Mittwoch, 18. April 2018

Montag, 16. April 2018

Zartsprech und Infantilismus.

astrid.guth
aus derStandard.at, 16. April 2018, 08:00 

Philosoph Robert Pfaller: 
"Moralisieren ist immer eine Verfallserscheinung" 
Robert Pfaller über den Verlust der Erwachsenensprache in Politik und Kultur, die nur noch sprachliche Sozialpolitik der "Pseudolinken" und die bloß symbolische "Volksnähe" der neuen Rechten

Schon vor fünf Jahren war er von der "gouvernantenhaften Politik", die ihm nicht nur das Rauchen verbieten wollte, so genervt, dass der Wiener Philosoph Robert Pfaller die Initiative "Mein Veto – Bürger gegen Bevormundung" (unter anderem von der Tabak- und Bierindustrie unterstützt) und gleich auch noch "Adults for Adults" mitinitiierte, eine Gruppe europäischer Intellektueller sowie Künstlerinnen und Künstler, die sich gegen bevormundende Politik, die die [Wählerinnen und] Wähler "wie Kinder behandelt", einsetzen. Sein jüngstes Buch heißt Erwachsenensprache. Über ihr Verschwinden aus Politik und Kultur.  

Aber wem nützt die Infantilisierung? Antworten darauf gibt Pfaller am 25. April (17 Uhr, Hörsaal 3D, NIG, Universitätsstraße 7) im Rahmen der von Konrad Paul Liessmann in Kooperation mit dem STANDARD organisierten Vortragsreihe "Fachdidaktik kontrovers" – und vorab hier:

STANDARD: Haben Sie Ihre Sprache im Lauf der jüngeren Zeit verändert? Gendern Sie? Schreiben Sie das Binnen-I? Gibt es Wörter, die Sie nicht mehr sagen, weil "man" sie heute nicht mehr sagt?

Pfaller: Natürlich versuche ich andere Menschen beim Sprechen nicht ungewollt zu kränken oder zu beleidigen. Das Beste, was man meiner Ansicht nach dazu tun kann, ist, wie ein vernünftiger Mensch zu ihnen zu sprechen. Eine Kunstsprache zu verwenden, also zu "gendern" oder ein Binnen-I einzufügen, scheint mir dabei eher hinderlich. Man klingt dabei schnell nicht mehr wie ein vernünftiger Mensch. Und man wirkt auf ungute Weise bemüht oder sogar ein wenig aggressiv – so, als ob man Peinlichkeit vermeiden müsste oder den anderen belehren wollte. Diese Sprachtricks dienen ja nicht so sehr dazu, Dritte zartfühlend zu benennen. Sie haben in erster Linie die Funktion, die Zweiten, also die, zu denen man spricht, sozial zu überbieten und sie pädagogisch zu unterwerfen.

STANDARD: Sie kritisieren die politisch korrekte Sprache als Symptom einer zunehmenden Infantilisierung der Gesellschaft. Warum?

Pfaller: Das Zartsprechen ist das kulturelle Symptom eines ökonomischen Politikversagens. Man hat Probleme, die in der Ökonomie zu erledigen gewesen wären, in die Kultur verlagert und sie dort zu behandeln versucht. Wenn man das aber tut, dann löst man die Probleme nicht nur nicht, sondern man produziert sogar neue. Nun werden die Menschen nämlich von ihren Interessen abgelenkt auf ihre Empfindlichkeiten. So werden sie un- fähig, ihre wichtigsten Interessen wahrzunehmen und sich dafür mit anderen, ungeachtet von deren Identitäten oder Empfindlichkeiten, zusammenzuschließen. 

Die Propaganda der Empfindlichkeit entsolidarisiert. Und sie zerstört den öffentlichen Raum. Denn wo sie herrscht, kann niemand mehr mit anderen unter Absehung von der jeweiligen Person sprechen. Britische Studierende sagen etwa nicht mehr "Ich stimme nicht zu", sondern ein- fach nur "Was Sie sagen, verletzt mich". Da hört sich jeder Diskurs unter vernunftbegabten, politikfähigen Menschen auf. Das ist ein perfektes neolibera- les Ergebnis.

STANDARD: Was ist für Sie eigentlich "Erwachsenensprache"?

Pfaller: Erwachsen zu sprechen heißt, unter Absehung von der eigenen Person zu sprechen – also die eigenen Besonderheiten, Empfindlichkeiten, Befindlichkeiten und Macken hinter sich zu lassen, um sowohl in sich selbst als auch im Gegenüber das Allgemeine – etwa der besseren Begründung oder des besseren Arguments – zum Vorschein zu bringen. Erwachsenheit ist die Fähigkeit zu solcher Distanznahme gegenüber sich selbst. Sie setzt die Einsicht voraus, dass bestimmte Widrigkeiten Teil des Lebens sind – dass also zum Beispiel, wie die amerikanische Feministin Laura Kipnis bemerkt, nicht alle Liebesgeschichten immer ganz wunschgerecht verlaufen, was aber nicht bedeutet, dass sie deshalb schon als "traumatisch" gewertet werden müssten. Erwach- sene können mit so etwas rechnen, und sie können es verkraften, weil sie wissen, dass sie keine Mikroorganis- men sind, die schon durch Kleinstes, etwa durch sogenannte Mikroaggressionen, aus der Bahn geworfen werden können.

