Sonntag, 22. Oktober 2017

Bergbau-Boom in der Bronzezeit.




Bergbau-Boom in der Bronzezeit
Die ersten Bewohner der Alpen wagten sich einst nur in die Berge, weil sie nach Bodenschätzen gierten. Was sie anrichteten, lässt sich im Montafon beobachten.

Von Sebastian Herrmann

 Eine Landschaft wie eine Kitschpostkarte, als hätte das örtliche Fremdenverkehrsamt eine perfekte Alpenidylle inszeniert. Morgennebel verhüllt das Tal, Wolkenfetzen berühren an diesem Tag im frühen Herbst die Spitzen der Fichten, die oberhalb des Ortes Bartholomäberg im österreichischen Montafon die Almen umstehen. Buckel durchziehen die Hänge des Knappagruaba genannten Areals auf 1350 Metern Höhe, die wie groß geratene, grasbewachsene Maulwurfshügel wirken. Die vom nächtlichen Regenschauer benetzten Wiesen sind - natürlich! - von einer derart appetitlichen Saftigkeit, dass man den zwei Kühen auf der Weide zurufen möchte: "Hört auf, einander am Hals zu lecken, ihr dummen Viecher; verzehrt gefälligst dieses herrliche Gras!" Almhütten stehen hier, die Immobilienmaklern Wohlstand garantieren würden, kämen sie je auf den Markt. Meine Güte, ist das schön.


Unter der makellosen Kulisse schlummert ein Geheimnis, eines, das der Szenerie abgründigen Zauber verleiht. Die Wiesen verbergen menschliche Umweltsünden. Wie ein Tuch decken sie Spuren von Zerstörung zu. "Über Jahrtausende wurde hier Bergbau betrieben", sagt Rüdiger Krause, Archäologe von der Goethe-Universität Frankfurt und deutet auf die Hänge. "Hier waren überall Stollen und Abraumhalden." Die Beulen im Gras bestehen aus dem vom Erz befreiten Taubgestein, das Arbeiter einst aus dem Berg gebrochen und aufgeschüttet haben. Die von Brennnesseln und Kraut bewachsenen Einbuchtungen darüber markieren die Stellen, wo Stollen tief in den Berg hineinführten. Die Steine auf den Wegen sind rostrot, an der Luft oxidieren die Erze darin.

Auf den Wiesen wächst eine unscheinbare Pflanze. Sie toleriert besonders hohe Konzentrationen von Schwermetall

Wer diese Spuren nicht deuten kann, sieht nur Almen von alpenkitschiger Beliebigkeit. Wer sie aber zu entziffern weiß, der lernt, dass der Mensch seit jeher in seine Umwelt eingegriffen hat, dass er schon vor Jahrtausenden Landschaften zerwühlt, der Natur Rohstoffe entrissen und dabei so etwas wie kleine, frühzeitliche Industriebrachen hinterlassen hat. Gut möglich, dass der Mensch einst überhaupt nur in den unwirtlichen Alpenraum vorgedrungen ist, weil er dort metallische Rohstoffe erschließen konnte. Unter Archäologen findet diese These viele Anhänger - und hier am Bartholomäberg lässt sich erkunden, welche Auswirkungen diese frühe Gier nach Bodenschätzen hatte. Hier zeigt sich, dass selbst schönste Landschaftskulissen menschliche Zerstörung verbergen.

