Donnerstag, 10. Juli 2014

Das Kalifat.

 
aus nzz.ch, 10. 7. 2014        Abu Bakr, Gefährte und Nachfolger Mohammeds, schützt diesen gegen die Steinwürfe der Ungläubigen

Das Kalifat im Wandel der Zeit
Statthalter Gottes – Strohmann der Mächtigen


 
Wie ein Echo aus längst vergangener Zeit mutet die Ausrufung eines Kalifats im Machtbereich der extremistischen Gruppierung Isis an. Wie definierte sich die Macht des Kalifen im Lauf der islamischen Geschichte, und in welchem Verhältnis zur Vergangenheit steht das Selbstverständnis der Extremisten?

Pathetisch verkündete der Sprecher der islamistischen Extremistengruppe Isis, Abu Muhammad al-Adnani, am 29. Juni die Ausrufung des Kalifats und die Einsetzung von Ibrahim Awwad Ibrahim, alias Abu Bakr al-Baghdadi, als Kalifen. Schon die Wahl des Nom de guerre Abu Bakr liess vermuten, dass Ibrahim Grosses im Sinn hatte, war doch Abu Bakr der erste Nachfolger, das heisst der erste Kalif, des Propheten Mohammed gewesen. Al-Baghdadis Vorstellung vom Kalifat kann als eine Neuerfindung gelten; sie deutet eine ultrareligiöse Heilsherrschaft mit mittelalterlichen Ordnungsmustern, die auf die islamische Frühzeit projiziert werden.

Zwischen Moschee und Palast

Als herrschaftliche Ordnung wurde das Kalifat erstmals von mittelalterlichen Gelehrten wie al-Mawardi (972–1058), al-Djuwayni (1028–1085) und al-Ghazzali (1058–1111) systematisch beschrieben. Dabei war man sich schon damals keineswegs einig, ob es überhaupt ein Kalifat geben müsse. Die einen meinten, das Kalifat habe den Zweck, Herrschaft an den Islam anzubinden und die Herrschaftsordnung dem islamischen Recht zu unterstellen; ohne Kalifat würde unter Muslimen nur Zwietracht herrschen. Die anderen erachteten das Kalifat als eine Form von religiöser Vertretung der islamischen Ökumene, die zwar empfehlenswert, aber nicht unabdingbar sei. Theoretisch sollte der Kalif, so al-Ghazzali, zwei Aufgaben erfüllen: die des Imams, das heisst bei ihm die Führung der Muslime in den Angelegenheiten der Religion, und die des Sultans, das heisst die Exekutive einer Herrschaftsordnung. Letztere Funktion aber habe er nicht persönlich auszuüben, sondern an König, Sultane und Fürsten zu delegieren, die sich wiederum vertraglich zur Anerkennung des Kalifen verpflichten müssten.

Das damalige Gerangel um die Legitimität des Kalifats hatte durchaus historische Gründe. Um das Jahr 1000 existierten in der damaligen islamischen Welt gleich drei Kalifate: das abbasidische Kalifat von Bagdad, das ismailitisch-schiitische von Kairo und das umayyadische von Cordoba in Spanien. Nach dem Sturz der Umayyaden in Spanien 1031 und dem der Fatimiden in Ägypten 1171 blieb abgesehen vom allein in Nordafrika anerkannten Kalifat der Almohaden (1130–1269) nur noch das auf einen sehr kleinen Machtbereich geschrumpfte Kalifat von Bagdad übrig, ehe auch dieses 1258 nach der Eroberung durch die Truppen des Mongolen Hülegü unterging. Die symbolische Bedeutung des Kalifats blieb allerdings bestehen: Al-Hakim, ein abbasidischer Flüchtling aus Bagdad, wurde von mamlukischen Fürsten in Aleppo und Kairo 1261 als Kalif eingesetzt, einzig mit dem Ziel, grössere Allianzen bilden zu können.

Denn schon damals war das Kalifat nur noch ein Instrument, Allianzen zwischen Fürsten durch die symbolische Bindung an einen Kalifen zu bilden. Herrschaftliche Macht hatten dieser Kalif und seine Nachfahren nicht. Der letzte dieser sogenannten Schattenkalifen war al-Mutawakkil III., der 1517 vom osmanischen Sultan Selim I. abgesetzt wurde. Im späten 18. Jahrhundert entdeckten die osmanischen Sultane das Kalifat neu und nutzten es, um ihren Geltungsanspruch gegenüber muslimischen Gemeinschaften, die nach den Gebietsverlusten nicht mehr ihrer Herrschaft unterstanden, zum Ausdruck zu bringen. Eine herrschaftliche Funktion hatte das Kalifat auch dann bis zu seiner offiziellen Abschaffung im Jahre 1924 nicht.

Nachfolge des Propheten

Die seit al-Mawardi tradierte scholastische Normenordnung hatte praktisch nichts mit dem damaligen realen Kalifat zu tun. Doch ohne eine historische Imagination kommt heute ein Kalifat nicht aus. Diese bildet einen zweiten Pfeiler, auf den sich der von al-Baghdadi verkündete «Islamische Kalifatsstaat» stützt. Sie bezieht ihre Bilder aus der Zeit der ersten Nachfolger des Propheten Mohammed, der Kalifen Abu Bakr (Kalif von 632 bis 634), Umar (634–644) und Uthman (644–656). Diese drei Personen werden nun als Figuration der spätmittelalterlichen Normenordnung gedeutet und so beschrieben, als wären sie reale Herrscher im Sinne dieser Normen gewesen. Doch die Herrschaftsgewalt der ersten Kalifen lässt sich kaum mit diesen Normen in Beziehung bringen. Dies liegt vor allem daran, dass sie eben als Nachfolger des Propheten Mohammed galten; eine Nachfolgeschaft dieser Art liess sich nur auf jene beziehen, die tatsächlich aus dem direkten Umfeld des Propheten kamen. Die Partei des vierten Kalifen Ali (656–661), des Cousins und Schwiegersohns Mohammeds, hatte von Anfang an darauf gepocht, dass allein die Familie Alis legitimiert sei, die Führung der Kultgemeinschaft auszuüben.

