Donnerstag, 12. Mai 2016

Der Krieg um Troja.


Trojanisches Pferd

Unter dem Titel Entscheidungsschlacht um Troja veröffentlicht die Neue Zürcher heute eine Beitrag von Thomas Ribi über die Thesen, die der Zürcher Forschers Eberhard Zangger seit zwanzig Jahren über den Untergang des Hethiterrreichs auf der einen und der minoisch-mykenischen Staaten auf der andern Seite vertritt. Im Zentrum seiner Theorie steht Troja, das er als Hochburg einer Konföderation westanatolischer Stadtstaaten ansieht (die er im übrigen als die sagenumwobenen "Seevölker" identifiziert). 

Bei seinem ersten, etwas zu publikumswirksamen Auftreten war Zangger von der Altertumswissenschaft mit Hohn und Spott überzogen worden. Inzwischen ist er seriöser geworden und hat auf einige besonders extravagante Details verzichtet. Nun fände er langsam doch Eingang in die Diskussionen der althistorischen Fachwelt...


...Das ist lange her, der Rauch hat sich verzogen. Unter der Asche aber glüht es weiter. Eberhard Zangger ist seit langem in einer anderen Branche tätig. Doch die Leidenschaft für die Archäologie und für die antike Mittelmeerwelt, die hat er sich bewahrt. Er ist nach wie vor überzeugt von seiner These. Und er nimmt einen neuen Anlauf, um sie zu untermauern. Mit einem Buch, das dieser Tage erscheint, und mit einer Website will er den Impuls aufnehmen, den er in den neunziger Jahren zu setzen versuchte. Zusammen mit Mitarbeitern hat er an seinem privaten Institut in Zürich die Fakten zur Besiedlung des antiken Kleinasien aufgearbeitet. Trägerschaft seiner Forschung ist eine Stiftung, deren Stiftungsrat unter anderem der ehemalige Präsident der ETH Zürich, Olaf Kübler, und der Hamburger Literaturwissenschafter Jan Philipp Reemtsma angehören.

Die Grundthese ist die gleiche wie vor zwanzig Jahren: Die radikalen Veränderungen, die am Ende des zweiten vorchristlichen Jahrtausends in Kleinasien und in der östlichen Ägäis in kurzer Zeit zum Zusammenbruch mehrerer Grossreiche führten, sind Ergebnis von gewaltigen kriegerischen Auseinandersetzungen. «Ein Weltkrieg, nach heutigem Verständnis», sagt Zangger. Als grosse Player standen sich die Hethiter in der heutigen Osttürkei und die mykenischen, minoischen und kykladischen Fürstentümer in der Ostägäis gegenüber. Und dazwischen? Da lag zum Beispiel Troja. Die Stadt sei einiges grösser gewesen, als man heute annehme, so Zangger. Aber natürlich nicht so gross, dass sie den beiden Machtblöcken hätte die Stirn bieten können.

Ein Machtvakuum habe es trotzdem nicht gegeben zwischen den beiden Blöcken, im Gegenteil. Der Westen Kleinasiens sei überzogen gewesen von Fürstensitzen und Kleinstaaten, die weder der mykenischen Zivilisation noch der hethitischen Kultur zugeordnet werden können. Über dreihundert Siedlungsplätze sind bekannt. Zangger hat sie alle katalogisiert. Von einzelnen kennt man sogar die Namen.

Allein, so Eberhard Zangger, hatten diese Kleinstaaten keine Chance gegen die mächtigen Nachbarn. Als Bündnis aber dürften sie deren politische, militärische und wirtschaftliche Macht sogar übertroffen haben. Und gemeinsam kämpften sie gegen die Hethiter. Die in ägyptischen Quellen erwähnten «Seevölker» seien nichts anderes gewesen als die vereinten Fürstentümer aus dem Westen Kleinasiens, postuliert Zangger. Und er gibt ihnen sogar einen Namen: «Luwier» nennt er sie, mit einem Begriff aus der Sprachwissenschaft. Sie bauten Anfang des zwölften vorchristlichen Jahrhunderts eine Flotte, erhoben sich von der türkischen Südküste her gegen die mächtigen Herren im Osten und wurden ein, zwei Jahrzehnte später, um 1180 v. Chr., vor Troja von mykenischen Fürsten vernichtend geschlagen.

Ein Krieg um Troja fand statt, sagt Eberhard Zangger. Dass die Stadt durch eine Naturkatastrophe zerstört wurde, sei unwahrscheinlich. Anders als vor zwanzig Jahren steht er heute nicht ohne Beistand der zünftigen Wissenschaft da. Beat Näf, Professor für alte Geschichte an der Universität Zürich, ist Zanggers Stiftung als Stiftungsrat verbunden. Der emeritierte Zürcher Althistoriker Christian Marek steht dem Unternehmen mit Interesse gegenüber, auch wenn er bei einzelnen Punkten Fragezeichen setzt. Zangger seinerseits hat seinen Thesen die schärfsten Stachel gezogen. Auf die phantastische Gleichsetzung von Troja mit Atlantis verzichtet er nun. Im Buch taucht der Begriff Atlantis nirgends auf – auch wenn seine Rekonstruktion Trojas zeigt, dass sich Zangger nicht von der Vorstellung verabschiedet hat, dass die Stadt über ringförmig angelegte Gräben verfügte, die geflutet werden konnten. Belege dafür gibt es bis jetzt nicht.

