Sonntag, 22. Oktober 2017

Bergbau-Boom in der Bronzezeit.




Bergbau-Boom in der Bronzezeit
Die ersten Bewohner der Alpen wagten sich einst nur in die Berge, weil sie nach Bodenschätzen gierten. Was sie anrichteten, lässt sich im Montafon beobachten.

Von Sebastian Herrmann

 Eine Landschaft wie eine Kitschpostkarte, als hätte das örtliche Fremdenverkehrsamt eine perfekte Alpenidylle inszeniert. Morgennebel verhüllt das Tal, Wolkenfetzen berühren an diesem Tag im frühen Herbst die Spitzen der Fichten, die oberhalb des Ortes Bartholomäberg im österreichischen Montafon die Almen umstehen. Buckel durchziehen die Hänge des Knappagruaba genannten Areals auf 1350 Metern Höhe, die wie groß geratene, grasbewachsene Maulwurfshügel wirken. Die vom nächtlichen Regenschauer benetzten Wiesen sind - natürlich! - von einer derart appetitlichen Saftigkeit, dass man den zwei Kühen auf der Weide zurufen möchte: "Hört auf, einander am Hals zu lecken, ihr dummen Viecher; verzehrt gefälligst dieses herrliche Gras!" Almhütten stehen hier, die Immobilienmaklern Wohlstand garantieren würden, kämen sie je auf den Markt. Meine Güte, ist das schön.


Unter der makellosen Kulisse schlummert ein Geheimnis, eines, das der Szenerie abgründigen Zauber verleiht. Die Wiesen verbergen menschliche Umweltsünden. Wie ein Tuch decken sie Spuren von Zerstörung zu. "Über Jahrtausende wurde hier Bergbau betrieben", sagt Rüdiger Krause, Archäologe von der Goethe-Universität Frankfurt und deutet auf die Hänge. "Hier waren überall Stollen und Abraumhalden." Die Beulen im Gras bestehen aus dem vom Erz befreiten Taubgestein, das Arbeiter einst aus dem Berg gebrochen und aufgeschüttet haben. Die von Brennnesseln und Kraut bewachsenen Einbuchtungen darüber markieren die Stellen, wo Stollen tief in den Berg hineinführten. Die Steine auf den Wegen sind rostrot, an der Luft oxidieren die Erze darin.

Auf den Wiesen wächst eine unscheinbare Pflanze. Sie toleriert besonders hohe Konzentrationen von Schwermetall

Wer diese Spuren nicht deuten kann, sieht nur Almen von alpenkitschiger Beliebigkeit. Wer sie aber zu entziffern weiß, der lernt, dass der Mensch seit jeher in seine Umwelt eingegriffen hat, dass er schon vor Jahrtausenden Landschaften zerwühlt, der Natur Rohstoffe entrissen und dabei so etwas wie kleine, frühzeitliche Industriebrachen hinterlassen hat. Gut möglich, dass der Mensch einst überhaupt nur in den unwirtlichen Alpenraum vorgedrungen ist, weil er dort metallische Rohstoffe erschließen konnte. Unter Archäologen findet diese These viele Anhänger - und hier am Bartholomäberg lässt sich erkunden, welche Auswirkungen diese frühe Gier nach Bodenschätzen hatte. Hier zeigt sich, dass selbst schönste Landschaftskulissen menschliche Zerstörung verbergen.

Archäologie Archäologie Siedlungsplätze am Bartholomäberg 

Der Archäologe Krause will vor allem wissen, wann die Ausbeutung der sogenannten polymetallischen Vererzungen begonnen hat, die sich hier an der geologischen Grenze zwischen Nördlichen Kalkalpen und Zentralalpen in oberflächennahen Regionen befinden. Je älter die Bergbauspuren sind, die Krause und sein Team finden, umso besser - denn je älter etwas ist, desto größer die Magie, die davon ausgeht. "Wir suchen die Bronzezeit", ruft Krause enthusiastisch, "aber wir finden die Eisenzeit." Seit dem Jahr 2002 graben die Archäologen am Bartholomäberg. Gezeigt hat sich dabei, dass dieser Südhang wohl die Keimzelle menschlicher Besiedlung des Montafons war. Der Talboden war, wie anderswo in den Alpen, vor Jahrtausenden kein geeigneter Siedlungsplatz. Wo heute Ortschaften mit Namen wie Schruns oder Tschagguns liegen, mäanderten wilde Flüsse durch Schwemmland und überfluteten regelmäßig das Tal. Als bronzezeitlicher Siedler war es wohl eine ziemlich gute und lebensrettende Idee, sich in höher gelegenen Regionen niederzulassen.

"Insgesamt sind bisher fünf prähistorische Siedlungsplätze aus dem Montafon bekannt, deren Anfänge jeweils in der jüngeren Frühbronzezeit liegen", schreiben die Forscher um Krause, also ungefähr zwischen 2500 und 2000 vor Christus. Vier davon befinden sich auf dem Bartholomäberg. In Sichtweite der Barockkirche der gleichnamigen Ortschaft liegt ein Siedlungsplatz. Etwas tiefer gelegen haben die Archäologen Reste der Friagaburg ausgegraben, eine befestigte Siedlungsstelle aus der Bronzezeit und laut Krause eine der wohl ältesten Burganlagen der Alpen. "Das ist ein wunderbarer Siedlungskleinraum aus der Bronzezeit", kommentiert Thomas Stöllner, Montanarchäologe an der Ruhr-Universität Bochum, die Funde.

Auch auf der präindustriellen Bergbaubrache an der Knappagruaba finden sich Spuren aus jener Vorzeit, aus der Krause so gerne Beweise für Bergbautätigkeit finden möchte. Dort steht ein Baucontainer in Würfelform auf einer Wiese, der den Forschern als Büro dient. Daneben befindet sich eine Hütte, in der Besucher eine Tour in einen der erhaltenen Stollen aus dem Mittelalter buchen können. Die Grünfläche davor haben die Archäologen in einer vergangenen Grabungsphase geöffnet und dann wieder geschlossen. "Da steckt mittlere Bronzezeit drin", sagt Krause. In der Erde haben die Archäologen Keramikscherben aus jener Zeit gefunden. Holzkohle- stückchen aus Brandgruben konnten entsprechend datiert werden, zudem stießen die Forscher auf Reste von Steinkonstruktionen. Doch kein Fund lässt sich direkt in Zusammenhang mit Bergbau bringen.

Dabei befinden sich die alten Stollen direkt nebenan, das ganze Gebiet wurde durchbohrt, zerwühlt, zerklopft, bis der Bergbau nach einer Hochphase im Mittelalter im 17. Jahrhundert zum Erliegen kam. "Dass auch im Montafon schon in der Bronzezeit Erze abgebaut wurden, würde von der Siedlungsstruktur dort gut passen", sagt Philippe Della Casa, Archäologe an der Uni Zürich, der in Graubünden am Oberhalbstein an einem bronzezeitlichen Montanrevier forscht, "aber man würde das gern auch direkt nachweisen."

