Mittwoch, 31. August 2016

Die Absetzung Dilma Rousseffs.

aus nzz.ch, 31.8.2016, 20:38 Uhr         Anhänger von Präsidentin Dilma Rousseff in Brasilia während der Amtsenthebung der Präsidentin.

Opfer des eigenen Spiels
Dilma Rousseff und deren Vorgänger Lula da Silva haben nie etwas an den politischen Verhältnissen in Brasilia verändert, sondern sie gepflegt. Nun sind sie daran gescheitert.

von Tjerk Brühwiller, São Paulo

Luiz Inácio Lula da Silva war da. Zusammen mit den Führern sozialer Bewegungen und dem Musiker Chico Buarque sass der Ex-Präsident auf der Tribüne des Senats und lauschte den Worten Rousseffs, die sich am Montag in stundenlanger Rede gegen ihre Absetzung wehrte. Lula da Silva wollte das Bild des Vaters aufrechterhalten, der seine Tochter nicht im Stich lässt. Schliesslich hatte er Rousseff selbst aufgebaut und auf den Thron gehievt, als er das Amt 2009 abgeben musste. Doch vielleicht ging es Lula da Silva auch gar nicht so sehr um die väterlichen Pflichten an diesem denkwürdigen Tag in Brasilia, sondern darum, seiner «Tochter» auf die Finger zu schauen. In kaum einem Satz sprach Rousseff von ihrer Partei, dem Partido dos Trabalhadores (PT), und ihrem Vorgänger Lula da Silva, als ob diese nichts mit ihr und dem Prozess gegen sie zu tun hätten.

Pfründen für Arm und Reich

In Tat und Wahrheit haben Lula da Silva und der PT sehr viel mit Rousseffs Absetzung zu tun – wahrscheinlich sogar mehr als sie selbst. Rousseff ist vergleichsweise unbescholten, gilt als ehrlich und arbeitsam. Sie hat sich als Beamte hochgearbeitet bis zur Kabinettschefin unter Lula da Silva. Sie hat seine Regierungsarbeit verrichtet, er die Politik. Brasilien erlebte eine Hochblüte unter diesem Zweiergespann. Die Wirtschaft war ein Selbstläufer und erlaubte es der PT-Regierung, die Staatsausgaben hochzufahren und Pfründen zu verteilen – an die Armen, um den Prinzipien gerecht zu werden und den Erfolg an der Urne zu sichern, und an die Reichen und Einflussreichen, um sich den Rückhalt in Brasilia zu sichern.

Wie Letzteres funktioniert, durften die Brasilianer bereits 2005 feststellen, als auskam, dass die Regierung Dutzende von Parlamentariern mit monatlichen Schmiergeldzahlungen bei der Stange hielt. Der Lack des bis dahin moralisch unbescholtenen PT hatte einen ersten tiefen Kratzer abbekommen. Einige der treusten Anhänger spalteten sich ab – aus Scham und weil sie ein revolutionäres Wirtschaftsprogramm erwartet hatten. Doch das Gros der Wähler wollte es noch einmal gut sein lassen. Alle waren zufrieden. Lula und sein PT ritten auf einer Welle der Beliebtheit, die ihresgleichen suchte. Wer Lula nicht liebte, der respektierte ihn, unabhängig von der sozialen Klasse.

Was damals noch niemand wusste, war, dass der PT und seine weitgehend ideologiefreien und opportunistischen Koalitionspartner bereits eine neue Quelle des Zusammenhalts hatten: Petrobras. Der staatlich kontrollierte Erdölkonzern begann durch die Erdölfunde vor der Küste gerade richtig abzuheben. Milliarden wurden in Infrastrukturprojekte gesteckt. Wie überall in Brasilien, wo Staat und Wirtschaft zusammentreffen, wurde überteuert und zugelangt. Statt Barzahlungen gab es prozentuale Beteiligungen an überteuerten Projekten für die alliierten Parteien und deren wichtigste Köpfe. Der Wahlkampf ist teuer in Brasilien, und wer Geld hat, gewinnt. Es war kein neues Modell, diese Art der Korruption hatte schon immer existiert. Neu war nur die Dimension.

Der Staat für die Partei

Als Lula da Silva 2009 nicht mehr zu den Wahlen antreten durfte, hievte er die unbekannte Dilma Rousseff ins Amt. Doch er hinterliess ihr eine schwierige Aufgabe. Die Wirtschaft war ins Stocken geraten, weil Chinas Rohstoffhunger abgenommen hatte, und das zauberhafte Rezept, den Konsum mit mehr Ausgaben und Krediten anzukurbeln, hatte seine Wirkung verloren. Die Angst vor dem wirtschaftlichen Niedergang und dem Verlust erlangter Privilegien richtete sich rasch gegen die Regierung und damit gegen Rousseff und den PT. Trotz allem – und mit tatkräftiger Hilfe von Lula und des verführerischen Propagandaapparates des PT – rettete sich Rousseff 2014 in eine zweite Amtszeit.

Doch dann kam der Skandal um Petrobras ans Licht, was sich als verheerend erweisen sollte. Einerseits führte er dem Land vor Augen, wie tief die moralische Messlatte des PT gesunken war und dass die Partei in dreizehn Jahren an der Macht nichts an den politischen Verhältnissen verändert, sondern sie eifrig gepflegt hatte. Die versprochene linke Revolution hatte es nie gegeben, denn es war nicht der PT, der den Armen etwas Prosperität gebracht hatte, sondern die Wirtschaft. Der Staat hingegen war zu einem Instrument verkommen, um der Partei den Machterhalt zu sichern. Gleichzeitig bedeutete die Aufdeckung des Skandals den Tod der Milchkuh. Es war der Anfang vom Ende der Koalition, die später zerbrechen und sich zur Opposition formieren sollte. Es gab keinen Grund mehr, am PT festzuhalten, denn er stellte keinen Garant mehr dar für Macht und Privilegien. Der PT war verraten und isoliert.

Hinzu kam, dass die führenden Figuren der Partei selbst unter Korruptionsverdacht gerieten – allen voran Lula da Silva. Hatte man ihm 2005 noch seine unter Tränen geäusserten Unschuldsbeteuerungen abgenommen, während seine engsten Minister über die Klinge springen mussten, so war sein Mythos mit der Aufdeckung des Petrobras-Skandals definitiv zerstört.

Die Absetzung als Chance

Der Versuch, Lula da Silva durch eine Nominierung zum Minister vor erstinstanzlicher Strafuntersuchung zu schützen, scheiterte. Inzwischen ist der Ex-Präsident offiziell angeklagt, und die Untersuchungen sind noch lange nicht abgeschlossen. Auch wenn er einer Strafe entgehen kann, so ist seine Popularität Geschichte. Einst der Präsident mit der höchsten jemals erreichten Zustimmung, ist er heute eine Figur, die auf sehr grosse Ablehnung stösst. Gegen wen er in einer fiktiven Stichwahl auch antreten würde, im Moment hätte Lula da Silva kaum eine Chance, nochmals Präsident zu werden.

Hier liegt das grosse Problem des PT. Denn Lula da Silva verkörpert die Partei. Mit ihm steht und fällt der PT, wobei es derzeit vor allem Letzteres ist. Allerdings wäre es töricht, Lula da Silva abzuschreiben. Der Lula da Silva, der am Montag auf der Tribüne des Senats sass, war nämlich nicht die Vaterfigur, die er zu sein vorgab, sondern der Wahlkämpfer, der schlaue Fuchs mit dem Funkeln in den Augen. Er wird es nie zugeben, doch insgeheim dürfte Lula da Silva genau auf diesen Ausgang des Verfahrens gehofft haben.

Das Impeachment gegen seine unschuldige Ziehtochter ist die letzte Chance, die ihm und dem PT bleibt. Wäre Rousseff im Amt geblieben, hätte sie den Karren unter der Flagge des PT vollends gegen die Wand gefahren. Doch nun sind sie Opfer einer Verschwörung, eines Putschs, wie sie schon seit Monaten argumentieren. Darauf lässt sich aufbauen. Die Kampagne für die Präsidentschaftswahlen 2018 hat längst begonnen. Und der «Putsch» gegen Rousseff, gegen den PT, gegen Lula da Silva und alle Errungenschaften, die sie sich auf die Fahne schreiben, wird dabei im Mittelpunkt stehen. Wie fruchtbar die Strategie der Opferrolle sein wird, lässt sich noch nicht ausmalen. Brasilien ist in diesen Monaten noch unberechenbarer geworden, als es ohnehin schon war.

Auch die anstehenden Kommunalwahlen im Oktober dürften kein echter Gradmesser für die weitere politische Entwicklung sein. Die Niederlage des PT bei diesem Urnengang ist unausweichlich. Das einstige Aushängeschild Lula hat sich zur Last entwickelt. Symptomatisch dafür ist, dass sein Name in der Kampagne des zur Wiederwahl antretenden Bürgermeisters von São Paulo, Fernando Haddad, nicht einmal erwähnt wird, obwohl er Lula seine Wahl vor vier Jahren zu verdanken hat.

Haddad, der in den Umfragen weit zurückliegt, tritt unter anderem gegen zwei Kandidatinnen an, die bereits einmal für den PT Bürgermeisterinnen waren, sich nun jedoch nach links und nach rechts anderen Parteien zugewandt haben. Im Moment lassen sich mit dem PT keine Stimmen machen. Ob sich das in naher Zukunft ändern wird, ist fraglich. Denn auch die Basis des PT, die immer sehr breit und gut organisiert war, scheint zu schwächeln. Der Partei gelingt es nicht mehr, spontan die Massen zu mobilisieren, sie hat das Monopol auf die Strasse verloren.

