Freitag, 2. Juni 2017

Droht in Südafrika "der wahre Zuma"?

aus Der Standard, Wien, 1. Juni 2017, 17:14 

Korruptionsvorwürfe gegen Zuma und Gupta-Familie in Südafrika 
Unternehmerfamilie, die dem Präsidenten nahesteht, soll bei staatlichen Aufträgen hunderte Millionen Euro abgezweigt haben



Sollten bislang noch ein paar Puzzlestücke gefehlt haben, so ist das ganze Ausmaß des Morasts jetzt endgültig zum Vorschein gekommen. Nelson Mandelas Regenbogenstaat wird von einer Kabale beherrscht, die Staatspräsident Jacob Zuma gemeinsam mit einer indischstämmigen Unternehmerfamilie, den Guptas, sowie einigen Dutzend Eingeweihten in hohen Positionen schmiedete: Zigtausende E-Mails, die südafrikanischen Enthüllungsjournalisten zugespielt worden sind, haben das finstere Bild jetzt komplettiert.

Die am Donnerstag unter dem Titel "Gupta-Leaks" in dem angesehenen Online-Dienst "Daily Maverick" veröffentlichten Auswertungen eines Teils des elektronischen Briefverkehrs machen deutlich, wie die mit Zuma befreundete Gupta-Familie eine Parallelregierung errichtet und die Steuerzahler um Milliarden Rand betrogen hat. Die Bürger Südafrikas mussten für vom staatlichen Eisenbahnkonzern Transnet unter dubiosen Bedingungen erworbene Lokomotiven offenbar hunderte Millionen Euro mehr bezahlen, um die Gupta-Familie reich zu machen – während der Stromkonzern Eskom dafür sorgte, dass Gupta-Firmen Aufträge in Millionenhöhe zukamen.

Gleichzeitig wurden in südafrikanischen Botschaften in Indien Erfüllungsgehilfen platziert, um Gupta-Vertrauten regelwidrig Visa- oder gar Staatsbürgerschaftsurkunden auszuhändigen. Erstmals wird auch deutlich, wie tief der von Zuma erst kürzlich gegen den Widerstand von Teilen seiner eigenen Partei zum Finanzminister ernannte Malusi Gigaba in die Machenschaften verwickelt ist: Als Minister für Staatsunternehmen war er am Transnet-Deal beteiligt und als Innenminister zuständig für Konsular-Angelegenheiten.

Lukrative Lokomotive

Schon seit geraumer Zeit ist klar, dass die Guptas hinter zahlreichen Personalentscheidungen des Präsidenten standen: Die Vertrauten der drei Brüder wurden sowohl ins Kabinett wie in die höchsten Managementetagen und Aufsichtsgremien von Staatsunternehmen gehievt. Das skandalöseste Detail der Machenschaften fiel den Journalisten im Zusammenhang mit Transnet in die Hände: Die E-Mails belegen, dass die Gupta-Firma Tequesta Group Ltd vor zwei Jahren 21 Prozent des Kaufpreises von 554 elektrischen Lokomotiven abzweigte – ausschließlich für die Vermittlung des Deals, und ohne dafür irgendwelche Dienstleistungen zu vollbringen. Diese 21 Prozent aus dem Vertrag mit dem chinesischen Hersteller China South Rail (CSR) machten umgerechnet mehr als 320 Millionen Euro aus.

