Donnerstag, 14. April 2022

Er kann nur noch auf dem Schlachtfeld gestoppt werden.

zeit.de

Die bonapartistische Logik seines autokratischen Regimes lässt Putin keine Wahl: Vorwärts immer, rückwärts nimmer. Er hat sich gegenüber der Welt und gegenüber seinem Land in eine Situation gebracht, wo er sich auf keine diplomatische Lösung mehr einlassen kann. Er kann nur gestoppt werden, wenn er besiegt wird: zu Felde. 

 

Mittwoch, 13. April 2022

Natürlich müssen verdiente Parteiarbeiter*innen versorgt werden...

deutschlandfunk

...sonst haben unsere Parteien bald dieselben Nachwuchssorgen wie unsere Kirchen.                Im Beruf des Vollzeitpolitikers müsste es auch Pensionsberechtigung geben und Vorzugsregelungen für die Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Familie.

 

 

Dienstag, 12. April 2022

Als das Rad erfunden wurde.


aus scinexx.de Die beiden dunklen Streifen im Vordergrund sind wahrscheinlich 5.400 Jahre alte Spuren eines jungsteinzeitlichen Rinderkarrens.

Älteste Radspuren der Welt entdeckt
Spuren eines Rinderkarrens in Norddeutschland stammen aus der Zeit vor gut 5.400 Jahren

Spannender Fund: In der Nähe von Kiel haben Archäologen die bisher ältesten Radspuren der Welt entdeckt. Die dunklen Fahrspuren entstanden schon rund 3400 Jahre vor Christus und stammen wahrscheinlich von jungsteinzeitlichen Rinderkarren. Ähnliche Spuren aus anderen Regionen Europas sind einige hundert Jahre jünger. Das könnte darauf hindeuten, dass die Menschen in Mitteleuropa diese innovative Form des Transports ähnlich früh nutzten wie der Nahe Osten.

Die Jungsteinzeit war eine Zeit der Umbrüche: Die Menschen begannen nicht nur sesshaft zu werden und Landwirtschaft zu betreiben, auch ihre Kultur, Sozialstruktur und Technologie änderte sich tiefgreifend. Sie züchteten neuen Nutzpflanzen, domestizierten Tiere und entwickelten auch neue Methoden des Bauens, der Landbewirtschaftung und des Transports. Unter letzten waren auch die ersten, noch von Rindern gezogenen Wagen.

Ein Megalith-Friedhof aus der Jungsteinzeit

Bisher gingen Archäologen davon aus, dass die ersten von Tieren gezogenen Karren im Nahen Osten entstanden sind. Denn dort begann Genstudien zufolge vor rund 10.000 Jahren auch die Domestikation der Rindern. Später könnten Menschen in Europa einige Nachfahren dieser Rinder mit wilden Auerochsen gekreuzt haben, um besonders robuste, starke Arbeitstiere zu erhalten. Diese wurden dann unter anderem für das Pflügen und das Ziehen von Rinderkarren eingesetzt.

Doch Funde in Flintbek bei Kiel werfen nun ein neues Licht auf die Entwicklung der Rinderkarren. Ein Archäologenteam unter Leitung von Doris Mischka von der Universität Kiel führt dort schon seit längerem Ausgrabungen in einem der größten Megalith-Friedhöfe Europas durch. Bisher wurden in dieser sogenannten „Flintbeker Sichel“ neben zahlreichen Ganggräbern aus der frühen Bronzezeit auch sieben Großgräber und 14 Dolmen-Grabhügel aus der Jungsteinzeit entdeckt, die sich sichelförmig aneinanderreihen.

Dunkle Streifen im Untergrund

Unweit dieser Gräber stieß das Forschungsteam bei den Ausgrabungen auf zwei zunächst unscheinbare, braune Linien im Boden. Erste Untersuchungen ergaben, dass die Breite dieser Streifen genau mit der Breite von jungsteinzeitlichen Holzrädern übereinstimmt, in man unter anderem in einigen Mooren Norddeutschlands gefunden hat. Nach Angaben der Archäologen entsprechen die Abstände der beiden Rillen zueinander zudem der Achslänge der typischen jungsteinzeitlichen Rinderkarren.