Lula da Silva sagte neulich in einem selten selbstkritischen Moment, dass der PT seine Visionen verloren habe, an Machtgier erkrankt sei und eine Erneuerung brauche. Wieder einmal hatte er recht. Doch er vergass dabei, dass es möglicherweise er selbst ist, der dieser Erneuerung im Wege steht.


Nota. - Während man im Fall Venezuelas vom Scheitern des autoritären Reformismus reden kann, ist in Brasilien nicht einmal der demokratische Reformismus gescheitert. Nicht demokratisch hat die PT regiert, sondern oligarchisch, wie alle in Brasilien vor ihr. Und Reformen hat sie sich gar nicht erst zuschulden kommen lassen - das darf ihr sogar die  Neuen Zürcher unter die Nase reiben! Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen.
JE


Montag, 29. August 2016

Chinas neue Reiche.

aus nzz.ch, 29. 8. 2016

Kommunismus predigen und Nepotismus praktizieren
Für die chinesische Gesellschaft, die den Kommunismus predigt und den (Staats-)Kapitalismus praktiziert, ist die Verteilung des Reichtums eine prekäre Sache. Es häufen sich die Widersprüche.

von Wei Zhang

Jede Form von Reichtum sucht die Art und Weise, wie er erworben wurde, zu verbergen. Jeder Besitz strebt danach, seinen Bestand nicht nur zu verteidigen, sondern möglichst zu vermehren. Die chinesische Geschichte zeigt diesbezüglich eigene Wege, die heutzutage ein neues Interesse wecken.

In der europäischen Geschichte wurde der frühe Reichtum zunächst von Aristokraten angehäuft. Das aristokratische System schützte seine Günstlinge. Ein akkumulierter Reichtum wurde im Zuge der Vererbung als Familienbesitz gesichert. Aus Jane Austens Romanen wissen wir, wie ein gemeinsames Familienerbe am liebsten dem ältesten Sohn allein weitergegeben wurde, damit die Grösse des Reichtums nicht durch die Verteilung auf mehrere Empfänger gemindert wurde. Der Besitz sollte konzentriert bleiben, damit seine Vermehrung maximiert werden konnte.

Im Zug der industriellen Revolution wurde die aristokratische zwar durch die bourgeoise Reichtumsanhäufung ersetzt, jedoch brachte dies im Umgang mit Reichtum und Besitz keinen Bruch. Auch im Kapitalismus gilt es, den erworbenen Reichtum innerhalb der Familie zu sichern, wobei die Weitergabe grundsätzlich unabhängig von der Begabung der Erben sein soll. Sie wird allenfalls durch eine Vermögensverwaltung im Interesse des Besitzers übernommen, um die Kontinuität des Reichtums zu gewährleisten.

Talente und Beamte

In China waren am Ende des Qing-Reiches 1911 gewisse gesellschaftliche Schichten zu grossem Reichtum gekommen. Das aristokratische System indes war spätestens im 7. und 8. Jahrhundert während der Tang-Dynastie aufgelöst worden. Es wurde verdrängt durch ein meritokratisches System der Talentselektion. Die Beamtenprüfung öffnete fortan die Tür zum Reichtum. Im Anschluss an eine erfolgreich bestandene Prüfung erlangte man Zugang zu einer Beamtenkarriere, welche im Idealfall zu Status, Macht und Ressourcen verhalf. Das Geburts- und Erbrecht auf Reichtum wurde dadurch eliminiert. Die Prüfung als Eintrittskarte entschied fortan über den materiellen Status eines Lebens.

Ein chinesisches Sprichwort sagt: Reichtum setzt sich nicht über drei Generationen fort. Die erste Generation leistet die Aufbauarbeit, welche die zweite Generation, die Früchte des Reichtums schon geniessend, fortsetzt, aber bereits die dritte Generation vermag der Verantwortung nicht mehr gerecht zu werden und äufnet den Reichtum nicht mehr, sondern verliert ihn sogar. Der Reichtum geht in der Meritokratie aber nicht verloren, lediglich die Verteilung innerhalb der Gesellschaft findet immer wieder von neuem statt.

In Wirklichkeit indes birgt die Meritokratie ebenso viele Linien, die den Erfolg über Generationen garantieren, wie in der Aristokratie. Eine Prüfung zu absolvieren, steht grundsätzlich jedermann frei. Die Ressourcen der höheren Bildung sind hingegen nie allen in gleichem Masse zugänglich aufgrund der ungleichen Bildungsniveaus und Besitzverhältnisse sowie der sozialen Stellung der Eltern und des weiteren Umfeldes.

Die Idee, Reichtümer anhäufen und besitzen zu 
dürfen, blieb lange ideologisch prekär.

Traditionell gesehen war das Streben nach Bildung den Familien und Klans die Mühe insofern wert, als der Erfolg des einzelnen Familienmitglieds die entscheidende Voraussetzung für die Fortsetzung des kollektiven Familienreichtums darstellte. Die Bildung des Nachwuchses war ein Mittel zum Zweck seiner Weiterführung. Während in der Aristokratie das individuelle Versagen eines einzelnen Familienmitgliedes wenig Folgen hatte, solange die Verwaltung des kollektiven Reichtums gut organisiert blieb, schlich sich hier ein Moment der Unsicherheit ein. Der Erwerb einer Beamtenstelle und damit der Reichtum ist in der Meritokratie unberechenbar. Jedes Nachlassen der Bildungsbemühungen ist fatal und kann schwere Folgen haben. So lässt sich bis heute gut beobachten, wie willig und beharrlich ostasiatische und insbesondere chinesische Eliten alles für die Bildung ihres Nachwuchses tun, um ihre eigene Zukunft und die ihrer Kinder zu sichern.

Die Gerechtigkeit des Gaokao

Schon am Ende der chinesischen Kaiserzeit war der Reichtum in der chinesischen Gesellschaft stark geschrumpft. Die Revolutionen und Kriege des 20. Jahrhunderts und ganz besonders der Klassenkampf der Kulturrevolution mit der Kollektivierung und Aufhebung des Privatbesitzes tilgten im kommunistischen China weitgehend das Bewusstsein für Reichtum. Gleichzeitig sorgten sie dafür, dass weite Teile der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze lebten. Erste Schritte zu einer Rehabilitation des Privatbesitzes und zum Wiederaufbau von privatem Reichtum wurden Anfang der achtziger Jahre gemacht. Die Idee, Reichtümer anhäufen und besitzen zu dürfen, blieb aber noch lange ideologisch prekär.

Zu Wohlstand kommt man in China freilich nicht allein durch Selektion im Rahmen des Bildungssystems. Als 1977 die nationale Hochschuleintrittsprüfung (Gaokao) wieder eingeführt wurde, diente sie zunächst bloss der Regulierung der Studentenmenge. Bis jemand überhaupt an dieser entscheidenden Prüfung teilnehmen konnte, war er zuvor schon mehrere Male auf seine soziale Herkunft und seinen politischen Hintergrund hin überprüft worden – was das in Bezug auf Förderung und Diskriminierung heisst, kann man sich denken. Die Prüfung wurde unter strengen Auflagen geschrieben, anonymisiert korrigiert und hart bewertet. Abschreiben galt als ein ernstes Delikt, für das man zu einer Haftstrafe verurteilt werden konnte. Deshalb behaupten die Chinesen oft, Gaokao sei die einzige Institution, die frei von Korruption und deshalb grundsätzlich fair sei.

Aber hier machen sich die Chinesen etwas vor, denn in jeder Region und in jeder Stadt gelten unterschiedliche Notenhöhen für die Zulassung. Angesehene Universitäten rekrutieren ein Vielfaches an Kandidaten aus den Städten, in denen sie selber angesiedelt sind, während die Studenten aus peripheren Regionen das Nachsehen haben. Zudem werden den Kandidaten zwar ihre Notenergebnisse mitgeteilt, aber diese bilden keinen absoluten Massstab, denn die Universitäten halten sich bedeckt in Bezug darauf, welcher Notenschnitt für eine Zulassung erforderlich ist. Zwischen der Prüfung und der Zulassung gibt es einen langen Zustand der Ungewissheit. Um dem Glück nachzuhelfen, werden alle verfügbaren Ressourcen an Macht, Beziehungen und Vermögen eingesetzt.
Das chinesische System gerät durch die Globalisierung 
 zunehmend unter Druck.

Es gibt keine offiziellen Daten, die Aufschluss darüber geben, wie viele Revolutionsaristokraten, also Nachkommen von hohen Parteifunktionären, auf diesem krummen Weg zu Macht und Reichtum gekommen sind. Aber es gilt als Binsenweisheit, dass Personen mit dem entsprechenden Hintergrund überdurchschnittlichen Erfolg haben. Sogar wenn sie über keine akademische Bildung verfügt, schmückt diese Klientel sich am Schluss doch mit einem Titel der Peking-Universität, der nicht nur gut aussieht, sondern auch den Schein der Legitimität weckt.

Strenggenommen praktiziert China inzwischen ein Mischsystem aus meritokratischen und aristokratischen Elementen. Für die Parteikader und ihren Nachwuchs dient die Aristokratie als eine Art Schutzmauer gegen den «Pöbel», während das Prinzip der meritokratischen Selektion dem «Pöbel» aber dennoch die Chance zum Aufstieg lässt. Entsprechend jubelt man im ganzen Land, wenn der seltene Fall eintritt, dass ein armer Bauernsohn den Sprung an eine Spitzenuniversität geschafft hat. Solches nährt die Hoffnungen der Unterprivilegierten, durch eigene Bildungsanstrengungen gesellschaftlich aufsteigen zu können. Die chinesische Mittelschicht leitet daraus auch gerne den Schluss ab, dass, wenn einer von ganz unten es schon schaffen kann, sie mit ihren viel besseren Bedingungen umso bessere Aussichten hat, nach oben zu gelangen.