Zumindest einen Teil ihrer Beute wussten die drei Gupta-Brüder ins Ausland zu retten: Im teuersten Stadtteil Dubais, den Emirates Hills, erwarben sie sich ein Anwesen für 331 Millionen Rand (rund 23 Millionen Euro) mit zehn Schlafzimmern, zwölf Bädern, neun Empfangsräumen und einem großen Tresor. Auch Zumas Sohn Duduzane, der als Direktor mehrerer Gupta-Firmen fungiert, legte sich in Dubai Grundbesitz zu – in Form einer Wohnung im zweithöchsten Gebäude der Welt, dem Burj Khalifa, für umgerechnet 1,25 Millionen Euro. Bereits am Wochenende waren südafrikanischen Zeitungen E-Mails zugespielt worden, in denen Präsident Zuma den Emir von Dubai davon unterrichtete, dass er Dubai zu seiner "zweiten Heimat" machen wolle und in Emirates Hills bereits ein Anwesen erworben habe. Zuma bestritt inzwischen, eine derartige Mail jemals geschrieben zu haben oder ein Haus in Dubai zu besitzen.

Der "wahre Zuma"

Bereits seit Monaten fordern Kritiker Zumas Rücktritt: Zuletzt sah sich der ANC-Präsident am Wochenende mit einem Misstrauensantrag im höchsten Gremium seiner Partei konfrontiert. Der Öffentlichkeit zugespielten Informationen zufolge reagierte er mit Drohungen: "Schubst mich nicht zu weit, sonst bekommt ihr den wahren Zuma zu sehen", soll er am Ende einer 90-minütigen Verteidigungsrede gesagt haben, in der er außerdem "westliche Kräfte" für die Kampagne gegen ihn verantwortlich gemacht habe.

Politische Beobachter sehen das Kap der Guten Hoffnung nach den Gupta-Leaks in eine labile Phase treten. "Das sind die letzten Tage von Zuptastan"*, schreibt der Kolumnist Adriaan Basson: "Und wie ein verletztes Tier ist Jacob Zuma jetzt am gefährlichsten." 

*) =Zuma/Guptastan






Donnerstag, 1. Juni 2017

Luftverschmutzung seit zweitausend Jahren.

aus scinexx                                                                          Der Colle Gnifetti in den Alpen

Europa: Luftverschmutzung schon seit 2.000 Jahren
Erhöhte Bleiwerte schon lange vor der industriellen Revolution nachweisbar

Dicke Luft: Der Mensch verpestet die Luft über Europa schon seit mindestens 2.000 Jahren mit Blei – und wahrscheinlich auch anderen Schadstoffen. Das belegt jetzt die Analyse eines Eisbohrkerns aus den Alpen. Entgegen bisherigen Annahmen begann damit die Luftverschmutzung schon lange vor der industriellen Revolution. Die einzige deutliche Pause gab es um das Jahr 1350 – als die Pest halb Europa dahinraffte.

Neben "klassischen" Luftschadstoffen wie Stickoxiden, Feinstaub oder Ozon, atmen wir auch mit der Luft auch winzige Mengen Blei ein. Dieses Schwermetall gilt als extrem giftig, denn es kann schon in kleinsten Dosen das Nervensystem schädigen und die Fortpflanzung stören. Vor allem bei Kindern kann eine schleichende Vergiftung mit Blei zu Verhaltensstörungen und mentalen Defiziten führen.
 

Ab wann die Bleibelastung der Luft jedoch als erhöht gilt und wo der natürliche, vom Menschen unbeeinflusste Bleigehalt der Atmosphäre liegt, war bisher unbekannt. Unter anderem deshalb nutzten Wissenschaftler und Behörden bisher die Bleiwerte vor der Industrialisierung als Referenzwert – in der Annahme, dass es damals noch keine Bleiemissionen durch den Menschen gab.

Eisbohrkern als Bleianzeiger

Jetzt enthüllen Alexander More von der Harvard University und seine Kollegen, dass diese Annahme falsch ist. Für ihre Studie hatten sie einen Eisbohrkern aus dem Colle Gnifetti Gletscher im italienischen-schweizerischen Grenzgebiet der Alpen entnommen. Der 72 Meter lange Bohrkern liefert Eis aus rund 21.000 Jahren europäischer Geschichte Mit dem im Laufe der Zeit abgelagerten Schnee und der darin enthaltenen Luft hat der Eisbohrkern auch die atmosphärischen Bleigehalte der letzten 2.000 Jahre konserviert. Mit Hilfe von lasergestützten, hochgenauen Massenspektrometer-Analysen gelang es den Forschern, die Bleibelastung bis auf das Jahr genau zu rekonstruieren.