STANDARD: Wann wurde denn aus dem Erwachsensein eine Form intellektualisierter Hyperempfindsamkeit?

Pfaller: Meine These lautet, dass diese postmoderne Propaganda der Empfindlichkeit und der exzessiven Behutsamkeit im Sprechen die Begleiterscheinung und Komplizin der brutalen, raubtierhaften neoliberalen Ökonomie ist. In dem Moment, ungefähr um 1980, als auch die Sozialdemokratien der westlichen Länder nicht mehr an der so erfolgreichen keynesianischen Ökonomie festhielten, die in den ersten drei Nachkriegsjahrzehn- ten für Wohlstand, soziale Sicherheit und zunehmende Gleichheit gesorgt hatte, verlagerten sie ihre Engage- ments in die Kultur. Statt Gleichberechtigung und Kinderbetreuungseinrichtungen bekam man nun "Diversity" oder Binnen-Is.

STANDARD: Sie vermissen erwachsene Sprache auch in der Politik. Ist die von Politikern gern geäußerte Phrase, man wolle "die Sorgen der Bürger ernst nehmen", schon so eine sprachliche Präparierung des potenziell immer besorgten, verletzten, schutzbedürftigen Wesens, das man dann "Bürger" nennt?

Pfaller: Mir scheint eher, dass diese Phrase ein anderes Versäumnis bezeichnet: die Vernachlässigung der unteren Hälfte der Gesellschaft. Diese hat in den letzten 30 Jahren massive Einkommensverluste erleiden müssen. Dazu kommt noch der Verlust an Sozialprestige. Durch Political Correctness und ähnliche Kultur- programme hat man die weniger Gebildeten zusätzlich deklassiert und auch das Leid und seine Anerkennung nach oben, zu den Eliten, umverteilt. Die Unteren dagegen sind nicht verletzlich oder empfindlich. Die haben wirkliche Sorgen; sie sind wütend und fürchten weiteren sozialen Abstieg. Darum wählen sie nun oft rechts: weil das am ehesten ihre Wut ausdrückt und weil sie hoffen, dadurch die ganz Unteren auf Abstand halten zu können.

STANDARD: Was bedeutet die von Ihnen konstatierte "Politik der Verletzlichkeit" für die Politik? Dass poli- tisch inkorrekte "Locker-Room-Talker" wie Donald Trump oder Rechtspopulisten zum Zug kommen, weil es der Linken, nachgerade buchstäblich, die Rede verschlägt vor lauter Ringen um die feinsten, empfindsamsten Worte?

Pfaller: Da das Zartsprechen der Pseudolinken als etwas Elitäres wahrgenommen wird, reden die Rechtspopuli- sten ihrerseits nun vulgär: Dadurch können sie sich als "Vertreter der einfachen Leute" aufführen. Auch wenn sie das in ihrer ökonomischen Politik natürlich nicht sind. Aber so, wie die Linke nur noch sprachliche Sozial- politik betreibt, genügt es der neuen Rechten, bloß auf der symbolischen Ebene "volksnah" zu sein. Der Rechten diese billige erfolgbringende Möglichkeit eröffnet zu haben ist einer der größten strategischen Fehler der linken Sprach- und Kulturprogramme.

STANDARD: In welchem Ton würden Politikerinnen und Politiker mit uns reden, wenn sie wieder "Erwachse- nensprache" nutzen würden?

Pfaller: Wie mit vernünftigen, erwachsenen Menschen, die belastbar und klug genug sind, entscheidende Fragen von unbedeutenden – und wirkliche Politik von bloß symbolischer Pseudopolitik – unterscheiden zu können.

STANDARD: Ist dieser immer diffizilere und elaboriertere Sprachdiskurs nicht eigentlich angesichts der konkreten Lebenslagen von vielen Menschen auch ein totaler Eliten- oder auch Mittelschichtsluxusdiskurs, den man sich buchstäblich leisten können muss, weil man mit der Bewältigung des Alltags nicht wahnsinnig überbeansprucht ist?

Pfaller: Genau. Um Probleme der angemessenen Bezeichnungen oder der Geschlechtsidentitäten ganz oben auf der Prioritätenliste zu haben, muss man zur oberen Hälfte der Gesellschaft gehören, beruflich hauptsächlich am Computer arbeiten, gebildet sein und mit Konkurrenten in erster Linie um sogenanntes kulturelles Kapital wett- eifern.

STANDARD: Sie konstatieren ja auch eine "verblödende Moralisierung der Politik". Was meinen Sie damit? Hat Politik nicht auch die Aufgabe, bestimmte Dinge, die mit einigem Recht als richtig oder zumindest richtiger als andere gelten, zu forcieren und zu unterstützen und das Gegenteil zurückzudrängen? Sei es zum Beispiel der Nichtraucherschutz oder aber gegen Diskriminierung von Frauen, Homosexuellen oder anderen aktiv vorzugehen?