Diese vier ersten, die sogenannten «rechtgeleiteten Kalifen» aber waren keine Cäsaren. Ihre Befehlsgewalt beschränkte sich auf das, was die islamische Kultgemeinschaft kennzeichnete; so waren sie zunächst Vorsteher im Kult. Daneben wirkten sie als Hüter des «Schatzhauses» und damit als diejenigen, denen die Befehlsgewalt über die Gemeinde der Gottestreuen anvertraut wurde, sowie als Schiedsrichter in den Angelegenheiten, die als Verletzung der Grenze zwischen dem Kult und der Sozialwelt galten. Diese Bevollmächtigung war aber verschieden von der Herrschaft, welche die sozialen Verbände, mithin die Stämme, ausübten und die sich zum Beispiel in der Privilegierung bei der Beuteverteilung oder in den Eroberungszügen zeigte. Die Befehlsgewalt der ersten vier Kalifen bezog sich auf Anliegen der Kultgemeinde. Alles Leben jenseits dessen, was sich auf den Kult beziehen liess, unterstand nicht ihrer Autorität.

Dieses frühislamische Kalifat verlor aber nach 660/680 zunächst unter den Umayyaden, dann unter den Abbasiden an Bedeutung, da sich die Kalifen nun nicht mehr als Nachfolger des Propheten sehen konnten, sondern sich stattdessen als «Stellvertreter» oder «Sachwalter» Gottes auf Erden verstanden. Hierzu wurde gerne von den beiden einzigen Stellen im Koran Gebrauch gemacht, in denen der Begriff Kalif auftaucht: In 2:30 wird davon gesprochen, dass Gott Adam als «einen Nachfolger» einsetzen wird, und in 38:26 wird David als jemand bezeichnet, den Gott als Nachfolger (zu ergänzen wäre wohl: früherer Herrscher) eingesetzt habe. Gelesen wurden beide Verse als Hinweis darauf, dass Gott einen Menschen als Herrscher einsetzen könne und dass ein so von Gott privilegierter Herrscher Kalif sei. 

Dies erinnert natürlich an die mittelalterliche Diskussion um das Gottesgnadentum und an die berühmte Stelle im Römerbrief 13:1: «Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit ohne von Gott; wo aber Obrigkeit ist, die ist von Gott verordnet.»

Streng genommen gab es also zwei Formen des Kalifats: die frühe Nachfolgeschaft des Propheten Mohammed und die von Gott verordnete Herrschaft. Natürlich stellte sich für islamische Juristen die Frage, wie der Akt der Einsetzung des Herrschers durch Gott gedacht werden könne. Für die meisten ergab sich die Notwendigkeit der Zustimmung. Nur dann könne eine Herrschaft als Kalifat, also als von Gott eingesetzt, gedacht werden, wenn es eine hinreichende Zustimmung der Gemeinde gebe, wenn die Einsetzung durch ein Beratungsgremium erfolge und wenn der potenzielle Kalif über einen Fähigkeitsnachweis verfüge.

Eine Minderheit nutzte diese allgemeine Rahmenordnung, um das Amt des Kalifen theoretisch jedermann zugänglich zu machen, denn allein in der Zustimmung äussere sich der Wille Gottes. Die Mehrheit allerdings beharrte darauf, dass die Nachfolge immer genealogisch zu verstehen sei: Zwar könne ein Herrscher von Gott eingesetzt und damit Kalif sein, aber nur in der genealogischen Nachfolge bilde sich der ursprüngliche Wille Gottes weiterhin ab. Daher war das Kalifat bis 1924 stets eine dynastische Ordnung. Versuche, unabhängig von einer solchen Ordnung einen Kalifen einzusetzen, sind in der islamischen Geschichte stets gescheitert. Das Kalifat wurde so zu einem Qualifikationsmerkmal königlicher Herrschaft und damit zum Bestandteil königlicher Titulatur; der Titel definierte nur noch den nie eingelösten Anspruch, eine Allianz der gesamten islamischen Ökumene zu bilden. Ein Primat der religiösen Auslegung oder gar die Normierung einer islamischen Ordnung fiel nicht in den Aufgabenbereich des dynastischen Kalifats.

Al-Baghdadi beansprucht, beide Formen des Kalifats in einer Ordnung zu vereinen. Symbolisch wurde die Prozedur wiederholt, die der Überlieferung nach 632 zur Bestimmung von Abu Bakr als erstem Kalifen geführt hatte: Die Männer, welche «die Löse- und Bindegewalt innehätten», hätten die Etablierung des islamischen Kalifats verkündet und Abu Bakr al-Baghdadi eingesetzt. Diese frühislamisch inspirierte Szene wird dann kombiniert mit dem normativen Geltungsanspruch eines von Gott eingesetzten Kalifats. Schliesslich wird noch eine genealogische Bestimmung erfüllt, indem al-Baghdadi als Haschemit identifiziert wird, der in direkter Linie vom Propheten Mohammed abstamme.

Renaissance der Kalifatsidee

Nach der Absetzung des letzten osmanischen Kalifen 1924 war der Begriff «Kalif» nur noch Topos einer innerislamischen Selbstauslegung. Alle Versuche, damals bestehende arabische Monarchien mit dem Begriff «Kalifat» aufzuwerten, scheiterten schon im Ansatz. In der politischen Fiktion hingegen zeichnete sich schon 1950 eine Neuerfindung eines republikanisch erscheinenden islamischen Kalifats ab. Es wurde nun für eine Minderheit zur Zentralfigur einer islamischen Utopie, für die der palästinensische Richter Taqi ad-Din an-Nabhani (1909–1977), Gründer der islamischen Befreiungspartei, 1953 sogar eine Verfassung schrieb. Dort heisst es: «Der Kalif ist derjenige, der die Umma in der Ausübung der Herrschaftsmacht und der Durchführung des islamischen Rechts vertritt.» 