Verschmutzt schon seit 2.000 Jahren

Das überraschende Ergebnis: "Die neuen Daten zeigen, dass die europäische Luft der letzten 2.000 Jahre nahezu ununterbrochen mit Blei aus menschlicher Aktivität verschmutzt wurde", berichten die Forscher. Schon lange vor der industriellen Revolution waren demnach die Bleiwerte der Luft messbar erhöht. Quellen des Schwermetalls war vor allem der Erzabbau, aber auch die Metallverarbeitung.

 

"Unsere Ergebnisse zeigen, dass das, was wir für die natürliche Hintergrundbelastung durch Blei hielten, in Wirklichkeit ebenfalls anthropogenen Ursprungs ist – und das schon seit 2.000 Jahren", konstatieren More und seine Kollegen. "Das hat weitreichende Bedeutung für aktuelle Politikentscheidungen in Umwelt, Industrie und öffentlicher Gesundheit."

 
Bleiwerte der Luft in der Zeit vom Jahr 1 bis 2007 - das Absacken während der Pest-Pandemie ist klar zu erkennen.
Kollaps durch den "Schwarzen Tod"

Den Beleg dafür, dass die gemessenen Bleiwerte tatsächlich aus menschlicher Aktivität stammen, lieferten die Bohrkerndaten für die Jahre 1349 bis 1353. Denn in dieser Zeit sackten die Messwerte abrupt auf Werte unter der Nachweisgrenze und damit nahezu Null ab. "Als wir das Ausmaß dieses Absinkens sahen – und das nur ein einziges Mal in den gesamten 2.000 Jahren - waren wir fasziniert", sagt More.


Ein Blick in die Geschichte enthüllt die Ursache für die plötzliche "Bleipause": In dieser Zeit grassierte in Europa die Pest. Der "Schwarze Tod" raffte ein Drittel bis knapp die Hälfte der Bevölkerung dahin und brachte nahezu alle wirtschaftlichen Aktivitäten zu Erliegen – und damit auch den Abbau und die Verarbeitung von Blei und anderen schwermetallhaltigen Erzen. Als Folge sank auch die Bleibelastung der Luft auf nahezu null. Weitere, weniger ausgeprägte Senken in den Bleiwerten gab es im Jahr 1460, in der eine weitere Epidemie die Wirtschaft und damit die Bleinachfrage schwächte, und im Jahr 1885, bedingt durch eine starke Wirtschaftskrise.


Wahre Hintergrundbelastung ist fast Null

Die Messwerte aus der Zeit der Pest-Pandemie belegen, dass trotz des Vorhandenseins von Blei in der Erdkruste von Natur aus kaum etwas davon in die Luft gelangt, wie die Forscher erklären. Ohne den menschlichen Einfluss liegt die natürliche Bleibelastung der Luft demnach fast bei Null – und nicht bei den bisher als natürlich angesehenen präindustriellen Werten.

 
"Die neuen Messungen bedeuten einen signifikanten Wandel in unserem Verständnis der atmosphärischen Bleibelastung", sagen die Forscher. "Denn das, was bisher als natürlicher Hintergrund galt und daher als gesundheitlich unbedenklich, war nicht natürlich. Es widerspricht auch unserer Annahme, dass vorindustrielle Bleiwerte keinen Effekt auf die menschliche Gesundheit hatten – weil sie natürlich waren." (GeoHealth, 2017; doi: 10.1002/2017GH000064)

(American Geophysical Union, 01.06.2017 - NPO)

Mittwoch, 31. Mai 2017

Ihre beste Zeit kommt erst noch.