Pfaller: Politik hat die Aufgabe, Konflikte zwischen Interessen auszutragen und für Verhältnisse zu sorgen, in denen Menschen einander als Gleichgestellte gegenübertreten können. Moralisieren ist dem gegenüber immer eine Verfallserscheinung. Die Moral romantisiert die Schwäche und erklärt die Schwachen und die Opfer grundsätzlich zu den Guten, die sie damit über die "Bösen" stellt. Die Moral entsolidarisiert also und erzeugt neue symbolische Hierarchien. Sie will, dass es die Schwachen gut haben. Politik dagegen hat dafür zu sorgen, dass niemand schwach ist. Ebenso verhält es sich übrigens mit den derzeit beliebten, meist lächerlichen "ethischen" Waren oder Unternehmensstrategien. Bertolt Brecht hat einmal gesagt: "Wenn der Pilot eines Verkehrsflugzeugs ein Genie sein muss, dann kann etwas mit den Instrumenten nicht stimmen." So ist es auch derzeit in der Wirtschaft: Wenn ein Unternehmen sich tugendhaft wie ein Heiliger verhalten möchte oder die Bankiers nicht gierig sein sollen, dann kann etwas mit den Gesetzen nicht stimmen. Politik hat für Verhältnisse zu sorgen, in denen "Codes of Conduct", also Verhaltenskodizes, überflüssig sind.

STANDARD: Was bedeutet der Verlust der Erwachsenensprache eigentlich für die, die tatsächlich infantil, also kindlich, sein dürfen – die Kinder nämlich –, wenn sie zunehmend von infantilisierten "Erwachsenen" umzingelt sind?

Pfaller: Ich fürchte, nichts Gutes. Denn sogar Kinder kann man noch infantilisieren. Dies scheint mir in vielen aktuellen Pädagogiken der Fall zu sein. 

Robert Pfaller (Jg. 1962) ist Professor für Philosophie an der Kunstuniversität Linz, zuvor lehrte er an der Angewandten in Wien sowie unter anderem in Amsterdam, Berlin, Chicago, Oslo, Straßburg und Toulouse.


Nota. - Aus dem Herzen spricht mir das ja. Links bedeutete früher Nähe zur Revolution, und das hieß Kampf und Kräfteverhältnisse. Jetzt bedeutet es Empfindsamkeit und Geplärr. Das ist eine ganz heimtückische Art der Unterwanderung.

Aber aus dem Verstand spricht er mir doch nicht. Meint er, um echt links zu bleiben, reicht es aus, "erwachse- ner" zu sprechen? Sympathischer ist er mir dann immer noch, aber wirklich ernst - ich meine: für wirklich er- wachsen könnte ich ihn dann doch nicht nehmen.

Apropos. Kinder sind kindlich, mit allem Recht. Naiv sind Erwachsene, die ein reines Herz bewahrt haben. Kindisch, infantil sind Erwachsene, die sich vor der Verantwortung drücken und das Bett nässen.
JE

Samstag, 31. März 2018

Das Kollektiv korrumpiert.


aus Süddeutsche.de,

Verhaltensökonomie 
Lügen ist ansteckend
Eine Studie der Ludwig-Maximilians-Universität München zeigt: Menschen in Teams sagen häufiger die Unwahrheit als Menschen, die alleine arbeiten.
 
Von Martin Scheele

Wenn Kollegen in einem Team zusammenarbeiten, verhalten sie sich häufiger unehrlich als Menschen, die alleine arbeiten. Dieses Ergebnis hat eine Studie von Verhaltensökonomen der Ludwig-Maximilians-Universität in München erbracht. Für das Experiment haben die Forscher insgesamt 273 Studienteilnehmer gebeten, das Video eines Würfelwurfs zu beobachten und anschließend die gewürfelte Zahl zu nennen. Je höher die genannte Augenzahl, desto höher war die versprochene Gratifikation. Lügen wurden nicht bestraft. Es bestand also für die Teilnehmer ein gewisser Anreiz, eine möglichst hohe Zahl zu nennen und zu lügen. Die Aufgabe wurde sowohl Probanden, die alleine entschieden, als auch Probanden, die sich über ihr Ergebnis in einem anonymen Gruppenchat abstimmten, gestellt.

Zwei verschiedene Gruppenkonditionen wurden dabei untersucht: Gruppen, in denen nach dem Chat alle Mitglieder dieselbe Zahl nennen müssen, damit sie die Vergütung erhalten. Und Gruppen, die zwar chatten können, aber in denen die genannte Zahl nur für die eigene Vergütung ausschlaggebend war. Letztere mussten sich also nicht einigen und koordinieren.

Bewusst haben die Ökonomen zwei Aspekte ausgeschlossen, nämlich besseres Verständnis und geteilte Verantwortung. In früheren Untersuchungen wurde bereits gezeigt, dass Individuen in Gruppen komplexer Strukturen und Systeme eher unehrlich handeln, weil sie diese besser ausnutzen können. In der neuen Studie war die Aufgabe so einfach, dass es keine Verständnisunterschiede zwischen Individuen und Gruppen geben konnte. Auch dass sich Individuen durch die Verantwortungsteilung in Gruppen hinter der Gemeinschaft verstecken, ist bereits bekannt und wurde deshalb nicht noch einmal untersucht. Trotz dieser beiden ausgeschlossenen Aspekte gab es viel mehr Unehrlichkeit in den Gruppen.

