Mittwoch, 17. Januar 2018

Massensterben in Mexiko nach der Eroberung durch die Spanier.


aus Der Standard, Wien, 15. 1. 2018

Rätsel um historisches Massensterben in Mexiko vermutlich gelöst 
Eine der verheerendsten Epidemien forderte um 1545 bis zu 15 Millionen Menschenleben. Nun haben Forscher einen konkreten Verdacht, was daran schuld war

Jena/Wien – Im Jahr 1519, als die Truppen des spanischen Eroberers Hernando Cortés in Mexiko eintrafen, dürfte die einheimische Bevölkerung Mexikos und Guatemalas rund 25 Millionen Menschen betragen haben. Ein Jahrhundert später war sie auf gut eine Million gesunken. Verantwortlich für diesen dramatischen Bevölkerungsschwund waren weniger der Fall von Tenochtitlan und die Niederlage der Azteken. Als sehr viel tödlicher gelten insbesondere drei Epidemien, die auf Nahuatl, der Sprache der Azteken, als Cocoliztli bezeichnet wurden.

Unbestritten ist, dass unter den Bevölkerungsgruppen in allen Teilen Amerikas nach dem Kontakt mit den Europäern Epidemien ausbrachen, weil man auf die eingeschleppten Krankheitserreger nicht vorbereitet war. Doch obwohl viele zeitgenössische Berichte über diese Seuchen vorliegen, ist es schwierig, sie anhand der historischen Beschreibungen genau zu bestimmen.

War es ein hämorrhagisches Fieber?

Nur bei der ersten Krankheitswelle, die 1520 geschätzte acht Millionen Menschen in Mittelamerika dahinraffte, ist man sich ziemlich sicher, dass es sich um die Pocken handelte. Doch über die Ursachen der beiden späteren Epidemien, die 1545 und 1576 ausbrachen, gibt es nur Vermutungen. Als die beste Hypothese galt bis vor kurzem ein virales hämorrhagisches Fieber, das durch eine Dürre verschlimmert wurde, wie mexikanische Forscher 2002 behaupteten. 



Doch nun kommt ein Forscherteam um Johannes Krause (Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena) im Fachblatt "Nature Ecology & Evolution" auf Basis von DNA-Analysen zu einer anderen Annahme. Die Archäogenetiker konnten die DNA von 29 menschlichen Überresten aus Gräbern der mixtekischen Stadt Teposcolula-Yucundaa in Oaxaca analysieren, die in direktem Zusammenhang mit der Epidemie 1545 stehen. foto: christina warinner / teposcolula-yucundaa archaeological project Nahe bei Teposcolula-Yucundaa fanden sich Massengräber, die der Epidemie 1545 bis 1550 zugeordnet werden konnten. Hier abgebildet: die Grand Plaza (siehe Grafik unten).

Komplette Salmonellen-Genome

Bei den aufwendigen Analysen konnte auch bakterielle DNA identifiziert werden, und mittels weiterer technischer Tricks gelang es Erstautorin Åshild Vågene und Kollegen, aus den DNA-Spuren komplette Salmonella-enterica-Genome zu entschlüsseln. In der Folge konnte gezeigt werden, dass die zehn Individuen mit einer Unterart des Bakteriums Salmonella enterica infiziert waren.

Ort der Gräber in Mexikos Provinz Oaxaka.

Das wiederum verursacht sogenanntes enterisches Fieber, dessen bekannteste Form Typhus ist. Die Krankheit ist nach wie vor gefährlich: Auch heute gibt es immer wieder Ansteckungen, die zu Fieber, Dehydrierung und Magen-Darm-Infektionen führen.

Methodische Innovation

Besonders stolz sind die Forscher um Johannes Krause auf die methodischen Innovationen ihrer Untersuchung: Sie konnten den Salmonellenerreger identifizieren, ohne zu wissen, wonach sie suchen sollten. Das sei ein entscheidender Fortschritt in den Methoden, die zur Erforschung vergangener Krankheiten zur Verfügung stehen. (Klaus Taschwer


Sonntag, 14. Januar 2018

Die ersten Händler der Geschichte.


