Dienstag, 14. Oktober 2014

Die Entstehung des Monotheismus aus dem Wechselbalg Varuna.

Herrisch reitet er einher: Ausgerechnet der unberechenbare, jähzornige Varuna mutiert zum «Herrn Weisheit». – Nach einem Stich von Charles Etienne Pierre Motte (1785-1836).
aus nzz.ch, 14.10.2014, 05:30 Uhr                                          Varuna nach einem Stich von Charles Etienne Pierre Motte (1785-1836)

Die Geburt des Monotheismus
Ein Problemkind wird Gott



Ist der moderne Mensch religionslos? Diese Frage erhielt nach dem Zweiten Weltkrieg durch den marxistisch und atheistisch geprägten Ostblock Aktualität. Im Westen wurde das religiöse Erbe von den einen als im Kern jüdisch-christlich deklariert, während andere wie der aus Rumänien stammende Religionswissenschafter Mircea Eliade die Religiosität des Menschen am besten in «archaischen», vor- und ausserchristlichen Religionen repräsentiert sahen. In Büchern, die zu Bestsellern wurden, gelang es Eliade, Hinduismus, Yoga, Schamanismus und indianische Kulte als Relikte jener vorchristlichen Mentalität darzustellen und zu empfehlen, für die der moderne Mensch nostalgische religiöse Gefühle entwickelt.

In den 1960er und 1970er Jahren, als Eliade auf dem Höhepunkt seines Einflusses stand, wurde die Beschäftigung mit archaischem Religionsgut für viele zur Quelle neuer Spiritualität. Im Milieu der Anhänger Eliades herrschte Skepsis gegenüber der geläufigen These, die monotheistischen Religionen hätten die Menschheit dadurch auf ein höheres Niveau gebracht, dass sie die archaischen Religionen bekämpften und hinter sich liessen. Eliade ist längst tot. Sein Name wird in der Religionswissenschaft nur noch selten erwähnt. Seine Bevorzugung des «Archaischen» gilt als obsolet. Das allerdings könnte sich ändern – zumindest für jene, die das neue Buch von Harald Strohm lesen: «Die Geburt des Monotheismus im alten Iran».

Heitere Welt des rigvedischen Mythos

Der Religionswissenschafter und Religionspsychologe führt uns zunächst in die Welt des Rigveda, einer Sammlung von über tausend Hymnen, deren Ursprung in das zweite vorchristliche Jahrtausend und noch ältere Zeiten zurückreicht – und die zu den bedeutendsten Schriften des Hinduismus wurde. Die Mythen des Rigveda berichten von der Zeit, in der die grossen Götter – Indra, Agni, Soma, Mitra und Varuna – noch Kleinkinder waren, gestillt von der Göttermutter Aditi und geherzt von Usas. Aditi ist die Göttin der bergenden Nacht, Usas die mit allen Vorzügen junger Weiblichkeit ausgestattete Göttin Morgenröte. Unter der Obhut dieser Göttinnen erleben die Kleinen die Episoden der Welteroberung, von denen Mütter aller Zeiten erzählen: Öffnen der Augen, Herumkrabbeln, erste Schritte, erste gestammelte Worte. Erlernt werden die Beherrschung des Körpers und rudimentäre sinnvolle Sprache. Die erste leidenschaftliche Liebe, die im Mythos der schönen Usas gilt, entwickelt sich spontan.

Im zweiten und dritten Lebensjahr vollzieht sich der Sprung von der elementaren Welt des Tastens und Rufens nach der Mutter in die neue Welt der Wörter und der Sprache. Bei allen Götterkindern nimmt die Entwicklung einen gesunden Lauf, so dass sich die Mütter über ein «gelungenes Jahr» freuen. 