Archäologie Archäologie Siedlungsplätze am Bartholomäberg 

Der Archäologe Krause will vor allem wissen, wann die Ausbeutung der sogenannten polymetallischen Vererzungen begonnen hat, die sich hier an der geologischen Grenze zwischen Nördlichen Kalkalpen und Zentralalpen in oberflächennahen Regionen befinden. Je älter die Bergbauspuren sind, die Krause und sein Team finden, umso besser - denn je älter etwas ist, desto größer die Magie, die davon ausgeht. "Wir suchen die Bronzezeit", ruft Krause enthusiastisch, "aber wir finden die Eisenzeit." Seit dem Jahr 2002 graben die Archäologen am Bartholomäberg. Gezeigt hat sich dabei, dass dieser Südhang wohl die Keimzelle menschlicher Besiedlung des Montafons war. Der Talboden war, wie anderswo in den Alpen, vor Jahrtausenden kein geeigneter Siedlungsplatz. Wo heute Ortschaften mit Namen wie Schruns oder Tschagguns liegen, mäanderten wilde Flüsse durch Schwemmland und überfluteten regelmäßig das Tal. Als bronzezeitlicher Siedler war es wohl eine ziemlich gute und lebensrettende Idee, sich in höher gelegenen Regionen niederzulassen.

"Insgesamt sind bisher fünf prähistorische Siedlungsplätze aus dem Montafon bekannt, deren Anfänge jeweils in der jüngeren Frühbronzezeit liegen", schreiben die Forscher um Krause, also ungefähr zwischen 2500 und 2000 vor Christus. Vier davon befinden sich auf dem Bartholomäberg. In Sichtweite der Barockkirche der gleichnamigen Ortschaft liegt ein Siedlungsplatz. Etwas tiefer gelegen haben die Archäologen Reste der Friagaburg ausgegraben, eine befestigte Siedlungsstelle aus der Bronzezeit und laut Krause eine der wohl ältesten Burganlagen der Alpen. "Das ist ein wunderbarer Siedlungskleinraum aus der Bronzezeit", kommentiert Thomas Stöllner, Montanarchäologe an der Ruhr-Universität Bochum, die Funde.

Auch auf der präindustriellen Bergbaubrache an der Knappagruaba finden sich Spuren aus jener Vorzeit, aus der Krause so gerne Beweise für Bergbautätigkeit finden möchte. Dort steht ein Baucontainer in Würfelform auf einer Wiese, der den Forschern als Büro dient. Daneben befindet sich eine Hütte, in der Besucher eine Tour in einen der erhaltenen Stollen aus dem Mittelalter buchen können. Die Grünfläche davor haben die Archäologen in einer vergangenen Grabungsphase geöffnet und dann wieder geschlossen. "Da steckt mittlere Bronzezeit drin", sagt Krause. In der Erde haben die Archäologen Keramikscherben aus jener Zeit gefunden. Holzkohle- stückchen aus Brandgruben konnten entsprechend datiert werden, zudem stießen die Forscher auf Reste von Steinkonstruktionen. Doch kein Fund lässt sich direkt in Zusammenhang mit Bergbau bringen.

Dabei befinden sich die alten Stollen direkt nebenan, das ganze Gebiet wurde durchbohrt, zerwühlt, zerklopft, bis der Bergbau nach einer Hochphase im Mittelalter im 17. Jahrhundert zum Erliegen kam. "Dass auch im Montafon schon in der Bronzezeit Erze abgebaut wurden, würde von der Siedlungsstruktur dort gut passen", sagt Philippe Della Casa, Archäologe an der Uni Zürich, der in Graubünden am Oberhalbstein an einem bronzezeitlichen Montanrevier forscht, "aber man würde das gern auch direkt nachweisen."

"Das ist hier wie ein Puzzlespiel"

Aus anderen Regionen der Alpen ist bekannt, dass Menschen grob um 3000 vor Christus begannen, Erze abzubauen. Am Mondsee im Salzkammergut etwa, später dann im Trentino, im Inntal oder am Mitterberg, der mächtigsten Kupfererzlagerstätte der Ostalpen, wo der Montanarchäologe Stöllner forscht. In dem Revier in der Nähe des Hochkönigs begann die großflächige Ausbeutung der Kupfererze um 1800 vor Christus. Die Minen bedienten große Teile Europas von Skandinavien bis zum Balkan. Zwischen dem 15. und 12. Jahrhundert vor Christus wurden dort etwa 19 000 Tonnen Rohkupfer produziert.