Steinzeit-Szene
Der von Rindern gezogene Wagen könnte beim Bau der Megalithgräber geholfen haben, wie hier auf dem Titelbild der Publikation dargestellt. 

Datierungen zufolge stammen die Wagenspuren aus Flintbek aus der Zeit um 3400 vor Christus. Sie sind damit einige hundert Jahre älter als die bisher aus anderen Regionen Europas und Südwestasiens bekannten Spuren dieses prähistorischen Vehikels, wie Mischka berichtet. Die unscheinbaren dunklen Streifen im steinzeitlichen Untergrund von Flintbek könnten demnach sogar die ältesten Wagenspuren der Welt sein.

Steinzeit-Hightech in Mitteleuropa

Die Entdeckung der Wagenspuren belegt zum einen, dass die Menschen in der Flintbecker Sichel bereits dieses damals neue Transportmittel für den Bau ihrer Gräber einsetzten. Gleichzeitig aber könnte dies aus belegen, dass die Rinderkarren nicht nur im Nahen Osten erfunden wurden, wie bisher angenommen. Stattdessen könnten auch Menschen in Mitteuropa diese Technik parallel entwickelt haben.

„Es ist eindeutig, dass die Menschen in Mitteleuropa ebenso früh wie jene des Nahen Osten hochtechnologisiert waren“, kommentiert der Kieler Archäologe Johannes Müller die Ergebnisse. „Das Ergebnis rückt Flintbek in das Zentrum einer der entscheidenden Innovationen der Menschheit.“ (Das Neolithikum in Flintbek, Doris MIschka, 2022)

Quelle: Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Mittwoch, 6. April 2022

Das weltwirtschaftlich dringendste Gebot.

euromaidanpress

Auch wirtschaftlich - welt wirtschaftlich - ist gegenwärtig das dringendste Gebot, dass Putin seinen Krieg verliert.

Es wird nicht lange dauern, dann wird das Aufrechnen beginnen. Aber da gibt es nichts auf-zurechnen. Putins Sieg wäre auch wirtschaftlich eine Katastrophe.


Dienstag, 5. April 2022

Merkels strategischer Irrtum.

Die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel und der damalige französische Präsident Nicolas Sarkozy 2008 auf einem NATO-Gipfel in Bukarest  

aus FAZ.NET, 4. 4. 2022

Die NATO und die Ukraine
Merkels strategischer Fehler
Selenskyj wirft Merkel vor, sie habe auf dem NATO-Gipfel 2008 eine falsche Entscheidung getroffen. In der Tat war dieses Treffen kein Meisterwerk westlicher Diplomatie

Ein Kommentar von Nikolas Busse

Niemand im Westen, auch nicht die frühere Bundeskanzlerin, ist schuld daran, dass Putin ein friedliches Nachbarland überfallen hat. Für diese gewissenlose Entscheidung ist allein der russische Präsident verantwortlich.

Allerdings ist der NATO-Gipfel 2008 in Bukarest, auf dem Merkel nichts falsch gemacht haben will, Teil der unseligen Vorgeschichte. Dieses Treffen, auf dem der Ukraine und Georgien der Beitritt zur Allianz versprochen wurde, war in der Tat von einer „Fehlkalkulation“ geprägt, wie Selenskyj sagt.

Rücksicht auf Russland

Auf dem Gipfel wollte der dama­lige amerikanische Präsident Bush eine schnelle Aufnahme der beiden früheren Sowjetrepubliken erreichen. Deutschland und Frankreich verhinderten das aus Rücksichtnahme auf Russland. Heraus kam ein ty­pischer Gipfelkompromiss. Die beiden Länder erhielten eine Zusage, der Beitritt wurde aber nicht vollzogen.

