Freitag, 31. Oktober 2014

Ekeln ist konservativ.

Maden im Essen oder anderswo empfinden viele instinktiv als ekelhaft
aus scinexx
Ekelgefühl verrät politische Einstellung
Verblüffender Zusammenhang zwischen instinktiver Reaktion und politischer Haltung

Ekel als Anzeiger für politische Einstellung? Das klingt verrückt, doch ein Experiment von US-Forschern belegt den verblüffenden Zusammenhang: Allein an der Hirnreaktion auf ekelerregende Bilder konnten sie mit 95-prozentiger Treffsicherheit die politische Einstellung ihrer Probanden vorhersagen. Konservative reagierten demnach deutlich stärker als Liberale. Warum das so ist, ist bisher allerdings noch unklar, so die Forscher im Fachmagazin "Current Biology".

Maden im Essen, verrottende Kadaver oder Schimmel im Bad – solche Anblicke lösen bei den meisten Menschen instinktiv Ekel aus. Der Ekel gehört neben Freude, Ärger, Trauer, Furcht und Überraschung zu den Basisgefühlen des Menschen. Das instinktive Zurückscheuen vor Verdorbenem oder Fäkalien bewahrte schon unsere Vorfahren davor, sich mit verdorbener Nahrung zu vergiften. Diese Reaktion war ein Überlebensvorteil und vererbte sich bis in unsere Zeit.

Ekelbilder im Hirnscanner

Wie stark diese instinktive Ekelreaktion ausfällt, ist dabei individuell unterschiedlich. Ob sich die Ekelreaktion mit bestimmten Persönlichkeits-Merkmalen in Verbindung bringen lässt, haben Woo-Young Ahn vom Virginia Institute of Technology und sein Kollegen nun in einem Experiment untersucht.

Dafür zeigten sie ihren 83 Probanden Fotos mit angenehmen, angsteinflößenden oder ekelerregenden Inhalten, während sie ihre Hirnaktivität mit Hilfe der funktionellen Magnetresonanz-Tomografie (fMRT) untersuchten. Anschließend beantworteten die Teilnehmer einen umfangreichen Fragenkatalog, mit dem die Forscher ihre politische Einstellung ermittelten. Wie erwartet, löste der Anblick ekelerregender Fotos die für die instinktive Ekelreaktion typischen Aktivitätsmuster im Gehirn der Probanden aus.

Stärkerer Ekel bei Konservativen

Doch beim Vergleich mit deren politische Einstellung zeigten sich überraschende Zusammenhänge: Je stärker die neuronale Ekelreaktion ausfiel, desto wahrscheinlicher handelte es sich bei dem Teilnehmer um eine eher konservativ eingestellte Person. Wie die Forscher betonen, lässt sich dies aber nicht an dem nach außen hin gezeigten und bewusst empfundenen Ekelgefühl ablesen, sondern allein an der Ekelreaktion im Gehirn.

Es war allein anhand der Hirnaktivität möglich, mit 95- bis 98-prozentiger Sicherheit vorherzusagen, wie ein Proband die Fragen bei dem anschließenden politischen Test beantwortete, wie die Forscher berichten. "Ekelhafte Bilder erzeugen neurale Reaktionen, die je nach politische Orientierung unterschiedlich sind", erklärt Read Montague vom Virginia Institute of Technology. "Bemerkenswerterweise reichte schon die Reaktion auf ein einziges Ekelbild, um die politische Einstellung einer Person vorherzusagen." Das Überraschende daran: Die Bilder selbst waren absolut wertneutral, sie zeigten klassische Ekelmotive wie Schimmel, schmutzige Toiletten oder Kadaver.

Neurobiologie hat mehr Einfluss als man denkt

"Unsere Ergebnisse stützen die Annahme, dass emotionale Prozesse eng mit den komplexen und mehrdimensionalen Wertesystemen und Weltanschauungen des Menschen verknüpft sind", erklären die Forscher. Auch bei vermeintlich völlig rationalen Ansichten und Entscheidungen könnten Gefühle eine weitaus größere Rolle spielen als wir es uns bewusst sind.

Schon länger nehmen Forscher an, dass auch die politische Haltung durch bestimmte, möglicherweise sogar angeborene Persönlichkeits-Merkmale beeinflusst und geprägt wird. Tatsächlich klingt es plausibel, dass beispielsweise von Natur aus eher misstrauische, risikoscheue Menschen eher zu konservativen, eher durch Tradition als durch Veränderungen geprägten Haltungen neigen. Warum allerdings konservative Menschen eine stärkere Ekelreaktion zeigen, können auch die Forscher bisher nicht erklären.

"Unsere Ergebnisse stimmen aber gut mit der Annahme überein, dass politische Ansichten auch mit der neurobiologischen Prägung zusammenhängen", sagen Ahn und seine Kollegen. Daher könnte ein gewisser Hang zu einer konservativen oder liberalen Haltung durchaus angeboren sein – wenngleich natürlich die Lebensgeschichte ebenfalls einen starken Einfluss hat. Doch der biologische Faktor könnte ihrer Ansicht nach zumindest miterklären, warum beispielsweise Zwillinge oft zu ähnlichen politischen Einstellungen neigen, selbst wenn sie getrennt aufwachsen. (Current Biology, 2014; doi: 10.1016/j.cub.2014.09.050)

(Virginia Tech, 31.10.2014 - NPO)


Nota. - Also das irritiert mich. Ich habe längere Zeit in Frankreich gelebt und dort auch gelegentlich in die Küchen geschaut. Ich würde sagen, ich bin abgebrüht. Dies vorweg. 

Ekel ist eine ästhetische Reaktion, und die mächtigste. Je mehr sich einer ekeln kann, umso ästhetischer ist er gestrickt, sollte man meinen. Sind Ästheten von Hause aus konservativ? Dass ein gewisser Progressismus sich mit Geschmacklosigkeit allzugut verträgt, hat insbesondere das zwanzigste Jahrhundert überreichlich bewiesen ( - die schwarze bis braune Reaktion tat es freilich erst recht).

Doch was ist mit mir? Als Kind war ich zimperlich und hatte eine Spinnenphobie. Aber seit ich zur Vernunft kam, war ich ein linker Radikaler und Bräutigam der Weltrevolution. Zimperlich war ich da nicht und konservativ schonmal gar nicht. Die Weltrevolution hat mich 1990 sitzenlassen, und seither bin ich, was ich vom Temperament (aber eben nicht von Vernunft) schon immer war: ein Libertärer auf konservativem Grund. Ein Ästhet bin ich wieder wie in frühester Jugend, und Geschmackloses stößt mich immer noch ab. Aber ekeln tut mich so schnell nichts mehr.
JE

PS. Es kann aber sein, dass diese Forscher von 'konservativ' einen allzu dürftigen Begriff haben; es sind Amerikaner.

Donnerstag, 30. Oktober 2014

Die andere Hälfte der islamischen Tradition.


aus Badische Zeitung, 30. 10. 2014                                                                   Anselm Feuerbach, Hafis vor der Schenke

"Der Orgasmus als göttliches Zeichen"
BZ-INTERVIEW mit dem Autor und Islamwissenschaftler Navid Kermani über die Gründe für die verlorene Erotik im Islam.

von msr

Ausschweifungen im Harem, sexuelle Abhandlungen in theologischen Werken, Sinnlichkeit in der Dichtung – in der islamischen Kunst und Kultur wimmelt es vor erotischen Darstellungen. Doch durch den Einfluss des Salafismus wurde die Körperlichkeit in der islamischen Welt zusehends aus dem öffentlichen Leben verbannt. BZ-Redakteur Michael Saurer sprach mit dem Islamwissenschaftler und Schriftsteller Navid Kermani über die Ursachen, die Folgen – und die brennende Sehnsucht der ersten Liebe. Über die hat Kermani einen Roman geschrieben. 
 
BZ: Herr Kermani, Sie schreiben in Ihrem Roman "Große Liebe" über die Erlebnisse eines 15-Jährigen, der sich in eine ältere Schulkameradin verliebt. Erinnerungen an Ihre eigene Jugend?

Kermani: Es ist nur insofern eine persönliche Erinnerung, als jeder Mensch ein erstes Mal verliebt war. Und ich greife mit dem Buch die Tradition der Liebesdichtung auf, wie sie bis in die Moderne üblich war: die Darstellung der jugendlichen Verliebtheit und nicht die der lebenslangen Ehe. Die Literatur des Eheromans kam ja erst mit der Einführung der Liebesheirat auf. Davon war man in der vormodernen Zeit gar nicht ausgegangen, dass man den heiratet, den man liebt.

