Lenins bester Text heißt “Staat und
Revolution”. Er schrieb ihn wenige Wochen vor dem Oktober. Er handelt
davon, wie – nach Marx’ Prognose – nach der Machtergreifung des
Proletariats der Staat absterben sollte. Die Diktatur des Proletariats würde vom ersten Tag an daran arbeiten, sich wieder abzuschaffen. Es ist dann anders gekommen.
In der Theorie hatte es nahe gelegen, dass die Arbeiterklasse zuerst in dem Land an die
Macht kommt, wo sie durch die industrielle Entwicklung zahlenmäßig am
stärksten und am dichtesten organisiert ist. In diesem Land wird
freilich auch die Bourgeoisie stark und wohl organisiert sein. Konnte
unter Umständen die Arbeiterklasse zuerst in einem Land siegen, wo die
Bourgeoisie besonders schwach, aber die Arbeiter- bewegung trotzdem –
relativ – stark war?!
Revolution und Bürgerkrieg
Seit der ersten russischen Revolution von 1905 war das keine rein
theoretische Frage. In einem grenzenlosen agrarischen Ozean gab es
einige hoch moderne industrielle Inseln, deren Produktivität jedem
Vergleich standhielt, und deren blutjunges, traditionsfreies Proletariat
konzentrierter und revolutionärer war als im wohlhabenden Westen. Und
der russischen Bourgeoisie, eingeklemmt zwischen zarischer
Selbstherrschaft und proletarischer Revolution, bangte vor ihrem eigenen
Schatten. Tatsächlich hat sie dann 1917 so gut wie keine Rolle
gespielt. Ans Absterben des Staates war freilich nicht zu denken. Nach wenigen
Wochen brach ein Bürgerkrieg aus, der im Land verheerender war als der
Weltkrieg. Ein Krieg führender Staat stirbt nicht
ab. Er geht unter, wenn der verliert, er wird allmächtig, wenn er
siegt. Der bolschewistische Staat musste allmächtig sein: Das Land
war völlig desorganisiert, alle Ordnung aufgelöst, von der Industrie
war neben der Rüstungsproduktion nichts übrig geblieben. Der
wirtschaftliche Neuaufbau erforderte an allen Orten: den Staat.
Die wenigen hunderte oder tausende Revolutionäre von 1917, die den
Bürgerkrieg überlebt hatten, wurden ausnahmslos für administrative
Leitungsaufgaben gebraucht. Eine Arbeiterklasse musste sich unter ihrer
Initiative überhaupt erst wieder heran bilden.
“Sozialismus in Einem Land” oder permanente Revolution
Die Staatsmacht an sich reißen kann das Proletariat “in Einem Land”;
weil eine Staatsmacht ja immer nur in einem Land herrscht. Anders kann
auch eine Weltrevolution nicht beginnen. Aber das Kapital
herrscht auf einem Weltmarkt. Ein Land, das daraus ausbricht, schneidet
sich von den Ressourcen
des Erdballs ab. Ist es gar ein wirtschaftlich
zurück gebliebenes und noch dazu vom Krieg verwüstetes Land, bedeutet
‘Vergesellschaftung’ zunächst einmal nur die Verallgemeinerung des
Mangels. Es gibt keine Reichen mehr, nur noch Arme. Dabei kann es nicht
bleiben, weil sonst mit der Streit um das Notwendige nur “die ganze alte
Scheiße”, wie Karl Marx sagte, von vorn beginnt.
Umso mehr, als die starke staatliche Macht, die nun die Produktion
neu aufzubauen hat, zugleich auch die Verteilung besorgt. Und das
Verteilen ist voller Versuchung. Wer an der Quelle sitzt, hat ein
Privileg. Mit den Privilegien ist es wie mit der Gravitation. Viele
widerstehen ihnen, aber nicht alle. Und die eine Seite wird immer
größer, die andre immer kleiner. Da helfen keine Moralisierungskampagnen
und keine Beschwörung des richtigen Bewusstsein, sondern nur… das
Fortschreiten der Revolution in die Welt.
“Der Kommunismus ist empirisch nur als die Tat der herrschenden
Völker ‘auf einmal’ und gleichzeitig möglich”, weil er die universelle
Produktivkraft und den darauf beruhenden Weltverkehr voraussetzt, hieß
es bei Karl Marx. Na ja, vielleicht nicht am selben Tag, aber doch in
dem einem und selben fortlaufenden Prozess, mit Rückschlägen zwar, aber ohne Unterbrechung; Revolution “in Permanenz”, wie Marx zu präzisieren nicht vergaß.
Welche Politik?
Doch permanent ist die Revolution nicht von alleine; man muss es wollen.
Die revolutionäre Krise nach dem Ersten Weltkrieg war erst 1923 einer
kurzen Stabilisierung gewichen. Und prompt ergriff in Sowjetrussland die
Fraktion die Macht, die ausdrücklich den “Sozialismus in Einem Land” zu
ihrem Programm erklärte. Es war die Fraktion der ermüdeten alten
Revolutionäre und der habgierigen jungen Bürokraten. Sie verwandelte die
Kommunistische Internationale zu einem Instrument der sowjetischen
Diplomatie: Einfluss auf die Innenpolitik der westlichen Länder nehmen,
um Druck auf deren Außenpolitik zu üben: ‘Frieden mit der Sowjetmacht’
war die Losung, die Revolution konnte warten.
Hätten, bei einer andern Politik, weitere Revolutionen in Europa
siegen und der Sowjetmacht zu Hilfe kommen können? Man weiß es nicht,
denn es wurde nicht versucht. Der herrschenden Fraktion wäre es nicht
gelegen gekommen; es hätte ihren Sieg untergraben. Die Alternative Stalin oder Trotzki war die Wahl zwischen der bürokratischen Konterrevolution in Russland und der permanenten Revolution in der Welt.
Eines hätte eine andere Politik der deutschen Kommunisten auf jeden Fall verhindern können und verhindern müssen:
die Machtergreifung des Nationalsozialismus, jenem “letzten Bollwerk
gegen den Bolschewismus”, nachdem die parlamentarische Demokratie
abgedankt hatte.
Ohne Stalin kein Hitler. Und ohne Hitler kein Stalin: Der Große
Terror der dreißiger Jahre und das Auswuchern der bürokratischen
Herrschaft zum totalitären Moloch folgten dem nationalsozialistischen
Modell. Vom “Zwillingsgestirn Hitler-Stalin” hat Leo Trotzki bitter
gesprochen.
Die bürgerliche Welt ächzt unter dem Bleigewicht öffentlicher und
privater Verwaltungen. Ist Bürokratisierung, wie Max Weber meinte, das
unausweichliche Schicksal moderner, rationalisierter Gesellschaften?
