Donnerstag, 17. August 2017

Donald Trump und die gesinnungsstarke Presse.



Der Skandal um Charlottesville ist ein Laborbeispiel für die Verlogenheit und Heuchelei, die das öffentliche Leben der USA beherrschen, und ein Beweis, dass sie so einen Präsidenten sich redlich verdient haben.

Trump sagt, was die Presse schreiben musste, und die Presse schreibt, was der Präsident hättte sagen sollen. Trump sagt, er halte sich nur an die Fakten. Zu den Fakten gehört allerdings, dass unter den Gegendemonstranten auch Antifa und Schwarzer Block gewesen sind. Wenn die zu einer Demonstration anreisen, dann nicht, um Lichterketten zu bilden und fromme Lieder zu singen. Die Nazis und KKK kamen bewaffnet, das wussten sie so gut wie jeder andere, und da ist es völlig egal, wer den ersten Faustschlag getan hat.

Das ist es, was die Presse schreiben musste, in ihrem Nachrichtenteil. In ihren Kommentaren durften sie dann hin- zufügen, was ihnen politisch richtig und korrekt vorkam. Das nämlich, was der Präsident der Vereinigten Staaten hätte sagen müssen: Politisch ist es nicht gleichgültig, wer dort wem gegenüberstand. Wenn Nazis und Rassisten in die Öffentlichkeit treten, ist jeder Bürger aufgerufen, sich ihnen in den Weg zu stellen, und wenn einige dabei hand- greiflich werden, ist das nur zu begreiflich. Das sind Feinde einer freiheitlichen und demokratischen Ordnung, es sind Gegner der Verfassung. Wenn man ihnen rechtlich den Auftritt in der Öffentlichkeit nicht verwehren kann, muss die Öffentlichkeit selber tun, was in ihrer Macht steht - in offener Auseinandersetzung.


Aber die wohlmeinende Presse merkt nicht, wie sehr sie auf ihn reinfällt. 

Zuerst sagt er, Gewalt sei von beiden Seiten ausgegangen. Die Entrüstung ist groß; freilich wieder nur bei denen, die sowieso entrüstet sind. Es hieß, er habe seinen äußersten rechten Rand nicht verprellen wollen. Dann sagt er, Nazis und Rassisten seien böse; weil es ihm seine Berater so dringend empfohlen hätten. Ein paar Tage später lässt er im Eifer des Gefechts sie Maske fallen und bekräftigt seine wahre Meinung. 

Aber vielleicht ist er gar kein Trottel, sondern schlauer, als die wohlmeinende Presse glaubt. Seine Anhägerschaft schrumpft, aber festigt sich dabei. Denen musste er Zucker geben, und das Geschrei war groß. Dann tritt er als Staatsmann auf, alle sind verblüfft. Zwei Tage später geht er in die Offensive: Die Presse habe die Fakten vertuscht, statt korrekt zu berichten. Dabei brauchte er seine öffentliche Verurteilung von Nazis und Rassisten nicht einmal zurückzunehmen und konnte doch der Lügenpresse eins auswischen. Er hat eine Defensive in einen Angriff verkehrt, und die Presse hat mitgespielt.

Auf diese Art haben Hillary und die Wohlmeinenden seine Präsidentschaft nicht verhindern können, und auf diese Art werden sie sie nicht abkürzen. Mit bloßer Stimmungsmache können sie ihm nicht beikommen, auf dem Feld ist er ihnen überlegen.

Doch in der Zwischenzeit wird Amerika nicht regiert.






Montag, 14. August 2017

Das neuhethitische Reich von Tayinat.


aus scinexx                                                           Die in Tayinat entdeckte Frauenstatue

Türkei: Monumentale Frauenstatue entdeckt
3.000 Jahre altes Standbild wirft neues Licht auf Stellung der Frau 

Ungewöhnlicher Fund: Archäologen haben in der Türkei eine 3.000 Jahre alte Frauenstatue entdeckt. Das fünf Meter große Standbild könnte die Frau eines neo-hethitischen Königs darstellen, vielleicht sogar die berühmte Gründerin einer royalen Dynastie. Der Fund wirft ein neues Licht auf die Stellung der Frau im eisenzeitlichen Nahen Osten: Frauen könnten eine prominentere Rolle bekleidet haben als bisher angenommen.

Die Gegend im Grenzbereich zwischen Syrien und der Türkei hat eine wechselvolle Geschichte. Denn ägyptische Pharaonen, Babylonier und Hethiter rangen jahrtausendelang um die Vormacht in diesem strategisch wichtigen Gebiet. Vor rund 3.2000 Jahren jedoch endete die Ära der großen Reiche und Hochkulturen abrupt: Ein Klimawechsel schwächte die Großmächte der Bronzezeit und ließ ihre Reiche zerfalle

Fund in neo-hethitischer Königsstadt

Ein neues Licht auf die Entwicklung nach diesem Einschnitt wirft nun ein Fund in Tayinat im Südosten der Türkei. Dort – rund 75 Kilometer westlich von Aleppo - lag von 1000 bis 738 vor Christus Kunulua, die Hauptstadt des neo-hethitischen Königreichs Patina. Der mächtigen Zitadelle dieser Stadt war ein monumentaler Torkomplex vorgelagert, der den Zugang zu den Wohnbereichen der Elite markierte.

In diesem Torkomplex haben Timothy Harrison von der University of Toronto und seine Kollegen jetzt die Fragmente einer ungewöhnlichen Statue entdeckt. "Die Statue wurde mit dem Gesicht nach unten in einem dicken Bett aus Basaltstücken entdeckt", berichtet Harrison. "Unter den Fragmenten waren Teile der Augen, der Nase und des Gesichts."

Fünf Meter großes Standbild

Als die Archäologen die Fragmente zusammensetzten, erwies sich der Fund als ein Teil eines Standbilds einer 3.000 Jahre alten, überlebensgroßen Frauenfigur. "Zu ihren beeindruckenden Merkmalen gehört ein Ring von Locken, der unter einem Schal hervorschaut, der ihren Kopf, die Schultern und den Rücken bedeckt", so der Archäologe.

Bisher haben die Archäologen nur den Kopf und Teile des Oberkörpers der aus Basalt gefertigten Statue gefunden. Sie schätzen, dass das gesamte Standbild einst vier bis fünf Meter hoch gewesen sein muss. Zusammen mit den Fragmenten dieser Statue fanden die Archäologen auch Teile anderer Skulpturen, darunter von Standbildern des neo-hethitischen Königs Suppiluliuma, der dieses Königreich im neunten Jahrhundert vor Christus regierte.

