Dienstag, 18. Dezember 2018

Das Reich von Nebra.

dpatopbilder - 11.12.2018, Sachsen-Anhalt, Halle (Saale): Nicole Nicklisch, Anthropologin, und Frank Ramsthaler, Rechtsmediziner, begutachten in einem Arbeitsraum des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie in Halle/Saale die sterblichen Überreste des Fürsten von Helmsdorf (Mansfeld-Südharz). Nach 3828 Jahren ist klar, der Herrscher ist in der Epoche der Himmelsscheibe von Nebra einem Attentat zum Opfer gefallen. Umfangreiche Untersuchungen, die seit 2012 laufen, belegen den ältesten nachweisbaren Fürstenmord der Weltgeschichte. Wissenschaftler konnten drei eindeutige Verletzungen an den Knochen nachweisen · vermutlich ging ein Stich mit einem Dolch in den Bauchbereich, ein weiterer traf das Schlüsselbein. Foto: Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild/dpa +++ dpa-Bildfunk +++  
aus welt.de, 17.12.2018                                                                                      Die Anthropologin Nicole Nicklisch und der Rechtsmediziner Frank Ramsthaler analysieren die sterblichen Überreste des Fürsten von Helmsdorf

Der erste Fürstenmord der Geschichte geschah in Deutschland 
Vor mehr als 100 Jahren wurde in Sachsen-Anhalt ein Hügelgrab entdeckt. Neueste Analysen zeigen, dass der Tote brutal ermordet wurde – und zur Oberschicht eines unbekannten Reiches gehörte.

Von Berthold Seewald  

Wahrscheinlich war es eine übliche Audienz am Hof des Fürsten. Eine hochstehende Persönlichkeit, die dem Herrn des Hauses nahestand und ihm daher mit Waffen gegenübertreten durfte, wurde vorgelassen. Dann ging alles sehr schnell. Der Besucher zog seinen Dolch und rammte ihn mit voller Wucht in den Bauch des Fürsten. Der Attentäter hatte sogar noch die Zeit, weitere Male zuzustoßen. So starb der Fürst oder König von Helmsdorf.

So beschreibt der Künstler und Illustrator Karol Schauer den Mordanschlag, der sich vor etwa 3850 Jahren im heutigen Sachsen-Anhalt ereignet hat. Seit Jahren setzt Schauer die Objekte des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle detailgetreu in Szene. Ausführlich haben dessen Direktor Meller, zugleich Landesarchäologe Sachsen-Anhalts, und der Wissenschaftsjournalist Kai Michel Schauers pralle Schilderung in ihrem neuen Buch „Die Himmelsscheibe von Nebra“ (Propyläen 2018, 25 Euro) zitiert – allerdings noch unter dem Vorbehalt, dass weitere Analysen erst Gewissheit bringen würden. Die reichen Meller und Michel jetzt nach. „Es war Mord“, bestätigt der Rechtsmediziner Frank Ramsthaler. „So weit wir jetzt sehen, haben wir den ältesten tatsächlich nachweisbaren Fürstenmord der Weltgeschichte entdeckt“, zieht Michel ein erstes Resümee.


  ARCHIV - 20.09.2018, Berlin: Die Himmelsscheibe von Nebra steht in einer Glasvitrine in der Ausstellung «Bewegte Zeiten. Archäologie in Deutschland» im Martin-Gropius-Bau. (zu dpa vom 05.11.2018) Foto: Anne Pollmann/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ | Verwendung weltweit  
Die Himmelsscheibe von Nebra wird seit 2013 auf der Unesco-Welterbeliste geführt  

Die Geschichte ist eng verknüpft mit der berühmten Himmelsscheibe von Nebra, die erste realistische Darstellung einer konkreten Himmelskonstellation. Die Scheibe wurde 1999 von Raubgräbern entdeckt, auf dem Schwarzmarkt angeboten und von Meller 2002 in einer spektakulären Aktion gesichert. Seitdem wird sie im Museum in Halle untersucht. Dabei schält sich immer deutlicher heraus, dass die Ergebnisse der Analysen zugleich ein Schlüssel für zahlreiche andere Funde sind, die in Sachsen-Anhalt gemacht wurden und werden.


Einer davon ist der Grabhügel von Helmsdorf (Landkreis Mansfeld-Südharz). Er wurde bereits 1907 von dem Heimatforscher Hermann Größler ausgegraben. Auf einem aus Eichenholz gefertigten Totenbett kam seinerzeit ein schlecht erhaltenes Skelett ans Licht. Dass es sich offenbar um eine hochgestellte Persönlichkeit handelte, belegte der Goldschmuck, der dem Toten ins Grab mitgegeben wurde.

 
11.12.2018, Sachsen-Anhalt, Halle (Saale): Eine Anthropologin legt in einem Arbeitsraum des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie in Halle/Saale die sterblichen Überreste des Fürsten von Helmsdorf (Mansfeld-Südharz) aus. Nach 3828 Jahren ist klar, der Herrscher ist in der Epoche der Himmelsscheibe von Nebra einem Attentat zum Opfer gefallen. Umfangreiche Untersuchungen, die seit 2012 laufen, belegen den ältesten nachweisbaren Fürstenmord der Weltgeschichte. Wissenschaftler konnten drei eindeutige Verletzungen an den Knochen nachweisen · vermutlich ging ein Stich mit einem Dolch in den Bauchbereich, ein weiterer traf das Schlüsselbein. Foto: Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Das Skelett des Herrn von Helmsdorf ist nur noch in Teilen erhalten  

Seit einigen Jahren werden die Reste dieses Skeletts noch einmal mit modernsten Methoden analysiert. „Erstmals untersuchten wir die Knochen 2012/13“, sagt die Anthropologin Nicole Nicklisch. „Damals vermuteten wir schon, dass einige Knochen Verletzungen durch scharfe Gewalt aufweisen.“ Als sie an ihrem Buch arbeiteten, regte Kai Michel an, die früheren Ergebnisse noch einmal einer kritischen Prüfung zu unterziehen.