Die Bürokratisierung der Welt
Die Klage über die Bürokratie begann mit der Romantik: Das
“Fabrikmäßige” der (damals) modernen Staatsgebilde wurde mit den
vermeintlich seelenvolleren ‘persönlichen’ Verhält- nissen der
Feudalzeit verglichen und natürlich für zu leicht, nein: für zu schwer
befunden. Und in E.T.A. Hoffmanns “Goldenem Topf” ist der öffentlich
Bedienstete geradezu der Inbegriff des Philisters. Max Webers
Urteil über die “Rationalität” bürokratischer Herrschaft sticht dagegen
merkwürdig ab. Ist jedes Mal dasselbe gemeint, wenn der eine oder der
andere von Bürokratie redet? Immerhin spielen viele Bedeutungsnuancen
hinein, vom Obrigkeitsstaat über die industrielle Arbeitsteilung und
Schwindel erregende Hierarchien bis zum Informationsverlust auf zu
langen Wegen. Tatsächlich hat das Phänomen der Bürokratisierung der
modernen Welt mannigfaltige Quellen.
Obrigkeitsstaat
Die staatlichen Bürokratien sind in den (kontinental) europäischen
Ländern ein Erbe des Obrigkeitsstaats. Die absoluten Monarchien waren
aus den feudalaristokratischen Königtümern hervorgegangen, indem sich
die Krone in ihrem Machtkampf mit dem Hochadel auf das (steuerzahlende)
Bürgertum stützte. Ludwig XIV., Vorbild aller Allein- herrscher,
fesselte die gesamte französische Aristokratie an seinem Hofstaat zu
Versailles und zog sie damit zugleich aus der politischen Verwaltung
seines Reiches ab. Die frei werdenden obrigkeitlichen Ämter konnte er
den meistbietenden Bürgerlichen feilbieten, die er damit unmittelbar den
Interessen der Krone dienstbar machte.
Seit ihrem Entstehen erfüllt die staatliche
Bürokratie über ihre behördliche Funktion hinaus auch eine
gesellschaftspolitische Aufgabe: die aufstrebenden Elemente
der unteren Klassen an die bestehende Ordnung zu binden. Zugleich
bildet sie ein besonderes Sozialcorps mit eigenen Standesinteressen, die
nicht mit denen des Souveräns identisch sind.
Die Kontrolle der behördlichen
Machtausübung durch den Souverän ist offenbar das Schlüsselproblem. Nur
seinen Interessen sollen sie dienen, und sofern in einem demokratischen
Staatswesen das Interesse des Souveräns kein anderes ist als das
Interesse aller Bürger, kann die bürokratische Herrschaft als ‘rational’
gelten – vorausgesetzt freilich, sie unterliegt der öffentlichen Kontrolle ihres Souveräns.
Eines muss ohne Zorn und Eifer eingesehen
werden: Wer eine öffentlich kontrollierbare Behörde will, muss ein
Mindestmaß an Bürokratismus immer in Kauf nehmen. Denn nur, wenn
obrigkeitliche Entscheidungen säuberlich in ‘Vorgänge’ zergliedert
werden, die ihrerseits jeweiligen ‘Stellen’ zugeordnet sind, lassen sich
die Entscheidungsgänge nachträglich rekonstruieren und vor Gericht
anfechten. Es gibt keinen Rechtsstaat ohne einen Grundbestand von
Bürokratie. Wo dieses Minimum endet und der Missbrauch beginnt, ist im
Einzelfall immer strittig, und sicher ist es nicht die Bürokratie
selbst, die hier zum Richter berufen ist. Industrielle Arbeitsteilung
Und warum gelingt es den Demokratien nicht, die ihnen nach Max Weber
so adäquate ‘bürokratische Herrschaftsform’ in rationellen Grenzen zu
halten? Weil die bürgerliche Gesellschaft selber, nämlich die
industrielle Arbeitsteilung in der mechanischen Fabrik, ein nie
versiegender Quell der Bürokratisierung ist.
Wachsende Produktivität, so hatte Adam Smith gelehrt, heißt wachsende
Arbeitsteilung; Aufteilung nicht nur der gesellschaftlichen Produktion
in verschiedene,
nur durch den Austausch einan- der verbundene Zweige, sondern
Aufteilung der Fertigungsgänge selbst im Innern der Fabrik in ihre
einzelnen Sequenzen, Einsparung eines jeden Handgriffs, der ebenso gut
durch die Maschine erledigt werden kann, und Zusammensetzung des
Endprodukts Teilchen für Teilchen. ‘Taylorismus’ und Fließband – so
hießen am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts die Zukunftslosungen, die
bis nach Sowjetrussland klangen.
Jeder Arbeiter ein geschulter Spezialist des einen, für ihn noch
übrig bleibenden Handgriffs; und das Ganze zusammengehalten durch den
Spezialisten fürs Zusammenhalten, den Organisator, den Planer, den
Leiter, den Bürokraten. In einer Produktionsweise, wo alles aufs
Analysieren und Vereinzeln ankommt, wird das nachträgliche Vermitteln
der Teile schließlich zu einer selbstständigen Aufgabe.
Es blieb nicht aus, dass die rationelle Organisationsform der
mechanisierten Fabrik ihrerseits zum Vorbild wurde für eine rationelle
staatliche Verwaltung im demokratischen, bürgerlichen Staat. Dies umso
sicherer, als es… die Behörde selber ist, die sich für ihre
Rationalisierung zuständig macht und bis heute jeden einzelnen Schritt
zur ‘Entbürokratisierung’ plant, durchführt und kontrolliert. Und so
lange es der Stand der Staatsbediensteten ist, der nicht nur die
Verwaltung besorgt, sondern in den Kommunikationswegen der politischen
Parteien wie in den Volksvertretungen den Ton angibt! Es ist nur auf dem
Papier eine öffentliche Kontrolle. Tatsächlich handelt es sich um eine
Geschlossene Gesellschaft.
Wohlfahrtsstaat
Galt dies alles zu Zeiten des liberalen Konkurrenzkapitalismus, so
gilt es erst recht unter den organisierten Formen kapitalistischer
Herrschaft, die ihren politischen Ausdruck im Wohlfahrtsstaat
fanden. Er ist zur gleichen Zeit diesseits und jenseits des Atlantik entstanden, in den USA im New Deal, in Deutschland in der natio nalsozialistischen Volksgemeinschaft.
Seither
hat sich in Europa mehr noch als in Amerika die Ansicht als selbst-
verständlich durchgesetzt, dass der Staat selber für das Wohlergehen – happiness – seiner Bürger verantwortlich ist, und nicht nur die Chance des freien pursuit of
gewährleistet. Je mehr Bereiche des öffentlichen und selbst privaten
Lebens behördlicher Fürsorge überantwortet werden, umso tiefer wuchert
die Hydra der Bürokratie ins Innere der bürgerlichen Gesellschaft.