BZ:
Dieses Rasende, das Brennende der ersten Liebe, unterstreichen Sie durch Einsprengsel aus der islamischen Lyrik. Was unterscheidet die von unserer?


Kermani: In den meisten Religionen gibt es die Analogie der Liebe zwischen Mensch und Gott mit der Liebe zwischen Mann und Frau.* Insbesondere in der Mystik hat sich diese Betrachtung durchgesetzt. Was die islamische Mystik von der westlichen unterscheidet, ist, dass sie die körperliche und irdische Liebe nicht analog setzt, sondern sie als Schauplatz der göttlichen Liebe begreift. Das heißt der Mensch, der körperlich liebt, der vereinigt sich real mit Gott.

BZ: Aber auch sprachlich unterscheidet sich die arabisch-persische Liebeslyrik deutlich von der westlichen. Die Gefühle werden tiefgehender, fast schon schwülstig wiedergegeben.


Kermani: Zunächst möchte ich sagen, dass auch Dante oder Shakespeare keineswegs nüchtern geschrieben haben. Aber prinzipiell ist die islamische Liebeslyrik konsequenter. Sie nimmt die irdische Liebe nicht nur metaphorisch auf, sondern heiligt sie. Das liegt daran, dass die islamische Theologie einfach erotischer ist. Sie finden in ganz normalen Abhandlungen, etwa bei Al-Ghazali, den Orgasmus behandelt, nämlich als göttliches Zeichen.

BZ: Auch in den Geschichten aus 1000 und einer Nacht wimmelt es von handfesten sexuellen Erlebnissen.


Kermani: Und wie! Dort ist es natürlich nur die körperliche Liebe, da braucht man nichts Göttliches hinein zu interpretieren. Aber wenn man liest, wie explizit sexuelle Erlebnisse dort dargestellt werden, und zwar in direkter Nachbarschaft mit Koranversen, dann erkennt man, dass dieser Bereich in der klassischen islamischen Tradition in keiner Weise tabuisiert war.

BZ: Das ist aber ein Kontrast zu heute. Heute scheint man in der islamischen Welt das Sexuelle eher aus dem öffentlichen Leben zu verbannen.

Kermani: Das ist richtig. Man kann es eine Protestantisierung des Islams nennen, die im 19. und 20. Jahrhundert stattgefunden hat. Alleine die Schriftgläubigkeit, das heutige Ideal der Fundamentalisten, zeigt, um was es insbesondere den Salafisten geht: Um einen radikalen Bruch mit der eigenen islamischen Tradition.

BZ: …die heute negativ wahrgenommen wird.


Kermani: Genau! Sie sagen ja immer, dass sie nicht zurück ins islamische Mittelalter wollen, sondern zurück an den Anfang des Islams, also ins siebte Jahrhundert. Das ist es genau das, was der Salafismus anstrebt, nämlich eine explizite Negation der islamischen Kultur und Tradition. Deshalb werden Moscheen zerstört, Mystik und Literatur abgelehnt. Selbst 1000 und eine Nacht, diesen Zentraltext der arabischen Kultur, wollten die Salafisten in Ägypten verbieten. All diese kulturellen Errungenschaften werden negiert. Stattdessen wird versucht, die Uhren an einen imaginären Ur-Anfang zurückzudrehen, den es so natürlich nie gegeben hat.

BZ: Trifft das nur auf Salafisten zu, oder ist dieser Bruch mit der eigenen Kultur im islamischen Mainstream angekommen?


Kermani: Generell sieht man, dass der Wahhabismus, diese ganz strenge, puritanische Form des Islams – aus der auch der Salafismus hervorgegangen ist – zu einer prägenden Bewegung der gesamten islamischen Gegenwart geworden ist.

BZ: Hat man im Zuge dieser puritanischen geistigen Revolution die Sinnesfreuden, das Lebensbejahende verloren?


Kermani: Nicht nur verloren, das wurde zerstört. Selbst orthodoxe theologische Traditionen sind unter Druck geraten. Schauen Sie sich einmal an, wie melodiös und kunstvoll Koranrezitationen noch vor wenigen Jahrzehnten waren. Das war große Kunst, sogar Christen sind dazu gekommen, weil die so genussvoll anzuhören waren. Diese Vielfalt ist durch den Einfluss der Wahhabiten kaputt gegangen oder jedenfalls stark eingeschränkt.

BZ: Hat man die Menschen dadurch nicht auch ihrer Identität beraubt?


Kermani: Ganz sicher. Aber der Bruch liegt nicht nur an den Wahhabiten oder Salafisten. Angefangen hat es in der radikalen Säkularisierung der meisten islamischen Länder im 20. Jahrhundert. Denken Sie an Reza Shah im Iran, Atatürk in der Türkei, die arabischen Diktaturen, die Baath-Partei in Syrien und im Irak. Das waren gewalttätige und dezidiert antireligiöse Modernisierungen, die da stattgefunden haben. Das Elend der islamischen Welt ist dieser gewalttätige, von oben verordnete Bruch mit der eigenen Geschichte.

In Europa hat sich die Moderne langsam herausgebildet. In der islamischen Welt wurde dieser Prozess innerhalb von zehn, zwanzig, dreißig Jahren mit Gewalt durchgeführt. Dabei wurde die Kontinuität der Tradition unterbrochen und Fundamentalisten hatten überhaupt erst die Chance, Gehör zu finden. Es ist ein Zeichen von Geschichtsvergessenheit, dass sie mit ihrer Botschaft Erfolg haben. Denn die widerspricht allem, was die islamische Kultur eigentlich ausmacht. Fundamentalismus ist genauso wie ein übersteigerter Nationalismus kein Ausdruck von Selbstbewusstsein, sondern von Unsicherheit – man will sich irgendwo festhalten.

BZ: Gibt es Hoffnung, dass die Muslime sich wieder mehr ihrer Tradition besinnen oder ist der Zug abgefahren?


Kermani: Das würde sehr schwer werden. Eine Tradition, die abgebrochen wurde, kann man nicht so leicht wieder herstellen. Tradition ist nichts, was man einfach so beibringen kann. Mit der wächst man auf, die atmet man ein. Das mag in einzelnen Fällen gelingen, ich habe aber nie beobachtet, dass eine Gesellschaft das Rad der Geschichte wieder zurückgedreht hat.

–Navid Kermani: Große Liebe. Roman. Carl Hanser Verlag, München 2014. 224 Seiten, 18,90 Euro. Lesungen: Der Autor liest am 2. November um 11 Uhr in der Rainhof Scheune in Kirchzarten und am selben Tag um 17 Uhr in Schloss Bonndorf.

Navid Kermani wurde 1967 in Siegen als Sohn iranischer Einwanderer geboren. Er studierte Orientalistik, Philosophie und Theaterwissenschaft. Im Jahr 1998 beendete er seine Promotion mit einem Thema über die sprachliche Ästhetik des Korans. 2006 zog er die Habilitation nach. Neben seiner wissenschaftlichen Arbeit schrieb er lange Zeit für verschiedene Tageszeitungen. Heute lebt er als freier Journalist und Buchautor in Köln. Am 23. Mai dieses Jahres hielt er die Festrede im Bundestag anlässlich des 65. Jahrestags des Grundgesetzes.

*) Nicht so prüde, Herr Kermani! Die Salafisten haben Sie doch nicht etwa angesteckt? Sagen Sie's offen: Auch Knaben wurden nicht gering- geschätzt, weder von Hafis noch in 1001 Nacht. JE
 

Nota. - Das Kreuz ist eben, dass es den Islam als eine definierbare Religion nicht gibt. Es gibt Länder, deren Kultur jahrhundertelang durch die koranischen Lehren und Gesetze geprägt wurde. Neben der bloßen Schrift- auslegung der Rechtsgelehrten stand überall mehr oder weniger ausgeprägt eine mystische Strömung der Gottesverhrung, die in den sufitischen Bruderschaften ("Derwische") überliefert wurde; in den vorwiegend sunnitisch geprägten Regionen in teilweise kämpferischem Gegensatz zu den Schriftgelehrten, doch mit starkem, von den Obrigkeiten argwöhnisch betrachteten Einfluß auf die Volksfrömmigkeit; bei den Schiiten dagegen reichte ihr Einfluss bis in die Gelehrsamkeit hinein. 

