Mittwoch, 23. Mai 2018

Vor 400 Jahren begann der 30jährige Krieg.

 aus derStandard.at, 23. Mai 2018, 07:25

Der Fenstersturz in die europäische Katastrophe
Vor 400 Jahren, am 23. Mai 1618, warfen Vertreter der protestantischen böhmischen Stände zwei königliche Statthalter und einen Kanzleisekretär aus einem Fenster der Prager Burg. Was folgte, waren 30 Jahre Krieg
 
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Eigentlich heißt Fenster auf Tschechisch ja "okno" – genau wie in einigen anderen slawischen Sprachen. Bloß wenn es um Fensterstürze geht, an denen die Prager Geschichte wahrlich reich ist, muss plötzlich ein Wort lateinischen Ursprungs her: "Defenestrace" sagen die Tschechen dann, also Defenestration. Ganz so, als sollte damit um jeden Preis die gesamteuropäische Relevanz der Ereignisse betont werden.

Die Historie ist bekanntlich ein Ort nachträglicher Bedeutungszuschreibung, und so ist auch die Nummerierung der Prager Fensterstürze umstritten. Einigkeit herrscht lediglich über den ersten: Ende Juli 1419 stürmten Anhänger des vier Jahre zuvor beim Konzil von Konstanz auf dem Scheiterhaufen verbrannten Kirchenreforma- tors Jan Hus das Neustädter Rathaus, um Gesinnungsgenossen zu befreien – und defenestrierten dabei den Bürgermeister und mehrere Ratsherren. Der Vorfall gilt als Auslöser der Hussitenkriege.

Mehr als 60 Jahre später, im September 1483, spielten sich in den Rathäusern der Altstadt, der Neustadt und der Kleinseite ähnliche Szenen ab. Wieder ging es um Glaubensfragen, die stets auch Fragen der Machtpolitik waren, um die Eucharistie in beiderlei Gestalt, wie sie die Hussiten pflegen, wenn sie aus dem Kelch "das Blut Christi" trinken, und um Auseinandersetzungen innerhalb der Stadtverwaltung. Ein Krieg folgte damals jedoch nicht, das Ereignis geriet im historischen Bewusstsein weitgehend in Vergessenheit. Manche Historiker bezeichnen es dennoch als den Zweiten Prager Fenstersturz und widersprechen damit der gängigen Darstellung, die diesen erst auf 1618 datiert. Also auf das Jahr jenes Fenstersturzes, der am Anfang des Dreißigjährigen Krieges stand – und damit am Anfang des ersten gesamteuropäischen Konflikts.

Umfangreiche Rekatholisierung

Diese Katastrophe, die in der Folge den europäischen Hochadel ebenso in den Abgrund stürzen sollte wie die Bauernschaft, nahm ihren Ausgang am 23. Mai 1618. Am Vormittag kamen drei Männer im Burggraben des Prager Hradschin gerade so mit dem Leben davon. Auf ihrer Flucht krachten ihnen Gewehrkugeln um die Ohren, nachdem sie einen 17-Meter-Sturz aus einem Fenster halbwegs heil überstanden hatten.

Was war geschehen? Die Ursache der geschichtsträchtigen Defenestration liegt eine Weile zurück: Sechs Jahre zuvor war Kaiser Rudolf II. verstorben, der den böhmischen Protestanten im Majestätsbrief von 1609 Religionsfreiheit zugestanden hatte. Sein brüderlicher Nachfolger Matthias allerdings hielt wenig von dieser Vereinbarung – im Gegenteil: Er ließ immer mehr Protestanten aus den königlichen Diensten entlassen und förderte damit den Einfluss der Katholiken am böhmischen Hof. Als am 6. Juni 1617 Erzherzog Ferdinand zum König von Böhmen gewählt wurde, eskalierte die Situation: Ferdinands umfangreiche Rekatholisierungsmaß- nahmen in Böhmen, die die Rechte der Stände maßgeblich einschränkten, führten zu einem empörten Protest- schreiben der adeligen böhmischen Protestanten an den Kaiser – und der verbot daraufhin jegliche Standesver- sammlungen.

Die böhmischen protestantischen Stände waren verständlicherweise nicht erfreut. Am 23. Mai 1618 zogen rund 200 ihrer Vertreter unter der Führung von Heinrich Matthias von Thurn zur Prager Burg, wo ein improvisierter Schauprozess seinen Lauf nahm. Was dann geschah, mag politische, religiöse und auch individuelle Beweg- gründe gehabt haben. Letztlich aber löste es einen Krieg aus, der in den folgenden drei Jahrzehnten weite Teile Europas verheeren sollte.

"Wundersame" Rettung

Fakt ist, dass auch eine persönliche Kränkung diesem Prager Fenstersturz – und damit einem kontinentalen Konflikt – zugrunde lag: Graf Heinrich von Thurn war zuvor die Funktion als Burggraf von Karlstejn entzogen worden, nachdem er sich bei der Abstimmung für den neuen böhmischen König gegen den Habsburger Ferdinand entschieden hatte. Das Amt des Burggrafen von Karlstejn war freilich außerordentlich symbol- trächtig. Immerhin war er so auch für die böhmischen Kronjuwelen verantwortlich.

Damit mag es wohl kein Wunder sein, dass er den erzkatholischen Jaroslav von Martinic, seinen vom Kaiser bestimmten Nachfolger, aus einem Fenster der Prager Burg warf – gemeinsam mit Wilhelm Slavata von Chlum und Koschumberg sowie dem Kanzleisekretär Philipp Fabricius von Rosenfeld. Dass ein Misthaufen ihren Sturz gebremst und damit ihr Leben gerettet hat, dürfte ein anekdotischer Mythos sein. In zeitgenössischen Berichten wird ein solcher jedenfalls nicht erwähnt.


Ihr Überleben verdanken die drei Herren vermutlich eher der damaligen Mode, dem kühlen Wetter und statischen Prinzipien: Ihre schweren Mäntel und die für die damalige Zeit typischen schrägen Burgmauern dürften schlimmere Verletzungen verhindert haben. Die katholische Seite freilich hatte keinen Zweifel daran, wer die Männer letztlich gerettet hat: Niemand anderer als die Heilige Jungfrau Maria persönlich und ihre Engel griffen ein und bewahrten die katholischen Herren vor dem sicheren Tod, den die gottlosen Protestanten für sie vorgesehen hatten. Sein glückliches Schicksal, vermeintlich bedingt durch höhere Fügung, ließ Graf Wilhelm von Slavata zwei Jahre später in einem für die frühbarocke Zeit typischen Votivbild für die Nachwelt in üppiger Weise festhalten.

Als von Slavata sein kunterbuntes Bild malen ließ, nahmen die Folgen seines Fenstersturzes bereits ihren fatalen Lauf: Im November 1620 verloren die böhmischen Stände am Weißen Berg bei Prag unter Führung von Christian I. von Anhalt die erste große Schlacht des Dreißigjährigen Krieges gegen die kaiserlichen und bayerischen Truppen der Katholischen Liga. Friedrich V., Pfalzgraf und Kurfürst von der Pfalz, kaum mehr als ein Jahr König von Böhmen – womit er sich den Spottnamen "Winterkönig" einhandelte, musste fliehen und gab so den Weg frei zur von Kaiser und Papst erhofften Rekatholisierung Europas.



