Donnerstag, 20. September 2018

Kulturrausch.

This undated handout picture obtained by AFP on September 13, 2018 from Haifa University shows an archaeologist taking pictures an excavation in a cave near Raqefet, in the Carmel Mountains near the northern Israelis city of Haifa, searching for evidence of beer brewing in a Natufian burial cave dating some 13,000 years ago, possibly the earliest alcohol production known. - The Natufians were hunter-gatherers who lived in the eastern Mediterranean region 15,000 to 11,500 years ago, and began settling down rather than roving from place to place. (Photo by Dani NADEL / Haifa University / AFP) / RESTRICTED TO EDITORIAL USE - MANDATORY CREDIT "AFP PHOTO / HAIFA UNIVERSITY / DANI NADEL" - NO MARKETING NO ADVERTISING CAMPAIGNS - DISTRIBUTED AS A SERVICE TO CLIENTS
aus welt.de, 16. 9. 2018                    Kleine Kammern in der Höhle Rakefet werden als Behälter für die Produktion von Bier gedeutet

Alkohol trieb den Menschen in die Sesshaftigkeit
In einer Höhle bei Haifa haben Archäologen die womöglich älteste Produktionsstätte von Bier entdeckt. Der Fund stärkt die These, dass der Mensch für das Rauschmittel zum Getreideanbau überging.

 

Irgendwann im 11. Jahrtausend v. Chr. kam Homo sapiens auf die Idee, seine Nahrung nicht mehr allein durch Sammeln und Jagen zu beschaffen. Er begann, sich mit der nachhaltigen Aufzucht von Gewächsen zu beschäftigen, die im Vorderen Orient heimisch sind. Die Folge war die Neolithische Revolution, die aus Wildbeutern sesshafte Bauern machte. 

Doch warum gingen die kleinen Gruppen von Jägern und Sammlern dazu über, ihr Schicksal an die Fruchtbarkeit des Bodens zu koppeln? Seit im Südosten Anatoliens das monumentale Kultzentrum von Göbekli Tepe ausgegraben wird, vertreten Forscher eine interessante These: Um die riesigen Gemeinschaftsmähler, die dort von vielen Menschen gefeiert wurden, mit ausreichenden Nahrungsmitteln zu beliefern, musste man neue Quellen erschließen. Manche Wissenschaftler gehen sogar so weit, den Beginn des Getreideanbaus auf das Motiv zurückzuführen, Bier in großen Mengen zu produzieren. Rauschhafte Rituale standen offenbar im Zentrum von Göbekli Tepe.


42818902 Göbekli Tepe
Dass der Beginn der Sesshaftigkeit mit extremem Alkoholkonsum zu tun gehabt haben könnte, macht auch eine Entdeckung denkbar, die israelische Archäologen jetzt südlich von Haifa gemacht haben. In der Höhle Rakefet stießen sie auf drei kleine Kammern von 40 bis 60 Zentimeter Tiefe. „Wenn wir uns nicht täuschen, ist dies der älteste Hinweis auf eine Alkoholproduktion weltweit“, sagt der Archäologe Dani Nadel von der Universität Haifa, der zusammen mit Wissenschaftlern der amerikanischen Stanford-Universität zum Ausgrabungsteam gehört. Die Ergebnisse der Forschungsarbeit wurden jetzt in der Fachzeitschrift „Journal of Archaeological Science: Reports“ veröffentlicht.

Zwei der Kammern, die in die felsige Höhlendecke gegraben worden waren, dienten offensichtlich der Lagerung von Getreide, die dritte der Fermentation. Unweit davon kamen die sterblichen Überreste von etwa 30 Menschen, die auf einer von Blumen und Pflanzen bedeckten Plattform begraben worden waren, sowie zahlreiche Geräte und Werkzeuge ans Licht. Datiert werden die Funde auf das 13. Jahrtausend v. Chr.

Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass in der Höhle ein bierähnliches Getränk produziert wurde, das bei orgiastischen Festen kreiste. „Die haben etwas gebraut, das einen angemessenen Anteil an Alkohol enthielt“, sagt Nadel. „Wir reden dabei über das Gären von Getreide, was eine Basis von Bier ist.“ Dieses Getränk, das einer Suppe ähnlich war, könnte bei Begräbnisfeiern oder im Rahmen von Ritualen, etwa eines Ahnenkults, zum Einsatz gekommen sein.

Der große Aufwand bei der Alkoholherstellung zeigt die Bedeutung des Getränks in der Kultur des Natufien, die zwischen 12.000 und 9000 v. Chr. die südliche Levante prägte. In dieser Zeit, die in eine Warmphase der letzten Eiszeit fiel, gingen Wildbeuter daran, mit Getreideanbau und der Domestikation von Tieren (Hunden) zu experimentieren und schon länger an einem Ort zu siedeln.

Reste von Hütten, Gerätschaften, Steinwerkzeugen, Knochen und Gräbern zeigen, dass die Menschen des Protoneolithikums bereits viele Merkmale nachfolgender Kulturen ausgebildet hatten. „Alkoholerzeugung und die Lagerung von Lebensmitteln gehörten zu den wichtigsten Innovationen, die schließlich zur Entwicklung von Zivilisationen führten“, sagt der Ostasien-Spezialist Li Liu aus Stanford, der zum Grabungsteam gehört.

Dass das mühselige Sammeln von Getreide offenbar der Herstellung von Rauschmitteln diente, ist ein weiteres Argument für die These, dass auch in Göbekli Tepe der Alkohol in Strömen floss. Dort kamen Menschen von weit her zu gemeinschaftlichen Zeremonien zusammen. Aus schriftlichen Zeugnissen der frühen Hochkulturen in Mesopotamien und Ägypten (ab 3000 v. Chr.) ist bekannt, dass die Produktion von Bier überaus wichtig war. Arbeiter wurden zum Beispiel mit einem täglichen Quantum versorgt.

Auch wenn sich der Prähistoriker Hermann Parzinger der These, extremer Alkoholkonsum habe zu Sesshaftigkeit und produzierendem Wirtschaften geführt, nicht unbedingt anschließen will, resümiert er: „Es ist sicher nicht übertrieben, zu sagen, dass es für den Menschen stets eine große Rolle spielte, sich zu bestimmten Anlässen zu berauschen.“


Nota. - Es ist schon bizarr: Ausgerechnet der Alkohol, der dem nüchternen Betrachter für Lotterleben und Wur- zellosigkeit steht, soll der Grund dafür gewesen sein, dass die Jäger und Sammler, von den Anthropologen auch Wildbeuter genannt, ihr unstetes Leben zugunsten ortansässiger Ergebung in den naturgegebenen Rhythmus der Vegetationsperioden aufgegeben haben! Die weltläufige Vagabondage zugunsten des Hockens auf der heimatli- chen Scholle, die Abenteuer der Jagd zugunsten eintöniger Ackerei...

Es ist aber schon eine spezifische Erklärung nötig, wenn man verstehen soll, weshalb Menschen in grauer Vor- zeit zu einer Ernährungsweise übergegangen sind, die unmittelbar minderwertiger gewesen ist als die überkom- mene Diät aus Wildbret und Naturkost, und mittelbar die schrecklichen Folgen von Überbevölkerung, Massen- elend und Klassenkampf gezeitigt hat. Eine vernünftige Erklärung müsste man lange suchen. Eine unvernünftige wird der Sache viel eher gerecht.
JE

Mittwoch, 19. September 2018

Rausch und Vernunft.