Göttin oder Königin?

Wer aber war die dargestellte Frau? Bisher können die Archäologen nur Vermutungen über ihre Identität anstellen: "Sie könnte ein Abbild von Kubaba, der Mutter der Götter im alten Anatolien darstellen", sagt Harrison. "Aber es gibt auch stilistische und ikonografische Hinweise darauf, dass dieses Standbild eine menschliche Figur repräsentiert. Vielleicht die Frau des Königs Suppiluliuma oder – noch spannender – eine Frau namens Kupapiyas."

Kupapiyas war die legendäre Frau von Taita, dem Dynastiegründer von Tayinat. Sie ist die bisher einzige Frau, die in Inschriften aus dieser Zeit erwähnt wird, wie die Archäologen berichten. Diesen Zeugnissen nach soll Kupapiyas mehr als 100 Jahre lang gelebt haben und eine machtvolle matriarchalische Persönlichkeit gewesen sein.






Sonntag, 13. August 2017

Der Urwald ist nicht unberührt.

aus derStandard.at, 12. August 2017, 19:00

Schon seit 45.000 Jahren verändert der Mensch die Wälder der Tropen
Die großen tropischen Waldflächen sind alles andere als unberührte, naturbelassene Lebensräume, wie eine aktuelle Studie zeigt

Jena – Lange Zeit kursierte die Ansicht, dass Tropenwälder bis zum Beginn der Industrialisierung unberührte Natur waren – doch das ist ein Irrtum, wie nun eine internationale Forschergruppe nachgewiesen hat. Tatsächlich haben menschliche Eingriffe diese Wälder bereits seit mindestens Zehntausenden Jahren verändern. Die umfassende Studie von Wissenschaftern des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte und ihren Kollegen konnten drei Phasen der menschlichen Einwirkung auf die Tropenwälder ausmachen: die Jäger- und Sammlerkultur, kleinbäuerliche Landwirtschaft und große urbane Siedlungen.Spuren, die auf bewusste Veränderungen des Ökosystems Wald hindeuten, gehen insbesondere in Südostasien bis zu 45.000 Jahre zurück. Damals wurden ganze Tropenwaldgebiete brandgerodet, um Tiere und Pflanzen zu begünstigen, die den Menschen damals als Nahrungsgrundlage dienten. Belege für ähnliche Aktivitäten gibt es auch in Australien und Neuguinea. Sofern der Mensch am Aussterben der Megafauna im Spätpleistozän (vor etwa 125.000 bis 12.000 Jahren) mitverantwortlich war, könnte auch dies erhebliche Auswirkungen gehabt haben, etwa auf die Vermehrung und Verbreitung von Pflanzen sowie auf den Baumbestand, was bis heute zu beobachten ist.

Früheste Landwirtschaft in Tropenwäldern

Die frühesten Nachweise für landwirtschaftliche Aktivitäten in Tropenwäldern wurden in Neuguinea gefunden. Dort haben Menschen Yamswurzeln, Taro-Knollen und Bananen bereits seit dem frühen bis mittleren Holozän vor etwa 10.000 Jahren angebaut. Durch die Domestizierung von Waldpflanzen wie Süßkartoffeln, Chili-Pfeffer, schwarzen Pfeffer, Mangos und Bananen, sowie Waldhühner und andere Waldtiere, wurden die Lebensräume der Wälder nachhaltig verändert und Essgewohnheiten bis in die heutige Zeit hinein beeinflusst.

Solange die Tropenwälder auf der Grundlage heimischer Pflanzen- und Tierarten bewirtschaftet wurden, führte dies im Allgemeinen nicht zu signifikanten oder dauerhaften Umweltschäden. Zu umweltschädigenden Effekten kam es erst, als die landwirtschaftliche Nutzung intensiver wurde und insbesondere externe landwirtschaftliche Arbeitsweisen in die Tropenwälder und Inseln einzogen. Als Bauern etwa vor rund 2.400 Jahren Perlhirse und Vieh in die Tropenwaldregionen West- und Zentralafrikas einführten, kam es infolge von Brandrodungen zu erheblichen Bodenerosionen. Ähnliche Entwicklungen fanden vor etwa 4.000 Jahren auch in Südostasien statt.

Dschungelstädte, die versorgt werden wollen

Herrschte bisher die Vorstellung, Tropenwälder seien "grüne Wüsten", die sich nicht als menschlicher Lebensraum eigneten, haben aktuelle Forschungen nun gegenteilige Erkenntnisse gebracht: So ist es Menschen schon sehr früh gelungen, dort riesige Siedlungen zu schaffen. Neue Daten, die unter anderem aus Kartierungen mit Hilfe von Lichtlaufzeitmessungen stammen, weisen auf menschliche Ansiedlungen in Amerika und Südostasien hin, die man zuvor nicht für möglich hielt. "Tatsächlich haben umfassende und vernetzte Siedlungen in den Tropenwäldern von Amazonien, Südostasien und Mittelamerika wohl um ein Vielfaches länger bestanden als bislang die industriellen und städtischen Ansiedlungen der modernen Welt", erläutert Patrick Roberts vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte, Hauptautor der im Fachjournal "Nature Plants" veröffentlichten Studie.

Angkor aus dem All, der schwarze Rahmen markiert den Tempel Angkor Wat, das rechteckige Wasserbecken links davon ist das von den Forschern untersuchte Khmer-Reservoir West Baray.

Riesige städtische Ballungsräume standen schon damals und stehen heute wieder vor der Frage, wie die große Bevölkerung ernährt werden kann, also wie ein Agrarsystem geschaffen werden kann, ohne dass der Boden erodiert. Aus dem Umgang der alten urbanen Zentren mit diesen Herausforderungen lassen sich durchaus Lehren für die Gegenwart ziehen. In einigen Regionen der Maya haben städtische Siedler den Wald "gärtnerisch" bewirtschaftet, indem sie eine Vielzahl ergänzender Feldfrüchte in und rund um bestehende Waldflächen anpflanzten, statt diese zu roden. Andere Gruppen dagegen haben ihre lokale Umwelt durch Waldrodung und Monokulturpflanzen wie Mais übermäßig belastet, was in Kombination mit Klimaveränderungen zu dramatischen Bevölkerungsrückgängen führte.