In den mystischen Strömungen auch der Juden und Christen, nicht nur im Islam, gilt die irdische Liebe stets als Bild der Vereinigung mit dem Göttlichen, und dies naturgemäß eher in dichterischer als in gelehrter Form. Von ihnen vielmehr als von den diversen Schulen der Gesetzesauslegung war das Bild geprägt, das der Westen sich über die Jahrhunderte vom Islam gemacht hat. Sie vor allem waren von Aufklärung, Säkularisierung und Rationalisierung getroffen, denn sie repräsentierten den "mittelalterlichen" Islam, den auch die Salafisten verurteilen. Dahin führt wohl kein Weg zurück; sollte er denn?
JE

Dienstag, 28. Oktober 2014

Tugend und Terror: die französische Revolution.

der Todesengel: Louis-Antoine de St. Just (Prud'hon)
aus nzz.ch, 6.10.2014, 05:30 Uhr

Die Französische Revolution  
Tugendterror



Sie ist nicht die erste moderne Revolution, die Französische – vor ihr ereigneten sich die Glorious Revolution in England, die Amerikanische und zur gleichen Zeit die unbeachtet gebliebene Haitianische Revolution.* Und doch steht sie für die moderne Revolution schlechthin. Weshalb das so ist, ist nicht einfach zu sagen; vielleicht liegt es am Krieg, in den sie einen ganzen Kontinent gerissen hat; vielleicht auch daran, dass die mit ihr verknüpften Forderungen – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – noch immer nachhallen.

Als das umstürzende Ereignis, das sie war, hat die Französische Revolution zahllose Deutungen und Darstellungen gefunden. Politisch reicht das Spektrum von der marxistischen Apologie des jakobinischen Radikalismus bis zur konservativ-royalistischen Verdammung der Menschenrechtserklärung; methodisch von der Politgeschichte bis zur psychoanalytischen Exegese revolutionärer Symbole. – Die neuste Geschichte des epochalen Vorgangs kommt nun aus der Feder des Publizisten und Historikers Johannes Willms, der sich vor allem mit Biografien zur französischen Geschichte einen Namen gemacht hat. «Tugend und Terror» heisst das grosse Werk, auf den schauerlichen Ausspruch des «unbestechlichen» Maximilien Robespierres anspielend, wonach der Terror ein Ausfluss der Tugend sei.
 
Drei Phasen

Johannes Willms folgt in seiner minuziösen und doch so rasanten wie eleganten, über siebenhundert Seiten umfassenden Darstellung der bekannten Periodisierung der Revolution, die nicht weniger als zehn Jahre dauerte. Dabei stützt er sich vorwiegend auf edierte Quellen, auf Tagebücher, Memoiren und parlamentarische Protokolle. Die häufigen «Originaltöne» der Beteiligten und von Zeitgenossen sind denn auch der grösste Vorzug des Buchs. Da und dort, etwa bei der Beurteilung der französischen Invasion in die Schweiz (1798), hätte ein Blick in die neuere Literatur ein differenziertes Bild ergeben.

In die erste Phase der Revolution fällt die in Versailles am 17. Juni 1789 auf Antrag des Abbé Sieyès erfolgte Ausrufung der «Nationalversammlung», als der dritte, der bürgerliche Stand sich vor Adel und Klerus die Souveränität zusprach. Ermöglicht wurde dieses Fanal paradoxerweise durch eine Aktion des Königs. Ludwig XVI. hatte sich veranlasst gesehen, die drei Generalstände einzuberufen, um den Bankrott des Staates abzuwenden. Das letzte Mal hatten sie 1614 getagt. Ferner sah diese Phase den «Ballhausschwur», mit dem die nun vereinten Abgeordneten die Autorität des Königs angriffen, ohne indes die Monarchie abschaffen zu wollen; des Weiteren die symbolisch bedeutsame Erstürmung der Bastille durch das Pariser Volk, die «Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte» und die Festlegung einer neuen, wirtschaftsliberalen Verfassung.

Die zweite Phase dauerte vom 10. August 1792, vom Sturm auf die Tuilerien und von der darauffolgenden Ausrufung der Republik durch den neuen Nationalkonvent, bis zum 28. Juli 1794, zur Guillotinierung Robespierres. In diese Zeitspanne fallen die Demokratisierung der Revolution (der Kreis der wahlberechtigten Männer wurde erweitert), der Aufstand der linksradikalen «Sansculotten», die Herrschaft der Jakobiner, die Enthauptung des Königs, der Ausbruch des Kriegs gegen die revolutionsfeindlichen monarchischen Mächte, die Diktatur und der Terror des «Wohlfahrtsausschusses» unter Robespierre. Die dritte Phase schliesslich war durch die instabile Herrschaft der Konventsmehrheit und des Direktoriums geprägt. Sie wurde am 9. November 1799, am 18. Brumaire VIII nach neuer Zeitrechnung, mit dem Staatsstreich Napoleon Bonapartes abgeschlossen, der dekretierte, die Revolution sei zu Ende, weil er, Napoleon, die Revolution sei.

Wie steht nun Willms zur Revolution, wie zeichnet er sie? Auch das ist nicht einfach zu sagen, da er sich kaum zu anderen Darstellungen äussert und auf eine Bilanzierung der tumultuösen «Geburtsstunde der Moderne» verzichtet, dieses so kreativen wie selbstzerstörerischen Ideenlabors, in dem der emanzipatorischen Gestaltung des Politischen keine Grenzen mehr gesetzt zu sein schienen. Willms berücksichtigt die neuere, in ihrer Quantität kaum überschaubare Forschungsliteratur wenig. Am ehesten ist sein Werk der «revisionistischen» Richtung François Furets zuzuschlagen, der sich anlässlich des Bicentenaire gegen die «linken» Historiker wandte und damit die vorläufig letzte grosse Auseinandersetzung um das grosse Ereignis provozierte. 
Geschlechter- und kulturgeschichtliche Ansätze, die neusten Trends des Fachs, bleiben unerwähnt.

Der Autor geht ganz auf in der chronologischen, von hoher Sachkenntnis zeugenden, mit der Zeit auch etwas ermüdenden Schilderung der dramatischen Ereignisse und Protagonisten, der vielen, meist hoffnungslos zerstrittenen, Komplotte schmiedenden Revolutionäre und ihrer Gegner. Zum Zug kommen auch die «unterbürgerlichen» städtischen Schichten und die Bauern, die das Geschehen immer wieder vorantrieben. Ohne das Volk und namentlich das weibliche, ohne die Marktfrauen und Schuhmacher, die Taglöhner und Dienstbotinnen, wäre die Monarchie nicht gestürzt worden.

Wie der Titel seines Buchs andeutet, legt Willms den Schwerpunkt auf die zweite Revolutionsphase, auf die Herrschaft der Jakobiner. Dabei scheint er in einem Zwiespalt zu stecken. Einerseits betont er, die Revolution habe die ungerechten Eigentumsverhältnisse kaum angetastet; die grossen Verlierer waren also die Unterschichten, deren Interessen die Radikalsten unter den Jakobinern vertraten, sonst niemand. Andererseits ist er – verständlicherweise – über den ausführlich beschriebenen jakobinischen Terror entsetzt, der unter den «Konterrevolutionären» zahllose Opfer forderte und am Ende seine Urheber einholte: Robespierre sowie seinen Bewunderer Saint-Just (welch klingender und passender Name) und andere. Die französische Geschichtsschreibung, meint Willms, habe diese Seite der Revolution ausgeblendet. Die Leser über den kriegerischen Expansionismus und den fanatischen Terror aufzuklären, der das Vorbild für spätere Diktaturen abgegeben habe, ist wohl das Hauptmotiv des Buchs.
 
Gewaltspirale

Gewiss spricht manches dafür, dass der Autor mit seiner These recht hat, es bestehe zwischen den Praktiken der Jakobiner und der Bolschewiki eine Verwandtschaft. Allerdings überzeugt die Hervorhebung des mit der Tugend verbundenen Terrors als Aufhänger der Darstellung nicht restlos. Das befremdliche Agieren der Revolutionäre, die sich immer schneller drehende Spirale von Moral und Exekution, wird jedenfalls kaum erklärt. Ohnehin wären bei der Beurteilung dieses Agierens mehr Distanz und Raum für Deutungen und Theorien angezeigt – angefangen beim keineswegs neuen Tugend-Diskurs, der ja in einer jahrhundertealten republikanischen Tradition steht, ohne Terror als ständigen Begleiter gehabt zu haben. Zur gleichen Zeit wurde dieser Diskurs etwa in der Eidgenossenschaft gepflegt, und zwar von Anhängern wie Gegnern der bestehenden Ordnung. Wäre dieser Umstand nicht eine Betrachtung wert?