Caravaggio 1595
aus welt.de, 05.09.2008 

Am Anfang war das Bier – und nicht der Hunger
Bislang meinte man, der Hunger habe die Menschen sesshaft werden lassen. Doch es war eher die Freude am Rausch, meint ein Münchner Naturhistoriker. Die Schamanen wussten, wie man diese Drogen dosiert und religiös nutzt. Der Ackerbau dagegen ist dem Forscher zufolge ein Ergebnis des Überflusses.

Vor gut 10.000 Jahren entschieden sich Steinzeitmenschen zu einem dramatischen Wandel in ihrer Lebensweise: Sie betrieben Ackerbau und wurden sesshaft. Diese neolithische Revolution, die den Beginn der Jungsteinzeit markiert, veränderte nicht nur die Ernährung. Sesshaftigkeit wurde auch Grundlage für die Bildung von Stämmen, Staaten und Religionen, sagt der Münchner Biologe und Naturhistoriker Josef H. Reichholf. Am 9. September 2008 erscheint von ihm im Verlag S. Fischer „Warum die Menschen sesshaft wurden“.

WELT ONLINE : Im Untertitel heißt Ihr Buch „Das größte Rätsel unserer Geschichte“. Ist es wirklich so rätselhaft? Die Menschen entdeckten den Pflanzenanbau und konnten sich so besser ernähren.

Professor Josef H. Reichholf : Diese gängige Sichtweise verwechselt Ursache und Folge. Wenn Jäger und Sammler von ihrer Lebens- und Ernährungsweise abgewichen sind, muss das einen Anfangsvorteil geboten haben. Die traditionelle Meinung ist, dass die Menschen zu Bauern wurden, weil sie Hunger litten und mit der Stärke und dem Protein der Pflanzen überleben konnten. Aber der Pflanzenanbau brachte keineswegs sofort einen nennenswerten Überlebensvorteil. Die Erträge waren anfangs viel zu gering, und das Bearbeiten des Bodens war aufwendig. Das hätte die Existenz nicht sichern können, zumal man bei der sesshaften Lebensweise am Ort der Äcker nicht auf dieselben Mengen an Wild hätte zugreifen können. Jäger mussten dem Wild folgen. 


WELT ONLINE : Was also hat sie bewegt, sich niederzulassen?

Reichholf : Der traditionellen Sicht nach gab es in den ersten Siedlungsregionen wie dem fruchtbaren Halbmond wenig Wild, aber viel Gras. Es war aber genau umgekehrt. Diese Regionen waren wildreich, es bestand keine Notwendigkeit, von der Jagd zu lassen. Denn eine Region kann nicht fruchtbar und wildarm sein. Wo Gräser und Kräuter gut wachsen, gedeiht auch Wild gut und ist so auch für die Jagd verfügbar. Gemüse, Wurzeln, Gräser, Melonen und dergleichen waren hingegen nur eine Zukost. Die Verknappung des Wildes, die schon zu Beginn erfolgreiche Nutzung der Gräser und die damit folgerichtige Erfindung des Ackerbaus und der Sesshaftigkeit sind nicht schlüssig belegt. Ich behaupte ganz im Gegenteil, dass der Ackerbau aus einer Situation des Überflusses heraus entstanden ist. Die Menschen haben mit Getreideanbau experimentiert und nutzten die Körner allenfalls als Zukost. Die anfängliche und entscheidende Absicht war nicht, aus Korn Brot zu backen, sondern durch Gärung Bier zu erzeugen.

WELT ONLINE : Das Brauen von berauschendem Bier als Basis der Landwirtschaft?

Reichholf : Es gab stets ein starkes Bedürfnis, berauschte Zustände zu erreichen. Rauschdrogen vermittelten das Gefühl der „Transzendenz“, des Verlassens des eigenen Körpers. Alkohol oder Rauchdrogen waren die Mittel. Deshalb hatten die kundigen Schamanen eine so große Bedeutung. Sie wussten, wie man diese Drogen dosiert und religiös nutzt. Die ältesten Siedlungen im Vorderen Orient sind im Umfeld von Kultstätten entstanden, wie etwa Göbekli Tepe in Anatolien. Diese Tempelanlage wurde vermutlich noch vor der Sesshaftigkeit der Menschen von umherschweifenden Jägern erbaut.

WELT ONLINE : Also erblühte nicht erst die Landwirtschaft, wodurch Kräfte frei wurden, um Kultstätten zu bauen – um sich dort zu berauschen?

Reichholf : Genau das ist eben kaum vorstellbar. Bier lässt sich aus Körnern von Wildgetreide brauen, das noch keine großen Erträge bringt und von dem man noch nicht leben kann. Bier und Wein fördern Zusammenhalt, nicht aber das direkte Überleben. Das Brot konnte erst hergestellt werden, als man Getreide im Überschuss zu ernten imstande war. Das geschah nachweislich erst Jahrtausende nach Beginn der Nutzung von Wildgetreide. Bier zu brauen war übrigens keine spontane Eingebung; die Vergärung von Früchten war sicher längst bekannt. 

WELT ONLINE : Menschen wurden also sesshaft, als sie Pflanzen züchten konnten. Wie haben sie das gelernt?

Reichholf : Es lässt sich belegen, dass die Samen von verschiedenen Arten oder Unterarten von Wildgetreide aus unterschiedlichen Regionen – vermutlich zu bestimmten Anlässen – an einem Ort zusammengetragen wurden. Keimten die Körner, dann entstanden so Mischpopulationen und schließlich Hybride, die ertragreicher waren. Sie wurden nun gezielt angebaut.

WELT ONLINE : War der fruchtbare Halbmond der einzige Ort, an dem das geschah?

Reichholf : Die Menschen sind an drei weit entfernten Orten sesshaft geworden: im fruchtbaren Halbmond mit der Gerste, in Nordostasien mit dem Reis und in Zentralamerika mit dem Mais. Wobei in Nordostasien Korea anfangs das Zentrum war. Spannend ist, was Sprachforschung und Genetik zutage gefördert haben: Die Völker in allen drei Regionen stammen von den Ural-Altaiern ab. In der Endphase der letzten Eiszeit, vor 15.000 bis 11.000 Jahren, spalteten diese sich in eine westliche und eine östliche Linie auf. Auf die westliche Linie gehen die Indo-Europäer, also auch die Völker des fruchtbaren Halbmondes zurück, auf die östliche die Mongolen und die Urvölker Amerikas. Sie können vor ihrer Trennung schon ein grundsätzliches Wissen über die Nutzung von Getreidepflanzen gehabt haben.

WELT ONLINE : Wie kam der Ackerbau nach Europa? Haben benachbarte Völker die Lebensweise übernommen, oder wanderten die Ackerbauern?

Reichholf : Der Streit wurde aufgrund von genetischen Analysen zugunsten der zweiten Theorie entschieden. Die Bauern kamen mit dem Vieh, sie hatten schon die genetische Ausstattung für die Verdauung von Milch. Das funktioniert natürlich nur, wenn die nacheiszeitlichen klimatischen Bedingungen weithin offenes Land erzeugt hatten. Dichte Wälder konnte man mit Steinbeilen nicht roden. Es muss offenes Land gegeben haben, auf dessen Grasebenen das Vieh weiden konnte, wo es aber auch Wild reichlich gab.

