Mittwoch, 25. Mai 2016

Islam heißt Unterwerfung, integrieren heißt einordnen.

 aus nzz.ch, 25. 5. 2015

Therwiler Schule
Muslime werden zum Handschlag gezwungen
Die Religionsfreiheit lässt die Verweigerung des Händedrucks gegenüber einer Lehrerin nicht zu, zeigen rechtliche Abklärungen. Auch ein Facebook-Eintrag eines Therwiler Schülers hat Folgen 

von Daniel Gerny

Ein Sturm der Entrüstung erfasste den Kanton Basel-Landschaft und den Rest der Schweiz, als im April bekannt wurde, dass ein Brüderpaar muslimischen Glaubens an einer Therwiler Schule ihrer Lehrerin den Handschlag verweigert. Jetzt stellt die Bildungsdirektion des Kantons aufgrund von rechtlichen Abklärungen fest: Das Verweigern des Händedrucks gegenüber weiblichen Lehrpersonen fällt zwar in den Schutzbereich der Glaubens- und Gewissensfreiheit. Doch die Pflicht zum Händedruck ist zulässig.

Dies, weil «der muslimische Glauben nicht in seinen zentralen Teilen berührt» werde, wenn der Handschlag verlangt werde. Die Therwiler Schule wird gestützt auf die rechtliche Abklärung den Händedruck nun wieder einfordern, heisst es in einer Medienmitteilung. Nach dem Eklat infolge des verweigerten Handschlages hatte die Schule eine vorübergehende Kompromisslösung gefunden und die Schüler generell vom Händeschütteln befreit, um so den Geschlechter diskriminierenden Charakter der religiös begründeten Zurückweisung zu begegnen.

Begründet wird das Obligatorium zum Handschlag auch mit dem wachsenden öffentlichen Interesse an der Integration der zunehmenden Zahl von Muslimen: «Dies gilt sicherlich noch vermehrt aufgrund der jüngsten Terrorereignisse in Europa. Integration verlangt, dass die Stellung der Frau in der hiesigen Gesellschaft anerkannt wird.» Weigern sich die beiden Schüler – Söhne eines den Basler Behörden bekannten Muslims mit radikalen Ansichten – weiterhin, ihrer Lehrerin die Hand zu schütteln, müssen sie mit saftigen Sanktionen rechnen.

Die Baselbieter Bildungsdirektorin Monica Gschwind hat den Leiterinnen und Leiter der kantonalen Volksschulen mitgeteilt, dass in diesem Falle die Sanktionsmöglichkeiten des Bildungsgesetzes zur Anwendung kommen. Neben Ermahnungen der Eltern und disziplinarischen Massnahmen der Schüler sieht es Busse bis zu einer Höhe von 5000 Franken vor. ... 


Nota. - In besagter Therwiler Schule herrscht der freundliche Brauch, dass der Lehrer jedem Schüler des Morgens vor Unterrichtsbeginn die Hand schüttelt. Und eben auch die Lehrerin. Die beiden muslimischen Jungen sagten, das verböte ihnen ihre Religion, einer Frau die Hand zu geben. Die Bildungsdirektion von Baselbiet eiert. Es ist weder ihre Sache, zu erwägen, ob diese Auslegung der islamischen Lehren richtig ist, noch, ob sie gegebenenfalls deren "zentralen Teile berührt". Sie müsste schon etwas gründlicher nachdenken.

Das ist aber nicht der Grund, weshalb ich die Sache hier wiedergebe. Sondern weil ich mich frage: Was würde in einem solchen Fall in Deutschland geschehen, wenn es sich um Flüchtlinge handelte? Ich sage Ihnen, was meiner Meinung nach geschehen sollte: Man sollte den beiden Jungen und ihrer Familie sagen, wenn sie in keinem Land leben mögen, wo Schüler ihrer Lehrerin die Hand geben müssen, dann hätten sie nicht in ein solches flüchten sollen; sondern, sagen wir, bei Erdogan unterkommen.

Ach, das brächte aber Multikulti und die Willkommenskultur in Verlegenheit. Hexen verbrennen und Ehebrecherinnen steinigen sind doch schönes altes Volksbrauchtum, sollten wir da nicht tollerant mit umgehen? 

Ich sagte es schon: Es war sehr schädlich, das Thema, wie sich Europa auf die kommenden Völkerwanderungen vorbereiten soll, mit gutmenschelndem Gesinnungskitsch zu vermengen. Europa wird ihnen nur gewachsen sein, wenn es integer bleibt - wie sollen sich die Neuankömmlinge denn sonst integrieren können? Sie hätten die alte Heimat verlassen und keine neue gefunden.

*

Es ist aber nicht in Deutschland passiert und es handelt sich offenbar nicht um Migranten, sondern um Ansässige. Da würde sich generell zunächst einmal die Frage stellen: Hat der Islam Anspruch auf dieselben Privilegien wie die einheimischen Kirchen? Ja, das ist ein weites Feld. Deren Privilegien sind das Erbe von zweitausend Jahren. Die Frage ist, was davon nicht inzwischen anachronistisch geworden ist und ersatzlos gestrichen werden kann; aber bestimmt nicht, was davon auf neu Hinzugekommene auszudehnen wäre!
JE

Dienstag, 24. Mai 2016

Wie kam die Moral in die Welt?

institution logo

Wie kam die Moral in die Welt? 
Vorträge von Philip Pettit

Bernd Frye 
Public Relations und Kommunikation
Goethe-Universität Frankfurt am Main  

20.05.2016 11:35 

Bei der Veranstaltung der Kolleg-Forschergruppe „Justitia Amplificata“ in Zusammenarbeit mit dem Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ an der Goethe-Universität spricht der politische Philosoph am 30. und 31. Mai 2016 über „How Language Gives Birth to Ethics“.

FRANKFURT. Wenn sich einer der meistdiskutierten politischen Philosophen der Gegenwart einem ebenso zeitlosen wie grundlegenden Thema auf neue Art und Weise widmet, darf man schon gespannt sein. Philip Pettit, gebürtiger Ire mit Professuren in Princeton, USA, und an der Australian National University in Canberra, fragt, wie die Moral in die Welt gekommen sei. Wie entstanden allgemeine Vorstellungen von Richtig und Falsch, Gut und Böse, und wann kann man jemanden wirklich für sein Handeln verantwortlich machen?

