschaftlichen Zusammenhalt anhand von 31 Einzelpunkten zu messen. In den so errechneten Zusammenhalts-Index gehen Zahlen wie Wahlbeteiligung oder die Häufigkeit bestimmter Delikte ein, vor allem aber die Ergebnisse von Umfragen und die dabei gegebenen Antworten von Bürgern auf Fragen wie: Bekommen Sie Hilfe durch Freunde und Bekannte? Wie stehen Sie zu Homosexuellen als Nachbarn? Wie stark sind Sie Ihrer Heimatregion verbunden? Wie groß ist Ihr Vertrauen in Justiz, Polizei oder Stadtverwaltung? Haben Sie im vergangenen Jahr Geld gespendet? Wie oft sind Sie in Ihrer Freizeit ehrenamtlich tätig? Haben Sie schon Abzeichen oder Aufkleber einer politischen Kampagne getragen?

Wohlstand fördert den Zusammenhalt

Nach den so ermittelten Kennzahlen liegt Hamburg in fast allen der für den Zusammenhalt wichtigen Eigenschaften - ob Vertrauen, Heimatgefühl oder gesellschaftliche Teilhabe - in der Spitzengruppe. Sachsen-Anhalt dagegen findet sich in fast jedem der untersuchten Teilbereiche auf den unteren Plätzen.
Einzige Ausnahme: An soziale Regeln halten sich Hamburger, aber auch Berliner oder Bremer deutlich weniger gerne als ihre Mitbürger aus ländlich geprägten Flächenländern. Das belegt die Kriminalitätsrate, die in Städten deutlich höher ist als auf dem Land. Das aber ändert nichts an der Tatsache, das Städter in der Tendenz besser vernetzt, vertrauensvoller und gesellschaftlich engagierter erscheinen als Landbewohner. Stadtluft fördert den Zusammenhalt demnach ebenso wie Wohlstand: Wo der Reichtum groß und die Armut klein ist, wächst der Studie zufolge auch der Zusammenhalt einer Gesellschaft.

Das Gleiche gilt für Regionen, in denen die Bevölkerung im Schnitt jünger und damit aktiver ist als etwa in den Abwanderungsgebieten Ostdeutschlands.

Das gilt innerhalb der Bundesrepublik genauso wie im internationalen Vergleich. Mithilfe ganz ähnlich gewonnener Kennzahlen hatten die Bremer Wissenschaftler bereits zuvor eine Rangliste des Gemeinsinns in 34 westlichen Industrieländern gebildet und im vergangenen Sommer veröffentlicht. Die Bundesrepublik kam darin auf Platz 14 und rangierte deutlich hinter Skandinaviern, Australiern und Nordamerikanern.

Die Sozialforscher widersprechen den Thesen Sarrazins

Damals stuften die Forscher vor allem wachsende Vorbehalte gegenüber Einwanderern als "Risiko für den Zusammenhalt" ein. Während Schwule und Lesben inzwischen auf deutlich mehr Verständnis stoßen als noch in den Neunzigerjahren, hat die Bereitschaft der Deutschen, Migranten die Sitten und Gebräuche ihrer Herkunftsländer pflegen zu lassen, demnach in den vergangenen 25 Jahren eher nachgelassen. Das halten die Bremer Wissenschaftler für "bedenklich" und sehen sich in dieser Einschätzung durch ihren innerdeutschen Vergleich bestätigt: Wo viele Einwanderer leben wie in Hamburg, Bremen oder Baden-Württemberg, ist der gesellschaftliche Zusammenhalt höher als in den östlichen Landstrichen der Republik mit ihrem niedrigen Migrantenanteil.
 
 
Einwanderung "in den gegenwärtigen Größenordnungen", so wenden sich die Sozialforscher gegen den Bestseller-Autor Thilo Sarrazin, "untergräbt in keiner Weise den gesellschaftlichen Zusammenhalt, wie Bücher wie ,Deutschland schafft sich ab' publikumswirksam suggerieren. Ganz im Gegenteil."

Insgesamt jedoch, das hat schon der internationale Vergleich ergeben, halten die Deutschen heute enger zusammen als noch vor 25 Jahren. "Das ist eine gute Entwicklung", sagt Liz Mohn, die stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann-Stiftung. Denn noch eine Erkenntnis ihres internationalen Vergleichs sehen die Wissenschaftler auch innerdeutsch bestätigt: Wo eine Gesellschaft zusammenhält, sind die Menschen zufriedener mit sich und ihrem Leben. "Zusammenhalt bedeutet Glück", sagt Mohn, "ohne Bindungen kann man nicht glücklich werden." Und siehe da: Die im Schnitt unzufriedensten Deutschen leben in Sachsen-Anhalt, die zufriedensten in Hamburg - HSV und Schmuddelwetter zum Trotz.


Freitag, 9. Mai 2014

Die Indus-Kultur.

aus scinexx

Stand 09.05.2014

Indus-Kultur
Rätsel um ein verschwundenes Riesenreich
Eine bis heute nicht entzifferte Schrift, verblüffend moderne Städte und ein gewaltiges Reich, dessen Ende ebenso rätselhaft ist wie sein Anfang: Die Indus-Kultur ist bis heute die geheimnisvollste unter den großen Hochkulturen. Obwohl sie vor fast 5.000 Jahren eine ganze Region prägte, ist über sie kaum etwas bekannt.

von Nadja Podbregar

Die Indus-Kultur gehört zu den großen Drei der frühen Hochkulturen - und ist dennoch vielen kein Begriff. Kein Wunder: Obwohl das Reich dieser Menschen einst größer war als das alte Ägypten und Mesopotamien zusammen, weiß man kaum etwas über sie. Klar ist nur: Ab etwa 2800 vor Christus veränderten und prägten sie das gesamte Gebiet des heutigen Pakistan und Teile Indiens und Afghanistans.

Was aber diese Kultur einst entstehen ließ, ist noch ebenso unklar wie der Grund für ihren Niedergang gut 700 Jahre später. Im Dunkeln liegt auch, welche Sprache die Menschen dort nutzten und ihre Schrift blieb bisher nicht entziffert - sie scheint mit keiner der bekannten Schriften verwandt zu sein.

