Samstag, 23. November 2013

Kulte und Religionen im Römischen Reich.

aus Badische Zeitung, 18. 11. 2013                                                                              Mithraeum, Gewölbe für den Mithras-Kult

Das Licht aus dem Osten
Die große archäologische Sonderausstellung "Imperium der Götter" im Badischen Landesmuseum Karlsruhe. 

von Wulf Rüskamp

Harald Siebenmorgen wäre nicht der umtriebige Museumsleiter, der er ist, wenn es ihm nicht gelänge, von der Spätantike den Bogen in die Gegenwart zu schlagen. Und so will er den Besuchern der aktuellen Ausstellung seines Badischen Landesmuseums in Karlsruhe etwas Aktuelles zum Nachdenken mitgeben: ob nicht das Nebeneinander der Religionen im späten Römischen Reich Vorbild sein könnte fürs heutige Europa? Das wird ja zunehmend wieder multireligiös – aber eben noch nicht in dieser friedlichen Konkurrenz wie vor bald 2000 Jahren.

 
Dionysos/Bacchus, Pompeji, 1. Jahrhundert

Doch keine Bange: Die Ausstellung, die unter dem Titel "Imperium der Götter" bis Mitte Mai nächsten Jahres im Karlsruher Schloss zu sehen ist, bietet keine kühne Thesenschau. Sie widmet sich mit großem historischem Ernst den Kulten und Religionen, die sich im Römerreich neben der offiziellen Staatsreligion inklusive Gottkaisertum etabliert hatten. Die Götter heißen Mithras, Isis, Kybele oder Große Mutter, Jupiter Dolichenus – aber auch Jehova oder Christus. Ihnen allen gemeinsam ist, dass ihre Herkunft der Osten des Reiches war: Kleinasien, Persien, Palästina, Ägypten. Ex oriente lux, wie der Lateiner sagt, das göttliche Licht aus dem Osten. Der römische Staat lässt sie gewähren, vorausgesetzt, ihre Weltdeutung greift nicht den Staat an, indem sie etwa an der Vergöttlichung des jeweils amtierenden Kaisers zweifeln lässt.

Jupiter Dolichenus

Das tun freilich die Christen, weil es für sie nur einen, ihren Gott, geben kann. Das gilt zwar ebenso für die Juden, aber die bleiben unter sich, während die Christen ungeheuren Zulauf haben, trotz der bald einsetzenden Verfolgung. Das Emanzipationsversprechen, dass alle Menschen gleich seien vor Gott, damit doch auch im Diesseits, überzeugte viele Römer ebenso wie die Aussicht auf ewige Glückseligkeit nach der Auferstehung.


Große Mutter Kybele

Die Karlsruher Ausstellung verweist auf die Unterschiede zwischen den Religionen, erläutert Herkunft, Mythologie, Kult und Mysterien, soweit das überhaupt möglich ist. Immer wieder ist von Rausch und Ekstase die Rede: Die Religionsausübung war mitunter ganz lebensnah und sinnenfroh, wie überhaupt der Alltag durchdrungen war von der Gegenwart göttlichen Wirkens. Aber eben all dies auf eher undogmatische Weise: Religiöse Toleranz prägt die spätrömische Gesellschaft, die hinnimmt, dass neue Religionen sich Tempel und Heiligtümer errichten – mal verborgen wie die Mithräen, mal öffentliche Orte in den Städten.


 
Attis, Begleiter Kybeles

Es liegt ein großes Verdienst der Ausstellung darin, diesen so ganz anderen Umgang mit Religiosität erlebbar zu machen, ebenso die fließenden Übergänge und Wechselbeziehungen: Christen wie Mithras-Anhänger glaubten an ein Leben nach dem Tod, pflegten verwandte Aufnahmerituale und Festtage, und die Bilder, die sie dem spätantiken Publikum von Glückseligkeit, Rettung und Hoffnung boten, ähnelten einander.

Isis

Das hört sich nach weitreichender Relativität der Glaubensvorstellungen an, und so sahen es die Römer als Gesamtheit wohl auch. Wobei sie die Religionen aus dem Osten ebenso wie die der von ihnen besiegten Völker sich anverwandelten, sie romanisierten – etwa durch Anpassung und Funktionsergänzungen der Staatsgötter Jupiter, Juno und anderer, die ja immer auch den Himmel über dem Reich bevölkerten.