"Das ist hier wie ein Puzzlespiel"

Aus anderen Regionen der Alpen ist bekannt, dass Menschen grob um 3000 vor Christus begannen, Erze abzubauen. Am Mondsee im Salzkammergut etwa, später dann im Trentino, im Inntal oder am Mitterberg, der mächtigsten Kupfererzlagerstätte der Ostalpen, wo der Montanarchäologe Stöllner forscht. In dem Revier in der Nähe des Hochkönigs begann die großflächige Ausbeutung der Kupfererze um 1800 vor Christus. Die Minen bedienten große Teile Europas von Skandinavien bis zum Balkan. Zwischen dem 15. und 12. Jahrhundert vor Christus wurden dort etwa 19 000 Tonnen Rohkupfer produziert.

Die Lagerstätten auf dem Bartholomäberg waren wesentlich kleiner, aber was spricht dagegen, dass die Menschen hier zur gleichen Zeit begannen, die Erze aus dem Gestein zu hauen wie weiter im Osten? Die Siedlungen waren da, und nicht allzu weit entfernt am Oberhalbstein in Graubünden gab es doch auch prähistorischen Bergbau? Es ist sehr schwer, in einer völlig zerwühlten Landschaft festzustellen, wann und wo das erste Loch in den Berg gehauen wurde, welcher der erste Stein auf einer Halde war, auf der jahrhundertelang weitere Steine landeten.

Unter einem Zelt gräbt eine Gruppe Studenten der Frankfurter Uni in den Hang. Sie haben eine Fläche von vielleicht zwei Meter Breite und fünf Meter Länge freigelegt und davor einen Haufen Steine aufgeschüttet. In der Grabung stecken ein paar Felsbrocken, in manchen Abschnitten ist die Erde etwas dunkler. So unspektakulär kann Archäologie aussehen, aber hier wird eben keine Grabbeigabe eines strahlenden Herrschers gesucht, sondern ein Loch, das irgendwelche armen Teufel vor langer, langer Zeit in den Berg gehackt haben.

"Mit der Archäologie stoßen wir hier an Grenzen"

"Ein eindeutiger, schöner Bergbaubefund", schwärmt Krause, als er die Stelle inspiziert. Der Doktorand Rudolf Klopfer, Kopf des Grabungsteams, nickt und deutet auf eine kleine Steinhäufung: "Das wird der Schacht gewesen sein, der senkrecht in die Tiefe ging, sicher ein ordentliches Stück." Aber wann dieser Schacht in den Berg getrieben wurde? Kaum zu sagen, kaum zu datieren, wahrscheinlich irgendwann zwischen 40 vor und 400 nach Christus. "Das ist hier wie ein Puzzlespiel", sagt Klopfer. Dessen Teile bestehen aber nicht nur aus Steinen, sie sind wesentlich abstrakter, komplexer.

"Mit der Archäologie stoßen wir hier an Grenzen", sagt Krause, "da helfen uns nur mehr andere Techniken weiter." Grabungen haben die Forscher mit geomagnetischen Messungen vorbereitet. Wo die Daten Anomalien zeigten, lohnt es sich eher, die Schaufel anzusetzen. Noch wichtiger sind Methoden, mit denen sich Spuren menschlicher Aktivitäten finden lassen. Zarte Hinweise gibt eine unscheinbare Pflanze, die auf den Buckeln besonders häufig wächst, unter denen sich die alten Abraumhalden befinden. Silene vulgaris, auch bekannt als Taubenkropf-Leimkraut, ist eine Zeigerpflanze: Sie toleriert Böden, in denen hohe Schwermetallkonzentrationen stecken - und das ist hier in dem ehemaligen Bergbaugebiet am Bartholomäberg an vielen Stellen der Fall.

In einer Senke, nicht weit vom Zelt, unter dem Klopfer und seine Kollegen graben, wächst Schilf auf einer Fläche von der Größe eines Tennisplatzes; ein kleines Moor, dem die Forscher die Kennzeichnung HZL für Herbstzeitlose gegeben haben. Hier sammelte sich wohl einst Sickerwasser, das aus den Stollen floss. Dadurch entstand das Moor, das nun wie ein Archiv lesbar ist. Dort, sowie an weiteren Mooren auf dem Gelände, haben die Forscher Bohrkerne genommen und analysiert.

Verschieden hohe Konzentrationen von Schwermetallen - Kupfer und Blei - weisen indirekt auf menschliche Aktivitäten hin. "Einen Peak können wir für das 16. und 15. Jahrhundert vor Christus beobachten", sagt Krause. Das deckt sich mit der Datierung der Friagaburg. Auch im dritten und zweiten Jahrhundert vor Christus stecken hohe Schwermetallkonzentrationen im Torf der kleinen Moorflächen. Die Archäobotanikerin Astrid Stobbe hat in Bohrkernen weitere Hinweise auf menschliche Aktivitäten geborgen - konservierte Pflanzenpollen. Aus deren Verteilung lassen sich Rückschlüsse ziehen, wie der Mensch die Vegetation verändert hat. Wann der Wald gerodet wurde, wie Baumarten verdrängt wurden, welche die Oberhand bekamen. Auch daran lässt sich ablesen, dass Menschen hier tief in die Umwelt eingegriffen haben. Und noch etwas steckt in den Bohrkernen: Um 1500 vor Christus muss es ein größeres Ereignis gegeben haben, eine Hangrutschung etwa, eventuell verursacht von den Eingriffen der Menschen in das Ökosystem am Bartholomäberg.

Um 1500 vor Christus muss ein Unglück geschehen sein. Rutschte der Hang ab, weil die Menschen den Berg zerwühlt hatten?

Die Forscher können Vegetationsveränderungen abbilden, sie haben die Daten zur Schwermetallkonzentration und datierbare Holzkohle aus Abraumhalden. "Die Indizienkette ist ziemlich dicht", sagt Stobbe. Nur die archäologischen Befunde selbst halten noch nicht Schritt: Was die anderen Daten nahelegen, hat sich in der Grabung noch nicht bestätigt. Immerhin: "Ab der Eisenzeit wurde hier Erz abgebaut, das scheint so gewesen zu sein", kommentiert Montanarchäologe Stöllner.

Rüdiger Krause marschiert vorbei an dem Zelt über der Grabung, weiter durch ein Waldstück. Dahinter öffnet sich eine weitere Almwiesenlandschaft. Einige Hütten stehen hier, grasbewachsene Buckel durchziehen die Hänge, an anderen Stellen befinden sich mit Brennnesseln und Kraut bewachsene Vertiefungen. Hier hat noch kein Forscher gegraben, aber vielleicht entdeckt ein Archäologe auf diesem Areal eines Tages, wonach Krause auf der anderen Seite des kleinen Waldes so fieberhaft sucht: Belege für bronzezeitlichen Bergbau, datierbare Stollen oder Verhüttungsplätze etwa, wo Erze verarbeitet wurden. "Hier gibt es archäologische Arbeit für kommende Generationen", sagt Krause und blickt auf die buckeligen Hänge, über die der Nebel gleitet. Eines werden Forscher sicher finden: weitere Belege, dass Menschen seit ewigen Zeiten die Berge zerwühlen, stets auf der Suche nach Rohstoffen; und dass selbst unter dem schönsten Wiesenteppich Dreck liegt.