Inhalt:

  1. Städte aus dem Nichts
    Der Beginn der Indus-Kultur
  2. Genormte Gesellschaft
    Feste Maßeinheiten und Referenzgewichte
  3. Geheimnisvolle Zeichen
    Die nicht entschlüsselte Schrift der Indus-Kultur
  4. Ein Reich des Friedens…
    …oder doch nicht?
  5. Das Ende
    Was brachte die Hochkultur am Indus zu Fall?
  6. Januskopf Klima
    War der Monsun schuld am Untergang der Indus-Kultur?

Die größten Städte der Harappa (rot) konzentrierten vor mehr als 4.000 Jahren in den einst fruchtbaren Ebenen östlich des Indus, heute ist die Hauptwasserader dieses Gebiet, das Ghaggra-Hakra-Flusssystem, ausgetrocknet und die Region eine Wüste.


Städte aus dem Nichts
Der Beginn der Indus-Kultur

Alles begann vor tausenden von Jahren im fruchtbaren Becken des Indus-Stroms: Relikte aus der Steinzeit zeigen, dass dort schon vor rund 10.000 Jahren Jäger und Sammler damit begannen, sesshaft zu werden und die ersten Tiere und Pflanzen zu domestizieren. Ab etwa 6500 vor Christus züchteten sie Rinder und bauten Weizen an, später auch andere Nutzpflanzen - eine zunächst ganz normale Ackerbau-Kultur.

Vom Bauernland zur Stadtkultur

Doch dann kam der große Wandel: Scheinbar aus dem Nichts entstanden um 2600 vor Christus plötzlich an verschiedenen Stellen des Indus-Beckens große Städte mit mehreren tausend Einwohnern. Vor allem zwei dieser urbanen Zentren sind es, Harappa und Mohenjo Daro, die den Archäologen einen ersten Einblick in diese rätselhafte Zivilisation und ihre Kultur gegeben haben.

Erstaunlicherweise ähnelt sich der Aufbau der Indus- Städte so sehr, dass sie wie auf den Reißbrett entworfen erscheinen. Wie Ausgrabungen zeigen, folgten die Gebäude und Straßen in ihnen einer strengen geometrischen Struktur - verblüffend ähnlich den Stadtvierteln moderner Großstädte. Ähnlich wie bei einem Schachbrett verliefen breite Alleen parallel in Nord-Südrichtung, kleinere Straßen kreuzten sie jeweils im rechten Winkel.


Genormte Gebäude und ein großes Gemeinschaftsbad: Die Stadt Mohenjo Daro

Genormte Architektur

Die Häuser in den Wohnvierteln waren geräumig und hatten alle einen relativ einheitlichen, rechteckigen Grundriss. Eher gleichförmig war auch ihr äußerer Anblick: Im Gegensatz zu den aus Mesopotamien bekannten Monumentalbauten, herrschte in Mohenjo Daro und Harappa eher praktische Sachlichkeit. Paläste oder große Tempel gab es nicht. Die meist aus gebrannten Lehmziegeln errichteten Gebäude waren alle nach ähnlichem Muster gebaut: Durch einen Vorraum gelangte man oft in einen Innenhof, um den die restlichen Räume angeordnet waren. Einige Häuser besaßen noch ein zweites Stockwerk, bei anderen boten Dachterrassen im Obergeschoss zusätzlichen Raum.

Wegen dieser erstaunlich zweckmäßigen, einheitlichen Struktur und Architektur gehen einige Forscher davon aus, dass die Indus-Kultur vielleicht sogar die erste Zivilisation gewesen sein könnte, die so etwas wie eine übergeordnete Städteplanung besaß.


Brunnen, Kanäle und eine Badeplattform in Harappa.

Wasser aus der Leitung und zentrale Kanalisation

Und auch die restliche Infrastruktur dieser Bronzezeit-Städte war verblüffend modern. So gab es dort schon vor fast 4.000 Jahren eine ausgefeilte Wasserversorgung und Kanalisation: In Mohenjo Daro gab es einen zentralen Brunnen und ein öffentliches Bad. Viele Bewohner bezogen aber ihr Trinkwasser über einen etwas kleineren, aus Lehmziegeln gemauerten Brunnen im eigenen Haus. Vermutlich gab es sogar Leitungen, über die Frischwasser in die Gebäude geführt wurde. Ausgrabungen zeigen, dass das Abwasser aus den Häusern über Tonröhren in die städtische Kanalisation floss - mit Ziegeln überdeckte Abwasserkanäle, die entlang der größeren Straßen verliefen.

Zum Schutz vor Überschwemmungen war ein Großteil von Mohenjo Daro auf einem Plateau errichtet, vor Angriffen schützen Wachtürme und Befestigungen am Südrand der Stadt. Neben den Wohngebäuden gab es in den Städten auch Verwaltungs- und/oder Vorratsgebäude und zahlreiche Werkstätten, wie Funde von Rohmaterialien für die Schmuckherstellung und zahlreiche Perlen belegen. Da einige dieser Rohstoffe im Industal nicht vorkamen, sondern nur in Zentralasien und anderen weiter entfernten Regionen, müssen sie von dort importiert worden sein - ein Hinweis auf das ausgedehnte Handelsnetz, das die Indus-Kultur damals besaß. 


Genormte Gesellschaft
Feste Maßeinheiten und Referenzgewichte

Wie weit fortgeschritten die Indus-Kultur bereits vor gut 4.500 Jahren war, zeigt sich auch an ihrem vereinheitlichten und erstaunlich genauen System von Maßeinheiten. Vermessungen der Indus-Städte ergaben, dass viele Gebäude, Plätze und selbst die Lehmziegel festen Größenverhältnissen zu folgen scheinen. Und diese lassen sich auf einen einheitlichen kleinsten gemeinsamen Nenner herunterbrechen: 17,6 Millimeter - höchstwahrscheinlich die Grundeinheit des Indus-Maßsystems.