WELT ONLINE : Welche Folgen hatten Ackerbau und Sesshaftigkeit?
Reichholf : Der Ackerbau brachte zwei Phasen mit harter Arbeit im Jahr: die Zeit der Feldvorbereitung und des Säens sowie die Zeit der Ernte. Dazwischen gab es ein gutes halbes Jahr mit Arbeitskräfteüberschuss. Der konnte anderweitig genutzt werden, und auf dieser Basis wurden schon frühzeitig monumentale Bauten erstellt, etwa die Pyramiden der Ägypter und die Großsteinkreise in Mitteleuropa und Zentralasien. Auch wenn das bäuerliche Leben oft hart war, so war es doch ein Garant für den Fortbestand und eine Chance, das Überleben der Kinder zu sichern, weil Überschüsse erwirtschaftet wurden. Das war ein Selbstläufer: Die Landwirtschaft diente der Bevölkerungssicherung durch mehr überlebende Kinder, und die Kinder bedeuteten neue Arbeitskräfte. Bei Nomaden dagegen waren Kinder auf den Wanderungen hinderlich. Die Kleinen mussten getragen werden. Die Geburtenrate war niedriger.

WELT ONLINE : Hatte die Sesshaftigkeit Einfluss auf die genetische Durchmischung?

Reichholf : Sicher, je sesshafter eine örtliche Bevölkerung ist, desto weniger wird sie durchmischt. Ein Beispiel für Abschottung sind bis heute bäuerlich-religiöse Gemeinschaften wie die Mormonen, Amish und Mennoniten in Amerika, die sich besondere Eigenheiten bewahrt haben, wie etwa die Mennoniten des Gran Chaco, die ein altes Plattdeutsch aus dem 18. und 19. Jahrhundert sprechen. Unterschiede in den Stämmen tendieren dazu, sich zu verfestigen. Es gibt den Fachbegriff des „assortative mating“. Er bedeutet, dass Angehörige derselben Sprache, Kultur und Physiognomie als Partner bevorzugt werden. Fremdvölker vermischten sich oft kaum mit der ansässigen Bevölkerung.

WELT ONLINE : Nomaden sind homogener?

Reichholf : Ja, die australischen Aborigines lassen sich auf dem ganzen Kontinent genetisch nicht in „Völker“ unterteilen. Die einzige Ausnahme sind die Tasmanier, die auf ihrer Insel geografisch von den Aborigines Australiens getrennt waren. Ihre nächsten Verwandten, die Papua von Neuguinea, betreiben dagegen Gartenbaukulturen in voneinander isolierten Tälern. Da fehlte die Migration so sehr, dass extrem viele Sprachen, über 700, und sehr unterschiedliche Kulturen entstanden.

WELT ONLINE : Hat die Sesshaftigkeit die Geschlechterrollen verändert?

Reichholf : Wo der Feldbau überwiegt, sind die Strukturen patriarchalisch. Da gibt es den Hofbesitzer und seine Frau, und es gibt das Gesinde. Diese Struktur wirkt wie ein Ministaat. In Gesellschaften, in denen die Viehhaltung dominiert, geht es weniger patriarchalisch zu. Die Frauen kümmern sich um die Herden und haben viel Einfluss. Ganz anders bei reinen Nomaden. In Wüstenvölkern mit Kamelen, die über den Handel existieren, dominieren die Männer. Sie haben mehr oder weniger in jeder Oase eine Frau mit geringem Status: Ihr Preis wird nach der Zahl von Ziegen oder Kamelen taxiert. Durch den Übergang zur Sesshaftigkeit sind Frauen in bestimmten Funktionen einflussreicher geworden. Es waren nach den Schamanen der Nomaden die „Weisen Frauen“, die das Wissen um die Mittel hatten, die bei den Festen eingesetzt wurden. Sie waren Priesterinnen und galten als Zauberinnen.

WELT ONLINE : War die Abkehr vom Nomadentum nur positiv?

Reichholf : Der Wechsel zur sesshaften Lebensweise hat gesundheitliche Probleme gebracht. Der Rücken wurde krumm; wir bekamen Wirbelsäulenbeschwerden, und es entstand durch zu einseitige Ernährung ein Mangel an Mineralstoffen und Vitaminen. Zudem sind die meisten der gefährlichen Infektionskrankheiten, wie Tuberkulose oder Pocken, vom Vieh auf den Menschen übergegangen. Eine der schlimmsten Folgen der Sesshaftigkeit war aber – das muss man so hart sagen – die Entstehung unterschiedlicher Religionen. Sie hat dazu geführt, dass die Menschheit gleichsam gespalten wurde in Pseudoarten, die untereinander in schärfster Konkurrenz leben. Zu den Konkurrenzen um Frauen, Besitz und Macht kam die noch stärkere Konkurrenz zwischen den Religionen, die die Ausrottung von Ethnien erst möglich gemacht hat, weil „die anderen“ nicht als Menschen eingestuft wurden.

WELT ONLINE : Wie sieht die Verbindung zwischen Sesshaftigkeit und Religion genau aus?

Reichholf : Die Religionen sind aus der Bindung an die Gemeinschaft entstanden. Re-ligio bedeutet „Rückbindung“. Die Erträge der Felder und Weiden hingen sichtlich „vom Himmel“ ab, von günstigem Wetter vor allem. Anders als die Nomaden konnten sich die sesshaft Gewordenen nicht einfach weiterbewegen zu besseren Regionen. Die Bauern waren von der Ergiebigkeit ihres Landes abhängig, und gutes Land musste verteidigt werden. Die himmlischen Ernte- und Kriegsgötter mussten längerfristiger „funktionieren“ als das Jagdglück, das man kurz vor der Jagd „beschwören“ konnte. In der christlichen Religion spielen „Wein und Brot“ nicht ohne Grund eine zentrale Rolle beim Abendmahl.

WELT ONLINE : Was macht die Sesshaftigkeitsforschung so interessant? 

Reichholf: Wie bei einem Puzzle lässt sich vieles zusammenfügen, was scheinbar nichts miteinander zu tun hat. Hat man die Bausteine richtig gelegt, taucht ein Bild auf; ein unerwartetes mitunter, und das macht eine solche Forschung so spannend. Sie versucht, ganz unterschiedliche Richtungen zu verbinden. Sicher wird es Korrekturen am Bild geben, aber das ist der normale Gang der Naturwissenschaft, der weiterführt. Niemand muss die Interpretationen glauben. Jeder kann sie mit neuen, besseren Fakten berichtigen.
Das Interview führte Wolfgang W. Merkel.


Nota. - Gewohnt, dass in der bürgerlichen Gesellschaft die Besitzgier alle andern Motive überschattet, kommt es uns selbstverständlich vor, dass ursprünglich der Mangel die Triebkraft aller wirtschaftlichen Fortschritte war. Dem kam das Vorurteil aller kritisch gesinnten Geister entgegen, das Negative sei der eigentliche Motor der Entwicklung. Demgegenüber wirkt der Gedanke, es müsse erst ein Überfluss dasein, damit etwas angehäuft werden könne, spießig und dröge.

In der Vorstellung, erst im Rausch und der Verschwendung öffne sich der Blick fürs Neue und Außerordentliche, ist indes letzterem Mangel abgeholfen. Wissenschaftlich ist aber das eine so unerheblich wie das andere.

Doch weltanschaulich spekulativ sind sie nicht gleichrangig. Sie begründen vielmehr den Unterschied von Ver- stand und Vernunft. Der Mangel ist ein bloßes Loch, und als solches ist es so gegeben, wie es ist. Es zu füllen ist Sache von Fleiß und Berechnung. Das ins Loch passende Material muss gesammelt und zweckmäßig angeord- net werden. Es ist die Wiederherstellung eines gestörten Status quo ante. 

Der Überfluss wirft die Frage auf: wozu? Da ist kein Loch zum Stopfen; man muss sich was einfallen lassen. Der Zweck liegt nicht fertig auf der Hand, welcher könnte es sein? Das Setzen von Zwecken ist die Sache der Vernunft.