Spurensuche in der Gegenwart

Der 1648 geschlossene Westfälische Friede gilt bis heute als Ausgangspunkt der Entwicklung von Völkerrecht und souveränen "Nationalstaaten". Inwieweit sich seine Spuren nach weiteren Einschnitten wie etwa dem Wiener Kongress 1815 oder den Katastrophen des 20. Jahrhunderts im Detail identifizieren lassen, ist Gegenstand vieler Debatten. Gleiches gilt für die Rolle der Nationen im geeinten Europa von heute – erst recht in der Fenstersturzstadt Prag.

Sowohl sprachlich als auch religiös seien die böhmischen Länder zur Zeit des Dreißigjährigen Kriegs ein sehr heterogenes Gebilde gewesen, sagt der tschechische Historiker Pavel Kolár, Professor am European University Institute in Florenz, zum STANDARD: "Es war eine supranationale Entität. Das wird heute oft vergessen." Geblieben sei allerdings die Idee von Böhmen als Mikrokosmos europäischer Konflikte – und ein darauf fußendes kollektives Bewusstsein, das zwischen europäischer Öffnung und Abschottung oszilliert, zwischen Nationalstolz und scheuem Rückzug. "Angesichts diverser Bedrohungen, etwa durch Kriege, kann natürlich auch die Öffnung negativ konnotiert sein", so Kolár.

Tatsächlich scheinen sich heute Selbstvergewisserung und Selbstironie meist die Waage zu halten, wenn im alltäglichen tschechischen Sprachgebrauch immer wieder der "böhmische Kessel" auftaucht: Eingebettet zwischen Erzgebirge, Riesengebirge und Böhmerwald umgibt er die Hauptstadt Prag, im 14. Jahrhundert Sitz von Kaiser Karl IV. und der von ihm gegründeten Universität, der ersten nördlich der Alpen. Jenseits des "Kessels" liegen Österreich, Deutschland und Polen. "Wir sind so selbstverständlich ein Teil von Europa, dass wir es oft gar nicht mehr sehen", brachte es ein ehemaliger tschechischer Diplomat auf den Punkt, Botschafter der ersten Stunde nach der Samtenen Revolution 1989.

Skepsis gegenüber Religionen

Das gescheiterte Aufbegehren gegen die katholischen Habsburger und deren anschließende 300-jährige Vorherrschaft dürften auch in der weitverbreiteten Skepsis gegenüber Religionen insgesamt ihren Ausdruck finden. Tschechien zählt heute zu den atheistischsten Ländern der Welt. Bei der letzten Volkszählung 2011 machten 45 Prozent der Bürgerinnen und Bürger gar keine Angaben zur Religion, 34 Prozent bezeichneten sich explizit als nicht religiös. Zum römisch-katholischen Glauben bekannten sich nur zehn Prozent. Auch eine gewisse Skepsis gegenüber weltlichem Machtpathos scheint damit einherzugehen. Eine religiöse Unterlegung politischer Führungsästhetik wie in Polen oder Aufmärsche uniformierter Garden wie in Ungarn wird man in Tschechien kaum antreffen.

Andererseits ist die Meistererzählung vom ureigenen, vermeintlich pragmatischen Zugang zur Politik, der sich an den Problemen im Hier und Jetzt abarbeitet und nicht an Heilsvorstellungen im Jenseits oder Diesseits, auch eingebettet in ein isolationistisches Narrativ vom Kampf gegen Bevormundung "von außen" – gegen Wien (Habsburger), Berlin (Nazi-Besatzung) und Moskau (Kommunismus). Dass sich auf Basis solcher Simplifizierung kaum brauchbare Parallelen ziehen lassen, ändert nichts daran, dass manche Politiker gerne noch Brüssel an das vorläufige Ende der Erzählung setzen – demokratisches Beitrittsreferendum hin, Mitbestimmung in der EU her.
 

aus Süddeutsche.deErstürmung Magdeburgs am 10.Mai 1631

Die Furcht der einen, die Hoffnung der anderen
Vor genau 400 Jahren begann der Dreißigjährige Krieg, der Deutschland verändern sollte - und ein neues Medium entstand. Eine Übersicht.

 
Von Thomas Jordan

Am 23. Mai jährt sich zum 400. Mal der Prager Fenstersturz, mit dem der Dreißigjährige Krieg in Europa begann. Weniger bekannt ist, was sich in den 30 Folgejahren auf dem Gebiet des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation abspielte. Sieben Fakten über drei Jahrzehnte, in denen sich religiöse Minderheiten Rechte erkämpften, der Krieg auch auf dem Feld der Bilder wütete und sich mit der Zeitung ein neues Medium durchsetzte.

1. Ein österreichischer Aufsteiger und furchtsame Böhmen

Im Jahr 1617 geht die Angst um bei den protestantischen böhmischen Adeligen. Soeben ist Ferdinand II., Erzherzog von Innerösterreich, gegen ihren Willen neuer König von Böhmen geworden. Der strenggläubige Katholik Ferdinand hat ein ehrgeiziges Ziel: Er will alle nach 1552 evangelisch gewordenen Gebiete im Reich wieder katholisch machen. Die Konfession dient dabei der Machtpolitik des Habsburgers. Über den katholischen Glauben sollen die Stände im Heiligen Römischen Reich dem katholischen Kaiser in Wien politisch unterworfen werden. Noch hat das Amt Ferdinands Vetter Matthias inne. Aber schon bald hofft der ehrgeizige Ferdinand, selbst Kaiser zu sein.


Kaiser Ferdinand II.
In dieser Situation entschließen sich protestantische Grafen in Böhmen zu einem symbolischen Befreiungs- schlag gegen die katholischen Habsburger: Sie stürzen die Statthalter des Kaisers aus Wien aus einem Fenster des Hradschin, der Prager Burg. Kurz darauf bieten sie dem protestantischen Kurfürsten Friedrich von der Pfalz die böhmische Königskrone an. Der Prager Fenstersturz ist Ausdruck einer hochexplosiven konfessionell-machtpolitischen Gefühlslage in den Ostgebieten des Reichs, die der Historiker Georg Schmidt mit den Worten beschreibt: "Die Furcht der einen und die vagen Hoffnungen der anderen bildeten zusammen genau jene Mischung, die nicht nur Kriege, sondern auch neue Kriegsziele entstehen lässt." 

2. Es geht um Konfessionen, Macht und die "deutsche Freiheit"

Mit dem neuen König kommt der Krieg: Als Kurfürst Friedrich V. von der Pfalz, später "Winterkönig" genannt, das Angebot der böhmischen Stände auf die Königskrone annimmt, rückt der Konflikt vom östlichen Rand mitten in das Zentrum des Heiligen Römischen Reiches. Das Territorium des jungen protestantischen Kurfürsten ist ein zerstreuter Flickenteppich, der sich von der Residenzstadt Heidelberg im Westen bis in die heute bayerische Oberpfalz im Osten erstreckt. Nicht zuletzt der bayerische Herzog Maximilian I., einer der Anführer der Katholiken im Reich, hat schon länger ein Auge auf die Gebiete des Kurpfälzers geworfen. Schon ein Jahr später erfüllen sich die territorialen Hoffnungen des Bayern an der Seite des Kaisers.

Der Preis dafür ist ein Krieg mitten im Reich: Im Jahr 1620 geht Kaiser Ferdinand II. zum Angriff gegen die aufständischen Böhmen und ihren neuen König über. Der habsburgische Kaiser kann 20 000 Soldaten der Katholischen Liga, einem Zusammenschluss katholischer Fürsten des Reiches, zum Sturm auf Prag mobilisieren. Außerdem stellt König Philipp III. von Spanien, ebenfalls ein Habsburger, 20 000 Soldaten, um die pfälzischen Stammlande des neuen böhmischen Königs Friedrich zu erobern. Für die protestantischen Fürsten im Reich steht mit dem Eingreifen der Spanier nun die "deutsche Freiheit" auf dem Spiel, in Flugschriften wird das "Vaterland der deutschen Nation" beschworen. Aus einem Konflikt zwischen Wien und Prag wird ein europaweiter Krieg.