Die Lagerstätten auf dem Bartholomäberg waren wesentlich kleiner, aber was spricht dagegen, dass die Menschen hier zur gleichen Zeit begannen, die Erze aus dem Gestein zu hauen wie weiter im Osten? Die Siedlungen waren da, und nicht allzu weit entfernt am Oberhalbstein in Graubünden gab es doch auch prähistorischen Bergbau? Es ist sehr schwer, in einer völlig zerwühlten Landschaft festzustellen, wann und wo das erste Loch in den Berg gehauen wurde, welcher der erste Stein auf einer Halde war, auf der jahrhundertelang weitere Steine landeten.

Unter einem Zelt gräbt eine Gruppe Studenten der Frankfurter Uni in den Hang. Sie haben eine Fläche von vielleicht zwei Meter Breite und fünf Meter Länge freigelegt und davor einen Haufen Steine aufgeschüttet. In der Grabung stecken ein paar Felsbrocken, in manchen Abschnitten ist die Erde etwas dunkler. So unspektakulär kann Archäologie aussehen, aber hier wird eben keine Grabbeigabe eines strahlenden Herrschers gesucht, sondern ein Loch, das irgendwelche armen Teufel vor langer, langer Zeit in den Berg gehackt haben.

"Mit der Archäologie stoßen wir hier an Grenzen"

"Ein eindeutiger, schöner Bergbaubefund", schwärmt Krause, als er die Stelle inspiziert. Der Doktorand Rudolf Klopfer, Kopf des Grabungsteams, nickt und deutet auf eine kleine Steinhäufung: "Das wird der Schacht gewesen sein, der senkrecht in die Tiefe ging, sicher ein ordentliches Stück." Aber wann dieser Schacht in den Berg getrieben wurde? Kaum zu sagen, kaum zu datieren, wahrscheinlich irgendwann zwischen 40 vor und 400 nach Christus. "Das ist hier wie ein Puzzlespiel", sagt Klopfer. Dessen Teile bestehen aber nicht nur aus Steinen, sie sind wesentlich abstrakter, komplexer.

"Mit der Archäologie stoßen wir hier an Grenzen", sagt Krause, "da helfen uns nur mehr andere Techniken weiter." Grabungen haben die Forscher mit geomagnetischen Messungen vorbereitet. Wo die Daten Anomalien zeigten, lohnt es sich eher, die Schaufel anzusetzen. Noch wichtiger sind Methoden, mit denen sich Spuren menschlicher Aktivitäten finden lassen. Zarte Hinweise gibt eine unscheinbare Pflanze, die auf den Buckeln besonders häufig wächst, unter denen sich die alten Abraumhalden befinden. Silene vulgaris, auch bekannt als Taubenkropf-Leimkraut, ist eine Zeigerpflanze: Sie toleriert Böden, in denen hohe Schwermetallkonzentrationen stecken - und das ist hier in dem ehemaligen Bergbaugebiet am Bartholomäberg an vielen Stellen der Fall.

In einer Senke, nicht weit vom Zelt, unter dem Klopfer und seine Kollegen graben, wächst Schilf auf einer Fläche von der Größe eines Tennisplatzes; ein kleines Moor, dem die Forscher die Kennzeichnung HZL für Herbstzeitlose gegeben haben. Hier sammelte sich wohl einst Sickerwasser, das aus den Stollen floss. Dadurch entstand das Moor, das nun wie ein Archiv lesbar ist. Dort, sowie an weiteren Mooren auf dem Gelände, haben die Forscher Bohrkerne genommen und analysiert.