Isis-Kult in Rom  

Die Geschichte hat sich allerdings gegen diesen theologischen Relativismus entschieden – das Christentum setzt sich im 4. Jahrhundert Zug um Zug durch, die anderen Religionen verschwinden, nicht ohne im Christentum ihre Spuren zu hinterlassen. Die von mittelalterlichen Tafelbildern bekannte Mutter Gottes, die den Jesus-Knaben an ihrem Busen nährt, hat ihr Vorbild in der von den Römern adaptierten altägyptischen Göttin Isis, die in gleicher Weise mit ihrem Sohn Horus als Mater Lactans dargestellt wird.

Isis lactans

Aus all dem wird ersichtlich, dass es in dieser Ausstellung, die den Besucher nicht mit langen Texten quält, sondern sich auf das zum Verständnis Unerlässliche beschränkt, viel zu lernen gibt. Das bewältigt sie auf eine unangestrengte Weise, die mit einem Ausblick auf die Nachwirkungen der spätantiken Kultur bis heute sogar am Ende ironisch gebrochen wird. Modelle, dazu Rekonstruktionen eines Mithräums oder eines Katakombenraums in Originalgröße und der Katalog leisten an Informationen ein Übriges.


Sol Invictus

Aber man würde der Ausstellung nicht gerecht, spräche man nur von ihren – durchaus reichen – Inhalten. Denn auch das genießerische Auge kommt nicht zu kurz. Was die Kuratoren aus den Museen in Rom, im Vatikan, in Neapel und Venedig, ebenso aus deutschen und österreichischen Museen an Schaustücken zusammengetragen haben, ist von höchster Qualität: Fresken aus Pompeji und Herculaneum, großartige Plastiken – die Statue der Mater Magna oder des Bacchus, die christlichen Reliefs aus den Vatikanischen Museen, ein fast exhibitionistisch wirkendes Figürchen von Attis, der zum Kult der Kybele gehört –, dazu feinst ausgearbeitete silberne Votivscheiben und sogar eine in die Wand geritzte, antichristliche Karikatur. Eine derart dichte Zusammenfassung von Kunstwerken und Gebrauchsgegenständen zu den Religionen der Spätantike hat man wohl noch nie zu sehen bekommen.

Esel am Kreuz

Schon der Auftakt, der die Götter der Staatsreligion zeigt, bietet eine entzückende Aufreihung von Bronzestatuetten. Nicht zu vergessen die großartigen Reliefs des Mithraskults: Es sind wunderbare Exemplare zu sehen, zu zwei weiteren, darunter dem aus Riegel, muss man die Antikenabteilung des Museums aufsuchen, weil sie dort fest installiert sind. Aber inspiriert von der Qualität dieser Ausstellung, macht man das vermutlich gerne.

Imperium der Götter. Isis, Mithras, Christus: Kulte und Religionen im Römischen Reich. Ausstellung im Badischen Landesmuseum Karlsruhe. Bis 18. Mai, Di bis So 10–18 Uhr. 


Mithras
Nota.

Wenn sich demnächst die überregionalen Zeitungen der Karlsruher Ausstellung annehmen, erfahren wir vielleicht doch etwas über die religiösen Inhalte der Kulte. Und bekommen vielleicht den einen oder andern Hinweis, warum unter all denen es ausgerechnet das Christentum war, das sich im Abendland durchgesetzt hat. Denn dass es eine Armeleutereligion war, mag seiner Verbreitung unter den armen Leuten genutzt haben. Aber dass es zur kaiserlichen Reichsreligion wurde, kann darin kaum seinen Grund haben. Auch an der reichhaltigen Theologie kann es nicht gelegen haben, denn die hat sich erst später ausgebildet. Ich habe selber eine Vermutung zu dem Thema verlauten lassen, aber die ist ganz spekulativ und hat außer der Plausbilität einstweilen nichts für sich.