Donnerstag, 19. Oktober 2017

Der Niedergang des Ptolemäerreichs.

Hans Makart. Tod Kleopatras
aus derStandard. at, 17. Oktober 2017, 19:34

Neue Theorie zum Niedergang des Ptolemäerreichs
Mit Kleopatra endete die Herrschaft der Ptolemäer in Ägypten. Eine klimahistorische Studie wirft neues Licht darauf, wie es dazu kam – und warnt vor heutigen Gefahren

von

New Haven – Mit dem Selbstmord der legendären Königin Kleopatra VII. im Jahr 30 vor unserer Zeitrechnung ging auch das große Ptolemäerreich zu Ende. Fast 300 Jahre lang hatte die makedonisch-griechische Dynastie im alten Ägypten geherrscht und für etliche architektonische Großtaten gesorgt – wie den Leuchtturm und die Bibliothek von Alexandria.

Dennoch rebellierte die alexandrinische Bevölkerung immer wieder gegen die Herrschaft, was unter den ägyptischen Pharaonen undenkbar gewesen wäre. Diese inneren Konflikte, die bis jetzt vor allem mit wirtschaftlichen Faktoren und politischen Fehlentscheidungen erklärt wurden, trugen maßgeblich dazu bei, dass die Ptolemäer ihr Großreich allmählich einbüßten, ehe das alte Ägypten nach dem Tod Kleopatras zur römischen Provinz abstieg.

Nur die Hälfte der Geschichte

Doch das ist laut der neuen Untersuchung eines internationalen Forscherteams um den Althistoriker Joseph Manning (Yale University) nur die halbe Wahrheit. Manning und seine Kollegen – darunter Umwelthistoriker und Klimaforscher – haben die detaillierten historischen Aufzeichnungen zu den wirtschaftlichen Krisen zum einen mit den Daten über die Nilüberschwemmungen in dieser Zeit verglichen und fanden dabei auffällige Koinzidenzen.


Blieb das Hochwasser im Sommer aus, vertrocknete das Land rings um den Nil; Ackerbau war nur eingeschränkt möglich. In solchen Jahren gab es mehr Unruhe in Form von Volksaufständen, gegen die mit priesterlichen Dekreten vorgegangen wurde. Kriege mit Nachbarstaaten wurden in diesen Jahren häufiger beendet, brachen aber auch seltener aus.

Warum blieb das Hochwasser aus?

Doch die Forscher ließen es damit nicht bewenden, sie wollten auch noch dem Ausbleiben der Nilhochwasser auf den Grund gehen. Die Daten dafür lieferte Michael Sigl vom Schweizer Paul-Scherrer-Institut, der bereits vor zwei Jahren eine Chronologie der großen Vulkanausbrüche der vergangenen 2500 Jahre anhand von Schwefelablagerungen in Eisbohrkernen erstellt hatte.

Mit Sigls Hilfe ließ sich zeigen, dass der Grund für die ausbleibenden Nilhochwasser tatsächlich große Vulkanausbrüche waren: Dadurch gelangte viel Schwefel in die Atmosphäre, der vorübergehend das Klima änderte. Dadurch verschoben sich Windsysteme und damit der Monsun, der nicht mehr die Quellen des Nils erreichte. Da dessen Hochwasser ausblieb, kam es zu Dürren, Hungersnöten und zur inneren Schwächung des Ptolemäerreiches.

Schlüsse für damals und morgen

Für Joseph Manning zeigt die im Fachblatt "Nature Communications" veröffentlichte Studie aber nicht nur, wie der Klimawandel sich auf Politik und Wirtschaft in der Antike auswirkte. Die Anfälligkeit des Ptolemäerreiches für Vulkan- und Klimafolgen sollte uns daran erinnern, dass auch heute große landwirtschaftliche Regionen, in denen 70 Prozent der Erdbevölkerung leben, vom Monsun abhängig sind.

Zum Glück leben wir gerade in Zeiten ohne heftige Vulkanausbrüche: Der letzte halbwegs globale war jener des Pinatubo 1991. Sollte es wieder dazu kommen (oder zu absichtlichen Klimabeeinflussungen durch Geoengineering), könnten die Folgen sehr viel größer und dramatischer sein, als wir womöglich annehmen. 

Mittwoch, 18. Oktober 2017

Ja, so wird das natürlich nichts.


Wenn sie bei den Details anfangen und jeder ersteinmal seine roten Linien und No-gos auspackt, ist die Sache von vornherein gestorben. Welche Aufgaben stehen in den kommenden Jahren, ach, und Jahrzehnten vor einer deut- schen Regierung? Das ist die Frage, die sie klären müssen. Danach erst dürfen sie sich fragen, ob sie das mit ihrer "Identität" (und der Erwartung ihrer Klienten) vereinbaren können.

Wenn nicht, müssen sie es so aussprechen, wie sie es meinen. Wenn doch, erst recht.







Dienstag, 17. Oktober 2017

Die Klerikalen haben nichts gegen die Rekonfessionalisierung unseres Lebens.


 aus FAZ

"Das Zentralkomitee der Katholiken unterstützt indes einen muslimischen Feiertag. 'In einer multireligiösen Gesellschaft kann in Gegenden mit hohem Anteil an frommen Muslimen ein islamischer Feiertag hinzukom- men, ohne dass die christliche Tradition unseres Landes verraten würde.' "

Das ist der springende Punkt: Wir sind keine multireligiöse Gesellschaft. Weil es in unserer Gesellschaft ver- schiedene Glaubensgemeinschaften gibt, sind wir eine säkulare Gesellschaft - denn nur so muss einer dem andern nicht zu nahe treten. Darum geht es nämlich. Um die Wahrung der christlichen Traditionen haben sich die Kirchen selber zu kümmern - bei ihren Gläubigen. 

Der kulturelle Beitrag des Christentums zu unserer Kultur steht auf einem ganz andern Blatt. Dem verdanken wir nämlich unter anderm, dass wir eine säkulare Gesellschaft werden konnten. Ihn dürfen auch wir Gottlosen in Anspruch nehmen. 

Mich überrascht nur, dass die Lutherischen diesmal nicht die ersten waren.



 

Montag, 16. Oktober 2017

Radikale Mitte...



... so hieß die "Spaßpartei" - damals kam das Wort auf -, die 1950 von dem Kabarettisten Werner Finck ins Leben gerufen wurde und damals einigen publizitären Erfolg hatte. Die Bundesrepublik hatte noch mit der KPD auf der einen und der SRP auf der andern Seite zwei extreme Flügelparteien, und es war nicht auszuschließen, dass die sich dort festsetzen würden.