Verschieden hohe Konzentrationen von Schwermetallen - Kupfer und Blei - weisen indirekt auf menschliche Aktivitäten hin. "Einen Peak können wir für das 16. und 15. Jahrhundert vor Christus beobachten", sagt Krause. Das deckt sich mit der Datierung der Friagaburg. Auch im dritten und zweiten Jahrhundert vor Christus stecken hohe Schwermetallkonzentrationen im Torf der kleinen Moorflächen. Die Archäobotanikerin Astrid Stobbe hat in Bohrkernen weitere Hinweise auf menschliche Aktivitäten geborgen - konservierte Pflanzenpollen. Aus deren Verteilung lassen sich Rückschlüsse ziehen, wie der Mensch die Vegetation verändert hat. Wann der Wald gerodet wurde, wie Baumarten verdrängt wurden, welche die Oberhand bekamen. Auch daran lässt sich ablesen, dass Menschen hier tief in die Umwelt eingegriffen haben. Und noch etwas steckt in den Bohrkernen: Um 1500 vor Christus muss es ein größeres Ereignis gegeben haben, eine Hangrutschung etwa, eventuell verursacht von den Eingriffen der Menschen in das Ökosystem am Bartholomäberg.

Um 1500 vor Christus muss ein Unglück geschehen sein. Rutschte der Hang ab, weil die Menschen den Berg zerwühlt hatten?

Die Forscher können Vegetationsveränderungen abbilden, sie haben die Daten zur Schwermetallkonzentration und datierbare Holzkohle aus Abraumhalden. "Die Indizienkette ist ziemlich dicht", sagt Stobbe. Nur die archäologischen Befunde selbst halten noch nicht Schritt: Was die anderen Daten nahelegen, hat sich in der Grabung noch nicht bestätigt. Immerhin: "Ab der Eisenzeit wurde hier Erz abgebaut, das scheint so gewesen zu sein", kommentiert Montanarchäologe Stöllner.

Rüdiger Krause marschiert vorbei an dem Zelt über der Grabung, weiter durch ein Waldstück. Dahinter öffnet sich eine weitere Almwiesenlandschaft. Einige Hütten stehen hier, grasbewachsene Buckel durchziehen die Hänge, an anderen Stellen befinden sich mit Brennnesseln und Kraut bewachsene Vertiefungen. Hier hat noch kein Forscher gegraben, aber vielleicht entdeckt ein Archäologe auf diesem Areal eines Tages, wonach Krause auf der anderen Seite des kleinen Waldes so fieberhaft sucht: Belege für bronzezeitlichen Bergbau, datierbare Stollen oder Verhüttungsplätze etwa, wo Erze verarbeitet wurden. "Hier gibt es archäologische Arbeit für kommende Generationen", sagt Krause und blickt auf die buckeligen Hänge, über die der Nebel gleitet. Eines werden Forscher sicher finden: weitere Belege, dass Menschen seit ewigen Zeiten die Berge zerwühlen, stets auf der Suche nach Rohstoffen; und dass selbst unter dem schönsten Wiesenteppich Dreck liegt.



Donnerstag, 19. Oktober 2017

Der Niedergang des Ptolemäerreichs.

Hans Makart. Tod Kleopatras
aus derStandard. at, 17. Oktober 2017, 19:34

Neue Theorie zum Niedergang des Ptolemäerreichs
Mit Kleopatra endete die Herrschaft der Ptolemäer in Ägypten. Eine klimahistorische Studie wirft neues Licht darauf, wie es dazu kam – und warnt vor heutigen Gefahren

von

New Haven – Mit dem Selbstmord der legendären Königin Kleopatra VII. im Jahr 30 vor unserer Zeitrechnung ging auch das große Ptolemäerreich zu Ende. Fast 300 Jahre lang hatte die makedonisch-griechische Dynastie im alten Ägypten geherrscht und für etliche architektonische Großtaten gesorgt – wie den Leuchtturm und die Bibliothek von Alexandria.

Dennoch rebellierte die alexandrinische Bevölkerung immer wieder gegen die Herrschaft, was unter den ägyptischen Pharaonen undenkbar gewesen wäre. Diese inneren Konflikte, die bis jetzt vor allem mit wirtschaftlichen Faktoren und politischen Fehlentscheidungen erklärt wurden, trugen maßgeblich dazu bei, dass die Ptolemäer ihr Großreich allmählich einbüßten, ehe das alte Ägypten nach dem Tod Kleopatras zur römischen Provinz abstieg.