*

In den Wissenschaften geht der Streit seltener um die richtigen Antworten, als um die richtigen Fragen. Rein ideologisch ist das nicht.
JE






Dienstag, 18. September 2018

Die dionysische Herkunft der Kultur.

O. Lohmüller
aus scinexx

Das älteste Bier der Welt
Schon vor 13.000 Jahren brauten Menschen im Nahen Osten Bier aus Getreide 

Steinzeitliche Braukunst: In Israel haben Archäologen die ältesten Spuren des Bierbrauens entdeckt – und den ältesten menschengemachten Alkohol überhaupt. Die 13.000 Jahre alten Rückstände in Steingefäßen belegen, dass schon die halbsesshaften Menschen der Natufien-Kultur Bier aus Wildgetreide und anderen Pflanzenzusätzen brauten. Bier könnte damit sogar älter sein als das Brotbacken – und rituellen Zwecken gedient haben, wie die Forscher berichten.

Bier ist heute eines der beliebtesten alkoholischen Getränke – und der Gerstensaft hat eine lange Tradition. Schon vor gut 4.000 Jahren tranken die Sumerer einen vergorenen Getreidesaft, im Süden Ägyptens wurde vor rund 2.000 Jahren Bier als Medizin gegen Infekte konsumiert und auch bei den Galliern war das Brauen alltäglich. Die bisher ältesten Zeugnisse für Bier stammen jedoch aus dem alten China: Hier produzierten Braumeister schon vor 5.000 Jahren Getränke aus fermentiertem Getreide.

Sammlerkultur als Brau-Vorreiter

Jetzt aber könnten Archäologen um Li Liu von der Stanford University noch sehr viel ältere Zeugnisse des Bierbrauens entdeckt haben. Sie fanden diese bei Ausgrabungen in der Rakefet-Höhle im israelischen Karmel-Gebirge. Hier lebten vor rund 13.000 Jahren Menschen der Natufien-Kultureiner halbsesshaften Sammlergemeinschaft, die als Vorstufe zu den ersten Bauern gilt.


"Die Natufien-Relikte in der Rakefet-Höhle hören nicht auf, uns zu überraschen", sagt Koautor Dani Nadel von der Universität Haifa. "Wir haben dort nun 30 Gräber freigelegt mit einer Fülle von Grabbeigaben wie Feuersteinwerkzeugen, Tierknochen und Mahlsteinen, aber auch rund 100 Steinmörsern und Schalen." Drei dieser Steinmörser haben die Forscher nun auf Pflanzenrückstände hin untersucht.


Stärkekörnchen in den Gefäß-Rückständen verrieten den steinzeitlichen Brauprozess.
Stärkekörnchen in den Gefäß-Rückständen verrieten den steinzeitlichen Brauprozess.

13.000 Jahre alte Bierrückstände

Das überraschende Ergebnis: Die Menschen der Natufien-Kultur nutzten diese Mörser nicht nur, um Getreide, Flachs und Gemüse zu zerkleinern – sie brauten in diesen Gefäßen auch Bier. "Das ist das früheste archäologische Zeugnis für getreidebasiertes Bierbrauen – und der älteste Beleg für menschengemachten Alkohol", sagen die Forscher. Schon vor 13.600 bis 11.700 Jahren nutzten die Natufien demnach gesammeltes Wildgetreide zum Bierbrauen - und damit möglicherweise sogar früher als zum Brotbacken.

Die Archäologen vermuten, dass die Natufien ihr Bier für rituelle Feste brauten und das Getränk beispielsweise bei ihren Totenritualen konsumierten. "Diese Entdeckung spricht dafür, dass die Herstellung von Alkohol kein bloßer Nebeneffekt eines landwirtschaftlichen Überflusses an Getreide war", erklärt Liu. "Stattdessen wurde das Bierbrauen wahrscheinlich aus rituellen Zwecken entwickelt – und dies zumindest in gewissem Maße noch vor der Erfindung der Landwirtschaft."


Steinmörser und Braugefäße in der Rakefet-Höhle in Israel.
Steinmörser und Braugefäße in der Rakefet-Höhle in Israel.

Dreischrittiges Brau-Rezept

Wie das steinzeitliche Bier hergestellt wurde, verrieten unter anderem Analysen der Stärkekörnchen in den Pflanzenresten. Demnach nutzten die Natufien-Menschen einen dreiteiligen Brauprozess: Zuerst ließen sie das Getreide in Wasser keimen und trockneten sie wieder – es entstand Malz. Dann zerkleinerten sie das Getreidemalz in ihren Mörsern und erhitzten es. Schließlich wurde es in Gefäßen gelagert und fermentierte. Das Ergebnis war ein alkoholhaltiger Sud – Bier.

Das Steinzeit-Bier hatte allerdings nur wenig Ähnlichkeit mit den heutigen Brauereiprodukten, wie die Forscher betonen. Denn das alkoholische Gebräu der Natufien enthielt nicht nur Getreide, sondern Zusätze aus mehreren verschiedenen Pflanzenarten. Zudem ähnelte die Konsistenz vermutlich eher einem dünnflüssigen Brei als einem modernen Bier. (Journal of Archaeological Science: Reports, 2018; doi: 10.1016/j.jasrep.2018.08.008)


Nota. - Nietzsche hatte mehr Recht, als er ahnte. Er hätte gar nicht bei der attischen Tragödie Halt machen müssen, aber von Göbekli Tepe konnte er noch nichts wissen. Allerdings werden wir uns Dionysos von nun an mit Hopfengirlanden statt mit Weinlaubkränzen vorstellen müssen.
JE

Montag, 10. September 2018

Künstliche Intelligenz schafft ihre eignen Vorurteile.

Auch Künstliche Intelligenzen entwickeln Vorurteile.
aus scinexx

Auch Bots entwickeln Vorurteile
Künstliche Intelligenzen lernen voreingenommenes Verhalten auch ohne den Menschen

Voreingenommene Bots: Künstliche Intelligenzen können offenbar auch ohne vorbelasteten menschlichen Input Vorurteile entwickeln. Computersimulationen mit smarten Bots zeigen: Die Computergehirne übernehmen vorurteilbehaftetes Verhalten, indem sie andere Maschinen beobachten und kopieren. Dadurch entsteht eine Dynamik, die auch aus menschlichen Gesellschaften bekannt ist, wie die Forscher im Fachmagazin "Scientific Reports" berichten.

Computersysteme, die menschliche Intelligenz nachahmen, beherrschen inzwischen erstaunliche Fähigkeiten: Die Maschinengehirne werten selbständig Sprache, Bilder und Texte aus oder schreiben sie sogar. Zudem haben sie gelernt, sich gegenseitig etwas beizubringen und kommen auch mit komplexen Herausforderungen mühelos zurecht. In Zukunft könnten Künstliche Intelligenzen (KI) daher vermehrt Aufgaben in unserem Alltag übernehmen. 

Dabei zeichnet sich allerdings ein Problem ab: Weil solche Systeme ihre Fähigkeiten häufig durch von Menschen zur Verfügung gestellte Daten erlernen, übernehmen sie dadurch mitunter auch menschliche Vorurteile. Das Ergebnis sind beispielsweise rassistische oder sexistische Computergehirne. Doch als wäre dies nicht bedenklich genug, haben Wissenschaftler nun Hinweise darauf gefunden, dass künstliche Intelligenzen womöglich sogar ohne vorbelasteten Input von uns Menschen Vorurteile entwickeln können.

Wie entstehen Vorurteile?

Für ihre Studie untersuchten Roger Withaker von der Cardiff University und seine Kollegen mithilfe von Computersimulationen, wie Vorurteile entstehen und befeuert werden. In ihrem Modell interagierten 100 smarte Bots in einem Geben-und-Nehmen-Spiel miteinander, bei dem sie entweder jemandem aus dem eigenen Team etwas spenden sollten oder einem Spielteilnehmer von außerhalb.
 