3. Nachrichten aus der Schlacht - Der Krieg und die neuen Medien

Mit dem Krieg kommen die Zeitungen. Vor 1618 informierten meist nur Flugblätter über das Kriegsgeschehen. Die Berichterstattung blieb auf die einzelne Schlacht beschränkt. Mit dem Beginn des Dreißigjährigen Krieges ändert sich das. Die gerade erst gegründeten wöchentlichen Zeitungen im Heiligen Römischen Reich konnten nun zum ersten Mal längere Entwicklungen im Kriegsgeschehen in den Blick nehmen. Oftmals kommt es sogar anlässlich des Krieges zur Gründung neuer, periodisch erscheinender Medien. In Köln werden von 1618 an die Wochentliche Niderlandische Postzeitungen gedruckt. Sie bestanden aus Nachrichtenbriefen aus Deutschland und Italien, die in Amsterdam gesammelt und zu Zeitungen zusammengefügt wurden.

Auch in Antwerpen erscheint 1618 die erste wöchentliche Zeitung, bald auch in Hildesheim, Halberstadt und Stuttgart. Die Menschen wollen regelmäßig und fortlaufend über die Kriegsentwicklungen informiert werden. Historiker sehen einen Zusammenhang zwischen der Gründung von Zeitungen und der Wahrnehmung des Krieges: Erst durch die kontinuierliche Berichterstattung in den Medien, so schreibt die Historikerin Esther-Beate Körber von der Freien Universität Berlin, wird es möglich, sich den Dreißigjährigen Krieg als ein zusammenhängendes Ereignis vorzustellen. Was im Zeitalter der Flugblätter als Aneinanderreihung einzelner Schlachten erschien, wird nun als fortlaufendes Kriegsgeschehen erkennbar.

4. Für Gott und die eigene Macht: Wechselnde Bündnisse

Im Jahr 1640 wagt der bayerische Kurfürst Maximilian I. das Unvorstellbare: Der Bayer, der wichtigste Verbündete des katholischen Kaisers in Wien, will das Bündnis wechseln. Maximilian I. will nun auf der Seite Frankreichs kämpfen, das mit dem protestantischen Schweden verbündet ist und bis zu diesem Zeitpunkt der Hauptgegner Bayerns ist. Maximilians Bündniswechsel gelingt letztlich nicht. Am wankelmütigen bayerischen Kurfürsten zeigt sich aber, wie die Hoffnung auf Gebietsgewinne althergebrachte und konfessionelle Bündnisse überlagert. Für Maximilian I. zählt in erster Linie, dass er selbst Kurfürst bleibt und die Oberpfalz dauerhafter Teil seines Territoriums.

Den Kurfürsten von Sachsen, Johann Georg I., treibt dagegen die Angst vor eigenen Gebietsverlusten gleich zu mehreren Bündniswechseln. 1630 überrollt Gustav II. Adolf von Schweden das Reich. Dem protestantischen Schwedenkönig gelingt es mit Hilfe des protestantischen Kurfürsten von Sachsen, innerhalb eines Jahres weite Teile Deutschlands unter seine Kontrolle zu bringen. Der Kurfürst unterstützte zuvor den Kaiser, und nur zwei Jahre später kämpft Johann Georg I. auch wieder auf der Seite des Habsburgers gegen die Schweden. Die Furcht vor dem kaiserlichen General Tilly hatte ihn zwischenzeitlich in die Arme Gustav Adolfs getrieben. In den darauffolgenden Jahren verbündet sich von 1634 an das von den Habsburgern geschlagene Schweden mit dem katholischen Frankreich. Das neue protestantisch-katholische Bündnis zielt auf das europäische Mächtegleichgewicht: Beide wollen verhindern, dass der Kaiser in Wien seine Macht weiter ausbaut.

Tilly in Magdeburg, 1631
Johann T'Serclaes von Tilly reitet über die Trümmer der 1631 belagerten und eingenommenen Stadt Magdeburg.
5. Krieg der Bilder und Symbole
 
Es ist eines der schlimmsten Massaker im Dreißigjährigen Krieg: Bei der Eroberung der protestantischen Stadt Magdeburg am 20. Mai 1631 durch die Truppen des kaiserlichen Feldherrn Tilly sterben 20 000 der 35 000 Stadtbewohner. Noch Jahrhunderte später spricht man in Deutschland von "magdeburgisieren", wenn man "völlig zerstören" meint. Dass sich die Magdeburger Ereignisse so tief in die Erinnerung einbrennen, daran haben die Bilder und Symbole, die von der Erstürmung berichten, großen Anteil. Ein kaiserliches Flugblatt aus dem Jahr des Geschehens bezieht sich auf das Massaker unter der zynischen Überschrift, wie "Herrn General Grafen von Tilly die alte Jungfrau zu Magdeburg verheiratet worden" sei. Die Zeichnung darunter zeigt die Stadt Magdeburg als junges Mädchen im Brautkleid, den siegreichen Feldherrn Tilly als Bräutigam. König Gustav Adolf von Schweden, der die Stadt nicht vor der Eroberung beschützte, wird auf dem Flugblatt zum grausamen Brautvater, der dem siegreichen Feldherrn Tilly seine Tochter übergibt.

Die Katholiken, die seit Jahrhunderten Marienstatuen und Heiligenbilder verehrten, sind mit Bildern und Symbolen vertraut. Aber auch auf protestantischer Seite erkennen Feldherrn die Bedeutung von Symbolen, um die eigenen Soldaten zu motivieren und Gegner zu demoralisieren. Der Schwedenkönig Gustav Adolf wird zum heilbringenden "Löwen aus Mitternacht", sein Eroberungszug zur biblischen Mission. Denn im Alten Testament vernichtet der Löwe die sündige Stadt Babylon, ein bei Protestanten im 17. Jahrhundert gängiges Bild für die katholische Kirche. Der protestantische Heerführer Christian von Braunschweig-Wolfenbüttel lässt auf den Fahnen seines Heeres die Aufschrift "Alle für Gott und für Sie" anbringen. Mit "Sie" war bei dem protestantischen Heerführer nicht die bei Katholiken so beliebte Jungfrau Maria, sondern wohl die von ihm verehrte Frau des aus Böhmen vertriebenen "Winterkönigs" Friedrich von der Pfalz gemeint. Elisabeth wird in der Propaganda zur deutschen Freiheitsheldin. Die Soldaten des Braunschweigers sollen dafür kämpfen, dass sie in Prag als Königin einziehen kann.

6. Taschengeld für die Plünderer: Mitgefühl unter Feinden

Plündernde Söldner haben großen Anteil daran, dass der Dreißigjährige Krieg den Zeitgenossen so erbarmungslos erscheint. Ist eine Stadt in die Hände der Eroberer gefallen, ziehen feindliche Horden durch die Gassen und halten nach Beute Ausschau. Viele Häuser werden drei-, vier- oder fünfmal von Söldnerbanden geplündert, bis der letzte Silberlöffel aufgespürt ist. Vermuten die Plünderer, dass die Stadtbewohner Vermögen vor ihnen verstecken, werden diese oftmals gefoltert. Als Heidelberg von katholischen Söldnern eingenommen wird, erhebt sich, wie es in einem zeitgenössischen Bericht heißt, "ein jämmerlich Zetergeschrei durch Massacrieren, Plündern und Geldherausmartern mit Däumeln, Knebeln, Prügeln, Peinigen, Nägelbohren, Sengen an heimlichen Orten, Aufhenken, Brennen an den Fußsohlen, mit Schänd- und Wegführung der Frauen und Jungfrauen" .