Die Arbeiterbewegung selbst kommt dem entgegen. Mit wachsendem
Organisationsgrad entwickelt sie selber einen Hang zur Bürokratisierung.
Noch der wildeste Streik braucht am Ende Leute mit Geschick, die die
günstigsten Bedingungen für die Wiederaufnahme der Arbeit aushandeln.
Besser als wilde Streiks sind aber die gut vorbereiteten, besser als
zufälliges Geschick ist eine gezielte Bildung. Die Tagesgeschäfte des
Klassenkampfs erfordern ihre eigenen Spezialisten.
Am besten Professionelle. Unter denen macht
sich an Stelle revolutionärer Ungeduld realpolitischer Reformersinn
breit. Der Wohlfahrtsstaat ist eine Resultante des Klassenkampfs.
Hier verbinden sich die sozialpolitischen Konzessionen, die die
Arbeiterbewegung der bürgerlichen Herrschaft abringen konnte, mit
jenen vorbeugenden Maßnahmen, die seit Bismarcks Sozialgesetzen der
Staat selbst ergriff, um dem Klassenkampf seine revolutionäre Spitze
abzubrechen; und es ist im Detail mühsam, eins vom andern zu scheiden.
Nach dem russischen Oktober erwies sich
schließlich der Wohlfahrtsstaat als einzig wehrhaftes Bollwerk gegen die
permanente Weltrevolution. Aber es hätte kaum ausgereicht, wäre deren
Dynamik nicht zuvor in ihrem Innern gebrochen worden. Man versteht weder
das New Deal noch die faschistischen Volksgemeinschaften, wenn man sie
nicht als Vorder- und Rückseite einer Medaille erkennt. Man versteht
weder den Nationalsozialismus noch den Stalinismus, wenn man sie nicht
als die Vorder- und die Rückseite derselben Medaille erkennt.
aus nzz.ch, 25. Juni 2014, 10:00 Junge Arbeiterinnen im Donbass,1930
Verlorene Privilegien
Die Kinder des Sowjetkommunismus fühlen sich verraten
Die Stadt
Donezk, die zuerst Jusowka und später Stalino hiess, war in den
dreissiger Jahren ein Vorzeigemodell des sozialistischen Aufbaus. Auch
im ukrainischen Staat ist der Donbass das wichtigste Zentrum der Schwerindustrie.
Im Herbst des Jahres 1869 landete der britische Unternehmer John James
Hughes mit acht Schiffen am Nordufer des Asowschen Meeres. Er brachte
moderne technische Ausrüstung und hundert Facharbeiter mit, um dieses
dünnbesiedelte Steppengebiet, in dem sich reiche Steinkohlelager
befinden, industriell zu erschliessen. Ausgestattet mit einer Konzession
der russischen Regierung, hatte er ein Stück Land am Fluss Kalmius
erworben, wo er ein Metallwerk errichten liess. Im April 1871 nahm der
erste Hochofen seinen Betrieb auf. Um diese erste Fabrik entstand eine
Arbeitersiedlung, die nach ihrem Begründer Jusowka (Hughes-owka) genannt
wurde. Jusowka (ukrainisch Jusiwka) war also keine historisch
gewachsene Stadt, kein Zentrum der Verwaltung, des Handels und Gewerbes,
sondern ein Industriedorf im Niemandsland. Jusowka hatte im Jahre 1884
5500 und 1913 43 000 Einwohner, die Mehrheit von ihnen aus Russland
zugewanderte Industriearbeiter. Ein Jahrhundert später leben in der Stadt, dem heutigen Donezk, über eine Million Menschen.
Frühe Vorbilder
Bergbau und Metallurgie nahmen eine stürmische Entwicklung, und Jusowka wurde zu einer Boomtown im Donezbecken (Donbass), der Region,
die in wenigen Jahrzehnten zum wichtigsten Schwerindustriegebiet im
Zarenreich wurde. Eisenbahnen verbanden die Stadt mit dem Zentrum des
Reiches und mit den Erzlagerstätten am unteren Dnjepr. In der neu
erschlossenen, schwer kontrollierbaren «wilden Steppe» verbanden sich
Freiheit und Gewalt zu einer explosiven Mischung, die die Geschichte des
Donbass in der Folge prägte.
Revolution
und Bürgerkrieg brachten Jusowka Zerstörungen und zwei Hungersnöte.
Eine 1918 errichtete kurzlebige Sowjetrepublik Donezk-Kriwoi Rog mit
der Hauptstadt Luhansk könnte den beiden heutigen «Volksrepubliken»
Donezk und Luhansk als Vorbild gedient haben. Während Stalins ersten
Fünfjahrplänen erlebte der Donbass erneut einen rapiden Aufschwung. Die
Schwer- und Rüstungsindustrie, die Produktion von Kohle, Eisen und Stahl
standen im Zentrum der forcierten Industrialisierung der Sowjetunion.
Die Bedeutung des Donbass zeigt sich daran, dass in der Region vor 1941
zwei Drittel des Eisens und Stahls der Sowjetunion produziert wurden.
Jusowka, das 1924 programmatisch in Stalino umbenannt worden war, entwickelte sich stürmisch und zählte am Ende der 1930er Jahre 223 grosse Unternehmen
und fast 500 000 Einwohner. Neben russischen Arbeitern strömten nun
zahlreiche ukrainische Bauern und Juden in die Stadt. Stalino und der
Donbass wurden zu Musterorten der sowjetischen Industrialisierung, zu
Vorzeigemodellen des sozialistischen Aufbaus.
Das Industrieproletariat des Donbass und allen
voran die Bergleute waren die Prototypen des neuen «Sowjetmenschen».
Ihr Vorreiter war der Bergmann Alexei Stachanow, der am 31. August 1935
in einer Schicht angeblich 102 Tonnen Kohle förderte und damit die
Arbeitsnorm um das 14-Fache übererfüllte. Die nach ihm benannte
Propagandakampagne diente der Steigerung der Arbeitsleistung und
allgemein der Mobilisierung der sowjetischen Bevölkerung für den
Aufbau des Sozialismus. Die Stachanow-Arbeiter wurden zur Avantgarde
des Proletariats stilisiert und zu Helden des sowjetischen Kinos.
Die
Elite der Bergleute und Stahlarbeiter erhielt hohe Löhne und
Privilegien wie den leichteren Zugang zu Wohnungen und Nahrungsmitteln.
Obwohl die Masse der Industriearbeiter weiter unter kargen Bedingungen
lebte, wurden auch sie gegenüber der übrigen Bevölkerung bevorzugt. Da
sie ausreichend mit Lebensmitteln versorgt wurden, litten die Städte des
Donbass viel
weniger unter der von Stalin herbeigeführten Hungersnot von 1932/33 als
die Landbevölkerung. Stalino war dagegen schwer vom stalinschen Terror und von
den «Säuberungen» betroffen, denen vor allem Ingenieure, Techniker und
Parteifunktionäre zum Opfer fielen. Dennoch bleiben die dreissiger Jahre
in Donezk als goldenes Zeitalter in Erinnerung, und zahlreiche seiner
Bürger blicken mit Nostalgie zurück auf die Jahre, als ihre Vorfahren
die gehätschelten Kinder des Sowjetkommunismus waren.