Auch zur Einführung der auf dem Dezimalsystem beruhenden Zeitrechnung liesse sich gewiss viel Interessantes sagen; Willms nennt sie schlicht «blödsinnig». Ebenso zeigt er für die versuchte «Zerstörung des Christentums», das durch eine Zivilreligion hätte ersetzt werden sollen, überhaupt kein Verständnis. Gerne hätte man indes erfahren, wie der Tugendeifer kippen konnte und woher der atheistische Übermut kam. Mag den Jakobinern am Ende die Moral – oder zumindest eine nicht pervertierte Moral – gefehlt haben, so hat Johannes Willms als Historiograf vielleicht eine Spur zu viel davon.

Johannes Willms: Tugend und Terror. Geschichte der Französischen Revolution. C. H. Beck, München 2014. 832 S., Fr. 40.90.


*Nota. - Ebenfalls unbeachtet: die ebenfalls fast gleichzeitige spanische Revolution; die freilich sehr schnell auf die Cortes in Cádiz reduziert war. - Wirklich unbegreiflich ist hingegen, dass immer wieder die wirklich erste bürgerliche Revolution vergessen wird, der Unabhängigkeitskrieg der Niederlande. Auch die kannte ihren Tugendterror, zwar keinen politischen, sondern den konfessionellen Terror der Kalvinisten; nichtmal so sehr gegen die Katholiken: Es waren die Radikalen, die Wiedertäufer, die auf den protestantischen Scheiterhaufen loderten. Da fällt mir ein: Sollte man die konfessionellen Parteiungen der Zeit nicht auch für politische halten?
JE

Samstag, 25. Oktober 2014

Netzneutralität ist aber ein Problem.

Wer zahlt, kommt zuerst. Auch im Internet, lange Zeit als Ort der gleichberechtigten Kommunikation gepriesen, hält diese Logik Einzug.
aus nzz.ch, 12.7.2014, 10:00 Uhr                                                                                Kupferkabel

Debatte um Netzneutralität
Das Internet, eine Zweiklassengesellschaft


Dass Kommunikation im Internet nicht sicher ist, weiss man spätestens seit den Enthüllungen über den amerikanischen Geheimdienst NSA. Nun rückt eine andere Frage in den öffentlichen Fokus: Wie neutral ist und sollte das Netz sein?

Man stelle sich folgendes Szenario vor: Abends auf der Couch möchte man sich über die Geschehnisse des Tages informieren, besucht also verschiedene Nachrichtenseiten im Internet. Doch die Artikel lokaler Zeitungen werden nur schleppend geladen, Videos der öffentlichrechtlichen TV-Sender ruckeln unerträglich – die einzigen Nachrichten, die schnell erscheinen, sind die grosser amerikanischer Konzerne wie Yahoo- oder Google-News. Etwas irritiert bleibt man bei deren Inhalten hängen und sucht sie künftig direkt auf.
 
Neue Produkte, alte Leitungen

So oder ähnlich könnte die Zukunft des Internets aussehen, würde die Netzneutralität aufgehoben. Hinter diesem abstrakt und bürokratisch anmutenden Begriff steckt nichts als die Tatsache, dass im Netz alle Daten mit gleicher Geschwindigkeit und Güte übertragen werden, unabhängig von ihrem Inhalt, Absender oder Empfänger. Ein Video auf der Plattform Youtube wird also genauso schnell oder langsam geladen wie eines des Konkurrenten Vimeo; die Website einer konservativen Zeitung oder Partei so schnell wie die einer sozialdemokratischen oder liberalen. Einzig der gewählte Internetanschluss eines Endnutzers limitiert die Geschwindigkeit, mit welcher die Daten übertragen werden.

Diese Neutralität war bisher ein ungeschriebenes Gesetz im Internet, doch nun ist darüber ein weltweiter Konflikt ausgebrochen, der zu Gesetzesinitiativen, Diskussionsrunden und Petitionen geführt hat. Internetpioniere melden sich zu Wort, die EU arbeitet an einem Gesetzesvorschlag, und amerikanische Lobbyisten versuchen mit Millionen von Dollars die Debatte zu beeinflussen. Auch in der Schweiz erwägt man, die Netzneutralität gesetzlich zu verankern.

Dabei geht es um Grundsätzliches: Gelten im Internet die Gesetze des freien Marktes und der Preisbildung? Oder ist das Netz ein öffentliches Gut, ein Medium der freien Meinungsäusserung, dessen Zukunft als solches es zu schützen gilt?

Um die Dimension des Themas zu verstehen, muss man zunächst einen Schritt zurückgehen, zu den Anfängen des Internets. In den neunziger Jahren wurde dieses kommerziell nutzbar, zunächst aber nur zurückhaltend eingesetzt, etwa für E-Mails, Chat-Foren oder simpel gestaltete Webauftritte. Grosse Firmen und auch die Medienbranche unterschätzten jahrelang das Potenzial und die künftige Bedeutung des Netzes.

Als Infrastruktur für die Datenübertragung dienten damals wie vielerorts noch heute Kupferkabel, die auf der letzten Meile die Haushalte mit dem nächsten Knotenpunkt des Internets verbinden. Das ist aber auch das Einzige, was im Netz in den vergangenen 25 Jahren gleich geblieben ist. Videotelefonie, Musikstreaming und die Nutzung von Datenwolken haben sich geradezu explosionsartig vermehrt und werden qualitativ immer besser – verlangen aber auch immer höhere Bandbreiten. Die Infrastruktur dürfte in den kommenden Jahren noch stärker beansprucht werden: Die Telekommunikationsfirma Cisco erwartet eine knappe Verdreifachung des Datenvolumens bis 2018, wobei Videos dann einen Anteil von 80 Prozent ausmachen dürften.

Dass immer mehr Nutzer das Internet für immer datenintensivere Dienste brauchen und somit ihre Internetanschlüsse vollumfänglicher ausreizen, stellt die Telekommunikationsfirmen vor Probleme. Sie als Anbieter müssten allmählich die bestehende Infrastruktur, insbesondere die Hauptachsen des Netzes, ausbauen, um dem Wandel gerecht zu werden. Wie eine Autobahnstrecke, die im Laufe der Zeit immer beliebter geworden ist und irgendwann erweitert werden sollte, damit Staus vermieden werden, müssten die Netzanbieter in neue Leitungen investieren. Dafür wollen sie aber nicht alleine zahlen und argumentieren, die eigentlichen Profiteure einer schnelleren Infrastruktur seien grosse IT-Konzerne wie Amazon, Google – oder der in den USA äusserst beliebte Streaming-Dienst Netflix. Netflix überträgt TV-Serien und Filme per Internet und beansprucht dafür etwa ein Drittel der in den USA verfügbaren Datenbandbreite.

Wer viel Kapazität nutze, müsse auch dafür zahlen, fordern die Netzanbieter und lassen ihren Worten zurzeit in den Vereinigten Staaten Taten folgen: Der amerikanische Telekommunikationskonzern Comcast hat Netflix aufgefordert, zusätzliche Gebühren für den reibungslosen Transfer seiner Streaming-Dienste zu zahlen – also dafür, dass die Videos mit kontinuierlichem Datendurchsatz und ohne Ruckeln beim Endkunden ankommen. Um den Druck auf Netflix zu erhöhen, hat Comcast seit Herbst 2013 die Übertragungsgeschwindigkeit für Netflix' Inhalte reduziert, ähnlich wie auch die Anbieter AT&T und Verizon. Netflix hat schliesslich im Februar dem Druck nachgegeben – und profitiert seitdem von rasant schnellen Übertragungsgeschwindigkeiten bei Comcast (siehe Grafik).

Fast gleichzeitig hat die amerikanische Federal Communications Commission (FCC), also die staatliche Aufsichtsbehörde über die Kommunikation, einen Vorschlag zur Reform des Telekommunikationsgesetzes erlassen, um «das freie und offene Internet» zu sichern. Mit diesem würde das Verhalten von Comcast legalisiert. Das geplante Gesetz würde es Netzanbietern tatsächlich erlauben, das Internet zu einer zweispurigen Datenautobahn umzubauen: einer Spur für den normalen Verkehr und einer besonders schnellen, qualitativ besseren, aber gebührenpflichtigen Fahrbahn für Konzerne. Allerdings müssten derartige Bevorzugungen öffentlich gemacht werden und dürften Dritte nicht benachteiligen, wendet die FCC ein. Damit würden die USA als erstes Land weltweit mit dem Grundsatz der Netzneutralität brechen.  
Aufschrei im Netz

Eine bemerkenswert breite Front hat sich innerhalb kürzester Zeit gegen die Pläne der FCC gebildet: In einem offenen Brief an die Behörde warnen 150 Technologiefirmen wie Amazon, Google, Facebook oder auch Netflix vor einer Zweiklassengesellschaft im Netz. Sie argumentieren, Startups wären so auf langsamere Datenleitungen beschränkt, was Innovation und Wettbewerb verhindern würde. Bisher profitieren besonders neugegründete Firmen davon, dass sie im Netz die gleiche Infrastruktur nutzen können wie etablierte Technologiekonzerne.