Irritationen

Auch in China gilt, dass Geld allein noch keinen Reichtum darstellt. Zu wahrem Reichtum gehören in der chinesischen Gesellschaft noch andere Assets wie Macht und Beziehungen, wobei Macht zu Beziehungen verhelfen kann und Beziehungen den Zugang zur Macht erleichtern können. Die Investitionen in beides zielen auf langzeitigen Profit. Ein akademischer Titel ist hingegen lediglich ein Ausweis, der das Bildungsniveau einer Person belegt.

Wie aber wirkt sich der Einfluss des Westens auf dieses System aus? Dreissig Jahre Wirtschaftsreform haben in China eine Schicht hervorgebracht, die über exorbitanten Reichtum verfügt. Nicht alle sind durch den traditionellen Königsweg der Bildung zu Wohlstand gekommen, viele waren einfach nur Glücksritter.

Ein Beispiel dafür ist Wang Jianlin, der mit einem Vermögen von 31 Milliarden Dollar als reichster Mann Asiens gilt. Unter den Bedingungen der Ein-Kind-Politik hat ihm seine Frau einen einzigen potenziellen Erben geboren. Dieser ging seit dem Alter von fünf Jahren in Singapur zur Schule. Später studierte er in London Philosophie. Als der junge Mann nach China zurückkehrte, war er in seinem Denken weitgehend verwestlicht. Das Wirtschaftsimperium, das sein Vater aufgebaut hat, kann er nicht im Stil eines chinesischen Geschäftsmanns weiterführen. Allein schon der Sinn für die Pflege von Beziehungen geht ihm ab.

Daran ist zu ersehen, wie sehr die Kombination von Revolutionsaristokratie und Meritokratie in China durch die Globalisierung unter Druck gerät. Dass der chinesischen Gesellschaft durch die extrem ungleiche Verteilung des Reichtums unter den Bedingungen einer ernsthaften Wirtschaftskrise sehr schnell eine Zerreissprobe drohen könnte, steht auf einem anderen Blatt.

Die chinesische Publizistin Wei Zhang lebt in der Schweiz.




Sonntag, 28. August 2016

Die Welt 4.0: Zu Tode gefürchtet ist auch gestorben.

aus Die Presse, Wien, 28. 8. 2016                                                                          stummfilmsymposium

Die Welt im Transformationsprozess
Anhand von disruptiven Technologien wird greifbar, in welch dramatischem Wandel sich unsere Welt befindet. Angst davor zu haben ist aber sicher der falsche Weg.

von Martin Kugler

Auch wenn es manche nicht wahrhaben wollen: Die Welt, in der wir leben, befindet sich in einem gigantischen Transformationsprozess. Dass wir schon längst den Weg zu einer Industrie 4.0, der Verschränkung von Produk-tion mit Computertechnik und Vernetzung, beschreiten und dass das unsere Arbeitswelt revolutionieren wird, ist der Öffentlichkeit mittlerweile klar geworden. Das zeigen die laufenden Debatten über befürchtete Jobverluste und unsinnige „Maschinensteuern“.

Bei den heurigen Alpbacher Technologiegesprächen wurde deutlich, dass das nur die Spitze des Eisbergs ist: Auch alle anderen Lebensbereiche sind in völligem Umbruch. Forscher benutzten bei den Debatten in den Tiroler Bergen Schlagwörter wie Gesellschaft 4.0, Governance 4.0, Bildung 4.0 (als nötige Anpassungsstrate-gien) – aber auch Absolutismus 4.0 oder Despotismus 2.0 (als mögliche Schreckensszenarien).

Am klarsten greifbar wird der Wandel in „disruptiven Technologien“, also grundlegenden Neuerungen, die als „Game Changer“ in einem Bereich fungieren können (wie etwa Antibiotika oder Smartphones). Eine gelungene Zusammenfassung dessen, was im Detail auf uns zukommen könnte, ist „Meta Scan 3“, eine von kanadischen Forschern erarbeitete Auflistung von 88 Zukunftstechnologien, die jede für sich das Potenzial besitzt, die Welt in den nächsten 15 Jahren zu verändern (www.forschungsatlas.at/emerging-technologies). In der Liste finden sich u. a. Mikro-Sterling-Motoren (zur Nutzung von Abwärme), auxetische Materialien (die sich quer zur angewandten Kraft ausdehnen), der Druck von Organen (als „Ersatzteile“ bei Krankheiten), In-vitro-Fleisch, Neurofeedback oder die automatische Erkennung von Emotionen (z. B. bei Personen in einer Menschenansammlung).

Was sich davon wirklich realisieren wird, welche anderen disruptiven Technologien auftauchen und wie diese am Ende unser Leben verändern werden, wissen wir heute nicht. Wer anderes behauptet, ist ein Scharlatan.

Sicher sind aber drei Dinge: Erstens wird der Transformationsprozess, in dem wir uns gerade befinden, die Welt binnen weniger Jahrzehnte stärker verändern, als sie sich in den 200 Jahren seit der industriellen Revolution verändert hat. Zweitens: Ob wir wollen oder nicht, müssen wir uns viel intensiver als bisher mit dem Wandel auseinandersetzen. Und drittens: Angst ist dabei ein schlechter Ratgeber – denn zu Tode gefürchtet ist auch gestorben.

Der Autor leitete das Forschungsressort der „Presse“ und ist Chefredakteur des „Universum-Magazins“.

Freitag, 26. August 2016

Bedeutsamer Fund eines etruskischen Textes.

Kaum zu erkennen: Eingeritzte etruskische Zeichen auf der 2.400 Jahre alten Stele
aus scinexx                                                                                      Eingeritzte etruskische Zeichen auf der 2.400 Jahre alten Stele

Etrusker: 
Göttin "Uni" markiert bedeutenden Fund
Name bestätigt religiöse Natur einer Inschrift auf 2.400 Jahre alter Stele

Ein rarer Fund: Auf einer bei Florenz entdecken Stele der Etrusker haben Archäologen den Namen der Göttin "Uni" entdeckt. Dies bestätigt, dass es sich bei der Inschrift um einen religiösen Text handelt – und macht ihn zu einem ganz besonderen Fund. Denn sowohl lange Texte als auch religiöse Inschriften aus der Etruskerzeit sind extrem selten. Die Stelen-Inschrift könnte daher wertvolle Einblicke in Religion und Kultur dieses rätselhaften Volkes liefern.

Im Mugello-Tal nordöstlich von Florenz lag vor rund 2.500 Jahren eine Siedlung der Etrusker. Dieses noch immer rätselhafte Volk lebte vor und während der Römerzeit im nördlichen Mittelitalien. Dort sind bis heute etruskische Nekropolen erhalten, deren Gräber und Grabbeigaben fast die einzigen Zeugnisse dieser Kultur sind. Längere Inschriften oder Aufzeichnungen dieser Kultur fehlen völlig. 

Spannender Stelenfund im Tempel

Anfang dieses Jahres jedoch machten Archäologen im Mugello-Tal eine Aufsehen erregende Entdeckung: Sie stießen im Fundament eines etruskischen Tempels erstmals auf eine Stele mit einer längeren Inschrift darauf. Auf der Vorderseite der rund 2.400 Jahre alten Stele sind mindestens 120 eingravierte Buchstaben und Satzzeichen zu erkennen.

"Diese Inschrift könnte neue Wörter enthalten, die wir nie zuvor gesehen haben – auch weil sie nicht im Umfeld eines Grabes oder einer Nekropolis entstand", spekulierte damals Grabungsleiter Gregory Warden von der Southern Methodist University. "Wir hoffen, dass diese Stele uns den Namen der Gottheit oder Göttin verraten wird, die an diesem Ort verehrt wurde."

Schriftzeichen für die Göttin "Uni"

Jetzt könnten die Archäologen genau dies entdeckt haben: Bei der Entzifferung der eingeritzten Zeichen stießen sie an einer Stelle der Inschrift auf den Namen "Uni" - und damit auf den Namen einer Göttin. Uni wurde von den Etruskern als eine Göttin der Furchtbarkeit und Muttergöttin verehrt. Der Fund ihres Namens auf der Stele könnte daher ein Indiz dafür sei, dass auch der Tempel im Mugello-Tal dieser Göttin geweiht war.

Gesamtansicht der Stele, die im Fundament eines etruskischen Tempels mahe Florenz entdeckt wurde

Der Fund dieses Göttinnen-Namens bestätigt die Vermutung der Forscher, dass die Inschrift einen religiösen Inhalt hat. "Sie könnte uns mehr über das frühe Glaubenssystem dieser verlorenen Kultur verraten, die für die westlichen Traditionen so fundamental wichtig war", erklärt Warden, "Es kann sein, dass die Inschrift die Regeln dieses Heiligtums beschreibt, beispielsweise Vorschriften für bestimmte Zeremonien."

"Einer der bedeutendsten Funde"

Noch ist der größte Teil der Inschrift unentziffert. Dennoch scheint schon jetzt klar, dass die Stele eine echte Rarität ist: "Wir können nun bestätigen, dass diese Entdeckung eine der bedeutendsten etruskischen Funde der letzten Jahrzehnte darstellt", betont Warden. "Ihr Fund wird nicht nur wertvolle Informationen über die Rituale an diesem Ort liefern, sondern auch fundamentale Daten zu den Konzepten und Vorstellungen der Etrusker."