An sich klang die Formulierung Radikale Mitte paradox. Radikal, das war der äußerste linke Flügel - die Weltrevolu- tion - und der äußerste rechte Flügel: die je nationale Konterrevolution. Mitte, das war, was als Nullpunkt zwischen den beiden Kräften resultierte: nicht zu viel hiervon, nicht zuviel davon, sondern 'grade richtig'; juste milieu. Mitte war die Resultante von tausend Kompromissen, gibst du mir dies, geb ich dir das, das ging nicht vorwärts, ging nicht rückwärts, sondern schleppte sich hin, und wenn dann ein Donnerwetter dreinfuhr, kamen sie aus dem Mustopp.


Das war im vorigen Jahrtausend. Von der Weltrevolution ist seit 1990 keine Rede mehr. Für nationale Konterrevo- lutionen besteht folglich weltweit kein Bedarf. Das Ende der Geschichte ward ausgerufen, aber dann ging sie doch weiter. Sie heißt jetzt Globalisierung.

*

Radikal war, was an die Wurzel ging; Revolution und Konterrevolution; entweder oder. Entweder oder gibt's nicht mehr. Es gibt nur noch Globalisierung und Digitalisierung, aber das ist dasselbe. Strittig sind sie nicht, sondern nur, was man draus macht. Radikal ist, wer die Sache zuende denkt und draus macht, was der gesunde Menschenverstand - Vernunft muss gar nicht beschworen werden - rät. 

Was digitalisiert werden kann, werden die intelligenten Maschinen übernehmen. Für uns Menschen bleibt an Arbeit nur übrig, was - sei es - lebendige Einbildungskraft, - sei es - menschliche Einfühlung verlangt. Mit andern Worten, die ausführenden und namentlich die verwaltenden Tätigkeiten hätten wir uns endlich vom Halse programmiert. Da aber nicht weniger, sondern mehr produziert werden dürfte, müsste die Verteilung anders geregelt werden als durch den jeweiligen Anteil der Individuen an der produktiven Arbeit: Denn die meisten hätten keinen mehr. 

An einem garantierten Grundeinkommen wird auf die ganz lange Sicht nichts vorbeiführen. Heute erscheint das Problem der Finanzierung als unüberwindliche Hürde. Aber die faux frais durch ausufernde Verwaltungsarbeit, die sachlich immer hinderlicher wird, wachsen weiter: Maschinen können das besser. Es kommt der Tag, da wird das garantierte Grundeinkommen ein Gebot der Sparsamkeit sein. 

*

Hier schließt sich der Kreis. Das ist in einem Land nicht möglich: In das Land, das damit anfinge, würden sich die Migrationsströme der ganzen Welt ergießen. Das ist nur gangbar als ein weltweit geplanter und, so Gott will, abge- stimmter Prozess. 

Und doch muss irgendwo angefangen werden. Die Frage, ob das überhaupt möglich ist, stellt sich schon gar nicht mehr. Es ist notwendig, und da werden die Möglichkeiten wohl oder übel einlenken müssen.

*

Langer Rede kurzer Sinn (Sie ahnen es längst): Europa ist die Weltgegend, die mit der überkommenen kapitalisti- schen Wirtschaftsordnung, die den Weltmarkt geschaffen hat und mit der digitalen Revolution die Globalisierung vorantreibt, die längste und man darf wohl sagen: sattsamste Erfahrung gemacht hat. Es kommt ihr zu, auch den Weg heraus zu weisen. Und die Gegend, wo Europa am europäischsten, nämlich am zwiespältigsten ist, ist die unsere. Deutschland in Europa und Europa in der Welt - das ist die Perspektive der radikalen Mitte.





 

Sonntag, 15. Oktober 2017

Ein Glück nur, dass keiner richtig gewonnen hat.


H. Daumier, 35 Gesichtsausdrücke 

Da es ja wohl im niedersächsischen Landtag keine Mehrheit für einen neuen Ministerpräsidenten gibt, wird Weil im Amt bleiben müssen und eine rot-grüne Minderheitsregierung führen - die doch gerade erst abgewählt wurde. Die Grünen haben mehr verloren, als die SPD - unter anderm von ihnen - hinzugewonnen hat. Wie das Martin Schulzens erfoffter Wiederbelebung der Sozialdemokratie förderlich sein kann, ist kaum abzusehen. Dass er diesmal mit einem blauen Auge davongekommen ist, war ja wohl kein Sieg; Althusmann muss nur warten.

Dass das Ergebnis auf der andern Seite Frau Merkels Position in den Koalitionsverhandlungen mit FDP und Grünen schwächen wird, ist ebensowenig zu erkennen. Die CDU hat in Niedersachsen nicht entfernt so stark verloren wie Grüne und FDP. Die müssen ganz bescheiden bleiben. Aber vor allem hat sie nicht entfernt soviel an die AfD verloren wie unlängst im Bund. In dieser Partei haben die Duckmäuser, die sich um ihre "rechte Flanke" sorgen, keinen Grund, sich bestätigt zu fühlen. 


Um die darf sich ab jetzt die AfD mit Frau Petry streiten; Sache des vernunftbegabten Teils der CDU ist es, Mitte nicht negativ, 'subsidiär' im Blick auf den einen und den anderen Flügel, sondern durch positive Bestimmung dessen zu definieren, was sachlich geboten ist. Dazu bietet die Koalition mit Grünen und Freien Demokraten eine einmalige Gelegenheit. Denn da werden sie alle während der Verhandlungen - und beim Regieren erst recht - ihre ideologi- schen Bekenntnisse an der Garderobe lassen müssen.

Sachlich geboten ist die Stärkung Europas in der Welt durch die Stärkung Deutschlands in Europa. Die Welt - das ist die Globalisierung oder, was dasselbe bedeutet, die digitale Revolution. Da liegt genügend richtige Arbeit vor ihnen, das reicht für mehr als eine Legislatur. Und da werden sie sich alle drei richtig ändern können; aber nur, wenn sie ihre Zimperliesen beiseite tun.



Auch Afrikaner waren weiß, bevor sie schwarz wurden.


aus derStandard.at, 14. Oktober 2017, 16:46

Neue Studie über Hautfarben räumt mit alten Vorurteilen auf
DNA-Analysen von mehr als 2000 Afrikanern zeigen: Hauttöne variieren seit gut 900.000 Jahren, und hellere Pigmentierung ging vielfach dunklerer voraus

von Klaus Taschwer

Philadelphia/Wien – Die Frage, ob es menschliche "Rassen" gibt und wie diese einzuteilen seien, beschäftigt nicht nur die Anthropologie seit gut 200 Jahren. Auch wenn das Konzept heute als wissenschaftlich weitgehend obsolet gilt, unterscheiden sich heutige Vertreter von Homo sapiens äußerlich durch ihre Hautfarben.

War der Mensch ursprünglich dunkelhäutig?