Eine Seemacht aus Anatolien

Mit seinem neuen Blick auf die ägäische Bronzezeit wirft der Aussenseiter aus Zürich der Forschung noch einmal den Fehdehandschuh hin und hofft, sie nehme ihn diesmal auf. Er ist zuversichtlich. Heute sei eine neue Generation von Wissenschaftern am Werk. Auf Kritik ist Zangger gefasst. Und Fragen stellen sich zuhauf: Ist es legitim, das sprachlich und kulturell heterogene Völkergemisch im Westen Kleinasiens als Luwier zu einer mehr oder weniger kompakten Volksgruppe zu machen? Können ein paar kleine anatolische Fürstentümer über Nacht zu einer Seemacht werden, vor der man sich bis Ägypten fürchtet? Und darf man aus archäologischen Befunden nicht nur Kulturgeschichte, sondern auch historische Abläufe rekonstruieren? «Ich behaupte nicht, dass ich eine definitive Lösung gefunden habe», sagt Eberhard Zangger. Aber über Thesen müsse man diskutieren, ohne Vorurteile.

Das ist richtig. Und gerade der Trojaforschung würde es gut anstehen, die Scheuklappen abzulegen. Den bis heute wichtigsten Impuls gab ihr nämlich nicht ein Archäologe, sondern ein Kaufmann aus Mecklenburg: Nur von der «Ilias» geleitet, begann Heinrich Schliemann 1870 bei Hisarlık an der türkischen Westküste zu graben – und fand nach der heute gängigen Ansicht die Ruinen des antiken Troja.

Eberhard Zangger: The Luwian Civilisation. The Missing Link in the Aegean Bronze Age. Yayinlari-Verlag, Istanbul 2016. 294 S. Informationen unter: www.luwianstudies.org

Montag, 9. Mai 2016

Zweihundert Jahre Indogermanistik.

Sanskrit
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200 Jahre Indogermanistik


Bianca Wiedemann M.A.
Stabsstelle Kommunikation/Pressestelle 
Friedrich-Schiller-Universität Jena

09.05.2016 09:50   
    Die Universität Jena veranstaltet mit der Humboldt-Universität zu Berlin vom 16. bis 20. Mai eine internationale Tagung

    Sprache wandelt sich ständig. Das ist ein nicht erst seit der einsetzenden Globalisierung in allen Lebensbereichen zu beobachtendes Phänomen, sondern geht bis in die Ursprünge der Menschheit zurück. Es gibt keine einzige natürliche Sprache, die im Laufe der Jahrhunderte unverändert geblieben ist. So gehören die meisten der heute gesprochenen Sprachen Europas und einige Sprachen des Vorderen Orients (z. B. Persisch) und Südasiens (z. B. Hindi und Urdu) zur Familie der indogermanischen Sprachen. Englisch, Spanisch, Portugiesisch, Niederländisch oder etwa Französisch haben sich durch die Kolonisation in viele Gebiete der Erde verbreitet, so dass inzwischen etwa die Hälfte der gesamten Menschheit eine indogermanische Sprache spricht. Viele dieser Sprachen sind schon seit sehr alter Zeit bezeugt: Das Indische und Griechische beispielsweise seit dem 2. Jahrtausend vor Christus. Die Indogermanistik (auch Indogermanische Sprachwissenschaft, Vergleichende Sprachwissenschaft, Historisch-Vergleichende Sprachwissenschaft) beschäftigt sich mit der Geschichte dieser Sprachen und untersucht, wie sich die Sprachen aus der gemeinsamen Grundlage des „Urindogermanischen“ entwickelt haben.

    In diesem Jahr feiert die wissenschaftliche Fachrichtung ihr 200-jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass haben die Friedrich-Schiller-Universität Jena und die Humboldt-Universität zu Berlin gemeinsam mit der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig eine internationale Tagung organisiert. Sie findet unter dem Titel „Sanskrit und die Sprach-Revolution – 200 Jahre Indogermanistik“ vom 17. bis 18. Mai in Berlin und vom 19. bis 20. Mai in Jena statt. Ziel der internationalen Tagung ist es, die vielfältigen Facetten, aktuellen Theorien und Methoden sowie die Arbeitsgebiete der Indogermanistik und ihre Vernetzung sowie Interaktion mit anderen Fächern aufzuzeigen und den wissenschaftlichen Austausch zu vertiefen.

    Die Indogermanistik etablierte sich als wissenschaftliche Fachrichtung im Jahr 1816 mit dem Erscheinen der bahnbrechenden Arbeit von Franz Bopp, dem späteren Ordinarius für orientalische Literatur und allgemeine Sprachkunde an der Berliner Universität. In seinem Buch mit dem sperrigen Titel „Über das Conjugationssystem der Sanskritsprache in Vergleichung mit jenem der griechischen, lateinischen, persischen und germanischen Sprache“ lieferte Bopp anhand der systematischen Darstellung des Verbalsystems der untersuchten Sprachen – und nicht nur, wie bisher andere Forscher, anhand einzelner Wörter – den methodischen Nachweis, dass diese Sprachen von einer gemeinsamen früheren Sprachstufe abstammen und ihre Ähnlichkeit auf genetischer Verwandtschaft beruht.

    Wie kaum ein anderes geisteswissenschaftliches Fach verbindet die Indogermanistik eine größere Anzahl von Einzelphilologien, darunter Germanistik, Latinistik, Gräzistik, Indologie, Keltologie und Orientalistik, indem sie durch die übergreifende sprachwissenschaftliche Herangehensweise Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Einzelsprachen, aber auch zwischen den Literaturen sowie gesellschaftlichen, religiösen und kulturellen Gegebenheiten dieser Einzelsprachen untersucht. Der Lehrstuhl für Indogermanistik an der Friedrich-Schiller-Universität Jena ist einer der wenigen Lehrstühle in Deutschland, der den gesamten Studiengang in seiner vollen Breite, vom Bachelorkernfach und -ergänzungsfach bis hin zum konsekutiven Masterstudiengang Indogermanistik anbietet.