Das Ergebnis ist eindeutig. „An den Knochen können eindeutig drei Verletzungen nachgewiesen werden“, sagt Frank Ramsthaler, stellvertretender Leiter des Instituts für Rechtsmedizin der Universität des Saarlandes in Homburg. „Möglicherweise gab es noch weitere, aber diese drei waren allein schon tödlich. Bei der Tatwaffe könnte es sich um einen Dolch handeln, dessen Klinge gut 15 Zentimeter lang gewesen sein muss.“

Der Rechtsmediziner rekonstruiert den möglichen Tatablauf: Ein mit großer Entschlossenheit ausgeführter Stich ging in den Bauchbereich. Die Dolchspitze traf den elften Brustwirbel und hinterließ dort eine deutlich erkennbare Kerbe von sechs Millimeter Länge und drei Millimeter Tiefe. Um überhaupt durch den Bauch zu stoßen und dem Wirbel eine solche Scharte zuzufügen, brauchte es enorme Kraft. Das Opfer hat entweder an der Wand gestanden oder lag auf dem Boden. Sonst hätte der Täter den Dolch nicht bis in den Knochen stoßen können. Dabei wird er auch die Hauptschlagader getroffen haben.

Ein weiterer Stich traf den Fürsten von oben hinter dem Schlüsselbein und spaltete das linke Schulterblatt. Zahlreiche Blutgefäße, aber auch Teile der Lunge wird der Dolch hier verletzt haben – auch das mit Sicherheit tödlich. „Das spricht für einen erfahrenen Krieger“, schließt Meller, „noch die römischen Gladiatoren setzen dort den Todesstoß.“ Und der Täter? „Es muss eine Vertrauensperson aus dem Umfeld des Herrschers gewesen sein. Vielleicht ein Verwandter, ein Freund oder die Leibwache. Der Herrscher war arglos und wurde durch den Angriff überrascht.“

Die Herren der Himmelsscheibe von Nebra schufen das erste "Reich" in Mitteleuropa      
Die Herren der Himmelsscheibe von Nebra schufen das erste "Reich" in Mitteleuropa

Für Kai Michel ist die Entdeckung der Mordanschlag noch aus einem anderen Grund sensationell. „Schließlich handelt es sich bei dessen Knochen um die einzigen Überreste eines Menschen aus dem direkten Umfeld der Himmelsscheibe von Nebra.“ Auf die Frage, wie die Gesellschaft ihrer Schöpfer verfasst war, konnte die Wissenschaft in den vergangenen Jahren spektakuläre Antworten zusammentragen. 

Michel und Meller gehen in ihrem neuen Buch sogar so weit, den Herrn von Helmsdorf als Repräsentanten einer Oberschicht zu identifizieren, die in der ersten Hälfte des 2. Jahrtausends v. Chr. ein erstes „Reich“ in Mitteleuropa geschaffen hat. Seit der Entdeckung des monumentalen Grabmals von Bornhöck (unweit von Halle) seit 2014 wird deutlich, dass die sogenannte Aunjetitzer Kultur zwischen Magdeburger Börde und Goldener Aue offenbar eine differenzierte Gesellschaft mit kontinuierlicher Herrschaft entwickelt hat.

Dieses Reich entstand zum einen auf der Basis ertragreicher Böden, zum anderen mit den Gewinnen des Fernhandels, den eine umsichtige Oberschicht kontrollierte. Eines der Güter, die über europaweite Trassen gehandelt wurden, war Zinn für die Herstellung von Bronze. Eine der wichtigsten Fundstätten des Metalls war Cornwall im Südwesten von England. Metallurgische Untersuchungen zeigen, dass das Gold aus dem Grab von Helmsdorf, der Goldhort, der dem Tumulus von Bornhöck zugeordnet wird und das Gold, das auf der Himmelsscheibe von Nebra eingesetzt wurde, ebenfalls aus jener Gegend stammte.

 
Die Dimensionen der Grabhügel von Helmsdorf (ca. 34 Meter Durchmesser) und Bornhöck (65 Meter) lassen auf eine Gesellschaft schließen, in der zentrale Planung und Arbeitsteilung möglich war und die über Ressourcen verfügte, solche Bauwerke zu errichten. Und das über Generationen hinweg. Denn der Fürst von Helmsdorf wurde um 1830 v. Chr. bestattet. Mindestens 100 Jahre jünger ist der riesige Tumulus von Bornhöck, den sich offenbar eine Herrscherfamilie als Grablege errichten ließ.

Dieser Dynastie weisen Meller/Michel die Schöpfung der Himmelsscheibe zu. Über Generationen hinweg hatten ihre Vertreter demnach ihr Wissen um Astronomie und Kalender so weit vervollkommnet, dass sie es auf einem Kunstwerk dokumentieren konnten. Die Himmelsscheibe wurde zu einem Symbol der Herrschaft über die Zeit, wann die Äcker bestellt werden mussten und die Karawanen zu erwarten waren.

Für die Fähigkeit, eine einigermaßen stabile und kontinuierliche Herrschaft zu errichten, steht auch das Attentat auf den Fürsten von Helmsdorf. Denn der 30- bis 50-jährige Mann wurde nicht einfach verscharrt, sondern standesgemäß mit allen Ehren in dem Hügel, den er sich beizeiten errichtet hatte, begraben. Das „Reich von Nebra“, wie Meller/Michel es nennen, brach nicht auseinander, sondern blühte unter seinen Nachfolgern weiter.

Harald Meller, Kai Michel: „Die Himmelsscheibe von Nebra. Der Schlüssel zu einer untergegangenen Kultur im Herzen Europas“. (Propyläen, Berlin. 384 S., 25 Euro)


Samstag, 15. Dezember 2018

Hat Merkel Geschichte geschrieben?



In der ZEIT vom 9. 12. stellt der Mannheimer Zeithistoriker Phillipp Gassert die Frage, ob Angela Merkel mit ihrere Kanzlerschaft Epoche gemacht hat.


...Welche historischen Maßstäbe haben wir an der Hand? Hat Merkel das Zeugs zur epochalen Namensgeberin? Ich glaube ja. Dabei ist erstens die Länge der Amtszeit ein Faktor. Das zweite, nicht quantifizierbare Kriterium für ein Kanzlerrating aber ist, ob wir im kulturellen Gedächtnis der Zukunft Platz für eine Ära Merkel schaffen. Dazu muss etwas von der Person auf ihre Epoche abfärben, sie ein Problem wirkmächtig verkörpern: Merkels Politikstil, auch ihre floskelhafte Sprache, die kaum angekündigten, dann urplötzlich durchgezogenen Wenden (Atomstrom, Wehrpflicht, Migration), ihr auf Konsens zielender Pragmatismus, der eine implizierte Moderni- sierung des Konservativen verlangte, ohne es klar zu sagen, ist typisch für eine saturierte Gesellschaft, die sich vor Reformen fürchtet. Dann wird auch Äußerliches wie Merkel-Raute und Blazer plötzlich Kult. Drittens muss es ein signifikantes Thema, keine Petitesse, sein, für das die fragliche Persönlichkeit künftig steht.