Modelle für nachhaltige moderne Städte

Interessant ist auch die Entdeckung, dass alte Waldstädte dieselbe Zersiedlungstendenz aufwiesen, wie man sie von modernen Städten kennt. In einigen Fällen scheinen solche ausufernden städtischen Randgebiete als eine Art Pufferzone gedient zu haben, um die städtischen Zentren vor Klimaveränderungen zu schützen und eine sichere Versorgung mit bzw. den Zugang zu Nahrungsmitteln zu gewährleisten. "Eine breite Vielfalt, Dezentralisierung und landwirtschaftliche Aktivitäten innerhalb der Stadt haben wohl dazu beigetragen, dass die Städte insgesamt widerstandsfähig waren", erläutert Damian Evans von der École française d’Extrême-Orient die Erkenntnisse. Diese alten Waldvorstädte werden jetzt als mögliche Nachhaltigkeitsmodelle für moderne Städte untersucht. (red,)

Montag, 7. August 2017

Ist die digitale Revolution ist schon wieder zuende?

aus derStandard.at, 6. August 2017, 11:54

"Große Vorteile der Digitalisierung sind passé" 
Der Welt sind die Ideen ausgegangen, die das Wachstum beflügeln: Mit dieser Theorie provoziert der US-Ökonom Robert Gordon

Interview von

STANDARD: Der Juicero, die Saftpresse eines US-Start-ups, war 2016 das angesagte Investment im Silicon Valley. 120 Millionen Dollar steckten Finanziers in das Gerät mit dem Apple-Look. Doch dann wollte es kaum jemand haben. Produzieren sehr viele Start-ups nicht unnützes Zeug?

Robert Gordon: Das würde ich nicht sagen. Es gibt eine enorme Innovationsaktivität. Ständig entstehen neue Produkte, mit denen sich die Wohlfahrt der Konsumenten steigern lässt. Denken Sie an Unterhaltungselektronik, Virtual Reality. Es gibt laufend neue Messgeräte für irgendetwas, wie Fitness-Apps. Das Problem ist, dass diese Innovation die Produktivität von Unternehmen kaum steigen lässt.

STANDARD: In Ihrem Buch "The Rise and Fall of American Growth" schreiben Sie, dass der Welt die Ideen ausgegangen sind, mit denen sich Wirtschaftswachstum anfachen lässt. Was ist mit selbstfahrenden Lkws und Pkws?

Gordon: In der Zukunft werden sie eine Rolle spielen, doch das Wachstumspotenzial dieser Innovationen wird stark übertrieben dargestellt. Selbstfahrende Pkws mögen privat nützlich sein, werden aber keine Jobs schaffen und kein Wachstum generieren. Bei selbstfahrenden Lkws ist die Frage, ob die Fahrer ersetzbar werden. Das würde Produktivitätsgewinn bringen. Doch wird oft vergessen, dass Lkws nicht nur weite Distanzen zwischen Städten zurücklegen. Ein großer Teil des Frachtverkehrs findet innerhalb einer Stadt oder auf kurzen Wegen statt. Die Fahrer liefern etwas aus, Bier oder Brot, entladen Waren, schlichten sie ein. Diese Tätigkeiten kann man nicht mit selbstfahrender Technologie ersetzen.

STANDARD: Und was ist mit Robotern, 3D-Druckern?

Gordon: In der Industrie werden Roboter menschliche Arbeit zunehmend überflüssig machen. Es wäre nur ein Fehler zu denken, dass das ein neuer Trend wäre: Der erste Einsatz von Robotern in der Industrie war 1961 bei General Motors. Roboter sind in der Güterfertigung seit 20 Jahren verbreitet. Das Produktivitätswachstum in der US-Industrie war in den vergangenen zehn Jahren schwach: Das zeigt doch eher, dass der Anstieg des Automatisierungsgrades zuletzt verhalten war. Und 3D-Printer sind toll, um Prototypen zu erstellen. Aber es ist ein Nischenprodukt, das in der Massenfertigung von Waren keine große Rolle spielen wird.

STANDARD: Zwei Oxford-Ökonomen haben 2013 in einem Paper geschätzt, dass bis 2030 die Hälfte der Jobs in der westlichen Welt durch Technologiewandel wegfallen wird. Das glauben Sie also nicht?


Gordon: Diese Vorhersage entpuppt sich als völlig falsch. Allein in den USA wurden zuletzt über zwei Millionen neue Jobs im Jahr geschaffen. Das zeigt, dass die neuen Technologien Arbeitskraft eher ergänzen als ersetzen. In der Medizin gibt es Patientenakten meist nur mehr in elektronischer Form. Das macht die Arbeit von Ärzten und Krankenschwestern effizienter, sie werden aber nicht ersetzt. Bankomaten haben Mitarbeiter am Bankschalter nicht obsolet gemacht. Und wenn Sie morgen fliegen, nimmt immer noch ein Mensch Ihr Gepäck entgegen.

STANDARD: Könnten der Menschheit die größten Innovationen nicht erst bevorstehen.

Gordon: Ja klar, das kann sein, weswegen ich meine Prognosen nur auf die kommenden 25 Jahre beziehe. Da sehe ich keine Entwicklung am Horizont, die unser Leben ähnlich transformieren könnte, wie das die Erfindung der Elektrizität getan hat. Es gibt Kritiker, die meinen, ich würde falsch liegen, weil die großen Entdeckungen des späten 19. Jahrhunderts, der Verbrennungsmotor und Elektrizität, bis in die 1920er nicht in den Produktivitätsstatistiken sichtbar waren. Wir müssten warten, bis sich das Computerzeitalter niederschlägt. Das halte ich für falsch.

STANDARD: Warum?

Gordon: Das Computerzeitalter hat in den 1960ern mit Großrechnern begonnen, in den 80ern kamen die PCs. Der Erfolg von Computern und dem Internet war, dass papierbasierte Prozesse fast überall ersetzt wurden. Das hat sich auf die Produktivität ausgewirkt, und zwar in der Dekade ab 1995. Es gab also eine Verzögerung von 20 bis 30 Jahren. Inzwischen sind die großen Vorteile der Digitalisierung im Wirtschaftsleben passé.

STANDARD: Wäre es so schlimm, wenn die Produktivität und damit das Wirtschaftswachstum künftig nicht mehr so stark ausfällt?

Gordon: Langsameres Wachstum schafft Probleme, besonders in einer alternden Gesellschaft, wo viel Geld für Pensionen und die medizinische Versorgung benötigt wird. Weniger Wachstum macht es schwerer, ärmeren Menschen zu helfen. Wachstum ist wichtig – wir sollten nicht zufrieden mit dem sein, was wir haben.