    Anlässlich der Tagung wird in Zusammenarbeit mit dem in Jena gegründeten Verein „Sprachwissenschaft im Dialog“ eine Ausstellung zur Indogermanistik und ihrer Teilgebiete, die auch die Interaktion mit den angrenzenden Fächern würdigt, sowohl in Berlin als auch in Jena gezeigt und ist als verleihbare Wanderausstellung für die interessierte Öffentlichkeit konzipiert. Große Teile der Ausstellungstafeln und haptischen Exponate wurden von Studierenden im Jenaer Praxismodul zur Indogermanistik unter der Leitung von Dr. Bettina Bock erarbeitet.

    Weitere Informationen zur Tagung, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert wird, sind zu finden unter: http://www.oriindufa.uni-jena.de/iskvo/bopp2016.html sowie https://www2.hu-berlin.de/indogermanistik/bopp2016/programm.php.

    Kontakt:
    Prof. Dr. Sabine Ziegler, Dr. Bettina Bock
    Sächsische Akademie der Wissenschaften zu Leipzig (Arbeitsstelle FSU)
    Lehrstuhl für Indogermanistik der Friedrich-Schiller-Universität Jena
    Zwätzengasse 12, 07743 Jena
    Tel.: 03641 / 944087; 03641 / 944385
    E-Mail: ziegler[at]saw-leipzig.de; bettina.bock[at]uni-jena.de

    Weitere Informationen: http://www.oriindufa.uni-jena.de/iskvo/bopp2016.html sowie https://www2.hu-berlin.de/indogermanistik/bopp2016/programm.php 
    http://www.uni-jena.de

    Nota. - Als ich noch studierte, durfte man 'indogermanisch' nicht sagen; indoeuropäisch hieß das damals. Weil sich ihr Fach noch etwas mehr als die andern an den Nationalsozialismus angeschmiegt hatte, wollten sie jede Spur davon verwischen. Doch dem Ausdruck 'indogermansich' hatte nie die Vorstellung zugrunde gelegen, Inder und alle andern seien 'letzten Endes' Abkömmlinge der einen germanischen Urrasse. Vielmehr stammte der Ausdruck daher, dass diese Sprachfamilie von den Indern im Osten bis zu den Germanen im Westen (Island) reicht.

    Hat sich die angestrengte Korrektheit inzwischen verflogen, oder hat ihnen das Wort Indoeuropäistik nur zu schlecht im Ohr geklungen)
    JE

    Europa mit Migrationshintergrund.

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    Forscherteam belegt eine bewegte Geschichte Europas vor und während der letzten Eiszeit

    Barbara Abrell 
    Wissenschafts- und Unternehmenskommunikation
    Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e.V. 

    02.05.2016 17:00

    Eine Zusammenarbeit zwischen den Max-Planck-Instituten in Jena und Leipzig und der Universität Harvard erlaubt zum ersten Mal einen umfassenden Einblick in die Populationsgeschichte Europas vor und während der letzten Eiszeit. Das internationale Forscherteam untersuchte die DNA von Menschen, die in der Zeit von der Erstbesiedlung des Kontinents bis zum Aufkommen der Landwirtschaft in Europa lebten. Die Wissenschaftler berichten heute in der Fachzeitschrift Nature über ihre Befunde, die sowohl auf Perioden langer Kontinuität als auch auf bisher unbekannte Bevölkerungsbewegungen hinweisen.

    Moderne Menschen kamen vor rund 45.000 Jahren nach Europa, wo sie auf die Neandertaler trafen. Während diese in der Folge verschwanden, verblieben die neuangekommen modernen Menschen selbst während der kältesten Phase der letzten Eiszeit, als große Teile des Kontinents unter einer Eisdecke lagen, bis in die heutige Zeit in Europa. Da bisher nur sehr wenige genetische Daten von diesen ersten modernen Europäern vorlagen, konnte bislang nicht geklärt werden, wie die Bevölkerung damals zusammengesetzt war und ob Wanderungsbewegungen stattfanden. Mit hochempfindlichen Techniken, die maßgeblich in Deutschland entwickelt wurden, ist es nun einem internationalen Forscherteam erstmalig gelungen, die Genome von mehreren Dutzend modernen Menschen, die in den letzten 40.000 Jahren in Europa lebten, zu entschlüsseln.

    Die Aufbereitung der Daten erfolgte größtenteils in den Laboratorien der Max-Planck-Institute in Leipzig und Jena und an der Universität Harvard. “Es war ein großes Privileg mit diesen sehr, sehr alten Knochen arbeiten zu können“, erzählt Qiaomei Fu, Erstautorin der Studie, „und natürlich machte es gerade ihr Alter extrem aufwändig, qualitativ hochwertige Informationen aus ihnen zu gewinnen.“ Fu, die jetzt an der Chinesischen Akademie der Wissenschaften in Peking arbeitet, hatte die Arbeit an dieser Studie als Doktorandin in Leipzig begonnen und führte sie als Wissenschaftliche Mitarbeiterin in Harvard fort.

    Die prähistorischen Genome zeigen, dass die ersten modernen Menschen, die Europa besiedelten, keine direkten Vorfahren der heutigen Europäer sind. Seit ungefähr 37.000 Jahren sind aber alle untersuchten menschlichen Überreste mindestens teilweise Vorfahren von heutigen Europäern. Trotz dramatischer Klimaschwankungen gibt es eine genetische Kontinuität von vor der Eiszeit zu den 19.000 bis 14.500 Jahre alten Individuen, die nach der Hochphase der letzten Eiszeit Mitteleuropa wieder besiedelten. "Wir vermuten, dass sich die ursprüngliche Bevölkerung Europas während des Letzteiszeitlichen Maximums in Refugien in Süd-Westeuropa zurückzog und von dort aus am Ende der kältesten Phase der Eiszeit West- und Mitteleuropa wieder besiedelte", erläutert Johannes Krause, Direktor am MPI für Menschheitsgeschichte, die neuen Daten.