Krieg und Wiederaufbau
Der
Zweite Weltkrieg erreichte Stalino am 20. Oktober 1941, als es von
deutschen Truppen besetzt wurde. Die Sowjets hatten einen Teil der
Industrieanlagen rechtzeitig demontiert und mit den
Industriearbeitern nach Sibirien evakuiert, ein Teil der Kohlegruben
wurde zerstört. Dennoch gelang es den Besatzern, die Kohleproduktion
wieder anzukurbeln und für ihre Zwecke zu nutzen. 250 000 Bewohner des
Gebiets Stalino (8 Prozent der Bevölkerung) wurden als Zwangsarbeiter
ins Reich nach Deutschland
verschleppt. Zahlreiche Kriegsgefangene, kommunistische Funktionäre und
alle Juden, die sich nicht hatten retten können, wurden getötet. Als
die sowjetischen Truppen Stalino im September 1943 befreiten, war die
Stadt weitgehend zerstört. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die
Schwerindustrie im Donbass rasch wiederaufgebaut, wobei Zwangsarbeiter
aus den Reihen der deutschen Kriegsgefangenen und der repatriierten
Sowjetbürger eingesetzt wurden. Die Produktion von Kohle, Stahl und
Maschinen übertraf schon 1955 die Vorkriegswerte. Im Jahr 1961, acht
Jahre nach dem Tod Stalins, erhielt die Stadt den neuen Namen Donezk,
nach dem Fluss Donez, der allerdings in 100 Kilometer Entfernung an der
Stadt vorbeifliesst. Die Industrie wurde diversifiziert, neben die
Montanindustrie traten die chemische und die lebensmittelverarbeitende
Industrie.
Die Stadt wurde neu aufgebaut, mit grosszügigen
Plätzen, Verwaltungsgebäuden und vielen Pärken, die bis heute das
Zentrum prägen und sich von den
tristen Vororten mit ihren teilweise maroden Kohlegruben und Fabriken
abheben. Dazu kamen die 1965 errichtete Universität sowie mehrere
Theater und Museen. Aus dem
Industriedorf war ein städtisches Zentrum geworden. Die Bevölkerung
wuchs weiter an und erreichte im Jahre 1979 die Millionengrenze. Seither
stagniert die Zahl. Dies entsprach der wirtschaftlichen Stagnation der
Region, die von den Schwerindustrie-Komplexen im Südural und in Sibirien
vermehrt in den Schatten gestellt wurde.
Nach 1991 rückte der
Donbass mit seinem Herz Donezk wieder in den Vordergrund und wurde zum
wichtigsten Industriegebiet der unabhängigen Ukraine. Die
selbstbewussten Bergleute machten seit dem Jahr 1989 durch wiederholte
Streiks auf sich aufmerksam und setzten ihre Ziele, die Verbesserung
ihrer Arbeitsbedingungen und die Erhöhung ihrer Löhne, zum Teil durch.
Dennoch blieben die veralteten Kohlegruben ein gefährlicher Arbeitsort,
und es kam mehrmals zu schweren Unglücken, denen über 400 Bergleute zum
Opfer fielen, Die Vorzeigebranche des Kohleabbaus wurde immer teurer und
weniger konkurrenzfähig.
Es gelang aber, die Industrie
weiter zu diversifizieren, und die Region Donezk blieb das
wirtschaftlich stärkste Gebiet der Ukraine mit nicht weniger als 20
Prozent der im Land produzierten Waren und Dienstleistungen (bei einem
Bevölkerungsanteil von 10 Prozent). Im Jahre 2012 waren die
durchschnittlichen Einkommen in der Region Donezk nach Kiew die höchsten
des Landes. Wie in Russland bemächtigten sich clevere Unternehmer in
den 1990er Jahren mit teilweise fragwürdigen Methoden eines bedeutenden
Teils der Industrieunternehmen und bauten ihre Stellung in der Folge
aus. Der sogenannte Donezker Clan wurde zu einer bestimmenden Kraft der
ukrainischen Wirtschaft und zunehmend auch der Politik. Donezk ist seit
der Gründung eine der am stärksten russisch geprägten Städte der
Ukraine. Fast alle Bewohner geben Russisch als Muttersprache an, und
etwa die Hälfte deklariert sich als ethnische Russen. Die Donezker
fanden sich nun in einem ukrainischen Staat wieder, der Ukrainisch zur
Staatssprache erklärte. Zwar verfolgte die Regierung die Politik einer
sanften Ukrainisierung, die in Donezk praktisch ohne Wirkung blieb,
dennoch sahen viele Donezker ihre Eigenart gefährdet. Vor allem während
der Präsidentschaft des nach Westen orientierten Wiktor Juschtschenko
(2005–2010) wuchs die Unzufriedenheit. Diese kam in einer weit
verbreiteten Sowjetnostalgie zum Ausdruck. In einer Umfrage gaben 37
Prozent der Donezker an, keine russische oder ukrainische, sondern eine
sowjetische Identität zu haben.
Vom industriellen Stolz zur wirtschaftlichen Hypothek
Gemessen
an der industriellen Produktion, ist der Donbass auch heute noch das
wichtigste Gebiet der Ukraine. Aus dem Donbass kommen 90 Prozent der
rund 80 Millionen Tonnen Kohle,
die jährlich in der Ukraine gefördert werden. Viele der in Staatshand
verbliebenen Kohlegruben arbeiten jedoch nicht profitabel. Eine
durchgreifende Restrukturierung des Sektors ist absehbar, was die
sozialen Probleme des Industriegebiets verschärfen dürfte.
Das
Selbstbild des Donbass als Wirtschaftsmotor der Ukraine gilt je länger,
desto weniger. Nicht nur der Kohlesektor kämpft mit Problemen der
Wirtschaftlichkeit, sondern auch die Stahlindustrie, die mit vielfach
veralteten Anlagen produziert und damit in einem sich verschärfenden
weltweiten Konkurrenzkampf an Wettbewerbskraft einbüsst. Im Gegensatz
etwa zur nördlich gelegenen Region Charkiw, einer Nettozahlerin für den
ukrainischen Zentralhaushalt, muss das Donezker Gebiet subventioniert
werden. Diese Tatsache wurde der Bevölkerung vom Gouverneur des Gebiets,
Taruta, unlängst in Erinnerung gerufen. Die Forderung nach mehr
politischer und wirtschaftlicher Eigenständigkeit ist zwar
nachvollziehbar und auch berechtigt. Doch scheint das Bewusstsein zu
fehlen, dass es einem mehr auf eigene Rechnung arbeitenden Donbass nicht
zwangsläufig besser gehen wird.