Da der moderne Mensch in Afrika entstand und heute lebende Afrikaner dunkle Haut besitzen, geht man gemeinhin auch davon aus, dass die dunkle Hautfärbung auch die ursprünglichere war. Doch wie eine neue Studie von Forschern um Sarah Tishkoff (Universität Philadelphia) im Fachblatt "Science" zeigt, ist die Sache um einiges bunter und komplizierter, als selbst Humangenetiker bisher dachten.

Denn auch diese gingen davon aus, dass nur einige wenige Gene für die Farbtöne unserer Haut sorgen: bei den Afrikanern etwa das Gen MC1R, das für dunkle Pigmentierung verantwortlich sei.

Viele Schattierungen von "Braun"

Für ihre neue Untersuchung nahmen Tishkoff und ihr Team die Haut von mehr 2000 Menschen aus Äthiopien und Tansania (jeweils Ostafrika) und dem südafrikanischen Botswana unter die Lupe, sprich: Sie bestimmten deren erstaunlich stark variierenden Hauttöne und nahmen dazu DNA-Proben der Testpersonen, die aus verschiedenen Ethnien stammten.

Die Ergebnisse waren einigermaßen überraschend. Die Forscher fanden insgesamt acht Bereiche des Genoms, die mit der Pigmentierung zu tun haben und rund 30 Prozent der Variation erklären. Und für alle acht Bereiche gab es je eine Variante, die für hellere und für eine dunklere Haut sorgt. Vier der helleren Varianten entstanden vor mehr als 270.000 Jahren, also noch vor dem ersten Auftreten des Homo sapiens, vier überhaupt schon vor rund 900.000 Jahren

Das Gen OCA2 etwa, das mit Pigmentierungen der Europäer in Zusammenhang steht, behauptet sich seit mehr als 600.000 Jahren. Das wiederum bedeutet, dass diese Varianten schon vorhanden waren, ehe es zur Aufspaltung in moderne Menschen, Denisova-Menschen und Neandertaler kam.

Hellere Pigmentierung kam vor dunkler

Drei der besonders dunklen Hautvarianten von afrikanischen Ethnien dürften erst als Variante hellerer Vorformen entstanden sein. Und die ältesten Varianten, die entdeckt wurden, sind für helle Hautfarbe verantwortlich. Dass die Vertreter der San in Botswana eine besonders helle Hautfarbe haben, obwohl sie als eine der ältesten Populationen von Homo sapiens gelten, passt da gut ins Bild.

Die helle Haut von Schimpansen

Tishkoff und ihr Team spekulieren auch, wie es zur dunkleren Pigmentierung gekommen ist, und verweisen darauf, das Schimpansen unter ihrem dunklen Fell eine helle Haut haben. Dunkle Haut sei erst ab dann von Vorteil gewesen, als unsere Vorfahren die Körperbehaarung verloren und vom Wald in die Steppe emigrierten.


Nota. - Hinterher klatscht man sich an die Stirn und sagt: Ist doch klar! Unsere behaarten Vorfahren konnten keine Pigmente bilden - sie brauchten keine. Erst nach dem Verlust des Haarkleides konnte sich die Fähigkeit der Haut, Melanin aufzubauen, nach und nach entwickeln. Blass kommt selbstverständlich vor dunkel! (Solange die Hominiden im Urwald lebten, was Sonneneinstrahlung kein Problem.)

À propos Vorurteile: Dass Weiß die ursprüngliche, "echtere" Färbung unserer Haut ist, passt einem Rassisten gut in den Kram. 
JE








Samstag, 14. Oktober 2017

Muslimische Feiertage.

Caravaggio, Abraham opfert Isaak

am 13. 1. 15 schrieb ich:

Nicht nur die christliche Religion, sondern auch die christlichen Kirchen haben die abendländische Kultur geprägt; und dies lange bevor wir demokratisch, republikanisch,* laizistisch und liberal geworden sind. 

Wir sind demokratisch, republikanisch, laizistisch und liberal geworden, und den Einfluss der Kirchen aufs öffent- liche Leben und das Lasten der Dogmen auf den Intelligenzen haben wir zurückgedrängt, soweit es geht, und eines Tages werden auch in Bayern die Kruzifixe aus den Klassenzimmern verschwunden sein.



Die Kirchensteuer könnten wir auch noch abschaffen, aber die Dome in Köln, Speyer und Limburg müssten wir doch aus Mitteln des Gemeinwesens unterhalten (und möglichst als Kirchen), weil sie zum Bestand unserer Kultur gehören, so wie die Weihnachts- und Osterfeiertage auch - und noch einiges mehr, worüber man im einzelnen durchaus streiten kann. 

Es leben einige Millionen Muslime in Deutschland, und so, wie Deutschland nun einmal geworden ist, gehören sie dazu. Der Islam gehört nicht zu Deutschland. Religion ist Privatsache. Dass wir unsere christliche Herkunft nicht einfach abstreifen können - ich meine: auch in der Öffentlichkeit nicht - wie ein Hemd, ist grad genug. Für irgend- welche Importe ist kein Platz. Was in deutschen Satiremagazinen stehen darf und was nicht, regeln deutsche Gesetze und keine Fatwas. 

*) In Deutschland waren die Landesfürsten bis zur Revolution von 1918 zugleich die obersten Bischöfe der lutherischen Landeskirchen.



Aktueller Nachtrag. 

Ein staatlicher muslimischer Feiertag für alle Deutschen? Und warum kein jüdischer? Feiertage können wir Werk- tätigen gar nicht genug bekommen! Juden haben wir nicht so viele wie Türken? Na, wenn's danach geht - wenn uns eines Tages die Nordsee ein paar hunderttausend Inder an den Strand spült, wäre dann ein hinduistischer Feiertag fällig? 

Oder muslimische Feiertage nur für Muslime? Soll von staatswegen überprüft werden, welcher Türke Muslim und welcher Christ ist, oder gilt der Türke vor deutschem Gesetz an sich als Muslim? Das eine lässt, lieber Herr Bundes- innenminister, das Grundgesetz gottlob genauso wenig zu wie das andere.

In manchen deutschen Gegenden sind die katholischen Feiertage amtliche Feiertage, in andern nicht. Ich bin in Berlin zur Schule gegangen. Da hatten die katholischen Schüler zwar schulfrei, aber beneidet haben wir andern sie nicht; denn damals mussten sie noch stattdessen in die Kirche. Am Reformationstag trafen wir anderthalb Atheisten die dreieinhalb Katholiken wieder - auf der Schulbank, denn da hatten die Evangelischen frei, aber beneidet haben wir sie wiederum nicht, denn sie mussten - damals noch - stattdessen in die Kirche; mindestens bis zur Konfirmati- on.

Das sind Überreste unserer kulturellen Vergangenheit. Die Feiertage sind kulturelle Errungenschaften, wie der christliche Sonntag. Sie sind als solche erhaltenswert, und sei's zum Preis einer rechtsstaatlichen Verrenkung, man kann sich sein Erbe ja nicht aussuchen.