Auch die Ziegelsteine waren genormt, hier ein 4.500 Jahre alter Ziegel aus der Stadt Chanhu Daro
Präzise Regeln

2008 stießen Archäologen bei Ausgrabungen in der Indus-Stadt Kalibangan auf den tönernen Querbalken einer Waage, in den in regelmäßigen Abständen Linien eingeritzt waren - alle 17,6 Millimeter. Mehrere kleinere Markierungen dazwischen kennzeichneten offenbar Untereinheiten dieses als Angulam bezeichneten Maßes. "Schon zum jetzigen Zeitpunkt können wir sagen, dass die Harappa-Architekten und Steinmetze nicht an zufällige Konstruktionen glaubten, sondern präzisen Regeln der Proportion und Ästhetik folgten", erklärt der Indus-Experte Michel Danino.

Dass die Bewohner des Indus-Reiches auch in punkto Gewicht systematisch vorgingen, entdeckten Archäologen bereits bei den ersten Ausgrabungen in Mohenjo Daro im Jahr 1931. Sie stießen auf mehrere würfel- und quaderförmige Klötzchen aus Kalkstein, die unterschiedlich groß waren. Im Laufe der weiteren Ausgrabungen wurden auch in anderen Städten solche Klötzchen entdeckt, die den ersten Funden ähnelten wie ein Ei dem andern. Worum aber handelte es sich?

Referenzgewichte für den Handel

Ein Indiz lieferten die Fundorte: Die Klötzchen tauchten meist dort auf, wo sich auch Relikte von Waren, Siegeln und anderen Paraphernalien des Handels fanden. Inzwischen ist klar, dass diese Klötzchen Referenzgewichte darstellen - sie wurden beim Wiegen von Handelsgütern genutzt. Die Basiseinheit war dabei offenbar etwas leichter als unser Gramm, die kleinsten Klötzchen bringen 0,89 Gramm auf die Waage.

"Die Indus-Gewichte sind extrem standardisiert: Innerhalb einer Gewichtsklasse weichen sie nur um rund sechs Prozent voneinander ab", erklärt Mayank Vahia vom Tata Institute for Fundamental Research

 

Ein Reich des Friedens…
…oder doch nicht?

Als eines der herausstechenden Merkmale der rätselhaften Indus-Kultur galt lange ihre Friedfertigkeit: Archäologische Ausgrabungen in den Siedlungsresten förderten keinerlei Spuren von Kriegen oder Gewalt zutage - weder als Zerstörungen an Gebäuden, noch in Form von Kampfszenen auf Kunstobjekten oder Keramiken. Auch Hinweise auf eine Hierarchie, zentralistische Herrscher oder ein Klassensystem fehlten.


Statue eines Priesterkönigs der Indus-Kultur - über sein Reich ist bisher nur wenig bekannt.
Man ging deshalb davon aus, dass die Induskultur eher nach dem Prinzip einer "Graswurzel-Regierung" organisiert war: Die Bevölkerung teilte ihren politischen und religiösen Führern Autorität zu, es gab aber nur eine schwache Hierarchie und ein ansonsten eher egalitäres Gesellschaftssystem. Deshalb, so glaubte man, wurde auch kaum Gewalt benötigt, um soziale Kontrolle auszuüben.

Im Sommer 2012 allerdings stießen Archäologen auf Funde, die das Bild vom Reich des Friedens platzen ließen - oder es zumindest arg ins Wanken brachten. Forscher um Gwen Robbins Schug von der Appalachian State University in Boone hatten für ihre Studie 160 Skelette näher untersucht, die in Harappa in drei verschiedenen Friedhöfen gefunden wurden. Dabei stießen sie besonders bei den Knochen aus der Spätzeit der Indus-Kultur zwischen 1900 und 1700 v.Chr. auf auffallend viele Anzeichen für schwere Verletzungen.

Spuren von Prügeln und Kampf

Immerhin 15,5 Prozent der Schädel in einer Grabstätte aus dieser Epoche hatten Brüche oder Risse in der Schädeldecke, wie sie beim Schlag mit einer stumpfen Waffe entstehen, oder andere durch Gewalteinwirkung verursachte Schäden an den Knochen. Ein Mann im mittleren Alter hatte eine gebrochene Nase und eine Verletzung an der Stirn, die von einem scharfkantigen Objekt herrührten, eine Frau war offenbar vor ihrem Tod so heftig verprügelt worden, dass ihr Schädel barst.


Der Schädel einer älteren Frau mit deutlichen Verletzungen
"Die Art der Schädeltraumata passt nicht zu Unfällen oder Schäden, die nach dem Tod entstanden sein können", konstatieren Schug und ihre Kollegen. "Stattdessen deuten die Daten klar auf zwischenmenschliche Gewalt hin." Frauen und Kinder seien damals besonders häufig Opfer solcher Gewalttaten geworden. Anhand ihrer Ergebnisse gehen die Forscher davon aus, dass die Rate der Gewalt in Harappa zu jener Zeit selbst für eine Stadt relativ hoch war - sogar die höchste in ganz Südostasien in dieser Ära. Aber warum?

Gewalt durch Umbruch

Einen Hinweis dazu lieferte der Vergleich mit den Grabstätten und Skeletten aus früheren Phasen der Indus-Kultur: In diesen Gräbern waren Spuren von Gewalteinwirkung tatsächlich extrem rar. Selbst in der Zeit als Harappa mehr als 30.000 Einwohner zählte, waren Mord und Totschlag offenbar eine absolute Ausnahme. Das aber änderte sich offenbar gegen 1900 v.Chr., als die Indus-Kultur allmählich begann, sich aufzulösen.

"Diese Periode war eine Zeit des sozialen Wandels in der gesamten Zivilisation: die bisherige Einflusssphäre der Kultur kollabierte, die Bevölkerung begann, die Städte zu verlassen, und viele technische und kulturelle Errungenschaften wurden aufgegeben", erklären Schug und ihre Kollegen. Ihrer Ansicht nach erklärt dieser Umbruch und der Stress und die Verunsicherung, den er bei den Menschen ausgelöst haben muss, auch die Zunahme von Aggression und Gewalt.

"Es ist klar, dass Konflikt und Kampf damals normaler Teil des Lebens für die Stadtbewohner von Harappa waren", so die Archäologen. "Das demonstriert, dass die Indus-Zivilisation zumindest in dieser Zeit kein außergewöhnlich friedvolles Reich gewesen ist. Diese Idee müssen wir auf Basis unserer Ergebnisse verwerfen." 


Das Ende
Was brachte die Hochkultur am Indus zu Fall?