Auch Sir Tim Berners-Lee, der Begründer des World Wide Web und Erfinder der Computersprache HTML, plädierte im britischen «Guardian» für die Netzneutralität, ebenso wie Steven Wozniak, Mitgründer von Apple, der sich in einem offenen Brief im Magazin «The Atlantic» besorgt äusserte. Selbst der beliebte Komiker John Oliver widmete dem Thema eine ganze Sendung, woraufhin die Server der FCC mit 300 000 E-Mails und Kommentaren überhäuft und vorübergehend lahmgelegt wurden. Viele Kritiker befürchten auch, dass die Telekommunikationskonzerne die erhobenen Gebühren gar nicht nutzen werden, um die Infrastruktur auszubauen und Datenstaus zu verhindern, sondern die Einnahmen als Gewinn einstecken wollen.

Verschärfend für die Debatte kommt hinzu, dass sowohl einige Netzanbieter wie auch IT-Konzerne angefangen haben, ihr Geschäftsmodell zu verändern und vertikal zu integrieren: Sie wollen künftig die komplette Wertschöpfung von der Erstellung der Inhalte bis zu deren Übertragung an den Endnutzer aus einer Hand leisten können. Google erwägt beispielsweise, sich an einem Glasfaserkabel unter dem Pazifik zu beteiligen und so seine eigenen Inhalte, die grösstenteils auf Servern in Nordamerika stehen, schnellstmöglich nach Asien, dem bevölkerungsreichsten Kontinent, übertragen zu können. Damit würde der IT-Konzern seine marktmächtige Stellung ausbauen und sich von den Netzbetreibern unabhängig machen, statt diesen Gebühren für schnelle Leitungen zahlen zu müssen.

Die wiederum geben sich nicht mehr damit zufrieden, nur Dienstleister für die Inhalte anderer zu sein: Comcast etwa hat sich am Streaming-Dienst Hulu beteiligt, einem direkten Konkurrenten von Netflix. Sollte die Netzneutralität tatsächlich aufgehoben werden, könnte Comcast seinen eigenen Streaming-Dienst bevorzugen, also Hulus Inhalte schneller übertragen als die von Netflix. Ebenso könnte Google auf der Glasfaserleitung seine eigenen Inhalte und die seiner Tochterfirmen priorisieren. Da die Auswirkungen wohl so eklatant wären, hat sich selbst der Verband deutscher Zeitungsverleger mittlerweile in die Debatte eingemischt und warnt vor einem «Albtraum demokratischer und marktliberaler Gesellschaften», sollten Netze und Inhalte vertikal integriert werden.

Der Kampf um Netzneutralität wird aber nicht nur in Internetforen, Medien und Parlamenten ausgetragen, er tobt auch an der Front der Lobbyisten. Comcast als – am Umsatz gemessen – weltgrösster Kabeldienstbetreiber gab allein 2013 18,8 Millionen Dollar für politische Einflussnahme aus und ist damit der zweitgrösste Lobbyist der USA. Die Ausgaben scheinen sich zu amortisieren: Vorsitzender der FCC wurde im vergangenen November Tom Wheeler , ein ehemaliger Toplobbyist amerikanischer Kabel- und Telekommunikationsfirmen – und Golfpartner von Barack Obama. Die Telekommunikationsfirmen werden nun also von einem Ehemaligen aus ihren eigenen Reihen beaufsichtigt. Derart pikante Details sind Wasser auf die Mühlen der Gegner der FCC-Pläne.

Auch wenn die Debatte um Netzneutralität in den USA am stärksten tobt, treibt sie auch andere Staaten um. Chile war das erste Land, das 2010 die Netzneutralität gesetzlich verankert hat . Seit dem 1. Juni dieses Jahres ist es dort Netzbetreibern sogar verboten, bestimmte Inhalte positiv zu diskriminieren, also etwa die Datenpakete von Facebook, Google oder Wikipedia nicht dem monatlichen Datenvolumen der Nutzer hinzuzurechnen. Solche Verletzungen der Netzneutralität sind auch bei deutschen und amerikanischen Anbietern bekannt, bisher hat aber nur Chile ihnen einen Riegel vorgeschoben.

Die Niederlande hielten die Netzneutralität zunächst 2011 im Mobilfunk, 2012 auch im Festnetz gesetzlich fest, allerdings mit einigen Ausnahmen versehen. Slowenien hat 2013 ein Gesetz verabschiedet, nach dem nur ein richterlicher Beschluss die Netzneutralität ausser Kraft setzen darf. In der Schweiz ist der Bundesrat mit einer derartigen gesetzlichen Neuregelung beauftragt. Auch in der Europäischen Union wird darüber diskutiert, die Netzneutralität in der geplanten Verordnung zum gemeinsamen Telekommunikationsmarkt festzuschreiben. Das EU-Parlament hat kürzlich einen entsprechenden Vorschlag verabschiedet, den derzeit der Ministerrat erörtert.
 
Gefahr des Monopols

Ob in der Europäischen Union, der Schweiz oder den USA, die Gesetzgeber sehen sich mit Grundsatzfragen konfrontiert: Soll der Staat die freien Kräfte des Marktes spielen lassen, also die bisher geltende Maxime der Netzneutralität fallen lassen? Möglicherweise riskiert man dann, dass eine Handvoll mächtiger Netzanbieter kontrolliert, welche Inhalte im Internet wie schnell übertragen werden. Man könnte jedoch argumentieren, dass in einem funktionierenden Markt die Endnutzer derartige Praktiken bestrafen und den Anbieter wechseln würden. Doch in ländlichen Regionen haben oft nur ein oder zwei Anbieter die «letzte Meile» an Leitungen zu den Haushalten verlegt. Laut einer FCC-Studie verfügen 80 Prozent der amerikanischen Bevölkerung nur über Zugang zu maximal zwei Kabelanbietern.

Sollte der Staat also stattdessen die Netzneutralität gesetzlich zementieren? Um das durchzusetzen, brauchte es wohl eine umfangreiche Überwachung und regulatorische Eingriffe, wie die Gesetze in Chile und den Niederlanden zeigen. Zudem herrscht schon heute aus Praktikabilitäsgründen keine absolute Neutralität: Netzbetreiber bevorzugen Datenpakete für Internettelefonie vor denen von E-Mails, weil bei Ersteren die Übertragung zeitkritischer ist. Eine gewisse technische Diskriminierung ist im Netz also durchaus nötig.

«Doch wo verläuft die Grenze bei dieser Diskriminierung? Und wer zieht sie?», fragt sich Urs Gasser. Er ist Direktor des Berkman Center for Internet and Society an der Harvard University in Boston, das sich mit Fragen der Netzneutralität auseinandersetzt. Derzeit stünden die Regulatoren vor einem Dilemma: Wenn sie jetzt die Situation falsch einschätzten und nicht intervenierten oder eben doch, könnten sie eine Monopolsituation begünstigen – entweder zugunsten der Netzanbieter oder der marktmächtigen Internetkonzerne. Und ein derartiges wie auch immer geartetes Monopol könnte die künftige Freiheit im Internet tatsächlich gefährden, so Gasser.

Ein Szenario, bei dem lokale Nachrichtenseiten diskriminiert würden, wäre dann wohl nur der Anfang.

Dienstag, 21. Oktober 2014

Der Preis von Wissenschaft und Volksherrschaft.

 
institution logoEbola: Historiker ziehen Lehren aus der Zeit der Pest

Viola van Melis 
Zentrum für Wissenschaftskommunikation
Exzellenzcluster „Religion und Politik“ an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster  

„Mittelalterliche Obrigkeiten stärker zum kollektiven Handeln entschlossen als heutige Politiker – Seuchen-Problem nicht auf Experten abwälzen“

Im Kampf gegen Ebola lassen sich Historikern zufolge Lehren aus der Geschichte der mittelalterlichen Pest ziehen. Die politischen Obrigkeiten hätten damals auf die kollektive Bedrohung stärker mit gemeinschaftlichen Bemühungen reagiert als heute, schreiben die Mediävisten Prof. Dr. Jan Keupp und Katharina Wolff vom Exzellenzcluster „Religion und Politik“ in einem Beitrag „Ebola und die Lehren der Pest“ auf www.religion-und-politik.de. Auch wenn heute fast niemand mehr die Seuche als Strafe Gottes betrachte und die damals angeordneten Hilfsmaßnahmen nicht mehr in Frage kämen, fehle es gegenwärtig an einem vergleichbaren politischen Willen zum kollektiven Handeln. Die moderne Politik habe den Anstieg medizinischen Wissens zum Anlass genommen, den Umgang mit Epidemien „an einen Stab von Spezialisten auszulagern und aus der Sphäre des kollektiven staatlichen Entscheidens zu verbannen.“ Das habe sich etwa bei EHEC als „bequeme und risikoarme Variante“ erwiesen, „die moderne Mandatsträger vor dem Versagen ihrer mittelalterlichen Vorgänger schützt“.