Aber die Konfessionalisierung ist weiß Gott nicht unsere Zukunft. Wenn das Herrn de Maizières Idee war, sollte er von der schwarz-gelb-grünen Regierung ausgetauscht werden. Die Zukunft des freiheitlichen Rechtsstaats ist die Trennung von Kirche und Staat:

Vorwärts immer, rückwärts nimmer!


P.S.: Martin Schulz tutet in de Maizières Horn? Das sieht ihm ähnlich; mehr fällt mir dazu nicht ein. 



 


Montag, 9. Oktober 2017

Uff.


aus Tagesspiegel.de, 9. 1. 2017

„Wir wollen erreichen, dass die Gesamtzahl der Aufnahmen aus humanitären Gründen (Flüchtlinge und Asylbe- werber, subsidiär Geschützte, Familiennachzug, Relocation und Resettlement, abzüglich Rückführungen und freiwillige Ausreisen künftiger Flüchtlinge) die Zahl von 200.000 Menschen im Jahr nicht übersteigt“, heißt es in der Vereinbarung. Und auch: Diese Zahl könne bei Bedarf durch Bundestag und Bundesregierung „nach oben und unten“ verändert werden. Rückweisungen von Asylsuchenden an den deutschen Außengrenzen werde es nicht geben.

Der Tagesspiegel fährt fort:

Ja, es könnte sogar sein, dass am Ende des heftigen Streits und am Ende der Koalitionsverhandlungen etwas richtig Gutes für Deutschland herauskommt: nämlich jenes Einwanderungsgesetz, das das Land so dringend braucht, mit einer klareren Trennung zwischen humanitärer Hilfe und Migration, mit allen nötigen Brücken zwischen den beiden Wegen nach Deutschland. Klare Verhältnisse wiederum könnte die Akzeptanz von Migration unter den Wählern wieder erhöhen – und damit die leidige Debatte um eine Obergrenze obsolet machen. Alles in allem also ein guter Sonntag.







Samstag, 7. Oktober 2017

Merkel verteidigt ihre Flüchtlingspolitik.


(dpa) Kanzlerin Angela Merkel hat ihre Flüchtlingspolitik vor dem Parteinachwuchs der Union energisch verteidigt. «Wer glaubt, ich hätte für zwei Selfie-Fotos die Leute eingeladen - das ist Kinderglaube, das ist nicht in Ordnung», sagte die CDU-Chefin beim «Deutschlandtag» der Jungen Union am Samstag in Dresden. 

Sie mache sich wegen des Umgangs mit der Flüchtlingskrise nur zwei Vorwürfe: dass ihre Bundesregierung wegen des Widerstands der Sozialdemokraten 14 Monate gebraucht habe, die Länder des westlichen Balkans zu sicheren Herkunftsländern zu machen; und dass man weggeguckt habe, als die Flüchtlinge in Lagern in Syrien und Jordanien nichts mehr zu essen gehabt hätten.









Mittwoch, 4. Oktober 2017

Die können mir den Buckel runterrutschen.



Der Spiegel hat Martin Schulz während des gesamten Wahlkampfs begleitet. Der Bericht ist im neunen Heft erschienen. Der Tagesspiegel schreibt:

Im März nämlich, als die SPD und ihr Kandidat noch auf einer Welle der Euphorie surften, erteilte Schulz allen Forderungen aus der Union, er möge sich endlich mit Inhalten positionieren, eine Absage. „Ich bleibe dabei: Nicht konkret werden! Da werden die Schwarzen wahnsinnig drüber, dass ich nicht konkret bin. Ich werd’ nicht konkret. Die können mir den Buckel runterrutschen.“ Damals stand die SPD in den Umfragen bei 30 Prozent. Drei verlorene Landtagswahlen später erhob derselbe Martin Schulz auf dem SPD-Bundesparteitag in Dortmund schwere Vorwürfe gegen Kanzlerin Angela Merkel. Deren Weigerung, im Wahlkampf einen Streit über Inhalte zu führen, komme einem „Anschlag auf die Demokratie“ gleich.  


Dienstag, 3. Oktober 2017

Elftes Gebot.



Du sollst ein Ossi nicht verletzen. 
Was ist das: Es kann für nix, von Hause aus.



Montag, 2. Oktober 2017

Haben Gruppen einen eigenen Willen?

aus derStandard.at, 2. Oktober 2017, 09:00

Sind Gruppen und Organisationen autonome und verantwortliche Akteure?
Das "diskursive Dilemma" tritt früher oder später auf, wenn interne Entscheidungen nur nach einer einfachen Mehrheitsregel getroffen werden.

Blog Herlinde Pauer-Studer 

Die Antwort auf die im Titel genannte Frage scheint evident. Selbstredend halten wir Institutionen, Organisa- tionen, Vereine, Gesellschaften, Firmen verantwortlich für das, was sie tun. Aussagen wie "Die Firma X ist selbst schuld an ihrem Konkurs"; "die Partei Y hat es geschafft, ihren Stimmenanteil fast zu verdoppeln"; "Der Gruppe G ist es gelungen, den gestrandeten Wal zu retten"; "Der Konzern Z trägt die Verantwortung für dieses Umweltdesaster" sind fester Bestandteil unseres Alltagsdiskurses.

Doch was steht philosophisch hinter diesen Zuschreibungen kollektiven Tuns und kollektiver Verantwortung? Sind diese wirklich so einfach und unproblematisch? -

Willentlich handelnde Organisationen – eine unsinnige Annahme?

Verantwortlichkeit setzt bekanntlich autonom handelnde Personen voraus. Verantwortlichkeit ist nicht nur an kausale Verursachung, sondern an einen personalen Willen, der sich frei entscheidet, gebunden.

Doch in welcher Form können wir Gruppen, Organisationen und Institutionen Autonomie und damit einen Willen zuschreiben? Wie soll eine Organisation über solch mentale Einstellungen verfügen, die Voraussetzung von Verantwortung sind?

Bereits Max Weber artikulierte seine Bedenken in seinem Werk "Wirtschaft und Gesellschaft" (1922): Der Begriff kollektiver Verantwortung ergebe keinen Sinn, weil wir keine genuin "kollektiven Handlungen" identifizieren können; es gebe nur übereinstimmende Absichten und Handlungen individueller Gruppen- und Gesellschaftsmitglieder. Für methodologische Individualisten wie Max Weber ist es schlicht bizarr, von den Intentionen und Urteilen einer Institution oder Organisation jenseits der Urteile der einzelnen Mitglieder zu sprechen. Wie aber halten wir es dann mit der für uns so selbstverständlichen Verantwortungszuschreibung an kollektive Akteure?