Wie bei vielen frühen Hochkulturen ist auch der Niedergang der Indus-Zivilisation rätselhaft. Was führte dazu, dass diese Kultur, die zu ihrer Blütezeit eine Million Quadratkilometer Fläche und bis zu zehn Prozent der gesamten damaligen Weltbevölkerung umfasste, sich allmählich auflöste und verschwand? Warum verließen die Menschen nach rund 700 Jahre die großen, reichen Städte und oft auch gleich die gesamte Indusregion?


Nach 700 Jahren Wohlstand verließen die Bewohner plötzlich ihre Städte

Bisher gibt es zu dieser Frage eine ganze Reihe von Hypothesen und Theorien, aber nur wenige eindeutige Belege. Einige Forscher suchen die Ursache in sozio-ökonomischen Entwicklungen, darunter sozialen Unruhen, Invasionen durch Nachbarvölker oder einen nachlassenden Handel. Andere mutmaßen, dass es das Klima gewesen sein könnte, dass - wie bei so vielen anderen Hochkulturen - auch dieser Zivilisation den Todesstoß versetzte.

Sturzfluten und Trockenzeiten

Das Tal des Indus und seiner Nebenflüsse war zur Zeit der Indus-Kultur fruchtbar und bot reichlich Möglichkeiten, auch größere Städte durch entsprechende Landwirtschaft zu ernähren. Allerdings: Verantwortlich für diese Fruchtbarkeit und den Wassernachschub war nicht der Regen, sondern das Gletscher-Schmelzwasser aus dem Himalaya und ein noch weitaus unzuverlässigerer Faktor: der Monsun.


Der Indus bezieht sein Wasser aus dem Himalaya.
Während der Regenzeit fiel der Niederschlag dabei vor allem stromaufwärts, an den Oberläufen der Flüsse. Als Sturzfluten und Hochwasser wälzte sich dieses Wasser dann immer wieder die Flüsse hinab und sorgte für Überschwemmungen - wie noch heute in Bangladesch und Pakistan der Fall. Und ähnlich wie zur gleichen Zeit am Nil waren es solche regelmäßigen Überschwemmungen, die dem Land an den Flussufern seine Fruchtbarkeit verliehen.

Im Unterschied zu den alten Ägyptern oder auch den Kulturen Mesopotamiens machten die Bewohner des Industals aber offenbar keine Versuche, diese Wasserfluten durch Bewässerungssysteme zu steuern und zu kontrollieren. Bisher zumindest fehlt jede Spur einer solchen klassischen Bewässerungslandwirtschaft. Lag hierin vielleicht schon die Saat des Niedergangs? 


Januskopf Klima
War der Monsun schuld am Untergang der Indus-Kultur?

Welche Rolle spielte das Klima für den Niedergang der Indus-Bewohner? Immerhin brachten Trockenzeiten auch schon andere Hochkulturen zu Fall wie die Maya und das Reich der Khmer in Angkor Wat. Tatsächlich stießen Forscher im Jahr 2012 auch für die Indus-Kultur auf Hinweise, die dies nahelegen.


Figur einer Fruchtbarkeitsgöttin aus der Indus-Kultur
Liviu Giosan von der Woods Hole Oceanographic Institution und ihre Kollegen erstellten für ihre Studie zunächst ein digitales Geländemodell des ehemaligen Siedlungsgebiets der Indus-Bewohner. In Ausgrabungen vor Ort, Bohrungen und zahlreichen Sedimentproben erkundeten die Forscher dann, wie sich dieses Gebiet und vor allem die dortigen Flussläufe im Laufe der Zeit verändert haben. "Nachdem wir einmal diese geologischen Informationen hatten, konnten wir sie mit dem kombinieren, was wir über die Siedlungen, das Klima und die von den Indus-Bewohnern angebauten Pflanzen wussten", erklärt Mitautor Dorian Fuller vom University College London.

Vom Klima begünstigt - zunächst

Wie die Auswertungen ergaben, hatte das Klima tatsächlich einen starken Einfluss auf die Indus-Kultur - möglicherweise verdankt sie ihm sogar ihr Entstehen. Denn bereits einige Jahrhunderte bevor die Bewohner dieser Region die ersten Städte errichteten, begann das Klima dort trockener zu werden. Etwa um 3200 v.Chr. war der Höhepunkt dieser Trockenperiode erreicht - ungefähr dann, als auch die Indus-Kultur zu florieren begann, wie die Forscher berichten.

Ihrer Ansicht nach ist das kein Zufall: Der Klimawechsel sorgte damals dafür, dass die heftigen Sturzfluten entlang des Indus und seiner Nebenflüsse etwas nachließen, es aber immer noch ausreichend Überschwemmungen gab, um den Boden entlang der Flussufer fruchtbar zu machen. Vor allem die Ebenen am Zusammenfluss von Indus und den drei vereinigten Nebenflüssen Jhelam, Chenab und Ravi bot optimale Bedingungen, um reiche Ernten zu erzielen.


Zentraler Brunnen in Harappa - einige Jahrhunderte gab es Wasser genug.
In diesem Gebiet lag auch die Stadt Harappa - geschützt auf einem Hügelzug, aber nahe genug an den fruchtbaren Überflutungsbereichen der Flussufer. Ein zweites Zentrum der Besiedlung entwickelte sich etwas weiter nordöstlich, im Einzugsgebiet des Ghaggar-Hakra-Flusssystems. Diese Flüsse transportierten kaum Schmelzwasser, ihre Hauptwasserquelle war der Monsunregen. Dadurch fehlten die heftigen Frühjahrshochwasser, der Nachschub in der Regenzeit reichte aber aus, um die Wasserversorgung sicherzustellen, wie die Forscher erklären.

Zuflucht am Fuß des Himalaya

Aber bei dieser Idylle blieb es nicht. Stattdessen verschärfte sich die Dürre weiter. Der Monsun verlagerte sich weiter nach Osten, sodass ein Großteil der Niederschläge nun im Gangesgebiet und nicht mehr im Indusbecken fiel. Um 1900 v.Chr. fielen Teile des südlichen Ghaggar-Hakra-Flusssystems über Monate hinweg trocken und auch entlang des Indus nahmen die so wichtigen Überschwemmungen ab.