Das war die schlechteste aller Lösungen. Wäre die Ukraine aufgenommen worden, hätte Putin einen Angriff wohl nie gewagt; hätte der Beitritt nie in Aussicht gestanden, wäre zumindest dieser Vorwand für seine Übergriffe entfallen, die schon im selben Jahr mit dem Einfall in Ge­orgien begannen. Der Bukarester Be­schluss schuf in Osteuropa ein stra­tegisches Niemands-land, aus dem Putin seit 14 Jahren einzelne Teile herausschneidet. Das war kein Meisterwerk der westlichen Diplomatie.

 

Nota. - Heut wissen es alle: Putin in eine europäische Friedensordnung einzubeziehen, war von Anfang an eine Illusion; der Mann ist eine großrussischer Imperialist und ihm ist alles zuzutrauen. 

Erstens war es es vielleicht nicht von Anfang an, sondern ist es in der bonapartistischen Zwickmühle, in die er sich sehend begeben hat, erst geworden. Doch zweitens konnte er es nur werden, weil der Westen es ihm erlaubt hat. Das habe ich vor einem Lustrum vorherge-sehen: Ich meinte, man müsse eine Handvoll Knüppel parat halten, weil man sie bestimmt einmal brauchen würde. Doch dass es so bald und vor allem so dringend nötig würde, habe ich so wenig geahnt wie alle andern. Angela Merkel hat sich geirrt, das weiß jetzt jeder. Aber sie hätte mit ihrem Poker unter Umständen Recht behalten können. 

Dass Putin sich in eine Lage manövrieren würde, wo er nur sich selber Rechenschaft schuldet und ihm nicht einmal das bewusst ist, konnte keine*r wissen; sondern allenfalls ahnen. Doch dass sie es nicht geahnt hat, wird das Bild Angela Merkels in den Geschichtsbüchern dauerhaft trüben. Und dass ihr die russophile Schieflage bei ihrem Koalitionpartner nicht aufgestoßen ist, erst recht.
JE



Samstag, 2. April 2022

"Dieser Schritt würde Putin richtig wehtun"

Ukraine-Krieg | Historiker: "Dieser Schritt würde Putin richtig wehtun". Wladimir Putin: Ein deutscher Importstopp für russisches Gas würde sich als fatal für Russland erweisen, sagt Historiker Adam Tooze. (Quelle: imago images/Mikhail Metzel/TASS )
aus t-online, 30. 3. 2011

Die Ukrainer bitten um Hilfe, doch Deutschland zögert. Welche Gründe das Zau-dern hat und wie die Scholz-Regierung Putin richtig hart treffen könnte, erklärt der Historiker Adam Tooze im t-online-Interview.

Von Marc von Lüpke 

t-online: Professor Tooze, Wladimir Putin hat anscheinend geglaubt, die Ukraine ohne größere Konsequenzen für Russland angreifen zu können. Doch der Westen hat bislang einmalige wirtschaftliche Strafmaßnahmen verhängt. Reicht das aus? Oder müssten wir noch mehr gegen die russische Aggression unternehmen?

Adam Tooze: Deutschland befindet sich in der absurden Situation, dass es militärisch über keinerlei Optionen verfügt. Selbst wenn es sich in dieser Hinsicht engagieren wollte, was aber brandgefährlich wäre. Im Ukraine-Konflikt stolpert Deutschland von einem Offenbarungseid zum nächsten, es ist zurzeit einfach kein Machtfaktor.

Wie ließe sich dieser Missstand beheben?

Den Deutschen täte ein wenig Mut gut. Um für ihre eigenen Überzeugungen einzustehen. Blicken wir auf die Tatsachen: Deutschland verfügt derzeit über keine einzige voll einsetzbare Kampfbrigade. Das ist doch ein völliger Irrwitz für ein Land mit 83 Millionen Einwohnern. Wenn die Bundeswehr ein Unternehmen wäre, müssten wir aus betriebswirtschaftlicher Sicht von einem vollkommenen Versagen sprechen.