    „Vor dieser Arbeit hatten wir nur einen statischen Blick auf die ersten 30 000 Jahre der Geschichte des modernen Menschen in Europa“, erklärt David Reich, Professor an der Harvard Medical School., „jetzt können wir beginnen zu sehen, wie die Menschen in dieser Periode gewandert sind und sich miteinander vermischt haben.“

    Verbindung zum Nahen Osten

    Zur Überraschung des Forscherteams fanden sie einen weiteren, bislang unbekannten Wandel der Bevölkerung vor ungefähr 14.000 Jahren. Von da an besteht zwischen Europäern und den heute im Nahen Osten lebenden Menschen eine genetische Verwandtschaft. „Bisher gingen wir davon aus, dass mit der Einführung der Landwirtschaft vor circa 8.500 Jahren, als Bauern aus dem Nahen Osten nach Mitteleuropa einwanderten und die Jäger und Sammler verdrängten, eine genetische Durchmischung erfolgte, aber unsere Daten deuten auf eine weitere 6.000 Jahre frühere Einwanderung hin“, führt Cosimo Posth vom MPI für Menschheitsgeschichte aus.

    Es gibt zwei Hypothesen, um die Ursache für diese dramatische Veränderung in der Genetik der frühen Europäer zu erklären – entweder sind Menschen aus dem Nahen Osten nach Europa eingewandert, oder die Menschen aus dem Südosten Europas wanderten zu dieser Zeit sowohl nach Mitteleuropa als auch in den Nahen Osten ein, so dass die Populationen eine größere genetische Verwandtschaft zeigen. Um weitere Aufschlüsse über diese Migration zu erhalten, werden die Forscher in den nächsten Jahren versuchen, menschliche Überreste insbesondere aus Südosteuropa und dem Nahen Osten zu untersuchen.

    Rückgang des Neandertaler-Anteils im Genom

    Die Daten lieferten noch mehr Überraschungen. „Über einen Zeitraum von 30.000 Jahren ist der Anteil der Neandertaler-DNA im Genom der modernen Menschen kontinuierlich zurückgegangen, ohne dass eine nachweisbare Vermischung mit Menschengruppen ohne Neandertaler-DNA stattgefunden hat. Dies lässt schließen, dass der Rückgang auf Grund natürlicher Selektion erfolgte“, sagt Svante Pääbo vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie. "Es scheint, dass viele genetische Varianten, die in den Neandertalern vorkamen, für den prähistorischen modernen Menschen nachteilig waren".

    Genetische Cluster und steinzeitliche Kulturen

    Die Forscher sind einer weiteren, unter Experten seit langem diskutierten Frage nachgegangen. Bislang beruhte die Einordnung in unterschiedliche prähistorische Bevölkerungsgruppen primär auf archäologischen Funden. Die Zugehörigkeit zu unterschiedlichen oder gleichen Kulturen besagt jedoch nicht zwingend, dass die Menschen unterschiedlichen bzw. der gleichen genetischen Gruppe angehören. Die Wissenschaftler gruppierten die untersuchten menschlichen Überreste deshalb zunächst ausschließlich anhand der Genomdaten und betrachteten erst danach die Zugehörigkeit zu verschiedenen Kulturen. Mit unterschiedlichen Ergebnissen: So konnten einige genetisch definierte Gruppen bestimmten Kulturen zugeordnet werden, z. B. für die als „Mammutjäger Osteuropas“ bekannte Bevölkerungsgruppe, die vor 27.000 Jahren Europa besiedelte, der sogenannten Gravettien-Kultur. In andern Fällen traf dies nicht zu. So fanden die Forscher, dass eine Gruppe in Westsibirien, die kulturelle Ähnlichkeiten zu den Gravettien aufweist, das reichliche Vorkommen der berühmten Venus-Statuetten etwa, nicht besonders nahe mit den Mammutjägern in Osteuropa verwandt war.

    Um weitere Aufschlüsse über die Migrationen und Bevölkerungsgeschichte Europas zu erhalten, werden die Forscher jetzt ihre hochempfindlichen Methoden auf Funde aus weiteren Regionen Europas und angrenzenden Teile der Welt anwenden. „Wir sind erst am Anfang. Wir haben quasi das genetische Geschichtsbuch der Steinzeit erst aufgeschlagen“, summieren Johannes Krause und Svante Pääbo, die die Arbeiten in Jena und Leipzig leiteten, ihre Ergebnisse.

    Publikation:

    Qiaomei Fu, Cosimo Posth, Mateja Hajdinjak, Martin Petr, Swapan Mallick, Daniel Fernandes, Anja Furtwangler, Wolfgang Haak, Matthias Meyer, Alissa Mittnik, Birgit Nickel, Alexander Peltzer, Nadin Rohland, Viviane Slon, Sahra Talamo, Iosif Lazaridis, Mark Lipson, Iain Mathieson, Stephan Schiffels, Pontus Skoglund, Anatoly P. Derevianko, Nikolai Drozdov, Vyacheslav Slavinsky, Alexander Tsybankov, Renata Grifoni Cremonesi, Francesco Mallegni, Bernard Gely, Eligio Vacca, Manuel R. Gonzalez Morales, Lawrence G. Straus, Christine Neugebauer-Maresch, Maria Teschler-Nicola, Silviu Constantin, Oana Teodora Moldovan, Stefano Benazzi, Marco Peresani, Donato Coppola, Martina Lari, Stefano Ricci, Annamaria Ronchitelli, Frederique Valentin, Corinne Thevenet, Kurt Wehrberger, Dan Grigorescu, Helene Rougier, Isabelle Crevecoeur, Damien Flas, Patrick Semal, Marcello A. Mannino, Christophe Cupillard, Herve Bocherens, Nicholas J. Conard, Katerina Harvati, Vyacheslav Moiseyev, Dorothee G. Drucker, Jiři Svoboda, Michael P. Richards, David Caramelli, Ron Pinhasi, Janet Kelso, Nick Patterson, Johannes Krause, Svante Pääbo & David Reich:

    The genetic history of Ice Age Europe,

    DOI: 10.1038/nature17993.