"Dies könnte auch erklären, warum sich in der späten Zeit der Indus-Zivilisation die Siedlungen nahe am Ursprung des Ghaggar-Hakra-Systems ausdehnten", erklärt Giosan. Denn dort, am Fuß des Himalaya, gab es trotzdem noch kleinere Überschwemmungen, die zumindest eine Ernte pro Jahr ermöglichten. Für die großen Städte im Tiefland mit ihren Tausenden Bewohnern war dieser erneute Klimawandel jedoch fatal. Denn die allmählich austrocknenden Felder konnten den enormen Nahrungsbedarf der Bevölkerung immer weniger decken.


Obwohl sie den Wasserbau beherrschten, wanderten die Indus-Bewohner lieber aus, statt zu bewässern.
Auswandern statt bewässern

Aber warum entwickelten die Bewohner Harappas und der anderen Städte nicht wenigstens dann ein System der Bewässerung, um das knapper werdende Wasser maximal zu nutzen? Nach Ansicht von Giosan ist die Antwort darauf simpel: Weil sie eine einfachere Alternative hatten. "Im Gegensatz zu den Bewohnern Mesopotamiens und Ägyptens, die von Wüsten und trockenem Land umgeben waren, konnten die Indus-Bewohner ausweichen - in die feuchteren Gebiete weiter östlich, Richtung Ganges", so die Forscher. Diese Auswanderung führte aber dazu, dass die Bevölkerung im Kernland der Indus-Zivilisation immer weiter ausdünnte.

Die Städte wurden nach und nach verlassen, es entstanden nur noch kleinere Dörfer in den wenigen Gebieten, in denen der Wassernachschub noch ausreichte. Das Ausmaß der Umweltveränderungen muss die damalige Gesellschaft schwer getroffen haben und machte sie mit Sicherheit auch anfälliger für andere Störfaktoren. Allerdings: "Auch das liefert keine einfache, deterministische Erklärung für alle Umwälzungen, die sich im gesamten Gebiet dieser Zivilisation ereigneten", betonen die Forscher. Wie genau das Ende der Indus-Kultur vonstatten ging, bleibt daher noch immer unklar.


Nota.

Es gibt allerdings eine Theorie über den Untergang der Indus-Kultur, doch die Autorin erwähnt sie nicht einmal.

Es ist aufgefallen, dass in den größeren Städten, und besonders wohl in Mohendjo Daro, die Häuser der in späteren Jahunderten hinzugebauten Außenviertel mit der Zeit aus immer minderwertigerem Material errichtet wurden, und dass zunehmend Stroh das früher reichlich vorhandene Holz ersetzt hat. Daraus wird geschlossen, dass die Bewaldung der Flussufer nach und nach abgeholzt war (und folglich wohl Erosion eintrat). Auch im Fruchtbaren Halbmond des Nahen Ostens bestand der größte Teil der heutigen Wüsten und Trockensavannen damals aus Feuchtsavannen, die besonders durch ihre gewaltigen Galeriewälder entlang der Flussläufe geprägt waren. Auch dort sind sie verschwunden und mit ihnen die frühgeschichtlichen Kulturen - wenn auch nicht so spurlos wie am Indus. Freilich gab es dort auch kein Rückzugsbebiet wie das Gangestal, in das man hätte auswandern können...

Nach dieser Interpretation wäre die Induskultur an einem zu raschen und ungezügeltem Wachstum untergegangen, das aber von keiner Entwicklung der Produktionskräfte begleitet war. Das äußere Wachstum wäre mit einer inneren Ausdünnung gezahlt worden. - Vielleicht ist das ja Unsinn, aber warum sagt uns die Autorin nicht, warum? Bloß, weil Klimawandel heute populärer ist als eine ökonomische Begründung?
JE

 
 

Donnerstag, 8. Mai 2014

"Reis-Theorie".

aus Der Standard, Wien, 9. 5. 2014 

Wir sind, was unsere Ahnen gesät haben
Verschiedene Methoden beim Anbau von Reis und Weizen könnten zu Unterschieden zwischen östlicher und westlicher Kultur beigetragen haben

Peking - Im späten 18. Jahrhundert erlebte England die ersten Vorboten der industriellen Revolution. Angetrieben von einer Fülle technischer Innovationen begann sich zunächst der Norden Europas, später Nordamerika und schließlich der gesamte Globus nachhaltig zu verändern. Warum diese Umwälzungen ausgerechnet von Nordeuropa ausgingen, ist immer noch eine der großen Fragen der Geschichte. Führt man sich die Welt vor tausend Jahren vor Augen, dann hätte man wohl auf naheliegendere Kandidaten getippt, die die Grundlagen für einen solchen globalen Fortschritt legen könnten: China etwa oder der Nahe Osten.

Bisher haben Historiker Antworten auf diese Frage in religiösen oder geographischen, ja sogar genetischen Unterschieden gesucht. Thomas Talhelm von der University of Virginia und sein Team chinesischer und US-amerikanischer Forscher verfolgen dagegen einen anderen Ansatz: Ihre "Reis-Theorie" geht davon aus, dass unterschiedliche Methoden beim Anbau von Reis und Weizen für die Verschiedenheiten zwischen östlicher und westlicher Kultur hinsichtlich Individualität und analytischen Fähigkeiten einerseits und kollektivistischer Lebensweise andererseits verantwortlich sind.

Die Grundthese, die die Forscher im Fachblatt "Science" erläutern, lautet: Während der Reisanbau arbeitsintensiv und mit einem großen Aufwand bei der Bewässerung verbunden ist und daher kooperatives Vorgehen der Landbevölkerung notwendig macht, können Weizenbauern unabhängiger arbeiten. Dies würde sich auch in psychologischen Unterschieden niederschlagen.

Reis macht kooperativ

"Die Idee dahinter ist, dass Reis wirtschaftliche Anreize zur Kooperation gibt und solche Kulturen über viele Generationen stärker ineinandergreifend sind, während Gesellschaften, in denen jeder einzelne weniger vom anderen abhängig ist, mehr Freiheit für Individualismus haben", meint Talhelm, der seine These während eines vierjährigen China-Aufenthalts entwickelte.