Weil der Verteidigungsetat im Haushaltsjahr 2021 trotz der militärischen Bedeutungslosigkeit der Bundeswehr mehr als 45 Milliarden Euro betragen hat?

Genau. Die Bundesrepublik gibt hohe Milliardensummen für ihre Verteidigung aus – zweimal so viel wie zum Beispiel Israel – und ist trotzdem nahezu wehrlos. Das Geld könnte sich Deutschland also getrost sparen. In dieser Krise stellt sich nun die Frage: Wollen die Deutschen ein ernstzunehmender sicherheitspolitischer Akteur in Europa und der Welt sein? Dann müssen sie die Milliarden für die Bundeswehr endlich gezielter und effektiver investieren. Oder sich eben dafür entscheiden, in Sachen Verteidigung weiterhin vollkommen von den Nato-Partnern abhängig zu sein. Ob Frankreich, Großbritannien und vor allem die USA dieses Spiel allerdings lange mitspielen werden, wage ich zu bezweifeln. Hoffen wir, dass die nun 100 Milliarden Euro für die Bundeswehr sinnvoll angelegt werden.

Die USA haben ihrerseits frühzeitig bei der Eskalation der Ukraine-Krise erklärt, sich nicht militärisch in diesen Konflikt einmischen zu wollen. 

Und daran hält Joe Biden wohlweislich fest, denn Wladimir Putin ist gefährlich. Russland ist nach wie vor eine Atommacht, das sollten wir nicht vergessen. So hat Biden stattdessen erklärt, dass die Vereinigten Staaten den Ukrainern weiter Waffen liefern und nachrichtendienstliche Informationen bezüglich des russischen Aufmarsches teilen werden. Aber ein direktes Eingreifen Washingtons vor Ort ist ausgeschlossen, egal, wie stark die Ukraine, Polen und andere dafür auch Stimmung machen.

Adam Tooze, Jahrgang 1967, ist einer der führenden Wirtschaftshistoriker der Gegenwart. Seine Bücher "Ökonomie der Zerstörung" und "Crashed. Wie zehn Jahre Finanzkrise die Welt verändert haben" sind Standardwerke. Tooze lehrt an der Columbia University in New York und ist zugleich Direktor des dortigen European Institute. Im letzten Jahr erschien Toozes neuestes Buch "Welt im Lockdown. Die globale Krise und ihre Folgen". Seinen Newsletter, "Chartbook", können Sie bei Substack lesen.

Der Preis dafür ist hoch.

Letztendlich zahlen die Ukrainer in Blut. Das ist auch Biden und den Amerikanern bewusst. Biden ist sicherlich von den Bildern bombardierter Städte in der Ukraine entsetzt, weiß aber auch, dass jeder weitere Schritt der USA noch weit schlimmere Folgen haben könnte. Insofern folgt sein Handeln einer Logik.

Wie effektiv sind denn eigentlich die vom Westen gegen Putin & Co. verhängten Sanktionen?

Sanktionen ist ein schwacher Ausdruck für die gegenwärtige Situation, wir befinden uns schlichtweg im Wirtschaftskrieg gegen Russland. Besagte Sanktionen verhängt man, um einen Übeltäter, der einen Rechtsbruch begangen hat, im Nachhinein zu bestrafen. Das wäre die Situation gewesen, wenn, wie von vielen erwartet, Kiew innerhalb weniger Tage gefallen wäre. Diese Ebene haben wir bereits hinter uns gelassen. Um aber Ihre Frage zu beantworten: Ja, die Strafmaßnahmen sind für Putin sehr, sehr schmerzhaft.

Aber auch schmerzhaft genug? Militärisch mag Deutschland ein Zwerg sein, wirtschaftlich ist es durchaus mächtig. Was wäre, wenn wir die Pipelines dichtmachen und kein russisches Erdgas mehr kaufen würden?