    Ansprechpartner

    Prof. Dr. Svante Pääbo
    Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie, Leipzig
    +49 341 3550-500
    E-Mail: mittag@eva.mpg.de

    Prof. Dr. Johannes Krause
    Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte, Jena
    +49 3641 686-700,
    E-Mail: krause@shh.mpg.de


    Nota. - Na, wer hätte das auch ahnen können! Bei näherer Betrachtung stellt sich alles als ein bisschen komplizierte heraus... 

    Es war also voreilig, als ich vor ein paar Tagen meldete, es habe vor 14.500 Jahren eine Zuwanderungswelle aus dem Nahen Ost gegeben. Genauso gut ist es möglich, dass es damals eine Wanderungsbewegung aus Südosteuropa sowohl nach Nordwesten als auch weiter nach Südosten gegeben hat - sodass sich genetische Spuren dieser Südosteuropäer heute sowohl in Westeuropa als auch im Nahen Osten finden. 

    Die Unsicherheit unterstreicht aber nur, dass in Europa schon immer gewandert wurde - sowohl hier genetisch als auch da kulturell. Wir aus der Gattungs Homo sapiens haben alle einen Migratiosnhintergrund, außer vielleicht ein paar Stämmen im Ostafriknischen Graben.
    JE

    Freitag, 6. Mai 2016

    Alltag im Oströmischen Reich.

    aus Die Presse, Wien, 30.04.2016                                             aus der Scylitzes-Handschrift, 12./13. Jh.

    Der Alltag von Byzanz wird lebendig
    Der gute Ausgang von Situationen des täglichen Lebens wurde von Priestern beschworen, vom Almauftrieb über den Fischfang bis zum ersten Bartwuchs und den Lernerfolg.
            

    „Wir geben Gott zurück, was er uns gegeben hat.“ Das ist der Sinn der Zeremonie beim Übergang vom Kind zum Mannesalter, wie die Byzantinistin Claudia Rapp ausführt. Manifestiert wird dies an dem ersten Bartwuchs, der mit einer Gebetsformel als Opfergabe Gott überantwortet wird. So geschehen im Alltag von Byzanz, in den Sitten und Gebräuchen, die in Teilen der orthodoxen Welt über Jahrhunderte praktiziert wurden.

    In dem Forschungsprojekt des Wissenschaftsfonds FWF „Alltag und Religion: byzantinische Gebetsbücher als sozialgeschichtliche Quelle“ werden anhand der Sichtung der byzantinischen Gebetsbücher (griechisch: Euchologia) Szenen aus dem Alltagsleben aller sozialen Schichten offengelegt. Die Gebetsbücher enthalten im ersten Teil mehrere Liturgien für die Eucharistiefeier sowie die Riten für andere Sakramente wie Taufe, Eheschließung, Begräbnis und Mönchsweihe.
    Claudia Rapp, die in der Österreichischen Akademie der Wissenschaften die Byzanzforschung leitet und an der Uni Wien Professorin für Byzantinistik ist, legt mit ihrem wissenschaftlichen Team den Fokus aber auf den zweiten, bisher kaum ausgewerteten Teil der Gebetsbücher, die „kleinen Gebete“. 

    Diese liefern zum Teil bisher nicht bekannte Einblicke in die christlich-mittelalterliche Gesellschaft von Byzanz. „Es hat mich überrascht, dass sich in den Gebeten alle Belange des Alltagslebens finden, vom Schlafzimmer bis zur Küche, vom bäuerlichen Hofleben bis zu einzelnen Arbeitsvorgängen“, sagt Rapp.

    Erlebnis des ersten Schultags 

    Es finden sich Gebete für Frauen vor und nach der Geburt, eben das Gebet für den Bartwuchs oder für die Zubereitung des Essens wie das Gebet gegen die Verunreinigung des Käseteigs. Auch der gute Start am ersten Schultag und die Behebung von Lernschwierigkeiten finden sich in den „kleinen Gebeten“. Viele Familien leisteten sich vorerst einen Privatlehrer und entsandten ab etwa dem siebenten Lebensjahr die Heranwachsenden zu einer ebenfalls von einem Privaten geleiteten Lerngruppe. „Das war aber eine finanzielle Frage, die Familie musste auf den Verlust einer Arbeitskraft, nämlich die manuelle Leistung des Kindes verzichten“, so die Byzantinistin.

    Ein großer Teil der „kleinen Gebete“ zielt auf die Naturgewalten und die Jahreszeiten ab, so gegen Erdbeben und Dürre, im Frühsommer für einen reibungslosen Almauftrieb, dann für eine gute Weinernte und einen reichhaltigen Fischfang. Ein Gebet, das aus dem Katharinenkloster auf dem Sinai bekannt ist, wird zum Frühlingsbeginn auf den Feldern zitiert, da wird die Abwehr von Ungeziefern und Schädlingen erbeten.

    Eine Besonderheit sind Gebete zur rituellen Verbrüderung. Hier handelt es sich um die priesterliche Segnung einer brüderlichen Beziehung zwischen zwei verheirateten Männern, „ein Phänomen, das nur aus Byzanz bekannt ist“ (Rapp). Mit der Bruderschaft, die jeweils nur aus zwei Männern besteht, werden Freundschaften gefestigt oder Feindschaften beigelegt. Die Männer stehen in der Kirche, auf der einen Seite der Priester, auf der anderen das Gebetsbuch auf einem Schemel. Claudia Rapp konnte in den bis jetzt bearbeiteten Gebetsbüchern zwölf verschiedene Gebete zur Verbrüderung in insgesamt 62 Handschriften dokumentieren.