Wen sie bedachten, entschieden diese virtuellen Akteure aufgrund der eigenen Spielstrategie sowie der Reputation anderer Individuen. Wer würde mit wem kooperieren – und wer würde wen von den Spenden ausschließen? "Indem wir diese Simulationen tausende Male durchspielten, konnten wir erkennen, wie sich Vorbehalte gegenüber anderen entwickeln und unter welchen Bedingungen sie gefördert werden", erklärt Whitaker.

Immer voreingenommener

Die Auswertung zeigte: Je häufiger die Wissenschaftler die Simulationen durchspielten, desto voreingenommener wurden die Bots. Sie tendierten im Laufe der Zeit immer stärker dazu, Akteure aus fremden Gruppen von ihren Spenden auszuschließen und exklusiv innerhalb ihres eigenen Teams zu handeln. Kurzum: Sie entwickelten immer stärkere Vorurteile gegenüber "den anderen".

Dabei beobachteten Whitaker und seine Kollegen, dass die smarten Bots ihre Spielstrategie anpassten, indem sie andere Teilnehmer kopierten – und zwar jene, die kurzfristig am meisten Geld einsammelten und demnach am erfolgreichsten waren. Auf diese Weise entstanden Gruppen von Akteuren, die sich ähnlich verhielten und konsequent nicht zugehörige Spielteilnehmer ausschlossen. Besonders hoch war das Vorurteilslevel dann, wenn es eher wenige anstatt viele unterschiedliche Gruppen innerhalb der virtuellen Population gab.

Schlichtes Kopierverhalten 

Die Bots erlernten ihre Voreingenommenheit demnach durch das schlichte Kopieren anderer Computergehirne. "Dies legt nahe, dass für die Entwicklung von Vorurteilen keine höheren kognitiven Fähigkeiten notwendig sind", schreiben die Forscher. Ihnen zufolge scheint klar: Künstliche Intelligenzen benötigen keine von Menschen gemachten Daten, um voreingenommen zu werden – es reicht, wenn sie andere Maschinen um sich haben.

"Viele KI-Entwicklungen beruhen auf Autonomie und Selbstkontrolle. Das bedeutet: Das Verhalten solcher Maschinen wird auch von anderen Maschinen um sie herum beeinflusst. Unsere Studie zeigt, was theoretisch bei Akteuren passieren kann, die regelmäßig auf Ressourcen von anderen angewiesen sind", konstatiert Whitaker.

"Damit belegen wir, dass die kollektive Intelligenz solcher Maschinen potenziell anfällig für ein Phänomen ist, das wir auch aus menschlichen Gesellschaften kennen", schließt das Team. (Scientific Reports, 2018; doi: 10.1038/s41598-018-31363-z)
(Cardiff University, 10.09.2018 - DAL)



Nota. - Künstlich ist sie ja, aber keine Intelligenz. Der Algorithmus durchschaut nichts und versteht nichts, sondern errechnet aus einer Datenmenge Wahrscheinlichkeiten. Ist die Menge große genug, ist es auch die Wahrscheinlichkeit. Vorausgesetzt ist allerdings, dass die Daten 'stimmen'. Das aber weiß der Computer nicht, es ist ihm auch ganz egal, weil er nicht versteht, was das bedeutet. 
JE

Dienstag, 4. September 2018

Unser zerrissener Nationalcharakter.


aus scinexx

Skurril: Psychologische Deutschlandkarte
Studie bestätigt Stereotype zu regionalen Persönlichkeitsunterschieden 

Die Heimat macht den Unterschied: Viele Klischees zu regionalen Persönlichkeitsunterschieden in Deutschland enthalten offenbar einen wahren Kern. Denn wie eine Studie zeigt, sind Süddeutsche zum Beispiel tatsächlich extrovertierter als Menschen aus dem Norden - und Berliner oder Kölner offener als Landbewohner. Wie es zu diesem Phänomen kommt, ist den Forschern zufolge noch unklar. 

Der Norddeutsche gilt als unterkühlt, der Süddeutsche eher als gemütlich - Großstadtbewohner sind weltoffen, Menschen vom Land dagegen reserviert. Dies sind nur einige von vielen Vorurteilen, die über die Bewohner einzelner Regionen in Deutschland existieren. Doch wie viel Wahrheit steckt in solchen Zuschreibungen? Und falls die Klischees stimmen: Wie kommt es zu den regionalen Persönlichkeitsunterschieden? 

Big Five im Fokus 

Genau diese Fragen haben sich nun Wissenschaftler um Martin Obschonka von der Queensland University of Technology in Brisbane gestellt. Sie analysierten die Daten von rund 73.000 Menschen im Alter zwischen 20 und 64 Jahren, die an einer Online-Persönlichkeitsstudie teilgenommen hatten. "Im Fokus unserer Arbeit standen dabei die sogenannten Big Five. Dabei handelt es sich um fünf Persönlichkeitsmerkmale, mit denen sich die Persönlichkeitsstruktur eines erwachsenen Menschen umfassend beschreiben lässt", erklärt der Psychologe.

Diese Big Five umfassen die Merkmale Extraversion, Verträglichkeit im Sinne von Kooperationsbereitschaft und Altruismus, Gewissenhaftigkeit, Offenheit für neue Erfahrungen sowie Neurotizismus - eine geringe emotionale Stabilität, die durch eine Tendenz zu Angst, Unsicherheit und Nervosität gekennzeichnet ist. Würde sich die Ausprägung dieser Eigenschaften je nach regionaler Herkunft der Studienteilnehmer unterscheiden?

Ausprägung von Persönlichkeitsmerkmalen in Deutschland nach Region

Wahre Klischees 

Die Auswertung zeigte: Viele der gängigen Stereotypen scheinen tatsächlich zuzutreffen. So lässt sich aus den Daten herauslesen, dass Süddeutsche tendenziell stärker nach außen gewandt sind als die Menschen an der Küste. Ein ähnliches Gefälle zeigt sich auch zwischen Ost- und Westdeutschland - damit habe sich das Bild vom introvertierten Ostdeutschen und dem eher extrovertierten Westdeutschen bestätigt, berichten die Forscher.

In Sachen emotionale Stabilität stellte das Team ebenfalls Unterschiede fest. Demnach sind die Bewohner Süddeutschlands in der Regel emotional gefestigter als etwa Menschen in Südthüringen oder in der Gegend um Bremerhaven. Interessant dabei: "In der Regionalverteilung von Neurotizismus sind wir auf eine Zweiteilung Deutschlands gestoßen, die überraschend klar der historischen Limes-Linie entspricht – mit niedrigeren Werten südlich des Limes", berichtet Mitautor Michael Fritsch von der Universität Jena.

Migrationsmuster als Erklärung 

Auch zwischen Stadt und Land lassen sich den Ergebnissen zufolge klare Trennlinien ziehen. So scheinen Landbewohner tatsächlich ein geringeres Maß an Offenheit aufzuweisen als Städter. Als besonders offen stellten sich demnach die Menschen in Berlin und in den Metropolregionen um Hamburg, Köln, aber auch Leipzig und Dresden heraus.

Weitere Analysen zeigten, dass Migrationsmuster innerhalb Deutschlands einen Teil der gefundenen Persönlichkeitsunterschiede miterklären können: "Menschen, die auf dem Land geboren und in die Stadt gezogen sind, weisen zum Beispiel deutlich höhere Werte im Bereich Offenheit auf als die Menschen, die auf dem Land bleiben", sagt Mitautor Michael Wyrwich.