Das Kalifat selbst wurde definiert als «ein auf Zustimmung und freier Wahl beruhender Vertrag». Der Begriff Kalif hat also nicht mehr den Sinn einer Nachfolgeschaft, sondern den einer transnationalen staatlichen Herrschaft. Doch in al-Baghdadis ultrareligiöser Vision spielt dieser Gedanke keine Rolle mehr. Stattdessen verknüpft er das Kalifat mit einem Heilsversprechen. Al-Baghdadi, der sich nun als «Kalif aller Muslime» und das Kalifat selbst als «Versprechen Gottes» bezeichnet, verkündet, dass die Zustimmung zu seinem Kalifat das Seelenheil garantiere. Entsprechend wird nun der Treueschwur auf den Kalifen zu Pflicht erklärt; wer diesen nicht leiste, sei ein Abtrünniger. Die neue Ordnung heisst nun «islamischer Kalifatsstaat»; al-Baghdadi war sich wohl nicht bewusst, dass die arabische Formulierung «Kalifatsstaat» von vorneuzeitlichen arabischen Autoren fast ausschliesslich benutzt wurde, wenn es um den Untergang des abbasidischen Kalifats im Jahr 1258 ging.

Mittwoch, 9. Juli 2014

Früher Buchdruck und Propaganda.

Mentelin-Druck von 1473
Augsburger Buchwissenschaftler entdeckt unbekannten Straßburger Druck von 1461
Klaus P. Prem 
Presse - Öffentlichkeitsarbeit - Information
Universität Augsburg 

 09.07.2014 12:44

Der spektakuläre Fund, den Dr. Günter Hägele im Stadtarchiv Baden im Aargau gemacht hat, bezeugt die rasche und großräumige Verbreitung der Buchdruckerkunst über Mainz hinaus und dokumentiert den "Ablass als Medienereignis".

Augsburg/GH/KPP - 1454 erschien in Mainz Gutenbergs berühmte zweibändige Bibel. Schon 1459/1460 wurde erstmals auch außerhalb der Stadt Mainz gedruckt, nämlich in Bamberg und Straßburg. Der Augsburger Buchwissenschaftler und Leiter der Sondersammlungen der Universitätsbibliothek Augsburg, Dr. Günter Hägele, hat nun einen bisher unbekannten Straßburger Einblattdruck von 1461 im Stadtarchiv Baden im Aargau entdeckt.

Neue Funde aus dem ersten Jahrzehnt der Buchdruckerkunst sind nach 200 Jahren intensiver wissenschaftlicher Inkunabelforschung (lat. incunabula: die Windeln, die Wiege – als die Buchdruckerkunst noch in der Wiege lag) eigentlich kaum mehr zu erwarten. Umso überraschender ist Hägeles Fund im Stadtarchiv Aargau, wo seit dem späten 15. Jahrhundert gleich 15 druckfrische, bestens erhaltene Exemplare eines 1461 in Straßburg gedruckten Ablassbriefes aufbewahrt – und seither übersehen wurden.

Religiöse und politische Propaganda

Schon Gutenberg druckte, parallel zu seiner Bibel, die ersten Einblattdrucke, und auch in der zweiten in Mainz ansässigen Werkstatt, bei Fust und Schöffer (seit 1455/1456), wurden neben Büchern auch immer wieder solche Akzidenzdrucke (Gelegenheitsdrucke) hergestellt, die häufig der religiösen und politischen Propaganda ihrer Auftraggeber dienten.

Zu dieser Gattung zählt auch der von Hägele neu aufgefundene Ablassbrief. Jedem Spender, so die Bulle Papst Pius II., werde ein Nachlass zeitlicher Sündenstrafen gewährt, wenn er für den Wiederaufbau des im Krieg völlig zerstörten St. Cyriacus-Stiftes bei Worms einen namhaften Geldbetrag stifte. Der Ablasshandel in Sachen Neuhausen war bisher nur durch einige wenige Exemplare aus den beiden genannten Mainzer Pressen bezeugt. Die neu aufgefundenen Ablassbriefe hingegen wurden in Straßburg gedruckt. Dort hatte Johann Mentelin 1460 sein Erstlingswerk, eine prächtige zweibändige Bibel, vorgelegt, dem er als zweites Erzeugnis seiner Presse 1461 augenscheinlich diese Ablassbriefe folgen ließ. Da Drucke dieser Zeit im Regelfall weder Drucker noch Druckort oder Jahreszahl nennen, war die Zuweisung nur auf Grund der Identifizierung der verwendeten Drucktype möglich. Den Auftrag zum Druck hatte Mentelin wohl vom Wormser Bischof erhalten, der damit die Versorgung auch des südwestdeutschen Raumes mit Ablassbriefen sicherstellen wollte.

Die Ablasskampagne verlief sehr erfolgreich, auch in Gegenden, wo man Neuhausen und die zerstörte Stiftskirche St. Cyriacus gar nicht kannte. Der Hl. Cyriacus wurde nämlich weit über Südwestdeutschland hinaus verehrt, galt er doch als Helfer gegen böse Geister, Besessenheit und Versuchungen. Als Helfer gegen Frost und schlechtes Wetter war er zugleich auch Schutzpatron der Winzer. Schließlich wurde er sogar unter die 14 Nothelfer gezählt.

Der Fund verdient aus mehreren Gründen Beachtung. Zum einen bezeugt er die schnelle und großräumige Verbreitung der noch jungen Buchdruckerkunst über den Ort ihrer Erfindung hinaus. Zum anderen ermöglicht er neue Einblicke in den frühesten Straßburger Buchdruck und dessen Erzeugnisse. Wie in Mainz konnte man auch in Straßburg mit diesen in hohen Stückzahlen hergestellten Einblattdrucken anscheinend in kurzer Zeit gutes Geld verdienen, während die Drucklegung umfangreicher Bücher regelmäßig einen viel höheren Arbeitsaufwand und wesentlich größeren Kapitaleinsatz bei der Vorfinanzierung erforderte.