„How Language Gives Birth to Ethics“ heißt die zweiteilige Vorlesung an der Goethe-Universität, in der Pettit diesen Fragen nachgehen wird. Er entwickelt seinen Gegenstand in aufeinander aufbauenden Vorträgen. Sie beginnen jeweils um 18.15 Uhr im Hörsaalzentrum (Raum HZ 3) auf dem Campus Westend. Am 30. Mai geht es um „Reports, avowals and pledges“, und am 31. Mai stehen „Desirability and responsibility“ im Mittelpunkt. Veranstaltet werden die Vorlesungen – sie finden in englischer Sprache statt – von der Kolleg-Forschergruppe „Justitia Amplificata“ in Zusammenarbeit mit dem Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“. Der Eintritt ist frei, die interessierte Öffentlichkeit herzlich willkommen.

Für Philip Pettit ging die Entwicklung moralischer Vorstellungen Hand in Hand mit einer Ausdifferenzierung des Sprachgebrauchs. Mögen Menschen in frühen Phasen der Zivilisationsgeschichte vor allen Dingen einfache Mitteilungen („reports“) über Sachverhalte des Alltags ausgetauscht haben, war ihre Kommunikation in der Folgezeit auch zunehmend davon geprägt, Wünsche und Hoffnungen auszudrücken, sich selbst anderen gegenüber zu erklären und Versprechungen abzugeben. Mit diesem Wandel der Gewohnheiten schlug auch die Geburtsstunde der Moral.

Die Entstehung der Moral, wie sie Pettit rekonstruiert, ist ganz wesentlich mit dem Wunsch der Menschen verbunden, als verlässliche und glaubwürdige Gesprächspartner ernst genommen zu werden. Um dies zu erreichen, legen sie ihre Überzeugungen und Wünsche offen und gehen damit Verpflichtungen ein, an denen sie gemessen werden können. Durch derartige  Praktiken – nicht nur von Individuen, sondern auch von größeren Gruppen – bilden sich Muster des Erwünschten und Wünschenswerten, die uns in die Lage versetzen, Handlungen zu beurteilen und Akteure verantwortlich zu machen.

Philip Pettit ist Laurance S. Rockefeller University Professor of Politics and Human Values an der Princeton University und Distinguished University Professor of Philosophy an der Australian National University. Er gilt als einer der bedeutendsten politischen Philosophen der Gegenwart, dessen Breitenwirkung auf die philosophische und politiktheoretische Diskussion der letzten Jahre kaum zu unterschätzen ist. Als politischer Berater war er unter anderem für die spanische Regierung unter José Luis Zapatero tätig.

Neben zahlreichen wichtigen Beiträgen zur Metaphysik und der Philosophie des Geistes, zur Sozialontologie und Philosophie der Sozialwissenschaften sowie zur Moralphilosophie hat er mit seinem Buch „Republicanism: A Theory of Freedom and Government“ (1997) maßgeblich zu einer Wiederbelebung republikanischen politischen Denkens beigetragen. Eine seiner jüngsten Publikationen ist im vergangenen Jahr auf Deutsch erschienen: „Gerechte Freiheit – Ein moralischer Kompass für eine gerechte Welt“. Hier plädiert Pettit für das Ideal der Freiheit als Nichtbeherrschung in ihrer ursprünglichen republikanischen Form.

Justitia Amplificata („Erweiterte Gerechtigkeit - konkret und global“) ist eine von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Kolleg-Forschergruppe an der Goethe-Universität Frankfurt am Main und an der Freien Universität Berlin. Die Forschergruppe und den Exzellenzcluster „Die Herausbildung normativer Ordnungen“ an der Goethe-Universität verbinden zahlreiche Kooperationen.

Gastwissenschaftler beider Institutionen arbeiten am Forschungskolleg Humanwissenschaften der Goethe-Universität in Bad Homburg. Dort forscht Philip Pettit in diesen Wochen als Senior Fellow von Justitia Amplificata. Im Wintersemester 2011/2012 hielt der Philosoph zwei vielbeachtete Vorträge zum Thema „Republican Justice and Democracy“ im Rahmen der Frankfurt Lectures des Exzellenzclusters.

Philip Pettit: How Language Gives Birth to Ethics
Montag, 30. Mai 2016, Lecture I: Reports, avowals and pledges
Dienstag, 31. Mai 2016, Lecture II: Desirability and responsibility

Jeweils18.15 Uhr, Campus Westend, Hörsaalzentrum HZ 3
Goethe-Universität Frankfurt am Main
Theodor-W.-Adorno-Platz 5, 60323 Frankfurt am Main

Vorträge in englischer Sprache.
Der Eintritt ist frei, die interessierte Öffentlichkeit herzlich willkommen.

Kontakt:
Koordinationsbüro der Kollegforschergruppe „Justitia Amplificata“, Valérie Bignon, Tel.: 069/798-36524, Mail: bignon@em.uni-frankfurt.de,
http://www.justitia-amplificata.de, http://www.normativeorders.net/de

Weitere Informationen: http://www.normativeorders.net/de/component/content/article/69-veranstaltungen/4... - Weitere Details zu den Vorträgen
Nota. - Es verschlägt einem doch jedesmal wieder die Spucke, welche jämmerlichen Platitüden es in den Vereinigten Staaten zu akademischer Prominenz bringen - und danach auch noch uns Europäer zu verblöden heischen! Da haben sie in wirklich jedem Fach eine Handvoll Koriphäen, die Weltspitze sind; aber danach kommt erst mal über eine endlose Durststrecke nichts. Der durchschnittliche amerikanische Hochschulabsolvent ist so dumm, dass es einem die Tränen in die Augen treibt. Dort entfalten sich dann rhetorische Talente, deren Breitenwirkung auf die philosophische und politiktheoretische Diskussion der kommenden Jahre kaum zu unter(!)schätzen ist.
Diesmal Philip Pettit also. Er tischt uns eine kindische Robinsonade auf, wo lauter isolierte Individuen den Wunsch entwickeln (nach der wievielten Generation?), "Gesprächspartner" zu finden, von denen sie 'ernstgenommen' werden; und so entwickelt sich die Sprache, in der sie ihre Wünsche und Privatmeinungen austauschen, und da ein Wort das andere gibt, bilden sich allmählich werthaltige Redeweisen aus, die schließlich einen moralischen Kompass für die ganze Welt bieten. 
Der unbedarfte gesunden Menschenverstand wird vermuten, das Recht sei entstanden, indem nach und nach alle ihre persönlichen Moralvorstellungen auf den Tisch gepackt und schließlich eine Quersumme daraus gezogen haben. Und so erwartet er, dass das positive Recht sich die Moral, aus der es stamme, zum aktuellen Maßstab nimmt.
Der historisch informierte und mit kritischem Auge bewehrte Denker könnte ihm entgegenhalten, die Menschen hätten bei der Reproduktion ihres materiellen Lebens von allem Anfang kooperiert, so hätten sich, gemeinsam mit der Sprache, soziale Umgangsformen ausgebildet, die die Individuen im Laufe vieler Generationen verinnerlicht haben und nun als ihre persönliche Moral auffassen.
Der ununterschätzbar breitenwirkende Prof. Pettit scheint einen Unterschied zwischen Recht und Moral gar nicht erst zu kennen. Nimmt auch er selbstverständlich und unausgesprochen an, das Recht habe sich aus den individuellen Moralen summiert, und wenn beide in Gegensatz gerieten, müsse immer die Moral das letzte Wort behalten? 
Einer der bedeutendsten politischen Philosophen der Gegenwart wäre sich allerdings bewusst, dass das Problem - denk mal an, da ist eins! - mit historischen Reminiszenzen nicht zu erledigen ist. Wie immer die historische Filiation verlaufen sein mag: Jetzt gibt es die zwei Reiche erstens von Recht und Politik und zweitens von persönlicher Moral, und es findet sich faktisch (und lässt sich philosophisch reflektieren), dass beide nicht auf einander reduzierbar sind. JE