Bei allen diesen Grausamkeiten gibt es aber auch Szenen, in denen sich zeigt, dass so mancher Söldner Mitleid mit der besiegten Bevölkerung empfindet. Der damals erst zwölfjährige Magdeburger Johann Daniel Friese berichtet in seinen Erinnerungen von einer solchen Szene bei der Plünderung seiner Heimatstadt. Als ein katholischer Söldner mit einem Spitzhammer auf seinen Vater losgeht, plappert dessen jüngster Sohn, der noch ein Kind ist, auf den Söldner los: "Ach lasst doch nur den Vater leben; ich will Euch gern meinen Dreier geben, den ich am Sonntag bekomme." Der Soldat ist von dem Angebot des Kleinkindes, ihm sein Taschengeld - den Dreier - zu geben, gerührt und verhilft der Familie gegen Lösegeld zur Flucht aus dem brennenden Magdeburg.

7. Rechte für Minderheiten: Ohne religiöse Toleranz gibt es keinen Frieden

Nach 30 Jahren Kampf und Verwüstung geht der Krieg mit dem Westfälischen Frieden 1648 zu Ende. Eine Einigung wird nur möglich, weil sich alle Parteien auf einen Ausgleich zwischen den Konfessionen verständigen können. Der Historiker Georg Schmidt nennt die Friedensverträge von Osnabrück und Münster 1648 einen "Meilenstein auf dem Weg zu Gewissensfreiheit und Toleranz". Neben Katholiken und Lutheranern wird nun auch ein drittes Bekenntnis, der Calvinismus, offiziell anerkannt. Häuser und Grundstücke, die den Calvinisten entzogen wurden, werden ihnen zurückerstattet. Wichtig war auch, dass nun die Möglichkeiten eingeschränkt wurden, die Konfession zum Spielball der Machtpolitik zu machen. Entschließt sich ein Landesherr dazu, für ein neues Bündnis seine Konfession zu wechseln, kann er seinen Untertanen sein Bekenntnis nicht mehr aufzwingen.


Zeitgenössischer Stich der Stadt Magdeburg von Matthäus Merian
Für die Reichsgebiete wird mit Ausnahme der habsburgischen Erblande eine Landeskonfession festgelegt - auf dem Stand wie sie am 1. Januar 1624 existiert hatte. Außerdem herrscht von nun an für alle Konfessionen mehr rechtliche Sicherheit: Wie die Anhänger ihr Bekenntnis ausüben dürfen, ist genau abgestuft. Gleiche Rechte für alle herrschen freilich nicht. Die katholische oder lutheranische Landeskonfession darf ihr Bekenntnis öffentlich mit Glockenklang feiern. Allen anderen wird die "devotio domestica" zugesichert. Die Angehörigen der konfessionellen Minderheit können nach ihrem Glauben leben und dürfen nicht wegen ihres Bekenntnisses diskriminiert werden. Kommt es zu Streitigkeiten zwischen Angehörigen unterschiedlicher Konfessionen, werden die Gerichte konfessionell paritätisch besetzt.


Dienstag, 22. Mai 2018

Die Wiedertäufer in Münster.

So stellten sich die Zeitgenossen das Treiben im Täuferreich zu Münster vor
aus welt.de, 9. 5. 2018                                  So stellten sich die Zeitgenossen das Treiben im Täuferreich zu Münster vor

„Unzeitige Liebe mit zarten kleinen Mädchen“

Es war ein mörderisches Experiment: 1534 errichteten endzeitliche Schwärmer in Münster ein „Tausendjähriges Reich“. Polygamie und Gütergemeinschaft wurden zum Markenzeichen dieser Theokratie.


 
Wenn am Mittwochabend auf dem Domplatz von Münster der 101. Katholikentag eröffnet wird, dürfte das Motto „Suche Frieden“ in aller Munde sein. Keine Rolle wird dabei wohl spielen, dass 484 Jahre zuvor, im Oktober 1534, am gleichen Ort eine ähnliche Losung beschworen wurde: „Ihr sollt den Frieden verkünden“, hieß es da, doch der Einschränkung, die folgte, werden die Gegenwärtigen wenig abgewinnen können: „Geschieht es aber, dass sie den Frieden nicht annehmen, so soll die Stadt zur Stunde versinken und in dem höllischen Feuer verbrennen.“ Das war die Botschaft der Wiedertäufer, die in Münster ihr Tausendjähriges Reich Sion errichtet hatten.

Es begann damit, dass im Februar 1534 ein gewisser Jan Mathys in die Stadt einzog. Die Bewohner der Bischofsstadt waren in den vorangegangenen Jahren mehrheitlich Anhänger Luthers geworden. Der gelernte Bäcker aus Haarlem in den Niederlanden war überzeugt davon, dass ihm Gott die Gabe der Prophetie verliehen habe. Und die ließ in ihm die Überzeugung wachsen, dass das Ende der Welt nahe sei. Hinzu kam ein persönliches Charisma, das die zum Mystizismus neigenden Anhänger der Reformation wie etwa die Täufer ansprach. Da diese in den Niederlanden zunehmend verfolgt wurden, fanden sie in Münster ihr „neues Jerusalem“.

Das hatte nicht zuletzt soziale Gründe. In der wohlhabenden Hansestadt war es einige Jahre zuvor zu Unruhen gekommen. Die weltlichen Handwerker gingen mit Gewalt gegen die privilegierten Werkstätten in den zahlreichen Klöstern vor, die unter der Schirmherrschaft des Fürstbischofs standen. Das trieb die Reformation voran. 1533 war der Rat der Stadt streng lutherisch, ein Vertrag mit dem Bischof sicherte den labilen Frieden. <

Unter den Wiedertäufern wurde Münster zu einer riesigen Festung ausgebaut 
Unter den Wiedertäufern wurde Münster zu einer riesigen Festung ausgebaut

Doch der maßgebliche Reformator in der Stadt, Bernd Rothmann, predigte weniger eine bibelfeste Theologie im Sinne Luthers, sondern schwenkte mehr und mehr ins Lager schwärmerischer Bewegungen, die das sehnsüchtig erwartete Reich Gottes mit spirituellen Mitteln zu gewinnen suchten. Das zog immer mehr Täufer an, bis sie schließlich mit ihrem Propheten Jan Mathys die Macht übernahmen. Zunächst wurden die verbliebenen Katholiken verdrängt, bald auch die Lutheraner, die sich dem Täufer-Regiment verweigerten. Die städtischen Unterschichten – Gewerbetreibende, Lehrlinge, Tagelöhner – sahen die Chance, gegen die Herrschaft der Kaufleute und Zünfte aufzubegehren. Da das Vermögen der Vertriebenen konfisziert wurde, winkte zudem eine attraktive Beute.

Der sozialrevolutionäre Zug machte es Bischof Franz von Waldeck leicht, Verbündete gegen die Täufer zu gewinnen. Mit ihrem Geld heuerte er ein Söldnerheer an, das die Stadt einschloss. Allerdings erwiesen sich die Täufer als gefährliche Gegner. Die Stadt wurde in eine riesige Festung verwandelt. Die Dächer der Kirchtürme wurden abgetragen, sodass auf ihnen Geschütze postiert werden konnten. Zugleich radikalisierte sich das Regime.