Dieser Schritt würde Putin richtig wehtun. Manche Experten rechnen mit einem Einbruch der russischen Wirtschaftsleistung von bis zu 30 Prozent. Es stellt sich auch nur eine einzige Frage: Ist Deutschland bereit, die Kosten dafür in Kauf zu nehmen?

Wie hoch wären diese denn?

Darüber streiten sich die Ökonomen zurzeit heftig. Solche hypothetischen Fragen können sinnvollerweise nur mit Modellen diskutiert werden. Wenn Substitutionseffekte wirksam greifen, was bedeutet, dass man leicht Ersatz für russische Energie findet, dann fallen die Kosten niedrig aus: weniger als ein Prozent der Wirtschaftsleistung. Das klingt vielen unplausibel. Selbst die pessimistischsten Schätzungen belaufen sich auf vier bis fünf Prozent des Bruttosozialprodukts.

Manchen Politikern kommt dabei sicherlich das Wort "Rezession" in den Sinn, das niemand gerne hört.

Ein Rückschlag von vier bis fünf Prozent wäre in der Tat herb, das wären Ausmaße wie bei der Corona-Krise. Aber Deutschland stünde keineswegs vor dem Kollaps. Das ist kein Einbruch wie in den Dreißigerjahren des 20. Jahrhunderts, oder nach dem Ersten oder Zweiten Weltkrieg. Die Corona-Krise haben wir durch geeignete Maßnahmen abgefedert.

Nun ist in der Europäischen Union nicht allein Deutschland auf das Erdgas aus Russland angewiesen. Auch nach Italien fließen große Mengen.

Das ist richtig. Deutschland ist der größte Abnehmer, gefolgt von Italien. Tschechien, die Slowakei und andere beziehen ihr Erdgas ebenfalls von Moskau. Aber auch angesichts dieser Tatsache stellt sich trotzdem die Frage, ob Europa die Pipelines nicht dichtmachen sollte. Es gibt gute Gründe dafür: Die Ukrainer wüssten diese Geste der Solidarität etwa sicher zu würdigen. Immerhin fließen Milliardenbeträge aus dem Westen in die russische Kasse.

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck hat nun einen Plan vorgestellt, Deutschland bis Jahresende aus der Abhängigkeit von Erdgas, Öl und Kohle aus Russland zu führen. Halten Sie das für realistisch?

Bis 2024 braucht es, bis man fast komplett auf Importe aus Russland verzichten kann. Das ist durchaus denkbar – und Habecks Pläne sind aus deutscher Sicht auch absolut konsequent, sie passen zur ökologischen Energiewende. Aber im Krieg ist alles eine Frage der Zeit und für die Ukrainer kommt das viel zu spät.

Wäre Putin denn gezwungen, bei einem sofortigen deutschen Importstopp für Gas, Öl und Kohle die Kampfhandlungen zu beenden?

Nein. Die russische Wirtschaft würde zweifellos einen weiteren schweren Schlag erleiden. Aber würde Putin seinen Krieg deswegen stoppen? Das würde ich nicht erwarten. Putin braucht vor allem etwas, das er den Russen als Sieg verkaufen kann. Dann erst kommen die wirtschaftlichen Fragen.

Aller Wahrscheinlichkeit nach hatte Putin den Krieg längst für sich entscheiden wollen.

Putin wendet nun brutale Gewalt an, es handelt sich um die primitivsten militärischen Mittel. Darin scheint sein Plan B zu bestehen. Es ist in gewisser Weise auch eine Konsequenz dessen, dass sich die westliche Seite verkalkuliert hat.

Wie meinen Sie das?