Ursachen unklar 

Warum sich solche Eigenschaften abhängig von der Region unterschiedlich ausprägen, kann die Studie allerdings nicht abschließend klären. "Möglicherweise können wir zwar beispielsweise einen Zusammenhang zwischen einer niedrigeren Belastbarkeit und wirtschaftlich schwächeren Regionen herstellen, allerdings ist damit nicht klar, was zuerst da war", erläutert Fritsch.

Hinzu kommt den Wissenschaftlern zufolge, dass die gefundenen regionalen Unterschiede insgesamt relativ klein sind. "Trotzdem lassen sich aus den Ergebnissen durchaus ökonomisch relevante Informationen ableiten. Wenn wir uns etwa die vorherrschenden Persönlichkeitseigenschaften in einer Region mit hohen Gründerzahlen anschauen, dann lernen wir etwas über besonders unternehmerisch geprägte Persönlichkeitsstrukturen", sagt Fritsch. Solche und andere Analysen wollen die Forscher nun auf Basis ihrer "psychologischen Deutschlandkarte" weiter vorantreiben. (Psychologische Rundschau, 2018)
(Friedrich-Schiller-Universität Jena, 04.09.2018 - DAL)

Sonntag, 2. September 2018

Das gesamtdeutsche Tabu.

 aus welt.de, 2. 8. 2018

... Eine klare Mehrheit der Bürger ist einer Umfrage zufolge der Überzeugung, dass der Osten Deutschlands ein größeres Problem mit Rechtsradikalismus hat als der Westen. In einer Emnid-Erhebung für die „Bild am Sonntag“ äußerten 66 Prozent der Befragten diese Auffassung, nur 21 Prozent sahen dies anders. Selbst in Ostdeutschland teilten 57 Prozent diesen Standpunkt, 39 Prozent verneinten, dass das Problem im Osten größer ist als im Westen. ...

27 Prozent der Bürger finden es nach der Umfrage in Ordnung, wenn gegen Ausländer protestiert wird, 66 Prozent haben dafür kein Verständnis. ...

Da wird es morgen durch die Blätter wehen: "Ossi-Bashing bringt uns nicht weiter" und "In dieser angespannten Zeit muss man nicht noch einen weiteren Keil ins deutsche... in die deutsche Bevölkerung treiben", und mancher westlich zertifizierte Publizist wird aufzählen, wie viele Leistungen den Ostdeutschen seit der Wiedervereinigung abgefordert wurden und wie meisterlich sie das bewältigt hätten. Und außerdem gäb's die Rechten ja auch im Westen und hätte sie dort immer gegeben.

Letzteres ist wahr. Wahr ist aber auch, dass sie sich dort erst nach Hoyerswerder und Rostock-Lichtenhagen auf die Straße wagen. Noch heute sind sie im Westen eine punktuelle Erscheinung, im Osten sind sie eine regionale Größe. Ähnlich wie bei der Linken zehren im Westen die Rechten an ihrem Nährboden im Osten.

Da werden demnächst wieder eine Menge Erklärungen gefunden werden. Und wieder wird keiner auszusprechen wagen, was eine der Hauptbedingungen des rechten Aufstiegs dort war: Seit bald drei Jahrzehnten wird die deutsche Innenpolitik beherrscht von einem Tabu, das lautet: Das Ossi darf nicht gekränkt werden.  

Denn was immer das Ossi sonst auch noch sei, vor allen Dingen ist es eins: verletzlich. Und da seit der Wiederverei- nigung Bundestagswahlen im Osten gewonnen oder verloren werden, hat kein Politiker und kein Journalist die Cou- rage, ihnen die Dinge zu sagen, die man ihnen hätte sagen sollen, als vielleicht die Ohren noch offen waren. Aber damals war's nicht die Angst vor den Rechten, die 'den Eliten' in der Hose saß, sondern die vor der PDS...

*

Die erste Generation, die die DDR erlebt hat, waren die Überlebenden des Krieges, die sich im antifaschistischen Bollwerk unter sowjetischer Besatzung über ihre Vergangenheit keine Fragen zu stellen brauchten. Im Westen woll- ten sie es genausowenig, aber es blieb ihnen schließlich nicht erspart. Die tiefste Spaltung Deutschlands brachte nicht die Mauer, sondern das Jahr 1968, das im Osten ausfiel.

In der Gesellschaft der DDR sind zwei Generationen großgeworden. Unrechtsstaat, Nischengesellschaft oder kommode Diktatur - auf jeden Fall war es eine Welt, die Eigenwillen und Wagemut erstickte, wo immer sich ein Fünkchen regte, von der Krippe bis... Wer nie selber etwas entscheiden kann, kann sich für nichts verantwortlich fühlen, und was für viele Einzelne in der ersten Generation noch ein beschämendes Gefühl der Ohnmacht gewe- sen sein muss, war für die große Masse schließlich selbstverständlichste Condition humaine, und wer es partout nicht ertragen konnte, suchte irgendeinen Weg nach Westen.

Wer nichts selber machen darf, der erwartet entschädigungsweise alles von dem, der es ihm vewehrt. Das Normal- verhältnis des DDR-Bürgers zu seinem Staat war das Ressentiment. 'Alles willst du regeln? Na, dann mach mal!' Und weil natürlich nichts klappte, hieß es allerorten: Anmahnen, einfordern, Versagen anprangern! Freilich nur daheim in der Datschen-Nische, draußen hielt man die Zunge im Zaum.
 
Öffentliche Duckmäuserei bei privater Ansprüchlichkeit waren die Bewusstseinsverfasssung des entwickelten sozia- lisitschen Menschen, und nichts ist geschehen, um daran etwas zu ändern. Die Leipziger Montagsdemonstranten haben sich was getraut, das wird keiner leugnen, und vielleicht waren sie nicht weniger von ihrer Courage überrascht, als der Rest der Welt. Doch danach ist von unten nicht mehr viel gekommen. Die DDR ist buchstäblich zusammengebro- chen, eine Volksrevolution war das nicht.

Und so musste sich keiner, der's nicht von sich aus wollte, groß ändern. Um das Ausmisten des eigenen Saustalls haben sie sich schlau gedrückt, indem sie sich flugs der Bundesrepublik anschlossen, die war jetzt für alles verant- wortlich, und das Ressentiment sprach prompt von Siegerjustiz, und wer "gegauckt" wurde, fühlte sich auf einmal gedemütigt, wie er es in der DDR nie tat. Die Entstasifizierung war  ihnen von andern angetan worden, und das war auch schon zuviel. "Ich habe mir nichts vorzuwerfen." Habe nur Befehle ausgeführt sagte man früher. Und weiter hieß die Einstellung zum Gemeinwesen anmahnen, einfordern, Versagen anprangern. Mit dem Unterschied, dass sie es jetzt öffentlich dürfen. 

Die Kontinuität besteht im Ressentiment. Der Unterschied ist, dass es sich damals um die stalinistische Konserve des preußischen Obrigkeitsstaat handelte und heute um einen repräsentativen liberalen Rechstsstaat. Dass sie in ihrer großen Masse diesen Unterschied nie begriffen haben, müssen sie sich selber vorwerfen; und müsste ihnen, weil es schlimme Folgen hat, nun endlich in aller Öffentlichkeit vorgeworfen werden.

Ihr mögt lamentieren, wie ihr wollt - wenn ihr euch das nicht traut, habt ihr euch "Pro Chemnitz" redlich verdient.



.