Die Inschrift auf der Stele ist eine der längsten jemals gefundenen etruskischen Texte auf Stein und auch einer der längsten bekannten religiösen Texte dieser Kultur.

(Southern Methodist University, 26.08.2016 - NPO)

Donnerstag, 25. August 2016

Warum die Maya-Kultur so plötzlich versank.

aus Der Standard, Wien, 23. August 2016                                         Tempelanlage Xunantunich im Westen von Belize.

Maya gingen womöglich an ihrer ausgeklügelten Wassertechnik zugrunde Sozio-hydrologische Rechenmodelle an der TU Wien weisen auf Verwundbarkeit hoch entwickelter Gesellschaften hin.

Wien – Die Kultur der Maya, ein Flickenteppich unterschiedlicher Völker und Reiche, geeint durch eng miteinander verwandte Sprachen, erreichte im heutigen Mittelamerika zwischen 300 und 900 ihren Höhepunkt – um dann beinahe plötzlich zu kollabieren. Welche dramatischen Ereignisse die Maya bereits im neunten Jahrhundert dazu veranlassten, ihre gewaltigen Städte aufzugeben, ist bis heute umstritten. 

Nach dem Ende der Spätklassik um 900 verfiel die blühende Zivilisation jedenfalls binnen weniger Jahrzehnte. Bereits ab der Mitte des 10. Jahrhunderts werden im gesamten Tiefland keine monumentalen Steinstelen mehr errichtet. Neben Epidemien oder Kriegen wird oft auch Wassermangel als Ursache für den Zusammenbruch genannt. Wissenschafter von der TU Wien lieferten nun auf Basis sozio-hydrologischer Rechenmodelle dafür neue Belege: Gerade die Bewässerungstechnik, die den Maya in Dürrezeiten oft wichtige Dienste geleistet hat, könnte die Gesellschaft verwundbarer gegenüber großen Katastrophen gemacht haben. 

Wasser lässt Bevölkerung wachsen 

"Wasser beeinflusst die Gesellschaft und die Gesellschaft beeinflusst das Wasser", erklärte Linda Kuil, Dissertantin von Günter Blöschl im FWF-Doktoratskolleg "Wasserwirtschaftliche Systeme" an der Technischen Universität (TU) Wien in einer Aussendung. So bestimme der Wasservorrat, wie viel Nahrung zur Verfügung stehe und beeinflusse somit das Bevölkerungswachstum. Bei steigender Einwohnerzahl werde umgekehrt in den natürlichen Wasserkreislauf eingegriffen – etwa durch den Bau von Wasserreservoirs. 



Die TU-Wissenschafter versuchen, diese Wechselwirkungen zwischen soziologischen und hydrologischen Effekten in mathematische Modelle zu fassen. So können etwa zwischen vorhandener Nahrungsmenge und Geburtenrate mathematische Zusammenhänge hergestellt werden, oder zwischen den Erinnerungen an eine Dürre und der gesellschaftlichen Entscheidung, neue Wasserreservoirs zu bauen. Kombiniert man solche Zusammenhänge mit historischen oder aktuellen Daten, lassen sich verschiedene Szenarien des Zusammenspiels von Mensch und Natur berechnen. 

Gerüstet für die Trockenzeit 

"Mit unserem Modell kann man nun analysieren, welche Auswirkungen die Wasserbautechnik der Maya auf ihre Gesellschaft hatte", so Kuil. So haben die Wissenschafter die Auswirkungen der Wasserreservoirs berechnet, die die Mayas für ihr Bewässerungssystem gebaut haben, um für Trockenzeiten gerüstet zu sein, und ihre Ergebnisse im Fachjournal "Water Resources Research" veröffentlicht. 

Wie sich zeigt, können solche Reservoirs tatsächlich helfen, kleinere Dürreperioden gut zu überstehen. Während die Bevölkerung in der Simulation ohne Wasservorräte nach einer Dürre zurückgeht, kann sie mit Reservoirs weiter wachsen. Doch genau das mache die Bevölkerung in bestimmten Fällen verwundbar: Wenn das Verhalten gleich bleibe, der Wasserbedarf pro Kopf also nicht gesenkt werde, aber die Bevölkerung weiter wachse, könne eine weitere Dürre zu einem Bevölkerungsrückgang führen. Und dieser sei dramatischer als er ohne Wasserreservoirs gewesen wäre. 

Verwundbar durch Ressourcenknappheit 

Es werde sich wohl nie eindeutig klären lassen, ob das tatsächlich der Grund für den Niedergang der Maya war, betonen die Wissenschafter. Das Modell zeige aber, wie verwundbar eine technisierte Gesellschaft sein kann. "Wenn man es mit knappen Ressourcen zu tun hat, dann sind die scheinbar einfachsten Lösungen nicht immer die besten", so Kuil. Ohne Verhaltensänderung und Reduktion des Verbrauchs könne es "trotz kluger technischer Lösungen passieren, dass die Gesellschaft nicht sicherer, sondern im Gegenteil immer katastrophenanfälliger wird". (APA, red.)

Abstract
Water Resources Research: "Conceptualizing socio-hydrological drought processes: The case of the Maya collapse."

Mittwoch, 24. August 2016

Der Pharao aus der Elsteraue.


aus Der Standard, Wien, 24. August 2016

Forscher glauben Auftraggeber der Himmelsscheibe von Nebra identifiziert zu haben  "Gottgleicher" bronzezeitlicher Herrscher aus dem heutigen Sachsen-Anhalt gilt als wahrscheinlicher Kandidat 

Dieskau – Ein bronzezeitlicher Fürst, der in einem als "Bornhöck" bezeichneten Grab nahe Dieskau in Sachsen-Anhalt bestattet wurde, ist nach Ansicht von Experten mit hoher Wahrscheinlichkeit der Auftraggeber der Himmelsscheibe von Nebra. "Das ergaben neueste Forschungen", sagte Landesarchäologe Harald Meller am Mittwoch an der Grabungsstelle, fügte aber hinzu: "Weitere Untersuchungen laufen noch." 

Die Goldapplikationen auf der bronzenen Himmelsscheibe von Nebra gelten als älteste konkrete Sternenabbildung der Welt, zu sehen sollen nach Meinung von Archäologen außer Sonne und Mond unter anderem die Plejaden sein. Die Scheibe wurde vor 3.600 Jahren zusammen mit anderen bronzenen Gegenständen auf dem Mittelberg bei Nebra vergraben. Zuvor war die etwa 32 Zentimeter große, annähernd kreisrunde Scheibe an die 300 Jahre in Benutzung gewesen. 

"Gottgleicher Herrscher" 

Der Fürst und mögliche Auftraggeber der Scheibe hatte seinerseits ein wahres Monument hinterlassen: "Mit einem Durchmesser von rund 70 Metern und einer Höhe von 15 Metern war die als 'Bornhöck' bekannte Begräbnisstätte das größte Hügelgrab Mitteleuropas", sagt Meller. Im Zuge des Braunkohleabbaus wurde das Fürstengrab allerdings im 19. Jahrhundert fast vollständig abgetragen. 

Dennoch haben die Archäologen seit 2014 in drei Grabungskampagnen tausende Knochen- und Keramikfunde gemacht. Zudem wurde nachgewiesen, dass der Grabhügel in der Bronzezeit weiß gekalkt und bunt bemalt war. "Der Fürst wurde vor etwa 3.800 Jahren bestattet und war aufgrund der enormen Goldbeigaben ein gottgleicher Herrscher über die Region, vergleichbar mit den Pharaonen im alten Ägypten", sagte der Landesarchäologe. "Nur der Herrscher hatte das geheime astronomische Wissen und er ließ es auf der Himmelsscheibe verewigen." 

Der Reichtum des Herrschers resultierte aus der Kontrolle des Fernhandels zwischen Süd und Nord. Während Raubgräber im Mittelalter einen Stollen in die Mitte des Hügels trieben und die Hauptgrabkammer trafen, wurde 1874 eine Nebenkammer ausgeraubt. Von dem über einen Kilogramm schweren Goldschatz aus dem 19. Jahrhundert sind fünf Stücke, vier Armringe und ein Beil, erhalten. Bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges lagen diese Funde in den Staatlichen Museen in Berlin, jetzt im Puschkin-Museum Moskau. 


"In der Nähe des Herrschergrabes wurden jetzt aus der Luft weitere Gräber der bronzezeitlichen Oberschicht entdeckt, wir können deshalb von einer Herrschaftslandschaft sprechen", sagte Meller. "Möglicherweise lag bei Dieskau ein zentraler Bestattungsort einer Dynastie von Fürsten", sagte der Archäologe. Die Grabungen werden im nächsten Jahr fortgesetzt. (APA, red,

Dienstag, 23. August 2016

Die Scheidung von Öffentlich und Privat ist die große zivilisatorische Leistung der bürgerlichen Gesellschaft.


AFP

Die Scheidung der Gesellschaft in einen öffentlichen Raum, der im Prinzip jedermann zugänglich ist und wo im Prinzip alle gleich sind, und ein Reich des Privaten, wo keiner einem Andern reinzureden hat - diese Scheidung ist die große zivilisatorische Leistung der bürgerlichen Gesellschaft.

Sie war übrigens erst möglich mit der allgemeinen Gültigkeit des Bildes vom verantwortlichen und freien Subjekt ...

Daß Recht und Moral* zwei gänzlich verschiedene Sachen sind, wird auch erst vor diesem Hintergrund sichtbar.