Ablass als Medienereignis

Der Straßburger Ablassbrief ist aber auch ein weiteres Indiz dafür, wie früh die Kirche die neue Kunst des Druckens für ihre Zwecke instrumentalisierte. Die um 1450 einsetzende Ablassflut hat sich, wie man das auch an diesem neuen Beispiel ablesen kann, schon sehr früh und dann verstärkt ab 1475 beim Erschließen neuer Geldquellen durch Ablasshandel in einer zunehmend inflationären und kommerzialisierten Form des neuen Mediums Buchdruck bedient; von hier führte letztlich der Weg direkt zur Reformation. Die großen Ablasskampagnen des späten 15. und frühen 16. Jahrhunderts wären ohne das Medium des Buchdrucks nicht möglich gewesen. Die Forschung spricht daher in jüngster Zeit auch pointiert vom "Ablass als Medienereignis“, der der “Reformation als Medienereignis“ vorausging.

___________________________________ 
Publikation:
Günter Hägele: Ein unbekannter Mentelin-Druck von 1461 im Stadtarchiv Baden im Aargau: Ablassbrief zum Besten des Kollegiatstifts St. Cyriacus in Neuhausen [Straßburg: Johannes Mentelin, vor 18. November 1461], in: Gutenberg-Jahrbuch 89 (2014), S. 68-85
___________________________________________

Ansprechpartner:
Dr. Günter Hägele
Leiter Handschriften, Alte Drucke, Sondersammlungen
Universitätsbibliothek Augsburg
Telefon 0821/598-5350
guenter.haegele@bibliothek.uni-augsburg.de
http://www.bibliothek.uni-augsburg.de

Montag, 7. Juli 2014

China - der Kampf gegen die Korruption (der andern) als Herrschafts- methode.

Xu Caihou, Bo Xilai
General Xu Caihou (r.), und der damalige Parteichef der Region Chongqing, Bo Xilai, beim Nationalen Volkskongress im März 2012

Unter der Überschrift Chinas Funktionäre am Rande des Nervenzusammenbruchs berichtete die FAZ am 2. Juli über die jüngste Antikooruptionskampagen in China:

"Es geht um Machtmissbrauch und Vetternwirtschaft in Milliardenhöhe: Mit seiner Kampagne gegen Korruption hat der chinesische Staats- und Parteichef Xi Jinping schon Kader in den Selbstmord getrieben." Doch nun rege sich Widerstand.
"Die Verhaftung von General Xu Caihou, der bis 2012 Chinas höchster Militärführer war, ist nicht nur ein Schlag gegen die Volksbefreiungsarmee. Xu war auch Mitglied des Politbüros der Kommunistischen Partei. Parteichef Xi Jinping greift durch, und in China fragen sich mittlerweile auch seine Parteigenossen, ob er seinen Feldzug gegen die Korruption nicht zu weit treibt."


Xi Jinping zuerst einmal durch eine Kampagne gegen die Korruption vorgestellt. Er muss sein eigenen Leute in Stellung bringen, und dafür muss er die Leute seiner Vorgänger entsorgen. Früher dienten dazu vorgebliche ideologische Abweichungen von der Generallinie, aber kommunistisch ist an dieser Partei kaum noch das Kostüm, und Popularität erntet man damit schon lange nicht mehr. Insofern ist alles wie gehabt.
 
Doch "Xi Jinpings Vorgehen gegen die Korruption in der Partei übertrifft an Intensität und Dauer alle bisherigen Kampagnen dieser Art. Zehntausende Funktionäre wurden bereits abgesetzt oder verhaftet. Und auch gegen die höheren Amtsinhaber lässt der Staats- und Parteichef ermitteln. Seit Antritt der neuen Führungsriege im Jahr 2012 wurden Verfahren gegen 30 Funktionäre auf Ministerebene eingeleitet. Die Ermittler der Disziplinarkommission der Partei arbeiten sich von Provinz zu Provinz, von Staatsunternehmen zu Behörden vor."

Allerdings hätten Korruption und Vetternwirtschaft inzwischen auch zuvor unvorstellbare Ausmaße angenommen. "Wenn jetzt von illegalen Vermögen die Rede ist, geht es nicht mehr um Zehntausende von Euro, es geht oft um Millionen und Milliarden, die Funktionäre und ihre Familien unter Ausnutzung der Beziehungen der Amtsträger anhäufen."

Besonders die Dauer von Xi Jinpings Feldzug gegen die Korruption habe überrascht. "Xi Jinping kämpft gegen die Seilschaften seiner Amtsvorgänger Hu Jintao und Jiang Zemin und gegen die seines Rivalen, des früheren Politbüromitglieds Zhou Yongkang, der wohl der Nächste im Visier der Korruptionsermittler ist."
Xi Jinping Militär 
Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping

Xi habe es offenbar geschafft, mit Hilfe der Ermittler sogar das Militär unter seine Kontrolle zu bringen. Die Verhaftung von General Xu Caihou ist ein Signal an alle.

Offiziell sei die Unterstützung für seine Antikorruptionskampagne zwar ungeteilt, "er macht sich aber auch viele Feinde. Hinter den abgesetzten und angeklagten Funktionären stehen meist ganze Familienclans mit weitreichenden Verbindungen und Wirtschaftsinteressen. Die sehen sich übervorteilt, zumal sie zu Recht argumentieren können, dass die Entscheidungen darüber, wer verfolgt wird und wer nicht, willkürlich erscheinen. So kursiert auf chinesischen Websites die Verteidigungsrede eines abgesetzten Funktionärs aus Guangzhou, der klagt, dass doch alle mehr oder weniger korrupt seien und die Korrupten gegen die Korrupten ermittelten." 