Freitag, 31. August 2018

Patrioten sind nicht die, die sich so nennen.


aus FAZ.NET, 31. 8. 2018                                                   Martin Kohlmann von „Pro Chemnitz“

... Vor etwa 900 Demonstranten, die in Chemnitz gegen einen Besuch des sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (CDU) protestierten, rief Kohlmann die Frage ins Mikrophon, ob „wir“ mit Polen, Ungarn und Tschechen nicht mehr gemein hätten, als „mit diesen Wessis“. Es sei für ihn beispielsweise „ein Unterschied wie Tag und Nacht“, ob er mit russischen, polnischen und tschechischen Journalisten rede, oder mit westdeutschen.

Der F.A.Z. sagte Kohlmann wenig später, Sachsen habe mit den Visegrád-Staaten „mehr gemein, als mit der westlichen Bundesrepublik“. Deshalb solle man heute „zumindest über Autonomie“ für einzelne Bundesländer reden. Man müsse „hier mehr Dinge selbst entscheiden“ können. „Wenn ein ungarischer Ministerpräsident sagt „wir wollen das nicht“, dann sollte das ein sächsischer Ministerpräsident auch sagen können“.


Nota. - National sind diese Leute ebensowenig wie konservativ. Nicht nur wollen sie Deutschland in der Welt klein halten. Sie sind reaktionäre Partikularisten. Am liebsten würden sie Deutschland in lauter autonome Laubenkolonien zerteilen.
JE


 

Donnerstag, 30. August 2018

Der Mensch als Schöpfer der Natur.

Die Wanderungen etwa der Gnus folgen Wegen, die Nutztiere vor 3500 Jahren gezogen haben.
aus Die Presse, Wien,

Wie frühe Hirten Afrikas Savannen nährten
Nutztiere machten mit ihrem Dung den Boden fruchtbar. Davon profitiert die Natur bis heute.

 

Wenn es um unberührte Natur geht, an die der Mensch seine Hände besser nicht legen sollte, dann kommen einem die Regenwälder in den Sinn, vor allem jene Amazoniens, und die Savannen in Ostafrika, die Serengeti etwa: Jeder Eingriff kann die Natur nur (zer-)stören!

Das stimmt für die großflächigen Abholzungen Amazoniens, aber just sie haben ans Licht gebracht, dass der heute dünn besiedelte Regenwald einst Millionen Menschen beherbergt hat, und dass die heutige Natur ein Produkt früherer Kultivierung ist, man sieht es noch an Bäumen, von denen viele gesetzt wurden, man sieht es noch an Böden: Jene Amazoniens sind von Natur aus extrem nährstoffarm, sie wurden durch Einarbeitung von Holzkohle und Fischgräten verbessert, zu fruchtbarer „terra preta de indio“.

Durch Pferche gedieh üppiges Gras
 
So ein Name hat sich für die Savannen Afrikas noch nicht gefunden. Aber auch ihre Böden sind von Natur aus arm und partiell von Menschen veredelt bzw. von den Nutztieren – Rindern, Ziegen und Schafen –, mit denen sie früh dort zogen, wo heute die endlosen Herden von Gnus wandern. Denn diese Tiere ernährten sich nicht nur von der spärlichen Vegetation, sie förderten sie auch, indem sie fruchtbare „Hotspots“ kreierten. Das waren die Pferche, in die die Tiere über Nacht kamen und in denen sie ihren Dung absetzten. Dessen Spuren hat Fiona Marshall (St. Louis) nun zurückverfolgt, in eine Vergangenheit von bis zu 3500 Jahren: So alt sind Hirtenrast- plätze im Südwesten Kenias, deren Böden in einer Tiefe von einem halben Meter eine feinkörnige graue Schicht haben, sie ist mit bloßem Auge sichtbar.

Ihr Inhalt braucht aufwendigere Analysen: Die der Isotopen des Stickstoffs zeigt etwa, dass er aus Dung und Urin von Grasfressern stammt. Sie haben auch mineralische Nährstoffe konzentriert, Phosphor vor allem und Kalziumkarbonat, manches stammt etwa aus Knochen von Tieren, die an den Rastplätzen verendet sind oder geschlachtet wurden (Nature, 29. 8.). Das alles sorgte für einen Boden, auf dem nach Regen rasch neues Grün gedieh, Gras, das setzte sich gegen Gebüsch, Bäume durch und verdrängte sie. Es zog später auch wilde Graserherden an und, in ihrem Gefolge, Raubtiere.

Diese Bodenveredelung hält sich bis heute, sie wird immer wieder aufgefrischt, etwa von wandernden Gnus. Beim Weiterziehen tragen sie in ihren Körpern die Nährstoffe auch in Flüsse, in denen Krokodile warten. „Als die Steinzeithirten vor 3500 Jahren nach Ostafrika gekommen sind, haben sie die Vegetation nicht verschlech- tert, wie man oft vermutet, sondern verbessert“, erklärt Koautor Stanley Ambros (University of Illinois). 

Marshall ergänzt: „Ökologen vermuten, dass die Wanderungen wilder Tiere von den nährstoffreichen Bereichen, die nach Regen rasch ergrünen, beeinflusst werden. Und unsere Befunde zeigen, dass einige davon das Ergebnis der prähistorischen Hirten sind.“

Mittwoch, 22. August 2018

Europäischer Schmelztiegel.

aus derStandard.at, 22.8.2018

Wo wir Europäer genetisch herkommen 
Europa war immer schon ein Migrationsgebiet, das lässt sich an unseren Genen ablesen und hat Einfluss auf die medizinische Forschung 

von Bernadette Redl, CURE 
 
50 – 30 – 20. Was klingt wie eine Größenangabe, beschreibt in Wahrheit aber uns alle. Mit "uns" sind die Bewohner Zentral- europas gemeint und mit 50, 30 und 20 Prozent unsere genetische Zusammensetzung, denn sie ist ein Potpourri. Beginnen wir von vorn, also bei den ältesten Vorfahren, die in unserem Erbgut zu finden sind: den Ureuropäern, von Berufs wegen Jäger und Sammler.

Sie sind vor etwa 40.000 Jahren über Zentralasien aus Afrika ausgewandert und haben sich, in Europa angekommen, mit den Neandertalern fortgepflanzt und diese schließlich verdrängt. Für diese Wanderung gibt es archäologische und paläoanthropologische Befunde, doch auch genetische Untersuchungen deuten darauf hin. 20 Prozent unserer Gene lassen sich auf diese Gruppe zurückführen.

Vor 8.000 Jahren hat eine weitere Wanderungsbewegung Einfluss auf unsere genetische Zusammensetzung genommen. Damals sind Ackerbauern aus Anatolien eingewandert, sie beherrschen unsere DNA heute zu 50 Prozent. "Die Hälfte der heutigen Gene der Zentraleuropäer ist also eigentlich asiatisch", sagt Johannes Krause, Direktor des Max-Planck-Instituts für Menschheitsgeschichte in Jena.

Asiatische Komponenten

Auch ein alter Bekannter war damals mit von der Partie: Zumindest die väterliche Linie Ötzis, so der aktuelle Stand der Wissenschaft, ist Teil einer genetischen Grundausstattung, die damals aus dem Nahen Osten nach Europa gekommen ist.

Eine Wanderungsbewegung vor rund 5.000 Jahren hat schlussendlich die letzten 30 Prozent unserer heutigen genetischen Zusammensetzung zu verantworten. Die letzten Ankömmlinge waren Bevölkerungsgruppen aus der russischen Steppe nördlich des Kaspischen Meeres. "Die Expansion dieser Population hat die genetische Zusammensetzung noch einmal verändert und eine weitere asiatische Komponente mitgebracht", sagt Krause.