    Mehr als 200 Manuskripte

    Geschrieben wurden die Gebetsbücher für den Gebrauch von Priestern. Die liturgischen Texte und Gebete waren im gesamten byzantinischen Raum verbreitet, auch während der osmanischen Herrschaft nach dem Fall von Byzanz 1453 sowie in Süditalien.

    Im FWF-Projekt ist der Zeitraum vom späten 8. Jahrhundert bis 1650 abgesteckt. Ein Problem stellt dabei die schwere Lesbarkeit der fast durchwegs griechischen Handschriften dar. Ab der Mitte des 17. Jahrhundert setzt sich dann der Druck der Gebetsbücher durch, die bis heute aufgelegt werden. Claudia Rapp geht von mehr als 2000 Gebetsbücher-Manuskripten aus. 450 Euchologia-Handschriften sind bis jetzt bearbeitet und bereits in der neu geschaffenen Datenbank erfasst.

    LEXIKON

    Alltag im Mittelalter. Von 2015 bis 2018 läuft das vom Forschungsförderungsfonds eingeleitete Projekt „Alltag und Religion: byzantinische Gebetsbücher als sozialgeschichtliche Quelle“. Die wissenschaftliche Edition liegt bei der Abteilung Byzanzforschung des Instituts für Mittelalterforschung der Akademie der Wissenschaften (ÖAW).


    Claudia Rapp, Vorstand des Instituts Byzantinistik und Neogräzistik an der Uni Wien, leitet die Byzanzforschung der ÖAW. 2015 wurde sie mit dem Wittgensteinpreis ausgezeichnet. Ihre jüngste Publikation: „Brother-Making in Late Antiquity and Byzantinum; Monks, Laymen and Christian Ritual“ (Oxford University Press, 2015).




    Mittwoch, 4. Mai 2016

    Schäuble über Europa und die Flüchtlinge.

    Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) würdigte auch die Rolle der Kanzlerin in der Flüchtlingskrise.
    aus Süddeutsche.de, 4. 5. 2016

    Flüchtlinge in Europa  
    Schäuble: Europa muss mehr gegen Fluchtursachen tun
    Die europäische Politik reagiere auf die Fluchtbewegungen zu langsam, sagte Finanzminister Wolfgang Schäuble am Dienstagabend in Berlin. Sie müsse sich auch finanziell stärker engagieren.
     
    von

    Europa wird in Zukunft im globalen Konzert der Mächte deutlich mehr Verantwortung übernehmen müssen. Die Europäische Union habe das Glück gehabt, bis vor wenigen Jahren von der Weltflüchtlingskrise wenig betroffen gewesen zu sein.

    Vor allem vor dem Fall der Mauer und dem Zusammenbruch der Blöcke habe die EU und vor allem Deutschland in einer Nische gelebt. Diese Phase sei endgültig vorbei, Europa würde nun nicht nur politisch, sondern auch finanziell deutlich mehr als bisher für die Stabilisierung der Herkunftsländer der Flüchtlinge investieren müssen.

    Das sagte Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble am Dienstagabend in Berlin bei einer Veranstaltung der Schwarzkopf-Stiftung „Junges Europa“ anlässlich einer Veranstaltung zu deren 45-jährigem Bestehen im Allianz-Forum am Pariser Platz. Schäuble rügte, dass die europäische Politik auf die Fluchtbewegungen aus dem Mittleren Osten und Afrika viel zu langsam reagiere. Aber immerhin bewege sich die EU Schritt für Schritt, deshalb sei er guten Mutes.

    Schäuble warnte auf der einen Seite vor einer unreflektierten Aufnahme von Flüchtlingen, würdigte aber, ohne deren Namen zu nennen, das Verhalten der Bundeskanzlerin im vergangenen September und die Öffnung der Grenzen für Flüchtlinge. Dadurch sei die Ehre Europas gerettet worden. Nur mit den Bildern aus Budapest und Calais wäre Europa schlecht dran gewesen, da seien ihm die vom Münchner Hauptbahnhof schon lieber gewesen, sagte er wörtlich.

    Flüchtlingskrise ist auch eine Frischzellenkur für den Westen

    Für die westlichen Demokratien seien die Herausforderungen der Flüchtlingspolitik so etwas wie eine Frischzellenkur, sagte der CDU-Politiker. Die könne Europa aber nur gemeinsam bewältigen. 

    Deutschland alleine könne die EU nicht führen, es bedürfe der Mithilfe Frankreichs, dessen spezielle Integrationsprobleme als Spätfolge der Algerienkriege  der Minister besonders würdigte. Vor allem dürfe sich Deutschland nicht so aufführen, dass alle anderen dächten, wir hielten uns für die Besten.

    Zur weiteren Demokratisierung und Erhöhung der Akzeptanz der Europäischen Union regte Schäuble an, den Präsidenten der Europäischen Kommission künftig durch eine Volkswahl in  allen 28 Ländern der Gemeinschaft bestimmen zu lassen.


    Nota. - 'Es bedürfe der Mithilfe Frankreichs'... Wenn das eine notwendige Bedinung wäre, stünde es nicht gut um die Europäische Union. Eine Präsidentin Le Pen wäre fast so schlimm wie ein Präsident Trump. Davon darf man Europa im Ernstfall nicht abhänig machen.
    JE

    Dienstag, 3. Mai 2016

    Zuzug aus dem Nahen Osten - schon vor 14.500 Jahren.