UN Troops Assist Malian Government In Fighting Rebels

Moderne Nomaden: Angehörige des Tuareg-Volks in Mali
 
Die ersten Händler der Menschheit

Lange Zeit wurden Nomaden als erste Fernhändler der Menschheit angesehen.
  • Doch einige Archäologen bestreiten diese Theorie. Sie vermuten, dass der Handel schon in der Bronzezeit in den Händen von Kaufleuten war.
  • Die Funde verraten viel über den Aufstieg der ersten Städte in Mesopotamien.
 Von Andrew Lawler

Vor nahezu 4000 Jahren erwachte König Zimri-Lim im Königspalast der mesopotamischen Stadt Mari aus einem Albtraum. In diesem hatten Nomaden aus der umliegenden Wüste seine geliebte Frau gefangen. Zimri-Lims Angst, in einem antiken Keilschrifttext verewigt, zeige die Rolle der Nomaden im frühen städtischen Leben, vermuten Archäologen seit Langem. Diese mobilen Plünderer, mächtig genug, um den Schlaf der Herrscher zu stören, wurden allenfalls geduldet, weil sie exotische Güter von weit entfernten Orten heranschafften. Als Viehzüchter reisten sie Hunderte Kilometer weit auf der Suche nach Weideland. Lange Zeit wurden sie als Architekten der Fernhandelsnetze angesehen, die den Aufstieg der modernen Zivilisation im heutigen Irak um 3000 vor Christus unterstützten.

Da die Spuren dieser Hirten heute kaum sichtbar sind, stützten sich Forscher stark auf den Vergleich mit modernen Nomaden im Nahen Osten des 20. Jahrhunderts. Doch nun kommen Methoden hinzu, die Hinweise entschlüsseln, die von alten Nomaden hinterlassen wurden. Aufgrund von Daten aus Tiermist, Knochen, Zahnstein und Pflanzenresten schließen Forscher, dass die antiken Hirten hauptsächlich in der Nähe von Stadtgebieten lebten, statt zwischen weit entfernten Orten zu wandern. "Sie waren nicht lange unterwegs, also konnten sie auch keine Fernhändler sein", sagt Emily Hammer, Archäologin an der Universität von Pennsylvania.

Diese Behauptung, die Emily Hammer und der Archäologe Ben Arbuckle von der University of North Carolina in Chapel Hill im Journal of Archaeological Science darlegen, hat eine intensive Debatte darüber ausgelöst, wie einst das urbane Leben erblühte. Nach Ansicht von Abbas Alizadeh von der Universität von Chicago, der seit Jahrzehnten Hirtenvölker wie die Bachtiaren im Südwesten Irans studiert, liegen Hammer und Arbuckle "völlig falsch - ich wette, sie haben noch nie einen Nomaden gesehen".

Einig sind die Archäologen, dass Hirten, kurz nachdem die ersten Menschen vor etwa 10 000 Jahren im Nahen Osten mit der Landwirtschaft begannen, sich um die erst vor Kurzem domestizierten Schafe, Ziegen und Rinder kümmerten. Aber die Forscher streiten, ob diese Gruppen saisonal weite Strecken zurücklegten, um grünere Weiden zu suchen.


Nur wenige antike Texte berichten darüber, wie Güter transportiert wurden

Alizadeh und Archäologen wie Frank Hole von der Yale University behaupten, Hirten am Rande von Mesopotamien seien bereits 7000 vor Christus Hunderte Kilometer weit übers Land gezogen. Sie schließen das aus den Wanderungen moderner Hirten, die Schaf- und Ziegenherden die steilen Täler des Zagros-Gebirges hinauf- und hinuntertreiben. Auch gebe es Ausgrabungen, die auf saisonal genutzte Dörfer hinweisen. 