Nur die Hälfte der Geschichte

Doch das ist laut der neuen Untersuchung eines internationalen Forscherteams um den Althistoriker Joseph Manning (Yale University) nur die halbe Wahrheit. Manning und seine Kollegen – darunter Umwelthistoriker und Klimaforscher – haben die detaillierten historischen Aufzeichnungen zu den wirtschaftlichen Krisen zum einen mit den Daten über die Nilüberschwemmungen in dieser Zeit verglichen und fanden dabei auffällige Koinzidenzen.


Blieb das Hochwasser im Sommer aus, vertrocknete das Land rings um den Nil; Ackerbau war nur eingeschränkt möglich. In solchen Jahren gab es mehr Unruhe in Form von Volksaufständen, gegen die mit priesterlichen Dekreten vorgegangen wurde. Kriege mit Nachbarstaaten wurden in diesen Jahren häufiger beendet, brachen aber auch seltener aus.

Warum blieb das Hochwasser aus?

Doch die Forscher ließen es damit nicht bewenden, sie wollten auch noch dem Ausbleiben der Nilhochwasser auf den Grund gehen. Die Daten dafür lieferte Michael Sigl vom Schweizer Paul-Scherrer-Institut, der bereits vor zwei Jahren eine Chronologie der großen Vulkanausbrüche der vergangenen 2500 Jahre anhand von Schwefelablagerungen in Eisbohrkernen erstellt hatte.

Mit Sigls Hilfe ließ sich zeigen, dass der Grund für die ausbleibenden Nilhochwasser tatsächlich große Vulkanausbrüche waren: Dadurch gelangte viel Schwefel in die Atmosphäre, der vorübergehend das Klima änderte. Dadurch verschoben sich Windsysteme und damit der Monsun, der nicht mehr die Quellen des Nils erreichte. Da dessen Hochwasser ausblieb, kam es zu Dürren, Hungersnöten und zur inneren Schwächung des Ptolemäerreiches.

Schlüsse für damals und morgen

Für Joseph Manning zeigt die im Fachblatt "Nature Communications" veröffentlichte Studie aber nicht nur, wie der Klimawandel sich auf Politik und Wirtschaft in der Antike auswirkte. Die Anfälligkeit des Ptolemäerreiches für Vulkan- und Klimafolgen sollte uns daran erinnern, dass auch heute große landwirtschaftliche Regionen, in denen 70 Prozent der Erdbevölkerung leben, vom Monsun abhängig sind.

Zum Glück leben wir gerade in Zeiten ohne heftige Vulkanausbrüche: Der letzte halbwegs globale war jener des Pinatubo 1991. Sollte es wieder dazu kommen (oder zu absichtlichen Klimabeeinflussungen durch Geoengineering), könnten die Folgen sehr viel größer und dramatischer sein, als wir womöglich annehmen. 

Mittwoch, 18. Oktober 2017

Ja, so wird das natürlich nichts.


Wenn sie bei den Details anfangen und jeder ersteinmal seine roten Linien und No-gos auspackt, ist die Sache von vornherein gestorben. Welche Aufgaben stehen in den kommenden Jahren, ach, und Jahrzehnten vor einer deut- schen Regierung? Das ist die Frage, die sie klären müssen. Danach erst dürfen sie sich fragen, ob sie das mit ihrer "Identität" (und der Erwartung ihrer Klienten) vereinbaren können.

Wenn nicht, müssen sie es so aussprechen, wie sie es meinen. Wenn doch, erst recht.