Separatismus und politische
Unruhe haben der Region zusätzlich geschadet. Laut Angaben des
ukrainischen statistischen Amts verzeichneten die Unternehmen im Donbass
im ersten Quartal 2014 Verluste, die um 37 Prozent höher lagen als der
nationale Durchschnitt. In absoluten Zahlen beliefen sie sich auf
umgerechnet 1,8 Milliarden Euro, anderthalb Mal so viel wie für das
gesamte Jahr 2013. Die Industrieproduktion ging im Vergleich zur
Vorjahresperiode um 13 Prozent zurück.
Die
Unzufriedenheit unter der Bevölkerung der Ostukraine wurde teilweise
durch den «Donezker Clan» aufgefangen und instrumentalisiert. Seine
führende Persönlichkeit war Rinat Achmetow, der 1966 als Sohn eines
Bergmanns tatarischer Herkunft in Donezk geboren wurde. Achmetow hatte
sich ein Wirtschaftsimperium aufgebaut, das einen Grossteil der
regionalen Montanindustrie, aber auch der Kommunikationsbranche und der Medien kontrollierte. Ihm gehört der Fussballklub Schachtjor (Bergmann) Donezk, den er zu einem international
angesehenen Team machte, was zur Bildung einer städtischen Identität
beitrug. Achmetow ist heute der reichste Ukrainer mit einem geschätzten
Vermögen von 11,6 Milliarden Dollar.
Von Moskau aufgestachelt
Achmetow
förderte Wiktor Janukowitsch, der ebenfalls aus einer Arbeiterfamilie
des Donbass stammt und von 1997 bis 2002 Vorsitzender der
Gebietsverwaltung von Donezk war. Dieser setzte seine Karriere in Kiew
fort, war zweimal Ministerpräsident, bevor er 2010 zum Präsidenten der
Ukraine gewählt wurde. Im Jahre 2001 wurde die Partei der Regionen
gegründet, deren Vorsitz Janukowitsch seit 2003 innehatte und die später
zur grössten politischen Partei der Ukraine wurde. Sie trat als Anwalt
der Bevölkerung im Osten und Süden des Landes auf, und ein bedeutender
Anteil ihrer Parlamentsabgeordneten stammte aus der Region Donezk, unter
ihnen zahlreiche Vertreter der Wirtschaftselite der Stadt mit Achmetow
an der Spitze. Im Zuge der Proteste auf dem Maidan distanzierte sich
Achmetow von Janukowitsch, was zu dessen Sturz im Februar 2014 beitrug.
Donezk
verlor nun seinen bestimmenden Einfluss auf die ukrainische Politik,
und Forderungen nach Autonomie und Föderalisierung wurden laut.
Unabhängigkeit oder gar ein Anschluss an Russland wurden, wie alle
Umfragen bestätigen, nicht angestrebt. Die bewaffneten Gruppen, die im
April die «Volksrepublik Donezk» ausriefen, im Mai in einem fragwürdigen
Referendum deren Unabhängigkeit beschliessen liessen und zunehmend
einen Anschluss an Russland anstreben, sind von Moskau angestachelt und
bewaffnet worden und können sich nicht auf eine Mehrheit der
Stadtbevölkerung stützen.
Achmetow, der wie die meisten anderen
ukrainischen Oligarchen einen Anschluss an Russland ablehnt und die
Erhaltung des ukrainischen Staats befürwortet, versucht seinen Einfluss
geltend zu machen, um die Separatisten zu stoppen. Zu diesem Zweck
mobilisierte er vor kurzem seine Arbeiter, doch gelang es ihm nicht, die
selbsternannten, von bewaffneten russischen Gruppen unterstützten
Vertreter der «Volksrepublik Donezk» aufzuhalten. Erleben wir eine neue
Phase von «Freiheit und Terror»? Die Stadt, die als Jusowka im Zentrum
der Industrialisierung des Zarenreiches stand, als Stalino zur
sowjetischen Musterstadt wurde und als Donezk die Wirtschaft und Politik der unabhängigen Ukraine wesentlich prägte, sieht einer ungewissen Zukunft entgegen.
Andreas Kappeler ist emeritierter Professor für osteuropäische Geschichte der Universität Wien und Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.
Nota. - Ein totalitäres Regime kann nur durch Terror herrschen. Und anders herum, nur ein totalitäres System kann allein durch Terror herrschen. Stalin hatte das Überwuchern der Bürokratie in Sowjetrussland zum Vehikel seiner persönlichen Alleinherrschaft gemacht, durch Terror; und anders hätte die Bürokratie das Erbe der Revo- lution nicht so restlosliquidieren können. Aber ohne Stalins Autokratie begann das totalitäre Regime zu brök- keln. Mehrere Prätendenten im Politbüro mussten nach Verbündeten suchen, der Terror musste durch Korruption erweitert werden, und langsam zerfiel der totalitäre Monolith zu einem undurchsichtigen Agglomerat von Satra- pien, Vasallitäten und informellen Botmäßigkeiten. Am Ende entsteht eine Feudalordnung, die sich allein durch das Verteilen immer neuer und naturgemäß immer dürftigerer Privilegien reproduzieren kann, auf immer unsi- cherer Grundlage.Nicht einmal die Mitgliedschaft in der Partei bleibt auf die Dauer eine Barriere nach unten; dieser Mafioso ist schließlich mächtiger als jener Parteisekretär, und viele sind beides zugleich.
Eine solche feudale Satrapie war das Donezbecken. Gegenüber manchem Landstrich nicht nur in Mittelasien, sondern schon in den westlicheren Teilen der Ukraine war es eine Insel der Privilegierten.
Und das ist es seit dem Zerfall der Sowjetunion immer weniger. Putin wird sich fragen, wozu er dieses gewe- sene Industriezentrum überhaupt gebrauchen kann. Alles können die Erdölmilliarden auch nicht subventionie- ren. JE
Was
als «normal», was als «anstössig» gilt, ändert sich laufend, lässt sich
aber nur schwer beobachten. Hilfreich ist da zeitliche Distanz. In
Virginia Woolfs Roman «Mrs Dalloway» kehrt jemand nach fünfjährigem
Kolonialdienst nach London zurück – und staunt über Frauen, die sich an
diesem Junitag 1923 in aller Öffentlichkeit ungeniert die Nase pudern.