Nachdem Mathys mit einigen Getreuen zu Ostern in das Lager des Bischofs geritten war, um im Vertrauen auf seine göttliche Sendung dort den Aufstand anzufachen, umgehend aber erschlagen worden war, übernahm ein gewisser Jan Bockelson die Führung der Täufer. Der gelernte Schneider und Bordellbesitzer aus Leiden (daher Jan van Leiden) erwies sich als ebenso charismatische wie machiavellistische Führungspersönlichkeit. Kritiker wurden verfolgt, gefoltert und öffentlich hingerichtet.

Jan van Leiden (1509-1536), Führer der Wiedertäufer zu Münster
Jan van Leiden (1509-1536)

Ein Rat der Zwölf, der die zwölf Stämme Israels repräsentierte, wurde zum Hüter eines theokratischen Regiments eingesetzt, dessen Grundgesetz die Zehn Gebote wurden. Eine Konsequenz daraus war, die Gütergemeinschaft aller Menschen beim Anbruch des „tausendjährigen Reiches“ Christi sicherzustellen. Dass dies unmittelbar bevorstand, schienen die Truppen des Bischofs zu beweisen, die als Vorboten der Apokalypse gedeutet wurden.

Nachdem Schuldbriefe und Besitzurkunden verbrannt worden waren, widmete sich Johann I., wie sich Jan van Leiden nun nannte, einem anderen gesellschaftlichen Problem. Von den 11.000 Menschen in der belagerten Stadt waren 7000 bis 8000 Frauen. Die Lösung fand sich in der Bibel: Seid fruchtbar und mehret euch. Der selbst ernannte König ging mit gutem Beispiel voran, heiratete Mathys Witwe und weitere 16 Frauen (von denen er eine bald darauf hinrichten ließ). Damit wurden „alle Ehrbarkeit, Keuschheit, Enthaltsamkeit und Schamhaftigkeit aufgehoben“, berichtete ein Zeuge. Männliche Täufer verlangten mit Verweis auf das Alte Testament, „dass die Weiber der Willkür jedes Mannes, der ihre Liebe verlangte, bei Strafe der Hinrichtung zur Verfügung stehen sollten“.

Religion, Sex und Gewalt: Erotisch-schwülstige Huldigung des Königs von Sion, wie man sie sich im 19. Jahrhundert vorstellte.  
Religion, Sex und Gewalt: Erotisch-schwülstige Huldigung des Königs von Sion, wie man sie sich im 19. Jahrhundert vorstellte.
 
Die Polygamie lieferte den Zeitgenossen nicht nur Argumente gegen die Täufer, sondern befeuerte auch ihre schwüle Fantasie. „Welche unzeitige Liebe sie mit zarten kleinen Mädchen, die kaum das elfte, zwölfte oder dreizehnte Jahr überschritten hatten, in ihrer Raserei übten, zeigte die unheilbare Krankheit oder der plötzliche Tod vieler Mädchen“, schrieb der Schulrektor Hermann von Kerssenbrock. „Die Frauen, die den Männern nicht auf ihren Wink gehorchten, wurden als Gefangene in das Rosentalkloster gebracht.“

Gleichwohl haben moderne Historiker die Heerschau mit großem Abendmahl, die Jan van Leiden am 13. Oktober 1534 auf dem zum „Berg Sion“ umgetauften Domplatz von Münster abhielt, als Beleg für den Konsens gedeutet, auf den der Täuferführer sich stützen konnte. Dabei wurden Apostel ausgewählt, die in weiteren Städten der Gegend die chiliastische Botschaft verkünden sollten. In Warendorf fiel die „münsterische Lehre“ zunächst auf fruchtbaren Boden, doch gelang es den Ratsherren mithilfe bischöflicher Truppen, die Täufer gefangen zu nehmen. Sie wurden enthauptet.

Da die Prophezeiungen König Johanns I., „dass das gemeine Volk noch vor Ostern (1535) von seinen Feinden erlöst würde“, nicht Wirklichkeit wurden, schwand mit den Nahrungsreserven auch die Moral in der belagerten Stadt Münster. Schließlich liefen zwei Bürger heimlich ins Lager des Bischofs und verrieten eine Schwachstelle in der Stadtmauer. In der Nacht vom 24. auf den 25. Juni 1535 drangen die Truppen des Bischofs in die Stadt ein und veranstalteten ein Gemetzel.

In diesen Käfigen an der Lambertikirche wurden die Reste der Wiedertäufer zur Mahnung ausgestellt
In diesen Käfigen an der Lambertikirche wurden die Reste der Wiedertäufer zur Mahnung ausgestellt

Jan van Leiden und seine beiden wichtigsten Paladine, der „Statthalter“ und Scharfrichter Bernd Knipperdollinck und der Rat Bernd Krechting, wurden auf dem Prinzipalmarkt „an einen Pfahl gebunden und nachher mit feurigen und glühenden Zangen gemartert und getötet“, notierte der lutherische Reformator Antonius Corvinus, nicht ohne schmallippig hinzuzufügen, „gewiss unter großem Beifall und Freude der Priester, an denen Münster immer sehr reich gewesen ist“.

Dabei ist es nach dem Untergang der Täufer geblieben. Münster wurde ein Bollwerk der römischen Kirche in Norddeutschland. Wenn jetzt die 50.000 Dauerteilnehmer und Zehntausende Tagesgäste des Katholikentags über die Straßen der Altstadt flanieren, werden ihnen die drei eisernen Käfige am Turm der Lambertikirche kaum entgehen. In ihnen wurden die sterblichen Überreste der Täuferführer den Vögeln überlassen, auf „dass sie allen unruhigen Geistern zur Warnung und zum Schrecken dienten, dass sie nicht etwas Ähnliches in Zukunft versuchten oder wagten“.








Montag, 21. Mai 2018

Blei in der Luft: Der Niedergang Roms.

Apollo and Diana Punishing Niobe by Killing her Children, 1591. Artist: Bloemaert, Abraham (1566-1651)A. Bloemaert
 aus welt.de, 18. 5. 2018                                                So stellte man sich im Barock die Wirkung der Pest in de Antike vor

Spuren von Blei 
Wie die Pest Roms Goldenes Zeitalter brutal beendete

In Bohrkernen aus Grönland haben sich Bleiemissionen erhalten, die bei der Silberschmelze entstanden. Als Zeugnisse antiker Wirtschaftskonjunkturen berichten sie von einer entsetzlichen Pandemie.

 

Bei ihrer Rückkehr aus Mesopotamien schleppten die Legionen den Tod ins Reich. Zuvor hatten römische Soldaten bei der Eroberung der parthischen Hauptstadt Ktesiphon einen Tempel des Apollon geschändet, indem sie auf der Suche nach Beute einen geweihten Raum erbrachen. In dem hatten chaldäische Alchemisten einen tödlichen Giftstoff verwahrt. Der wurde freigesetzt und „erzeugte sogleich unheilbare Krankheiten“. Bald „befleckte er bis an den Rhein und nach Gallien alles Land mit Pest- und Todesberichten“, notierte einige Zeit später ein Autor.