Montag, 23. Mai 2016

Das Verwelken der Sozialdemokratie.

 
aus nzz.ch, 21.5.2016, 05:30 Uhr

Das Verwelken der Sozialdemokratie
Die sozialdemokratischen Parteien Europas erleiden einen einzigartigen Niedergang. Um zu überleben, müssten sie sich neu erfinden. Doch noch suchen die Parteieliten ihr Heil in alten Rezepten.  

von Peter Rásonyi

Das lange Jahrhundert der Sozialdemokratie in Europa neigt sich seinem Ende zu. In den 1860er Jahren entstanden die ersten Vorläufer der heutigen SPD in Deutschland. 1888 wurde die Gründung der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz beschlossen, im Jahr darauf bildete sich der Vorläufer der heutigen SPÖ in Österreich. 1900 folgte die Gründung der Labour Party in Grossbritannien. Überall in Europa entstanden um diese Zeit sozialistische und sozialdemokratische Bewegungen und Parteien. Sie sind ein Kind der im 19. Jahrhundert blühenden Industrialisierung, die nicht nur eine in der Weltgeschichte einmalige Zunahme von technischen Fertigkeiten, Wirtschaftsleistung und Bevölkerung hervorbrachte, sondern auch eine neue Arbeiterklasse, die in oft prekären Verhältnissen in den Industriestädten heranwuchs.


Die Sozialdemokratie hat sich zum Fürsprecher dieser bedrängten Arbeiterschicht gemacht und sich um sie in langen, harten Kämpfen durch die politischen Institutionen hindurch grosse Verdienste erworben. Nach dem Zweiten Weltkrieg schufen Sozialdemokraten die Grundlagen der gegenwärtigen Wohlfahrtsstaaten. Sozialdemokratische Regierungschefs wurden Teil der politischen Normalität in Europa.

Das ist heute immer weniger der Fall. In Österreich gilt am Sonntag die Wahl des ersten Bundespräsidenten der rechtsnationalen Freiheitlichen als wahrscheinlich, weil es erstmals in der Geschichte kein Sozialdemokrat und kein Konservativer in die zweite Wahlrunde schaffte. Die SPÖ verliert seit Jahren Wähleranteile, selbst in ihrer roten Hochburg Wien. In Deutschland ist die SPD laut jüngsten Meinungsumfragen auf das Mass einer 20-Prozent-Partei geschrumpft, halb so viel wie bei Gerhard Schröders Wahlsieg 1999.

In Schottland brach die einst dominierende Labour Party bei der Unterhauswahl 2015 von 41 auf ein einziges Unterhausmandat ein. Die desorientierte Labour Party stellt sich trotz klaren Schwächen und Widersprüchen der Tories auf mindestens 15 harte Jahre auf den Oppositionsbänken des Palasts von Westminster ein. In Frankreich gilt die Abwahl des sozialistischen Präsidenten Hollande 2017 als Gewissheit. Selbst in den einstigen sozialdemokratischen Hochburgen Skandinaviens sind Wähleranteile von einst zwischen 40 und 50 Prozent auf Grössenordnungen von noch einem Viertel bis einem Drittel gesunken.

Keine Laune der Geschichte

Die Krise der Sozialdemokratie ist nicht bloss eine vorübergehende Laune der Geschichte. Mit dem dramatischen, hochinnovativen Strukturwandel der Wirtschaft, die in den meisten Ländern nur noch 10 bis 20 Prozent ihrer Leistung in der Industrie erbringt, ist der Sozialdemokratie die Arbeiterschaft und damit das soziale Milieu ihrer Anhängerschaft abhanden gekommen. Mit dem Ende des Kalten Kriegs haben sich auch linke ideologische Überbauten und sozialistische Utopien weitgehend verflüchtigt. Mit Slogans wie Klassenkampf und Überwindung des Kapitalismus ist heute keine Volkspartei mehr zu begründen. Den Sozialdemokraten ist es nicht gelungen, ihre wegbrechenden Existenzgrundlagen durch neue Ideen und Projekte mit ähnlicher Anziehungskraft zu ersetzen. Die Folge ist die stete Erosion ihrer Wählerschaft und ihrer Machtbasis. Mit Slogans wie Klassenkampf und Überwindung des Kapitalismus ist heute keine Volkspartei mehr zu begründen.

Statt sich dieser Tatsache zu stellen und neue identitätsstiftende Ziele zu suchen, verbeissen sich führende europäische Sozialdemokraten in die muffigen Rezepte der Vergangenheit. Die SPD kapriziert sich derzeit unter ihrem erfolglosen Vorsitzenden Gabriel wider alle Vernunft auf eine Rücknahme der im letzten Jahrzehnt mit Müh und Not durchgesetzten Rentenreformen. Ein bürokratischer Mindestlohn, die monströs teure Energiewende, nutzlose Umweltmassnahmen und epische Gerechtigkeitsdiskurse gehören zu den jüngeren Prioritäten der Partei. In Grossbritannien gefällt sich der neue Labour-Vorsitzende Corbyn in nostalgischen Beschwörungen der siebziger Jahre. Die SPÖ in Österreich krallt sich an ihre schrumpfende korporatistische Machtbasis.