Und die Aufhebung dieser Scheidung in den "real existierenden" bürokratischen Schmarotzerregimen  weist sie aus als einen Rückfall in die Vorgeschichte der menschlichen Gesellschaft.

aus e. Notizbuch, 3. 7. 1990

*) Der Buchstabe des Gesetzes gilt jederzeit und überall. Die Moralität fällt ihre Richtsprüche immer hic et nunc. 


Nota. - Ich habe im Sommer 1990 zwei Monate in der gerade-noch-so-eben-existierenden DDR verbracht, da ist mir das urplötzlich ins Auge gesprungen. Später wurde mir klar, dass die Aufhebung der Scheidung von Öffentlich und Privat das Charakteristikum des Totalitären ist; so auch des Feminismus, der das Private für politisch ausgibt.

Es sind wohlbemerkt die Lebenssphären von einander unterschieden, nicht die Subjekte von sich selbst! Als öffentliche Person ist er Vernunftsubjekt, als Privatmann ist er Charakter - beidemale ist er derselbe, aber in der einen Sphäre gilt er als dieses, in der anderen als jenes. Doch z. B. der Rechtsschutz, den das Individuum als gesellschaftliches Subjekt genießt, gilt in beiden Sphären. Ein Mord ist strafbar, auch wenn er im engsten Familienkreis geschieht. Und die persönliche Ehre ist auch und gerade in der Öffentlichkeit geschützt. (Das muss man hinzufügen, um den Naseweisen das Wort abzuschneiden.)

Und es ist ein Unterschied, ob sich einEr durch einen Schleier privat oder öffentlich unkenntlich macht. Das eine kann der Gesetzgeber verbieten, das andre nicht. Ob er es soll, ist eine pragmatische Frage; zum Beispiel die, wo die Gerichte im Zweifelsfall die Grenze ziehen werden. 






Montag, 22. August 2016

Die ersten Waffen der Menschen.


H. Müller, David
aus Der Standard, Wien, 21. August 2016, 18:07

Kugelrunde Objekte aus der Steinzeit geben Rätsel auf
Um zu klären, wozu die in Südafrika gefundenen Artefakte einst gedient haben mögen, führten Wissenschafter einige Tests durch

Bloomington – Man kann über die Hinterlassenschaften früherer Zeitalter Spekulationen anstellen, bis einem der Kopf raucht – manchmal erweist sich ein Schuss Praxisbezogenheit als hilfreich. 2013 etwa wurde eine Gruppe indigener Fährtenleser aus Namibia nach Europa eingeladen, um steinzeitliche Fußabdrücke in mehreren Pyrenäen-Höhlen zu interpretieren. Danach mussten Archäologen einige liebgewonnene Hypothesen darüber, was sich einst in diesen Höhlen zugetragen hatte, auf den Müll werfen.


Ein Forscherteam aus den USA und Großbritannien hat nun ebenfalls auf einen praktischen Ansatz gesetzt. Dabei wurde zwar auf indigene Nachhilfe verzichtet, aber dafür auf einen interdisziplinären Ansatz gesetzt. An der im Fachmagazin "Scientific Reports" erschienenen Studie waren neben Archäologen auch Psychologen und Kinesiologen beteiligt. Uralte Kugeln Untersuchungsgegenstand waren annähernd kugelförmige Steinobjekte, die vor knapp 30 Jahren in einer Höhle, der Cave of Hearths, im südafrikanischen Makapan-Tal entdeckt worden waren. Die tennisballgroßen Objekte wurden auf ein Alter von 1,8 Millionen bis 70.000 Jahre vor unserer Zeit datiert. Umgelegt auf die menschliche Evolution ist das eine enorme Spannweite: Die älteste Marke läge noch in der Anfangszeit des Homo erectus, während die jüngste bereits in die Ära des Homo sapiens fiele.

Die Forscher bezeichnen die Objekte zwar als Artefakte, doch sieht es eher danach aus, dass natürliche Steine gezielt in Hinblick auf ihre Zweckmäßigkeit ausgewählt und aufbewahrt als tatsächlich bearbeitet wurden. Die wichtigste Frage lautet aber: Wozu haben diese Steine gedient? Waren es Waffen zur Verteidigung oder zur Jagd – oder Werkzeuge, die einem ganz anderen Zweck – zum Beispiel dem Zermahlen von Pflanzenmaterial – dienten?

Ballistische Berechnungen

Um das zu klären, übten sich die Forscher um Andrew Wilson von der Beckett Leeds University und Qin Zhu von der University of Wyoming im Werfen – auch wenn sie die wissenschaftlich wertvollen Objekte nicht direkt durch die Gegend schmissen, sondern sie genau vermaßen und die Werte in Modellrechnungen einfügten. Ein Sample von 55 Steinzeitkugeln wurde so getestet. Es zeigte sich, dass stolze 81 Prozent der Kugeln in Größe, Form und Gewicht ideal geeignet sind, um sie 25 Meter weit zu werfen: Das ist laut biometrischen Messungen die durchschnittliche Entfernung, auf die wir Menschen ein Ziel durch einen Wurf über die Schulter besonders gut treffen können: Unsere Arm- und Schulteranatomie ist in Zusammenspiel mit unserem Gesichtssinn darauf geradezu angelegt, so die Forscher. Kein anderer Primat könnte diese Bewegung nachahmen.


Und die Einschlagswucht eines solchen Steins auf einem mittelgroßen Ziel – etwa einer Impala-Antilope – wäre überaus effektiv, so die Berechnungen. Schlüsselrolle für die menschliche Entwicklung Würde es sich beispielsweise um Mahlsteine handeln, käme es primär auf ein hohes Gewicht an. Zwar können die Kugeln aus der Cave of Hearths auch dafür eingesetzt worden sein und somit als multifunktionale Werkzeuge gedient haben. Doch war das Gesamtpaket aus Größe, Form und Gewicht laut den Forschern zu sehr auf ballistische Eigenschaften zugeschnitten, als dass dies ein Zufall sein könnte.

Die südafrikanischen Kugelsteine dürften also zumindest auch Wurfobjekte gewesen sein, lautet das Fazit der Studie: Jagdwaffen aus einer Zeit, als es noch keine Speere gab. Geoffrey Bingham von der Indiana University betont, dass Steinwerfen eine Schlüsselrolle in der Entwicklung des menschlichen Jagdverhaltens gespielt habe. (red.) 

Link
Scientific Reports: "A Dynamical Analysis of the Suitability of Prehistoric Spheroids from the Cave of Hearths as Thrown Projectiles"


Sonntag, 21. August 2016

Der jungsteinzeitliche Fundort Wachtberg bei Krems.

aus Der Standard, Wien, 7. 8. 2016                                                  Wachtberg, Skelette dreier Säuglinge

Einblicke in das Leben jungpaläolithischer Jäger und Sammler
Aktuelle Untersuchungen an Funden vom Kremser Wachtberg liefern Hinweise auf erstaunliche Mobilität

von Kurt de Swaaf

Krems – Man hätte kaum einen besseren Platz wählen können. Im Westen bricht die Donau aus dem Wachauer Hügelland hervor, während gen Südosten der Blick über das weite Tullnerfeld schweifen kann. "Es ist eine besondere Geländesituation", sagt Ulrich Simon und meint damit auch das günstige Mikroklima. Die sonnenexponierte Hanglage sorgt für Wärme. Sogar im Winter bleibt es auf dem Wachtberg relativ mild, bis vor kurzem gediehen hier noch die Weinreben. Inzwischen prägen jedoch Wohnhäuser das Areal. Und es ist nicht das erste Mal, dass sich Menschen an diesem Fleck niedergelassen haben.

Ulrich Simon kennt sich vor Ort bestens aus. Der am Institut für Orientalische und Europäische Archäologie (OREA) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften in Wien tätige Wissenschafter ist einer der Experten, die den Hang oberhalb der Kremser Altstadt in den vergangenen Jahren untersucht haben.

Hinweise auf Bestattungsriten

Schon Ende des 19. Jahrhunderts wurden dort erste Spuren eines steinzeitlichen Lagers entdeckt. Ab 1995 führten Fachleute neue Bohrungen und Probegrabungen durch und fanden in rund fünf Meter Tiefe eine vielversprechende Siedlungsschicht, ein echter Glücksfall für die Forschung. Weitere systematische Grabungen brachten reichlich Artefakte zutage. Internationales Aufsehen erregten vor allem die drei auf dem Wachtberg aufgefundenen rund 30.000 Jahre alten Säuglingsskelette. Zwei der verstorbenen Babys waren mit einem Mammutschulterblatt zugedeckt worden, auch einen natürlichen roten Farbstoff hatte man hinzugestreut – eindeutige Hinweise auf Bestattungsriten.

Für die Archäologie sind gleichwohl nicht nur solche spektakulären Funde wichtig. Die gewaltige Fülle an kleineren Stücken, vom Holzkohlekrümel bis zum Steinsplitter, liefert ebenfalls wertvolle Hinweise. Einen Großteil dieses Materials haben die Forscher im Umfeld einer ehemaligen Feuerstelle geborgen. Letztere war am Boden mit Steinplatten ausgelegt und wurde offenbar über mehrere Zeiträume hinweg genutzt. Es lassen sich mindestens fünf verschiedene Ascheschichten unterscheiden. "Dies ist eine multifunktionale Feuerstelle", erklärt Simon. Den Befunden nach betrieben sie die Steinzeitmenschen sowohl für die Nahrungszubereitung wie auch zum Wärmen. Das Feuer diente vermutlich als Mittelpunkt des Zusammenlebens. In der Asche wurden unter anderem geformte Lössstücke gefunden, die sich wie Lehm kneten ließen. Auch eine Tierfigur ist dabei. Zum Teil sind noch die Fingerabdrücke der Urheber erkennbar.