So haben der Studie zufolge 61,5 Prozent der Teilnehmer gelogen, als sie alleine entscheiden sollten. 86,3 Prozent der Teilnehmer von Gruppen, die sich absprechen konnten, aber in denen jeder für sich entschied, sagten die Unwahrheit. Und sogar 89,7 Prozent der Teilnehmer in Gruppen, die sich zwecks einer Gratifikation koordinieren müssen, täuschten.

"Teilnehmer in Gruppen verhalten sich häufiger unehrlich", sagt Lisa Spantig, Laborleiterin und Doktorandin am Lehrstuhl Verhaltensökonomie und experimentelle Wirtschaftsforschung. Der Grund für diesen "dishonesty shift", wie die Forscher das Phänomen nennen, ist, dass sich die Mitglieder einer Gruppe über ihre Normvorstellungen und die Argumente dafür austauschen. "Es liegt am Feedback. In Gruppen stimmen die Mitglieder ihre Vorstellungen, was richtig ist und was nicht, aufeinander ab. Dadurch gelingt es den einzelnen Beteiligten eher, die Norm umzuinterpretieren, als wenn sie allein entscheiden müssten", erläutert Spantig.

Wie die Untersuchung auch zeigt, gehen die Teilnehmer nach solchen Gruppenprozessen eher davon aus, dass andere auch lügen, und verhalten sich dann entsprechend. Die Zusammensetzung der Gruppe im Hinblick auf die Anzahl Lügner spielt kaum eine Rolle: Sogar in Gruppen, in denen vorher alle ehrlich waren, kommt es zum Lügen.

Sind die Gruppen einfach "kreativer", was die Argumente für Unehrlichkeit angeht? "Bei der Analyse der Chats finden wir, dass den Gruppen ähnliche und ähnlich viele Argumente einfallen wie Einzelpersonen, die fünf Minuten Zeit haben, um ihre Gedanken niederzuschreiben", sagt Spantig. "Der Unterschied ist, dass es innerhalb einer Gruppe Feedback zu den Argumenten geben kann, sodass die Argumente letztlich überzeugender sind." Gleichzeitig könne man sich in der Diskussion ein Bild von den Moralvorstellungen anderer machen, "man lernt sozusagen, was genau die Norm ist und wie stark sie ist". Dies führe dann zu vermehrter Unehrlichkeit, wenn die Norm innerhalb der Gruppe Unehrlichkeit zulässt.


Nota. - Das ist ja kein Naturgesetz, dass Lügen ansteckt. Wenn es die Gruppennorm will, kann auch Aufrich- tigkeit antecken. Die Frage ist nur: Was von beiden ist wahrscheinlicher? Und da wird man sagen müssen: das, was eher Vorteil verspricht. Kollektivismus maccht weder moralische noch unmoralischer. Er macht opportuni- stischer, und das ist an sich unmoralisch.
JE

Sonntag, 25. März 2018

"Austrofaschismus".

UNSPECIFIED - JANUARY 01: Dependents of the Heimwehr are watching a roadblock during the Riots in Vienna, Schwarzenbergplatz, Vienna, Austria, Photograph, 1934 (Photo by Imagno/Getty Images) [Angeh?rige der Heimwehr bewachen w?hrend des Februaraufstandes eine Stra?ensperre am Schwarzenbergplatz, Wien, ?sterreich, Photographie, 1934] Getty ImagesGetty Images aus welt.de, 25. 3. 2018                                               Männer der paramilitärischen Heimwehr am Wiener Schwarzenbergplatz im Februar 1934

Die „Anhaltelager“ im austrofaschistischen Staat 
Als die Wehrmacht im März 1938 in Österreich einrückte, besetzte sie kein demokratisches Land. Bundeskanzler Dollfuß hatte 1933 einen Ständestaat errichtet, faktisch eine austrofaschistische Diktatur.

Von Sven Felix Kellerhoff 

Eine Viertelmillion frenetisch jubelnder Menschen hinterlassen einen deutlichen Eindruck. Mindestens so viele Wiener hatten am Mittag des 15. März 1938 auf dem Heldenplatz in Wien Adolf Hitler gefeiert, als er „vor der deutschen Geschichte nunmehr den Eintritt meiner Heimat in das Deutsche Reich“ verkündete.

Nicht nur in Wien wurde gejubelt. Insgesamt eine sicher siebenstellige Zahl von Österreichern begrüßte im Frühjahr 1938 das Ende ihres eigenständigen Staates. Wie viele genau der damals etwa 6,7 Millionen Bürger vom Kleinkind bis zum Greis, weiß allerdings niemand: Die NS-Propaganda hatte keinerlei Ambitionen, ein realistisches Meinungsbild zu verbreiten. Im Gegenteil ging es darum, den „Anschluss“ als Willen aller Österreicher außer der erklärten Feinde des Nationalsozialismus darzustellen – sogenannte Marxisten und Juden vor allem. 

Öffentlich das vorherige System verteidigen oder auch nur für eine korrekte Bewertung eintreten mochte fast niemand. Bekannte Exponenten waren allerdings auch schon längst festgenommen und wurden vielfach gequält. Einige hatten lieber den Freitod gewählt.