Gefährlich sind die historisch gewachsenen Abhängigkeiten gegenüber den Gewerkschaften. Da deren Mitgliederbasis wegen der Deindustrialisierung weitgehend auf den vergleichsweise gut bezahlten und abgesicherten öffentlichen Sektor geschrumpft ist (Deutschland ist hier die Ausnahme), fokussiert sich sozialdemokratische Klientelpolitik auf diesen Sektor. Die Folge ist nicht nur eine Tendenz zum Aufblähen des Staates. Die in ihren hochkultivierten, metropolitanen Sphären gut abgesicherten heutigen Eliten der Sozialdemokratie vernachlässigen deshalb auch oft ihre ursprüngliche soziale Basis, die schlecht bezahlten, marginalisierten Unterschichten. Neue rechtsnationale Parteien schöpfen dankbar aus diesem Reservoir.

Dabei gäbe es viel zu tun für eine moderne Sozialdemokratie. Stichworte sind die Wiederbelebung des lethargischen Wirtschaftswachstums durch marktwirtschaftliche Politik. Oder die glaubwürdige, nachhaltige Sicherung des Sozialstaats, was bei rasch alternder Bevölkerung nicht ohne Einschnitte geht. Die Garantie von Frieden und Sicherheit hat in einer Zeit zunehmender autoritärer Bestrebungen der Grossmächte China und Russland, der Kriege im Nahen Osten und des islamistischen Terrors an Bedeutung gewonnen. Nationale Identitäten und gesellschaftlicher Zusammenhalt sind unter dem Druck der starken Wanderbewegungen, des globalen Konkurrenzkampfs und wachsender sozialer Gegensätze für viele Bürger zum Problem geworden. Gesunde Staatsfinanzen könnten Ängste vor dem wirtschaftlichen Kollaps verringern. Lebenschancen und soziale Mobilität liessen sich durch gute Bildungssysteme, einen fairen Zugang zu flexiblen Arbeitsmärkten und moderate Abgabenbelastungen fördern.

Sozialdemokraten, die noch wissen, was ihre Kernaufgaben sind, könnten im Wettbewerb mit anderen Parteien durchaus liefern, was die breite Bevölkerung wünscht: Sicherheit, Wohlstand, Aufstiegsperspektiven. Das ist mit praktischer, problemorientierter, zukunftsoffener Politik möglich; der Preis ist der Abschied von sozialistischen Illusionen und Identitäten. In Deutschland haben das letztmals Bundeskanzler Schröder und der damalige SPD-Fraktionsvorsitzende Müntefering mit ihrer dem Rat führender Ökonomen folgenden Reformagenda 2010 vorgemacht. Zum Dank wurde Schröder 2005 von seiner Partei aus dem Amt gedrängt. Diese Woche hat ausgerechnet Präsident Hollande an Schröders Reformen erinnert, um seine halbherzige Arbeitsmarktreform in Frankreich zu rechtfertigen – ein klares Zeichen der Verzweiflung. In Deutschland ist allerdings Schröders einst schärfste Kritikerin, die ehemalige Juso-Vorsitzende Nahles, heute als Arbeitsministerin daran, dessen Reformen zurückzudrehen. Sozialdemokraten schaufeln so ihr eigenes Grab.


Nota. - Dass die Arbeiterbeweguung an sich revolutionär sei, hat auch Marx nicht angenommen. Dazu müsse sie politisch unabhängig werden und sich 'zur Klasse bilden', nämlich zu einer selbstständigen Partei, die die Arbeiterbewegung dem Einfluss bürgerlicher Parteien entzog.

Konnte sie auch reformistisch werden? Das kommt darauf an, was man unter Reformismus versteht. Sollte es heißen, auf dem Weg allmählicher kleinerer Sozialreformen nach und nach die bürgerliche Gesellschaft in eine sozialistische zu überführen, so sprachen sowohl wissenschaftliche Erwägungen als auch der pure Augenschein dagegen; weshalb sich auch keine Arbeiterpartei je zu einem solchen Programm bekannt hat.

Sollte es aber heißen, mittels stetiger kleiner Verbesserungen das Los der Werktätigen zu erleichtern und sie allmählich aus ihrer feindlichen Stellung außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft zu lösen und durch instututionelle Beteiligung in sie zu integrieren, so war es der heimliche Traum aller Praktiker, parlamentarischer wie gewerkschaftlicher, aber er musste heimlich bleiben, weil auch hier aller Augenschein dagegen sprach: Nirgends in Europa oder Amerika gab es eine bürgerliche Partei, die bereit war, sich in dieser Perspektive mit der Sozialdemokratie zu verbünden.

Das 'Standardmodell' des Sozialreformismus blieb daher das Bismarck'sche: Die Arbeiterpartei versteift sich in revolutionärer Pose und weist jede Art von 'Beteiligung' weit von sich - die ihr ja auch niemand angeboten hat; die Staatsmacht zeigt sich restriktiv und repressiv - und führt dabei selber die größte Sozialreform durch, die die Welt bislang gesehen hatte. Das war die Realität des sopzialdemokratischen Reformismus im Gewand revolutionärer Intransigenz.

Da brach in Russland die Epoche der Weltrevolution an. Seither hieß es ganz tagespraktisch: Dafür oder dagegen. Die europäischen Sozialdemokratien wurden nach dem Krieg, nach der Oktoberrevoluition so etwas wie die europäische Außenstelle des friedliebenden, demokratischen amerikanischen Kapitals. Von selbstständiger Klassenpolitik keine Rede mehr, dafür gab sich die deutsche Partei in Heidelberg ihr erstes "marxistisches" Programm, doch als es darum ging, den Aufstieg des Nationalsozialismus zu brechen, da zog sie die parlamentarischen Kombinationen mit den bürgerlichen Parteien der Einheitsfront der Arbeiterbewgung vor; während der Flügel, der sich öffentlich auf die Weltrevolution berief, erwartungsfroh verkündete "Nach Hitler kommen wir!", und die Sozialdemokraten zum momentanen Hauptfeind erklärte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand die deutsche Sozialdemokratie als eine rein bürgerliche Partei neu, sogar das reformistische Heidelberger Programm wurde in Bad Godesberg abgeschüttelt. Ihre Stärke war - im Innern - die organische Verstrickung mit der Gewerkschaftsbürokratie und - nach außen - das Jonglieren zwische Ost und West.  