Wie aber schützten sich die Bewohner des prähistorischen Lagers auf dem Wachtberg gegen widrige Witterungsverhältnisse? Europa war vor rund 30.000 Jahren fest im Griff der letzten Eiszeit, in Österreich herrschte damals ein geradezu arktisches Klima. Die Menschen kampierten wohl kaum unter freiem Himmel, meint Simon. Von Hütten oder ähnlichen Behausungen gebe es allerdings keine Überbleibsel. In der Nähe der Feuerstelle weise der Lössboden jedoch viele kleine Grübchen auf. Diese, sagt der Archäologe, könnten durch abtropfendes Wasser von einem Zeltdach entstanden sein. Abgesehen davon wurden auch einige Löcher gefunden – womöglich Überreste von Pfostensetzungen. Vielleicht lebten die Urkremser in Zelten aus Leder, im Ansatz ähnlich konstruiert wie die mongolischen Jurten.

Scharfkantige Werkzeuge

Im Inneren solcher Wohnstätten mag es dank des Feuers angenehm warm gewesen sein. Die Flammen spendeten zudem Licht zum Arbeiten. Ulrich Simon und seine Kollegen fanden im direkten Umkreis des Herds mehr als 8000 verschiedene Steinartefakte: behauene Kerne, Abschläge und zahlreiche scharfkantige Werkzeuge. Zum Teil handelt es sich dabei um sogenannte Rückenmesser und Lamellen mit wenigen Zentimetern Länge. Solche Steinklingen wurden in die Spitzen von Jagdwaffen eingearbeitet.

Die Geschoßspitzen selbst bestanden aus Knochen oder Geweih, die schneidenden Teile lagen zu mehrt darin eingeschaftet und waren manchmal zusätzlich mit Birkenpech festgeklebt. Mit der Zeit wurden die Steinklingen allerdings stumpf, sagt Simon. "Wir gehen davon aus, dass man an der Feuerstelle Rückenmesser ausgetauscht hat." Dafür bedurfte es erhitzten Birkenpechs und warmer, gelenkiger Finger.

Ihrem Bearbeitungstypus nach lassen sich die Steinstücke dem Pavlovien, einer regionalen Kulturgruppe des jüngeren Paläolithikums, zuordnen. Charakteristisch sind vor allem die vielen feingezähnten Messerchen, wie Simon erläutert. "Was wir finden, ist eigentlich meist nur der Abfall", betont der Archäologe lachend.

Jagd auf Mammuts

Dieser Müll indes bietet sogar Hinweise auf die Mobilität der Pavlovianer. Analysen zufolge dürfte zwar das meiste Steinmaterial dem Kiesbett der damals schon durch die Wachau fließenden Donau entstammen, manches aber kam von weiter weg. Hornstein aus der Umgebung von Brno ist ebenso darunter wie Radiolarit vom St.-Veit-Klippengürtel bei Wien. Man fand auch Radiolarit aus den Weißen Karpaten, im heutigen Grenzgebiet zwischen Tschechien und der Slowakei (vgl.: Quaternary International, Bd. 406, S. 106).

"Diese Jäger und Sammler bewegten sich über größere Distanzen hinweg", sagt Simon. Wahrscheinlich folgten sie dabei den Wanderungen ihrer wichtigsten Beutetiere, der Mammuts, im Wechsel der Jahreszeiten. Die haarigen Giganten lieferten nicht nur nahrhaftes Fleisch und Fett, sondern auch Felle, Knochen und Elfenbein als Werkstoffe. Schmuck war bereits beliebt. Elfenbeinanhänger kommen an jungpaläolithischen Fundplätzen häufig vor.

Die Pavlovianer stellten allerdings vielerlei Wild nach. In Krems-Wachtberg kamen, neben Mammutgebeinen, auch Knochen von Rentieren, Wildpferden, Wölfen, Eisfüchsen, Vielfraßen und Schneehasen zutage. Die meisten diesen Arten findet man heute in Tundragebieten, doch während der Eiszeit waren sie typische Bewohner der Mammutsteppe, eines grasreichen, überaus produktiven Ökosystems mit zahlreichen Großsäugern. Beste Bedingungen also für die nomadischen Steinzeitjäger.  


Samstag, 20. August 2016

Seile: eine technologische Revolution.

aus Süddeutsche.de,15. August 2016, 08:42 Uhr

"Das ist steinzeitliches Hightech"
Ohne Seile würden weder die Pyramiden noch Stonehenge existieren. Die Erfindung wurde vermutlich vor 40 000 Jahren gemacht - im heutigen Deutschland.

Von Hubert Filser

Das Seil ist eines dieser Dinge, von denen man annimmt, sie seien schon immer da gewesen, weil sie einem so selbstverständlich vorkommen. So wie das Rad vielleicht, dessen einfache Form ebenfalls etwas Ewiges hat. In der Natur gibt es in beiden Fällen kein echtes Vorbild. Eine Liane kommt dem Seil vielleicht am nächsten, doch sie ist deutlich weniger belastbar und zugfest.

Ein Seil ist also eine wahrlich große Erfindung. Es vereint Festigkeit und Flexibilität, eine perfekte Kombination. Mit einem Seil lässt sich etwas ziehen, mit Hilfe von Umlenkvorrichtungen wie in Flaschenzügen sogar in die Höhe. Schon beim Bau der Pyramiden vor mehr als 4500 Jahren kamen Seile zum Einsatz, aus dieser Zeit sind auch die ältesten Zeichnungen überliefert. Auch die noch älteren Megalithbauten in Frankreich oder Großbritannien wie Stonehenge wären ohne Seile undenkbar gewesen, die riesigen Steine sind mit ihrer Hilfe oft über Hunderte von Kilometern bewegt worden.

Ein gutes, belastbares Seil zu machen, ist nicht eben einfach. Den Beruf des Seilers gab es bereits im Alten Ägypten. Doch erst jüngst zeigten Heidelberger Archäologen um Nicholas Conard, wie alt die Erfindung wirklich ist, nämlich mehr als 40 000 Jahre. In der Höhle Hohle Fels auf der Schwäbischen Alb, in der auch die frühste figürliche Kunst gefunden wurde, entdeckten Archäologen das älteste Seilwerkzeug der Menschheitsgeschichte. Unscheinbar sieht das aus Mammutelfenbein gefertigte, gut zwanzig Zentimeter lange Stück mit den vier Löchern darin aus. Zunächst dachten die Forscher, dass es sich vielleicht um ein unbekanntes Musikinstrument handeln könnte.

Erst nach umfangreichen Versuchen erkannten Experimentalarchäologen um Veerle Rots von der Universität Lüttich, dass die eiszeitlichen Menschen damit Stricke aus Pflanzenfasern hergestellt haben. Lange Lein- oder Hanffasern oder auch Rohrkolbenblätter lassen sich leicht durch die vier sauber gearbeiteten, spiralförmig eingeschnitzten Löcher der Elfenbeinleiste fädeln und sorgfältig verdrillen. Verknotet man die Rohrkolbenblätter zwischendurch, lassen sich sogar meterlange Schnüre und Seile von hoher Reißfestigkeit machen. "Das ist steinzeitliches Hightech", sagt Nicholas Conard. Es sei das erste Werkzeug in der Menschheitsgeschichte, von dem man wisse, dass es zur Herstellung von Seilen verwendet wurde - im Urgeschichtlichen Museum Blaubeuren kann man es besichtigen. Die Qualität der Seile belegt zudem, wie kunstfertig die Menschen bereits vor 40 000 Jahren waren, als sie eben erst nach Mitteleuropa eingewandert waren.

Die Grundidee, aus dünneren, weniger belastbaren Fasern ein dickes, stabiles Seil zu machen, ist bestechend. Das jeweilige Seil lässt sich zudem an seinen Einsatzzweck anpassen. In einem Fischernetz, das auch schon nach dem Ende der letzten Eiszeit in Mitteleuropa vor gut 12 000 Jahren häufig genutzt wurde, waren die Schnüre dünner; nutzte man sie zum Lastentransport, waren sie entsprechend dicker.

Ein Seil wiederum ist seinerseits eine Art Innovationsmotor. Ohne Seile hätte es keine Segelschiffe gegeben, auch Kräne, komplexere Maschinen wie Katapulte oder Aufzüge brauchen Seile. Die Materialien haben sich im Lauf der Zeiten verändert, heute verwendet man vor allem Stahldrähte oder Kunststofffäden, um hochreißfeste Seile zu machen, wie sie in Hängebrücken oder bei Seilbahnen zum Einsatz kommen.

Donnerstag, 18. August 2016

In der Hauptsache hatte er Recht.



Ernst Nolte ist gestorben. Er war ein Mann von sehr konservativer, manchmal schien es fast: reaktionärer Gesin-nung, und das hat sich in seinem wissenschaftlich-historischen Werk an vielen Stellen in einer unpassenden Wort-wahl niedergeschlagen. Bevor nun aber alle politisch Korrekten wieder ihre Knüppel aus dem Sack lassen, sage ich noch ganz schnell, bevor es übertönt wird: In der Hauptsache hatte er Recht.