Fackelzug von rund 100.000 Amtsverwaltern der Vaterländischen Front in Wien. Photographie. Um 1935. |

Rund 100.000 Mitglieder der Vaterländischen Front demonstrieren 1935 in Wien

Warum gab es so gut wie keinen Widerstand gegen die schlagartige Übernahme Österreichs? Dazu gibt es viele Forschungen. Jüngst erschienen ist ein Sammelband, den der Grazer Zeithistoriker Stefan Karner herausgegeben hat und der alle wesentlichen Erkenntnisse auf aktuellem Stand zusammenfasst. Demnach kann man mehrere Gründe unterscheiden.

Unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg hatte es in den verbliebenen deutschösterreichischen Kernlanden des vormaligen Habsburger-Reiches eine überwältigende Mehrheit für einen sofortigen Zusammenschluss mit Deutschland gegeben. Die Fehler von 1806 und 1848, als die habsburgische Länder faktisch aus Deutschland ausgeschieden waren, sollten korrigiert werden.

Die nichtdeutschen Teile des ehemaligen Vielvölkerstaates wie Ungarn, Böhmen, Mähren oder Slowenien standen dem nun nicht mehr entgegen. Die Alliierten untersagten allerdings eine solche Vereinigung ausdrücklich, die Kriegsverlierer Österreich und Deutschland mussten sich fügen.


Wien 1, Blick auf brennenden Justizpalast, 1927 | Verwendung weltweit
Der Wiener Justizpalast brennt 1927 nach einer Straßenschlacht mit 89 Toten aus

Nachdem eine geplante deutsch-österreichische Zollunion 1931 am internationalen Einspruch gescheitert war, fanden die katholisch-konservativen Christlichsozialen, die neben der Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP) größte Partei der Alpenrepublik, durchaus Gefallen an der Unabhängigkeit. Zugleich verschärfte sich die Konfrontation zwischen Sozialdemokraten (die Kommunisten spielten in Österreich keine Rolle) und den anderen Parteien. Schon im Juli 1927 hatte es bei Ausschreitungen vor dem Wiener Justizpalast 89 Tote gegeben, überwiegend Anhänger der SDAP.

Immer schneller wechselten sich nun die Regierungen im Wiener Bundeskanzleramt am Ballhausplatz, vis-à-vis des Heldenplatzes, nun ab. Weder Carl Vaugoin noch Otto Ender und auch nicht Karl Buresch schafften es, eine stabile Regierung zu bilden.

In dieser Situation beauftragte Österreichs Bundespräsident Wilhelm Miklas im Frühjahr 1932 den erst 39-jährigen Bauern-Funktionär und Agrarfachmann Engelbert Dollfuß mit der Regierungsbildung. Der körperlich kleine Mann (er maß um 1,53 Meter) verfügte im Gegensatz zu seinen Vorgängern über Machtinstinkt und Sendungsbewusstsein – er wollte ein unabhängiges, autoritär regiertes Österreich schaffen, dominiert von katholisch-konservativen Kräften.


VIENNE, AUTRICHE - 20 FEVRIER: Le Chancellier Dollfuss approuve un modele de monument au Soldat Inconnu qui sera erige sur une place de la ville, a Vienne, Autriche, le 20 fevrier 1934. (Photo by Keystone-France\Gamma-Rapho via Getty Images) Getty ImagesGetty Images
Österreichs Bundeskanzler Engelbert Dollfuß war mit 1,53 Metern auffallend klein
Dollfuß machte sich durchaus geschickt an die Durchsetzung seiner Ziele. Er spielte das zerstrittene Parlament aus und berief Emil Fey, den Anführer der Wiener Heimwehr, einer paramilitärischen, pro-österreichischen Bewegung, zum Staatssekretär für innere Sicherheit.
Anfang März 1933 nutzte er einen Geschäftsordnungsstreit im Nationalrat, um die Rechte der Volksvertretung zu suspendieren. Am 15. Mai 1933 ließ er den erneuten Zusammentritt der Parlamentarier mit Gewalt verhindern. Nun herrschte Dollfuß als Diktator. 

Da gleichzeitig in Deutschland die Regierung Hitler ihre Macht ausbaute, fiel es Dollfuß nicht schwer, seine katholisch-konservative Anhängerschaft für seinen Weg eines autoritären Regimes zu gewinnen. Die österreichischen Nationalsozialisten waren schon seit 1930 immer wieder mit kleineren Terroranschlägern negativ aufgefallen; sie galten zu Recht als Gefährdung von Ruhe und Ordnung.


AUSTRIA - FEBRUARY 02: Riots In Vienna In 1934. (Photo by Keystone-France/Gamma-Keystone via Getty Images) Getty ImagesGetty Images
Straßensperre während der Kämpfe im Februar 1934 in Wien
Dollfuß lehnte sich jetzt an den zu dieser Zeit ebenfalls noch gegenüber Hitler skeptischen italienischen Machthaber Benito Mussolini an. Mit ihm einigte er sich auf die Abschaffung der demokratischen Institutionen Österreichs und den Aufbau einer neuen, „ständischen“ Verfassung – faktisch einer Diktatur der Christlichsozialen und Teilen der Heimwehren.