Damit ist es längst vorbei. Zwar schäkert Gerd Schröder mit Putin, aber für die SPD ist "Osten" keine Option, sonder natürlich Europa, und die Gewerkschaftsbürokratie ist in politische Bedeutungslosigkeit verfallen. Die Fügsamkeit der Arbeitermassen muss und kann sie nicht mehr verbürgen, was von denen übriggeblieben ist, schaut immer mehr nach der populiastischen Rechten. Nicht die CDU hat unter Merkel ihr eigenes Gesicht verloren, sondern die Sozialdemokraten sind neben der CDU gar nicht mehr nötig. Sie waren das Realexistierende vom Sozialismus, doch mit dem ist es vorbei.
JE

 

Sonntag, 22. Mai 2016

Deutschverhunzung.


Wortschleim
aus nzz.ch,


Ein Weckruf von Roland Kaehlbrandt
Lassen wir die deutsche Sprache verkommen?
«Imponierdeutsch», «Lockerdeutsch» und andere Symptome des Sprachverfalls – der Philologe Roland Kaehlbrandt spiesst sie auf und plädiert für eine selbstbewusste Kultivierung des Sprachgefühls.

von Uwe Justus Wenzel 

An der deutschen Sprache liess Mark Twain beinahe kein gutes Haar, als er sie sich 1880 in seinem Essay «The Awful German Language» vornahm und genüsslich etliche ihrer Sonderbarkeiten vorführte. Zusammengesetzte Wörter von einiger Länge – «alphabetische Prozessionen» – provozierten den amerikanischen Schriftsteller ganz besonders zu humoristischen Sticheleien, etwa die eindrucksvolle «Generalstaatenverordnetenversammlung» oder auch die «Kleinkinderbewahrungsanstalt».



Mühelos Wörter zusammenfügen und so neue Wörter schaffen zu können, preist der Philologe Roland Kaehlbrandt hingegen als einen der Vorzüge der deutschen Sprache; diese Möglichkeit mache sie «wendig», schreibt er in seinem unlängst erschienenen «Logbuch Deutsch». Freilich hat er vornehmlich kürzere Kombinationen wie «Datenautobahn» oder «fremdschämen» vor Augen, die zudem einen Erkenntnismehrwert (auch so ein Wort?) mit sich bringen. Doch selbst einem Wortungetüm wie «Finanzmarktstabilisierungsfondsgesetz» vermag der Autor etwas abzugewinnen; unschön sei es, immerhin aber bündele es «eine komplette Information».

Am Anfang eine Ode

In seiner Ode auf das Deutsche rechnet Kaehlbrandt neben dem wunderbar vermehrbaren Wortschatz und anderem auch die sogenannten Abtönungspartikeln zu deren grossen Vorzügen, beispielsweise das «denn» («Wie geht es dir denn?») oder das «halt» («Mach's halt!»). Im gesprochenen Deutsch gibt es viele, und sie spielen eine kaum zu überschätzende, die Rede «tönende» Rolle, während sie in vielen anderen Sprachen (etwa im Französischen) deutlich seltener sind. Nicht zuletzt rühmt der Verfasser den flexiblen deutschen Satzbau. Die nahezu grenzenlose Freiheit der Wortstellung im Satz verdankt sich dem differenzierten Kasussystem, das Mark Twain selbstredend auch nicht mochte. Elastizität im Satzbau erlaubt feinste Nuancierungen, die Kaehlbrandt anhand der mehrfachen Variation des schlichten Satzes «Ich habe ihm das Buch geschenkt» veranschaulicht: «Ihm habe ich das Buch geschenkt» akzentuiert einen Aspekt; «geschenkt habe ich ihm das Buch» einen anderen – und so weiter.

Doch der Lobgesang auf das Deutsche – «das Wunder Deutsch» – nimmt nur wenige Seiten ein; auf seiner grösseren Strecke liest das Buch sich wie ein Weckruf: Seht her, so gehen wir mit unserer Sprache um – wir schätzen sie gering, verhunzen sie, höhlen sie aus, lassen sie verarmen und verludern, geben sie gar auf. «Wir», die Adressaten der Klage, das sind im Prinzip alle Deutschsprechenden, bisweilen aber – dann, wenn es um Sprach- und also auch Bildungspolitik geht – insbesondere die in Deutschland und in der Europäischen Union Lebenden deutscher Zunge.

Auf seinen Exkursionen durch die real existierende Sprachpraxis füllt Kaehlbrandt das Logbuch zunächst mit Beobachtungen zu dem, was er «Imponierdeutsch» nennt und was andere als «Distinktionsjargon des politischen und ökonomischen Establishments» bezeichnet haben: ein aus dem Managementbereich kommendes, dem Effizienzdenken huldigendes, technokratisch grundiertes Idiom, in dem fortwährend von Wandel und Strategie, von Anpassungsfähigkeit, Flexibilität und Innovation die Rede ist und dessen Leerheit laut dröhnt, wenn «Fachexperten» bemüht, «sektorielle Bereiche» identifiziert oder «konkrete Einzelfälle» besprochen werden.

Vom «Imponierdeutschen» ist es nur ein kleiner Schritt zu den Anglizismen, die in Wendungen wie «Für mich ist es fein, am Ende des Tages» ihre kuriosen Blüten ebenso treiben wie im «Facility-Manager», der den «Hausmeister» oder, in der Schweiz, den «Abwart» verdrängt hat. Auch mit derlei pumpen sich Sprecher gedankenlos auf. Kaehlbrandt will Anglizismen natürlich nicht verboten wissen, er ermuntert aber dazu, eigene Wörter zu erfinden, wie es Sprachpfleger und Sprachschöpfer seit dem 17. Jahrhundert getan hätten – und er kann unter anderem auf das schöne Wort «Leidenschaft» verweisen, das in jenem Jahrhundert als Ersatz für das französische «passion» geprägt wurde. Aus dem Geist jener Zeit, so deutet der Autor gleich zu Beginn des sonst kaum Pathetik atmenden Buches an, sei das heutige Deutsch geboren; «aus dem Freigeist von Späthumanismus und Aufklärung» sei es «gegen die französisch sprechenden Fürstenhöfe und gegen die lateinisch dominierten Wissenschaften zu einer verständlichen Sprache für alle Bürger ausgebaut» worden.