Wer heute, sagen wir, von einer Marsreise zurückkehrte, würde sich
dagegen wundern, beim Flanieren durch eine europäische Metropole
«von Prostituierten umgeben zu sein», vermutet Ulrich Greiner. – Ein
Irrtum freilich, handelt es sich doch «in Wahrheit um harmlose junge
Frauen [. . .], die keineswegs zu solchen Diensten bereit» sind, auch
wenn sie bauchfreie Tops tragen oder mittels Hüfthosen ihre
String-Tangas hervorblitzen lassen. Die Zeiten ändern sich eben, und mit ihnen ändert sich das Schamempfinden. Literatur als Laboratorium
Irritiert durch den
sich medial entfaltenden Exhibitionismus der Gegenwart, beschäftigt
sich der «Zeit»-Journalist und Literaturkritiker mit einer der wohl
intimsten Empfindungen überhaupt und mit ihrer Abgrenzung von verwandten
Gefühlen wie Schuld oder Peinlichkeit. Dazu erörtert Greiner in seiner
durchweg gedankenreichen, elegant geschriebenen Studie «Schamverlust» nicht nur
die einschlägigen soziologischen Theorien von Norbert Elias, Richard
Sennett, Ruth Benedict oder Sighard Neckel, sondern bedient sich
naheliegenderweise auch der Literatur. Diese könne gerade in
gesellschaftlichen Umbruchphasen «den Charakter eines Schamlabors
annehmen», in dem «emotionale Extremlagen getestet werden».
Wie
nah verwandt etwa Schamangst und -lust sind, zeigt Schnitzlers
«Fräulein Else»: Das demütigende Ansinnen, sich vor dem künftigen
Gläubiger ihres Vaters zu entblössen, kehrt Else um, indem sie sich allen
nackt zeigt, also «den Akt der Schamlosigkeit zu ihrer eigenen Sache
macht und somit Handlungshoheit gewinnt». Ein von heute aus gesehen
modern anmutender Akt, gelte Schamhaftigkeit doch längst nicht mehr
als weibliche Tugend. Im Zeitalter von Lady Gaga werde vielmehr gerade
die Schamlosigkeit als «Ausdruck weiblicher Vitalität» gefeiert.
Im Unterschied zum schwächeren Gefühl der Peinlichkeit benötige das Schamempfinden keinen Zeugen, dafür jedoch Reflexivität. In Thomas Manns Erzählung «Luischen» fällt der korpulente Protagonist, der aus Liebe zu seiner sadistischen Frau bei
einem Fest als Tanzbär im «rotseidenen Babykleide» auftritt, genau in
dem Moment vor Scham tot um, als ihm erstmals bewusst wird, wie
lächerlich er sich eigentlich macht. «Im Augenblick der Scham sehe ich
mich selber als jemanden, der gefehlt hat», schreibt Greiner, «und das
Bild, das sich mir plötzlich zeigt, verletzt das Bild, das ich
von mir habe oder gerne von mir hätte.» Deshalb sei die Fähigkeit,
Scham zu empfinden, keine anerzogene bürgerliche Unart, die man sich
abgewöhnen müsse, wie die Achtundsechziger geglaubt hätten, sondern eine
wesentliche Bedingung für Moral und Ästhetik. – Sollte das stimmen,
lässt das für die Gegenwart nichts Gutes vermuten, denn für diese
konstatiert der Autor einen fundamentalen Wandel: weg von einer
Schamkultur, hin zu einer «Kultur der Peinlichkeit». Letztere beruhe
statt auf Selbstbewertung in erster Linie auf (tatsächlicher oder
unterstellter) Fremdbewertung, sei aber für den
Einzelnen nicht minder heikel, habe sich doch inzwischen «das Feld der
Zwänge und Peinlichkeitsrisiken ins vollkommen Unübersichtliche
ausgedehnt». Die Scham existiere stattdessen nur noch in Schwundformen
wie den öffentlichen Beichten sich zerknirscht gebender Politiker, in
denen sie als «inneres Regulativ» zur blossen «Schamgeste» verkomme.
Mit dieser Diagnose distanziert sich Ulrich Greiner von der
Standardthese der Kulturkritik, die je eigene Epoche sei der Höhepunkt
der Schamlosigkeit: Wäre dem so, wäre die Geschichte ein Prozess
fortlaufender Enthemmung. Doch wo alte Regeln nicht mehr gelten, werden
immer auch neue gebildet, betont Greiner. Weshalb es heute, mit Niklas
Luhmann gesprochen, «zugleich besser und schlechter» ist: Während etwa
frühere Generationen vom Einzelnen erwarteten, Schicksalsschläge mit der
heroischen «Contenance» eines Thomas Buddenbrook hinzunehmen,
ungeachtet der psychischen Kosten, findet der aussengeleitete Typus der
Gegenwart nichts dabei, in der emotionalen Wärmestube Facebook seinen
Seelenkummer der Welt zu verkünden, um dafür umgehend mit virtuellem Zuspruch versorgt zu werden.
Peinlichkeit
Doch
wehe der Schülerin, «die noch Hüfthosen trägt, während die anderen
schon Empire-Hemdchen mit Leggins tragen», so der in Sachen Mode kundige
Autor. Die
Angst, peinlich zu sein, führe heute, zumal in der jüngeren Generation,
zu einer permanenten Verhaltensunsicherheit. Symptomatisch dafür der
Protagonist in Leif Randts Roman «Schimmernder Dunst über Coby County»
(2011), der jede Geste, jede Regung mit den Vorbildern aus der
Werbung abgleicht. Die Angst vor Peinlichkeit betrifft gerade den neuen
Exhibitionismus: Ein Lehrer, der im Muskel-Shirt unterrichtet, sollte
dies nur mit dem
entsprechend trainierten Körper tun, will er nicht zum Gespött seiner
Schüler werden.
Überzeugend führt Greiner die boomende
Schönheitschirurgie, die längst auch den Genitalbereich erreicht hat,
auf die neue Peinlichkeitskultur zurück. Dass aber die Peinlichkeit,
anders als die Scham, keine «ins Existenzielle zielende Energie»
besitze, wie Ulrich Greiner behauptet, scheint fraglich, denkt man an in
den Suizid getriebene Mobbingopfer.
Ulrich Greiner: Schamverlust. Vom Wandel der Gefühlskultur. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2014. 350 S., Fr. 34.90.
Die Geburt des Westens aus dem Scheitern der Eroberung des Ostens Weltpolitik einmal anders betrachtet.
von Martin Kugler
Amerika und China sind
die Pole der globalen Politik. Heute wie auch schon vor 500 Jahren: Die
damals beginnende Expansion Europas fokussierte sich auf diese beiden
Teile der Welt, argumentiert der französische Historiker Serge Gruzinski
in seinem eben auf Deutsch erschienenen Buch „Drache und Federschlange“
(347 Seiten, 35,90 Euro, Campus Verlag).
Christoph Kolumbus wollte bekanntlich Ostasien erreichen, als er 1492
in Richtung Westen in See stach. Er war auch überzeugt, seinem Ziel
ganz nahe gekommen zu sein – die Bezeichnung „Westindische Inseln“ für
die Karibik zeugt bis heute davon. Erst seinen Nachfolgern wurde klar,
dass dem nicht so war: Sie realisierten, dass sie nicht in jenem
sagenhaften Land gelandet waren, das sie aus Marco Polos
Reisebeschreibung „Il Milione“ (Die Wunder der Welt) zu kennen glaubten.