Was nach Merkel selbstverständlich ist

Bei Merkel ging es in Kontinuität zu Gerhard Schröder um zwei große Fragen: Wie halten wir es mit Europa und der Globalisierung einerseits sowie wie mit unserem neuen Selbstverständnis als Einwanderungsgesell- schaft andererseits? Als erste Ostdeutsche und erste Frau im Kanzleramt stand sie, nach ihrer anfänglich neo- liberalen und übrigens auch stark migrationsskeptischen "Leipziger" Phase um 2003, für den Versuch, die CDU in die liberale Mitte zu rücken. Sie wollte das konservative Spektrum in den neudeutschen umwelt-, europa- und migrationspolitischen Konsens einbeziehen. ...

Der Übergang zur Einwanderungsgesellschaft

... Die Ära Merkel steht mit dem von ihr sträflich unerklärt gelassenen Satz "Wir schaffen das" für den Über- gang zur Einwanderungsgesellschaft, der mental noch nicht vollständig nachvollzogen wurde. Dieser neue Status quo wird mit Merkel untrennbar verbunden bleiben: In der postmerkelschen Republik werden wir hoffentlich nicht mehr über den bloßen Fakt streiten, dass viele Deutsche eben auch "Migrationshintergrund" haben. Es ist längst eine unaufgeregte Selbstverständlichkeit. Künftig streiten wir besser darüber, wie wir Einwanderung vernünftig regulieren und welcher Strategien der Integration es bedarf: Das sind klassische Diskurse eines Einwanderungslands.

Paradoxerweise wirkt die Gesellschaft so gespalten, weil Merkel einen neuen Konsens zu bauen versuchte. Damit hat sie Mut bewiesen und einen Übergang zu einem neuen deutschen Selbstverständnis ermöglicht, das künftig mit ihrem Namen verbunden bleiben wird.


Nota. -  Das ist ein wenig dünn geraten. Wer Migration sagt, muss auch Globalisierung sagen. Und wer Glo- balisierung sagt, darf zu Digitalisierung nicht schweigen.

Geschwiegen hat sie nicht, aber ihre Beiträge dazu waren mehr rhetorischer Art, und da liegt nicht gerade ihre Stärke. Das Kapitel hat sie ihrer Nachfolgerin im CDU-Vorsitz hinterlassen, die ja auch eine Chance zu histo- rischer Bedeutung bekommen will.

Doch ausschlaggebend ist Merkels Beitrag zur Neubestimmung von Deutschlands Rolle in der Welt. Der begann mit ihrem - oder war es das ihres Finanzministers? - Auftreten in der Griechenland-Krise. Ihr scheinbar rein tagesopportunes Tasten entsprach aber ihrem energischen Entschluss, die europäische Einigung nicht in Frage stellen zu lassen. Der wurde auf weltpolitisch spektakuläre Weise durch die Flüchtlingskrise auf die Probe ge- stellt.

Die Probe hat sie bestanden. Wir haben das geschafft, und dass die Migration ein Weltproblem ist, dem Europa nur gewachsen ist, wenn es sie als Kontinent angeht, ist seither im Bewusstsein festgeschrieben. Natürlich gibt es Krakeeler, die aufgeregt hinterherrennen. Aber sie hat Tatsachen geschaffen, in Deutschland wie in Europa. Sie hat Deutschland  zu Weltgeltung gebracht.

Nur vaterlandslose Gesellen können davor die Augen verschließen.
JE

Freitag, 14. Dezember 2018

Wir haben das geschafft.


aus Süddeutsche.de, 

Arbeitgeber-Chef zu Flüchtlingen 
Merkel lag mit "Wir schaffen das" richtig
 
Die Integration von Flüchtlingen in Deutschland läuft nach Ansicht von Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer deutlich besser als angenommen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) habe mit ihrem Satz "Wir schaffen das" Recht behalten, sagte der Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeber (BDA) der Zeitung Augsburger Allgemeine. Von mehr als einer Million Menschen, die seit 2015 nach Deutschland gekommen seien, hätten knapp 400 000 einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz, sagte Kramer.

Die meisten jungen Migranten könnten nach einem Jahr Unterricht zudem so gut Deutsch, dass sie dem Berufsschulunterricht folgen könnten, erklärte der Wirtschaftsvertreter. Die große Mehrheit der erwerbstätigen Flüchtlinge arbeite mittlerweile in sozialversicherungspflichtiger Beschäftigung und sei somit integriert. Viele Migranten seien "eine Stütze der deutschen Wirtschaft geworden".

Deutschland müsse das Thema Migration "nüchterner betrachten", fordert Kramer. "Wir dürfen keine Angst vor Zuwanderung haben, sondern müssen Menschen, die zu uns kommen und hier arbeiten, als Bereicherung sehen." Die meisten Mittelständler seien weiter auf der Suche nach Mitarbeitern und hofften auf das geplante Fachkräfteeinwanderungsgesetz der Großen Koalition.

Wenn es nicht gelinge, künftig Fachkräfte aus dem Ausland anzuwerben, bestehe die Gefahr, dass Deutschland wirtschaftlich zurückfalle wie in den 90er Jahren, so Kramer. "Dann bräuchten wir allerdings wieder einen Politiker wie den einstigen SPD-Kanzler Gerhard Schröder, der den Mut aufbringt, das Ruder radikal rumzureißen." Seine Reformen seien "ein Segen für unsere Volkswirtschaft" gewesen, sagte Kramer - auch wenn Politiker wie Schröder später persönlich oft abgestraft würden.


Nota. - Die Rede von der "Willkommenskultur" hat viel politischen Schaden angerichtet. Sie hat Leute nach vorne geschwemmt, die das Bedürfnis hatten, sich als die besseren Menschen darzustellen, und das hat der Sache geschadet. Noch mehr hat geschadet, dass auch von dieser Seite Migration und politisches Asyl voreilig in einen Topf geworfen wurden. Voreilig, denn es erlaubte Anderen, das Asylrecht zu diskreditieren - und verhinderte, sie dort zusammen zu betrachten, so sie dasselbe Problem darstellen: bei der Integration. 