Das diskursive Dilemma

Christian List und Philip Pettit haben ein Argument entwickelt, das sogenannte "diskursive Dilemma", das zeigen soll, dass es nicht nur erlaubt ist, von Gruppenintentionen und autonomen Gruppenakteuren zu sprechen, sondern dass dies notwendig ist, um Inkonsistenzen bei der Zusammenfassung (Aggregierung) der Urteile einzelner Gruppenmitglieder zu einem Gesamturteil der Gruppe zu vermeiden. Vorausgesetzt ist dabei, dass sich Intentionen (Absichten, Willenskundgebungen) in der Zustimmung zu einer entsprechenden sprachlichen Aussage (zum Beispiel dass P gilt) ausdrücken. Das diskursive Dilemma zeigt nun, wie List und Pettit argumentieren, dass die Urteile einer Gruppe oder Organisation nicht als Funktion der Urteile der Gruppen- oder Organisationsmitglieder verstanden werden können. Das bedeutet, dass es Sinn macht, einen von den einzelnen Gruppenmitgliedern unabhänigigen kollektiven Akteur vorauszusetzen.

Das diskursive Dilemma hat folgende Struktur:

Eine Gruppe von drei handelnden Personen (A, B und C) wählt für die Bildung der Gruppenurteile (also der Urteile der Gruppe als Ganzes) die Methode der einfachen Mehrheitsentscheidung. Nehmen wir nun an, die einzelnen Gruppenmitglieder müssen sich auf der individuellen Ebene ein Urteil darüber bilden, ob sie jeweils die Aussage P, die Aussage Q, die Aussage R für sich genommen akzeptieren; des Weiteren müssen die Gruppenmitglieder (A, B, C) sich auch individuell ein Urteil darüber bilden, ob sie auch die Konjunktion dieser Einzelurteile akzeptieren, das heißt ob sie auch dem Urteil "P&Q&R" zustimmen.

Angenommen, es ergibt sich folgende Situation: Alle außer Person A wählen P, alle außer Person B wählen Q, alle außer Person C wählen R. Folglich akzeptiert niemand, also weder Person A noch Person B noch Person C, die Konjunktion dieser Einzelurteile, nämlich "P&Q&R". Denn eine Konjunktion gilt logisch nur dann als wahr beziehungsweise akzeptiert, wenn alle ihre Einzelaussagen wahr sind beziehungsweise wenn man diesen auch zustimmt. Wenn nun die Gruppe bei der Bildung des Gruppenurteils nach der Regel der einfachen Mehrheit vorgeht (die Zustimmung der einzelnen Gruppenmitglieder zu der Aussagenkonjunktion "P&Q&R" hängt also davon ab, welches einzelne Urteil der einzelnen Gruppenmitglieder von einer Majorität akzeptiert wird), dann ergibt sich ein Widerspruch. Denn nach der einfachen Mehrheitsregel akzeptiert die Gruppe jeweils P, Q, und R, lehnt aber "P&Q&R" ab.

Folgende Matrix veranschaulicht dieses Ergebnis: 


Was folgt aus der hier aufgezeigten Inkonsistenz? Nach List und Pettit ist jede Gruppe, Organisation oder Institution, die ihre internen Entscheidungen nur nach einer einfachen Mehrheitsregel zu treffen versucht, früher oder später mit dem diskursiven Dilemma konfrontiert. Vermeiden lässt es sich nur durch komplexere und inhaltlich angereicherte Deliberationsverfahren, die über die Summierung der unmittelbaren Präferenzen der Gruppenmitglieder nach einem einfachen Mehrheitsprinzip hinausgehen. Beim Erzielen einer gut begründeten Gruppenmeinung oder einem gut begründeten Urteil einer Organisation oder Institution darf und soll man sich also nicht blind auf eine simple Mehrheit unreflektierter Einzelurteile verlassen.

Des Weiteren ergibt sich aus dem diskursiven Dilemma, so List und Pettits These, dass Gruppen und Organisationen sehr wohl eigenständig urteilen und entscheiden und somit Verantwortung tragen. Gruppen und Organisationen als autonome Akteure zu begreifen, setzt voraus, dass diese Haltungen und Urteile ausdrücken können, die unabhängig sind von den Urteilen der Individuen, welche die jeweilige Gruppe (Organisation, Institution) bilden. Und das diskursive Dilemma zeige eben dies: die Urteile einer Gruppe oder Organisation sind mehr als die aggregierten Urteile der einzelnen Gruppenmitglieder. Damit ist nach List und Pettit bewiesen, dass Gruppen, Organisationen und Institutionen als eigenständig Handelnde mit Verantwortung gelten.

Welche Schlüsse sollen wir aus Lists und Pettits Überlegungen ziehen? Welche Deliberationsverfahren und Entscheidungsstrukturen ermöglichen uns, diskursive Dilemmatazu vermeiden? Welches sind die Lektionen für den politischen Umgang mit einfachen Mehrheiten, wenn es um zukunftsentscheidende Abstimmungen ganzer Staaten geht? 

Herlinde Pauer-Studer ist Professorin für Philosophie an der Universität Wien. Schwerpunkt ihres ersten ERC-Advanced Grants zur "Transformationen normativer Ordnungen" (2010-2105) war das Rechtssystem des NS-Regimes. Aktueller Forschungsschwerpunkt ist die Moral von Gruppen. Zahlreiche Aufenthalte in den USA, unter anderem in Stanford, Harvard und an der New York University. Aktuelle Veröffentlichung: "'Weil ich nun mal ein Gerechtigkeitsfanatiker bin' – Der Fall des SS-Richters Konrad Morgen", gemeinsam mit J. David Velleman, erschienen bei Suhrkamp.

Literatur zum Blogbeitrag
  • Christian List und Philip Pettit, Group Agency: The Possibility, Design, and Status of Corporate Agents, Oxford University Press 2013.
  • Martin Kusch, Herlinde Pauer-Studer und Hans Bernhard Schmid (eds.), Schwerpunkt zu "Group Agency and Collective Intentionality", in: Erkenntnis, Volume 79, Supplement 9, 2014

Nota. - Ich frage mich, welchen praktischen Sinn solche Fragestellungen haben. Die meisten Organisationen, mit denen wir wirklich zu tun haben, sind faktisch und oft auch formell hierarchisch organisiert, da kommen einfache Mehrheitsentscheidungen gar nicht vor. Schon die Zugehörigkeit zur 'Gruppe' impliziert eine vorgän- gige Zustimmung zu oben gefällten Entscheidungen. 

Praktisch bedeutsam wäre sie bei spontanen Volksansammlungen und politisch-gesellschaftlichen Organisatio- nen (Parteien, Gewerkschaften). In Volksansammlungen wird nicht deliberiert, sondern Stimmung gemacht. Politisch-gesellschaftliche Organisationen dagegen haben ihre Traditionen (Gründungsmythen), durch die gewisse Meinungen legitimiert, andere verpönt sind. Änderungen der Legitimität werden umso selbstverständ- licher aus dem gesellschaftlichen Umfeld in die Organisationen hineingetragen, je repräsentativer sie für eine Gesellschaft sind. 