Selbstverständlich war der Faschismus eine Reaktion auf die bevorstehende Weltrevolution, und selbstverständlich war der Nationalsozialismus die Reaktion auf die ausbleibende sozialistische Revolution in Deutschland; oder, was dasselbe ist, auf Stalins Verrat an der Revolution


Lorenz Jäger weist in der heutigen FAZ auf die entscheidende Bedeutung hin, die in Noltes Geschichtsauffassung das Jahr 1923 gespielt hat. Höhepunkt der Inflation, Jahr der Ruhrbesetzung, Jahr des Hitlerputsches; und - einen Monat zuvor - Jahr des abgeblasenen Aufstands gegen die Reichexekution zur Absetzung der Arbeiterregierungen in Sachsen und Thüringen. Im Rückblick darf man wohl sagen: ein Kreuzweg des Geschichte des 20. Jahrhunderts.

So hat es Leo Trotzki sofort verstanden. Es war die letzte große Chance, die Sowjetrepublik in Russland durch die siegreiche Revolution in Deutschland aus ihrer Isolation zu befreien und vor der unaufhaltsamen Degeneration zu einer bürokratischen Höllenmaschine zu retten. Aber sie wurde vertan, weil der Führung der Kommunistischen Internationale unter Stalins damaligem Verbündeten Sinowjew an der Weltrevolution schon nicht mehr so viel gelegen oder weil ihr das Vertrauen geschwunden war, gleichviel. Der Aufstand wurde nicht ernstlich vorbereitet, es wurde so getan, als sei man zu allem entschlossen, aber als es um die Ausrufung des Generalstreiks gegen die Reichsexekution ging, wurden der KPD-Führung unter Brandler, Thalheimer und Radek die Füße kalt, und sie versteckten sich hinter den kleinmütigen sozialdemokratischen Betriebsräten in Sachsen-Thüringen. Nur die Hamburger KPD unter Thälmann hatte nicht benachrichtigt werden können, dass der Aufstand abgeblasen war, und schlug allein los, mit katastropha-len Folgen.

Es war die Wahl zwischen der permanenten Revolution und dem Sozialismus in Einem Land. Sowjetdemokratie war nicht ein Frage von einzuhaltenden Regeln und zu bewahrenden Formen. Es war die Frage von Flut oder Ebbe der Revo-lution. Trotzkis damals entstandene Schrift Die Lehren des Oktobers gehört zu den bedeutendsten Beiträgen zur marxi-stischen Theorie und trug den beginnenden Fraktionskampf vors öffentliche Schiedsgericht. Er hat ihn nicht gewin-nen können, denn ohne eine entschiedene Führung durch die Internationale waren Fortschritte der Revolution außerhalb Russlands und ein Sieg der Linken Opposition in Russland nicht möglich. Doch unter Stalins Leitung wurde die Internationale zu einem Instrument der sowjetischen Außenpolitik und zu einem Bremsklotz der Revo-lution, und 1936 in Spanien schließlich ihr Henker und Totengräber.

Nolte hatte also Recht. Italienische Faschismus und deutscher Nationalsozialismus waren Reaktionen auf die Oktoberrevolution und ihre Folgen. Ihre Folgen: das waren nicht die Fortschritte, sondern die Niederlagen der Revolution, das war die stalinistische Konterrvolution in Russland. In Italien wie in Deutschland konnten die Faschisten kampflos siegen, weil die revolutionäre Seite ihre Versprechungen nicht gehalten und die Fahne gestrichen hat, ohne einen Schuss zu feuern. Diese Pointe ist Nolte freilich bis zu seinem heutigen Tod verborgen geblieben, er war eben ein konservativer Mann.


Dienstag, 16. August 2016

Gespielter Ernst und ernsthaftes Spiel.

Sehn Sie's sich an: Das ist richtige Kunst.
aus nzz.ch, 12.05.2015 - 17:45

In Zeiten rigider Gesinnungsmoral
Illusionen, Spiele und Zerstreuung haben ihre Leichtigkeit verloren. Für den Philosophen Robert Pfaller steht fest: Der Mensch leidet unter dem Zwang, immer sich selbst zu sein.

Interview von Anja Schulthess

Herr Pfaller, seit der römische Dichter Juvenal den berühmten Ausspruch «panem et circenses» (Brot und Zirkusspiele) geprägt hat, glauben wir, Genuss lenke uns von den ernsten Dingen des Lebens ab. Sie haben einmal gesagt, Genuss sei politisch. Wie soll Genuss denn politisch sein?

Die entscheidende Frage ist, ob Menschen ein gutes Leben haben wollen und bereit sind, dafür zu kämpfen. Oder ob sie sich von dem Zwiespältigen, Unguten, das fast allen unseren Genüssen anhaftet, einschüchtern lassen – Alkohol berauscht, Parties sind kostspielig, Spaziergänge sind Zeitverschwendung. Sind wir bereit, uns von der Politik bevormunden zu lassen? Wollen wir Verbote, gutgemeinte Warnungen, den Abbau des Sozialsystems und die Einschränkung der Bürgerrechte hinnehmen? Beispielhaft für eine mündige, rebellische und dem Leben zugewandte Haltung scheinen mir folgende Zeilen aus Bertolt Brechts Gedicht «Resolution der Kommunarden»: «In Erwägung, dass ihr uns dann eben mit Gewehren und Kanonen droht, haben wir beschlossen, nunmehr schlechtes Leben mehr zu fürchten als den Tod.» Denselben Gedanken gibt es übrigens auch bei Juvenal, der schreibt: «Betrachte es als die grösste Schande, das nackte Leben der Scham vorzuziehen und um des Lebens willen die Gründe, für die es sich zu leben lohnt, zu verlieren.» Diese Haltung ist das Gegenteil der Politik von heute, die so tut, als müssten wir alles opfern, nur damit wir nicht sterben.

Die dummen Römer haben sich von Brot und Spielen mundtot machen lassen, und die dummen Leute von heute finden Zerstreuung in Medienspektakeln wie einer Fussball-WM. Ist dem tatsächlich so?

Zerstreuung ist nicht per se böse. Auch in der freiesten, egalitärsten, politisch wachsten Gesellschaft, die wir uns vorstellen können, wird es Zerstreuung geben – als notwendige Erholung von den Anstrengungen des Lebens.



Schön. Aber wenn Medienspektakel heute nicht mehr die eigentlichen Ablenkungsmanöver sind, welche sind es dann?

Eine viel gefährlichere Form der Zerstreuung als Fussball scheint mir in gesellschaftlichen Mechanismen vorzuliegen, die dafür sorgen, dass sich niemand mehr mit irgendetwas ernsthaft und konzentriert beschäftigen kann. Einerseits zwingen uns Kommunikationsmedien dazu, ständig und sofort auf irgendetwas zu antworten. Andererseits steht uns die Bürokratie im Weg. So haben Studierende heute kaum noch Zeit, sich den Inhalten ihres Studiums zu widmen. 80 Prozent ihrer Aufmerksamkeit werden von Formalien wie Studienplänen, Prüfungsmodalitäten und der Einhaltung von Fristen und Ähnlichem absorbiert.

In Tat und Wahrheit haben wir sehr wenig Spass. Denken Sie 
nur an bestimmte Reality-TV-Formate.

Nehmen wir an, Brot stehe für die notwendige materielle Grundlage, und Spiele für Genuss und Spass. Beides scheint in unserer Gesellschaft doch ausreichend vorhanden zu sein. Wenn dem so ist, müsste es uns nach Ihren Vorstellungen eigentlich ausgezeichnet gehen. Richtig?

Nun, in Deutschland leben 13 Millionen Menschen an oder unter der Armutsgrenze, wie ich einer aktuellen Statistik entnehme. Das ist eher ein Zeichen dafür, dass es selbst in den reichsten Ländern keineswegs problemlos Brot für alle gibt. Und die Spiele und Spektakel liefern auch nicht einfach nur Spass. Sie sind oft entwürdigende Vorführungen von Deklassierung. Denken Sie nur an bestimmte Reality-TV-Formate. Um Aufmerksamkeit oder Prominenz zu erhaschen, muss man Würmer essen. Und wenn es im Container Sex gibt, dann wird das als vulgäres Unterschichtenphänomen präsentiert. Es ist eine Drohung an die Zuschauer: «Wenn ihr euch nicht benehmt, dann sitzt ihr morgen selbst im Container. » In Tat und Wahrheit haben wir nur sehr wenig Spass. Was wir haben, ist eine Flut an grotesken Zerrbildern, die uns den Spass in einer so abschreckenden Form präsentieren, dass wir mit Erleichterung davon Abstand nehmen.
Im Anschluss an den niederländischen Kulturtheoretiker Johan Huizinga, der den Menschen als «homo ludens» und das Spiel als Ursprung von Kultur überhaupt bestimmt, stellen Sie heute einen Rückzug des Spiels aus unserer Kultur fest. Dabei werden wir von Spielangeboten doch geradezu überhäuft. Sogar aus dem Einkaufen wird ein Spiel gemacht, in dem man Punkte sammeln darf.

Nicht alles, wofür es Punkte gibt, ist ein Spiel. Davon können Bologna-geplagte Studierende ein Liedchen singen. Es ist doch bezeichnend: Seit es ECTS-Punkte gibt, ist fast alles Spielerische aus dem Studium verschwunden. Dass man etwas ausprobieren konnte, vielleicht abwegigen Forschungsinteressen nachgehen oder über den Rand des eigenen Fachs hinausschauen durfte. Im postmodernen Alltag herrscht eine rigide Gesinnungsmoral, die jeden Anflug von Spielerei oder gar von Charme oder Glamour misstrauisch beäugt, sofern sie nicht ohnehin gleich nach Verbot und Polizei ruft – wie etwa bei der Tabakkultur. Stellen Sie sich nur einmal vor, wie viel Spiel möglich ist, wenn Lauren Bacall, an der Tür lehnend, Humphrey Bogart nach Feuer fragt («To Have and Have Not», 1944. Die Red.), und vergleichen Sie das mit unseren verarmten Darstellungsformen. Selbst die Kunst muss heute überaus seriös, wissenschaftlich schwerfällig, das heisst möglichst mit Fussnoten daherkommen und darf sich kaum mehr etwas Verrücktes, Eigenwilliges geschweige denn Grandioses erlauben.