    .
    Europäer mischten sich am Ende der Eiszeit mit Einwanderern aus dem Nahen Osten

    Dr. Karl Guido Rijkhoek 
    HochschulkommunikationEberhard Karls Universität Tübingen

    02.05.2016 17:01

    Forscher schreiben die genetische Geschichte der Menschen in Europa neu – auch mithilfe von Proben aus den Höhlen der Schwäbischen Alb

    Die einzige bis heute überlebende Menschenart, der anatomisch moderne Mensch, erreichte Europa erstmals vor rund 45.000 Jahren. Hier lebte er ununterbrochen bis heute – doch das ist nur ein Teil der Geschichte. Das verraten die Gene. Eine groß angelegte genetische Studie an Überresten von 51 Menschen, die vor 45.000 bis 7.000 Jahren lebten, ergab eine Reihe von überraschenden Befunden aus der komplexen Urgeschichte der Europäer. So muss es am Ende der Eiszeit vor rund 14.500 Jahren eine Wanderungsbewegung von Menschen aus dem Nahen Osten nach Europa gegeben haben, auf die bis vor kurzem jeglicher Hinweis fehlte. An der Studie war ein großes Forscherteam beteiligt, darunter eine Arbeitsgruppe von der Universität Tübingen unter der Leitung von Professor Johannes Krause, der auch Direktor am Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena ist. Unter den untersuchten frühen Europäern waren sieben Individuen, deren Überreste aus Höhlen der Schwäbischen Alb stammen. Die Studienergebnisse wurden in der Zeitschrift Nature veröffentlicht.

    „Das Klima hat immer wieder Einfluss auf das Überleben und die Wanderungsbewegungen der modernen Menschen genommen“, sagt Johannes Krause. In Europa lebten sie sogar während des letzten Kaltzeitmaximums vor 25.000 bis 19.000 Jahren, als große Teile des Kontinents von Eis bedeckt waren. Doch die Forscher wussten aus früheren Untersuchungen, dass das Überleben teilweise nur in einzelnen Refugien möglich war. Solche Zurückdrängung und Wiederausbreitung spiegelt sich in den Genen. Um mehr zu erfahren, analysierte das Forscherteam in der neuen Studie das gesamte Erbgut der 51 prähistorischen Menschen. „Solche umfassenden genomweiten Daten lagen bisher nur für einige wenige Menschen aus der Zeit von der ersten Besiedlung Europas bis zum Einsetzen der Landwirtschaft vor rund 8.500 Jahren vor“, erklärt Johannes Krause. Denn die Analyse alter DNA ist in mehrerer Hinsicht eine große Herausforderung. Zum einen ist das Erbgut aus Jahrtausende alten menschlichen Überresten stark zerfallen und muss aufwendig rekonstruiert werden, zum anderen ist es mit der DNA von Mikroorganismen und möglicherweise von heute lebenden Menschen verunreinigt. Nur mithilfe der in den letzten Jahren stark verbesserten Verfahren und bei sorgfältiger Zuordnung der Erbinformationen erhalten die Forscher belastbare Ergebnisse.

    „Besonders überraschend war ein Befund, der die Urgeschichte revolutioniert: In der Warmzeit vor 14.500 Jahren erscheint eine neue genetische Komponente in Europa, deren Spur in den Nahen Osten führt“, sagt Cosimo Posth, der die schwäbischen Knochen im Rahmen seiner Doktorarbeit im Labor in Tübingen aufarbeitete. Die genetischen Neuerungen bei den Europäern hatten zuvor andere Wissenschaftler mit Bevölkerungsumwälzungen in Europa selbst erklärt. „Doch nun ist klar, dass Menschen aus dem Nahen Osten nach Europa eingewandert sind und so bei der Vermischung ein neuer Genpool entstand.“

    Weiterhin ergaben die Analysen, dass die frühesten modernen Menschen in Europa nicht substanziell zur Genausstattung heutiger Europäer beitrugen. Wie bereits eine frühere Studie anhand der Mitochondrien-DNA gezeigt hatte, stammen alle Individuen, die zwischen 37.000 und 14.000 Jahren alt sind, von einer einzelnen Gründerpopulation ab, die auch die Vorfahren heutiger Europäer bilden. „Wir sehen aber auch eine Kontinuität zwischen den ersten modernen Menschen Europas, die vor 40.000 bis 32.000 Jahren die wunderbare Kunst der Schwäbischen Alb geschaffen haben, und den Bewohnern West- und Zentraleuropas nach der Eiszeit, vor 18.000 bis 14.500 Jahren“, erklärt Krause. Zwischendurch habe sich eine Population hineingemischt, bekannt als Mammutjäger Osteuropas, die aber durch die Eiszeit vor 23.000 bis 19.000 Jahren zurückgedrängt worden sei. Das komplexe Bild der Genetik europäischer Menschen wollen die Forscher im nächsten Schritt mit ähnlichen Genomanalysen von urgeschichtlichen Menschen aus Südosteuropa und dem Nahen Osten weiter vervollständigen.