Diese Pandemie, die das gesamte Römische Reich heimsuchte, ist als „Antoninische Pest“ in die Geschichtsbücher eingegangen. Ihren Namen hat sie von dem Gentilnamen der beiden Kaiser Lucius Verus und Marc Aurel, die von ihrem Vorgänger Antoninus Pius adoptiert worden waren. Dass diese Seuche, die als eine besonders aggressive Form der Pocken gedeutet wird, auch für die Wirtschaft des Imperiums einen tiefen Einschnitt bedeutete, wird jetzt durch ein ungewöhnliches Zeugnis belegt. In Bohrkernen aus dem Eis Grönlands haben sich Spuren der Katastrophe erhalten.


In dem Eis finden sich Bleiablagerungen, die auf die Emissionen aus europäischen Blei- und Silberminen zurückgehen, berichtet jetzt ein Forscherteam in den „Proceedings“ der US-Nationalen Akademie der Wissenschaften. „Unsere Messungen zeigten, dass die Bleiverschmutzung in Grönland sehr eng mit Seuchenzügen, Kriegen, sozialen Unruhen oder imperialer Expansion im antiken Europa zusammenhängt“, erläutert Joseph McConnell vom Desert Research Institute in Reno (USA). Zunächst untersuchten die Wissenschaftler die Strömungsverhältnisse in der Atmosphäre. Simulationen zeigten, dass die Windströmungen während der Antike nicht anders waren als im 20. Jahrhundert. Damals wie heute konnten also Emissionen mit dem Wind aus Europa nach Grönland gelangt sein. Dort setzten sie sich ab und wurden im Laufe der Jahrhunderte von Schnee und Eis überlagert.

Dass die Blei- oder Kupferablagerungen in grönländischen Eisbohrkernen Hinweise auf historische Ereignisse bergen könnten, ist keine ganz neue Idee. Bisher seien aber nur sehr wenige – nämlich 18 – Messungen aus dem Zeitraum zwischen 1100 v. Chr. und 800 n. Chr. ausgewertet worden, schreiben die Autoren. In der neuen Studie bewerteten die Forscher um McConnell nun in sorgfältig datierten Bohrkernen insgesamt 21.000 Messungen.

Silberdenar des Kaisers Marc Aurel  
Silberdenar des Kaisers Marc Aurel

Die meisten feststellbaren Emissionen entstammen der Schmelze von Silber. Das Edelmetall wurde häufig aus Blei-Silber-Erzen gewonnen. Auch wurde Blei oft dem Silber im Herstellungsprozess beigemischt. Da die wichtigsten antiken Münzen wie die griechische Drachme oder der römische Sesterz aus Silber geprägt wurden, lassen die Bleiabsonderungen daher Rückschlüsse auf die wirtschaftliche Situation in Zeiten zu, die durch die Bohrkerne ziemlich genau datiert werden können.

Die Bohrkernmessungen zeigen, dass die Bleiemissionen um 900 v. Chr. zunahmen. Damals entstanden nach dem Zusammenbruch des bronzezeitlichen Mächtesystems im 12. Jahrhundert v. Chr. die Grundlagen der griechisch-römischen Antike. Münzen wurden damals noch nicht geprägt, doch waren Schmuckstücke und Barren aus Gold und Silber bereits begehrte Handels- und Tauschgüter.

Um 900 v. Chr. begannen die Phönizier von den Küsten Syriens und Palästinas aus, die maritimen Handelsstraßen des Mittelmeers zu erschließen. Um 800 folgten ihnen die Griechen, die zahlreiche Kolonien in Süditalien, Kleinasien und am Schwarzen Meer anlegten.

Die wichtigste Neugründung der Phönizier wurde Karthago im Norden Tunesiens. Der Erste Punische Krieg, den das aufsteigende Rom und die Handelsmacht Karthago zwischen 264 und 241 bis zur Erschöpfung führten, lässt sich auch am starken Rückgang der Bleiemissionen ablesen.

Auch Mitte des 1. Jahrhunderts v. Chr., als die Römische Republik in endlosen Bürgerkriegen versank, nahm die Produktion von Silber offenbar deutlich ab. Das änderte sich in den letzten Jahrzehnten vor der Zeitenwende, nachdem Augustus ab 31 v. Chr. die kaiserliche Monarchie etabliert hatte und eine lange Periode des inneren Friedens und der wirtschaftlichen Prosperität eröffnete.

Ein Großteil der Bleiemissionen gehe auf die Ausbreitung von Minen im Norden der Iberischen Halbinsel und in Germanien zurück, schreiben die Wissenschaftler. Obwohl es in den römischen Provinzen an Rhein und Donau weniger Minen als in Spanien gegeben habe, seien die Emissionen daraus erheblich höher gewesen.

Die Krise des 3. Jahrhunderts

Die Herrschaft der sogenannten Adoptivkaiser im 2. Jahrhundert n. Chr. wird häufig das Goldene Zeitalter des Römischen Reiches genannt. Es endete politisch in den 170er-Jahren, als der Einfall der Markomannen Rom einen Vorgeschmack auf spätere Völkerwanderungen gab. Die schweren Kämpfe, die Kaiser Marc Aurel gegen sie bestehen musste und die die Militärmacht des Reiches auf das Äußerste beanspruchten, werden häufig als Grund für den beginnenden Niedergang angeführt.

Wie sehr auch die Antoninische Pest die Weltmacht getroffen hat, zeigt die dramatische Abnahme der Bleiemissionen in den Bohrkernen Grönlands. Die Bevölkerungszahl nahm ab, die Wirtschaft geriet in die Krise. Invasionen und politische Instabilität im Inneren taten ein Übriges, um der Krise des 3. Jahrhunderts den Boden zu bereiten.




Einen Bohrkern aus Eis aus einer Rekordtiefe von mehr als drei Kilometern zersägt eine deutsche Polarforscherin am 10.07.2003 in einem Forschercamp auf Grönland. Die eingeschlossenen Partikel geben Hinweise auf Klimadaten aus den zurückliegenden Jahrtausenden. Foto: Miller/Alfred Wegener Institut (Zu dpa 0224 vom 25.07.2003, Abdruck nur im Zusammenhang mit dem Bericht und mit Nennung des Fotografen und des Alfred Wegener-Instituts) |    
aus derStandard.at, 18. Mai 2018, 14:34                             Bohrkerne aus dem Grönlandeis bergen zahlreiche Informationen

Grönländisches Eis spiegelt Wohl und Wehe des Römischen Imperiums wider 
Forscherteam analysierte Bohrkerne und verglich die Daten mit historischen Aufzeichnungen

Reno – Schon Mitte der 1990er Jahre stellten Forscher bei der Untersuchung von Eisbohrkernen aus Grönland fest, dass dieses "natürliche Archiv" die Aufzeichnungen menschlicher Chroniken widerspiegelt: Langfristige Trends und plötzliche Einschnitte in der Entwicklung der Zivilisationen am Mittelmeer ließen sich auch am Eis ablesen – in Form der Bleiemissionen, die über 4.000 Kilometer und mehr in die Arktis transportiert worden waren.

Der Grund: Solche Emissionen waren ein Abfallprodukt der Silberverhüttung. Da Silber für die antiken Währungen eine wichtige Grundlage bildete, kann man den Silberabbau als Indikator für die wirtschaftliche Entwicklung einer Ära heranziehen. Ein internationales und interdisziplinäres Forschungsteam hat die Untersuchungen aus den 90ern nun fortgeführt und ist dabei wesentlich stärker ins Detail gegangen. Die Daten, die einen Zeitraum von 1100 vor unserer Zeitrechnung bis ins Jahr 800 umfassen, enthielten diesmal nicht 18, sondern 21.000 Messungen der Werte von Blei und anderen Stoffen.