Ob viele oder wenige politische Flüchtlinge kommen, ist offenbar eine Frage der jeweiligen Situation. Millionen werden es kaum sein. Millionen werden auf die Dauer aber die Migranten werden, die als Wirtschaftsflüchtlige keinen Asylanspruch haben. Das ist gar keine Frage von Nächstenliebe oder Willkommenskultur, sondern von gewöhnlicher politischer Klugheit: Soll es an den Rändern Europas nicht zu explosiven Stauungen kommen, müssen wir diese Menschen nach sachlichen Kriterien in Europa verteilen; ob nun gerne oder nicht so gerne. Nämlich damit sie keine explosiven Situationen schaffen. Sie müssen also hier unterkommen können. Und da ist natürlich die Frage, wo sie am ehesten Arbeit finden. 

Und umgekehrt: Wo sie Arbeit gefunden haben, da wurden sie wohl gebraucht. Dass die Vertreter der Arbeit- geberschaft einen verständigeren Blick für ein sozialpolitisches Problem haben als der Durschschnittsmensch, kommt nicht oft vor. Doch in diesem Fall liegt es in der Natur der Sache.
JE


Mittwoch, 12. Dezember 2018

Wie konnte sich das Christentum über die Welt verbreiten?

 aus Die Presse, Wien,


Zeitlose Strategie
Der Aufstieg des Christentums zur Weltreligion ist laut einem deutschen Historiker einem überlegenen Marketing geschuldet. Eine bemerkenswerte Hypothese.



Die Frage ist ziemlich alt: Wie konnte es einer verfolgten Splittergruppe aus Palästina gelingen, zu einer Weltreligion zu werden? Die theologische Antwort, dass der Aufstieg des Christentums göttlichem Wirken zuzuschreiben sei, lassen wir hier einmal beiseite. Der Stuttgarter Historiker Holger Sonnabend ist überzeugt, nun eine Lösung für das alte Rätsel gefunden zu haben: „Eine noch so gute und attraktive Botschaft allein reicht nicht aus“, schreibt er in seinem neuen Buch, „Triumph einer Untergrundsekte“ (223 Seiten, Herder, 22,70 Euro). „Die Christen siegten, weil sie die Vorteile, die das große Römische Reich bot, für sich zu nutzen verstanden.“

Konkret: Vor dem Hintergrund einer globalisierten Welt, die den Transfer von Ideen begünstigte, hatten die Christen – anders als konkurrierende Religionsgruppen wie etwa der Mithras- oder der Isis-Kult – perfekte Strategien der Vermarktung. Einerseits warben sie konsequent für ihre Sache, andererseits hüllten sie ihre Lehre in ein Gewand, das für breite Schichten verständlich und interessant war.
Die Belege Sonnabends für diese These sind recht überzeugend. Überdies kann er die maßgeblichen Akteure nennen – vom großen Regisseur Paulus, der die Entscheidung traf, das Christentum in der ganzen Welt, auch außerhalb des Judentums, zu verbreiten, und dafür auf die griechische Sprache setzte, über wortgewaltige Publizisten wie Tertullian oder Augustinus bis hin zu tatkräftigen Helfern in den immer zahlreicher werdenden Gemeinden (die durch die Verfolgung zusammengeschweißt waren). „Keine andere Religionsgemeinschaft konnte in puncto Organisation und Management mit den Christen mithalten“, so der Historiker.

In fast 300-jähriger Aufbauarbeit hätten sie aus eigener Kraft ein starkes Netzwerk von Syrien bis Spanien und Nordafrika bis Britannien errichtet, das schließlich auch für die – schwachen – Kaiser interessant wurde. „Konstantin war kein Christ, sondern ein kühl kalkulierender, pragmatisch denkender Machtpolitiker, der das Christentum dazu benutzte, seine eigenen politischen Ziele durchzusetzen“, so Sonnabend.

Gewiss ist der Zugang, den der Historiker wählt, einseitig. Er streift viele wichtige Aspekte nur am Rande – etwa theologische Argumente, soziale Prozesse oder ökonomische Entwicklungen. Der enge Fokus ermöglicht aber einen unverstellten Blick auf eine bisher eher unterbelichtete Seite der Geschichte.


Nota. - Mit Organisation und Management kann ja wohl nichts anderes gemeint sein als der Auf- und Ausbau eine Kirche, ecclesia militans, mit amtlicher Autorität. Doch die amtliche Autorität, woher kam sie? (Die amt- liche Autorität - warum fehlte sie in andern Bekenntnissen?) Sie kam aus einem sakralen Priestertum, dessen Weihe hierarchisch von oben nach unten erfolgte. Nur als römisches, nur als katholisches konnte das Christen- tum das mittelalterliche Abendland schaffen und sich ebenbürtig mit den weltlichen Mächten messen. ('Eben- bürtig' ist wörtlich zu nehmen; denn wie das Papsttum waren Kaiser- und Königtum von Gottes Gnaden. Nicht dass die weltliche Herrschaft dem Glauben, sondern dass der Glaube der weltlichen Herrschaft ebenbürtig war, ist die differentia specifica.)
JE

 

Pest im neolithischen Europa?

Grab einer 20jährigen Frau in Schweden
aus derStandard.at, 11. Dezember 2018, 18:52 

Die Pest könnte schon das neolithische Europa entvölkert haben
Forscher wiesen Yersinia-pestis-Bakterien in rund 5.000 Jahre alten menschlichen Überresten im heutigen Schweden nach.

Als im 14. Jahrhundert die Pest Europa heimsuchte, raffte die Seuche annähernd ein Drittel der Bevölkerung des Kontinents dahin. Mittlerweile weiß man, dass der dafür verantwortliche Erreger, Yersinia pestis, in dieser Region nicht das erste Mal derart radikal wütete. Bereits im sechsten und siebten Jahrhundert sorgte die Pest nicht nur im Mittelmeerraum für eine Pandemie, die annähernd apokalyptische Ausmaße annahm.

Aber auch diese sogenannte Justinianische Pest war offenbar nicht die erste Begegnung der europäischen Bevölkerung mit Yersinia pestis. Eine DNA-Studie vom November 2017 kam zu dem Schluss, dass der Erreger bereits am Übergang vom Neolithikum zur Bronzezeit in Europa präsent gewesen sein dürfte. Nun haben Forscher in den Gebeinen aus einer Grabstätte im heutigen Schweden eine Bestätigung dafür gefunden. Wie sich zeigte, hat eine genetisch sehr ursprüngliche Form des Bakteriums vor über 5.000 Jahren in Europa zahlreiche Todesopfer gefordert – womöglich sogar mit weitreichenden Folgen.