    Publikation:
    Qiaomei Fu, Cosimo Posth, Mateja Hajdinjak, Martin Petr, Swapan Mallick, Daniel Fernandes, Anja Furtwängler, Wolfgang Haak, Matthias Meyer, Alissa Mittnik, Birgit Nickel, Alexander Peltzer, Nadin Rohland, Viviane Slon, Sahra Talamo, Iosif Lazaridis, Mark Lipson, Iain Mathieson, Stephan Schif-fels, Pontus Skoglund, Anatoly P. Derevianko, Nikolai Drozdov, Vyacheslav Slavinsky, Alexander Tsybankov, Renata Grifoni Cremonesi, Francesco Mallegni, Bernard Gély, Eligio Vacca, Manuel R. González Morales, Lawrence G. Straus, Christine Neugebauer-Maresch, Maria Teschler-Nicola, Silviu Constantin, Oana Teodora Moldovan, Stefano Benazzi, Marco Peresani, Donato Coppola, Martina Lari, Stefano Ricci, Annamaria Ronchitelli, Frédérique Valentin, Corinne Thevenet, Kurt Wehrberger, Dan Grigorescu, Hélène Rougier, Isabelle Crevecoeur, Damien Flas, Patrick Semal, Marcello A. Mannino, Christophe Cupillard, Hervé Bocherens, Nicholas J. Conard, Katerina Harvati, Vyacheslav Moiseyev, Dorothée G. Drucker, Jiří Svoboda, Michael P. Richards, David Caramelli, Ron Pinhasi, Janet Kelso, Nick Patterson, Johannes Krause, Svante Pääbo and David Reich: The genetic history of Ice Age Europe. Nature, DOI 10.1038/nature17993, Online-Veröffentlichung am 2. Mai 2016.

    Kontakt:
    Prof. Dr. Johannes Krause
    Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte, Jena und
    Universität Tübingen
    Telefon +49 3641 686-600
    johannes.krause[at]uni-tuebingen.de

    Cosimo Posth
    Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte
    Telefon: +49 3641 686-622
    posth[at]shh.mpg.de

    Montag, 2. Mai 2016

    Das Thema Zuwanderung bleibt uns erhalten.

    aus scinexx

    Droht dem Orient ein Klima-Exodus?
    Klimawandel könnte Teile des Nahen Ostens und Nordafrikas unbewohnbar machen
    Durch Hitze unbewohnbar? Der Nahe Osten und Nordafrika könnten schon Mitte des Jahrhunderts unerträglich heiß werden. Denn wie neue Klimaprognosen zeigen, steigen die sommerlichen Mitteltemperaturen in den ohnehin heißen Regionen des Orients mindestens doppelt so schnell an wie im globalen Durchschnitt. Dadurch könnten viele Gebiete schon in naher Zukunft unbewohnbar werden, warnen die Forscher im Fachmagazin "Climatic Change".

    Über 500 Millionen Menschen leben im Nahen Osten und in Nordafrika – einer Region, die schon jetzt vom Klimawandel stark betroffen ist. So ist die Dürreperiode im östlichen Mittelmeer die schlimmste der letzten 900 Jahre und die Zahl der extrem heißen Tage hat sich in der gesamten Region seit 1970 verdoppelt. Forscher gehen davon aus, dass diese Klimaveränderungen die Kriege und Konflikte dort gefördert und verschärft haben.

    Doch es könnte noch schlimmer kommen, wie Jos Lelieveld vom Max-Planck-Institut für Chemie in Mainz und seine Kollegen prognostizieren. Sie haben ermittelt, wie sich die Temperaturen im Nahen Osten und in Nordafrika im 21. Jahrhundert entwickeln werden. Dafür verglichen sie zunächst Klimadaten der Jahre 1986 bis 2005 mit den Ergebnissen von 26 Klimamodellen und nutzten diese anschließend, um die Klimaentwicklung für die Zeit von 2046 bis 2065 und 2081 bis 2100 zu berechnen.

    Heraus kam Erschreckendes: Selbst wenn sich die Erde im Schnitt nur um zwei Grad Celsius erwärmt, wird die Sommertemperatur im Nahen Osten um mehr als das Doppelte ansteigen. Im Extremfall kühlt es dort schon Mitte des Jahrhunderts nachts nicht mehr unter 30 Grad ab. Die Mittagstemperatur könnte während heißer Tage sogar 50 Grad Celsius erreichen, wie die Forscher berichten.
    Bis Mitte des Jahrhunderts könnten die Temperaturen im Sommer um etwa fünf Grad Celsius steigen - dabei ist es in vielen Gebieten schon jetzt extrem heiß.

    "Das Klima in weiten Teilen des Orients könnte sich in den kommenden Jahrzehnten so verändern, dass es geradezu lebensfeindlich wird", sagt Lelieveld. "Der Klimawandel wird die Lebensumstände im Nahen Osten und in Nordafrika weiter deutlich verschlechtern. Langandauernde Hitzewellen und Sandstürme werden viele Gebiete unbewohnbar machen, was sicher zum Migrationsdruck beitragen wird."

    So könnten extreme Hitzewellen könnten im Nahen Osten und Nordafrika künftig zehnmal häufiger auftreten du dramatisch länger anhalten. War es in den Jahren von 1986 bis 2005 durchschnittlich 16 Tage lang sehr heiß, wird es Mitte des Jahrhunderts an über 80 Tagen und Ende des Jahrhunderts an mehr als 118 Tagen ungewöhnlich heiß sein - selbst wenn die Treibhausgas-Emissionen ab 2040 wieder sinken sollten.

    Für die Bewohner des schon jetzt von Konflikten und Dürre geplagten Nahen Ostens hat das fatale Folgen: Ihre ohnehin schon schwierigen Lebensdingungen werden sich in naher Zukunft noch weiter verschlechtern. Einige Gebiete könnten selbst bei effektivem Klimaschutz nahezu unbewohnbar werden, wie die Forscher erklären. Zusammen mit einer steigenden Luftverschmutzung durch Wüstenstaub, könnte der Klimawandel das Leben vieler Menschen dort so unerträglich machen, dass sie sich zur Flucht gezwungen sehen dürften.

    Das aber bedeutet, dass die Zahl der Klimaflüchtlinge aus dieser Region künftig dramatisch steigen könnte. Auf Europa, das bereits mit der aktuellen Flüchtlingswelle Probleme hat, kommen daher weitere Herausforderungen zu. (Climatic Change, 2016; doi: 10.1007/s10584-016-1665-6)

    (Max-Planck-Gesellschaft, 02.05.2016 - NPO)