Als die ersten Stadtgebiete entstanden, kamen wertvolle Steine, Metalle und Holz aus Afghanistan, Iran und Anatolien in das südliche Mesopotamien. Um 2000 vor Christus existierte ein organisiertes internationales Handelssystem, das Material von der Indus-Zivilisation wie auch aus der westlich gelegenen Levante in den reichen Stadtstaat Ur im heutigen Südirak lieferte. Doch nur wenige antike Texte berichten darüber, wer diese Güter transportiert hat. "Der Handel ist textlich fast unsichtbar", sagt Piotr Michalowski, ein Keilschriftspezialist der Universität von Michigan in Ann Arbor.

In der Bronzezeit entstanden wohl viel mehr Städte als gedacht

Neue Analysemethoden deuten nun darauf hin, dass die Hirten in Jordanien, Syrien, der Türkei und Iran vor 1000 vor Christus zu nahe an ihrem Heimatort blieben, um als Spediteure infrage zu kommen. So analysierte die Kieler Archäozoologin Cheryl Makarewicz die Isotopenzusammensetzung von 9000 Jahre altem Schaf- und Ziegenzahnschmelz aus der Gegend von Amman. Da Kohlenstoff- und Sauerstoff-Isotope auf örtliche Boden- und Wasserbeschaffenheit schließen lassen, zeigt das, wo ein Tier graste. Demnach wurden die Tiere eher in der Umgebung als in fernen Grasländern gefüttert. Ähnliches stellte ein Forscherteam in der osttürkischen Stadt Çatalhöyük fest.

Dung zeigte zudem, dass die Tiere mehr Heu als wildes Gras fraßen, ein Zeichen, dass sie kaum lange Strecken zurücklegten. Als die Städte entstanden, so argumentieren Hammer, Arbuckle und auch Dan Potts von der New York University, seien die Hirten größtenteils in der Umgebung geblieben, um die städtische Nachfrage nach Fleisch und Milch zu decken sowie Wolle für die mesopotamische Textilindustrie zu liefern. "Es gab Viehverarbeitungszentren", bemerkt Hammer. "Da brachte man die Tiere nicht weit weg."

Doch wenn Nomaden nicht die Fernhändler der antiken Welt waren, wer hat dann die Güter bewegt? Entdeckungen der letzten Jahre in der Türkei, in Iran, im Nordirak und in Syrien deuten auf eine Möglichkeit hin. Archäologen fanden heraus, dass im bronzezeitlichen Nahen Osten viel mehr Städte entstanden sind als ursprünglich angenommen. Der Handel könnte demnach durch soziale Netze, die durch königliche Ehen und wandernde Kaufleute geflochten wurden, in Schwung gehalten worden sein, sagt Potts.

"Es gab viele Unternehmer"

Texte aus der Zeit um 1900 vor Christus, die bei der anatolischen Stadt Kanesh gefunden wurden, enthalten Informationen darüber, wie Händlerfamilien Eselkarawanen organisierten, die tausend Kilometer weit reisten, um Assur, eine Stadt südlich des heutigen Mossul im Irak, zu erreichen. "Es gab viele Unternehmer, und der Handel scheint hauptsächlich in privaten Händen gewesen zu sein", sagt Michalowski. 

Erst als domestizierte Dromedare im ersten Jahrtausend vor Christus auftauchten, begannen Nomaden lange saisonale Wanderungen, sagen Hammer, Arbuckle und Potts. "Wir bestreiten nicht, dass Hirten zuvor existierten", sagt Hammer, "nur dass sie lange Strecken zurücklegten und in Zelten lebten. Wir haben die Knochen, die Campingplätze und die Paläobotanik, um dies zu beweisen." 