Der Westen hat die Ukraine strategisch sich selbst überlassen. Einerseits im Irrglauben, dass Putin schon nicht dreist genug sei, sie mittels einer konventionellen Invasion anzugreifen. Andererseits aber unter Hinnahme der Möglichkeit, dass die russische Armee die Ukrainer im Konfliktfall in wenigen Tagen besiegen würde. Wie wir nun hören, scheute man sich in Berlin nicht, es dem ukrainischen Botschafter ins Gesicht zu sagen.

Nun wehren sich die Ukrainer aber auf bewundernswerte Weise gegen die Angreifer.

Und bringen den Westen damit mächtig in Verlegenheit. Den Europäern bleibt aus politischen Gründen gar nichts anderes übrig, als sich auf die Seite der Ukraine zu stellen. Der italienische Regierungschef Mario Draghi hat neulich erst seine Unterstützung für einen Beitrittsantrag der Ukraine zur Europäischen Union signalisiert. Das wäre vor wenigen Monaten undenkbar gewesen.

Zugleich hat Wladimir Putin verkünden lassen, dass etwa Deutschland russisches Erdgas nur noch gegen Rubel erhalten würde.

Das war ein geschickter Schachzug. Dadurch würden die Russen eine strukturelle Nachfrage nach Rubel erzeugen, die westlichen Abnehmer müssten sich entsprechend an die russische Zentralbank wenden.

Entsprechend haben die G7-Staaten, darunter Deutschland, dieses Ansinnen auch zurückgewiesen. Die russische Zentralbank ist zudem überaus hart sanktioniert.

Das kann man wohl sagen. Die westlichen Finanzmaßnahmen gegen Russland haben ein nie dagewesenes Ausmaß erreicht. Sanktionen gegen einen Staat, Unternehmen oder Personen sind eine Sache, aber mit der Zentralbank schlagen wir auf die Spitze der russischen Finanzpyramide ein. Putin kann dem nichts Ebenbürtiges entgegensetzen. Sein Griff zur atomaren Drohung war absehbar.

Warum ist der Westen aber dieses Risiko eingegangen?

Nicht kleckern, sondern klotzen – das war die Devise. Es ging nicht mehr darum, welche Banken aus dem Swift-System ausgeschlossen werden. Sanktionen gegen die Zentralbank lösen eine massive Entwertung des Rubels aus, worauf die Russen auch entsprechend durch Abkoppelung reagiert haben.

Russland hat sich durch viele Hundert Milliarden Dollar an Devisenreserven nahezu unverletzlich geglaubt. Hätten wir über dieses Geld nicht schon vor dem Angriff auf die Ukraine Druck auf Putin ausüben können?

Das viele Geld hat Putin nicht unverwundbar gemacht. Denn mit dem Angriff auf die russische Zentralbank kann er einen großen Teil dieser Devisen nicht nach Hause holen. Aber vor Kriegsbeginn mit einem solchen Schritt auch nur zu drohen, wäre die nukleare Option in Sachen Finanzpolitik gewesen. Allein die Erwähnung der "Zentralbank" hätte den Rubel abstürzen lassen – und der russische Gegenschlag hätte nicht auf sich warten lassen.

Nun werden die Strafmaßnahmen gegen Russland immer wieder mit denen gegen Iran verglichen ...

... wobei viele nicht den entscheidenden Unterschied zwischen Iran und Russland sehen. Iran will die Atombombe, Russland hat sie. Und nicht nur eine. Das russische Arsenal reicht ohne Weiteres aus, um das menschliche Leben, wie wir es kennen, auf unserem Planeten unmöglich zu machen.

Nun ließe sich die Diskussion in Deutschland und Europa über einen Importstopp von Erdgas aus Russland geradezu als eine Luxusdebatte bezeichnen. Denn viele, insbesondere ärmere Länder, sind stark auf Getreidelieferungen aus der Ukraine und Russland angewiesen.