Vielleicht liest ein Redakteur ja diesen Wink?
JE 

Freitag, 22. November 2013

Das Heiligtum des Iuppiter Dolichenus


Viola van Melis  
Zentrum für Wissenschaftskommunikation
Exzellenzcluster „Religion und Politik“ an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster 

18.11.2013 11:17 

Archäologen des Exzellenzclusters machen ungewöhnlich großen Fund in der Türkei – Überraschend lebendige Einblicke in die damalige Frömmigkeit

Altertumswissenschaftler des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ haben in einem antiken 
Heiligtum in der Türkei einen ungewöhnlich großen Siegel-Fund gemacht. Sie entdeckten mehr als 600 Stempel- und Rollsiegel im Heiligtum des Sturm- und Wettergottes Iuppiter Dolichenus, davon 100 allein in diesem Jahr. „Solche massenhaften Siegelweihungen sind aus keinem vergleichbaren Heiligtum bekannt“, teilten Grabungsleiter Prof. Dr. Engelbert Winter und Archäologe Dr. Michael Blömer zum Ende der Grabungssaison mit. Der Fund der zahlreichen Stücke aus dem 7. bis 4. Jahrhundert vor Christus nahe der antiken Stadt Doliche sei insofern einmalig. 


„Die erstaunlich hohe Anzahl belegt, wie wichtig Siegel und Amulette für die Verehrung des Gottes waren, dem sie als Votivgaben geweiht wurden“, so Altertumswissenschaftler Prof. Winter. Viele der Stücke zeigen Anbetungsszenen. „Dadurch geben sie einen überraschend lebendigen und detaillierten Einblick in die damalige Glaubenswelt.“ Die Stempel- und Rollsiegel sowie Skarabäen sind aus Glas, Stein und Quarzkeramik gefertigt und oft hochwertig verarbeitet. Nach Restaurierungsarbeiten wurden die Funde an das zuständige Museum im türkischen Gaziantep übergeben.

Auf den Siegeln und Amuletten sind unterschiedliche Motive zu finden: Das Spektrum reicht von geometrischen Ornamenten und Astralsymbolen bis zu aufwändigen Tier- und Menschendarstellungen. Dazu gehören etwa betende Männer vor Göttersymbolen. Beliebtes Motiv war auch ein königlicher Held im Kampf mit Tieren und Mischwesen. „Auch die Bilder, die nicht eine Gottheit darstellen, drücken eine starke persönliche Frömmigkeit aus: Mit ihren Siegeln weihten die Menschen ihrem Gott ein Objekt, das eng mit der eigenen Identität verbunden war“, so Blömer. Die bei den Siegeln gefundenen Amulette trugen die Menschen im Alltag. „Auf Ketten aufgezogen, sollten sie Unglück abwehren“, erläuterte der Archäologe.

Von der Eisenzeit bis zum Römischen Reich

Identifizieren konnten die Forscher bislang spätbabylonische, lokale syrische, achämenidische und levantinische Siegel. „Die zahlreichen Fundstücke geben der Forschung neue Impulse, um offene Fragen der Kultpraxis, Kultkontinuität und Kultverbreitung zu beantworten – vor allem für die Kenntnis der bis vor kurzem unbekannten Frühgeschichte des Heiligtums im 1. Jahrtausend vor Christus sind sie wichtig“, so Prof. Winter. Iuppiter Dolichenus wurde dann im 2. Jahrhundert nach Christus zu einer der bedeutendsten Gottheiten des Römischen Reiches. 

Jupiter Dolichenus und Juno Regina

Bei den diesjährigen Grabungen auf dem türkischen Berg Dülük Baba Tepesi grub das Team um Prof. Winter eine Fläche von mehr als 500 Quadratmetern aus. „Die Ergebnisse erweitern bereits jetzt unser Wissen über sämtliche Phasen der langen Geschichte dieses heiligen Ortes. Sie erstreckt sich vom frühen Kultplatz der Eisenzeit zum reichsweit bekannten Heiligtum der römischen Epoche bis zur langen Zeit der Nutzung als christliches Kloster, das bis in die Kreuzfahrerzeit existierte“, so Prof. Winter. Besonders ergiebig sei die zweimonatige Kampagne für die Frühzeit des Heiligtums gewesen.

„Auf dem zentralen Gipfelplateau sind neben einem gut erhaltenen Abschnitt der mächtigen eisenzeitlichen Umfassungsmauer erstmals auch Teile von Bauten des 7. bis 4. Jahrhunderts vor Christus innerhalb der Umfriedung freigelegt worden.“ Neufunden wie Säulen oder Kapitellen, die in die römische Epoche datieren, sei es zu verdanken, dass nun der Haupttempel des kaiserzeitlichen Heiligtums rekonstruiert werden könne. Rätsel hingegen gibt nach Aussage der Wissenschaftler noch der Standort des Tempels auf. ...
 

Weitere Informationen: http://www.uni-muenster.de/Religion-und-Politik/aktuelles/2013/nov/PM_Ungewoehnl...