Politische Gegner, zunächst vor allem Anhänger der illegalen NSDAP, wurden inhaftiert. Die „Anhaltelager“ hatten allerdings mehr gemein mit Internierungslagern als mit den zeitgleich in Deutschland ausgebauten Konzentrationslagern. Es gab weder Zwangsarbeit noch Folterungen, erst recht keine Hinrichtungen, die bereits seit dem Frühjahr 1933 typisch für deutsche KZs waren. Auch in dieser Hinsicht ähnelte Dollfuß’ Österreich viel mehr dem faschistischen Italien als dem nationalsozialistischen Deutschland.

Deshalb kursieren für das Dollfuß-Regime auch Bezeichnungen wie „Austrofaschismus“ oder „Klerikalfaschismus“. Sie treffen aber die Realität der autoritären Regierung nicht wirklich. 

Dollfuß ließ die Heimwehren die Betätigungsmöglichkeiten der Sozialdemokraten weiter einschränken. Am 12. Februar 1934 kam es zur Eskalation: Radikale Teile der Sozialisten wehrten sich, teilweise mit Maschinengewehren, gegen den Versuch der Polizei und der Heimwehren, sie zu entwaffnen. Nach dem gewaltsamen Auftakt in Linz besetzten sie in Wien die größte Sozialwohnungsanlage der Welt, den Karl-Marx-Hof, und lieferten sich mit Ordnungskräften und Bundesheer Feuergefechte.


UNSPECIFIED - FEBRUARY 01: Destroyed Karl-Marx-Building after the communist riots in Vienna, Austria, Photo, Febuary 1934 (Photo by Imagno/Getty Images) [Besch?digter Karl-Marx-Hof nach den Februark?mpfen Jahr 1934, Wien, ?sterreich, Die Gegens?tze zwischen Sozialdemokraten und Republikanischem Schutzbund (1933 verboten) einerseits und Christlichsozialen und Heimwehr bzw, der Regierung andererseits (Erste Republik) f?hrten in den Februartagen (12,-15, 2,) 1934 zum B?rgerkrieg, Die Februark?mpfe brachen aus, als sozialdemokratische Schutzb?ndler unter R, Bernaschek einer Waffensuchaktion der Heimwehr (als Hilfspolizei) im Linzer sozialdemokratischen Parteiheim ("Hotel Schiff") bewaffneten Widerstand leisteten,] Getty ImagesGetty Images
Beim Aufstand bewaffneter Sozialisten Mitte Februar 1934 wird auch der Wiener Karl-Marx-Hof schwer beschädigt
Der Aufstand griff auf andere österreichische Industriestädte wie St. Pölten oder Steyr über. Natürlich schossen die weit überlegenen Einheiten der Regierung die zerstrittenen Aufständischen zusammen; insgesamt gab es mehr als 350 Tote, fast die Hälfte davon Unbeteiligte. Neun Anführer des Aufstandes wurden in Schnellgerichtsverfahren zum Tode verurteilt und hingerichtet.

Die Sozialdemokratie und die am Aufstand beteiligten Kommunisten wurden nun von der Gendarmerie zerschlagen; Hunderte Mitglieder kamen zu den bereits in Anhaltelagern inhaftierten Nationalsozialisten. Dollfuß proklamierte nun offiziell den „Ständestaat“ als neue Verwaltungsform eines unabhängigen Österreichs.

Am 25. Juli 1934 putschten die illegalen österreichischen Nationalsozialisten gegen Dollfuß. Sie besetzten schlagartig das Bundeskanzleramt und erschossen Dollfuß. Doch vor allem der erst 36-jährige Unterrichtsminister Kurt Schuschnigg organisierte Gegenwehr. Da Mussolini seine Truppen am Brenner in Stellung brachte, wich Hitler zurück und ließ seine Anhänger in Wien hängen. Es gab ungefähr 230 Tote und mehr als 500 Verletzte.

AUSTRIA - CIRCA 1934: The laid out corpse of Engelbert Dollfuss. Photograph. July 26th 1934. (Photo by Imagno/Getty Images) Getty ImagesGetty Images
Der aufgebahrte Leichnam von Kanzler Dollfuß Ende Juli 1934
In den folgenden Monaten verschärfte sich die Konfrontation von Hitler-Deutschland und dem österreichischen Ständestaat weiter. Solange Mussolini Schuschnigg stützte, blieb der Ständestaat einigermaßen stabil. Doch als sich der Diktator in Rom mehr und mehr an Berlin orientierte, musste Schuschnigg im Juli-Abkommen von 1936 faktisch kapitulieren.

Es dauerte dann noch anderthalb Jahre, bis sein keineswegs demokratisches, aber eben dem „Anschluss“ gegenüber äußerst ablehnendes Regime zusammenbrach. Im März 1938 aber war es so weit: Die „Vaterländische Front“, so der Name der Einheitspartei des Ständestaates, hatte ihre letzte Anziehungskraft aufgebraucht – und eine sicher siebenstellige Zahl von Österreichern jubelte dem Motto „Heim ins Reich“ hemmungslos zu.


Stefan Karner (Hrsg.): „Die umkämpfte Republik. Österreich von 1918 bis 1938“. (Studien-Verlag, Innsbruck – Wien. 384 S., 34,90 Euro).
Joseph Buttinger, "Am Beispiel Österreichs – ein geschichtlicher Beitrag zur Krise der sozialistischen Bewegung", Verlag für Politik und Wirtschaft, Köln 1953. 