Es ist mir schleierhaft, wozu ein mathematisches Modell des molekularen Prozesses, wie sich in der Interaktion mit der gesellschaftlichen Umgebung die Stimmungen verschieben und umkippen, praktisch taugen kann. Soll die Formel darüber bestimmen, ob und in welchem Maß die einzelnen Mirglieder für das Handeln der Organi- sation persönlich verantwortlich gemacht werden können? Das ist in jedem einzelnen Fall keine wissenschaftli- che, sondern eine politische Entscheidung. Es hängt nämlich vom Apriori dessen ab, der die Autorität hat, sie zur Verantwortung zu ziehen.
JE


 

Sonntag, 1. Oktober 2017

Mongolische Kultur.

aus derStandard.at, 1. Oktober 2017, 10:30                                                              Schutzgöttin Vajrapani

Die vergessenen Riten und Kulte der Mongolei
Mit der Machtübernahme durch die Kommunisten wurde ein Großteil der mongolischen Kultur gewaltsam verdrängt, Wiener Forscher rekonstruieren sie

von Johannes Lau

Wien – Die Mongolei im Jänner 1937: Der buddhistische Abt Danzan steht kurz vor seiner Verhaftung durch die kommunistischen Machthaber. Zuvor steckt der Mönch seinem Schwager eine Schriftrolle aus Leder zu: Die Abschrift einer heiligen Schrift soll vor ihrer Zerstörung bewahrt werden. Der Text wird gerettet, Danzan aber entkommt dem Gefängnis: Mithilfe seiner spirituellen Kraft habe er seinen Körper verlassen, bevor die sozialistischen Häscher ihn erwischen konnten – so behauptet es zumindest einer seiner nachgeborenen Verwandten.

Das sind Geschichten, die Maria-Katharina Lang immer wieder hört. Die Forscherin vom Institut für Sozialanthropologie der Akademie der Wissenschaften untersucht buddhistische Artefakte der mongolischen Kultur – zuletzt hat der Wiener Wissenschafts-, Forschungs- und Technologiefonds WWTF Langs Forschungsprojekt am Weltmuseum Wien gefördert. Die Sozialanthropologin fasziniert, wie diese Gegenstände die zahlreichen kulturellen Einflüsse des Transitraums Mongolei widerspiegeln: "Die mongolische Kultur charakterisiert, dass sie kein fixierter geschlossener Raum ist, sondern zum Beispiel durch die Seidenstraße von vielen Seiten beeinflusst wurde."

So besitzen einzelne Schmuckstücke Ornamente, die gleichzeitig auf einen tibetischen oder chinesischen Ursprung schließen lassen. Dabei betrachtet Lang diese Schmuck- und Schriftstücke oder religiösen Darstellungen nicht bloß als leblose Gegenstände, sondern interessiert sich dafür, welche soziale Rolle sie im Land spielen. "Es geht mir darum, anhand der materiellen Kultur, die diese Objekte repräsentieren, Erinnerungen zu erforschen und zu dokumentieren."

 
Feldstudien und Befragungen

Dazu führt die Forscherin regelmäßig vor Ort in Zusammenarbeit mit mongolischen Wissenschaftern Feldstudien durch, um die Einwohner des Landes über die Funktionen solcher Artefakte zu befragen. Die Objekte, die Lang in erster Linie untersucht, befinden sich aber nicht in Asien, sondern in Wien: Die Sozialanthropologin stützt sich vor allem auf die Sammlung des österreichischen Forschungsreisenden Hans Leder. Dieser Insektenforscher bereiste die Mongolei zwischen 1882 und 1905 mehrfach und kehrte insgesamt mit über 4000 Artefakten zurück. Am Ende seines Lebens sah er sich aus Geldsorgen gezwungen, die Sammlung zu verkaufen, weshalb die Funde über verschiedene Museen verstreut sind. Mit 811 Objekten besitzt das Weltmuseum Wien einen Großteil von Leders Konkursmasse.

Lang stieß bereits 1995 während ihrer Diplomarbeit auf diese Sammlung, die damals noch ein reichlich ungewürdigtes Dasein im Depot fristete. Verstaubt seien diese Artefakte dort so lange, weil sich ihr Schauwert auf den ersten Blick in Grenzen hält: Hierbei handelt es sich meist um wenig prunkvolle Alltagsgegenstände.

Da diese Objekte lange Zeit nur durch die westliche Kuratorenbrille betrachtet wurden, gerieten ihre Funktionen ohnehin in Vergessenheit. "Die Artefakte sind häufig auf mehr oder weniger seltsame Weise in europäische Museen gelangt und haben viel von der Verbindung zu ihrem Herkunftsort verloren", sagt Lang. "Deshalb ist es wichtig, nicht bloß ihre Geschichte als Museumsobjekt zu untersuchen, sondern sie mit der kulturellen Praxis ihrer Heimat in Beziehung zu setzen."

Verfolgte Buddhisten

Im Zusammenspiel mit den Berichten der Einwohner legen diese teilweise sehr alten Artefakte aber auch Zeugnis von der wechselvollen Geschichte des Landes im 20. Jahrhundert ab. Denn spätestens in den 1930er-Jahren werden die buddhistische Religion und mit ihr ihre Riten und Kultgegenstände gewaltsam aus dem mongolischen Alltag verdrängt.

Tanzfigur

1924 war das Land ein Satellitenstaat der Sowjetunion geworden – der Staatspräsident Peldschidiin Genden, ein gemäßigter Kommunist, stellte sich gegen die Verfolgung buddhistischer Mönche. Er wurde jedoch 1936 auf Stalins Geheiß entmachtet und exekutiert. Spätestens jetzt war der Atheismus marxistischer Prägung endgültig die offizielle Staatsreligion, und der Buddhismus wurde als eine die Volksrepublik bedrohende Gegenkultur bekämpft: Vertreter des Klerus wurden ermordet, Kultstätten abgerissen und religiöse Objekte beschlagnahmt. Nur einige wenige Tempel überstanden diese Zerstörungswelle: Sie wurden in Museen umgewandelt, in denen Buddhismus und Aristokratie als rückständig und der Vergangenheit angehörig präsentiert wurden. Erst nach der politischen Wende in der Mongolei 1990 begann man Teile dieser Tempel wieder religiös zu nutzen.

Dass so schnell an die buddhistischen Traditionen angeknüpft wurde, lag daran, dass die kommunistische Führung, so sehr sie sich auch bemühte, die Religion nie ganz aus dem Alltag vertreiben konnte. Wenn man sich sicher wähnte, holten viele ihre Kultgegenstände hervor, um die Riten im Verborgenen zu praktizieren: Hinter mancher Wand, an der ein Porträt von Lenin hing, versteckte sich eigentlich ein Sutra-Text.

Nach drei Jahren Umbau wird das Weltmuseum Wien am 25. Oktober wiedereröffnet.


Artefakte der Sammlung Leder sind noch bis zum 21. Jänner 2018 in Hamburg in der Ausstellung "Nomadic Artefacts – Objektgeschichten aus der Mongolei" im Museum für Völkerkunde (Rothenbaumchaussee 64) zu sehen.
Maria-Katharina Lang (Hrsg): "Nomadic Artefacts: A Scientific Artistic Travelogue". Verlag der österreichischen Akademie der Wissenschaften Wien 2016 183 Seiten 49 Euro

Link
Weltmuseum Wien