Sogar die Möglichkeit, die illegalen Vermögen ins Ausland zu schaffen, bevor die Ermittler die Hand darauf legen können, würden nun unterbunden. Die Folge sei ein um sich greifende Lähmung: Niemand wage mehr, eine Entscheidung zu treffen. "Es häufen sich die Selbstmorde von Funktionären. Xi Jinpings Amtsvorgänger Hu Jintao und Jiang Zemin haben intern Kritik an dessen Vorgehen geäußert. Sie argumentieren, dass das Ausmaß der Kampagne dem Ansehen der Partei schade, weil es den Eindruck eines durch und durch korrupten Systems vermittle. Dass Xi sich von diesen Bedenken nicht abhalten lässt, liegt auch in der ideologischen Überzeugung des Parteichefs begründet. Er sehe sich als Retter der Partei, sagt der China-Fachmann Johnson. Xi Jinping hat das Beispiel des Untergangs der Sowjetunion stets vor Augen. Mehrfach hat er gewarnt, dass es Chinas KP nicht ergehen dürfe wie der KPdSU."





Freitag, 4. Juli 2014

Die Kultur der Korruption in China.

Im spätkommunistischen China gibt es viel zu verteilen. – Im Pekinger Volkskongress.
aus nzz.ch, 2. Juli 2014, 05:30                                                                                           hinter Kulissen 

Die Kultur der Korruption in China
Verlust der Vernunft



So sehr sich die chinesische Kommunistische Partei immer wieder bemüht, der Hydra der Korruption in den eigenen Reihen den Kopf abzuschlagen, das Problem bleibt endemisch. Schon Konfuzius unterteilte die Menschen in «Edle» und «Gemeine». Es ist diese Differenz, die sich bis heute bewirtschaften lässt.

Lernt gut, um Beamter zu werden, mahnt Konfuzius in den «Gesprächen», denn ein hervorragender Gelehrter solle mit seinem Wissen dem Land dienen. Während der revolutionären maoistischen Ära galt im Parteijargon der Beamte als Diener des Volkes. Im gegenwärtigen China ist der chinesische Volksmund aber zum Schluss gelangt, dass in China der Diener (der Beamte) seinen Meister (das Volk) so oft schlagen dürfe, wie er wolle.

Sowohl offizielle als auch inoffizielle Umfragen zeigen heute deutlich auf, dass eine der tiefsten Verwerfungen in China zwischen den korrupten Beamten und dem Volk verläuft. Die in immer höheren Beamtenkreisen aufgedeckten notorischen Korruptionsskandale drohen die Legitimität der Partei zu untergraben.
 
Weiterhin den Kotau machen

In der Volksrepublik China genossen die Beamten seit je Privilegien. Während der Kulturrevolution durften nur die Beamten die offiziellen internen Nachrichten abonnieren, denn sie verfügten angeblich über das gereifte Bewusstsein, um sich schadlos mit den ungefilterten Informationen aus dem bourgeoisen Westen und über die Volksfeinde auseinanderzusetzen, während das Volk davor geschützt werden musste. Die Beamten speisten im Gegensatz zum Volk in erlesenen Restaurants und wurden medizinisch in erstklassigen Spitälern behandelt, weil ihre Gesundheit wichtiger war für den Aufbau des neuen China als diejenige des normalen Volkes. Die Diener des Volkes seien unersetzlich, hiess es früher in der offiziellen Formulierung der Partei. Den höheren Wert der Beamten erkannte man auch daran, dass ein Beamter für ein bestimmtes Delikt höchstens seinen Posten verlor, während einer aus dem gewöhnlichen Volk dafür zu einer Haftstrafe verurteilt wurde.


Mit dem Beginn der wirtschaftlichen Privatisierung in den späten achtziger Jahren stellte sich vorübergehend die Illusion ein, dass auch die Beamten bald für immer ihre Immunität verlieren würden, denn die ins Meer des Kommerzes getauchten Haifische brauchten keinen Parteisekretär mehr, weder im Geschäftsleben noch im privaten Leben. Bald erkannte man aber, dass die für das Business nötigen Stempel in den Händen der Volksdiener verblieben waren – die Haie, so gross sie auch sein mochten, mussten weiterhin vor den Beamten den Kotau machen. Der Unterschied zu früher bestand darin, dass auch die Beamten von der Marktwirtschaft zu profitieren verstanden.

Ein eklatantes Beispiel war der inzwischen gefallene einstige Parteistar Bo Xilai. Als Bo in Dalian das Sagen hatte, griff der millionenschwere Geschäftsmann Xu Ming tief in die Tasche und kam für alle möglichen Annehmlichkeiten von Bo Xilai und seiner Familie auf, von Sportwagen bis zur Finanzierung von Studienplätzen für den Sohn im englischen Elite-Internat Harrow sowie an den Universitäten Oxford und Harvard, einschliesslich des Lebensunterhalts der Frau Bos, die den Sohn in England betreute. Als Gegenleistung erhielt Xu grünes Licht für seine Geschäfte, mit denen er seine Kasse rasch wieder füllte.

Bo Xilai dürfte nur die Spitze des Eisbergs sein. In der gegenwärtig laufenden Anti-Korruptions-Kampagne zählt er zu den «Tigern», aber auch die Ausmasse eines Korruptionsfalls einer «kleinen Fliege» wie des ehemaligen Eisenbahn-Vizedirektors von Hohhot in der Mongolei sind schwindelerregend. Im Laufe von knapp 22 Monaten Amtsdienst hatte der Beamte in seinen Wohnungen in Peking und Hohhot neben anderen Schätzen 88 Millionen Yuan, also 4 Millionen Dollar, in bar sowie 43 Kilo in Gold zusammengerafft.

