Montag, 17. März 2014

Jugend in Ostrom.

aus Die Presse, Wien, 16.03.2014                                  Hagia Sophia, als sie noch Kirche war.

Die jungen Wilden: Adoleszenz in Byzanz
Es gibt Normen und Regeln, aber auch den durchaus üblichen Ausbruch aus dem Alltag. Die Wiener Schule der Byzantinistik legt das Augenmerk auf den Lebensabschnitt zwischen "Jugend" und "Mannesalter".

 

Modern und aufgeschlossen. Was die heutige Jugend als neue Identität beansprucht, was seit dem Zweiten Weltkrieg die Heranwachsenden immer wieder für sich reklamieren, trifft auch im Mittelalter für die jungen Byzantiner zu. Es gab damals eine Jugendszene, die auf Kleidung, modische Haartracht und geschliffene Sprache Wert legte. Wobei der Adoleszenz, also dem Lebensabschnitt der jungen Erwachsenen, in der byzantinischen Forschung ein besonderer Stellenwert eingeräumt wird.

Anfang Februar stellte die Wiener Byzantinistik ihre Forschungsergebnisse im internationalen Symposium „Coming of Age – Adolescence in Medieval Byzantium“ vor. Wien sei gemeinsam mit Dumbarton Oaks in den USA, Paris und Oxford weltweit an der Spitze der Byzanzforschung, sagt Claudia Rapp, seit 2011 Professorin der Byzantinistik an der Uni Wien und Leiterin der Abteilung Byzanzforschung an der Akademie der Wissenschaften (ÖAW). Das sei auch der Grund gewesen, warum sie nach 17 Jahren an der University of California dem Ruf nach Wien gefolgt sei. Herbert Hunger (1973 bis 1982 auch Präsident der ÖAW) hat die Wiener Schule der Byzantinistik begründet. In den vergangenen zwei Jahrzehnten stand der nun emeritierte Professor Johannes Koder an der Spitze dieses Wissenschaftszweiges. Der FWF unterstützt derzeit sowohl den Schwerpunkt Erwachsenwerden im Mittelalter als auch das von Efthymia Braounou bearbeitete Projekt „Humor und Ironie in der Sprache der Byzantiner“.

Das andere Mittelalter.  

Warum aber widmen sich Wissenschaftler der Geschichte und Kultur des Oströmischen Reiches, bzw. dessen byzantinischer Nachfolge, die immerhin bis 1453 Bestand hatte? Claudia Rapp: „Mein erstes nachhaltiges Erlebnis war beim Betreten der Hagia Sophia. Dort vermeint man, den gesamten Geist des orthodoxen Christentums zu spüren.“ Für sie sei „Byzanz das andere Mittelalter, das Modell einer christlichen Ordnung und monarchischen Regierungsform“, das heute viel zu wenig bekannt sei, aber interessante Vergleichspunkte zum westlichen (lateinischen) Mittelalter bietet. 

Der Patriarch weihte ab dem 5. Jahrhundert den oströmischen Kaiser. Kirchen und Klöster waren zwar wichtige Grundbesitzer, sie waren aber nicht so beherrschend wie in der (west-)römischen Kirche. Der Priesterstand außerhalb der Klöster war näher an der normalen Bevölkerung, sagt die Byzantinistin Rapp. Die Geistlichen waren verheiratet (und sind dies in der orthodoxen Kirche auch heute), sie waren in der Dorfgemeinschaft integriert, hatten zudem einen profanen Beruf, da das religiöse Amt damals nicht ausreichend dotiert war.

Verbrüderung unter Männern.  

Eine besondere Form der Vernetzung zwischen zwei Männern war das Ritual der Verbrüderung. Entstanden ist es in den Klöstern, wo der geistige Vater und ein Schüler oder zwei Schüler eines geistigen Vaters in einer intensiven gegenseitigen Unterstützung verbunden waren. Die Verbrüderung kam aus dem frühen Mönchstum, seit dem 8. Jahrhundert ist sie in Byzanz dokumentiert, später findet man sie auch unter den Laien Ostroms. Dieses soziale Netzwerk hat sich in der orthodoxen Welt bis in die jüngste Vergangenheit erhalten, so wurde die Verbrüderung in Serbien erst 1977 offiziell verboten.

Die Schriften Ostroms – 80 Prozent sind in griechischer Sprache verfasst – geben Einblick in die Mikrostrukturen der byzantinischen Gesellschaft, in die Strukturen auch jenseits von Kaiser und Kirche. Aufschlüsse liefern Gesetzestexte, theologische Schriften, Historiographien, Hagiographien sowie die säkulare Dichtung. Liebesromane aus dem 12. Jahrhundert liefern ebenso Einblicke in die Begegnungswelt wie manche Briefe, die von den Schreibern als literarisches Geschenk konzipiert wurden. Dazu kommen Handbücher über militärische Belange, über das Zeremionienwesen und die Medizin, den Ackerbau und die Landvermessung. Etwa 20 Prozent der Bevölkerung konnte lesen, wobei die Bildungsaneignung je nach sozialem Status durch Privatlehrer im Einzelunterricht oder in Gruppen erfolgte.

Das Leben männlicher Jugendlicher sei besser dokumentiert, sagt Despoina Ariantzi (Institut für Byzantinistik und Neogräzistik der Uni Wien). Weiblichen Jugendlichen wurde als Tätigkeitsfeld fast ausschließlich der häusliche Bereich zugewiesen, weil nach den Verhaltensnormen der byzantinischen Gesellschaft Mädchen vor Männerblicken geschützt werden sollten. Das Spektrum der männlichen Jugend in Byzanz reicht von spontan entstehenden Kleingruppen bis zu Jugendbanden, so Ariantzi. Die Gruppe hat Einfluss auf Freizeitgestaltung, Unterhaltung und sportliche Aktivitäten.

Das gegenwärtige Forschungsinteresse Wiens an Byzanz führt Claudia Rapp auf den historischen Handelsplatz Wien und mehrere Eheschließungen zurück. Rapp weist auf die Ankeruhr am Hohen Markt, wo als eine der Figuren die byzantinische Königstochter Theodora erscheint. Johannes Preiser-Kapeller ÖAW hat byzantinische Quellen nach Belegen durchforstet. Itha, die Mutter des Babenberger Markgrafen Leopold II., kam im Zuge des Ersten Kreuzzuges nach Konstantinopel vermutlich dann 1101 bei einem Seldschuken-Sieg ums Leben gekommen. Ein Höhepunkt war die Hochzeit von Herzog Heinrich II., der ebenfalls nach Byzanz kam und die Nichte des Kaisers Manuel I., Theodora Ankeruhr!, zur Gemahlin erhielt 1147/48. Als zweiter Babenberger heiratete Leopold VI. 1203 wiederum eine byzantinische Prinzessin, die Enkeltochter des Kaisers Alexios II., die ebenfalls Theodora hieß. Tatsache ist jedenfalls, dass eine byzantinische Ehe einen enormen Prestigegewinn brachte.


Nota.

Ein merkwürdiger Beitrag, ohne Anfang, ohne Ende, ohne Mitte. Aber ich würde auf diesem Blog gern mehr über Ostrom bringen; als Anfang ist er gut genug.
JE

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