Doch Epidemien seien keine rein technologische Angelegenheit, unterstreichen die Autoren. Die Wertmaßstäbe der Politik müssten dringend überdacht werden. Wie im Pest-Zeitalter seien auch durch Ebola traditionelle Werte im Gemeinwesen bedroht. Die Historiker, die am Exzellenzcluster den politischen und gesellschaftlichen Umgang mit der Pest im Mittelalter erforschen, schreiben weiter: „Die Vorstellung, man könne Ebola getrost den Experten überlassen und ansonsten ohne politische Verantwortung auf Nichtregierungsorganisationen und ein Grüppchen enthusiastischer Freiwilliger abwälzen, erweist sich angesichts exponentieller Ansteckungsraten als gefährlicher Trugschluss.“ Auch der Entschluss, die klinische Entwicklung eines Impfstoffes der Initiative kommerzieller Pharma-Unternehmen zu überlassen, sei fatal. „Gerade wenn man die Seuche nicht mehr als unkontrollierbaren Ausfluss einer ‚höheren Gewalt’ abtut, erwächst aus ihr die Notwendigkeit kollektiven Handelns.“ Es gelte, die an die Weltgemeinschaft gerichteten Appelle von UN-Generalsekretär Ban Ki Moon ernst zu nehmen.

Positiv heben die Wissenschaftler hervor, dass Menschen wie Ärzte und Pfleger auch heute noch das Risiko eingingen, Erkrankten zu helfen. Die Unterstützung der Kranken, die verschiedene Religionen seit Jahrhunderten festschrieben, sei in der kulturellen Werteorientierung der Moderne nicht verloren gegangen oder vollständig dem medizinischen Wissen um Infektiosität und Eindämmung unterworfen worden. „Es ist beruhigend, dass menschliche Zuwendung im öffentlichen Diskurs nach wie vor den Impuls zur vollständigen Ausgrenzung der Kranken überwiegt, wie sie ein rein technokratisches Seuchenschutzprogramm womöglich priorisieren würde.“

Der Beitrag mit dem Titel „Ebola und die Lehren der Pest: Politik im Schatten der Seuche“ beschreibt, wie die Bevölkerung und die politischen und geistlichen Obrigkeiten des Mittelalters mit der Pest umgingen. So wird aus einem Augenzeugenbericht des Notars Gabriele de Mussis zitiert, der als einer der ersten Europäer im Frühjahr 1347 auf der östlichen Krim den Beginn der großen Pestepidemie erlebte. „Wer als Mittelalter-Historiker momentan derartige Texte durchforstet, blickt nicht mehr in die weite Ferne einer vermeintlich ‚finsteren’ Epoche“, schreiben die Forscher. „Er fühlt sich aus der vertrauten Studierstube unmittelbar in die Gegenwart versetzt, deckt sich der Bericht doch erschreckender Weise mit den jüngsten Meldungen über die unaufhaltsame Verbreitung des Ebola-Virus.“ Auch heute seien es die Helfer, die vor Ort Kranke in ihren Familien versorgen oder ihnen mit dem Wissen westlicher Medizin zur Seite stehen, die selbst zu Opfern oder Überträgern der Seuche würden. „Wie zu Zeiten der mittelalterlichen Pest drohen traditionelle Werte und Strukturen am Schrecken des Seuchengeschehens zu zerbrechen.“

Mit Blick auf die zu Pest-Zeiten politisch Verantwortlichen schreiben die Forscher: „Als göttliche Ermahnung betrachtet, rief die Pest unmittelbar die geistlichen und weltlichen Obrigkeiten auf den Plan. Zum Wohl ihrer Schutzbefohlenen traten sie in Verhandlungen mit dem Weltenrichter, suchten ihn durch Prozessionen und Bußwallfahren zu beschwichtigen und erlegten der Bevölkerung Kleider- und Luxusverordnungen auf.“ Auf eine kollektive Bedrohung habe man mit gemeinschaftlichen Bemühungen auf dem damals aktuellen Stand theologisch geprägten Weltwissens reagiert.

Die Mittelalter-Historiker Prof. Dr. Jan Keupp und Katharina Wolff forschen am Exzellenzcluster „Religion und Politik“ der Uni Münster im Projekt D2-13 „‘Höhere Gewalt‘ und öffentliches Handeln. Politik im Zeichen der Pest“. Mediävist Keupp, der das Projekt leitet, hat den Lehrstuhl III für Mittelalterliche Geschichte an der WWU Münster inne. Der Beitrag findet sich in der Rubrik „Ansichtssachen“ der Website des Exzellenzclusters. (vvm



Weitere Informationen: http://www.religion-und-politik.de/aktuelles/2014/okt/Gastbeitrag_Ebola_und_die_... - Der Beitrag „Ebola und die Lehren der Pest: Politik im Schatten der Seuche“ auf der Website des Exzellenzclusters.


Nota. - Ja, das ist der Preis der Wissenschaft. In der Zeit des Glaubens wurde nicht lang geweifelt und gestritten, da wurde eine geständige Hexe ruckzuck verbrannt. Und die städtischen Obrigkeiten waren allein ihrem Bischof oder ihren paar Patrizerfamilien Rechenschaft schuldig, aber nicht dem Volk, das durfte murren.

Ärgerlich, dass man nie alles zugleich haben kann.
JE

Bergbau in der Steinzeit.

aus derStandard.at,


Forscher entdeckten früheste Spuren von Bergbau in der Steiermark
Im steirischen Eisbach bei Stift Rein dürfte schon im ausgehenden Mittelneolithikum Hornstein abgebaut worden sein

Graz - Bereits seit 2009 führen Archäologen der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und des Universalmuseums Joanneum archäologische Grabungen auf einer Geländekuppe nordöstlich des Stiftes Rein in der steirischen Gemeinde Eisbach durch.

Wie die Forscher um Michael Brandl und Daniel Modl nun berichten, entdeckten sie dabei Sensationelles: Auf dem sogenannten "Hochfeld", einer etwa 4 Hektar großen Wiesenfläche, wurde offenbar bereits im ausgehenden Mittelneolithikum in tiefen Gruben Hornstein (auch Feuerstein oder Silex) in Form von Platten abgebaut.

Pinge

"Wir haben Silex, das Bearbeitungsspuren aufweist, in Brandschichten mit guter Holzkohleerhaltung gefunden und konnten über die Radiokarbonanalyse das Fundmaterial datieren", so Brandl. Damit lassen sich die frühesten gesicherten Bergbauspuren in der heutigen Steiermark gleich um mehrere Jahrtausende zurückdatieren: Bereits ca. 4500–3800 vor unserer Zeitrechnung dürfte hier Hornsteinbergbau betrieben worden sein. Bisherige Funde belegten einen bronzezeitlichen Kupferabbau im Paltental in der Obersteiermark als die frühesten Bergbauspuren.
 
Geräte aus Hornstein weit verbreitet

Der einzige vergleichbare prähistorische Bergbau in Österreich findet sich im heutigen 23. Wiener Gemeindebezirk, in Mauer, wo auf der sogenannten Antonshöhe ungefähr zur selben Zeit Radiolarit - eine Varietät von Hornstein - abgebaut wurde. Geräte aus "Reiner Hornstein" finden sich heute nahezu in jeder kupferzeitlichen Fundstelle in der Steiermark und lassen damit bereits in der Jungsteinzeit für Südostösterreich intensive und weitreichende Tausch- bzw. Handelssysteme für dieses Rohmaterial erkennen.

Feuersteinknolle 

Im Rahmen der diesjährigen Grabungsarbeiten entdeckten die Forscher einen ca. zwei Meter breiten Mündungsbereich einer isoliert liegenden Pinge. Diese Vertiefung, die bei Bergbauarbeiten entsteht, soll in künftigen Grabungen vollständig erforscht werden.