STANDARD: Was sollte passieren, um die Produktivität zu steigern?

Gordon: In den USA müsste man bei den Grundlagen ansetzen, also in der Bildungspolitik für Ärmere. Sehr viele Kinder kommen bereits mit großen Sprachproblemen in die Schule. Wir brauchten mehr Vorschulprogramme, mehr Tutoren. Die Kindern gehören unterstützt, damit sie später zu fähigen Erwachsenen werden, die Geld verdienen können. Der positive Nebeneffekt wäre, dass diese Menschen einen stärkeren Beitrag zum Wachstum leisten könnten.

Robert Gordon (76) ist mit seinen Wachstumsthesen zum Shootingstar unter Ökonomen avanciert. Er forscht an der Northwestern University in Illinois.

  
Nota. - Was ist mit Wachstum ('Produktivitätszuwachs') hier und im gestrigen Beitrag gemeint? Nicht gemeint ist das, was der Volksmund darunter verstehen könnte: neue Gebrauchswerte, die das Leben schöner und bequemer machen. Gemeint ist, was der Ökonom darunter versteht: Zuwachs an Wert, der sich in Geld messen lässt. Es ist auch nicht gemeint der Neuwert, der von der Arbeit geschaffen wird. Gemeint ist der Zuwachs an Kapital, gemessen am eingesetzten Kapital. Und der sei in den vergangenen sechzig Jahren immer geringer geworden, und zwar im großen Durchschnitt. Die "globale Elite, Marktführer in ihrer Branche", mache heute erheblich größere Gewinne als in den vorangegagenen Jahrzehnten, doch "weltweit gibt es in 95 Prozent der Unternehmen kein Produktivitätswachstum mehr". Will sagen, die mageren Gewinne, die die große Mehrheit macht, sind nicht groß genug, um sie 'verwerten', nämlich gewinnbringend investieren zu können. Man kann sie nur ersatzweise 'auf die Bank tragen' - die sie verzockt, wo der Gewinn der einen der Verlust der anderen ist und unterm Strich nix rauskommt.

Was die Ökonomen hier beschreiben, sieht der Marx'schen Prognose vom Fall der Profitrate zum Verwechseln ähnlich: Die technologische Entwicklung führt dahin, dass immer mehr Kapital in der Maschinerie ('fixes Kapital') steckt und immer weniger für die lebendige Arbeit ausgegeben wird ('variables Kapital'). Es ist aber die Arbeit, die allein neuen Wert schafft, sie aber wird durch die Maschinerie fortschreitend überflüssig gemacht. Immer weniger Neuwert steht also immer größeren Kosten gegenüber, denn die Maschinen mussten ja erst einmal bezahlt werden. Nur die allergrößten Kapitale können sich nun Neuinvestitionen überhaupt noch leisten. Es kommt zu einem weiteren kräftigen Konzentrationsschub, der indes die Konkurrenz weiter verschärft und die technologische Umwälzung weiter beschleunigt.

Dass dies zu einem automatischen Zusammenbruch der kapitalistischen Wirtschaftsweise führt, hat Marx ausdrücklich nicht behauptet. Es kommt beim 'fixen Kapital' nämlich nicht auf das Material und seine Menge (=den Gebrauchswert) an, sondern wieder auf seinen Wert. Kriege, Krisen und ebensogut revolutionäre Techno- logien können den Maschinenpark über Nacht entwerten, und diejenigen Kapitalien, die das Erdbeben überleben, stehen wieder wie jungfräulich da. 

Will sagen, die kapitalistische Wirtschaftsweise ist nicht aus Begriffen entstanden und wird nicht an Begriffen zusammenbrechen. Die Begriffe sind nur dazu da, das, was historisch wirklich geschieht, verständlich zu machen. 

Oder anders gesagt - ob die digitale Revolution schon wieder zu Ende ist oder überhaupt erst richtig losgeht, lässt sich aus keinen theoretischen Gleichungen errechnen. Bemerkenswert ist immerhin, das Marx nun nicht mehr nur als Kritiker des Finanzkapitals, sondern offenbar auch als Analytiker der bürgerlichen Gesellschaftsordnung wieder aktuell wird.
JE


Sonntag, 6. August 2017

Die Produktivität hat aufgehört zu wachsen.

card2brain
aus derStandard.at, 6. August 2017, 12:02

Wachstum ohne Biss: 
Warum Ökonomen den Wohlstand bedroht sehen
Die Welt kämpft mit dem langsamsten Produktivitätsanstieg in 60 Jahren. Experten streiten darüber, was die genaue Ursache dafür ist. Vier Thesen zu einer globalen Herausforderung

Bericht von András Szigetvari

Manuel Bruschi hat der Selbsttäuschung den Kampf angesagt und dafür 1,2 Millionen Euro aufgetrieben. Der 28-jährige Südtiroler hat mit drei Kollegen "Zei" entwickelt. Dem achtseitigen Würfel lassen sich verschiedene Aktivitäten zuordnen, wie Teambesprechung, Recherche, Kaffeepause, Kollegentratsch.

Jedes Mal, wenn der faustgroße Würfel gedreht wird, überträgt er die Zeit für die aktuelle Tätigkeit auf eine App oder ein Computerprogramm. Damit lässt sich exakt bestimmen, wie wir den Arbeitstag verbringen. Der Würfel soll den Büroalltag produktiver machen. "Was wir nicht messen, können wir schlecht verbessern", sagt Bruschi. Wer seinen Tag erst später dokumentiert, tendiere dazu, sich selbst zu belügen.

Das Grazer Start-up hinter dem Würfel hat bereits besagte 1,2 Millionen von Investoren aufgetrieben, ist mit Auszeichnungen überhäuft worden und expandiert gerade in die USA. Zei trifft den Nerv der Zeit. Kaum eine Frage gibt Ökonomen weltweit derzeit so viele Rätsel auf wie jene, wie wir wieder produktiver werden können. Die Welt kämpft mit dem langsamsten Produktivitätsanstieg in 60 Jahren.  
 


Kaum Innovation

Das Problem wirkt auf den ersten Blick nicht akut. Zuletzt sind die Wachstumsraten in Europa wie in den USA gestiegen. Die Konjunktur in Österreichs zieht sogar kräftig an. Doch glaubt man Ökonomen, sind Nachzieheffekte am Werk: Nach Ausbruch der Krise 2008 investierten Unternehmen jahrelang wenig. Viele holen das nun nach. Damit steigt die Beschäftigung. Wenn mehr Menschen arbeiten, produzieren sie mehr Computer, Pkws, Smartphones; die Wirtschaftsleistung steigt. Das niedrige Zinsniveau und das billige Öl stützen die Konjunktur zusätzlich.