Um sicherzustellen, dass andere historische und politische Unterschiede keine Rolle spielen, haben die Wissenschafter allein in China geforscht, wo traditionell im Norden Weizen und im Süden Reis angebaut wird. Die Wissenschafter erhoben bei 1.162 Chinesen Unterschiede hinsichtlich Individualismus, Analysefähigkeit und Gemeinschaftssinn.

Tatsächlich zeigte sich, dass die Menschen im südlichen China mehr voneinander abhängig sind und ganzheitlicher denken als der Weizen züchtende Norden, was in wesentlichen Punkten auch die Unterschiede zwischen östlichen und westlichen Kulturen widerspiegelt. Die befragten Chinesen waren übrigens großteils Studenten ohne Bezug zur Landwirtschaft, was für Talhelm seine "Reis-Theorie" untermauern würde: "Einfach gesagt: Man muss nicht Reisbauer sein, um die Reiskultur geerbt zu haben." tberg,



Abstract
Science: Large-Scale Psychological Differences Within China Explained by Rice Versus Wheat Agriculture


Nota.

"Seine These" hat er also während eines vierjährigen China-Aufenthalts entwickelt? Genauso gut ist denkbar, dass er sie gefunden hat, als er die Nase in ein Buch von Karl August Wittfogel gesteckt hat. Und da besagter Wittfogel in Vergessenheit geraten ist, kann man sich heute ungeniert mit seinen Federn schmücken. Oder ist er am Ende an der Univerity of Virginia so gründlich vergessen, dass Mr. Thalhelm "seine" These wirklich selber erfinden musste? Das eine wäre akademisch so skandalös wie das andere.
JE 


 
aus DiePressse.com,  08.05.2014 | 17:25 |  

Ost und West = Reis und Weizen Die Agrikultur prägt die gesamte Kultur: Wo Weizen gepflanzt wird, gedeiht Individualismus, Reis hingegen lässt Kollektivismus sprießen. Das zeigt sich just in China.

 

Wie groß sind Sie, im Vergleich mit anderen, präziser: Wie groß schätzen Sie sich ein? Das hängt ganz davon ab, wo Sie leben bzw. woher Sie stammen. Falls das ein westlicher Industriestaat ist, dann gehören Sie zur Kultur der Weirds – western, educated, industrialized, rich, democratic –, und deren Selbsteinschätzung macht ihrem Namen Ehre. Das zeigte ein Test, den Shinobu Kitayama University of Michigan 2009 ersonnen hat: Dabei werden die Teilnehmer gebeten, sich selbst und das Netzwerk ihres Freundeskreises auf einem Blatt Papier zu skizzieren, jeder der Beteiligten wird mit einem Kreis markiert.
 
Um den geht es in Wahrheit: Die Kreise für die Freunde waren in den beteiligten Ländern – USA, UK, Deutschland, Japan – in etwa gleich groß, 21, 22 Millimeter. Aber die für die Egos differierten stark, ganz dick bliesen sich die US-Amerikaner auf 27,13 mm, die Japaner hingegen machten sich klein 22,3, Deutsche und Briten lagen dazwischen Journal of Personality and Social Psychology, 2, S. 236. Damit ist einer der großen Unterschiede zwischen den Kulturen West und Ost markiert: Die eine setzt auf das Individuum und sieht auch die Welt so, der Blick geht auf einzelne Objekte und zergliedert sie und ihre Zusammenhänge analytisch; die andere erfasst eher holistisch das Ganze und seine Bezüge. Das gilt auch für das Sozialleben, die Einzelnen nehmen sich zurück. Wo kommt das alles her?

Die Grenze ist der Jangtse . . .

Daher, dass die Ahnen im Osten eher Reis anpflanzten und die im Westen eher Weizen. Das ist der jüngste Erklärungsvorschlag. Er stammt von Thomas Talhelm, der studiert Kulturpsychologie an der University of Virginia, und er hat konkurrierende Hypothesen verglichen: Zum einen die Modernisierungshypothese, die darauf setzt, dass Individualisierung und analytisches Denken mit dem Reichtum kommen; zum Zweiten die Pathogen-Prävalenz-Theorie, die geht davon aus, dass in Regionen mit hoher Infektionsgefahr die Menschen enger zusammenrücken und sich nach außen abschotten. Auch das gehört zum „asiatischen“ Kollektivismus; und zum Dritten die Reistheorie. Sie ist eine Fortführung der Subsistenztheorie, die die heutigen Unterschiede etwa dadurch erklären wollte, dass die Ahnen der einen auf sich selbst gestellte Hirten waren und die der anderen auf andere angewiesene Bauern. Aber das greift zu kurz, und es gibt unterschiedliche Bauern, auch dort, wo man sie auf den ersten Blick gar nicht vermutet, in Ostasien, enger: in China.
 

Das ist das Untersuchungsgebiet Talhelms. Er hat es in seinem früheren Beruf kennengelernt, er war Englischlehrer, erst im Süden Chinas, dann im Norden. Dabei bemerkte er, dass es die klassische Ost/West-Divergenz auch in China selbst gibt, dort tut sie sich zwischen Süden und Norden auf, die Grenze zieht der Jangtse: Im Süden überwiegt der Reis, im Norden der Weizen. Die prägen das Leben und die Kultur der Bauern: Der Anbau von Reis, vor allem der auf gefluteten Feldern, nimmt doppelt so viel Zeit in Anspruch wie der von Weizen, und die notwendigen Bewässerungsanlagen kann ohnehin nur eine Gemeinschaft bauen und managen. Weizen kann jeder für sich säen und ernten, so steht es schon in einem chinesischen Bauernhandbuch des 16. Jahrhunderts: „Wenn jemand wenig Arbeitskräfte hat, ist Weizen am besten.“
 

Und das schlägt durch. Talhelm hat es an Studenten in sechs chinesischen Städten in verschiedenen Regionen gezeigt. Er hat sie zwei Tests machen lassen, zum einen die Loyalitäts- und Nepotismus-Aufgabe. Die erhebt, wie man sich gegenüber Freunden verhält und wie gegenüber Fremden, und in beiden Fällen auch gegenüber unehrlichen. Letztere werden im Westen leichter abgestraft, im Osten hält die Treue trotzdem, und dieses Muster zeigte sich auch in China: Der Norden ist westlicher. Das lässt sich auch aus offiziellen Statistiken herauslesen: Im Norden sind die Scheidungsraten höher, der Erfindergeist ist es auch. Dort werden mehr Patente angemeldet. Denn dort wird analytisch-westlich gedacht, das ergab der Triadentest: Dabei werden drei Gegenstände gezeigt, ein Bus, eine Eisenbahn, Eisenbahnschienen etwa. Welche zwei gehören zusammen? Für den westlichen Blick gehören Bus und Bahn in eine Kategorie, die der Verkehrsmittel, im Osten geht es um den funktionalen Bezug, die Bahn gehört zu den Schienen.

