Donnerstag, 11. August 2016

Erdogan sei Dank, oder: Es hat alles zwei Seiten.



Falls Sie ihn übersehen haben: hier nochmal mein Kommentar zu Erdogans schleichendem Putsch - und zu den Türken in Deutschland.

...Die europäische Aufklärung, die die Voraussetzung moderner rechtlicher Staatlichkeit ist, bezog ihre Kraft daraus, dass hier nicht nur die Religion ihren Zugriff auf den Staat verlor, sondern auch der Staat nie wirkliche Macht über die Religion hatte. Das war nur möglich, weil weltliche und geistliche Autorität in zwei rivalisie-renden Institutionen organisiert und gebunden war, die römisch Kirche und den deutschen Kaiser.

In keinem islamischen Land ist bis heute die Religion Privatsache geworden, weil sie sich dort nie gegen das Politische verselbständigen konnte. Der Islam ist im wesentlichen eine Gesetzesreligion und kann sich nur schwer aus dem öffentlichen Leben heraushalten; doch noch weniger kann einem Machthaber kann daran gelegen sein, sie zu seinem Rivalen aufzubauen. Und so hat Kemal Atatürk wohl das Kalifat abgeschafft, aber auch das Religions-ministerium gegründet. Auch Zafer Şenocak politisiert ja in Glaubensdingen, wenn auch in anderer Richtung als Erdogan.

Eine Geschichte von vierzehn Jahrhunderten lässt sich nicht rückwirkend umschreiben. Auch nicht dies, dass in keinem muslimisch besiedelten Gebiet sich bis heute eine wirkliche Nation* hat ausbilden können, so dass der Islam von jedem Demagogen als Identitätsstifter in Anspruch genommen werden kann.

In dem Punkt hat die Türkei einen Vorzug gegenüber den anderen muslimischen Völkern, und der liegt ausge-rechnet in einem ihrer wundesten Punkte: der Massenauswanderung nach Deutschland.

Dieser Tage hören wir, es müsse verhindert werden, dass die inneren Konflikte der Türkei auf deutschem Boden ausgetragen werden. Sie sollte sich das vermeiden lassen? Unter den in Deutschland lebenden Türken sind rund ein Drittel Kurden. Das hat sich auch nicht unterm Deckel halten lassen. Das nachhaltige kurdische Nationalproblem war der Hauptgrund für das Aufkommen eines politischen Islamismus in der kemalistischen Republik. ...

Das ist ein wunder Punkt, aber noch nicht der wundeste. Die große Masse der Türken in Deutschland bildet hier eine nationale Minderheit, aber keine autochthone, sondern als Außenposten eines fremden Staates, in dem sie sich ebenso oder mehr zu Hause fühlen als hier. Hier in einem Gastland, zu dem weder sie alle noch auch nur ihre Elite eine historische und kulturelle Verbindung haben! Inder, Pakistaner und Westindier in Großbritannien, Nord- und Schwarzafrikaner in Frankreich verbindet mit dem Land, in dem sie leben, eine lange Kolonialgeschichte, die noch immer für böses Blut sorgen mag, aber auf beiden Seiten ein Teil der jeweiligen Identität bildet; einen gemeinsamen Teil. Das Zusammenleben der Ethnien ist schon in diesen Ländern, wo die Minderheiten eine Brücke bilden könnten und in den Bildungseliten tatsächlich bilden, prekär genug. Doch ein Großteil der Türken in Deutschland spricht nicht einmal die Sprache der Deutschen, und man hat den Eindruck, als habe die Fremdheit in vergangenen Jahrzehnt eher zu- als abgenommen.

Und da ist Erdogans coup d'état permanent - so nannte Fr. Mitterand den Regierungsstil des General de Gaulle - wo-möglich ein Geschenk der Geschichte. Deutschland mit seiner millionenfachen türkischsprachigen Leser-schaft wird ganz selbstverständlich zur Rückzugsbasis der türkischen Presse- und Gedankenfreiheit werden, hier herrscht Vereinsfreiheit und ist die türkische Population groß genug, ein diversifiziertes politisches Leben zu nähren und zu unterhalten. Mit andern Worten, wenn Erdogan so weitermacht, dann wird es eine historisch-kulturelle Verbindung zwischen der Türkei und Deutschland geben, und Erdogan wird es noch bedauern.

Während bislang die türkische Minderheit in Deutschland ein weltweites Unikum darstellte, wird sie dann - erst recht ein weltweites Unikum sein.


*) In ganz Nordafrika sind ein Großteil der Bewohner Berber und sprechen - und schreiben sogar - eine hamitische Sprache. Nicht nur in der Türkei, auch im Irak sind die Kurden eine bedeutende Minderheit. Allenfalls die Jemeni-ten können auf ein lange staatliche Geschichte zurückblicken - von der aber heute nichts übriggeblieben ist.

Ob ein Volk sich zur Nation bildet, hängt von anderen Faktoren ab als der Religion. Aber der Islam ist ein zusätz-liches Hemmnis. Zumal, seit er zum Ersatz des verlogenen "panarabischen Nationalismus" geworden ist, der im 20. Jahrhundert das stärkste Bollwerk gegen die Volkssouveränität war.



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