Binnen weniger Jahrzehnte unterwarfen sie die Reiche der Azteken, der
Maya und so weiter. Und zwar mit einer Leichtigkeit, die bis heute
staunen macht.
Gleichzeitig bissen sich die Europäer aber am
anderen Ende der Welt die Zähne aus: Um 1520 versuchten die Portugiesen,
die um Afrika herum und durch den Indischen Ozean nach Südostasien
gelangt waren, in China Fuß zu fassen und es für die Christenheit zu
erobern; sie scheiterten kläglich an dem wohlorganisierten Reich der
Mitte.
Aber auch die Spanier gaben ihren Traum nicht auf,
ostasiatische Gefilde zu erreichen: Nach der Eroberung Mittelamerikas
ließ Hernán Cortés an der Pazifikküste Mexikos Schiffswerften errichten,
um dort weiterzumachen, wo Kolumbus aufgehört hat. Die Passage über den
Pazifik erwies sich aber als viel schwieriger als gedacht. Erst 1565
war das Problem gelöst. Einflussreiche Kreise in Spanien und Portugal,
unter ihnen die Jesuiten, starteten umgehend einen zweiten Versuch,
China zu erobern. Daraus wurde erneut nichts – auch deshalb, weil sich
die Machtverhältnisse in Europa gedreht hatten. 1588 ging die spanische
Armada im Krieg gegen England unter, das iberische Zeitalter war zu
Ende. Erst im 19. Jahrhundert sollte Europa in China Fuß fassen (und
auch dann nicht für lange).
Gruzinski zieht aus dieser Geschichte
einen bemerkenswerten Schluss: Erst durch das Scheitern der europäischen
Expansionsbestrebungen in China hat sich Europa auf Amerika
konzentriert. Und erst dadurch kam es schließlich zur Bildung des
euroamerikanischen Westens, der bis heute im Widerstreit mit dem
chinesischen Osten liegt. Weltpolitik einmal anders betrachtet.
Haben Sie heute ein bisschen Zeit übrig und wollen Sie sie nicht nutzlos vergeuden? Dann lege ich Ihnen ein paar Zeilen aus meinen Jugendjahren ans Herz. Wenn man, wie ich damals noch, von der Prämisse ausgeht, wir lebten in der Epoche der Weltrevolution, dann sind die folgenden Ausführungen gar nicht dumm. Die Prämisse ist aber 1989/90 entfallen. Dumm sind sie noch immer nicht, nur veraltet.
aus Positionen 3 herausgegeben von der Sozialistischen Jugend Deutschlands - Die Falken, Landesverband Berlin April 1968
aus nzz.ch,17. Juni 2014, 10:00 David, Der Ballhausschwur
Auftakt zur Französischen Revolution vor 225 Jahren
Die Geburtsstunde des kontinentalen Parlamentarismus
Am
17. Juni 1789 erklärte sich das französische Bürgertum zur
Nationalversammlung. Dieser Bruch mit den bisher geltenden
Regierungsprinzipien läutete die Französische Revolution ein.
Nach
vier Wochen ergebnisloser Beratungen der in Versailles versammelten
Generalstände beschlossen am 17. Juni 1789 die Deputierten des dritten
Standes mit grosser Mehrheit, sich als Nationalversammlung zu
konstituieren. Das bedeutete mehr als nur die Umbenennung einer
ständischen Versammlung; das war ein grosser revolutionärer Akt. Das
Bürgertum zerstörte damit die traditionelle politische Gesellschaft des
Ancien Régime und schuf eine neue, vom König unabhängige, souveräne
Gewalt. Es war die Geburtsstunde des kontinentalen Parlamentarismus und
Teil eines revolutionären Prozesses.
Veränderungen und Reformen
Dieser
entfaltete sich seit dem Mai 1789 schrittweise und veränderte
schliesslich innerhalb von Tagen und wenigen Wochen ein ganzes
politisch-soziales Gefüge. Er wurde zum Lehrstück dafür, wie eine
Revolution entsteht. Begonnen hatte dieser Vorgang mit der Eröffnung der
Generalstände Anfang Mai 1789. Die Empfehlungen, die die Wähler ihren
Abgeordneten zuvor in den sogenannten Beschwerdeheften mit auf den Weg
gegeben hatten, zielten auf ein ganzes Bündel von in sich
widersprüchlichen Veränderungen und Reformmassnahmen. Niemand wollte
jedoch zu diesem Zeitpunkt am Bild des guten und einsichtigen Königs
rütteln, und nur wenige träumten von einer Revolution. Bereits die
Rituale und Prozeduren der Generalstände, die zuletzt vor
einhundertfünfzig Jahren zusammengetreten waren, liessen die tiefen und
kaum überwindbaren politisch-sozialen Gegensätze erkennen, die in
Versailles aufeinanderprallten. Die Versammlung der knapp zwölfhundert
Deputierten aus Klerus, Adel und dem dritten Stand konnte sich noch
nicht einmal über die Verhandlungs- und Abstimmungsmodalitäten einigen.
Denn die Forderungen des dritten Standes nach einer Abstimmung nach
Köpfen hätten den Deputierten des dritten Standes ein eindeutiges
politisches Übergewicht gewährt und damit wahrscheinlich den Weg zur
Abschaffung der Ständeverfassung und der Privilegien geöffnet.
Dominanz der alten Ordnung
Die
Eröffnungszeremonien hatten allen Beteiligten noch einmal die Schranken
der monarchisch-ständischen Ordnung vor Augen geführt. Der König hatte
am 2. Mai die Stände getrennt empfangen. Zwei Tage später, am 4. Mai,
bei dem Einzug der Deputierten in die Ludwigskirche, diente die alte
Ordnung der Prozession der Demütigung des dritten Standes: Die
bürgerlichen Deputierten wurden, indem man ihnen die Spitze des Zuges
zuwies, möglichst weit vom König aufgestellt. Die Kleiderordnung, bis in
alle Einzelheiten festgelegt, hob den Glanz und die Ehre der beiden
ersten Stände hervor und degradierte den dritten Stand. Einen Tag
später, bei der Eröffnung der Generalstände durch den König, wurde dem
dritten Stand erst Einlass gewährt, nachdem die Abgesandten des Klerus
und des Adels bereits neben der königlichen Tribüne Platz genommen
hatten. Der König warnte in seiner kurzen und nichtssagenden
Ansprache vor «übertriebenen Wünschen nach Erneuerung». Das hinderte die
Mehrheit der Abgeordneten nicht daran, ihm nach seiner Rede
frenetischen Beifall zu spenden. Die Magie der königlichen Person war
ungebrochen. Die zahlreichen Broschüren aus dem Wahlkampf im Frühjahr
1789 hatten die grossen Fragen herausgestellt, die die Nation bewegten,
nämlich die Finanzen in Ordnung zu bringen und dem Land eine Verfassung
zu geben, die neben der Macht des Königs auch dem Willen des Volkes
gerecht wird, die dessen Freiheiten anerkennt und dem Königreich Frieden
und Glück sichert.