Viele ihrer Kollegen halten trotzdem an der ursprünglichen Sichtweise fest. "Wenn das stimmt, ist das revolutionär", sagt Guillermo Algaze, ein Archäologe an der Universität von Kalifornien, San Diego. Aber er denkt weiterhin, dass mobile Hirten der Kitt waren, der ausgedehnte Handelsnetzwerke in frühen städtischen Gesellschaften zusammenhielt. Steve Rosen, ein Archäologe an der Ben-Gurion-Universität im israelischen Beer Scheva lobt Hammer und Arbuckles Ansatz. Aber er hat eine Reihe archäologischer Stätten in der Negev-Wüste gefunden, die darauf hindeuten, dass Hirten dort schon von 3000 vor Christus an Esel benutzten, um mehr als hundert Kilometer durch eine unwirtliche Gegend zurückzulegen.

Weitere Daten aus Mesopotamien sowie Analysen von Tierknochen und Mist aus neuen Ausgrabungen in Ur, wo Hammer kürzlich gearbeitet hat, dürften helfen, den Streit zu klären. Dann würde sich zeigen, ob marodierende Nomadenstämme oder einheimische Räuber Zimri-Lims Albtraum inspirierten.

Dieser Beitrag ist im Original im Wissenschaftsmagazin "Science" erschienen, herausgegeben von der AAAS. Weitere Informationen: www.aaas.org


Nota. - Revolutionär ist das tatsächlich; aber weniger, was die Entwicklung des Handels, als was die Entwick- lung des Nomadentums anlangt. Schließlich hätten die Nomaden den Fernhandel ja doch übernommen - aber erst seit der Domestizierung der Dromedare! Und seither erst sei ein Nomadentum im "modernen", nämlich in unserem Verständnis entstanden. Das wirft tatsächlich ein neues Licht - nicht auf die Entwicklung des Welthan- dels, sondern auf die lokalen Geschichten der Länder am Rand der großen Wüsten. Und damit auf einige Aspekte des heutigen Nahen Ostens.
JE 


 

Mittwoch, 10. Januar 2018

Europa ist als Kampfbegriff gegen die Ungläubigen entstanden.


Elmer Bischoff, 1957
aus nzz.ch, 4. 1. 2018

von Volker Reinhardt

... In der politischen Diskussion Europas taucht der Begriff «Europa» erstmals um 1450 häufiger und gewichtiger auf, und zwar aus gegebenem Anlass. Zu dieser Zeit rückte das Osmanische Imperium unaufhaltsam gegen die Restbestände des Byzantinischen Reichs vor, um dessen Hauptstadt Konstantinopel im Mai 1453 schliesslich zu erobern. Die Hilfegesuche des letzten oströmischen Kaisers hatten trotz der dramatischen Eskalation kaum ein Echo gefunden – «Europa» war trotz allen Appellen und Beschwörungen der Gelehrtenwelt eben keine Einheit.

Die griechische Kirche war von der römischen seit fast vierhundert Jahren durch ein Schisma getrennt, und so machte der Papst seine Unterstützung von der Unterwerfung unter die «Einheit» seiner kirchlichen Hoheit abhängig. Als diese schliesslich notgedrungen vollzogen wurde, war es zu spät. Doch auch das übrige Europa war weder vorher noch nachher politisch oder religiös «einheitlich» – die Union im Glauben, Fühlen und Denken, die Romantiker wie der deutsche Dichter Novalis um 1800 als «Europa oder die Christenheit» beschworen, existierte nur in ihrer nostalgisch erhitzten Phantasie.

Das ganze Mittelalter hindurch wimmelt es nur so vor religiösen und philosophischen Gegenbewegungen, die aus der Perspektive der Möchtegern-Monopol-Instanz Rom als «Ketzereien» eingestuft wurden. Zur Zeit der ersten Europa-Visionen, etwa aus der Feder des wortmächtigen Humanisten Enea Silvio Piccolomini, der später als Pius II. (1458–1464) den Papstthron bestieg, waren die böhmischen Hussiten mit ihrer Forderung nach dem Laienkelch im Abendmahl der innere Hauptstörfaktor und deshalb selbstverständlich aus der angeblichen Wertegemeinschaft «Europa» ausgeschlossen. «Europa» war also wenig mehr als ein diffuser Kampfbegriff gegen die Anderen, gegen innere und äussere «Ungläubige».