Varuna freilich bleibt ein Problemkind, die Entwicklung misslingt, das Jahr wird zu einer verdorbenen Zeit. Nicht selten regrediert der kleine Varuna in seine erste Welt, was sich an Unberechenbarkeit, Jähzorn und Tyrannei zeigt. Auch sucht er den Anforderungen der neuen Welt der Wörter durch Übermass zu entsprechen, indem er grosse Sprüche von sich gibt, altklug daherredet und allen Regeln, die man ihm beibringt, in übertriebener Genauigkeit nachkommt. Das Ergebnis ist verheerend: Lebenslang bleibt Varuna eine problematische Gestalt. Der Mythos schreibt ihm Kleinwüchsigkeit, hässliches Äusseres und fehlenden Sinn für Liebe und Frauen zu. Mit grossem Aufwand an Aufmerksamkeit und Zuwendung muss Varuna beruhigt und beschwichtigt werden.

Die Welt der Götter ist kein in sich geschlossener Kosmos. Was die Götter erleben, spiegelt sich in vielfältiger Weise in der menschlichen Gesellschaft. Der stets mürrische Varuna übt schädlichen Einfluss auf die Menschen aus. Varunas unheilvoller Bann muss begrenzt, ja ausgeschaltet werden. Diesem Ziel dienen viele der vedischen Riten, auf deren therapeutische Wirkung man vertraut. Solche Riten versetzen den Menschen in die Welt des Anfangs zurück, so dass er noch einmal den Weg von der ihn in der Nacht bergenden Mutter Aditi zur hellen Welt der Sprache, den Regeln und der Liebe zur schönen Usas, der Göttin Morgenröte, finden kann.
 
Eine Revolution und ihre Folgen

Strohm berichtet von Priestern, die die Welt des rigvedischen Mythos spekulativ und systematisch zu durchdenken suchten. Sie wählten sich Varuna, die rätselhafteste Gestalt unter den Göttern, als ihren eigentlichen Herrn. Unter Priestern, die sich Varuna verwandt fühlten und womöglich denselben Schaden eines «verdorbenen Jahres» in der frühen Kindheit in sich trugen, konnte Varuna seine tyrannischen Ansprüche durchsetzen.

Um das Jahr 1000 v. Chr. geschah im Kreis um den iranischen Propheten Zarathustra die Mutation Varunas zu Ahura Mazda, dem «Herrn Weisheit», dem monotheistischen Gott einer neuen Religion. Alle problematischen Eigenschaften, die Ahura Mazda aus seiner varunischen Vergangenheit mitbrachte, blieben an ihm haften, um nun eine religionsgeschichtliche Wirkung von weltgeschichtlichem Ausmass zu entfalten. Denn auch der jüdische, christliche und islamische Gott, so Strohm, haben Anteil an Varunas Charakter. Das zeigt sich in der Neigung dieser Religionen, gegen Eros und weibliche Schönheit, Lebensfreude, Tiere, Rausch und die Welt der Bilder Krieg zu führen. Dieser Krieg kann erbarmungslos geführt werden, weil die neuen Varunas – Ahura Mazda, Jahwe, Allah – keine Gefährten mehr haben, auch keine Partnerin und keinen Sinn für einen küssenden Rosenmund. Nur gelegentlich wird der schroffe Charakter des Gottes durch die Wiederkehr einer verdrängten weiblichen Gestalt gemildert: durch Anahita in der zoroastrischen Religion und durch Maria im Christentum.

Harald Strohm verbindet die Gelehrsamkeit eines Veda-Forschers mit dem Wissen der heutigen Psychologie über die frühkindliche Entwicklung und dem Können des kultur- und religionskritisch schreibenden Literaten. Er trägt eine neue, einnehmende Interpretation des rigvedischen Mythos vor und ermisst den Preis, den sein Verlust mit sich brachte. Seit Mircea Eliade hat niemand die archaische Religion mit solcher Präzision und Verve dargestellt, interpretiert und zu bedenken gegeben. Harald Strohms fulminantes Buch wird die Geister scheiden.

Harald Strohm: Die Geburt des Monotheismus im alten Iran. Ahura Mazda und sein Prophet Zarathustra. Wilhelm-Fink-Verlag, München 2014. 400 S., Fr. 66.90.

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