Spätbabylonisches Siegel mit Darstellung von betenden Männern vor Göttersymbolen


aus scinexx

Türkei: Fund in antikem Heiligtum 
 Mehr als 600 antike Siegel und Amulette geben Einblick in die damalige Frömmigkeit  

Archäologen haben in Doliche in der Türkei einen ungewöhnlichen Fund gemacht. Im Heiligtum des antiken Gottes Iupiter Dolichenus entdeckten sie mehr als 600 Stempel- und Rollsiegel. Der Fund so zahlreicher verschiedener Stücke an einem Ort sei einmalig, so die Forscher. "Die erstaunlich hohe Anzahl belegt, wie wichtig Siegel und Amulette für die Verehrung des Gottes waren, dem sie als Votivgaben geweiht wurden", erklärt Grabungsleiter Engelbert Winter von der Universität Münster.

Die Forscher der Universität Münster graben bereits seit 2001 im Hauptheiligtum des Iupiter Dolichenus auf dem türkischen Berg Dülük Baba Tepesi. Der Kult des Iupiter Dolichenus geht auf den mesopotamischen Wettergott Hadad zurück, der meist mit Doppelaxt und auf einem Stierkopf stehend dargestellt wurde. Als die Römer Ende des 1. Jahrhunderts Doliche und das Heilígtum dieses Gottes eroberten, wurde der Kult auf den römischen Gott Jupiter übertragen. Er verbreitete sich anschließend als vor allem von Soldaten verehrte Gottheit im gesamten römischen Reich.

Göttersymbole und Mensch-Tier-Mischwesen

Die internationale Forschergruppe hat bei ihren Grabungen bereits Fundamente des archaischen und des römischen Heiligtums freigelegt, ebenso die des später dort errichteten mittelalterlichen Klosters. Dabei stießen sie auch auf eine Fülle an verschiedensten Siegeln und Amuletten. Identifizieren konnten die Forscher bislang spätbabylonische, lokale syrische, achämenidische und levantinische Siegel. 

   
Auf den Funden sind ganz unterschiedliche Motive zu sehen: Das Spektrum reicht von geometrischen Ornamenten und Astralsymbolen bis zu aufwändigen Tier- und Menschendarstellungen. Dazu gehören etwa betende Männer vor Göttersymbolen. Beliebtes Motiv war auch ein königlicher Held im Kampf mit Tieren und Mischwesen. Viele der Stücke zeigen Anbetungsszenen. „Dadurch geben sie einen überraschend lebendigen und detaillierten Einblick in die damalige Glaubenswelt", so Winter.

Auch die Bilder, die keine Gottheit darstellen, drücken eine starke persönliche Frömmigkeit aus, wie die Forscher erklären. "Mit ihren Siegeln weihten die Menschen ihrem Gott ein Objekt, das eng mit der eigenen Identität verbunden war“, sagt dazu der Archäologe Michael Blömer. Die Stempel- und Rollsiegel sowie Skarabäen sind aus Glas, Stein und Quarzkeramik gefertigt und oft hochwertig verarbeitet. Die bei den Siegeln gefundenen Amulette trugen die Menschen im Alltag. „Auf Ketten aufgezogen, sollten sie Unglück abwehren“, erläutert der Archäologe.

Einblick in die Entwicklung einer Gottheit

Wie die Wissenschaftler berichten, geben die zahlreichen Fundstücke der Forschung neue Impulse, um offene Fragen der Kultpraxis, Kultkontinuität und Kultverbreitung zu beantworten. Sie geben vor allem Aufschluss über die bis vor kurzem unbekannten Frühgeschichte des Heiligtums im 1. Jahrtausend vor Christus - einer Zeit, in der noch der mesopotamische Wettergott verehrt wurde und noch nicht der römisch überprägte Iupiter Dolichenus. ...


aus der Saalburg, Taunus 
  
Weiteren Neufunden wie Säulen oder Kapitellen, die in die römische Epoche datieren, sei es zu verdanken, dass nun der Haupttempel des kaiserzeitlichen Heiligtums rekonstruiert werden könne. „Die Ergebnisse erweitern bereits jetzt unser Wissen über sämtliche Phasen der langen Geschichte dieses heiligen Ortes. Sie erstreckt sich vom frühen Kultplatz der Eisenzeit zum reichsweit bekannten Heiligtum der römischen Epoche bis zur langen Zeit der Nutzung als christliches Kloster, das bis in die Kreuzfahrerzeit existierte“, so Winter.