Ihre besten Jahre habe sie hinter sich, raunen die Auguren. Doch hat sie ihre größten Prüfungen sicherlich vor sich, schon heute und morgen. Wie wir sie inzwischen kennen, wird sie davor nicht einknicken. Ihre beste Zeit kommt erst noch. 





Sonntag, 28. Mai 2017

Vor 70 Jahren: der Marshall-Plan.

aus Der Standard, Wien, 27. Mai 2017, 14:00                                  George Marshall, M., und Harry S. Truman, 2. v. l.

Marshallplan: Die Geburt des Westens
Der vor 70 Jahren initiierte Marshallplan war nicht nur ein ungemein erfolgreiches Wiederaufbauprogramm für Europa, sondern schuf die Grundlage für eine neue Weltordnung – die US-Präsident Donald Trump nun bedroht 

Essay von  

Es war eine kurze, nüchterne Rede, die US-Außenminister George Marshall am 5. Juni 1947 an der Harvard University hielt. In zwölf Minuten beschrieb er das wirtschaftliche Elend in Europa und schlug eine konzertierte Hilfe der US-Regierung vor, vor allem, um den dramatischen Mangel an Devisen für den Import lebenswichtiger Güter zu finanzieren. "Es ist logisch, dass die Vereinigten Staaten alles in ihrer Macht Stehende tun sollen, um bei der Wiederherstellung einer normalen wirtschaftlichen Gesundheit zu helfen, ohne die es keine politische Stabilität und keinen Frieden geben kann."

Aus diesen Worten erwuchs innerhalb weniger Monate das größte und erfolgreichste internationale Hilfsprogramm der Geschichte. Der Marshallplan dient bis heute als Vorbild für alle größeren internationalen Hilfsinitiativen, von denen allerdings keine ihm auch nur nahekommen konnte. Die – je nach Rechnung – 13 bis 16 Milliarden Dollar, die von 1948 bis 1952 nach Europa flossen, machten rund 2,5 Prozent des amerikanischen BIPs aus – eine heute unvorstellbar hohe Summe. Dazu kamen vergleichbare Gelder für Japan. Jeder einzelne Amerikaner zahlte jahrelang höhere Steuern, um Verbündeten und früheren Feinden aus ihrer Misere zu helfen. Der Marshallplan wirkte aber nicht nur wegen dieser Großzügigkeit und seiner umfassenden wirtschaftspolitischen Auflagen, sondern auch, weil die europäische Wirtschaft hochentwickelt und im Kern gesund war. Sie musste nur wieder in Gang gebracht werden.

Bei der Entstehung dabei

Was Marshall und die Regierung von Präsident Harry Truman damals taten, war allerdings mehr als nur ein wirtschaftliches Projekt. Der Marshallplan war die Grundlage für die Schaffung einer Staatengemeinschaft, die ähnlichen politischen und wirtschaftlichen Werten verpflichtet ist und diese in alle Welt hinaustragen will. Marshalls Rede vor 70 Jahren war die Geburtsstunde dessen, was bis heute der Westen genannt wird. Present at the Creation ("Bei der Entstehung dabei") hat Marshalls damaliger Vertrauter und Nachfolger Dean Acheson, der eigentliche Architekt des Marshallplanes, seine Autobiografie bezeichnenderweise genannt.

Alle Elemente dieser liberalen internationalen Weltordnung waren in seiner Rede enthalten: das Bekenntnis zu Frieden, Demokratie, Marktwirtschaft, freiem Handel und gegenseitiger Solidarität. Nicht Wettbewerb, sondern Kooperation sei das wichtigste Ziel jeder Außen- und Wirtschaftspolitik, das Wohlergehen eines Staates hänge von dem der anderen ab. Diese Gemeinschaft stehe allen Ländern offen, die sich zu den gemeinsamen Werten bekennen; selbst die Sowjetunion war von Marshalls Vorhaben nicht ausgeschlossen. Aber eines stellte er klar: Die Welt brauche eine starke Führung, die mangels Alternative von den USA ausgehen müsse.