Christus kam nur bis Eboli

Sich selbst verstand Piccolomini primär als Italiener und damit als Vertreter der Nation, die den Barbaren der übrigen europäischen Länder die Schätze der Zivilisation brachte und dafür nichts als Undank erntete – zum Beispiel von den trunksüchtigen und instinktgeleiteten Deutschen. Das historische Europa, das Europa ohne Anführungsstriche, wuchs und entwickelte sich nicht im Zeichen der «Einheit», sondern der Konkurrenz, der Rivalität, des Ringens um den Vorrang an Ehre, Kultur und Geltung.

Dieser Wettstreit wurde auf allen Ebenen, nicht zuletzt im Bereich der Religion, ausgetragen. Dies macht auch das Schwärmen vom «christlichen Abendland» hinfällig, ganz abgesehen davon, dass für die grosse Mehrheit der Menschen auf dem Land der Übergang von der heidnischen zur christlichen Religion kein Einschnitt, sondern ein gleitender Wandel war – Christus kam bekanntlich nur bis Eboli. Und wie formulierte Michel de Montaigne, Zeuge der ab 1562 sein Frankreich verwüstenden Religionskriege, so treffend: Kein Hader ist so erbarmungslos wie der christliche.

Der daraus resultierenden Konkurrenzsituation zweier Konfessionen, des majoritären Katholizismus und des minoritären Calvinismus, machte König Ludwig XIV. 1685 zugunsten der katholischen Monopol-Staatskirche ein Ende – wofür diese in der Revolution ab 1789 durch ersatzlose Enteignung ihrer Güter die späte Quittung erhielt. Um dieselbe Zeit entwarf der deutsche Geschichtstheologe Johann Gottfried Herder ein gegen die Nivellierungstendenzen der Aufklärung gerichtetes visionäres Tableau, das den Lauf der Geschichte aus der schier überquellenden Fülle der Vielheit, aus dem Mit- und Gegeneinander von Zivilisationen und Kulturen, bestimmt sieht, die sich alle wechselseitig beeinflussen – und doch sich selbst eifersüchtig als beste aller möglichen Welten betrachten.

...

Die vermeintliche «Einheitlichkeit» des Westens ist pure Fiktion: Zwischen den calvinistischen Eliten der republikanischen Niederlande und der französischen Monarchie, die vor 1789 keinen zentralisierten Nationalstaat, sondern einen fast unüberschaubaren Flickenteppich regionaler und ständischer Privilegien bildet, sticht nicht Homogenität, sondern Alterität hervor. Sie verbindet sich mit einer Konkurrenz der Werte und Ansprüche. Für den grossen Aufklärer Voltaire waren deshalb die «Ketzer» die Fortschrittsbringer und wahren Helden der Geschichte ...

Dass die umfassende Konkurrenz, die Europa geformt hat, heute friedlich und nicht mehr als Kampf um politische und militärische Hegemonie ausgetragen wird, ist eine grosse Errungenschaft des 20. Jahrhunderts. Ob es für diese Friedensgarantie die EU braucht, ist Anschauungssache. Dessen ungeachtet ist im Namen der Geschichte zu wünschen, dass das lebendige Prinzip Europas, das der Vielheit, nicht dem Bürokratentraum der totalen Gleichförmigkeit zum Opfer fällt. Das nach der Einschätzung der heutigen Medien «grösste Genie der Menschheitsgeschichte», der Maler-Naturforscher Leonardo da Vinci, war ein absoluter Aussenseiter in seiner Zeit: des höheren Lateins nicht mächtig, von humanistischen Edelfedern deshalb verachtet und überdies kein Christ. Gerade damit steht Leonardo für das wahre Europa – das Europa der kulturellen Gegenläufigkeiten und der produktiven Subversivität.