. . . je nach Ufer sprießt andere Kultur

Schließlich kam auch noch Kitayamas Test, der mit den Kreisen: Die aus den Weizenprovinzen machten sich groß, die aus den Reisprovinzen machten sich klein (Science, 344, S. 603). Das alles hielt nicht nur im großen Vergleich quer durch China, sondern auch auf engem Raum, innerhalb einzelner Provinzen, durch die der Jangtse fließt: An seinen beiden Ufern herrschen andere Kulturen, auf den Feldern, in den Köpfen.
 

Wie lange werden sie noch herrschen? Die Testpersonen waren keine Bauern, sondern eben Studenten, die nur aus den jeweiligen Regionen stammen. Aber Kultur geht so leicht nicht aus den Köpfen heraus, das weiß man aus den USA: Die Gewalt ist heute noch dort höher, wo sich einst Hirten aus Irland und Schottland ansiedelten.
 

Dienstag, 6. Mai 2014

"Das Kapital im XXI. Jahrhundert"

aus nzz.ch, 6. Mai 2014, 05:30

Amerikas jüngster Bestseller
Der Piketty-Hype


Amerika hat einen neuen Superstar. Sein Name: Thomas Piketty, seine Profession: Wirtschaftswissenschafter, seine Nationalität: französisch. Der Grund – oder sagen wir: Anlass – für den kometenhaften Aufstieg des 42-Jährigen in sämtlichen Mediengefässen, von Twitter über die «New York Review of Books» bis in die Hochglanz-Gazetten und Fernsehshows, ist die englische Übersetzung seines 696 Seiten umfassenden Wälzers «Capital in the 21st Century», einer historisch fundierten und, laut den meisten Experten, revolutionären Grundlagenforschung über die rasant wachsende Ungleichheit in der Welt. In dem zusammen mit dem Kollegen Emmanuel Saez verfassten Werk, für das er Daten aus zwei Jahrhunderten und mehr als 30 Ländern ausgewertet hat, vertritt der an der Paris School of Economics lehrende Ökonom die These, dass – um es ganz schlicht zu sagen – die oberste Schicht der Superreichen immer mehr Kapital, Macht und Einfluss erlangt, während der Rest nur verliert.

Das im Februar in den USA erschienene Buch schoss innerhalb kürzester Zeit auf den ersten Platz der Bestsellerlisten. Nicht nur die Zeitschrift «The Economist» meinte, das Buch habe das Zeug, die ökonomischen Lehren der letzten zwei Jahrhunderte auf den Kopf zu stellen. Der Nobelpreisträger Paul Krugman kommt in der «New York Review of Books» zum Schluss, Pikettys «bahnbrechendes Meisterwerk» werde nicht nur die ökonomische Disziplin erschüttern, sondern «die Art und Weise, wie wir über Wohlstand und Armut denken, völlig neu ausrichten». Der «Esquire» rief das Buch schon zum «wichtigsten Buch des 21. Jahrhunderts» aus.

Piketty ist nicht der Erste, der mit dem Mantra aufräumt, der freie Markt werde sich zwangsläufig selbst regulieren, doch scheint er der Erste zu sein, der das wachsende Unbehagen am Status quo historisch umfassend zu belegen weiss. Ein Grund jedoch, weshalb das Buch in den USA mehr noch als in seinem Ursprungsland Frankreich wie eine Bombe einschlug, dürfte in dem Umstand begründet sein, dass Pikettys Diagnose einer neuen Belle Epoque oder besser Hedge-Fund-Oligarchie nirgends so zutrifft wie hier. Seit dem Ende der Finanzkrise sind die Kapitalgewinne extrem in die Höhe geschnellt, während die Löhne seit langem stagnieren. Das Ergebnis ist laut Piketty, dass 95 Prozent des Einkommenszuwachses zwischen 2010 und 2012 in die Taschen der 1 Prozent an der Spitze geflossen seien. Den grössten Anteil am Kuchen aber habe die Spitze der Spitze kassiert, die Spezies der «Supermanager». Hier sei der Grad der Ungleichheit in Amerika «höher als in jeder anderen Gesellschaft – und das seit Menschengedenken und überall auf der Welt».

Es war nicht von Schaden, dass Piketty seinen Befund in gut geschriebene Prosa fasst; wenn man sich in New York in der U-Bahn umschaut, könnte man glauben, ein neuer «Da Vinci Code» habe das Licht der Welt erblickt. Daher ist es vermutlich kein Zufall, dass der Piketty-Hype besonders in den Stil- und Fashion-Rubriken unter die Lupe genommen wird. «Er ist die jüngste Version einer mittlerweile bekannten Gattung: die intellektuelle Overnight-Sensation, deren Ruhm die Moden und Gefühle des Augenblicks reflektiert», schreibt Sam Tanenhaus in der «New York Times». Anders jedoch als etwa der Kult um Susan Sontag, die archetypische Vertreterin dieser Spezies, ist der Piketty-Boom ein Phänomen, das sich dem Multiplikationsfaktor des Internets zu verdanken hat.