Das Sprachgefühl

Die Wissenschaften gehen heute – auch dort, wo es keinen Sinn ergibt – wieder zum Lateinischen über, das nun das Englische ist (oft genug eine Pidgin-Version). Diese beklagenswerte Tendenz, die eine erkenntnisförderliche kulturelle Vielfalt gefährdet und einer blassen Monokultur den Weg bereitet, beklagt Kaehlbrandt ebenso wie die Auswüchse einer vermeintlich «geschlechtergerechten» Sprache und die «zwanghafte Zwanglosigkeit» des auch in öffentlichen und institutionellen Bereichen um sich greifenden «Lockerdeutschen», das die «Hallogesellschaft» in die Banalisierung und Distanzlosigkeit driften lasse.

Der Weckruf Roland Kaehlbrandts ist zugleich ein Aufruf, das Sprachgefühl wieder zu kultivieren. Es bedürfte mithin einer neuen éducation sentimentale.

Roland Kaehlbrandt: Logbuch Deutsch. Wie wir sprechen, wie wir schreiben. Klostermann, Frankfurt am Main 2016. 251 S., Fr. 21.90.


Nota. -  Die Schweizer haben vier Landessprachen, die sie, wo es passt, auch schonmal vermengen; je mehr eine Sprache ausdrücken kann - nicht nur aussagen! -, umso reicher ist sie. Dass es nicht um Reinheit geht, musste U. J. Wenzel seinen Schweizern nicht extra sagen. In Deutschland bin ich mir da dieser Tage nicht sicher. Dass deutsch denken nicht schon Deutsch beherrschen heißt, musste uns ja ein österreichischer Jude ins Poesiealbum schreiben.

Wo ein Fremdwort oder eine ganze Redewendung mehr ausdrückt als die deutsche Übersetzung - sei es genauer, sei es vieldeutiger -, da soll es willkommen sein. Andernfalls dient es unlauteren Zwecken und verhunzt die Sprache; was an sich auch nicht schlimm wäre, aber es fördert und legitimiert  schlampiges Denken, und das kann ein Gemeinwesen nicht wünschen. Wer meint, an dieser Stelle deutsche Identität wahren zu sollen, verdient alle Unterstützung. 

Allerdings ist das keine Sache von éducation sentimentale, wie Wenzel meint, sondern eine Aufgabe von ästhetischer Bildung.
JE   

Donnerstag, 19. Mai 2016

Der Burenkrieg.

aus nzz.ch, 18.5.2016
 
Martin Bossenbroeks Geschichte des Burenkriegs
«Kapholländer» gegen Briten

Den blutigen Konflikt zwischen Grossbritannien und den Burenrepubliken Oranje-Freistaat und Transvaal (1899–1902) schildert der niederländische Historiker Martin Bossenbroek aus drei Perspektiven.
 
von Cord Aschenbrenner 

Dem kenntnisreichen und spannenden Buch, um das es hier geht, wünscht man viele Leser. Aber ob es sie finden wird? Auf das Sechshundert-Seiten-Werk des niederländischen Historikers Martin Bossenbroek muss man sich einlassen wollen, es handelt von einem fast vergessenen Krieg und dessen komplexer Vorgeschichte. Die Handlung spielt in einer im Bewusstsein deutschsprachiger Leser geografisch doch entlegenen Zone: in Südafrika am Übergang zum 20. Jahrhundert. Mancher mag damit gerade noch die «Krüger-Depesche» verbinden, das Gratulationstelegramm Wilhelms II. an den Burenpräsidenten Paul Kruger (der im Deutschen üblicherweise als «Krüger» figuriert), abgeschickt Anfang Januar 1896 – nach einem gescheiterten, britisch inspirierten Putschversuch, dem im Buch ausführlich dargestellten «Jameson Raid» in der burischen Republik Transvaal.

Drei Männer

Für Niederländer ist das etwas anders, in ihrem historischen Bewusstsein hat die Inbesitznahme der Kap-Region durch Händler der niederländischen Ostindien-Kompanie und durch Abenteurer immer eine Rolle gespielt. Man fühlte sich den Buren (wie sich die Ausgewanderten nannten) – einmal mehr, einmal weniger – verbunden; so ist es bis nach dem Zweiten Weltkrieg gewesen. Martin Bossenbroek, Professor für Geschichte an der Universität Utrecht, hat sein Buch über den Burenkrieg für ein Publikum geschrieben, das eine Art Grundverständnis hat für die Geschichte der «Kapholländer», wie eine alte Bezeichnung lautet.

Der Autor erzählt gut und mit der lockeren Souveränität dessen, der seine Materie beherrscht. In Andreas Ecke hat er einen kongenialen Übersetzer gefunden. – Männer machen auch in dieser Darstellung Geschichte: Der erste Teil, der im Juni 1884 einsetzt, hat den niederländischen Juristen und späteren Generalstaatsanwalt Willem Leids, und damit eine Art Justizminister der burischen Republik Transvaal, als Hauptfigur; der Protagonist des zweiten Teils, der die ersten Monate des Krieges umfasst, ist der junge Winston Churchill, Kriegsberichterstatter für ein Londoner Blatt und damals bereits berühmt durch seine Berichte und Bücher aus Afghanistan und dem Sudan; das für die Buren bittere Ende im Jahr 1902 schliesslich – die Niederlage gegen das Empire, dem Präsident Kruger 1899 den Krieg erklärt hatte – zeichnet Bossenbroek am Beispiel des Farmersohns und jungen burischen Kämpfers Deneys Reitz nach.

Diese drei Männer zu nehmen, um einen besonders blutigen und gnadenlos geführten Kolonialkrieg anschaulich zu machen, ist aus zwei Gründen eine gute Idee. Zum einen haben die drei das für einen Historiker Wichtigste hinterlassen: Quellen in Form von Tagebüchern und Briefen oder auch, wie im Fall Churchills, Reportagen. All diese Dokumente baut Bossenbroek mit grossem erzählerischem Geschick und unter Verwendung weiterer Zeugnisse sowie der reichlich vorhandenen Sekundärliteratur in seine Geschichte des Krieges ein. Churchills Briefe und Artikel sind zwar schon lange bekannt, doch sind sie zu spannend geschrieben, als dass ein auf gute Dramaturgie setzender Autor sie hätte vernachlässigen dürfen. (Ausserdem stammen sie eben von Winston Churchill...)