Dienstag, 17. Oktober 2017

Die Klerikalen haben nichts gegen die Rekonfessionalisierung unseres Lebens.


 aus FAZ

"Das Zentralkomitee der Katholiken unterstützt indes einen muslimischen Feiertag. 'In einer multireligiösen Gesellschaft kann in Gegenden mit hohem Anteil an frommen Muslimen ein islamischer Feiertag hinzukom- men, ohne dass die christliche Tradition unseres Landes verraten würde.' "

Das ist der springende Punkt: Wir sind keine multireligiöse Gesellschaft. Weil es in unserer Gesellschaft ver- schiedene Glaubensgemeinschaften gibt, sind wir eine säkulare Gesellschaft - denn nur so muss einer dem andern nicht zu nahe treten. Darum geht es nämlich. Um die Wahrung der christlichen Traditionen haben sich die Kirchen selber zu kümmern - bei ihren Gläubigen. 

Der kulturelle Beitrag des Christentums zu unserer Kultur steht auf einem ganz andern Blatt. Dem verdanken wir nämlich unter anderm, dass wir eine säkulare Gesellschaft werden konnten. Ihn dürfen auch wir Gottlosen in Anspruch nehmen. 

Mich überrascht nur, dass die Lutherischen diesmal nicht die ersten waren.



 

Montag, 16. Oktober 2017

Radikale Mitte...



... so hieß die "Spaßpartei" - damals kam das Wort auf -, die 1950 von dem Kabarettisten Werner Finck ins Leben gerufen wurde und damals einigen publizitären Erfolg hatte. Die Bundesrepublik hatte noch mit der KPD auf der einen und der SRP auf der andern Seite zwei extreme Flügelparteien, und es war nicht auszuschließen, dass die sich dort festsetzen würden.

An sich klang die Formulierung Radikale Mitte paradox. Radikal, das war der äußerste linke Flügel - die Weltrevolu- tion - und der äußerste rechte Flügel: die je nationale Konterrevolution. Mitte, das war, was als Nullpunkt zwischen den beiden Kräften resultierte: nicht zu viel hiervon, nicht zuviel davon, sondern 'grade richtig'; juste milieu. Mitte war die Resultante von tausend Kompromissen, gibst du mir dies, geb ich dir das, das ging nicht vorwärts, ging nicht rückwärts, sondern schleppte sich hin, und wenn dann ein Donnerwetter dreinfuhr, kamen sie aus dem Mustopp.


Das war im vorigen Jahrtausend. Von der Weltrevolution ist seit 1990 keine Rede mehr. Für nationale Konterrevo- lutionen besteht folglich weltweit kein Bedarf. Das Ende der Geschichte ward ausgerufen, aber dann ging sie doch weiter. Sie heißt jetzt Globalisierung.

*

Radikal war, was an die Wurzel ging; Revolution und Konterrevolution; entweder oder. Entweder oder gibt's nicht mehr. Es gibt nur noch Globalisierung und Digitalisierung, aber das ist dasselbe. Strittig sind sie nicht, sondern nur, was man draus macht. Radikal ist, wer die Sache zuende denkt und draus macht, was der gesunde Menschenverstand - Vernunft muss gar nicht beschworen werden - rät. 

Was digitalisiert werden kann, werden die intelligenten Maschinen übernehmen. Für uns Menschen bleibt an Arbeit nur übrig, was - sei es - lebendige Einbildungskraft, - sei es - menschliche Einfühlung verlangt. Mit andern Worten, die ausführenden und namentlich die verwaltenden Tätigkeiten hätten wir uns endlich vom Halse programmiert. Da aber nicht weniger, sondern mehr produziert werden dürfte, müsste die Verteilung anders geregelt werden als durch den jeweiligen Anteil der Individuen an der produktiven Arbeit: Denn die meisten hätten keinen mehr. 

An einem garantierten Grundeinkommen wird auf die ganz lange Sicht nichts vorbeiführen. Heute erscheint das Problem der Finanzierung als unüberwindliche Hürde. Aber die faux frais durch ausufernde Verwaltungsarbeit, die sachlich immer hinderlicher wird, wachsen weiter: Maschinen können das besser. Es kommt der Tag, da wird das garantierte Grundeinkommen ein Gebot der Sparsamkeit sein. 