Doch der Beitrag von Innovation zum Aufschwung tendiert gegen null. Ökonomen können das Wirtschaftswachstum in Einzelteile zerlegen und jenen Teil des Zuwachses herausrechnen, der nur entsteht, weil mehr Menschen arbeiten gehen oder Investoren mehr Geld für Maschinen ausgeben. Der Rest des Wachstums beruht darauf, dass Unternehmen bessere Maschinen einsetzen, Arbeitnehmer und Management mehr Know-how erwerben, dass die Gesellschaft also innovativer wird. 

Strohfeuer

Ökonomen messen diesen Fortschritt mit einer Kennzahl, der Totalen Faktorproduktivität (TFP). Das TFP-Wachstum ist weltweit eingebrochen. In Österreich stieg die TFP zwischen 1961 und 1970 im Schnitt um 3,3 Prozent pro Jahr an. Das Jahrzehnt darauf waren es nur noch 1,3 Prozent – zuletzt trat Stagnation ein. In den USA, Deutschland, Italien, Japan ist die Entwicklung ähnlich.

Für die Industrieländer ist das ein Problem. Wachstum entsteht, wenn die TFP zulegt oder die Zahl der Beschäftigten wächst. Letzteres ist aus demografischen Gründen nur moderat möglich. Daher ist heute unklar, wie Wirtschaftskraft und Wohlstand steigen können, wenn das aktuelle Strohfeuer vorbei ist.

"Wenn wir über die kommenden zehn Jahre die Produktivität nicht deutlich erhöhen können, werden unsere Gesellschaften massive Schwierigkeiten haben, für Gesundheitsversorgung und Pensionen zu bezahlen", sagt die Chefökonomin der OECD, Catherine Mann, im STANDARD-Gespräch.

Wer das Produktivitätsproblem lösen will, muss die Ursache kennen. Das ist schwierig, weil die Entwicklung nicht vorhergesagt wurde. Noch vor ein paar Jahren wurde für die Zukunft ein Innovationsschub prognostiziert. Vier Thesen für Entwicklung lassen sich dennoch ausfindig machen. Die erste These führt nach Washington, in die Zentrale des Internationalen Währungsfonds (IWF).

These 1: Die Altlasten sind's

Der Ökonom Romain Duval sitzt im hinteren Eck der IWF-Lobby in der 19th Street. Vor ihm liegen Unterlagen mit zahllosen Grafiken. Sie sind das Ergebnis einer monatelangen Suche.

Duval und seine Kollegen vom IWF haben Daten aus hunderten Ländern zusammengetragen. Sie haben Experten aus aller Welt einfliegen lassen und ihren Thesen über Innovation gelauscht. Heute glauben Duval und seine Kollegen, einen Schuldigen für die Entwicklung der vergangenen Jahre gefunden zu haben: die Finanzkrise.

Je stärker der Bankensektor in einem Land kollabiert ist, umso stärker war der Produktivitätseinbruch. Das zeigen die Auswertungen Duvals. Die mögliche Erklärung: Wo Banken nur mehr mit Aufräumarbeiten in ihren Bilanzen beschäftigt waren, haben sie kaum noch Kredite vergeben. Unternehmen waren jahrelang von Finanzierung abgeschnitten.

Sie haben Kosten gesenkt, anstatt Geld in neue Software und Maschinen zu stecken. Eine andere Analyse zeigt, dass der Technologiefortschritt dort am stärksten einbrach, wo Staaten stark gespart haben. Deshalb entwickelt sich die Produktivität in Europas Süden, in Italien und Spanien, schleppender als im Norden.

Das IWF-Rezept lautet: Wo es möglich ist, muss wieder mehr investiert werden. Banken, die immer noch Bilanzen reparieren, sollten dazu gebracht werden, schneller voranzukommen.

Doch Duvals Thesen sind lückenhaft. Der messbare Schöpfergeist in der Wirtschaft hat lange vor der Krise zu sinken begonnen, die Entwicklung hat sich bloß beschleunigt. Duval sagt, dass seine Ergebnisse nur ein Drittel der Entwicklung seit 2008 erklären können. Zudem sind auch Schwellenländer wie China und Indien davon betroffen, dass die Produktivität langsamer steigt, obwohl Banken dort nicht kollabierten. 

These 2: Elite bleibt unter sich 

Die Suche nach weiteren Antworten führt nach Paris, zur OECD-Chefökonomin Mann. Ihre Mitarbeiter haben Millionen von Unternehmensdaten ausgewertet und dabei eine erstaunliche Entdeckung gemacht.

Zwischen Unternehmen ist eine Kluft entstanden, die vor wenigen Jahren nicht existierte. Es gibt eine globale Elite, Marktführer in ihrer Branche, die heute größere Innovationszuwächse verbuchen als in den vergangenen Jahren. Google und Amazon wären solche Unternehmen. Demgegenüber stehen immer mehr Firmen, die nicht vom Fleck kommen. "Weltweit gibt es in 95 Prozent der Unternehmen kein Produktivitätswachstum mehr", sagt Mann.

Sie ist der Überzeugung, dass der Mechanismus zusammengebrochen ist, durch den kleinere und mittlere Unternehmen von den großen Playern lernen können.

Die OECD hat ausgerechnet, dass die Produktivität der 100 dominierenden Dienstleister aus diversen Branchen seit dem Jahr 2000 im Schnitt um fünf Prozent gestiegen ist. Unter allen anderen Firmen ist die Produktivität um 0,1 Prozent pro Jahr gesunken.

Eine mögliche Ursache dafür ist, dass zu viele unproduktive Unternehmen, die am Rande des Zusammenbruchs stehen, gerade noch überleben. Diese Firmen saugen Kapital und Arbeitnehmer auf, investieren aber kaum. Sie erschweren neuen Firmen den Markteintritt. In manchen Branchen fehlt der Wettbewerb, glaubt die OECD, und zwar dort, wo Monopole den Markt kontrollieren oder der Staat ganze Branchen abschottet.

Die OECD-Experten untersuchen gerade, wie Marktführer wie Google und Apple ihre Gewinne einsetzen. Investieren sie genügend in Innovation, oder kaufen sie primär kleinere IT- und Techunternehmem auf und nutzen deren Produkte? Der zweite Fall wäre eine weitere Erklärung für aktuelle Entwicklungen.