Volker Reinhardt ist Professor für allgemeine und Schweizer Geschichte der Neuzeit an der Universität Freiburg i. Ü. 2017 ist bei C. H. Beck sein Buch «Pontifex. Die Geschichte der Päpste» erschienen.

Donnerstag, 4. Januar 2018

Flüchtlinge begehen tatsächlich mehr Gewaltdelikte; aber...

 aus Süddeutsche.de, 4. 1. 2018

... Wie kriminell sind die Menschen aus Syrien, Afghanistan oder vom Balkan? Was ist belegbar und was sind Scheinwahrheiten?

In ihrer Untersuchung zur Gewaltkriminalität präsentieren die Kriminologen Dirk Baier, Christian Pfeiffer und Sören Kliem dazu einige Antworten. Fest steht demnach: Durch Flüchtlinge ist es seit dem Jahr 2014 zu einem spürbaren Anstieg von Gewalttaten in Deutschland gekommen, dies überschattet den eigentlich positiven Trend hin zu weniger Mord, Totschlag oder Raubdelikten. Die Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Familie und Jugend hatte hierzu die Lage in Niedersachsen analysiert, und zwar mit einem genaueren Blick auf Menschen, die entweder Asyl beantragt haben, irgendeine Art von Schutz erhalten haben, zum Beispiel Asylberechtigte, die als Schutzsuchende abgelehnt wurden oder zur Gruppe mit "unerlaubtem Aufenthalt" zählen.

Fast jede achte Gewalttat in dem Land rechnet die Polizei einem Migranten aus einer dieser Gruppen zu. Dabei handelt es sich lediglich um Verdachtsfälle, allerdings um solche, welche die Polizei als aufgeklärt einstuft und als solche an die Staatsanwaltschaften abgibt. Flüchtlinge fallen damit deutlich häufiger als Verdächtige einer Gewalttat auf, als es ihrem Anteil an der Bevölkerung entspricht.


Das Urteil, Flüchtlinge seien pauschal krimineller, lässt sich dennoch nicht fällen. Zum einen unterscheiden sich die Zahlen stark nach Herkunftsländern, zum anderen lässt sich einiges - wenn auch nicht alles - durch kriminologische Hintergründe erklären. So ist in den Jahren von 2014 bis 2016 auch die Zahl der Flüchtlinge stark gestiegen, nämlich auf mehr als das Doppelte. Dies kann allerdings nur eine Teilantwort geben, denn die Zahl der Tatverdächtigen unter ihnen ist fast um das Dreieinhalbfache gewachsen. Hinzu kommt, dass im Zuge der Flüchtlingskrise besonders viele Jugendliche und junge Männer nach Deutschland kamen. Wer beim kriminellen Verhalten nicht Greise mit Pubertierenden gleichsetzen will, der muss dies berücksichtigen. 14- bis 30-Jährige fallen stets durch besonders viele Gewalt- und Sexualstraftaten auf, unabhängig von Land oder Herkunft.

Darüber hinaus werden Flüchtlinge schneller einer Gewalttat verdächtigt, weil sie häufiger angezeigt werden. Dies lässt sich jedenfalls aus früheren Untersuchungen der Studienautoren folgern. Besonders oft gehen Opfer zur Polizei, wenn der Tatverdächtige anderer Nationalität ist, also etwa ein Serbe einen Deutschen verprügelt oder ein Iraner auf einen Kroaten trifft. Mutmaßliche Opfer von gewalttätigen Flüchtlingen aber sind laut Polizeidaten zu einem Drittel Deutsche oder Menschen anderer Nationalität als der Verdächtige, das heißt, es handelt sich um eine Konstellation, die erfahrungsgemäß besonders häufig eine Anzeige nach sich zieht - und damit überhaupt erst in der Statistik auftaucht.