*

Hier schließt sich der Kreis. Das ist in einem Land nicht möglich: In das Land, das damit anfinge, würden sich die Migrationsströme der ganzen Welt ergießen. Das ist nur gangbar als ein weltweit geplanter und, so Gott will, abge- stimmter Prozess. 

Und doch muss irgendwo angefangen werden. Die Frage, ob das überhaupt möglich ist, stellt sich schon gar nicht mehr. Es ist notwendig, und da werden die Möglichkeiten wohl oder übel einlenken müssen.

*

Langer Rede kurzer Sinn (Sie ahnen es längst): Europa ist die Weltgegend, die mit der überkommenen kapitalisti- schen Wirtschaftsordnung, die den Weltmarkt geschaffen hat und mit der digitalen Revolution die Globalisierung vorantreibt, die längste und man darf wohl sagen: sattsamste Erfahrung gemacht hat. Es kommt ihr zu, auch den Weg heraus zu weisen. Und die Gegend, wo Europa am europäischsten, nämlich am zwiespältigsten ist, ist die unsere. Deutschland in Europa und Europa in der Welt - das ist die Perspektive der radikalen Mitte.





 

Sonntag, 15. Oktober 2017

Ein Glück nur, dass keiner richtig gewonnen hat.


H. Daumier, 35 Gesichtsausdrücke 

Da es ja wohl im niedersächsischen Landtag keine Mehrheit für einen neuen Ministerpräsidenten gibt, wird Weil im Amt bleiben müssen und eine rot-grüne Minderheitsregierung führen - die doch gerade erst abgewählt wurde. Die Grünen haben mehr verloren, als die SPD - unter anderm von ihnen - hinzugewonnen hat. Wie das Martin Schulzens erfoffter Wiederbelebung der Sozialdemokratie förderlich sein kann, ist kaum abzusehen. Dass er diesmal mit einem blauen Auge davongekommen ist, war ja wohl kein Sieg; Althusmann muss nur warten.

Dass das Ergebnis auf der andern Seite Frau Merkels Position in den Koalitionsverhandlungen mit FDP und Grünen schwächen wird, ist ebensowenig zu erkennen. Die CDU hat in Niedersachsen nicht entfernt so stark verloren wie Grüne und FDP. Die müssen ganz bescheiden bleiben. Aber vor allem hat sie nicht entfernt soviel an die AfD verloren wie unlängst im Bund. In dieser Partei haben die Duckmäuser, die sich um ihre "rechte Flanke" sorgen, keinen Grund, sich bestätigt zu fühlen. 


Um die darf sich ab jetzt die AfD mit Frau Petry streiten; Sache des vernunftbegabten Teils der CDU ist es, Mitte nicht negativ, 'subsidiär' im Blick auf den einen und den anderen Flügel, sondern durch positive Bestimmung dessen zu definieren, was sachlich geboten ist. Dazu bietet die Koalition mit Grünen und Freien Demokraten eine einmalige Gelegenheit. Denn da werden sie alle während der Verhandlungen - und beim Regieren erst recht - ihre ideologi- schen Bekenntnisse an der Garderobe lassen müssen.

Sachlich geboten ist die Stärkung Europas in der Welt durch die Stärkung Deutschlands in Europa. Die Welt - das ist die Globalisierung oder, was dasselbe bedeutet, die digitale Revolution. Da liegt genügend richtige Arbeit vor ihnen, das reicht für mehr als eine Legislatur. Und da werden sie sich alle drei richtig ändern können; aber nur, wenn sie ihre Zimperliesen beiseite tun.



Auch Afrikaner waren weiß, bevor sie schwarz wurden.


aus derStandard.at, 14. Oktober 2017, 16:46

Neue Studie über Hautfarben räumt mit alten Vorurteilen auf
DNA-Analysen von mehr als 2000 Afrikanern zeigen: Hauttöne variieren seit gut 900.000 Jahren, und hellere Pigmentierung ging vielfach dunklerer voraus

von Klaus Taschwer

Philadelphia/Wien – Die Frage, ob es menschliche "Rassen" gibt und wie diese einzuteilen seien, beschäftigt nicht nur die Anthropologie seit gut 200 Jahren. Auch wenn das Konzept heute als wissenschaftlich weitgehend obsolet gilt, unterscheiden sich heutige Vertreter von Homo sapiens äußerlich durch ihre Hautfarben.