Diese Tatsache ist vielen Leuten erst reichlich spät aufgefallen. "Verdammt, aus Russland kommen ja nicht nur Gas und Öl", so ließe sich die zentrale Erkenntnis zusammenfassen. Die Lieferstörungen für Getreide etwa aus der Ukraine sind schon schlimm genug, aber das Problem ist noch größer. Und hat wiederum mit Öl zu tun. Nehmen wir das Beispiel Indien, das für seine Landwirtschaft auf Diesel und Dünger angewiesen ist. Wenn deren Nachschub stockt, droht ein schwerer Einbruch in der Weltversorgung. Sie sehen, wie komplex die weltweiten Auswirkungen des Krieges sind. Und dabei ist der russische Lebensmittelsektor nicht einmal sanktioniert.

Ukraine: Der russische Angriffskrieg gegen das Land bewirkt gewaltige Zerstörungen. (Quelle: Reuters/Thomas Peter)

Nicht zuletzt sind die meisten Hafenstädte im Süden der Ukraine, wo das Getreide verschifft wird, Kriegsgebiet.

Es wird sehr darauf ankommen, wie sich die Lage zur Erntezeit hin entwickeln wird. Aber auch der Transport per Schiff wird unerschwinglich teuer werden, weil die Versicherungsprämien durch den Status als Kriegsgebiet exorbitant hochgeschraubt werden.

Mit Ägypten liegt ein Land, das auf Getreideeinfuhren angewiesen ist, gar nicht einmal so fern.

Das ist ein gutes Beispiel. Der Arabische Frühling 2011 hatte eine seiner Ursachen in hohen Lebensmittelpreisen, die Folge war die Destabilisierung einer ganzen Region mit einem blutigen Bürgerkrieg in Syrien.

Bestünde eine Lösung darin, Lebensmittel stärker von staatlicher Seite zu subventionieren?

In wohlhabenderen Ländern ist das möglich, in ärmeren, vom Import abhängigen Staaten kann es zu schwerwiegenden fiskalpolitischen Problemen führen. Es ist die Summe von steigenden Lebensmittelpreisen, hohen Energiekosten und Zinssteigerungen, die sich als echtes Problem erweisen könnte. Für manche Staaten braut sich gerade ein perfekter Sturm zusammen.

Weltweites Chaos, das die Aufmerksamkeit der westlichen Staaten bindet, ist sicher in Putins Sinn.

Mit Sicherheit. Bisweilen erweist es sich als hilfreich, den Konflikt aus der Vogelperspektive zu betrachten. Putin hat den Westen mit exorbitanten Sicherheitsgarantien konfrontiert, mit seinem Ukraine-Krieg will er die Grenze zu den USA neu abstecken. Nuklearmacht gegen Nuklearmacht, die Europäer interessieren ihn dabei weniger. Nebenbei gesagt: Wenn eine fremde Macht ihren Einfluss so weit vor die Haustür der Amerikaner erweitern würde, wie es die USA in Richtung Russlands getan haben, wäre die amerikanische Reaktion auch heftig.

Glauben Sie aber, dass die Ukraine tatsächlich einmal Mitglied der Nato werden könnte?

Ich gehe nicht davon aus. Die Krise hat auf der einen Seite die Bedeutung der Nato-Mitgliedschaft und des gemeinsamen Schutzes unter Artikel 5 unterstrichen, aber auf der anderen Seite die Grenze des Machbaren auch klar abgesteckt.

Professor Tooze, vielen Dank für das Gespräch.

 

Nota. - Viel verstehe ich von Weltpolitik nicht. Dass Deutschland nur durch Europa stark ist und daher mehr als andere für seine Einheit tun muss, wusste ich schon seit langem, und dass es nicht klug ist, vor Putins Kraftmeiereien immer wieder zurückzuweichen, auch. Und zwar war mir bei NordStream2 stets etwas mulmig, aber wie stark wir uns energiepolitisch in Russlands Abhängigkeit begeben haben, war mir so wenig bewusst wie den meisten. Ich muss nun wohl einräumen, dass ich Angela Merkels Ostpolitik zu treuherzig beurteilt habe. 