Unerwartet frühe Pestepidemie

"Die Pest geht wahrscheinlich auf einen der tödlichsten Erreger in der Geschichte der Menschheit zurück", sagt Simon Rasmussen von der Universität Kopenhagen. Der Genetiker und seine Kollegen identifizierten das Bakterium nun in den Überresten einer zum Zeitpunkt ihres Todes vor 4.900 Jahren rund 20-jährigen Frau in Nordeuropa. Die Umstände ihres frühen Ablebens sprechen nach der im Fachjournal "Cell" veröffentlichten Studie dafür, dass sich die Seuche tatsächlich schon im Neolithikum über Europa ausgebreitet hat.

Sollte dies der Fall gewesen sein, könnte es dabei helfen, das rätselhafte Verschwinden früher europäischer Bauern zu klären. Diese Bevölkerungsgruppe, die vor rund 9.000 Jahren begann, aus dem Nahen Osten nach Europa einzuwandern und sich als die heute bekannten Cucuteni-Kultur zu etablierte, verschwand praktisch über Nacht vor 5.400 Jahren.

Rätselhafter Bevölkerungsaustausch

Der Ausbau ihrer Siedlungen stoppte abrupt und letztlich bewiesen auch frühere genetische Untersuchungen ihr plötzliches Verschwinden. In weiterer Folge kam es, so belegen es die Erbgutanalysen, zu einem drastischen Bevölkerungsaustausch durch Menschen aus den zentralasiatischen Steppen, der vor etwa 4.500 Jahren mehr oder weniger abgeschlossen war. Was also hat der Cucuteni-Kultur davor dermaßen zugesetzt?

Rasmussen und seine Kollegen sind davon überzeugt, dass Yersinia pestis für den dramatischen Bevölkerungsschwund der Cucuteni-Kultur verantwortlich war. "Wir glauben, dass unsere Befunde das erklären würden", meinen die Forscher. Die Analysen der Erbanlagen sprechen dafür, dass der nun identifizierte Peststamm sich von einem noch ursprünglicheren Stamm vor 5.700 Jahren abgespalten hat und vor dieser Migrationswelle mutierte.

Die im nun vorliegenden Pestfall nachgewiesene genetische Veränderung dürfte Yersinia pestis nach Ansicht der Wissenschafter sehr gefährlich gemacht haben und letztlich zu einer Epidemie geführt haben, die vor mehr als 4.900 Jahren wohl zahlreiche europäische Siedlungen entvölkerte. Hinzu kommt, dass damals die ersten bevölkerungsreichen Großsiedlungen mit bis zu 20.000 Einwohnern entstanden sind, was es der Ausbreitung der Pest umso leichter gemacht hat. Wahrscheinlich kam der Erreger dann über frühe Handelsrouten auch zu kleineren Ansiedlungen, wie etwa jene, in der die junge Schwedin gelebt hatte. (tberg.)


Abstract



Dienstag, 11. Dezember 2018

Einbinden?

Hagen versenkt den Nibelungenhort

Als hätte Deutschland keine andern Sorgen, kümmert sich die CDU seit ihrem ungefähren Richtungsentscheid vor- rangig darum, ihre gekränkten Nostalgiker "einzubinden". Frau Kramp-Karrenbauer macht fürs Publikum erstmal dabei mit. Doch eine Zukunft hat sie nur, wenn sie einsieht, dass es in der CDU vielmehr darum geht, ihre selbst- gefälligen Altlasten zu entsorgen. Ich meine, wenn die CDU eine Rolle dabei spielen will, in Deutschland die Mitte scharf zu machen.

Ob sie dabei eine Rolle spielt, ist ja noch gar nicht auszumachen. Doch dass er nötig wäre, liegt flach auf der Hand.








Samstag, 8. Dezember 2018

Scharf machen.


Wenn man die Mitte scharf machen will, muss man an den Rändern feilen und schleifen. Ein christlich-sozialer und wertkonservativer Akzent an einem liberalen und weltoffenen Kern kann nicht schaden. Doch nach den Seiten hin muss man nicht schielen, sondern den eignen Kurs im Auge haben. 




Hossa: Gehen die Dunkelmänner von allein?


aus welt.de, 8. 12. 2018

CDU-Konservative: "Partei-Neugründung ist nicht auszuschließen"

Kann AKK die Spaltung wirklich aufhalten? Der Vorsitzende der konservativen Werteunion, Alexander Mitsch, hat im Interview mit der “Neuen Osnabrücker Zeitung” das Szenario einer Partei-Neugründung ins Spiel ge- bracht, sollten Wertkonservative und Wirtschaftsliberale aus der Partei austreten. 

Es sei ein Szenario, “das man im Moment nicht ausschließen kann, aber nicht gewollt sein kann.” Allerdings habe es nach der Wahl Kramp-Karrenbauers bereits Parteiaustritte gegeben. AKK als Parteivorsitzende sei “eine schwere Enttäuschung” für diejenigen, die an eine politische Wende geglaubt hätten. Das äußerst knappe Ergeb- nis zeige, dass die CDU ihre inhaltliche Ausrichtung neu definieren müsse. Dies sei auch mit Blick auf an die AfD und die FDP verlorene Wähler nötig. 

Aber: “Mit der nun gewählten neuen Parteivorsitzenden an der Spitze wird es in den Augen vieler keine Wende geben, sondern vermutlich so weiterlaufen wie bisher”, sagte Mitsch.


Eher eine Option als schon eine Entscheidung.


Für eine Richtungsentscheidung war nicht nur das Ergebnis etwas knapp, sondern waren vor allem die Alternativen nicht klar. Ein 'weiter so' solle es nicht geben, heißt es allerorten. Was soll nicht 'weiter so' gehen? Das Gewürge mit der immer weiter schrumpfenden Großen Koalition? Gewiss - wer wollte das schon! Aber weiter so mit der von Angela Merkel zuerst pragmatisch tastend, ab 2015 aber klarsichtig  und energisch vorangetriebenen  Neuausrich- tung von Deutschlands Politik in der Welt - damit allemal.