Historikerdisput entschieden

Laut den Forschern um Studienerstautor Joseph R. McConnell vom Desert Research Institute in Reno begannen die Bleiemissionen etwa ab 900 vor unserer Zeitrechnung anzusteigen, als die Phönizier in den westlichen Mittelmeerraum expandierten. Karthago und das junge Rom hielten die Werte auf einem relativ hohen Niveau, das Maximum wurde schließlich im 1. und 2. Jahrhundert unserer Zeitrechnung erreicht.

Damit entscheidet das Klimaarchiv einen alten Historikerdisput, berichtet der Archäologe Andrew Wilson aus Oxford: nämlich die Frage, ob es Rom während der Republik oder der Kaiserzeit wirtschaftlich am besten ging. Die Bohrkerne weisen darauf hin, dass die zunächst noch prosperierende römische Wirtschaft in der Spätphase der Republik – in ihren letzten 90 Jahren – einen Niedergang erlebte.

Höhepunkt und Niedergang

Danach ging es deutlich bergauf: Seine größte Wirtschaftskraft erlebte Rom in der Zeit der Pax Romana, die von der Herrschaft Kaiser Augustus' an etwa 200 Jahre dauerte. Gegen Ende dieser Phase kam es zu einem an den Bleiwerten deutlich erkennbaren Einbruch – zeitlich fällt dieser mit der Ausbreitung der sogenannten Antoninischen Pest zusammen. Ein knappes Jahrhundert später folgte auf diese noch die Cyprianische Pest.

Bei beiden handelte es sich um Pandemien, die von einem noch nicht identifizierten Erreger – möglicherweise Pocken – ausgelöst worden waren und die verheerende Folgen hatten. Vor allem die Antoninische Pest löste ein Massensterben aus, das zu wirtschaftlichem Niedergang führte. Die Bohrkerne aus Grönland spiegeln auch das wider: Erst 500 Jahre später, im Frühmittelalter, erreichten die Bleiwerte wieder das Ausmaß der frühen Kaiserzeit. (red.)
 

Donnerstag, 17. Mai 2018

Antisemitisch.

  
Der Davidstern ist nicht das Hoheitszeichen Israels und auch nicht das Parteiemblem der Zionisten. Es gab eine Ziet, wo alle Juden in Deutschland und dann in halb Europa einen Davidstern auf gelbem Grund an der Brust tragen mussten, da gab es Israel noch nicht, und der Zionismus ist erst durch den gelben Stern zu einer politischen Macht geworden.

Es war eine politische Dummheit erster Ordnung, dass der Karikaturist Hanitzsch einen Davidsstern auf Netanjahus Rakete gezeichnet hat, und dass die Süddeutsche sich dafür entschuldigt, ist ganz in Ordnung. Ein so gedankenloser Zeichner mag die Fußballbundesliga karikieren; für den politischen Teil ist er wirklich nicht geeignet.

Antisemitisch ist die Zeichnung selber nicht; aber die lässt sich leicht so anschauen, und das läuft in diesen Tagen auf dasselbe hinaus.

Nehmen wir einmal an, wir wären 'die Öffentlichkeit'. Dann wäre es geboten, dass wir zwischen dem einen und dem andern genau unterscheiden, sonst wären nämlich wir es, die den Antisemitismus trivialisieren und verharmlosen. Und den Antisemitismus ipso facto nähren. Um die öffentliche Meinung  geht es hier ja und darum, dass nur Demagogen alles in einen Topf werfen: Davon leben sie.

Da ich schonmal dabei bin: Das Skandallied beim Echo war auch nicht antisemitisch. Hätte es geheißen, sein Körper sei "definierter als der von KZ-Insassen", hätte es dasselbe bedeutet. Oder richtiger: Es hätte dasselbe nicht bedeutet, einen intelligiblen Sinn hat es nicht. Es ist ein (weiteres) Symptom der immer weiter um sich greifenden Verrohung, da hatte Müller-Westerhagen einmal Recht. Dass die Echo-Jury das einfach hat durchgehen lassen, war selbst so ein Symptom, und dass man sie ausgeknipst hat, hat endlich einen Punkt gesetzt: Mit solchem Dreck auch noch Geld machen - damit muss einmal Schluss sein.

Insofern ist die Sache in aller Ordnung verlaufen.

Aber dass wieder völlig sinnwidrig von Antisemitismus geeifert wurde, hat es völlig pervertiert. Siehe oben.









Dienstag, 15. Mai 2018

Menschenrassen, gibts die?

aus  nzz.ch, 20.4.2018, 05:30 Uhr                                          

von Markus Schär
 

... Wir alle sind auch Abkömmlinge der Neandertaler: Wir tragen zu rund zwei Prozent das Erbgut unserer Verwandten in uns, die seit ihrer Entdeckung 1856 als primitive Vormenschen galten. Zu dieser Erkenntnis kamen die Genetiker in den letzten zehn Jahren. Sie schlossen aus den Spuren, die sich in unserem Erbgut finden, dass die kleine Gruppe von Homo sapiens, die aus Afrika auszog, vor 50 000 Jahren im Nahen Osten mit Neandertalern Kontakte pflegte, auch sexuelle. Deshalb geben die modernen Menschen auf allen Kontinenten die Gene der verachteten Verwandten weiter – ausser in Afrika, wo sich Homo sapiens in seiner unvermischten Form durchsetzte.

Angenommen, es wäre umgekehrt: Die Europäer, die Asiaten und die Amerikaner würden den modernen Menschen in seiner reinen Gestalt verkörpern, nur die Afrikaner das primitive Erbe der als minderwertig angesehenen Neandertaler weitergeben. Liesse sich ein solcher Befund in einem akademischen Klima veröffentlichen, das die Erkenntnis ängstlich der politischen Korrektheit opfert? Über solchen Fragen tobt derzeit in den USA ein Streit unter Intellektuellen. ...




aus epochtimes.de, 24. 4. 2018

Gentechniker David Reich entzündet Streit über Rassen und Erbgut in den USA
Neueste wissenschaftliche Erkenntnisse könnten beweisen, dass genetische Unterschiede zwischen menschlichen Rassen doch weitaus mehr bedeuten, als nur "soziales Konstrukt".
David Reich – Professor für Genetik in Harvard ist  Autor des aktuellen Buches: „Who We Are and How We Got Here: Ancient DNA and the New Science of the Human Past“. Auf deutsch: „Wer wir sind und wie wir hierher kamen: Alte DNA und die neue Wissenschaft der menschlichen Vergangenheit“.

Reich vermied es in seinem Beitrag, die Emotionen zu sehr anzustacheln. Er setzte auch den Begriff „Rasse“ in Anführungszeichen. Vorsichtig formulierte der Wissenschaftler seine Erkenntnisse zur Genetik des Menschen

„Rasse“- ein soziales Konstrukt?

Es gibt dazu eine Vorgeschichte verschiedenartiger Publikationen: Die Anthropologin Ashley Montagu veröffentlichte im Jahr 1942, “Man’s Most Dangerous Myth:The Fallacy of Race“ – „Der gefährlichste Mythos des Menschen: Der Irrtum der Rasse“. Dieses Buch wurde sehr einflussreich und argumentiert, dass Rasse ein soziales Konzept ohne genetische Grundlage sei.

Das klassischste Beispiel hierbei sei die unterschiedliche Definition von „schwarz“. In den USA ist eine Person aus dem historischen Kontext gesehen schwarz, „wenn sie eine afrikanische Abstammung südlich der Sahara hat“. In Brasilien sei eine Person nicht schwarz, wenn man weiß, dass sie eine europäische Abstammung hat. 