Zum anderen stehen die drei Namen für den perspektivenreichen Zugang, den Bossenbroek zu seinem Thema wählt: Leids, lange Zeit die rechte Hand und der Vertraute Präsident Krugers (später repräsentierte er die Buren in Europa), dient Bossenbroek dazu, den Krieg und seine Vorgeschichte aus niederländischer Perspektive zu erzählen und die durchaus emotionale Verbindung des Königreichs zu den Buren zu zeigen. Churchill, der junge Imperialist aus bestem Hause, verkörpert auf seine Weise Macht und Arroganz des Empire; Reitz schliesslich ist der bodenständige Afrikaaner, der für seine Heimat gegen die Invasoren aus Übersee kämpft.

Warum überhaupt provozierte das mächtige Empire, das immerhin über die Kapkolonie bestimmte, einen Krieg mit den beiden Burenrepubliken? Denn so war es, Krugers Kriegserklärung erfolgte nach langen Reibereien und Konflikten mit den Briten. Dabei ging es immer wieder um den Begriff der «Suzeränität», nämlich um die behauptete Oberherrschaft des Empire über Transvaal und den Oranje-Freistaat. Eine solche britische Oberherrschaft bestritten die Buren und verwehrten ihrerseits den wegen der reichen Bodenschätze (wie Gold und Diamanten) auf das Gebiet der beiden Republiken drängenden britischen «Uitlanders» eine rechtliche Gleichstellung. Schliesslich beschloss man in London, sich die beiden Burenstaaten einzuverleiben; über die entscheidenden Gründe, ob ökonomische, geostrategische oder womöglich psychologisch zu beurteilende, streiten Historiker bis heute.

Konzentrationslager

Beantworten kann auch Bossenbroek die Frage nach den ausschlaggebenden Gründen letztlich nicht. Ihm gelingt dennoch ein denkbar genaues Bild dieses Krieges, der auch deswegen so trostlos war, weil zum ersten Mal Zivilbevölkerung in Lager gesperrt wurde, in denen Zehntausende umkamen; 46 000 Weisse und Nichtweisse (Schwarze, «Farbige» und Inder) überlebten die Internierung durch die Briten in den «concentration camps» nicht; 230 000 Menschen wurden insgesamt interniert, darunter viele Kinder.

In diesem blutigen Konflikt scheint das kommende Jahrhundert seine dunklen Schatten vorausgeworfen zu haben. Nimmt man etwa die Grabenkämpfe zu Beginn des Krieges, die britische Strategie der verbrannten Erde oder auch die hohe Zahl toter Soldaten, Kämpfer und Zivilisten sowie die immensen finanziellen Kosten, so darf der Burenkrieg durchaus als Vorfahr der Grosskriege des 20. Jahrhunderts gelten. Auch das weltweite Medienecho war, dank über zweihundert Berichterstattern, Fotografen und Zeichnern, gross. All dies verwebt Martin Bossenbroek zu einer brillanten Meistererzählung, die auch nicht unerwähnt lässt, wie tief die Geschichte Südafrikas bis zum Ende des Apartheidregimes von den Folgen dieses Krieges geprägt war.

Martin Bossenbroek: Tod am Kap. Geschichte des Burenkriegs. Aus dem Niederländischen: Andreas Ecke. C. H. Beck, München 2016. 624 S., Fr. 42.90.

Mittwoch, 18. Mai 2016

Zum Tod von Fritz Stern.


 
Die NZZ druckt heute anlässlich des Todes von Fritz Stern das Interview nach, das sie am 15. 7. 2915 mit ihm geführt hat.

Hier daraus folgende Passage:


Würden Sie sagen, wir lebten heute in der westlichen Welt in Demokratien, wie Sie sie sich vorstellen?

Da berühren Sie ein ganz heikles Thema. Inwiefern sind die USA heute noch ein demokratisches Land? Allein die Frage ist schon beklemmend. Leider muss ich sagen: Die USA werden immer mehr zu einer plutokratischen Oligarchie. Der Staat vollbringt hier zwar immer noch so ungeheure wie wichtige Sozialleistungen, aber auf der anderen Seite überwacht er seine Bürger in einem unerträglichen Ausmass. 

Wir leben in einem Polizeistaat ohne Polizei, habe ich vor ein paar Jahren gesagt. Das war falsch. Die USA sind ein Polizeistaat. Wenn es nicht so unwichtig wäre, was ich sage, würde auch ich abgehört werden. Dieser ungeheure Drang nach Überwachung, nach Sicherheit höhlt die Demokratie aus. Und kann sich ein Land noch Demokratie nennen, wenn nur noch diejenigen entscheiden, die Geld haben? Der Staat ist nicht mehr unter Kontrolle der Parlamente, sondern unter Kontrolle des Geldes – und der Korruption. 



Das Künstlerdasein ist ein prekäres.


 institution logo Arbeitsbedingungen von Künstlern: 70 Prozent arbeiten teils unbezahlt


Rainer Jung  
Abt. Öffentlichkeitsarbeit  
Hans-Böckler-Stiftung


17.05.2016 10:42

Untersuchung in Kooperation mit „art but fair“

Arbeitsbedingungen von Künstlern: 70 Prozent arbeiten teils unbezahlt, 80 Prozent empfinden ihre Beschäftigung als unsicher

Auf der Bühne sein Geld zu verdienen, ist ein hartes Geschäft: Viele Künstlerinnen und Künstler arbeiten unter prekären Bedingungen, zeigt eine neue Studie. Eine deutliche Mehrheit rechnet mit Altersarmut. Um das zu ändern, wären mehr gewerkschaftliches Engagement von Künstlern, mehr Problembewusstsein beim Publikum und ein Kurswechsel der Kulturpolitik gefragt.


Wie es aktuell um die berufliche Situation von Kunstschaffenden steht, hat Maximilian Norz von der Künstlerinitiative „art but fair“ untersucht.* Seiner Untersuchung zufolge, die von der Hans-Böckler-Stiftung und der Kulturpolitischen Gesellschaft gefördert wurde, herrschen in den schönen Künsten oft unschöne Arbeitsbedingungen: Musiker, Tänzer und Schauspieler müssen sich mehrheitlich mit unzureichender Vergütung und unsicheren Jobs arrangieren.

Die Zahl derjenigen, die hierzulande einen künstlerischen Beruf ausüben, ist offiziellen Statistiken zufolge durchaus beachtlich: 2011 gab es über 18.000 sozialversicherungspflichtig beschäftigte Musiker und knapp 22.000 darstellende Künstler. Bei der Künstlersozialkasse, die Selbständigen ab einem Jahreseinkommen von 3.900 Euro offensteht, waren 2014 etwa 51.000 Musikanten und über 24.000 Schauspieler und Tänzer gemeldet.