Wenn ein Merz aber sagt, ein Weiterso solle es nicht geben, und 'klare Positionen' fordert, dann kann er nur andere Positionen meinen. Dann kann er nur meinen, zurück hinter die Ergebnisse der Ära Merkel und hinter den Zeit- punkt seiner Niederlage im damaligen Machtkampf. Das wusste eigentlich jeder, aber dafür gab es keine Mehrheit, soviel immerhin war klar. Also hat er es so nicht gesagt. Viele Stimmen wird ihm das nicht gebracht haben. Doch die Stimmen derer, die auf jeden Fall einen Aufbruch wollten, und sei's einer nach Gestern, die hat's ihn gekostet. Er hat den Mund gespitzt, aber nicht gepfiffen. Den Verdacht, dass seine Kandidatur weniger der Sache galt als einem nachtragend gekränkten Ego, konnte er so nicht zerstreuen.

Wie's Horneberger Schießen? Nicht ganz. Denn dass es zurück hinter die Ära Merkel gehen solle, haben die Dele- gierten immerhin abgelehnt. Ihre weltpolitische Rolle als Kanzlerin Deutschlands wird sie weiter so spielen, dafür hat der Parteitag ihr das Mandat erteilt. Knapp. Aber eine Alternative lag nicht vor: "alternativlos". (Wie sie um Him- mels Willen nie wieder sagen soll!)


 

Freitag, 7. Dezember 2018

Donnerstag, 6. Dezember 2018

Eine Richtungsenscheidung, aber vielleicht auch nicht.


Wer Angela Merkel als CDU-Vorsitzende folgt, ist nicht Deutschlands Hauptproblem. Die Hauptaufgabe in Deutschland ist, eine scharfe Mitte auszubilden. Dabei kann ein CDU-Vorsitzender nützen, stören oder gar keine Rolle spielen. 

Mal sehen, wer wofür in Frage kommt: Spahn fällt aus. Möchte wohl gern scharf, aber Mitte kommt nur mit langen Zähnen in Betracht (es sei denn, es geht umd die Ehe für alle). Er weiß wohl auch selber, dass er noch nicht dran ist und betreibt das Ding nur als Imagebuilding. Merz könnte die CDU vielleicht schärfen, aber nur nach Gestern und konservativer Identitätspflege hin. Ob er der CDU mehr Stimmen einbringt, als er sie kostet, mag ein Thema sein für die CDU; aber nicht für Deutschland.

Ach, und Annegret Kramp-Karrenbauer! Angela Merkel haben sie anfangs auch, und mit Getöse, weit unterschätzt. Ich dachte schon, als sie Generalsekretätin wurde: Die hat mehr drauf, als man ihr ansieht. Aber als sie Vorsitzende wurde, meinte auch ich, das wär ihr eine Nummer zu groß. Doch als die Kanzlerin war, fand ich, eine Kanzlerin nach Hausfrauenart wär ganz das, was uns - nach Schröder - zu Gesicht stand. Verblüfft war ich aber wie der Rest der Welt, als sie im Jahr des Herrn 2015 zeigte, dass sie nicht kneift, wenn ihr Amt verlangt, dass sie Geschichte macht. Und als die Willkommenskultur erwartungsgemäß abebbte, hat sie sich nicht beirren lassen. Sie hat die Situation geschaf- fen, in der eine scharfe Mitte möglich, aber auch nötig wurde.

Damit kann Frau Kramp-Karrenbauer nicht konkurrieren, sie verspricht der CDU, dass sie für sie Wahlen gewinnt. Aber das ist für Deutschland nicht ausschlaggebend. Entscheidend ist, ob sie Merkels Kurs - der am Anfang womög- lich 'vom Herzen kam', in der Folge aber eine Vernunftentscheidung wurde - weiterführen und zu einem Programm profilieren kann. 

Da wir eine bessere Wahl nicht haben, muss man es mit ihr versuchen. Vielleicht wird ja auch sie, wie Merkel damals, gehässig unterschätzt. 

Oder es könnte sein, dass die CDU für die Ausbildung einer scharfen Mitte in Deutschland gar keine Rolle spielt.


Freitag, 30. November 2018

Eine Metropole in der mongolischen Steppe.

aus wissenschaft.de, 29. November 2018                      Die uighurische Bronze-Glocke vor dem Hintergrund der Überrreste des Palastbereichs der einstigen Hauptstadt Karabalgasun

Uighurische Glocke ertönt nach 1200 Jahren
Einst läutete sie im Palast der geheimnisvollen Hauptstadt Karabalgasun in der heutigen Mongolei: In einem verschütteten Brunnen haben Archäologen eine Glocke und weitere Gegenstände aus der Zeit des uighurischen Großreiches entdeckt. Die Funde zeugen von dem hoch entwickelten Kunsthand- werk und den internationalen Beziehungen des Nomadenvolkes, das vor 1200 Jahren ein gewaltiges Gebiet im Norden des heutigen China beherrschte.
 
Einst residierten mächtige Herrscher im Orchon-Tal, im Herzen der Mongolei: Der berühmte Dschingis Khan gründete hier um 1220 Karakorum, die Hauptstadt des mongolischen Reiches. Doch bereits Jahrhunderte zuvor gab es dort eine Metropole: Der uighurische Khan Kutlug Bilge baute im Orchon-Tal 744 n. Chr. seine Haupt- stadt Karabalgasun. Der Herrschaftsbereich des Nomadenvolks der Uighuren erstreckte sich damals vom Baikalsee bis in die Wüsten Ostturkestans. Das Reich spielte in dieser Position eine wichtige Rolle im Seidenhandel zwischen China und den mittelasiatischen Regionen.

Eine geheimnisvolle Metropole in der Stepppe

Die Bedeutung des Reichs spiegelt sich noch heute in den Überresten der einst stark befestigten Stadtanlage von Karabalgasun wider, die ursprünglich über 35 Quadratkilometer bedeckte. Die Ruinen des Palastgeländes überragen die flache Steppenlandschaft noch immer um bis zu zwölf Meter. Leider ist dennoch nicht viel der einstigen Pracht erhalten, denn nur hundert Jahre nach ihrem Bau eroberten Kirgisen Karabalgasun – ein Feuersturm vernichtete die Hauptstadt und mit ihr das Großreich der Uighuren. 