Die Kriminologen vermuten allerdings, dass die Taten auch etwas mit der Machokultur in den Heimatländern vieler Flüchtlinge zu tun hat; dies habe sich in früheren Befragungen insbesondere bei Jugendlichen aus dem ehemaligen Jugoslawien, der Türkei und anderen muslimischen Ländern gezeigt. Sie stimmten besonders häufig Aussagen zu wie: "Ein Mann, der nicht bereit ist, sich gegen Beleidigungen mit Gewalt zu wehren, ist ein Schwächling."


Nota. - Grad noch rechtzeitig fällt mir ein: Dass man bei statistischen Befunden relativieren und differenzieren muss, ändert selbstverständlich nichts an den Sachverhalten.
JE




Mittwoch, 3. Januar 2018

Jugendgewalt ist seit Jahrzehnten rückläufig.

Deutschlands modernstes   Jugendgefängnis in Arnstadt
aus Süddeutsche.de,Blick in den Innenhof der Jugendstrafanstalt Arnstadt in Thüringen.



 
Studie zur Jugendkriminalität  
"Mehr Liebe, weniger Hiebe" 
 
  • Laut einer Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen ist die Jugendkriminalität in Deutschland von 2007 bis 2015 um die Hälfte zurückgegangen.
  • Auch die Brutalität bei Straftaten nimmt laut einer Studie aus Bayern ab.
  • Als Ursache für den Trend sehen die Forscher den Rückgang der Gewalt in Familien und geringere Arbeitslosigkeit.
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    Von Ronen Steinke

    Jede zweite Zelle stand leer, als der Hamburger Senat im Jahr 2015 durchzählen ließ. Nur noch jeder zweite der 3000 Hafträume war belegt im ältesten Jugendgefängnis der Republik, der Justizvollzugsanstalt Hahnöfersand, idyllisch gelegen auf einer Elbinsel. Seither versuchen Hamburgs Haushälter fieberhaft, die verbliebenen Häftlinge von dort weg zu verlegen. Sie wollen das Anwesen verkaufen und vielleicht ein Hotel daraus machen.

    In Jugendgefängnissen lässt sich derzeit Erstaunliches beobachten. Noch um die Jahrtausendwende waren die Anstalten landauf, landab heillos überfüllt. Fast alle Bundesländer mussten kräftig ausbauen. Inzwischen gehen, wie in Hamburg, vielerorts die Lichter aus. In Wuppertal-Ronsdorf steht das größte Jugendgefängnis Nordrhein-Westfalens, es ist noch keine sieben Jahre alt. Schon stehen Teile leer. Einige Flure, geschaffen für je dreißig Gefangene, bleiben in diesem Winter dunkel und unbeheizt. In Essen ist eine komplette Jugendarrestanstalt stillgelegt worden. Geschlossen wegen mangelnder Nachfrage.

    An der Arbeit der Polizei kann es nicht liegen. Die Aufklärungsquote bei Jugenddelikten steigt. Auch an den Richtern dürfte es kaum liegen. Seit 2013 gibt es einen neuen, zusätzlichen Haftgrund für junge Straftäter, den sogenannten Warnschussarrest, und auch beim Strafmaß geht der Trend wieder zu mehr Härte. Es scheint wirklich so zu sein: Die Kriminalität junger Menschen ist rückläufig hierzulande, sogar sehr deutlich. Zwischen 2007 und 2015 hat sich der Anteil der Tatverdächtigen pro 100 000 Jugendlichen um 50,4 Prozent reduziert, sprich: halbiert. "Auf Basis der Polizeilichen Kriminalstatistik ist damit ein historisch einzigartiger Rückgang der Jugendkriminalität zu konstatieren", schreiben die Verfasser einer neuen Langzeitstudie, die Kriminologen Dirk Baier, Christian Pfeiffer und Sören Kliem.