Vermutlich verdanken wir dieser Gruppe auch die europäischen Sprachen und unsere helle Hautfarbe. Durch diese Wanderungsgeschichte und die Verbindung über die Beringstraße, so Krause, sind die Europäer genetisch weit enger mit Nord- und Südamerikanern, auch mit Indianern als etwa mit den Chinesen verwandt.

Schöner Mix

Unsere Gene sind also eine Mixtur verschiedener Populationen, die in den letzten tausend Jahren nach Europa gekommen sind. "Die haben sich tatsächlich sehr gut vermischt und auch nicht vor Großbritannien oder der Iberischen Halbinsel haltgemacht. Die Migrationsströme sind, mit kleinen Ausnahmen wie etwa Sardinien, in alle Teile Europas vorgedrungen", sagt Krause. "Weil Europa eine sehr kleine Region ist, gab es immer viel genetischen Austausch." Durch diese Durchmischung sind sämtliche Gene überall vertreten, was so viel heißt wie: Wir Europäer sind alle relativ nahe verwandt.

Und dennoch: Nicht überall ist die Zusammensetzung aus 50, 30 und 20 Prozent gleich. "Je nachdem, wo man ist, gibt es mehr oder weniger Komponenten aus der Vergangenheit, die Mixturen unterscheiden sich", sagt Krause. Wie genau unsere genetischen Daten zeigen, woher wir kommen, hat im Jahr 2008 eine Studie der Universität von Kalifornien gezeigt.

Als Forscher die DNA von Menschen mit ähnlichen genetischen Strukturen analysierten und die Ergebnisse auf einem geografischen Raster darstellten, wurden die wichtigsten geografischen Merkmale Europas erkennbar.

Dafür wurden Erbgutausschnitte von Europäern und Informationen zur Herkunft ihrer Großeltern ausgewertet. Als die Forscher ihre Ergebnisse entlang von zwei Achsen grafisch darstellten, erhielten sie eine Karte, die der Europakarte verblüffend ähnlich war – Italien, die iberische Halbinsel und sogar Unterschiede zwischen der italienisch-, deutsch- und französischsprachigen Schweiz waren darauf zu erkennen.

An den genetischen Daten kann also die geografische Herkunft der Vorfahren eines Menschen abgelesen werden. "An der Mixtur kennt man einem Europäer an, dass er Europäer ist", sagt Krause.

Besonderheiten

In manchen Regionen sind die genetischen Merkmale sogar besonders spezifisch, etwa auf Sardinien. Krause: "Die Sarden sind genetisch fast komplett so zusammengesetzt wie die frühen Einwanderer aus Anatolien vor 8.000 Jahren. Jäger-und-Sammler- sowie Steppengene finden sich kaum."

Das hat auch die Untersuchung der kalifornischen Forscher ergeben: Durch die geografische Isolation Sardiniens ist dort eine eigene, vom italienischen Festland abgegrenzte genetische Population zu finden. Auch die Esten sind besonders. Sie haben die größte Menge eiszeitlicher DNA in Europa, die Anteile der Jäger und Sammler im Erbgut sind sehr hoch.

Und noch ein Land in Europa sticht hervor, wenn um die Gene geht: Island, das "lebende Labor", wie Adam Rutherford es in seinem Buch "Eine kurze Geschichte von jedem, der jemals gelebt hat" nennt. Denn eine Vielzahl der Isländer hat ihre genetischen Daten der Forschung zur Verfügung gestellt.

Das Unternehmen, das sie besitzt, heißt DeCode Genetics und wurde im Jahr 2012 vom amerikanischen Biotechnologieunternehmen Amgen gekauft. Gemeinsam mit den Ahnentafeln und Verwandtschaftslinien, die in Island fast bis zu den Anfängen der Besiedelung im Jahr 900 erhalten sind, lässt sich rekonstruieren, wie jeder Isländer mit jedem Isländer verwandt ist. "Für eine genetische Studie ist das toll", sagt Krause.

Auch bei Amgen ist man begeistert: "Wir können durch die isländischen Daten die genetischen Grundlagen verschiedener Krankheiten besser verstehen und so neue Therapien dafür finden", sagt John Dunlop, Vizepräsident des Forschungsbereichs Neurowissenschaften.

Muster, die in unserer Biologie zu Krankheiten führen, schreibt auch Rutherford, könne man beim Individuum oft nicht erkennen, in einer großen Anzahl von Daten dagegen schon. Da auch die Isländer aufgrund ihrer geografischen Lage isoliert sind, so Rutherford, kann untersucht werden, "was vererbt wird, und was auf die Umwelt zurückzuführen ist".

Geringere genetische Vielfalt

Doch unter Wissenschaftern gibt es Skeptiker in Bezug auf die Erforschung von neuen Medikamenten mithilfe der isländischen Daten. Johannes Krause ist einer von ihnen. "Island ist eigentlich nicht die ideale Population, um solche Forschungen durchzuführen, weil die genetische Vielfalt dort viel geringer ist." Um möglichst repräsentativ zu sein, so Krause, "sollte man so eine Studie dort durchführen, wo wir herkommen, nämlich in Afrika". Dennoch sieht Krause auch Vorteile: "Um bestimmte Mechanismen zu verstehen, hilft das Projekt in Island der Forschung dennoch sehr."

Doch nicht nur innerhalb, auch nach außen hin unterscheiden Europäer sich genetisch. Etwa wenn es um Milch geht. Denn die Hälfte der Europäer ist laktoseintolerant, weiß Krause: "Das ist in den Genen festgeschrieben." In Europa allerdings haben 50 Prozent der Menschen auch eine Mutation, die sich in den letzten 3000 bis 4000 Jahren ausgebreitet hat und die es uns möglich macht, im Erwachsenenalter Milch zu trinken. 

Dieses ungewöhnliche Phänomen heißt Laktasepersistenz, punktuelle DNA-Veränderungen sind laut Rutherford dafür verantwortlich. "Wir sind die Mutanten, im Rest der Welt ist das weniger verbreitet", sagt Krause.

Woher die Vorsicht kommt

Und noch etwas unterscheidet unser Genom: Die Spuren der Pest, die vor 5.000 Jahren mit den Steppenbewohnern nach Europa gekommen ist. Wer sie überlebt hat, reagierte mit bestimmten Genvarianten. Untersuchungen des Erbguts von Roma in Rumänien, die einst aus Nordwestindien nach Europa gewandert waren, und von jenen Populationen, die noch in Indien leben, haben gezeigt: Letztere haben diese Genvarianten nicht. Die Pest hat sich also in das europäische Erbgut eingeschrieben.

Eingeschrieben, und zwar in unsere Köpfe, ist uns Europäern auch die Vorsicht, wenn es um genetische Eigenschaften geht und darum, sie bestimmten Menschengruppen zuzuordnen. "In den USA wird verlangt, dass Patienten im Krankenhaus ihre ethnische Herkunft angeben, weil man bei bestimmten Medikamenten schon weiß, dass sie je nach Migrationshintergrund unterschiedlich funktionieren", sagt Krause.

Immer enger verwandt

In Europa ist man bei Einteilungen weit vorsichtiger, besonders bei Begrifflichkeiten. Das Wort "Rasse" ist seit dem Nationalsozialismus verpönt, von Ethnien oder Bevölkerungsgruppen ist nun die Rede. Doch nun, gerade durch die Erforschung des Erbguts, geht es wieder um Unterschiede und Gemeinsamkeiten – sie werden jetzt besonders deutlich.

Insgesamt, sagt Krause, sind wir alle zunehmend enger miteinander verwandt. Durch den regen Austausch und die Globalisierung rücken die Menschen auf dieser Welt immer näher zusammen – auch genetisch.