Ein intellektueller Superstar wird freilich nicht durch eine treffende These allein geboren, er muss den Zeitgeist nicht nur einfangen, sondern verkörpern. Und da hat Piketty anscheinend die richtigen Eigenschaften und Looks. Wie der französische Star-Philosoph Bernard Henry Levy trägt er das Hemd weit offen, doch anders als BHL ist der jungenhaft attraktive Wirtschaftsguru sympathisch uneitel. Seine Botschaft trifft die Occupy-Wall-Street-Stimmung der Menge, sein Faible für Big Data passt in unsere statistikbesessene Zeit. Auch der Umstand, dass Piketty seine Ausführungen nicht allein Powerpoint-freundlich mit Grafiken, sondern auch mit Reverenzen an Balzac und Jane Austen gefüttert hat, macht diese für Nichtökonomen sehr attraktiv. Und trifft der aktivistische Grundzug des Manifests nicht einen Nerv? Selbst wenn Pikettys Lösungsvorschläge – wie etwa eine globale Steuer für die obersten Einkommensschichten – als nicht sonderlich realistisch gelten: Seit der Finanzkrise hungert man im Land des notorischen Optimismus nach kühnen Ideen. Wann, seit Obamas schon fast vergessenem Schlachtruf, hat zuletzt jemand «Yes, we can!» zu sagen gewagt?

Donnerstag, 1. Mai 2014

Digitalisierung...


Vortragsreihe: Digitalisierung verstehen

Monika Landgraf 
Presse, Kommunikation und Marketing
Karlsruher Institut für Technologie


30.04.2014 11:30 

Von Smartphones bis Smart Homes: Unter dem Titel „Digitale Revolution: Technik verstehen und gestalten?“ beschäftigt sich das Colloquium Fundamentale des ZAK | Zentrum für Angewandte Kulturwissenschaft und Studium Generale am KIT mit Technologien unserer digitalen Gesellschaft. Die Vortragsreihe eröffnet Manfred Faßler, Professor für Soziologie und Anthropologie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main, am Donnerstag, 8. Mai 2014 um 18.30 Uhr im NTI-Hörsaal (Engesserstraße 5, Geb. 30.10).

Kaum ein Umbruch hat die Welt auf solch durchgreifende Weise verändert wie die Digitale Revolution, die sich seit dem Ausgang des 20. Jahrhunderts in unvorstellbarer Geschwindigkeit vollzieht und noch immer fortschreitet. Digitale Informations- und Kommunikationsprozesse, Mikrochips, automatisierte Produktion und nicht zuletzt das Internet sind aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Smartphones, PCs, moderne Logistikketten in der Wirtschaft und die digitale Wissensspeicherung, die fast überall zugänglich ist, sind mittlerweile für viele Menschen zu einer Selbstverständlichkeit geworden.

Anlässlich des Wissenschaftsjahres „Die digitale Gesellschaft“, das die Folgen und die Zukunft der digitalen Entwicklung thematisiert, rückt das Colloquium Fundamentale des ZAK im Sommersemester 2014 die Digitalisierung aus Sicht von Wissenschaft und Forschung in den Fokus. Welche technischen Erfindungen führten nach und nach zu dieser Revolution? Wie verändert sich die Wirtschaft und nicht zuletzt auch die Wissenschaft durch die Digitalisierung? Welche neuen rechtlichen Probleme entstehen hinsichtlich des Datenschutzes und des Schutzes der Privatsphäre? Was verbirgt sich hinter Begriffen wie „Internet der Dinge“ und „Smart Everything“ und welche gesellschaftlichen Veränderungen werden hieraus erfolgen?

Die Vortragsreihe möchte diesen Fragen nachgehen und einen aktuellen Einblick in die Entwicklungen und Herausforderungen des digitalen Zeitalters geben. Im Wintersemester 2014/2015 wird sich das Colloquium dann der Digitalisierung aus gesellschaftspolitischer sowie kultureller Perspektive nähern. Ziel der Colloquium-Reihe ist es, die Basis für eine facettenreiche Diskussion zu schaffen.

Im Eröffnungsvortrag wird Professor Manfred Faßler, Professor für Soziologie und Anthropologie, die Digitalisierung als globale menschliche Praxis erklären, einige Aspekte ihrer Entstehungs- und Durchsetzungsgeschichte darstellen und über Entwicklungstrends sprechen.


Das Colloquium Fundamentale findet an den im Folgenden aufgeführten Donnerstagen, jeweils um 18.30 Uhr im NTI-Hörsaal, KIT Campus Süd, Gebäude 30.10, Engesserstraße 5, statt. Der Eintritt ist frei.

Termine und Referenten des Colloquium Fundamentale:

08. Mai 2014: Eröffnungsvortrag:
„Digitale Dinge, technologische Zustände“
Professor Manfred Faßler, Professor für Soziologie und Anthropologie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main

05. Juni 2014:
„Privatsphäre und Datenschutz im digitalen Zeitalter“
Dr. Oliver Raabe, Institut für Informations- und Wirtschaftsrecht, KIT

12. Juni 2014:
„Alles wird Smart – zur Rolle der technischen Kommunikation“
Professorin Martina Zitterbart, Leiterin des Instituts für Telematik, KIT

03. Juli 2014:
„Industrie 4.0: Auf dem Weg ins vierte industrielle Zeitalter“
Professor Michael Beigl, Leiter des Lehrstuhls für Pervasive
Computing Systems und der TECO-Forschungsgruppe, Dekan der Fakultät Informatik, KIT

10. Juli 2014: Podiumsdiskussion:
„Die digitale Wissensgesellschaft – Quo vadis?“
Jens Best, Präsidiumsmitglied Wikimedia Deutschland
Dr. Tobias Matzner, Internationales Zentrum für Ethik in den Wissenschaften, Universität Tübingen
Professor Frank Lobigs, Institut für Journalistik, Technische Universität Dortmund

Nähere Informationen zu Referenten und Vorträgen finden Sie online unter www.zak.kit.edu/colloquium_fundamentale.


Das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ist eine Körperschaft des öffentlichen Rechts nach den Gesetzen des Landes Baden-Württemberg. Es nimmt sowohl die Mission einer Universität als auch die Mission eines nationalen Forschungszentrums in der Helmholtz-Gemeinschaft wahr. Thematische Schwerpunkte der Forschung sind Energie, natürliche und gebaute Umwelt sowie Gesellschaft und Technik, von fundamentalen Fragen bis zur Anwendung. Mit rund 9000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, darunter knapp 6000 in Wissenschaft und Lehre, sowie 24 000 Studierenden ist das KIT eine der größten Forschungs- und Lehreinrichtungen Europas. Das KIT verfolgt seine Aufgaben im Wissensdreieck Forschung – Lehre – Innovation.