     
    Pfeiffer leitete lange das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen. Seine beiden Kollegen waren seine Schüler dort, heute leiten sie selbst Lehrstühle in Zürich und Braunschweig. Alle drei stehen nicht für kriminalpolitische Härte. Eher für Konzilianz und Resozialisierung. Über die Daten, die sie zusammentragen, lässt sich zunächst aber kaum streiten. Wenn sich mancherorts die Zellen wieder gefüllt haben in den vergangenen Monaten, dann eher mit Flüchtlingen; ein Sondereffekt, der nicht für die angestammten Jugendlichen gilt. 

    Ist die Entwicklung eine Art Friedensdividende für gewaltfreie Erziehung? 

    Oft heißt es: Es könne ja sein, dass die Zahlen zurückgingen. Dafür nehme aber die Brutalität zu. Früher habe man sich auch geprügelt, aber nicht nachgetreten. Deshalb ist zur Abrundung auch noch ein Blick auf eine Untersuchung des Landeskriminalamts Bayern interessant, die 2017 veröffentlicht wurde. Wie stark Gewalt ausgeübt werde, so deren Ergebnis, nimmt ebenfalls beständig ab.

    Woher also kommt der so klare, erfreuliche Trend? Das ist die eigentliche Frage an die drei Kriminologen, und als Antwort stellen sie eine These auf, über die sich diskutieren lässt. Sie stellen einen Zusammenhang her zu einem zweiten, ebenfalls erfreulichen Großtrend: dem allmählichen Rückgang der Gewalt in den Familien. Jugendliche in Deutschland bekommen im Elternhaus heute weniger Gewalt angetan als noch vor zwanzig Jahren. 1998 berichteten 57 Prozent der repräsentativ befragten Schüler, dass ihre Eltern sie gelegentlich schlügen. 2015 waren es noch 39 Prozent.

    Man könnte das als Erfolg einer neuen Politik betrachten, denn seitdem im Jahr 2000 das sogenannte Züchtigungsrecht der Eltern aus dem Bürgerlichen Gesetzbuch gestrichen wurde, rückt die Polizei verstärkt aus, um etwa prügelnde Väter aus Wohnungen zu verweisen. Die drei Verfasser der Studie sehen stattdessen einen noch längerfristigen Trend wirken. Nämlich, "dass es in Deutschland vor allem seit den Siebzigerjahren einen starken Wandel der elterlichen Erziehungskultur in Richtung auf mehr Liebe und weniger Hiebe gegeben hat". Die These der Forscher: Nachdem Rute und Rohrstock durch die 68er geächtet wurden, ernte die Gesellschaft jetzt eine Art Friedensdividende. ...



    Nota. - Erst das Ei, dann die Henne? Was ist Ursache, was ist Folge? Weniger Jugendgewalt, weil weniger Prügel zuhaus? Oder sind es die zwei Seiten derselben Medaille? Sind beides Symptome einer einzigen soziokulturellen Entwicklung? Das würde sogar die paradoxe Umkehrung in der öffentlichen Wahrnehmung erklären: Weil Brutalität immer ungehöriger wird, wird sie auch immer lauter beklagt -? 
    JE


    Dienstag, 2. Januar 2018

    Schon wieder ein Eigentor der Bigotten.


     
    „Was zur Hölle ist in diesem Land los? Wieso twittert eine offizielle Polizeiseite aus NRW auf Arabisch. Meinen Sie, die barbarischen, muslimischen, gruppenvergewaltigenden Männerhorden so zu besänftigen?“

    Das gefällt mir nicht, schon gar nicht die Männerhorden; arabischen Frauen wurde da auch zu Neujahr gratuliert. Aber ungesetzlich ist es nicht, es zu löschen war ein Angriff auf die Meinungsfreiheit.

    Frau von Storch und Herr Gauland reiben sich die Hände. Die politisch Korrekten bringen es so weit, dass die Freunde des Rechtsstaats eines Tages für die Rechte der AfD eintreten müssen. Täten wir's nicht, könnte es passieren, dass wir eines Morgens mit einem Trump als Kanzler aufwachen.