War der Mensch ursprünglich dunkelhäutig?

Da der moderne Mensch in Afrika entstand und heute lebende Afrikaner dunkle Haut besitzen, geht man gemeinhin auch davon aus, dass die dunkle Hautfärbung auch die ursprünglichere war. Doch wie eine neue Studie von Forschern um Sarah Tishkoff (Universität Philadelphia) im Fachblatt "Science" zeigt, ist die Sache um einiges bunter und komplizierter, als selbst Humangenetiker bisher dachten.

Denn auch diese gingen davon aus, dass nur einige wenige Gene für die Farbtöne unserer Haut sorgen: bei den Afrikanern etwa das Gen MC1R, das für dunkle Pigmentierung verantwortlich sei.

Viele Schattierungen von "Braun"

Für ihre neue Untersuchung nahmen Tishkoff und ihr Team die Haut von mehr 2000 Menschen aus Äthiopien und Tansania (jeweils Ostafrika) und dem südafrikanischen Botswana unter die Lupe, sprich: Sie bestimmten deren erstaunlich stark variierenden Hauttöne und nahmen dazu DNA-Proben der Testpersonen, die aus verschiedenen Ethnien stammten.

Die Ergebnisse waren einigermaßen überraschend. Die Forscher fanden insgesamt acht Bereiche des Genoms, die mit der Pigmentierung zu tun haben und rund 30 Prozent der Variation erklären. Und für alle acht Bereiche gab es je eine Variante, die für hellere und für eine dunklere Haut sorgt. Vier der helleren Varianten entstanden vor mehr als 270.000 Jahren, also noch vor dem ersten Auftreten des Homo sapiens, vier überhaupt schon vor rund 900.000 Jahren

Das Gen OCA2 etwa, das mit Pigmentierungen der Europäer in Zusammenhang steht, behauptet sich seit mehr als 600.000 Jahren. Das wiederum bedeutet, dass diese Varianten schon vorhanden waren, ehe es zur Aufspaltung in moderne Menschen, Denisova-Menschen und Neandertaler kam.

Hellere Pigmentierung kam vor dunkler

Drei der besonders dunklen Hautvarianten von afrikanischen Ethnien dürften erst als Variante hellerer Vorformen entstanden sein. Und die ältesten Varianten, die entdeckt wurden, sind für helle Hautfarbe verantwortlich. Dass die Vertreter der San in Botswana eine besonders helle Hautfarbe haben, obwohl sie als eine der ältesten Populationen von Homo sapiens gelten, passt da gut ins Bild.

Die helle Haut von Schimpansen

Tishkoff und ihr Team spekulieren auch, wie es zur dunkleren Pigmentierung gekommen ist, und verweisen darauf, das Schimpansen unter ihrem dunklen Fell eine helle Haut haben. Dunkle Haut sei erst ab dann von Vorteil gewesen, als unsere Vorfahren die Körperbehaarung verloren und vom Wald in die Steppe emigrierten.


Nota. - Hinterher klatscht man sich an die Stirn und sagt: Ist doch klar! Unsere behaarten Vorfahren konnten keine Pigmente bilden - sie brauchten keine. Erst nach dem Verlust des Haarkleides konnte sich die Fähigkeit der Haut, Melanin aufzubauen, nach und nach entwickeln. Blass kommt selbstverständlich vor dunkel! (Solange die Hominiden im Urwald lebten, was Sonneneinstrahlung kein Problem.)

À propos Vorurteile: Dass Weiß die ursprüngliche, "echtere" Färbung unserer Haut ist, passt einem Rassisten gut in den Kram. 
JE