Seit 2007 erforscht das Deutsche Archäologische Institut (DAI) gemeinsam mit den mongolischen Partnerorganisationen die Überreste der geheimnisvollen Metropole. Wie die Archäologen berichten, haben sie im Sommer 2018 in einem Innenhof des Palastbereichs einen über zwölf Meter tiefen und immer noch wasserführenden Brunnen freigelegt. Einige Schöpfgefäße, die während der Nutzungszeit in den Brunnen gefallen waren, gaben dem Forscherteam den Hinweis auf die Entstehungszeit: Auf einem der Gefäße hatte der Töpfer das Siegel von Khan Kutlug Bilge eingeritzt. Damit stammt der Brunnen aus der Bauzeit der Stadt und auch der Herr des Palastes ist erneut bestätigt.

Ein Brunnen wurde zur Zeitkapsel

In der einst verschütteten Konstruktion entdeckten die Forscher allerdings mehr als Schöpfgefäße: Eine knapp 30 Zentimeter große bronzene Glocke mit chinesischer Inschrift, ein vergoldeter Türriegel, zwei marmorne Löwenköpfe sowie schwarz lackierte Holzstangen mit floralen Dekorationen. Besonders die Glocke ist hervorragend erhalten und noch funktionstüchtig, berichten die Archäologen: “Es ist schon ein besonderes Gefühl, wenn man eine Glocke, die 1200 Jahre auf dem Grund eines Brunnens gelegen hat, zum ersten Mal wieder klingen hört,” sagt Projektleiterin Christina Franken vom DAI. 

Wie die Forscher erklären, ermöglichen die Funde Einblicke in die materielle Kultur der geheimnisvollen Uighuren. Sie verdeutlichen, dass die Kunsthandwerker ihres Herrschers viele Anregungen aus anderen Kulturen verarbeiteten. Die Architektur des Palastes erinnert an zentralasiatische Anlagen während viele Objekte hingegen den Einfluss des wichtigsten Verbündeten der Uighuren erkennen lassen: des chinesischen Reichs unter der Tang-Dynastie. 

Der Brunnen war den Forschern zufolge allerdings ein Element, das auf die unruhige Lage des Reiches der Uighuren hindeutet. Durch ihn verfügte der Palast, der gleichzeitig eine Festung war, auch in Zeiten einer Belagerung über ausreichend Wasser. Dennoch konnten die Uighuren dem Ansturm der Kirgisen im Jahr 840 nicht standhalten. Im Rahmen der Zerstörung der Stadt wurde der Brunnen mit Bauschutt und Asche verfüllt und so zu einer Zeitkapsel, die nun Einblicke in die Welt der Uighuren-Herrscher liefern konnte.

Quelle: Deutsches Archäologisches Institut

Mittwoch, 28. November 2018

Der Handel brachte den schwarzen Tod.


aus derStandard.at, 27. November 2018, 15:04

Wie der Schwarze Tod seinen Weg nach Europa fand
Aktuelle Untersuchungen zeigen, wie die katastrophale Pestepidemie des Mittelalters eingeschleppt wurde

Das mittelalterliche Europa musste mit einer ganzen Menge an Krankheiten fertig werden: Während Typhus, Ruhr, Lepra oder Pocken jedoch im Allgemeinen meist nur lokal grassierten, sorgte ein Erreger im 14. Jahrhundert für eine kontinentale Katastrophe: Yersinia pestis, jener bakterielle Erreger, der für den sogenannten Schwarzen Tode verantwortlich war, kostete zwischen 1346 und 1353 etwa einem Drittel der europäischen Bevölkerung das Leben. Woher die Pest damals letztlich kam, ist mittlerweile klar: Sie dürfte aus Asien eingeschleppt worden sein.

Auf welchen Wegen diese Krankheit jedoch unseren Kontinent errecht hat und ob sie hier Nischen fand, aus denen sie immer wieder hervor trat, oder in den folgenden Jahrhunderten mehrmals aufs Neue aus dem Osten hereingetragen worden ist, war bisher dagegen weitgehend umstritten. Ein Team um Amine Namouchi von der Universität Oslo könnte auf Basis von Genuntersuchungen auf diese Fragen nun Antwortern gefunden haben.

Verräterische DNA

Diese lieferten mehrere Pesttote des 14. Jahrhunderts aus Südfrankreich, den Niederlanden, der Toskana und Oslo in Norwegen. Die Wissenschafter analysierten die DNA von Yersinia pestis aus diesen Opfern und verglichen sie mit anderen bereits früher untersuchten Pestfällen aus der Ära sowie mit über hundert bekannten Stämmen des Bakteriums. Darüber hinaus verglichen die Forscher ihre Resultate mit zeitgenössischen Dokumenten.

Das Ergebnis zeigte schließlich, dass der Schwarze Tod vermutlich mit dem Pelzhandel aus Russland und Zentralasien nach Europa gelangt war. "Im Verlauf der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts spielten Bolgar und Nowgorod in Russland eine immer bedeutendere Rolle als Handelszentren für Pelze", berichten die Forscher. "Über die Hanse erhielt Nowgorod zu dieser Zeit Zugang zum westeuropäischen Markt. Dies führte dazu, dass große Mengen von Pelzen über die Häfen von Hamburg und Lübeck nach London verschifft wurden."

Neue Pelzhandelswege

Dies dürfte allerdings nicht der alleinige Weg der Pest nach Europa gewesen seine. Auch auf neuen Handelsrouten über Land via Sarai an der südlichen Wolga und der Krim-Hafenstadt Caffa am Schwarzen Meer gelangte der Erreger offenbar nach Europa. Diese neu etablierten Pelzhandelswege passen zumindest zeitlich gut mit dem Beginn der Pestepidemie des Mittelalters zusammen, berichten die Wissenschafter im Fachjournal "Pnas".

Die Genanalysen lieferten auch Hinweise darauf, wie sich die Pest im weiteren Verlauf ausgebreitet hat. Jene Stämme, die zunächst in Südfrankreich sowie in Oslo wüteten, forderten 1348 auch in London und Barcelona enorme Opferzahlen. Die Epidemie, die im niederländischen Bergen op Zoom einige Jahre später ihren Ausgang genommen hatte, dürfte dagegen auf eine spätere Yersinia-pestis-Variante zurückzuführen sein. (tberg,)

Abstract

Montag, 26. November 2018

Jetzt gehts los.