Die Forscher hoffen, durch zusätzliche Datierungen und die Aufarbeitung neuen Fundmaterials den Abbau zeitlich noch enger eingrenzen zu können. Erste Forschungsergebnisse sollen in den kommenden Monaten veröffentlicht werden. 
(red)


Links

Nota. - Zu bedenken, dass das keine sesshaften Ackerbauern waren, sondern Wanderer, die sich durch Jagen und Sammeln ernährten - oder eben durch Austausch von Feuerstein, denn solange sie den abbauten, konnten sie weder jagen noch sammeln, und weiterziehen schon gar nicht.
JE



Montag, 20. Oktober 2014

Lieber nicht aus der Reihe tanzen.

aus Süddeutsche.de,

Sozialpsychologie
Zahlen fürs Prahlen Ein Selfie vor toller Kulisse? Aber ja doch, die Likes auf Facebook scheinen sicher. Dass der Aufbau sozialer Anerkennung etwas komplexer ist, haben Harvard-Psychologen in einer neuen Studie nachgewiesen. Sie zeigt: Selbstdarstellung kann schnell nach hinten losgehen.

von Kim Björn Becker
 
Den Wettkampf um das beste und glücklichste Leben bestreiten viele Menschen heute virtuell, bevorzugt auf Facebook, und ihn gewinnt für gewöhnlich, wer die meisten "Gefällt mir"-Angaben auf sich vereinigen kann. Herausragende Erlebnisse firmieren dabei als Treibstoff, mit dem sogenannte "Likes" generiert werden können: Das Video vom Himalaja, ein Foto aus dem Stadion während des WM-Finales, ein Selfie mit der Kanzlerin.
 
Forscher von der amerikanischen Harvard-Universität haben nun etwas herausgefunden, das für Menschen mit einem eher durchschnittlichen (Facebook-)Leben wohl recht tröstlich sein dürfte: Die meisten Versuche, ein spektakuläres Erlebnis zur Maximierung von gesellschaftlicher Anerkennung zu instrumentalisieren, schlagen fehl - zumindest im Labor. "Außergewöhnliche Erfahrungen sind nur im jeweiligen Moment ein Vergnügen, langfristig können sie uns sozial ärmer dastehen lassen", sagt Gus Cooney, Psychologe und einer der Autoren der Studie.
 
Um den sozialen Effekt besonderer Erfahrungen zu messen, spielten die Forscher den Probanden Kurzfilmen vor. Dabei wurden je vier Teilnehmer einer Gruppe zugeordnet. Drei von ihnen wurde ein langweiliges Video gezeigt: eine eher schlecht gemachte Animation, die in einer unabhängigen Bewertung nur zwei von fünf Sternen erhielt.
 
Das vierte Gruppenmitglied hingegen bekam einen Film von einem Zauberer vorgeführt, der in der Fußgängerzone Tricks aufführt. Das Video erhielt vier von fünf Sternen und taugt damit potentiell als wertvoller Inhalt in sozialen Netzwerken. Anschließend sollten die Probanden in ihrer Vierer-Gruppe über ihre Erlebnisse sprechen. Danach wurden sie - wie auch schon vor der Filmvorführung - zu ihrem Befinden befragt.
 
 Das Ergebnis: Vor der Filmvorführung waren Alle in ähnlicher Laune, auf einer Skala von 0 bis 100 lag der Mittelwert zwischen 68 und 69 Punkten. Nach der Unterhaltung hingegen zeigte sich ein völlig anderes Bild: Jene, die etwas Außergewöhnliches erlebt (also den Film mit dem Zauberer gesehen) hatten, fühlten sich schlechter - im Mittel machten sie bei 53 Punkten ihr Kreuz. Die Gruppe der "Gewöhnlichen" kommt im Schnitt auf 64 Zähler.
 
Der Grund dafür ist eindeutig: Jene, die innerhalb der Gruppe als einzige das Zauberer-Video gesehen hatten, fühlten sich durch ihr besonderes Erlebnis aus der Unterhaltung ausgeschlossen. Auf einer Skala von 0 bis 100 kreuzten sie als Wert für ihr Gefühl der Ausgrenzung im Schnitt die 80 an. Bei den übrigen Teilnehmern lag der Wert der Ausgrenzung lediglich bei 51 Punkten. "Wenn ein Erlebnis Dich zu jemandem macht, der nichts mit den anderen gemein hat, dann wird es Dich auf Dauer nicht glücklich machen, egal wie gut es war", sagt Gus Cooney.
 
Die Ergebnisse widersprachen allen Erwartungen
 
Bemerkenswert ist auch: Die meisten Menschen haben überhaupt kein Gespür dafür, dass ein solches Erlebnis sie überhaupt zu Außenseitern machen könnte. In einer Kontrolluntersuchung, die auf demselben Schema aufbaute, äußerten die Probanden die Erwartung, dass die Zuschauer des Magier-Videos einen positiven sozialen Effekt aus dem exklusiven Erlebnis ziehen würden. Dass sie in der darauffolgenden Unterhaltung ausgegrenzt werden würden, hielt niemand für denkbar.
 
"Die Teilnehmer an unserer Studie dachten fälschlicherweise, dass ein solches Erlebnis sie zum Star der Unterhaltung machen würde. Doch sie irrten sich", sagt Cooney. "Außergewöhnlich zu sein bedeutet, anders zu sein als andere. Und soziale Interaktion basiert immer auf Gemeinsamkeiten."

Sonntag, 19. Oktober 2014

Türken in Deutschland.

süddeutsche.de

Türkisch-deutsche und deutsch-türkische Migration als Chance zur Modernisierung?

Joachim Turré 
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Max Weber Stiftung – Deutsche Geisteswissenschaftliche Institute im Ausland 

17.10.2014 10:11

Für den 23. und 24. Oktober 2014 lädt das Orient-Institut Istanbul zu einer internationalen Konferenz mit dem Thema „Modernisierung durch Migration?“ an den Bosporus ein. Die Veranstaltung findet im Rahmen des deutsch-türkischen Wissenschaftsjahres statt.

Seit der Anwerbung türkischer „Gastarbeiter“ in den 1960er Jahren wird die Türkei in Europa primär als Auswanderungsland wahrgenommen. In der Diskussion über das deutsch-türkische Migrationsgeschehen wird jedoch vernachlässigt, dass deutsch-türkische Wanderungsbewegungen weit früher begannen und dass Migrationsbewegungen nicht nur von der Türkei nach Deutschland stattfanden und stattfinden, sondern auch in umgekehrter Richtung. Gegenwärtig leben in der Türkei laut offizieller Schätzungen rund vier Millionen türkische Staatsbürgerinnen und Staatsbürger, die nach einer bestimmten Zeit in Deutschland in ihr Herkunftsland zurückgekehrt sind. Mitgezählt werden dabei auch sogenannte Remigranten mit türkischem Hintergrund, die in Deutschland geboren wurden, jedoch über die türkische Staatsbürgerschaft verfügen.

Die deutsch-türkischen Migrationsbewegungen lösten in beiden Ländern einen gravierende Wandel aus: In Deutschland stellt insbesondere die Einwanderung aus der Türkei einen Meilenstein in der Entwicklung zu einem de-facto Einwanderungsland dar. In der Türkei prägten die Ab- und Zuwanderungsbewegungen Gesellschaft, Politik, Kultur und Wirtschaft in hohem Maße. Neben den großen Potentialen, die sich dadurch für beide Länder ergeben, wurden sie allerdings auch mit unerwarteten Problemen konfrontiert.

Die durch Migrationsbewegungen ausgelösten Veränderungsprozesse und Modernisierungseffekte werden von hochrangigen Repräsentanten aus Politik und Wirtschaft sowie Vertreterinnen und Vertreter unterschiedlicher wissenschaftlicher Disziplinen in den Themenbereichen „Wirtschaftsbeziehungen“, „Kulturaustausch“ sowie „Religionen im Dialog“ diskutiert.

Die Tagung „Modernisierung durch Migration? ̶ Internationale Konferenz zu deutsch-türkischen Austauschprozessen?“ wird organisiert vom Orient-Institut Istanbul, der Bahçeşehir Universität sowie dem Forum Internationale Wissenschaft (FIW) an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn und von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) unterstützt.

Datum: 23. - 24. Oktober 2014
Ort: Bahçeşehir Üniversitesi, Fazıl Say Salonu, Çırağan Caddesi, Osmanpaşa Mektebi Sokak No: 4-6, Beşiktaş, Istanbul, Türkei
Konferenzsprachen: Deutsch, Türkisch (Simultanübersetzung)

Weitere Informationen:http://www.maxweberstiftung.de/aktuelles/einzelansicht-startseite/datum/2014/10/...http://www.oiist.org/?q=de/upcoming_events

Anhang




Nota.