Nota. - Als journalistisches Schlagwort mag der Ausdruck Austrofaschismus hingehen. Aber als analytischer Begriff zum wissenschaftlichen Gebrauch taugt er nicht. Es war nicht die kleinbürgerlich-radikale Heimwehr, die als Massenbewegung Dollfuß an die Macht gespült hätte, sondern Dollfuß, der die militante, aber marginale Heimwehr als Vaterländische Front kooptierte und mit kirchlichem Segen zu seiner Massenbasis ausbaute. Die eigentliche Zerschlagung der Arbeiterbewegung geschah 1934 weniger durch die Heimwehr als durch das Bundesheer, nachdem der sozialistische Republikanische Schutzbund sich zu einem aussichtslosen Aufstand hatte provozieren lassen.

Faschismus war eine Erscheinung zwischen den Weltkriegen, die nach dem Versagen der Arbeiterbewegung die verwaisten revolutionären Energien als Generalmobilmachung für den Krieg nach außen umlenkte. General- mobilmachung verlangt nach totalitären Formen, das verbindet die Herrschaftsgebilde Hitlers und Mussolinis mit dem Stalinismus. Ohne Blick auf den heraufziehenden Zweiten Weltkrieg ist der Faschismus enbensowenig zu verstehen wie das Stalinregime.

Dies alles trifft weder für das Dollfuß- noch später für das Schuschnigg-Regime zu, die waren beide im eiminenten Sinn konservativ, nämlich defensiv. Nicht einmal rhetorisch gaben sie sich offensiv, sie waren Stillstand und Rückschritt.

Samstag, 24. März 2018

Homo sapiens ist älter als bislang angenommen.

Menschen in Ostafrika stellten schon vor 300.000 Jahren kleinere und aufwändiger bearbeitete Werkzeuge (rechts) her als die für die frühe Steinzeit typischen Faustkeile (links).
aus scinexx                                                                                                                                              Menschen in Ostafrika stellten schon vor 300.000 Jahren kleinere und aufwändiger bearbeitete Werkzeuge (rechts) her als die für die frühe Steinzeit typischen Faustkeile (links).

Frühe Menschen waren innovativer als gedacht
Hoch entwickeltes Verhalten schon vor gut 300.000 Jahren

Unerwartet innovativ: Frühe Menschen legten bereits vor 300.000 Jahren erstaunlich komplexe Verhaltensweisen an den Tag. Sie unternahmen Reisen, betrieben Handel und gestalteten ungewöhnlich feine Steinwerkzeuge, wie Funde aus Ostafrika belegen. Womöglich nutzten sie sogar schon Farben als Form der symbolischen Kommunikation. Angetrieben worden sein könnte diese Entwicklung durch Umwälzungen in der Umwelt, die unsere Vorfahren zu mehr Erfindungsreichtum zwangen, berichten Forscher im Fachmagazin "Science". 

Lange schien klar, dass die ersten anatomisch modernen Menschen vor rund 200.000 Jahren entstanden und vor 60.000 Jahren aus Ostafrika in die Welt hinauszogen. Doch in den letzten Jahren haben neue Fossilfunde diesen "Zeitplan" komplett durcheinander gewirbelt. Unter anderem offenbarten 300.000 Jahre alte Homo sapiens-Fossilien, dass sich unsere Spezies früher entwickelte als bisher angenommen und sich außerdem deutlich schneller innerhalb Afrikas verbreitete.

Gleich drei Studien werfen nun einen spannenden Blick auf diese Phase der mutmaßlichen Geburt des Homo sapiens. Sie könnten nicht nur erklären, warum sich unsere Vorfahren so schnell über den afrikanischen Kontinent ausbreiteten. Sie zeigen auch: Schon damals legten frühe Menschen komplexe Verhaltensweisen an den Tag - Verhaltensweisen, von denen Wissenschaftler bisher glaubten, dass Menschen in Afrika sie erst zehntausende Jahre später entwickelten.


Blick auf das Olorgesailie-Becken in Kenia
Klimatische Transformation

Rick Potts von der Smithsonian Institution in Washington und seine Kollegen haben sich für ihre Untersuchung Sedimente im Olorgesailie-Becken in Kenia angesehen, einem bekannten Fundort homininer Relikte. Sie wollten wissen: Welche Rolle spielte das Klima für die Entwicklung der Menschen in Ostafrika?

Ihre Analysen belegen, dass die Region vor 800.000 Jahren eine drastische Transformation erlebte. Das einstige Überschwemmungsgebiet entwickelte sich zu Grasland und die klimatischen Bedingungen wurden deutlich unbeständiger. Immer wieder wechselten sich in der Folge demnach feuchte Phasen mit sehr trockenen Zeiten ab. Unter diesen Umständen wurde die Nahrungssuche für frühe Jäger und Sammler komplizierter, wie die Wissenschaftler betonen. Denn Ressourcen waren nicht mehr so verlässlich verfügbar wie zuvor.