Die OECD glaubt aber auch, dass manche Länder es nicht schaffen, Unternehmen hervorzubringen, die am Weltmarkt führend mithalten können. Ein Beispiel dafür wäre Italien. In andere Staaten fehlt Arbeitnehmer oft die Ausbildung, die von den innovativsten Firmen nachgefragt werden.

Die Ökonomin Mann sagt, dass die zunehmende Ungleichheit bei den Lohneinkommen wesentlich durch die Produktivitätskluft erklärbar ist. Wenige Topfirmen zahlen immer besser, die anderen können sich das nicht leisten. Das OECD-Rezept lautet: Jedes Land muss eine Strategie entwickeln. Für viele gilt es, mehr Wettbewerb zu erlauben und abgeschottete Sektoren zu öffnen. Zielgerichtetere Ausbildungspolitik und rasche Konkursverfahren sollten helfen.

These 3: Die Ideen fehlen

Die Thesen der OECD teilen nicht alle. Der Ökonom Robert Gordon von der Northwestern University in Illinois gilt als Sprachrohr für eine Gruppe von Experten, die denken, dass der Menschheit die wachstumsbringenden Ideen ausgegangen sind.

Die ständig neuen Produkte in der Unterhaltungselektronik, die vielen Start-up-Erfindungen, hätten nicht das Potenzial, das Wirtschaftsleben umzukrempeln, so die These. Es gebe nichts mehr, was das Leben ähnlich revolutioniert wie die Entdeckung der Elektrizität oder des Flugzeuges.

Gordon sagt, die OECD liege falsch: Innovation sei schon immer auf einige Marktführer konzentriert gewesen. So war einst Ford das Epizentrum des technischen Fortschritts. Die OECD-Zahlen reichen tatsächlich nur in die 1980er-Jahre zurück, decken also nur jüngste Entwicklungen ab.

Dass es ein Problem bei der Übertragung neuer Technologien auf das Wirtschaftsleben gibt, sagen auch Ökonomen wie Klaus Weyerstrass vom Institut für Höhere Studien, der Gordons Thesen nur begrenzt etwas abgewinnen kann. In Österreich etwa ist das Produktivitätswachstum niedrig, während Forschungsausgaben noch nie höher waren.

Gordons Rezept: Statt Innovation zu forcieren, muss die Welt ärmere und vom Wirtschaftsleben ausgeschlossene Bevölkerungsgruppen einbinden, damit sie zu mehr Wachstum beitragen.

These 4: Die Löhne sind's

Die vierte These schlägt aktuell hohe Wellen. Der Ökonom Joshua Mason vom New Yorker Roosevelt Institute, einem liberalen Thinktank, hat ein Paper veröffentlicht, in dem er alle bisherigen Theorien auf den Kopf stellt. Gordon, der IWF, die OECD untersuchen, warum Unternehmen nicht mehr Innovation anbieten. Mason dagegen meint, das wahre Problem sei die schwache Nachfrage.

So wäre in den USA die verhaltene Lohnentwicklung für die desaströse Produktivitätsentwicklung verantwortlich. "Unser Problem ist nicht, dass Maschinen die Arbeit ersetzen, weil Löhne zu hoch geworden sind. Vielmehr ist es so, dass Maschinen Arbeit nicht ersetzen, weil die Löhne zu niedrig sind", schreibt Mason.

In der Zeit nach 1945 seien Unternehmen immer dann produktiver geworden, wenn zuvor die Löhne angestiegen sind und Arbeit ersetzt werden mussten. Dann kamen neue Entwicklungen auf den Markt. Menschen verloren zunächst ihre Jobs. Weil der Wohlstand aber insgesamt stieg, fanden sie in der Regel sogar besser bezahlte Arbeit. Dieser Mechanismus funktioniere nicht mehr. Die Pro-Kopf-Löhne sind in den USA zuletzt kaum noch gestiegen, der Lohnanteil an der Wirtschaftsleistung ging zurück. In vielen europäischen Ländern waren die Entwicklungen ähnlich, wenn auch nicht so drastisch.

Masons Rezept lautet: Die Löhne müssen über die kommenden Jahre stärker steigen, als dies dem Wachstum entspricht, um die Entwicklung zu korrigieren.

Auch gegen diese These lässt sich etwas einwenden. Ökonom Weyerstrass meint, dass Unternehmen in Technologien investieren, um sich von Mitbewerbern abzugrenzen und Märkte zu erobern. Die Lohnentwicklung sei einer von vielen Faktoren, der den jüngsten Trend nicht erklärt.

Die Produktivitätsentwicklung hat zuletzt eine Spur angezogen, auch in Österreich. Ein richtiger Aufschwung ist das aber noch nicht. Die Spurensuche wird also weitergehen. Das Umfeld bleibt für Produkte wie Zeit, die versprechen uns effizienter werden zu lassen, günstig.

Donnerstag, 3. August 2017

Minoer und Mykener waren keine Zuwanderer.

Der Stierkult der Minoer, hier auf einem Fresko aus dem Palast von Knossos, war Vorbild für die Sage des Minotaurus. Doch wer waren die Minoer?
aus scinexx                                                                                                                          Fresco im Palast von Knossos

Ursprung der Minoer und Mykener geklärt
Geheimnisvolle Bronzezeit-Hochkulturen hatten gemeinsame Wurzeln 

Rätselhafte Pracht: Die Hochkulturen der Minoer und Mykener entstanden scheinbar aus dem Nichts. Jetzt haben Forscher das Geheimnis ihres Ursprungs gelüftet. DNA-Analysen verraten, dass beide Bronzezeit-Kulturen gemeinsame Wurzeln hatten und sich aus der lokalen Bevölkerung entwickelten. Die Mykener jedoch wurden zusätzlich von einwandernden Steppennomaden aus Zentralasien beeinflusst, wie die Forscher im Fachmagazin "Nature" berichten. 

Die Minoer und Mykener gehören zu den frühesten Hochkulturen Europas – und zu den geheimnisvollsten. Etwa ab 2.600 vor Christus errichteten die Minoer auf Kreta ihre ersten Paläste. Scheinbar aus dem Nichts entstanden damals komplexe Siedlungen, die Bewohner schufen kunstvollen Schmuck, prachtvolle Fresken und nutzten eine Schrift (Linear A), die bis heute nicht entziffert werden konnte.