Die Situation der Türken in Deutschland ist auf der Welt einzigartig. Eine nach Millionen zählende nationale Minderheit, die zu dem Land, in dem sie leben, keinerlei historische Beziehung haben, weder politisch noch kulturell. Sie ist weder mit den Norafrikanern in Frankreich noch mit den Indern und Westindern in England und auch nicht mit den Schwarzen in Amerika vergleichbar. Keiner von denen kann einfach neben der Mehrheits- bevölkerung herleben - nur sie. Aber gerade aus dieser Einzigartigkeit müsste sich doch was machen lassen - in beide Richtungen. Doch nur, wenn man sie als solche erkennt. Aber wer ist man?
JE

Dienstag, 14. Oktober 2014

Die Entstehung des Monotheismus aus dem Wechselbalg Varuna.

Herrisch reitet er einher: Ausgerechnet der unberechenbare, jähzornige Varuna mutiert zum «Herrn Weisheit». – Nach einem Stich von Charles Etienne Pierre Motte (1785-1836).
aus nzz.ch, 14.10.2014, 05:30 Uhr                                          Varuna nach einem Stich von Charles Etienne Pierre Motte (1785-1836)

Die Geburt des Monotheismus
Ein Problemkind wird Gott



Ist der moderne Mensch religionslos? Diese Frage erhielt nach dem Zweiten Weltkrieg durch den marxistisch und atheistisch geprägten Ostblock Aktualität. Im Westen wurde das religiöse Erbe von den einen als im Kern jüdisch-christlich deklariert, während andere wie der aus Rumänien stammende Religionswissenschafter Mircea Eliade die Religiosität des Menschen am besten in «archaischen», vor- und ausserchristlichen Religionen repräsentiert sahen. In Büchern, die zu Bestsellern wurden, gelang es Eliade, Hinduismus, Yoga, Schamanismus und indianische Kulte als Relikte jener vorchristlichen Mentalität darzustellen und zu empfehlen, für die der moderne Mensch nostalgische religiöse Gefühle entwickelt.

In den 1960er und 1970er Jahren, als Eliade auf dem Höhepunkt seines Einflusses stand, wurde die Beschäftigung mit archaischem Religionsgut für viele zur Quelle neuer Spiritualität. Im Milieu der Anhänger Eliades herrschte Skepsis gegenüber der geläufigen These, die monotheistischen Religionen hätten die Menschheit dadurch auf ein höheres Niveau gebracht, dass sie die archaischen Religionen bekämpften und hinter sich liessen. Eliade ist längst tot. Sein Name wird in der Religionswissenschaft nur noch selten erwähnt. Seine Bevorzugung des «Archaischen» gilt als obsolet. Das allerdings könnte sich ändern – zumindest für jene, die das neue Buch von Harald Strohm lesen: «Die Geburt des Monotheismus im alten Iran».

Heitere Welt des rigvedischen Mythos

Der Religionswissenschafter und Religionspsychologe führt uns zunächst in die Welt des Rigveda, einer Sammlung von über tausend Hymnen, deren Ursprung in das zweite vorchristliche Jahrtausend und noch ältere Zeiten zurückreicht – und die zu den bedeutendsten Schriften des Hinduismus wurde. Die Mythen des Rigveda berichten von der Zeit, in der die grossen Götter – Indra, Agni, Soma, Mitra und Varuna – noch Kleinkinder waren, gestillt von der Göttermutter Aditi und geherzt von Usas. Aditi ist die Göttin der bergenden Nacht, Usas die mit allen Vorzügen junger Weiblichkeit ausgestattete Göttin Morgenröte. Unter der Obhut dieser Göttinnen erleben die Kleinen die Episoden der Welteroberung, von denen Mütter aller Zeiten erzählen: Öffnen der Augen, Herumkrabbeln, erste Schritte, erste gestammelte Worte. Erlernt werden die Beherrschung des Körpers und rudimentäre sinnvolle Sprache. Die erste leidenschaftliche Liebe, die im Mythos der schönen Usas gilt, entwickelt sich spontan.

Im zweiten und dritten Lebensjahr vollzieht sich der Sprung von der elementaren Welt des Tastens und Rufens nach der Mutter in die neue Welt der Wörter und der Sprache. Bei allen Götterkindern nimmt die Entwicklung einen gesunden Lauf, so dass sich die Mütter über ein «gelungenes Jahr» freuen. 

Varuna freilich bleibt ein Problemkind, die Entwicklung misslingt, das Jahr wird zu einer verdorbenen Zeit. Nicht selten regrediert der kleine Varuna in seine erste Welt, was sich an Unberechenbarkeit, Jähzorn und Tyrannei zeigt. Auch sucht er den Anforderungen der neuen Welt der Wörter durch Übermass zu entsprechen, indem er grosse Sprüche von sich gibt, altklug daherredet und allen Regeln, die man ihm beibringt, in übertriebener Genauigkeit nachkommt. Das Ergebnis ist verheerend: Lebenslang bleibt Varuna eine problematische Gestalt. Der Mythos schreibt ihm Kleinwüchsigkeit, hässliches Äusseres und fehlenden Sinn für Liebe und Frauen zu. Mit grossem Aufwand an Aufmerksamkeit und Zuwendung muss Varuna beruhigt und beschwichtigt werden.

Die Welt der Götter ist kein in sich geschlossener Kosmos. Was die Götter erleben, spiegelt sich in vielfältiger Weise in der menschlichen Gesellschaft. Der stets mürrische Varuna übt schädlichen Einfluss auf die Menschen aus. Varunas unheilvoller Bann muss begrenzt, ja ausgeschaltet werden. Diesem Ziel dienen viele der vedischen Riten, auf deren therapeutische Wirkung man vertraut. Solche Riten versetzen den Menschen in die Welt des Anfangs zurück, so dass er noch einmal den Weg von der ihn in der Nacht bergenden Mutter Aditi zur hellen Welt der Sprache, den Regeln und der Liebe zur schönen Usas, der Göttin Morgenröte, finden kann.
 
Eine Revolution und ihre Folgen

Strohm berichtet von Priestern, die die Welt des rigvedischen Mythos spekulativ und systematisch zu durchdenken suchten. Sie wählten sich Varuna, die rätselhafteste Gestalt unter den Göttern, als ihren eigentlichen Herrn. Unter Priestern, die sich Varuna verwandt fühlten und womöglich denselben Schaden eines «verdorbenen Jahres» in der frühen Kindheit in sich trugen, konnte Varuna seine tyrannischen Ansprüche durchsetzen.

Um das Jahr 1000 v. Chr. geschah im Kreis um den iranischen Propheten Zarathustra die Mutation Varunas zu Ahura Mazda, dem «Herrn Weisheit», dem monotheistischen Gott einer neuen Religion. Alle problematischen Eigenschaften, die Ahura Mazda aus seiner varunischen Vergangenheit mitbrachte, blieben an ihm haften, um nun eine religionsgeschichtliche Wirkung von weltgeschichtlichem Ausmass zu entfalten. Denn auch der jüdische, christliche und islamische Gott, so Strohm, haben Anteil an Varunas Charakter. Das zeigt sich in der Neigung dieser Religionen, gegen Eros und weibliche Schönheit, Lebensfreude, Tiere, Rausch und die Welt der Bilder Krieg zu führen. Dieser Krieg kann erbarmungslos geführt werden, weil die neuen Varunas – Ahura Mazda, Jahwe, Allah – keine Gefährten mehr haben, auch keine Partnerin und keinen Sinn für einen küssenden Rosenmund. Nur gelegentlich wird der schroffe Charakter des Gottes durch die Wiederkehr einer verdrängten weiblichen Gestalt gemildert: durch Anahita in der zoroastrischen Religion und durch Maria im Christentum.

Harald Strohm verbindet die Gelehrsamkeit eines Veda-Forschers mit dem Wissen der heutigen Psychologie über die frühkindliche Entwicklung und dem Können des kultur- und religionskritisch schreibenden Literaten. Er trägt eine neue, einnehmende Interpretation des rigvedischen Mythos vor und ermisst den Preis, den sein Verlust mit sich brachte. Seit Mircea Eliade hat niemand die archaische Religion mit solcher Präzision und Verve dargestellt, interpretiert und zu bedenken gegeben. Harald Strohms fulminantes Buch wird die Geister scheiden.

Harald Strohm: Die Geburt des Monotheismus im alten Iran. Ahura Mazda und sein Prophet Zarathustra. Wilhelm-Fink-Verlag, München 2014. 400 S., Fr. 66.90.