Es gibt in China viele Gründe, weshalb man Beamte bestechen zu müssen glaubt. Die hochrangigen Beamten fällen Entscheide oft allein, während das gewöhnliche Volk ihrer Willkür ausgeliefert ist. Yan Yongxi, ein Beamter, der für die Entschädigungen beim Umzug eines Quartiers in Peking zuständig war, masste sich durch seine Macht an, seiner Mätresse ein Haus zu überschreiben, um ihr für dessen Abriss eine Entschädigung von 7,4 Millionen Yuan zu verschaffen, während gewöhnliche Personen ohne Beziehungen ihn bestechen mussten, um ihre Entschädigungen zu bekommen.
 
Die «Edlen» und die «Gemeinen»

Zum Kreislauf der Korruption gehört auch die Tatsache, dass man in China für alles Beziehungen braucht, sei es ein Arzttermin, ein Spitalaufenthalt, medizinische Pflege oder auch nur Kostenrückerstattung durch eine Krankenkasse, insbesondere aber für die Schulauswahl, den Schuleintritt und schliesslich die Arbeitssuche. Die Höhe der zur Bestechung eingesetzten Beträge nimmt dabei inflationär zu. Bestehende Beziehungen müssen auch gepflegt werden. Wer sich die hohen «Investitionen» in die richtigen Beziehungen am besten leisten kann, sind die hohen Beamten selber. Sie verfügen durch ihre Macht über ein grosses Netzwerk und stellen die eigenen Beziehungen auch im Tausch gegen andere Privilegien zur Verfügung.

Warum ist es aber in China so schwierig, Gesetzen gegen die Korruption Nachachtung zu verschaffen? Welches kulturelle Gedankengut steht dem entgegen? Unweigerlich kehrt man hier wieder zum Konfuzianismus zurück, der die chinesische Kultur am tiefgreifendsten beeinflusste. Gemäss der konfuzianischen Lehre ist der Mensch vernunftbegabt. Aber sie teilt die Menschen in zwei Klassen: die «Edlen» und die «Gemeinen», wobei der Edle einer ist, der sich zum Beamten qualifiziert oder bereits eine Beamtenfunktion innehat. Gemäss der idealen Konzeption verfügt er über die Disziplin und die Selbstkontrolle, die er durch ständige Selbstkultivierung perfektioniert. Ein solcher Edler benötigt keine Kontrolle von aussen und steht selbstverständlich über dem Gesetz. Gesetze und Strafen bleiben den «gemeinen» Menschen vorbehalten.

Noch heute werden Vergehen von Beamten im Volksmund als «Verlust der Vernunft» dargestellt, was einer Verharmlosung gleichkommt. Wenn Vernunft und Unvernunft lediglich graduell verschieden wären und die Selbstdisziplinierung des edlen Menschen der Normalfall wäre, müssten die gemeinen Menschen lediglich auf das Auftreten eines sauberen Beamten warten. Die chinesische Geschichte ist reich an Legenden über saubere Beamten, aber es sind eben doch nur Legenden.

Die Rückführung auf die Tradition ist freilich in keiner Weise eine Entschuldigung für die immer weiter zunehmende Korruption Chinas und erst recht keine Rechtfertigung dafür, dass die chinesischen Beamten offenbar weiterhin über dem Gesetz stehen. Es stellt sich die Frage, wie wirksam es sein kann, die Korruption durch Kampagnen zu bekämpfen. Statt auch das korrupte juristische System zu ändern, müssten wirksame Kontrollmechanismen etabliert werden. Dänemark, Neuseeland und Finnland weisen derzeit die weltweit geringste Korruption auf – es würde sich für China lohnen, ihre Systeme eingehend zu studieren.


Donnerstag, 3. Juli 2014

Die Intelligenz outsourcen?

aus nzz.ch, 26. Juni 2014, 05:30


Conditio techno-humana
Die Erosion der Intelligenz

Eduard Kaeser ⋅ Im Juni 2012 fragte das «Wall Street Journal» im Titel eines Artikels: Warum einen Anwalt anstellen? Computer sind billiger. Thema war eine technologische Innovation im Rechtsgeschäft. Bei einem Gerichtsverfahren ersuchten die Anwälte einer Baufirma um den Beistand eines Computerprogramms. Der Algorithmus übernimmt die zeitaufwendige Dossier-Maloche, die eine Anwaltskanzlei traditionellerweise an subalterne Mitarbeiter oder an billige Temporärfirmen überwälzt.

Weil Ärzte in der Regel zu teuer seien, schlug kürzlich ein Risikokapitalgeber aus dem Silicon Valley vor, das Gesundheitssystem durch Software zu perfektionieren, die sich von der Grundversorgung zur vollen ärztlichen Betreuung entfalten und dadurch letztlich den Arzt ersetzen würde.


Natürlich ersetzen Programme Anwälte und Ärzte nicht. Aber dieses Auslagern von Arbeiten ist Symptom einer tieferen Entwicklung, des Delegierens sowohl manueller wie intellektueller Tätigkeiten an Automaten. Delegieren erweist sich als der zentrale Motor heutiger technischer Innovationen. Die Wirtschaftsjournalistin Annie Lowrey verstieg sich vor kurzem in der «New York Times» gar zur Vision des «virtuosen Zirkels»: Automatisierung schraube uns unaufhaltsam auf Ebenen hinauf, wo wir zu höherwertigen Arbeiten und Aufgaben befreit würden.

Diese Aufwärtsvision kennt offenbar die einfache Frage nicht: Muss man diese höherwertigen Fähigkeiten nicht auch lernen? Wenn uns die Automaten zusehends die Arbeit aus dem Kopf und den Händen nehmen, was tun wir dann mit Kopf und Händen? Die Frage stellt sich längst nicht mehr bloss in Fabrikhallen, sondern auch in Büros. Arbeitsmarktspezialisten sprechen von einem beunruhigenden Phänomen, dem «deskilling», also der Erosion von Fertigkeiten und qualifizierten Tätigkeiten.