Doch auch Frankreichs Finanzminister Jacques
Necker, das Idol der Bürger, ging in seiner mehr als dreistündigen Rede
auf diese Erwartungen nicht ein, sondern beschränkte sich darauf, die
katastrophale Finanzlage des Königreiches in allen technischen Details
darzustellen. Zu sehr fürchtete der frühere Genfer Bankier die
Unberechenbarkeit einer Versammlung, die seine schwierige Finanz- und
Anleihepolitik nur gestört und die er darum am liebsten politisch an den
Rand gedrängt hätte. Doch genau das Gegenteil trat in den folgenden
Tagen und Wochen ein, auch weil Necker zu schwach und der König zu
unentschlossen war.
Wachsender Druck
Am folgenden Tag
gingen Adel und Geistlichkeit daran, in getrennten Sitzungen die
Legitimation ihrer Abgeordneten zu überprüfen. Der dritte Stand sah sich
vor der schwierigen Entscheidung, ob er offen gegen die Abstimmung nach
Ständen vorgehen sollte, was einen Schritt in die Illegalität bedeutet
hätte. Vorerst beschloss man, nichts zu beschliessen und abzuwarten.
Aber man gab sich einen neuen Namen, der das neue Selbstbewusstsein
andeutete: Man nannte sich députés des communes (Abgeordnete der
Gemeinden).
Doch auch diese neue Selbstbezeichnung stiess auf die
heftige Ablehnung des Adels. Nachdem alle Vermittlungsversuche der
königlichen Minister gescheitert waren, sahen sich die députés des
communes schliesslich zu kühnen Entschlüssen aufgefordert. Denn der
öffentliche Druck auf die Deputierten wurde immer grösser; vor allem
stellte die Versammlung der Wahlmänner von Paris, angestiftet von jungen
radikalen Publizisten wie Jacques-Pierre Brissot, sehr viel weiter
gehende Forderungen. Man forderte von den Deputierten in Versailles
nicht nur Standhaftigkeit; Brissot bestand auf einer Verfassung, die
Frankreich dringend brauche, und auf der Garantie der Menschen- und
Bürgerrechte als Grundlage einer Verfassung der Freiheit. Der dritte
Stand fasste nun den Beschluss, die Abgeordneten der beiden Stände zu
einer gemeinsamen Prüfung der Legitimation der «Vertreter der Nation»
einzuladen. Das war der offene Bruch mit den Regeln der ständischen
Ordnung und dem Gehorsamsgebot des Königs. Die Entscheidung wurde
erleichtert durch erste Risse und Absetzbewegungen in den beiden
privilegierten Ständen. Nun stand die politische Frage nach der
Namensgebung wieder im Raum. Wollte man «Nationalversammlung» sein oder
nicht; wollte man die politisch-rechtliche Gleichheit herstellen oder
doch bei dem Namen «Versammlung der Gemeinen»* bleiben und damit die
ständische Trennung anerkennen.
Nach zweitägiger Debatte nahm man
den Vorschlag des völlig unbekannten Abgeordneten Legrand, sich als
«Nationalversammlung» zu bezeichnen, mit grosser Mehrheit an. Auch band
man sich durch einen feierlichen Treueid an das Amt, das man sich gerade
selber verliehen hatte. Schliesslich billigte man sich das Recht auf
Steuerbewilligung zu und stellte die Gläubiger des Staates unter den
Schutz der Nation, was für die Financiers eine wichtige Garantie
darstellte und die Nationalversammlung erst einmal vor dem Zorn des
Königs und des Hofes schützte.
Ballhausschwur
Eine erste
Bekräftigung erfuhr die Verfassungsrevolution vom 17. Juni drei Tage
später. Inzwischen hatten sich eine Mehrheit der Geistlichkeit und eine
Minderheit des Adels dafür ausgesprochen, sich dem revolutionären
dritten Stand anzuschliessen. Als die Abgeordneten der neuen
Nationalversammlung am 20. Juni vor den verschlossenen Türen des Grossen
Saals im Regen standen – der Hof hatte den Saal kurzerhand geschlossen
–, kam es zum Machtkampf. Die Abgeordneten begaben sich in einen
schmucklosen, leeren und grossen Raum im nahe gelegenen Ballhaus. Hier
verkündete der Präsident der Versammlung, der Astronom Bailly, den
feierlichen Schwur: Die Mitglieder der Nationalversammlung gaben sich
darin das Versprechen, nicht auseinanderzugehen und überall
zusammenzutreten, wie die Umstände es erfordern würden, um eine
Verfassung zu schaffen und sie auf sichere Grundlagen zu stellen. Das
war ein historischer Moment, den der Maler Jacques-Louis David in einer
Zeichnung gedeutet hat. Die Szene des Schwurs im kahlen Ballhaus, über
dem ein Vorhang, ergriffen vom Wind des Wandels, weht, hat sich in das
europäische Bildgedächtnis eingegraben. Sie zeigt eine völlig veränderte
Lage. Die Versammlung ist nicht mehr nach strengen ständischen Regeln
geordnet, sondern hat sich als Versammlung unabhängiger Individuen zu
lockeren Gruppen zusammengefunden; in der Bildmitte eine starke Szene
der Versöhnung und Einheit: Ein Ordensgeistlicher, ein Weltgeistlicher
und ein evangelischer Pfarrer reichen einander die Hände.
Bald
danach kam der Moment, in dem sich die versammelte Nation dem Willen des
Königs offen widersetzen musste. Königliche Truppen umstellten das
Gebäude und forderten die Abgeordneten auf, bis zum 23. Juni, dem Tag
der überraschend angekündigten «königlichen Sitzung», keine Beratungen
mehr durchzuführen. Graf Mirabeau bekräftigte den Widerstandswillen der
Nationalversammlung: «Wir werden nur der Macht der Bajonette weichen.»
Daraufhin wiederholte die Versammlung ihre früheren Beschlüsse und
beschloss die Unverletzlichkeit ihrer Mitglieder. Das musste auch der
Oberzeremonienmeister zur Kenntnis nehmen und verliess rückwärts
schreitend den Raum, so wie man sich sonst nur in Gegenwart eines Königs
verhalten musste. Frankreich hatte – vorerst – zwei Souveränitäten: den
König und die Nationalversammlung.
Hans-Ulrich Thamer ist Professor für neuere Geschichte an der Universität Münster.
*) Députés des communs werden sie wohl schon am Anfang genannt haben, Abgeordnete des gemeinen Mannes, of the commons. JE