Welch ein Kontrast zur 15-Minuten-Rede, die US-Präsident Donald Trump bei seiner Angelobung am 20. Jänner 2017 hielt: Sein "Amerika zuerst"-Appell signalisierte das mögliche Ende jener Ära, die Marshall einst eingeleitet hatte. Seither beobachtet die ganze Welt mit Misstrauen und Sorge, ob Marshalls Visionen oder diejenige von Trumps strategischem Berater Stephen Bannon die amerikanische Politik der kommenden Jahre bestimmen wird. In einem Artikel im aktuellen Foreign Affairs schreibt der prominente Politikwissenschafter John Ikenberry in Anlehnung an einen Philip-Roth-Roman über die "Verschwörung gegen Amerikas Außenpolitik" und stellte darin das Überleben der liberalen Weltordnung infrage.

Wie diese Schlacht innerhalb des Weißen Hauses ausgeht, ist offen. Auch wenn Trumps Instinkte und Worte – nun auch auf seiner Europareise – in eine andere Richtung gehen, stehen viele seiner außenpolitischen und wirtschaftlichen Berater fest in Marshalls und Achesons Tradition und halten den Präsidenten immer wieder davon ab, die von den USA ab 1947 geschaffene Weltordnung – die Welthandelsorganisation, die Nato, die Uno – zu zerstören.

Auch in Europa steht beim Brexit und beim nunmehr gestoppten Vormarsch rechtspopulistischer Kräfte Marshalls Vermächtnis auf dem Spiel. Denn der Marshallplan war auch die Geburtsstunde der europäischen Integration. Schon in seiner Rede vor 70 Jahren forderte der US-Außenminister die europäischen Staaten auf, gemeinsam ihre Bedürfnisse und Beiträge zum Wiederaufbau zu definieren. Zu diesem Zweck gründeten die USA mit ihren Verbündeten 1948 die Organisation für europäische wirtschaftliche Zusammenarbeit (OEEC), aus der Jahre später die OECD wurde. Sie war die Keimzelle einer gemeinsamen europäischen Wirtschaftspolitik und half beim Abbau von Handelsschranken und der Erleichterung grenzüberschreitender Investitionen.

Keimzelle Europas

Ebenso wichtig war ab 1950 die Europäische Zahlungsunion (EZU), die dem Ausgleich von Defiziten und Überschüssen zwischen den Leistungsbilanzen europäischer Staaten diente – eine Aufgabe, die später vom freien Kapitalverkehr übernommen wurde, aber seit Ausbruch der Euroschuldenkrise wieder zum Teil von überstaatlichen Einrichtungen erfüllt werden muss. Aus diesen US-gesponserten Institutionen erwuchs 1951 die Montanunion, die Keimzelle der späteren Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft und der EU.

Die Unterstützung der europäischen Integration war 70 Jahre lang ein Grundprinzip der US-Außenpolitik; die USA nahmen dafür auch die Schlechterstellung ihrer Waren und Dienstleistungen im europäischen Binnenmarkt in Kauf, um den Frieden auf dem Kontinent zu sichern, auf dem sie zweimal in den Krieg ziehen mussten. Wieder war es Trump, der – zumindest während des Wahlkampfes – diese Haltung als Erster infrage stellte und die EU als von Deutschland geführte Verschwörung gegen US-Handelsinteressen darstellte.

Der Marshallplan wurde auch deshalb zum Geburtshelfer des Westens, weil er die Teilung Europas begründete. Marshalls Angebot richtete sich zwar an alle Europäer vom Atlantik bis zum Ural. Aber wie der österreichische Historiker und Marshallplanexperte Günter Bischof in seinem neuen Buch beschreibt, entschied die Sowjetunion sehr rasch, dass dies ein amerikanischer Plan für eine "westliche Blockbildung" war – und zwang die Staaten unter ihrer Kontrolle, den Plan abzulehnen. Das war insofern richtig erkannt, als der Marshallplan auch darauf abzielte, "durch Schaffung von Wohlstand der Attraktivität der Sowjetunion entgegenzutreten", sagt Bischof. "Der Eiserne Vorhang wurde zur Wohlstandsgrenze", die bis heute zu spüren ist.