Wenn schwarz auf verschiedene Menschen in unterschiedlichen Kontexten verweist, wie kann das dann eine genetische Grundlage dafür sein?“, berichtet „The New York Times“ in ihrem Artikel über das Buch von David Reich. 

Gentechniker Richard Lewontin veröffentlichte 1972 eine wichtige Studie über die Variation der Proteintypen im Blut. Er unterschied die von ihm untersuchten menschlichen Populationen in sieben „Rassen“ – West-Eurasier, Afrikaner, Ostasiaten, Südasiaten, Indianer, Ozeanier und Australier. Dabei konnte Lewontin feststellen, dass „etwa 85 Prozent der Variationen der Proteintypen durch Variationen innerhalb der Populationen und „Rassen“ und nur 15 Prozent durch Variationen über sie hinaus verursacht werden konnten.

Die Menge der Unterschiede zwischen den Menschen seien im Wesentlichen „Unterschiede zwischen den Individuen“. Daraufhin wurde die Theorie geboren, dass es unter den Menschen keine Unterschiede gebe, die groß genug seien, um das Konzept der „biologischen Rasse“ zu unterstützen.

Nun wurde argumentiert – Rasse sei ein „soziales Konstrukt“ – eine Art der Kategorisierung von Menschen, die sich im Laufe der Zeit und über Ländergrenzen hinweg verändert hätten, so schreibt Reich weiter. 

Es stimmt, dass Rasse ein soziales Konstrukt ist. Es ist auch wahr, wie Dr. Lewontin schrieb, dass menschliche Populationen sich in genetischer Hinsicht bemerkenswert ähnlich sind, so David Reich in seinem Artikel. 

Dieser Konsens, laut Reich, habe sich im Laufe der Zeit scheinbar, ohne hinterfragt zu werden, zur „Orthodoxie“ entwickelt. Doch diese Forschung – egal wie gut gemeint – liege auf „einem rutschigen Abhang“. Denn dies sei ein Ergebnis der Sorge um den Missbrauch der biologischen Differenz, die in Anlehnung an die Vergangenheit von Sklavenhandel und die Eugenikbewegung, zu verstehen sei, so Reich weiter.

Genetisches Erbe

Die interessanten Studien Reichs in seinem Buch bieten zunächst einmal Argumente für die Orthodoxie. Er sagt: „Die Menschen, die heute an einem Ort leben, stammen fast nirgends ausschließlich von den Menschen ab, die in der fernen Vergangenheit an diesem Ort lebten.“

Nur bei wenigen Urvölkern, wie bei den „San“ in der südafrikanischen Kalahari, seien alle Populationen aus Wanderungen hervorgegangen, bei denen es auch zu Sexualkontakten gekommen sei.

Im Erbgut der Westeuropäer sind Spuren ganz verschiedener Populationen zu finden. Da sind „die Jäger und Sammler, die sich vor 50 000 Jahren entlang dem Mittelmeer ausbreiteten und später vom Kaukasus aus nach Westen vordrangen.“

Auch wurde genetisches Material von Bauern, die vor 8800 Jahren von Anatolien auswanderten, gefunden. Ebenso das von einem Reitervolk – das aus der Steppe kam und im dritten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung den Kontinent überrannte – und das Erbgut der Westeuropäer prägen sollte.

Dazu käme noch die „Erinnerung an die Paarungen mit den Neandertalern, die rund 300 000 Jahre in Europa lebten.“ Aus diesem Grund meinte David Reich, stimme das Bild eines Stammbaums des Menschen nicht. „Es gab nie einen einzigen Stamm – seit je sehen wir Mischungen“, so David Reich, zitiert von „Neue Zürcher Zeitung“.

„Unerwünschte Erkenntnisse“

Doch bei seinen Forschungen über die Völkerwanderung kommt der Gentechniker auch zu den sogenannten „unerwünschten Erkenntnissen.“ Er fand heraus, dass die Jamnaja, die vor fünftausend Jahren aus der Steppe nördlich des Schwarzen Meeres nach Westeuropa, aber auch nach Nordindien vordrangen – nicht nur ihre Sprache durchsetzten – sondern auch ihre Gene. Das bildete die Urform der indogermanischen Familie. 

Das Heilige Buch der Hindu – Rigveda – beschreibt die Einwanderung dieses weißen Volkes und dort werden sie als „Arier“ bezeichnet. Doch nachdem das Interesse der Nazis im Dritten Reich an der „indogermanischen“ Vergangenheit groß war, konnten sich europäische Forscher nur noch schwer Gedanken diesbezüglich machen“, beschreibt David Reich. 

Reich fragt sich, warum sich bei fast allen Finalisten des 100-Meter-Laufs an den Olympischen Spielen seit 1980, Erbgut aus Westafrika finden lässt. Es hatte sich herausgestellt, dass es zwischen Populationen genetische Unterschiede gibt. Diese sind nicht nur auf die Hautfarbe begrenzt, sondern zeigen sich auch in der Körpergröße, in Krankheitsanfälligkeit oder eben in der Fähigkeit, schnell zu laufen zu können, berichtet die „Neue Zürcher Zeitung“. 

„Es ist wichtig, sich dem zu stellen, was die Wissenschaft offenbart, ohne das Ergebnis vorwegzunehmen, und mit der Gewissheit, dass wir reif genug sein können, um mit den Ergebnissen umzugehen“, so David Reich zur „New York Times“.
(vm)


Nota. - Wenn die Völker sich genetisch nicht unterscheiden, kann nicht eines einem andern genetisch überlegen sein. Doch wenn sie sich unterscheiden - kann dann eines einem andern überlegen sein? Gewiss - in Hinblick auf dieses oder jenes. Unlängst habe ich hier einen Beitrag gepostet, nachdem ein südasiatisches Seenomaden- volk aufgrund einer genetischen Veränderung länger unter Wasser bleiben kann als andere Völker. Wenn sich heraustellen sollte, dass die Überlegenheit kenianischer Landstreckenläufer über die Läufer aus andern Völkern genetisch bedingt ist, dann... wären zumindest einige kenianische Ethnien andern Völkern im Langlauf über- legen.

Ja und?

Rassismus ist nicht aus wissenschaftlichen Irrtümern entstanden, sondern aus dem tiefverwurzelten Misstrauen der Menschen gegen das Fremde. Das kommtt aus unserer Stammesgeschichte und spielte eine wichtige Rolle in der Selbsterhaltung der primitiven Gemeinschaften. Moderne Gesellschaften sind längst darüber hinaus, und in der Marktwirtschaft, wo ein jeder einem jeden als prinzipiell gleichberechtigter Austauschender begegnen soll, bringt es mehr Nachteile als Vorteil. 

Der größte davon ist, dass sich Fremdenhass und Rassismus politisch kapitalisieren lassen und Rechtsstaat und Liberalität gefährden. Die entscheidende Stärke der modernen Zivilation ist der Aufstieg der Wissenschaften in den letzten vierhundert Jahren. Nicht, dass wissenschaftliche Argumente gegen Demagogen etwas ausrichten könnten - das müssen schon andere tun. Deren Kraft aber beruht allerdings auf der Wissenschaft. Einzelne wissenschaftliche Abwege mögen irritieren, doch ohne dies ist Wissenschaft nicht möglich. Zu den primitiven Vorurteilen, die sich demagogisch ausschlachten lassen, gehört vielmehr Wissenschaftsfeindlichkeit. Eine zeit- genössische Spielart ist political correctness.
JE