Antrieb für neues Verhalten

Dies zwang die Menschen dazu, sich auf Zeiten des Mangels einzustellen - und förderte womöglich ihre Anpassungsfähigkeit und ihren Erfindungsreichtum. So könnte die klimatische Variabilität Antrieb für mehr Mobilität oder sogar die Etablierung von Handelsbeziehungen gewesen sein, so die These des Teams.

Tatsächlich scheinen archäologische Funde ein solches Verhalten zu belegen: Lange Zeit bestehen Funde früher Steinwerkzeuge aus der Region fast ausschließlich aus vor Ort verfügbarem Material. Doch nach und nach ändert sich das. Vor 320.000 Jahren und danach entstandene Werkzeuge sind zu großen Teilen aus Obsidian gemacht - einem vulkanischen Gesteinsglas, das im Olorgesailie-Becken gar nicht vorkommt. Für Potts und seine Kollegen ist dies ein deutliches Indiz dafür, dass Menschen damals bereits weitere Reisen machten oder Handel betrieben.

Importierte Rohstoffe

Wissenschaftler um Alison Brooks von der George Washington University in Washington haben sich die zeitlichen Veränderungen in Bezug auf menschengemachte Artefakte aus dem Olorgesailie-Becken genauer angesehen. Ihre Untersuchungen von 500.000 bis 298.000 Jahre alten Fundstellen bestätigen, dass sich die älteren Werkzeuge deutlich von den jüngeren unterscheiden.

Die jüngsten Artefakte bestehen demnach zu 42 Prozent aus Obsidian. Doch woher stammt der fremde Rohstoff? Die chemische Komposition deutet dem Team zufolge daraufhin, dass das Material aus unterschiedlichen Quellen herbeigeschafft wurde, die zwischen 25 und 50 Kilometern entfernt liegen. Über 46.000 einzelne Obsidian-Splitter legen zudem nahe: Wahrscheinlich wurde das Material nicht in Form fertiger Werkzeuge importiert, sondern als Rohstoff, der vor Ort verarbeitet wurde.


Mangan und Ocker: Nutzten die Menschen damals bereits Farben als Form der symbolischen Kommunikation?
Kommunikation via Farben?

Doch Obsidian ist nicht das einzige exotische Material, das die frühen Menschen im Olorgesailie-Becken nutzten. Brooks und ihre Kollegen fanden daneben auch auffällig häufig bunt gefärbtes Gestein - unter anderem mit schwarzen Mangan- und roten Ockerpigmenten. Bearbeitungsspuren legen nahe, dass aus den Rohstoffen Farben zur weiteren Verwendung gewonnen wurden.

"Wir wissen nicht sicher, wofür die Farbpigmente genutzt wurden. Die Verwendung von Farben gilt unter Archäologen aber als die Wurzel komplexer, symbolischer Kommunikation", sagt Mitautor Potts. "So wie wir heute mit Farben auf Kleidung und Flaggen unsere Identität ausdrücken, könnten diese Pigmente den Menschen dabei geholfen haben, die Zugehörigkeit zu einer Gruppe zu kommunizieren und Bande zu entfernt lebenden Gemeinschaften aufrecht zu erhalten."

Überraschend altes Werkzeug

Neben dem Import von Rohstoffen und der möglichen Verwendung von Farben unterstreicht noch ein weiterer Fund das erstaunlich weit entwickelte Verhalten der Menschen aus der Zeit, als der Homo sapiens entstand: eine Vielfalt an kleinen und besonders fein gearbeiteten Werkzeugen. Charakteristisch für die frühe Werkzeugkunst des Menschen sind sogenannte Faustkeile - verhältnismäßig große und grobe Steingeräte, die erst mit der Zeit immer kleiner und aufwändiger in der Bearbeitung wurden.

Alan Deino vom Berkeley Geochronology Center und seine Kollegen haben im Olorgesailie-Becken einige solcher aufwändiger bearbeiteten Werkzeuge entdeckt. Manche waren wie ein Projektil geformt, andere hatten die Form eines Schabers oder eines Bohrers. Die Forscher ordneten sie daher einer späteren Phase der Geschichte zu. Doch die Datierung zeigte: Die Werkzeuge sind zwischen 320.000 und 305.000 Jahre alt. Damit sind sie der älteste Beleg für Steinwerkzeuge in Ostafrika, die die typischen Eigenschaften der Mittelsteinzeit aufweisen, wie das Team erklärt.

"Hoch entwickeltes Verhalten"

Mobilität, Handel, symbolische Kommunikation über Farben und filigrane Handwerkskunst: All diese neuen Erkenntnisse zeigen, dass wir unsere Vorstellung über das Verhalten der zur Geburtsstunde des Homo sapiens in Afrika lebenden Menschen revidieren müssen. Diese frühen Menschen waren innovativer als bisher gedacht - womöglich auch dank der unberechenbaren Umwelt, in der sie lebten.

"Dieser Wandel hin zu sehr hoch entwickelten Verhaltensweisen wie komplexeren Sozialstrukturen könnte der entscheidende Faktor gewesen sein, der unsere Stammeslinie schließlich von anderen frühen Menschen trennte", schließt Potts. (Science, 2018; doi: 10.1126/science.aao2200; doi: 10.1126/science.aao2216; doi: 10.1126/science.aao2646)

(Smithsonian/ AAAS, 16.03.2018 - DAL)