Jüngst haben die Ökonomen Paul Beaudry, David Green und Ben Sand in einer Studie festgestellt, dass es Hochschulabgänger in den USA zunehmend schwerer haben, eine ihrer Ausbildung entsprechende Beschäftigung zu finden. Der Arbeitsmarktexperte David Autor vom MIT spricht von einer «Abwärtsrampe» der Fertigkeiten. Das Austrocknen des Marktes für anspruchsvolle, kognitiv fordernde Beschäftigungen erzeuge einen Kaskadeneffekt: Hochschulabgänger sähen sich zur Annahme von Arbeiten gezwungen, die unter ihrem Ausbildungsniveau und ihren Fertigkeiten lägen. Dadurch stiessen sie die weniger Qualifizierten die Rampe hinunter.

Ohne hier nun einen direkten Zusammenhang mit der Automatisierung zu unterstellen, kann man sich trotzdem fragen, wohin eine solche Entwicklung führt, wenn man immer mehr automatische Systeme in den Arbeitsprozess integriert. Neue Technologien definieren nicht nur die Arbeit um, sondern auch den Menschen. Haben wir Adam Smiths Warnung vergessen? «Jemand, der tagtäglich nur wenige einfache Handgriffe ausführt, die zudem immer das gleiche oder ein ähnliches Ergebnis haben, verlernt, seinen Verstand zu gebrauchen.» Es ist höchste Zeit, Arbeit als ein zentrales anthropologisches Problem zu begreifen, statt sie immer nur im technologisch-ökonomischen Tunnelblick anzuvisieren. Denn dieser Blick führt auch zu einer Erosion – der umsichtigen Intelligenz nämlich. Sie ist ernster zu nehmen als alle gegenwärtigen Wirtschaftskrisen zusammen.



Mittwoch, 2. Juli 2014

Das mentale Dorf.

aus scinexx                                                              Irgendwo in Gallien...

Großstädter schaffen sich ihr "Dorf" selbst 
Bekanntenkreise sind genauso eng und verwoben wie bei Landbewohnern

Von wegen anonym und unverbindlich: In der Großstadt sind Freundeskreise zwar größer als bei Landbewohnern, aber ihre Struktur ist die gleiche wie auf dem Dorf: Wer ihm angehört, ist Teil eines engen, verwobenen Netzwerks – man kennt sich. Das haben Forscher mit Hilfe von Mobilfunk- und Telefondaten aus zwei europäischen Ländern festgestellt. Auch in der Großstadt schaffen wir uns demnach unser eigenes "Dorf", unsere Bezugsgruppe.

Mit dem Wachsen der Großstädte leben immer mehr Menschen auf engem Raum miteinander. Als Folge kommt jeder Einzelnen mit mehr Menschen in Kontakt, bleibt aber gleichzeitig auch anonymer. Markus Schläpfer vom Massachusetts Institute of Technology in Cambridge und seine Kollegen haben nun mit einem neuen Ansatz untersucht, wie sich das Stadtleben auf Größe und Struktur von Bekanntenkreisen und sozialen Netzen auswirkt. Sie nutzten Telefondaten um nachzuvollziehen, wer in Stadt und Dorf wie oft mit wem spricht und wen kontaktiert.

Telefonkontakte verraten Netzwerkstruktur

Um herauszufinden, wie das Leben in der Großstadt oder auf dem Dorf Kommunikationsverhalten und soziale Netze beeinflusst, haben Schläpfer und seine Kollegen 15 Monate lang Mobilfunkdaten des gesamten portugiesischen Handynetzes ausgewertet. Aus diesen Millionen von Verbindungsdaten erstellten sie ein Interaktions-Netzwerk, aus dem sich die Größe und Struktur einzelner Bekanntenkreise rekonstruieren ließ.

"Zwar sind solche Mobilfunkdaten nicht notwendigerweise ein genaues Abbild der tatsächlichen sozialen Netzwerke", betonen die Forscher. So können zwei enge Freunde sich häufig treffen und direkt miteinander reden, aber nur wenig telefonieren. Dennoch haben vergangene Studien gezeigt, dass mobile Daten trotz solcher Abweichungen die individuellen sozialen Interaktionen recht gut repräsentieren, so die Wissenschaftler. Auf ähnliche Weise analysierten die Forscher zusätzlich auch einen Monat lang Festnetzgespräche in ganz Großbritannien.

Doppelt so viele Kontakte...

Das erste Resultat der Analysen: Je größer die Stadt, in der ein Mensch lebt, desto mehr telefonische Kontakte hat er und desto häufiger telefoniert er auch. "Ein durchschnittlicher Bewohner von Lissabon hat rund doppelt so viele erwiderte Kontakte wie ein Bewohner von Lixa, einer ländlichen Kleinstadt", so die Forscher. Mit jeder Verdoppelung der Einwohnerzahl einer Stadt steigt die Zahl der Handykontakte dabei um rund zwölf Prozent pro Person. Dies sei das erste Mal, dass dieser Zusammenhang so klar und in diesem großen Maße nachgewiesen wurde.

…aber genauso verwobene Freundeskreise

Doch die Auswertungen zeigten noch etwas Unerwartetes: Obwohl die sozialen Netze bei Großstadtbewohnern größer sind als auf dem Land, sind sie deshalb nicht weniger eng und verwoben. "Die Wahrscheinlichkeit, dass zwei Bekannte in einem solchen Netz auch unabhängig von der Zentralperson miteinander bekannt sind, müsste geringer sein", so die Forscher. Doch erstaunlicherweise war dies nicht der Fall: In der Großstadt gab es genauso viele Querverbindungen in den sozialen Netzen wie auf dem Land.