Worin sehen Sie das Potential des zweckfreien Spiels gegenüber dem Punktesammeln?

Jedes Spiel enthält, wie Huizinga bemerkt hat, eine bestimmte Illusion, die niemals unsere eigene ist. Etwa, dass es wichtig wäre, den Tennisball zu treffen und dass dieser diesseits oder zumindest auf einer Linie landet. Wenn wir spielen, dann tun wir so als ob. Nun ist es für Menschen sehr gut, Illusionen zu pflegen, die nicht ihre eigenen sind. Es macht sie froh, humorvoll und gesellig. Seit der Postmoderne hingegen meinen wir, dann am glücklichsten zu sein, wenn wir nur jene Illusionen dulden, an die wir selbst glauben.


«Be Yourself!» ist zum postmodernen Imperativ par excellence geworden. Alle wollen ständig authentisch sein.

Wenn wir nur die Illusionen dulden, an die wir selber glauben, dann wollen wir authentisch sein. Was hat Authentizität mit Postmoderne zu tun?

Die Postmoderne ist angetreten mit dem Programm, dass die «grossen Erzählungen» wie Christentum, Sozialismus und Aufklärung erledigt seien. Wir glauben also angeblich an gar nichts mehr. Wer aber an nichts anderes glaubt, an nichts Grösseres oder Kleineres als einen selbst, der glaubt stillschweigend nur noch an sich selbst. «Be Yourself!» ist darum zum postmodernen Imperativ par excellence geworden. Darum wollen alle ständig authentisch sein – man gönnt sich kaum eine Freude mehr. Denn dann müsste man wenigstens einen Moment lang ein bisschen jemand anderes sein.

Kann man dem Rückzug der spielerischen Leichtigkeit aus unserer Kultur entgegenwirken?

Natürlich. Zum Beispiel, indem wir uns Filme aus den 60er und 70er Jahren ansehen, indem wir ehrlich sind und uns eingestehen, wie viel Lebensfreude wir seither verloren haben.

Das ist aber sehr nostalgisch. Mit dem Betrauern vergangener Zeiten wird unsere Kultur doch nicht spielerischer und lustvoller.

Wir sollten der verlorenen Lebensfreude auch nicht hinterhertrauern und in Nostalgie schwelgen, sondern vor allem versuchen, daraus zu lernen.

Reden wir noch ein wenig über Sport. Verzeihen Sie mir den Rückschluss von Ihren Büchern auf Ihre Person – aber das gehört zu unserem Spiel: Schauen Sie Fussball, Herr Pfaller?

Ja, seit einigen Jahren wieder, mit einer gewissen Regelmässigkeit und Faszination.

Sie sind Philosoph. Was fasziniert Sie am Sport?

Da gibt es verschiedene Ebenen. Zunächst verschafft er Erholung durch Ablenkung. Dann gibt es ein von verschiedenen Theologen übrigens scharfsinnig beobachtetes rituelles, ja gar liturgisches Moment: Sport im Fernsehen strukturiert meine Zeit. Die deutsche Bundesliga markiert meine Samstagnachmittage; die K.-o.-Phase der Champions League bildet beinahe so etwas wie eine Jahreszeit. Im übrigen hat sich der Fussball, auch durch geschickte Änderungen des Reglements – der Torhüter darf einen Rückpass nicht mehr in die Hände nehmen, gleiche Höhe ist kein Abseits mehr –, vor der drohenden Erstarrung gerettet. Bis in die frühen 90er Jahre zählte vor allem die Athletik. Dann gewannen Technik und spielerische Kreativität an Bedeutung. Das ist schön anzusehen. Vom Spielwitz, den manche Mannschaften besitzen, kann man sich durchaus inspirieren lassen. Nicht zuletzt kann man vom Fussball auch etwas lernen. Zum Beispiel über die Fragwürdigkeit von Kennzahlen.

Den Universitäten würde es gut tun, von ihrem 
Kennzahlenfetischismus abzulassen.

Es gibt fragwürdige Kennzahlen im Fussball? Statistiken lügen doch nicht.

Na ja. Es kommt vor, dass eine Mannschaft nach Meinung sämtlicher Beobachter verdient verliert, obwohl sie weitaus mehr Ballbesitz hatte, mehr und präzisere Pässe gespielt, mehr Torschüsse verzeichnet und auch mehr Zweikämpfe gewonnen hat. Die wirkliche Leistung wird durch solche Zahlen und Daten oft verschleiert.

Und was können andere Bereiche nun vom Fussball lernen, die Hochschulen zum Beispiel?

Den Universitäten würde es ebenfalls gut tun, von ihrem Kennzahlenfetischismus – welcher Dozent hat wann wo wie viel publiziert? – abzulassen und wieder mehr auf die tatsächlichen Leistungen zu achten. Allerdings würde das eine Entmachtung der Bürokratie voraussetzen. Denn diese lebt von der Übersetzung der Realitäten in Kennzahlen. Um die Realitäten wissenschaftlicher Leistung adäquat einschätzen zu können, müsste man sich wieder mehr an die Wissenschafter selbst halten.

Ich erinnere mich an den Besuch eines Eishockeyspiels mit meinem Vater und meinem Bruder. Das Erlebnis war etwas verstörend. Mein Vater, ein zurückhaltender, ruhiger, rational veranlagter Mann, verfolgte das Spiel gebannt und geriet bei einem Tor völlig ausser sich. Was war passiert?

Das ist genau das, was Johan Huizinga als den «heiligen Ernst» des Spiels bezeichnet. Nur das Spiel versetzt uns in solche ekstatische Freude, Begeisterung, rührt uns zu Tränen. Diese gesteigerte Affektivität rührt daher, dass wir wissen, dass es nicht echt ist. Dadurch sind wir abgekoppelt von den Bedingungen der Realität, die unsere Leidenschaften im übrigen Leben so sehr im Zaum halten.

Sportstadien funktionieren also nach anderen Regeln als das normale, profane Leben?

Jedes Spiel, jedes Fest, jedes kleine Unterbrechungsritual erinnert den Menschen daran, dass er nicht immer nur funktionieren muss – und sei es nur, dass man mal mit einem Kollegen einen Kaffee trinken geht und dabei nicht über die Arbeit spricht.

Und darin sehen Sie politisches Potential?

Ja. Denn wenn der Mensch vergisst, dass er nicht immer nur funktionieren muss, wird er beherrschbar und lässt sich ausbeuten.


Aristoteles hat einmal gesagt: Leute, die in derben Verhältnissen leben, 
brauchen auch derbe Vergnügungen.

Aber mal ehrlich: Horden von Fussballfans, die sich nach einem Derby betrinken – das hat doch nichts mehr mit Genuss in Ihrem Sinne zu tun!

Aristoteles hat in ähnlichem Zusammenhang einmal gesagt: Leute, die in derben Verhältnissen leben, brauchen auch derbe Vergnügungen. Freilich dürfen wir in einer Gesellschaft des Medienspektakels nicht vergessen, dass viele solcher vermeintlichen Barbarismen in Wahrheit Effekte ihrer medialen Beobachtung sind – oder wenigstens Versuche, mediale Aufmerksamkeit zu erregen.

Wann kippt die Lust an Spiel und Rausch in etwas Destruktives, Gefährliches?

Es gibt wohl kaum einen Rausch, der nicht gefährlich oder destruktiv wäre. Aber es gibt auch kein Leben, das ohne jeden Rausch noch Leben genannt werden könnte.

Schliessen wir den Kreis und kehren noch einmal zum Anfang zurück: Der Ausdruck «Brot und Spiele» steht in gewissem Sinne auch für die Professionalisierung des Sports. Wie stehen Sie dazu?

Der Sport ist eine Unterhaltungsbranche, die vielen Leuten Entspannung und Freude verschafft. Da sollen die Ausübenden ruhig Geld damit verdienen dürfen. Geld alleine macht weder unglücklich, noch verdirbt es notwendigerweise das Spiel. Allerdings ist interessant, wie sehr durch den Perfektionismus in manchen Sportarten der Glamour verloren geht. Der Formel-1-Rennfahrer Sebastian Vettel hat das unlängst in einem Interview beschrieben: 20 Technikexperten, die vor lauter Tüftelei kein Leben mehr haben, will kaum jemand mehr sehen auf der Rennstrecke. Verbissene Perfektion vernichtet den Unterhaltungswert.


Nota. - 'In Zeiten rigider Gesinnungsmoral' ist ein völlig deplazierter Titel für dieses Interview. Der Verlust von Spiel und Freude ist im Gegenteil die Kehrseite des Verlustes von Gesinnung und Moral. Was am meisten abstößt am grimmigen Ernst der politcal correctness, ist, dass sie so bodenlos unernst ist. Da heißt es ja gar nicht Wer bin ich?, sondern immer nur Wie komm ich mir vor? Das sind ja gar keine Gutmenschen, sie wollen nur dafür gehalten werden; und eigentlich reicht es ihnen aus, wenn alle andern so tun, als würden sie sie dafür halten. Sie tun so, als wäre ihnen was ernst, und sie tun so, als würden sie sich freuen, dabei haben sie nur fun und das beruhigende Gefühl von Wichtigkeit: ihrer eignen, denn eine andere käme ihnen nicht in den Sinn.
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