Wenigstens in der öffentlichen Meinung findet derzeit ein Epochenwechsel statt. Obiger Beitrag ist ein Teil davon. Man muss allerdings achtgeben, dass nicht ab jetzt das Säbelrasseln ebenso zur Bedingung wird, öffentlich das Wort zu ergreifen, wie Friedensleier und transdiverse Sülze bislang.
JE

Freitag, 1. April 2022

Ein Putin-Versteher bin ich schon lange.

flickr                                                                           aus Putin ist doch kein Stalin.

Stalin war nicht zuerst eine Figur der russischen Geschichte, ein roter Zar, in dem sich ledig-lich die lokale Tradition des Selbstherrschertums fortsetzte. Stalin war eine Figur der Weltge-schichte, der Weltrevolution - indem er zu deren Totengräber wurde. Dass nach der Zer-schlagung der Bolschewistischen Partei und nach der Vernichtung aller Reste der revolutionä-ren Arbeiterbewegung die Restauration (gar nicht so) alter autokratischer Traditionen das an-gezeigte Mittel war, die bürokratische Konterrevolution ideologisch zu verbrämen, ist eine Folge und keine Ursache.

Stalins totalitäres Terrorsystem war unter den Breschnews und Andropows zu einem feudal-bürokratischen Vergeudungs- und Verknappungsregime mit mafiösen Zügen verlottert, das nackten Terror nicht mehr brauchen und auch gar nicht mehr leisten konnte; ein Universum der durchgängigen Korruption auf allen Etagen der Gesellschaft, dem gegenüber die Restau-ration eines ordentlichen produktiven und dynamischen Kapitalismus das kleinere Übel war: hätte sein können, wenn sie gelungen wäre. Davon konnte in Jelzins abenteuerlichen Wildost aber nicht die Rede sein, Glücksritter und kriminelle Paten warfen sich zu einer Oligarchie auf, die sich die feudalisierten Überreste des pp. Volkseigentums unkontrolliert unter den Nagel riss.

Jelzins Nachfolger konnte eine irgendwie geartete öffentliche Ordnung nur herstellen, wenn er die an die Leine legte. Da rechtsstaatliche Strukturen und demokratische Verfahren nicht gege-ben waren, konnte es nur mit unrechtsstaatlichen Mitteln auf undemokratischen Wegen ge-schehen, und wenn sich Putin immerhin eines rechtsstaatlichen und demokratischen Scheins befleißigte, kann man das fast schon als einen Gewinn ansehen. Aber es ist ein Wurschteln von der Hand in den Mund, ohne Putins persönliches Regiment wäre womöglich nicht einmal die sprichwörtliche Stagnation der Breschnew-Ära wiederzuhaben, geschweige denn ein gesell-schaftlicher Aufbruch zu bewerkstelligen. Dass er links und rechts verzweifelt nach jedem er-denklichen Gadget greift, das den Laden für die nächsten paar Wochen zusammenhält und vielleicht an der einen oder andern Stelle sogar ein bisschen Elan mobilisiert, ist ihm nicht zu verdenken, es bleibt ihm ja nichts anderes übrig.

Ich bin ein Putin-Versteher, ja, ich verstehe, dass die Position, in die er sich freiwillig begeben hat, ihn zu einem hochgefährlichen Mann macht, und wenn, wie in der letzten Zeit immer wie-der zu hören ist, sein persönlicher Charakter - an Intelligenz fehlt es ihm wohl nicht -  nicht zu den saubersten zählt, können einem ganz schön die Knie zittern, und man muss wünschen, man habe jederzeit ein gutes Sortiment tüchtiger Knüppel zur Hand für den Fall, dass man sie braucht.

Und das wird man mit ziemlicher Sicherheit, denn im Innern Russlands ist einstweilen keine Kraft abzusehen, die etwas Besseres machen könnte als Putin.

18. 5. 15