Um einen Eindruck von den Arbeitsbedingungen dieser Berufsgruppe zu gewinnen, hat Norz eine Online-Umfrage durchgeführt, an der sich 2.635 Erwerbstätige aus den Bereichen Musik und Darstellende Kunst beteiligt haben. 2.160 der Befragten sind Künstler, 475 gehen einer anderen Tätigkeit nach, beispielsweise als Bühnenarbeiter oder Techniker. 91 Prozent sind in Deutschland tätig, der Rest in Österreich und der Schweiz. Zusätzlich wurden ausführliche Interviews mit 22 Künstlern, Veranstaltern, Vermittlern, Politikern sowie Vertretern von Bildungsinstitutionen und Verbänden geführt. Die Befragung ist nicht repräsentativ, erlaubt aber qualifizierte Einblicke in die Arbeitsbedingungen von Künstlern.

Die Befragungsergebnisse zeigen, dass die Akteure auf Theater- und Konzertbühnen einige Missstände in Kauf nehmen müssen. 79 Prozent von ihnen halten ihre Gagen für unangemessen. Das Nettoeinkommen liegt bei 40 Prozent unter 10.000 Euro pro Jahr (siehe auch die Infografik; Link unten). Die prekäre Einkommenssituation hängt auch damit zusammen, dass 70 Prozent der Musiker, Tänzer und Schauspieler unbezahlte Leistungen erbringen müssen. Besonders zu Beginn der Karriere würden von Künstlern kostenlose Auftritte erwartet, damit sie Erfahrung und Renommee sammeln können, so der Autor. Später sei es üblich, dass sie ohne finanzielle Gegenleistung proben oder Nutzungsrechte übertragen. Mit Altersarmut rechnen angesichts der bescheidenen Vergütung in ihrer Branche vier von fünf Befragten. Zu diesen Befürchtungen dürfte auch beitragen, dass viele Künstler – beispielsweise Tänzer – wegen der körperlichen Belastungen in ihrem Job früh aus dem Berufsleben ausscheiden müssen.

Ein weiteres gravierendes Problem ist fehlende Planungssicherheit: Gut 80 Prozent der Befragten empfinden ihre Beschäftigungssituation als unsicher. Tatsächlich ist Norz‘ Analyse zufolge das Normalarbeitsverhältnis im künstlerischen Bereich keineswegs der Normalfall: Während die Anzahl der Selbständigen unter den männlichen Künstlern zwischen 2006 und 2011 um 25 Prozent und unter den Künstlerinnen um 39 Prozent gestiegen ist, hat die Gruppe der abhängig beschäftigten Männer nur um vier und die der Frauen um sieben Prozent zugenommen. Bei den per Werkvertrag beschäftigten Künstlern betrug der Zuwachs zwischen 2005 und 2010 fast ein Drittel. Eine Folge der unsteten Beschäftigungssituation ist die fehlende Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die 60 Prozent der befragten Künstler beklagen.

Defizite beim Arbeitsumfeld wie ungeheizte Räume, ungeeignete Tanzböden oder schlechte Unterkünfte stellen für die Hälfte der Künstler ein Problem dar. Fast ebenso viele geben an, dass Schutzvorschriften wie beispielsweise das Arbeitszeitgesetz teilweise nicht eingehalten werden. Ein Drittel hat Erfahrungen mit Vertragsbrüchen, Machtmissbrauch und Willkür. Fehlende Mitbestimmung bei der Arbeit kennen 25 Prozent, Mobbing 17 Prozent, sexuelle Belästigung fünf Prozent.

Norz hat sich auch damit auseinandergesetzt, was gegen Missstände unternommen werden könnte. Nach seiner Einschätzung sind Gewerkschaften durchaus geeignet, sich wirksam für bessere Arbeitsbedingungen von Künstlern einzusetzen. Allerdings sei der Organisationsgrad auch wegen der vielen Selbständigen und atypisch Beschäftigten eher gering. Hilfreich könnte ein Gütesiegel sein, das Veranstaltern die Einhaltung von Mindeststandards bescheinigt. Die Politik wiederum sollte ihre Kulturförderung an soziale Kriterien knüpfen, empfiehlt der Autor.

Für Dr. Norbert Kluge, Leiter der Abteilung Mitbestimmungsförderung der Hans-Böckler-Stiftung, weisen die Ergebnisse der Untersuchung weit über den künstlerischen Bereich hinaus. „Die Studie erlaubt Einblicke in die 'Gig economy', wie sie manche Digitalisierungs-Enthusiasten als schöne neue Arbeitswelt propagieren. Die ist für viele Kreative längst Alltag. Faire Arbeitsbedingungen und eine stabile soziale Absicherung stehen dabei leider sehr oft nicht auf dem Spielplan“, sagt der Soziologe. Für gute Arbeit im Musik- und Bühnenbetrieb zu sorgen, sei deshalb nicht allein Aufgabe der Kulturpolitik, sondern eng verbunden mit zentralen Zukunftsfragen des Arbeitsmarktes und der sozialen Sicherung. Die oft prekären Arbeitsbedingungen von Künstlern zeigten aber auch, wie wichtig eine kollektive Interessenwahrnehmung sei: „Man sieht: Als Einzelkämpfer kommen auch unter Kreativen nur sehr wenige weiter“, sagt Kluge.


Ansprechpartner in der Hans-Böckler-Stiftung

Dr. Norbert Kluge
Leiter Abteilung Mitbestimmungsförderung
Tel.: 0211-7778-198
E-Mail: Norbert-Kluge@boeckler.de

Rainer Jung
Leiter Pressestelle
Tel.: 0211-7778-150
E-Mail: Rainer-Jung@boeckler.de



Weitere Informationen: http://www.boeckler.de/pdf/p_study_hbs_319.pdf - *Maximilian Norz: Faire Arbeitsbedingungen in den Darstellenden Künsten und der Musik?! Study der Hans-Böckler-Stiftung Nr. 319, Mai 2016.
http://www.boeckler.de/hbs_showpicture.htm?id=65140&chunk=1 - Infografik zum Download in Böckler Impuls 8/2016


Nota. - Das Stichwort Bedarfsunanhängiges Grundeinkommen kommt in der Meldung nicht vor; dafür ist die Hans-Böckler-Stiftung wohl zu gewerkschaftsnah. Aber das Thema hat mit der Kunst mehr zu tun als gewerkschaftliche Organisationsfragen; und geht auch die Bildenden Künstler 
 an.
JE