Das betraf vor allem Österreich. "Dass Österreich teilnehmen konnte, war eminent wichtig für die Westbindung des Landes", sagt Bischof. Dies sei auch der Klugheit der US-Militärs damals zu verdanken, die sicherstellten, dass Marshallplanmittel auch in die sowjetische Ostzone fließen würden – wenn auch weniger als in den Westen.

Und die Teilnahme an den OEEC-Sitzungen in Paris prägte eine ganze Generation österreichischer Politiker, sagt Bischof: "Kreisky schrieb einmal: Österreicher gingen nach Paris und wurden dort zu Europäern."

Langsamer Zerfall

Wie sehr der Marshallplan und die westliche Allianz Bauplan für eine liberale Weltordnung oder Instrument des Kalten Krieges waren, darüber gehen bis heute die Meinungen auseinander. Politikwissenschafter aus der Schule des Realismus wie Stephen Walt sagten schon in den 1990er-Jahren den langsamen Zerfall des Westens voraus (The Ties That Fray – Why Europe and America are Drifting Apart), nachdem der gemeinsame Feind Sowjetunion abhandengekommen sei.

Aber trotz aller Spannungen, vor allem nach der US-Invasion des Irak, hat Marshalls Vision der gemeinsamen Wirtschaftsinteressen, politischen Ziele und Werte überlebt – und ist heute nicht mehr auf Nordamerika und Europa beschränkt. Und auch die ersten Monate der Trump-Präsidentschaft geben Grund zur Hoffnung, dass die Idee des Westens auch diese Präsidentschaft überlebt.

Günter Bischof, Hans Petschar, "Der Marshallplan seit 1947. Die Rettung Europas – Der Wiederaufbau Österreichs". Brandstätter-Verlag. Erscheinungstermin: 12. Juni

Mittwoch, 24. Mai 2017

Don Alfonso über Leitkultur.

aus FAZ.NET, 24. 5. 2017

... Man kann die Idee einer Leitkultur und einer Identität leicht verneinen, wenn man sich über Normen einig ist: Dann scheint es, als gäbe es so etwas gar nicht, weil es jeder automatisch tut, und man es nicht als relevant ansieht. Niemand käme auf die Idee, Ehebruch in Deutschland zu einer gesellschaftlichen Norm zu erklären: Das wird halt bei uns so gemacht, bis hinauf zum höchsten Politikerinnen und Politikern gleich welcher Partei. 

Dass es sehr wohl etwas mit unserer Identität zu tun hat, merkt man erst, wenn man in die andernorts geltende Scharia blickt. Es muss ja nicht gleich Steinigung sein, aber es gibt international sehr unterschiedliche Vorstellungen, welches Verhalten statthaft ist. 

Man denkt darüber einfach nicht nach, wenn man daheim ist. Aber wer nicht glaubt, dass es so etwas wie eine spezifisch deutsche Leitkultur gibt, sollte einfach längere Zeit im Ausland verbringen – es muss noch nicht einmal Iran oder Nordkorea sein.



 

Sonntag, 21. Mai 2017

Eine Ethik für die digitale Revolution?