Angela Merkel bei ihrer Ankunft in Brüssel im November 2018
aus FAZ.NET, 26.11.2018-19:57

Veränderung der Kanzlerin:
Merkels neue Freiheit
Ob mit Macron in Frankreich, vor dem EU-Parlament oder tobenden „Wutbürgern“ in Chemnitz gegenüber – Merkel wirkt befreit. Und sie hat eine Entscheidung getroffen. Ein Kommentar. 


Es ist nicht so, als gäbe es eine neue Merkel. Eine, die seit der Ankündigung zum Rückzug plötzlich mit flammenden Reden Herzen erobert. Und doch klingt im gewohnten Merkel-Ton etwas Ungewohntes mit: Leidenschaft, Kampfgeist, sogar ein Hauch von Pathos.

Während die Partei sich von Merkel befreit, befreit Merkel sich von der Partei. Auf den Regionalkonferenzen distanzieren sich die Kandidaten Merz, Spahn und Kramp-Karrenbauer eifrig von der Kanzlerin. Während sie ihre Profile schärfen, schärft auch Merkel das ihre. „Nationalismus und Egoismus dürfen nie wieder eine Chance in Europa haben“, rief sie vergangene Woche einem begeisterten EU-Parlament zu. Und als sie von den 1,5 Millionen Flüchtlingen sprach, die Deutschland „in einer dramatischen Situation“ aufgenommen habe, da legte sie beide Hände aufs Herz: „Glauben Sie eigentlich, dass das etwas ist, was uns in die Handlungsunfähig- keit bringen kann?“ Der tosende Beifall übertönte den Protest der Rechtspopulisten im Parlament. Deren Gezeter zeige übrigens, sagte Merkel dann noch lächelnd, dass sie den Kern getroffen habe.

Im eigenen Parlament erntete Merkel viele Lacher für ihre Spitze gegen Alice Weidel, die zuvor in der General- debatte die eigene Spendenaffäre ausgebreitet hatte. Das Schöne an freiheitlichen Debatten sei, sagte Merkel wie beiläufig, während sie ihr Manuskript ordnete, „dass jeder über das spricht, was er für das Land für wichtig hält“. Was Merkel für wichtig hält, daran bestand nach ihrer Rede kein Zweifel mehr. Es ging ihr um den ganz großen historischen Kontext. Sie sagte, mit Macron in Compiègne, das sei „bewegend“ gewesen. Nun müssten wir zeigen, dass wir aus der Vergangenheit gelernt hätten.

Bild der Vergangenheit

Die Lehre aus dem Jahr 2015 sei, „dass wir uns nicht abkoppeln können vom Leid anderer“. Deutsches Interesse versteht sie so: „Das heißt immer auch, für die anderen mitzudenken!“ Wer Merkel so mit der Faust auf das Pult schlagen sah, merkte: Ihr geht es nicht um links und rechts, liberal und konservativ, sondern ganz grundlegend um richtig und falsch. Oder wie sie es ausdrückte: Entweder man gehöre zu denen, die nur an sich dächten – „das ist Nationalismus in reinster Form“. Oder man gehöre zu den wahren Patrioten, die andere miteinbezögen. „Da gibt es auch keine Kompromisse.“

So hatten die Bundestagsabgeordneten Merkel noch nie erlebt, die bis auf die AfD allesamt begeistert Beifall klatschten, als seien auch sie schon Menschen der Geschichte, die den Nachkommen bezeugen: Damals, als Millionen Flüchtlinge vor Deutschlands Toren um Sicherheit baten, da standen sie auf der richtigen Seite. Es sei das Schöne an der heutigen Zeit, sagte Merkel, „dass es wieder richtige Gegensätze gibt“. Das kleinmütige Gerede davon, was man hätte besser und anders machen können – es gehört für Merkel schon den Alltagsmühen der Vergangenheit an.

Die Kanzlerin baut an dem Bild, das sich die Geschichte von ihr machen soll. Ihre offenen Arme und das Lächeln sollen in Erinnerung bleiben. Merkel muss nicht mehr werben, versöhnen, Reue demonstrieren: Sie hat den Platz geräumt. Die CDU wird ihrer Wege gehen, und das werden andere Wege sein als unter Merkel, egal welcher der drei Kandidaten Vorsitzender wird. So kann sich die Partei einerseits erneuern, andererseits wehmütig von Merkel Abschied nehmen.

Entscheidung getroffen

Zwischen den Reden in Straßburg und Berlin hatte Merkel auch ein Rendezvous mit dem unangenehmen Teil ihres Erbes: den wütenden Bürgern von Chemnitz. Die Ressentiments schossen ihr nur so entgegen beim Bürgerdialog, und das waren bloß die Ressentiments derer, die einigermaßen beherrscht und höflich drinnen saßen. Draußen fegte der Merkel-muss-weg-Sturm durch die Straßen.
„Wir schaffen das nicht!“, „Sie haben Deutschland gespalten!“, „Wann treten Sie zurück!“ – so schallte es ihr entgegen. Stoisch erklärte die Kanzlerin immer wieder, wie sie ihren Satz „Wir schaffen das“ damals meinte: Als Ansporn in einer Zeit der Herausforderung. Ihr einziger Fehler, erklärte Merkel, habe darin bestanden, nicht schon vor 2015 den Flüchtlingen in Jordanien und im Libanon geholfen zu haben. Zwar mit freundlichem Gesicht, aber doch unerbittlich zog sie auch in diesem Fall die Linie zwischen richtig und falsch.

„Es gibt hier Menschen, die haben Sorgen, dass vielleicht zu viele Flüchtlinge hier sind. Und es gibt Menschen, die haben offene Vorurteile gegen Menschen, die einfach anders aussehen.“ Das gespaltene Land, von dem ein Chemnitzer sprach, an diesem Abend und in dem Saal wurde es greifbar. Aber Merkel hat sich damit abgefun- den. Ja, sagte sie, sie wisse, dass ihr Gesicht „für viele Menschen polarisierend wirkt“. Doch in einer Welt der Gegensätze, wie Merkel sie zeichnet, kann es nicht ein Gesicht für alle geben. Merkel hat sich entschieden. Sie konnte sich entscheiden, weil sie keine Wahlen mehr gewinnen muss. So frei war sie noch nie.


Nota. - Hat sich 'damit abgefunden'? Wolln wirs hoffen: Sie hat sich damit abgefunden, dass sie nicht ewig nur moderieren kann, sondern endlich auch kämpfen muss. Was kann man mehr wollen?
JE