Ursprung und Untergang bis heute rätselhaft

Doch woher kamen die ersten Minoer? Diese Frage blieb lange ungeklärt. Einige Historiker vermuteten, dass vielleicht Einwanderer aus Ägypten oder anderen Hochkulturen des Nahen Ostens den plötzlichen Entwicklungsschub der kretischen Kultur anstießen. 2013 jedoch belegten DNA-Analysen von Toten aus minoischen Gräbern, dass dies nicht der Fall war: Die Minoer waren keine Afrikaner.

Ähnlich rätselhaft sind bis heute die Mykener: Ihre Kultur begann etwa 1700 vor Christus auf dem Peleponnes und dominierte nach dem Niedergang der Minoer die gesamte Ägäis. Auch die Mykener bauten Paläste und schufen eine eigene Schrift – die Linear B. Aus ihr entwickelte sich später das Griechische. Unklar ist jedoch, ob die mykenische Kultur und Schrift auf der minoischen basierte.
 
Die Schrift der Minoer - Linear A – ist bis heute nicht entziffert.
 
Das Löwentor von Mykene

Gemeinsame Wurzeln

Die Genanalysen enthüllten: Minoer und Mykener waren tatsächlich miteinander verwandt. Beide Kulturen wurden nicht von Einwanderern gegründet, sondern entwickelten sich vor Ort, wie die Forscher berichten. Der größte Teil ihres Erbguts stammte von jungsteinzeitlichen Bauern, die einst aus Anatolien eingewandert waren und die Landwirtschaft nach Europa brachten.

Ein kleinerer Anteil des Erbguts stammt dagegen aus dem mittleren Osten: "Minoer, Mykener und auch moderne Griechen haben Vorfahren, die zu den früheren Bewohnern des Kaukasus, von Armenien und dem Iran gehörten, berichtet Erstautor Iosif Lazaridis von der Harvard Medical School in Boston. Die Menschen in der Ägäisregion - früher und heute - haben sich demnach aus den gleichen Wurzeln entwickelt.

..aber nicht gleich

Doch es gibt auch Unterschiede: Bei den Mykenern entdeckten die Forscher noch eine dritte Genbeimischung, die den Minoern fehlte. Sie stammt von den Steppennomaden, die in der Bronzezeit aus Zentralasien nach Europa einwanderten. Ihr Einstrom löste damals weitreichende kulturelle Veränderungen aus und legte den Grundstein für die indoeuropäischen Sprachen.

Der Fund der Steppenreiter-Gene bei den Mykenern könnte erklären, warum sie den heutigen Griechen und Europäern in Sprache und Schrift ähnlicher waren als die Minoer: Ähnlich wie andere Völker der damaligen Zeit auch wurden sie von den Einwanderern beeinflusst. Bis nach Kreta jedoch kamen die Steppennomaden nicht – daher fehlt ihr Einfluss bei den Minoern. (Nature, 2017; doi: 10.1038/nature23310)

(MPI für Menschheitsgeschichte, University of Washington, Howard Hughes Medical Institute, 03.08.2017 - NPO)


aus derStandard, 5. August 2017, 12:00                                               Knossos

DNA-Analyse löst Rätsel über den Ursprung der ersten Zivilisationen Europas
Lange Zeit herrschte Unklarheit über die Herkunft der Minoer auf Kreta und die Mykener am griechischen Festland.

Boston – Sie werden gerne als Grundlage der europäischen Kultur genannt: Der Ursprung der bronzezeitlichen minoischen Kultur auf Kreta und ihrem zeitlich etwas später angesiedelten Gegenstück, den Mykenern auf dem griechischen Festland, war allerdings lange Zeit ein Rätsel. Genetische Untersuchungen haben nun erstmals konkrete Anhaltspunkte über die Herkunft dieser Kulturen geliefert und damit Fragen über ihre Herkunft beantwortet.

In der europäischen Frühgeschichte nehmen Minoer und Mykener einen speziellen Platz ein. Die minoische Kultur auf Kreta florierte zwischen 2600 und 1100 vor unserer Zeitrechnung und brachte die Linear-A-Schrift hervor, was sie zur ersten alphabetisierten Gesellschaft Europas machte. Da diese Schrift bisher nicht entschlüsselt werden konnten, sind die Ursprünge der Sprache, die sich hinter den rätselhaften Schriftzeichen verbirgt, unbekannt. Man geht jedoch davon aus, dass sie sich vom frühen Griechisch unterscheidet.

Die mykenische Zivilisation um 1600 bis 1100 vor unserer Zeitrechnung hat ihren Ursprung auf dem griechischen Festland und kontrollierte schließlich auch die nahegelegenen Inseln, einschließlich Kreta. Die mykenische Linear-B-Schrift ist eine Frühform der griechischen Schrift. Trotz der reichen archäologischen Vergangenheit und textbasierten Überlieferungen waren die Ursprünge der Minoer lange Zeit rätselhaft. 

Ableger einer älteren Kultur?

Ihre kulturellen Innovationen, wozu neben dem ersten europäischen Schriftsystem, riesige Palastkomplexe und beeindruckende Kunstwerke zählen, scheinen isoliert auf Kreta entstanden zu sein. Dies gab Anlass zu Spekulationen, dass die Minoer aus einer in einer anderen Region gelegenen, weiter entwickelten Kultur in die Ägäis eingewandert sein mussten. Die Mykener mit ihren Wurzeln auf dem griechischen Festland scheinen viel von der minoischen Technik und Kultur übernommen zu haben.

Es ist jedoch unklar, in welcher Verbindung beide Gruppen zueinander standen. Zur Beantwortung dieser Fragen hat ein internationales Forschungsteam die genomweiten Daten von 19 Personen analysiert, darunter Minoer, Mykener, ein vom griechischen Festland stammendes steinzeitliches Individuum sowie bronzezeitliche Menschen aus Südwestanatolien. Durch einen Vergleich dieser Daten mit früher veröffentlichten Daten von fast 3.000 anderen Individuen, sowohl aus früheren Epochen als auch aus der modernen Zeit, konnten die Wissenschafter schließlich die Beziehungen zwischen diesen Gruppen klären.

So fanden die Forscher heraus, dass die Minoer nicht aus einer entfernten Zivilisation einwanderten, sondern eigentlich Einheimische waren, die von den ersten neolithischen Bauern Westanatoliens und der Ägäis abstammten: Bonzezeitliche Minoer, Mykener und ihre anatolischen Nachbarn teilten den Großteil ihrer genetischen Abstammung mit einer jungsteinzeitlichen Bevölkerungsgruppe Anatoliens und eine kleinere Komponente mit weiter östlich im Kaukasus und im Iran beheimateten Bevölkerungsgruppen. Bisher nahm man an, dass diese östlichen Abstammungslinien durch Hirtenvölker der Steppen aus dem Norden nach Europa gelangten, die selbst ebenfalls östlicher Abstammung waren.