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Innovation 4.0: Der Mensch im Mittelpunkt der vierten industriellen Revolution

Claus Schönberner 
Pressestelle 
Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb

17. 5. 2017

Eine Standortbestimmung von Ethik in der 4.0-Ära: Das World Forum for Ethics in Business und das Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb haben eine Konferenzserie ins Leben gerufen, um eine Debatte aller beteiligten Akteure zum Thema „Ethik in der Innovation“ anzustoßen. Die erste Konferenz findet vom 26. bis 27. Juni 2017 in München statt.
Vor dem Hintergrund, dass sich die Welt, wie wir sie kennen, in einem unglaublich hohen Tempo verändert, gibt es Vorhersagen, dass 40 Prozent der weltweit führenden Unternehmen in einem Jahrzehnt nicht mehr existieren werden, wenn sie sich nicht ausreichend auf die neue Ära vorbereiten. Zweifellos ist die vierte industrielle Revolution im Begriff, eine Welt zu schaffen, in der virtuelle und physische Systeme flexibel miteinander zusammenarbeiten. Sie verändert nicht nur, wie wir arbeiten, leben und miteinander in Beziehung treten, sondern auch die Essenz dessen, was es bedeutet, Mensch(lich) zu sein.

In Anbetracht der Notwendigkeit, ethische Standards, Regulierungen und Führungsstrukturen im Bereich Innovation zu diskutieren und neu zu definieren, richten das Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb und das World Forum for Ethics in Business, in Partnerschaft mit dem Europäischen Patentamt, dem Deutschen Patent- und Markenamt sowie dem Peter Löscher Lehrstuhl für Wirtschaftsethik der Technischen Universität München, die „Münchner Konferenzreihe über Ethik in der Innovation“ aus. Die erste Konferenz findet vom 26. bis 27. Juni 2017 im Deutschen Patent- und Markenamt in München statt und konzentriert sich auf die Informations- und Kommunikationstechnologien mit besonderem Schwerpunkt auf Innovationen im digitalen Zeitalter, einschließlich künstlicher Intelligenz, Internet of Things und Big Data.

Die Konferenz wird rund 300 globale Denker und führende Experten aus Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Nichtregierungsorganisationen zusammenbringen und verschiedene zentrale Fragen adressieren:

• Innovation 4.0: Kann Wachstum wirklich das übergeordnete Leitbild der vierten industriellen Revolution sein? Wie können wir sicherstellen, dass diese Revolution gemeinsame Werte generiert und menschlich zentriert ist, anstatt zu trennen und zu entfremden?


• Leadership 4.0: Welche Art von Führung benötigen Organisationen, um innovativ sein und sich mit der erforderlichen Geschwindigkeit verändern zu können?


• Bildung 4.0: Kann wertorientierte Bildung die Antwort auf die Notwendigkeit adäquater Führung sein?
• Corporate Social Responsibility 4.0: Wie können wir sicherstellen, dass die vierte industrielle Revolution nicht „ihre Kinder frisst“, sondern tatsächlich gemeinsame Werte schafft?

Zu den bestätigten Referenten zählen unter anderen Prof. Dr. Ferdi Schüth, Vizepräsident der Max-Planck-Gesellschaft; Prof. Dr. Josef Drexl, Direktor am Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb; Prof. Dr. Christoph Lütge, Peter Löscher Lehrstuhl für Wirtschaftsethik an der TU München; Sri Sri Ravi Shankar, Gründer des World Forum for Ethics in Business; Jo Leinen, Mitglied des Europäischen Parlaments; Jaan Tallinn, Mitbegründer von Skype; Robert Hansor, Direktor für globale Nachhaltigkeitspolitik und Systeme bei Huawei Technologies; sowie Prof. Dr Luciano Floridi, Universität Oxford.

Ein Highlight der Konferenz wird der „Appell der Jugend“ sein: Ausgewählte Studenten und Berufseinsteiger bekommen die Möglichkeit, drei Tage vor der Konferenz im Rahmen des „World Youth Forum“ an einem ganzheitlichen Leadership-Training teilzunehmen, bei dem sie mit internationalen Führungspersönlichkeiten interagieren (https://www.wyfei.org/). Bereits über 350 junge Menschen aus mehr als 30 Ländern haben in den letzten Jahren an einem „World Youth Forum“ teilgenommen. Für dieses Jahr haben sich bereits rund 200 Studenten aus der ganzen Welt beworben; die Bewerbungsfrist wurde bis 30. Mai 2017 verlängert. Das Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb wird die Top 50-Kandidaten am 1. Juni 2017 bekannt geben.