"Das deutet darauf hin, dass wir selbst in Großstädten in Gruppen leben, die so eng geknüpft sind wie diejenigen in Kleinstädten oder Dörfern", konstatieren Schläpfer und seine Kollegen. Der Unterschied besteht nur darin, dass die Gemeinschaften in Dörfern oft durch die räumliche Nähe bedingt sind und man es sich nicht immer aussuchen kann, mit wem man dort engen Kontakt hat oder haben muss. In der Großstadt dagegen haben wir mehr Auswahl und suchen uns oft Gleichgesinnte für unseren Bekanntenkreis – Menschen mit ähnlichen Interessen, ähnlichem Beruf, ähnlicher Herkunft oder Ansicht. (Journal of the Royal Society Interface, 2014; doi: 10.1098/rsif.2013.0789)

(Royal Society, 02.07.2014 - NPO)


Nota.

Mentales 'Dorf' klingt tendenziös und ist vielleicht auch gar nicht treffend. Die Familie Homo hat, nachdem sie die Baumkronen verlassen und durch die Savanne gezogen ist, in Familienverbänden mit unterchiedlichen Verwandtheitsgraden gelebt. Das war rund zwei Millionen Jahre lang die eherne Bedingung ihres Überlebens. Dass die Spuren davon den Übergang zur Arbeitsgesellschaft vor grad mal 12 000 Jahren weit überdauern, kann niemanden verwundern.
JE 

Dienstag, 1. Juli 2014

Politische Romantik, II.

institution logo

Die politische Sprengkraft der Romantik
 

Stephan Laudien  
Stabsstelle Kommunikation/Pressestelle
Friedrich-Schiller-Universität Jena 

01.07.2014 13:58

Interdisziplinäre Forschergruppe der Universität Jena möchte die Romantik neu bewerten

„Die Romantik war keineswegs bloß eine deutsche Affäre“, sagt Prof. Dr. Michael Dreyer von der Universität Jena. Der Politikwissenschaftler widerspricht damit Rüdiger Safranski, der dieses Verdikt erhoben hatte. Vielmehr, so Dreyer, sei die Romantik europaweit als Idee aufgegriffen worden. Eine Idee zumal, der politische Sprengkraft innewohnte, die sich nicht auf die Innerlichkeit ihrer Akteure beschränkte.

Gemeinsam mit dem Jenaer Historiker Prof. Dr. Klaus Ries unternimmt Michael Dreyer den Versuch, das festgefügte Bild der Romantik zu revidieren. In einem transdisziplinären Projekt wollen die beiden Wissenschaftler die progressiven Elemente der Romantik erforschen. Gemeinsam mit Rechtswissenschaftlern, Philologen und Theologen soll in einem Forschungsverbund die Romantik neu bewertet werden. 


„Natürlich war die Romantik auch rückwärtsgewandt“, sagt Ries. Doch die Betonung liege auf dem „auch“, denn in ihrem Ursprung sei die romantische Bewegung eine progressive gewesen. Zudem, so Ries, eine passende Ergänzung zur „reinen Vernunft“ der Aufklärung. Weil in der Romantik Gefühle und Emotionen betont wurden, werde sie nahezu ausschließlich als ästhetisches Projekt wahrgenommen.

In der Politikwissenschaft sei die Romantik überhaupt kein Thema, konstatiert Prof. Dreyer. Verantwortlich dafür sei Carl Schmitt, der in seiner Schrift „Politische Romantik“ vom „Quell allen Übels“ geschrieben habe. Schmitt habe das so überzeugend dargelegt, dass sich fortan niemand mehr an das Thema gewagt hat. Dabei, so Dreyer, sei der Liberalismus des frühen 19. Jahrhunderts durchaus eine zunächst romantische Bewegung gewesen. Die Begeisterung etwa für die Französische Revolution sei erst erloschen, als der König hingerichtet wurde. Dreyer verweist darauf, dass es „romantische Netzwerke“ gegeben habe, deren Akteure europaweit in Verbindung standen. Es dürfe zudem nicht vergessen werden, dass in jener Zeit der moderne Staat in Europa entstanden ist.

In jener Umbruchzeit hätten die Romantiker sich keineswegs nur im „stillen Kämmerlein“ aufgehalten. Eher sei das Gegenteil der Fall. Dreyer nennt die „Augsburger Allgemeine“ als ein Medium, das weit über die Ländergrenzen hinweg gelesen wurde. Autoren wie Heinrich Heine und Richard Wagner veröffentlichten in dem Blatt und erzielten damit politische Wirkung.

Klaus Ries und Michael Dreyer untermauern ihre Thesen in dem Buch „Romantik und Freiheit“, das gerade erschienen ist. Es trägt den Untertitel „Wechselspiele zwischen Ästhetik und Politik“ und ist in der Reihe „Ereignis Weimar-Jena, Kultur um 1800“ erschienen. Das Buch versammelt 14 Aufsätze von Autorinnen und Autoren, die sich dem Phänomen Romantik aus dem Blickwinkel verschiedener Wissenschaftsdisziplinen nähern. Es ist bereits die zweite Veröffentlichung zur Romantik in der Reihe. Im ersten Band war es um „Romantik und Revolution“ gegangen. Weitere Arbeiten sollen folgen.

Bibliographische Angaben:
Michael Dreyer, Klaus Ries (Hg.): „Romantik und Freiheit. Wechselspiele zwischen Ästhetik und Politik“, Universitätsverlag Winter, Heidelberg 2014, 304 Seiten, 48 Euro, ISBN: 978-3-8253-6190-7

Kontakt:
Prof. Dr. Klaus Ries
Historisches Institut der Friedrich-Schiller-Universität Jena
Fürstengraben 13, 07743 Jena
Tel.: 03641 / 944983
E-Mail: Klaus.Ries[at]uni-jena.de

Prof. Dr. Michael Dreyer
Institut für Politikwissenschaft der Friedrich-Schiller-Universität Jena
Carl-Zeiß-Straße 3, 07743 Jena
Tel.: 03641 / 945430
E-Mail: michael.dreyer[at]uni-jena.de