Einwanderer aus dem Osten

Neben der engen Verwandtschaft zwischen Minoern und Mykenern stellten die Wissenschafter jedoch auch einige spezielle Unterschiede fest. So wiesen die Minoer zwar die östliche Abstammung aber kein gemeinsames Erbgut mit den nördlichen Steppenvölkern auf. Bei den Mykenern findet sich dagegen sowohl östliches als auch nördliches Erbgut. Das lässt darauf schließen, dass das östliche genetische Erbe aus dem Kaukasus und dem Iran mindestens in einigen Fällen eigenständig nach Europa gelangte, vielleicht im Zusammenhang mit einer bisher unbekannten Wanderungsbewegung. Dieses Ergebnis zeigt auch, dass die Migration der Steppenhirten aus dem Norden bis auf das griechische Festland führte, aber die Minoer auf Kreta nicht erreichte.

Die Studie trägt dazu bei, das Zeitfenster für die Ankunft der östlichen und nördlichen Vorfahren genauer eingrenzen zu können. "Die genetischen Proben aus dem Neolithikum aus Griechenland bis hin zur endneolithischen Zeit rund 4100 vor unserer Zeitrechnung enthalten keine Spuren der Abstammung von beiden Bevölkerungsgruppen. Das lässt vermuten, dass die Vermischung, die wir erkennen können, wahrscheinlich im Zeitfenster des vierten bis zweiten Jahrtausends vor unserer Zeitrechnung aufgetreten ist", erläutert David Reich von der Harvard Medical School sowie dem Broad Institute, ein weiterer Leiter der Studie. Um den Zeitpunkt dieser Ereignisse noch genauer bestimmen zu können, sind weitere Proben aus umfassenderen Zeiträumen und geografischen Regionen erforderlich.

Enge Verwandtschaft mit modernen Griechen

Moderne Griechen zeigen einige zusätzliche Vermischungen mit anderen Gruppen und eine entsprechende Abnahme der Abstammungsmerkmale von den neolithischen Anatoliern. Zugleich sind sie mit den Mykenern der Bronzezeit eng verwandt. Das lässt vermuten, dass es eine hohe Bevölkerungskontinuität in Griechenland gegeben hat, diese aber nicht isoliert war.

"Es ist bemerkenswert, wie beständig die Abstammung der ersten europäischen Bauern in Griechenland und anderen Teilen Südeuropas ist. Das heißt aber nicht, dass die Bevölkerungsgruppen dort vollständig isoliert lebten. Vor der Zeit der Minoer und Mykener gab es mindestens zwei weitere Migrationsbewegungen in der Ägäis und später zusätzliche Vermischungen. Die Griechen waren immer im Wandel begriffen und erwarben im Laufe der Jahrhunderte genetische Anteile aus verschiedenen Migrationsereignissen, was aber das genetische Erbe der Bevölkerungsgruppen aus der Bronzezeit nicht ausgelöscht hat", erklärt Iosif Lazaridis von der Harvard Medical School, Erstautor der in "Nature" erschienenen Studie.

Die Erkenntnisse der Studie tragen dazu bei, einige Aspekte der Beziehungen im Griechenland der Bronzezeit zu erhellen. Dennoch bleiben viele Fragen offen. Die Wissenschafter hoffen, im Rahmen künftiger Forschungsprojekte das Zeitfenster des möglichen neuen genetischen Zuflusses auf die östliche Abstammungslinie und den Ablauf der Ankunft der nördlichen Steppennachkommen – allmählich im Laufe der Zeit oder in Form einer Massenmigration – erhellen zu können. (red,)

Abstract
 Nature: "Genetic origins of the Minoans and Mycenaeans."

Mittwoch, 2. August 2017

Die Indogermanen entstanden durch Umvolkung.

Das Erbgut dieses und anderer prähistorischer Portugiesen verrät, dass nur wenige Steppenreiter in der Bronzezeit bis auf die Iberische Halbinsel kamen.
aus scinexx                                                                                                                                                                         Das Erbgut dieses und anderer prähistorischer Portugiesen verrät, dass nur wenige Steppenreiter in der Bronzezeit bis auf die Iberische Halbinsel kamen.

Steppenreiter kamen nicht bis nach Portugal 
Iberische Halbinsel erlebte nur geringe Einwanderung in der Bronzezeit 

Zu weit weg für die Steppennomaden: Als in der Bronzezeit Reiternomaden aus Zentralasien nach Europa strömten, blieb die Iberische Halbinsel augenommen. Denn die meisten Steppenreiter kamen nicht bis in den tiefen Südwesten Europas, wie Genvergleiche belegen. Das könnte kulturelle Unterschiede erklären, aber auch, warum im Baskenland eine der wenigen nicht indoeuropäischen Sprachen bis heute überlebt hat.

Vor 5.000 Jahren erlebte das bronzezeitliche Europa einen tiefgreifenden Wandel: Steppennomaden aus Zentralasien drangen nach Westen vor und brachten ihre Sprache und ihre Kultur nach Europa. Als Folge dieser Einwanderungswelle etablierten sich neue Keramiktechniken, andere Bestattungsriten und Wirtschaftsweisen. Sogar unser Aussehen könnten wir Europäer zum Teil den Jamnaja verdanken, wie Genanalysen nahelegen.

Kein Wandel im Erbgut

Doch wie weit nach Westen kamen die Steppenreiter damals? Um das herauszufinden, haben Rui Martiniano vom Trinity College in Dublin und seine Kollegen das Erbgut von 14 Toten untersucht, die zwischen der Mittelsteinzeit und der mittleren Bronzezeit an acht verschiedenen Orten in Portugal begraben wurden. Sie stammen damit aus der Zeit vor, während und nach der Invasion der Steppennomaden.

Das Ergebnis: Während sich der Einfluss der Steppenreiter in anderen Teilen Europas drastisch auch im Erbgut zeigt, war dies bei den prähistorischen Portugiesen nicht der Fall. "Die Veränderungen von der Jungsteinzeit zur Bronzezeit sind deutlich schwächer als anderswo in Europa", berichten die Forscher.

So könnten die Männer der Jamnaja ausgesehen haben.
(PLOS, 31.07.2017 - NPO)