Die mit der „Ethics in Innovation“-Konferenz und dem „World Youth Forum“ verbundene Forschung wird von einem international besetzten Team unter Führung von Prof. Dr. Josef Drexl, Prof. Dr. Christoph Lütge, Dr. Mrinalini Kochupillai und Dr. Arul Scaria durchgeführt.

Die Konferenz ist für die Öffentlichkeit zugänglich. Weitere Informationen, insbesondere zur Anmeldung und zu den Referenten, finden Sie unter: http://wfeb.org/


Über die Veranstalter

Das World Forum for Ethics in Business (WFEB) ist eine eingetragene, gemeinnützige Stiftung mit Sitz in Belgien (N° 822.216.342). Der Auftrag des Forums beinhaltet die unterschiedlichsten Aktivitäten, um unverzichtbare ethische Grundlagen wirtschaftlichen Handelns in einer globalisierten Umgebung zu verfolgen und zu etablieren. Sie stellt eine Plattform bereit zur Förderung und zum Schutz der Lösungsansätze für ethisches Verhalten in Unternehmen sowie im Bereich Unternehmensführung, Sie erleichtert den weltweiten Dialog und fördert die Zusammenarbeit zwischen dem privaten Sektor, der Wissenschaft, den Regierungsbehörden, den internationalen Organisationen und den Medien. Ebenso gilt das Hauptaugenmerk der Organisation auch den spirituellen und säkularen Gemeinschaften sowie allen anderen Interessengruppen. Das WFEB hält einen Sonderberaterstatus im Wirtschafts-und Sozialrat der Vereinten Nationen inne. Präsidentin des World Forum for Ethics in Business ist Rajita Kulkarni. Vorstandsmitglieder sind Abha Joshi-Ghani, Vice-President, Leadership, Learning and Innovation, The World Bank; Jo Leinen, Mitglied des Europäischen Parlaments, Nirj Deva, Mitglied des Europäischen Parlaments, Madhu Rao, Vice-Chairman der Shangri-La Hotelkette, Roland Glaser, früherer CEO der Minerva Schulen und Ram Lakhina, Vorsitzender der Indischen Industrie- und Handelskammer in den Niederlanden. Managing Directors des WFEB sind Christoph Glaser und Ewald Poeran. Weitere Informationen unter: http://wfeb.org/

Im Mittelpunkt der Forschung am Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb stehen die Erforschung von Innovations- und Wettbewerbsprozessen sowie die Erarbeitung von Vorschlägen für die Gestaltung der Rahmenbedingungen für diese Prozesse. Die Forschungsfragen werden in einer rechtswissenschaftlichen und einer wirtschaftswissenschaftlichen Abteilung untersucht. Das Institut wurde im Jahr 1966 als Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Patent-, Urheber- und Wettbewerbsrecht gegründet. Nach der Einrichtung einer neuen wirtschaftswissenschaftlichen Abteilung wurde es im Jahr 2013 in Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb umbenannt. Das Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb ist eines von 83 Instituten der Max-Planck-Gesellschaft, eine von Deutschlands führenden Forschungsorganisationen. In der Auswahl und Durchführung ihrer Forschungsaufgaben sind die Max-Planck-Institute frei und unabhängig. Sie verfügen daher über einen eigenen, selbst verwalteten Haushalt, der durch Projektmittel von dritter Seite ergänzt werden kann. Die Forschung am Institut muss den wissenschaftlichen Exzellenzkriterien der Max-Planck-Gesellschaft genügen, was durch regelmäßige Evaluation überprüft wird. Weitere Informationen unter: http://ip.mpg.de/