Donnerstag, 18. August 2016

In der Hauptsache hatte er Recht.



Ernst Nolte ist gestorben. Er war ein Mann von sehr konservativer, manchmal schien es fast: reaktionärer Gesin-nung, und das hat sich in seinem wissenschaftlich-historischen Werk an vielen Stellen in einer unpassenden Wort-wahl niedergeschlagen. Bevor nun aber alle politisch Korrekten wieder ihre Knüppel aus dem Sack lassen, sage ich noch ganz schnell, bevor es übertönt wird: In der Hauptsache hatte er Recht.

Selbstverständlich war der Faschismus eine Reaktion auf die bevorstehende Weltrevolution, und selbstverständlich war der Nationalsozialismus die Reaktion auf die ausbleibende sozialistische Revolution in Deutschland; oder, was dasselbe ist, auf Stalins Verrat an der Revolution


Lorenz Jäger weist in der heutigen FAZ auf die entscheidende Bedeutung hin, die in Noltes Geschichtsauffassung das Jahr 1923 gespielt hat. Höhepunkt der Inflation, Jahr der Ruhrbesetzung, Jahr des Hitlerputsches; und - einen Monat zuvor - Jahr des abgeblasenen Aufstands gegen die Reichexekution zur Absetzung der Arbeiterregierungen in Sachsen und Thüringen. Im Rückblick darf man wohl sagen: ein Kreuzweg des Geschichte des 20. Jahrhunderts.

So hat es Leo Trotzki sofort verstanden. Es war die letzte große Chance, die Sowjetrepublik in Russland durch die siegreiche Revolution in Deutschland aus ihrer Isolation zu befreien und vor der unaufhaltsamen Degeneration zu einer bürokratischen Höllenmaschine zu retten. Aber sie wurde vertan, weil der Führung der Kommunistischen Internationale unter Stalins damaligem Verbündeten Sinowjew an der Weltrevolution schon nicht mehr so viel gelegen oder weil ihr das Vertrauen geschwunden war, gleichviel. Der Aufstand wurde nicht ernstlich vorbereitet, es wurde so getan, als sei man zu allem entschlossen, aber als es um die Ausrufung des Generalstreiks gegen die Reichsexekution ging, wurden der KPD-Führung unter Brandler, Thalheimer und Radek die Füße kalt, und sie versteckten sich hinter den kleinmütigen sozialdemokratischen Betriebsräten in Sachsen-Thüringen. Nur die Hamburger KPD unter Thälmann hatte nicht benachrichtigt werden können, dass der Aufstand abgeblasen war, und schlug allein los, mit katastropha-len Folgen.

Es war die Wahl zwischen der permanenten Revolution und dem Sozialismus in Einem Land. Sowjetdemokratie war nicht ein Frage von einzuhaltenden Regeln und zu bewahrenden Formen. Es war die Frage von Flut oder Ebbe der Revo-lution. Trotzkis damals entstandene Schrift Die Lehren des Oktobers gehört zu den bedeutendsten Beiträgen zur marxi-stischen Theorie und trug den beginnenden Fraktionskampf vors öffentliche Schiedsgericht. Er hat ihn nicht gewin-nen können, denn ohne eine entschiedene Führung durch die Internationale waren Fortschritte der Revolution außerhalb Russlands und ein Sieg der Linken Opposition in Russland nicht möglich. Doch unter Stalins Leitung wurde die Internationale zu einem Instrument der sowjetischen Außenpolitik und zu einem Bremsklotz der Revo-lution, und 1936 in Spanien schließlich ihr Henker und Totengräber.

Nolte hatte also Recht. Italienische Faschismus und deutscher Nationalsozialismus waren Reaktionen auf die Oktoberrevolution und ihre Folgen. Ihre Folgen: das waren nicht die Fortschritte, sondern die Niederlagen der Revolution, das war die stalinistische Konterrvolution in Russland. In Italien wie in Deutschland konnten die Faschisten kampflos siegen, weil die revolutionäre Seite ihre Versprechungen nicht gehalten und die Fahne gestrichen hat, ohne einen Schuss zu feuern. Diese Pointe ist Nolte freilich bis zu seinem heutigen Tod verborgen geblieben, er war eben ein konservativer Mann.


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