(Westfälische Wilhelms-Universität Münster, 19.11.2013 - NPO)

 

Donnerstag, 21. November 2013

Der Zweite Weltkrieg als Motor modernen Konsums?

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Der Zweite Weltkrieg als Motor modernen Konsums? 


Joachim Turré 
Presse- und Öffentlichkeitsarbeit
Max Weber Stiftung – Deutsche Geisteswissenschaftliche Institute im Ausland  

20.11.2013 12:22 


Deutsche Historische Institute London, Moskau, Washington 
diskutieren neue Theorien zu den Anfängen der modernen Konsumgesellschaft

The Consumer on the Home Front: World War II Civilian Consumption 
in Comparative Perspective 
 5. bis 7. Dezember 2013, 
 DHI London, 17 Bloomsbury Square, WC1A 2NJ London.

Vom 5. bis 7. Dezember 2013 bringen die Deutschen Historischen Institute London, Washington und Moskau international führende Historikerinnen und Historiker zusammen, um über das Konsumverhalten an der Heimat- front im Zweiten Weltkrieg zu diskutieren. Die Heimatfront wird von Historikern zunehmend als treibender Motor breiterer wirtschaftlicher, politischer und sozialer Umwälzungen gesehen und untersucht.

Steigender Konsum und wirtschaftliches Wachstum sind in unserem modernen Wirtschaftsverständnis untrennbar miteinander verbunden und gelten als Erfolgsgaranten nationalen und individuellen Wohlstands. Doch wo hat unsere moderne Konsumgesellschaft eigentlich ihre Wurzeln? Historiker sehen den Ursprung dieser modernen Entwicklungen zunehmend im Konsumverhalten des 2. Weltkriegs begründet. Die am DHI London stattfindende Konferenz wird Fragen nach der Rolle der Konsumenten und der zivilen Moral in den Kriegsanstrengungen in Deutschland, Japan, der Sowjet-Union, Großbritannien und den USA nachgehen. Aber auch die Nachwirkungen bis in unsere jüngste Zeit, werden im Zentrum der Diskussionen stehen. Welche Auswirkungen beispielsweise das Konsumverhalten in der Kriegszeit auf die Entstehung des Keynesianismus in den USA, des Nachkriegs-Kommunismus und der liberalen Konsumgesellschaft in Nachkriegs-Deutschland und –Japan hatte, sind nur einige Fragen, die diese Konferenz zu beantworten versucht.

Die Konferenz wird gemeinschaftlich von den Deutschen Historischen Instituten London, Moskau und Washington organisiert, die der Max Weber Stiftung angehören.

Ich lade Sie ganz herzlich ein, an der Konferenz teilzunehmen, und mit den führenden Experten dieser neuen Forschung zu diskutieren. Zur besseren Planbarkeit der Veranstaltung bitten wir Sie, sich bis 27. November bei Carole Sterck (sterckx@ghil.ac.uk) für die Veranstaltung anzumelden.

Bitte wenden Sie sich bei Fragen an mich. Gerne arrangiere ich auch Aufnahmemöglichkeiten oder Interviews.

Mit den besten Grüßen,

Angela Schattner
Deutsches Historisches Institut London
17 Bloomsbury Square
London WC1A 2NJ
Großbritannien
Pressereferentin
Tel.: +44 (0)20 7309 2029
Fax +44 (0)20 7309 2055
schattner@ghil.ac.uk


attachment icon Konferenzprogramm

Nota.

Dem Konferenzprogramm ist zu entnehmen, dass eine Einordnung des Themas Konsumgesellschaft in die Perspektive des Ausbildung des modernen Wohlfahrtsstaats nicht einmal am Rande vorgesehen ist. Ist das nicht unglaublich? Allerdings wäre der Wohlfahrtsstaat in Europa nicht möglich gewesen ohne das faschistische Programm vom Totalen Staat - als Generalmobilmachung für den ('endgültigen' und 'letzten') Krieg. Der wiederum wäre nicht möglich geworden ohne die totale Erfassung der Bedürfnisse und der Versorgung der Volksgemeinschaft. Es ist mir unvorstellbar, wie man das eine ohne das andere diskutieren will. - Man wird sehen...
JE 

 

Dienstag, 19. November 2013

Gibt es vom Wirtschaften eine Wissenschaft?

mariliese, pixelio.de
 
Unter der Überschrift Sie wollen alles vorhersagen nahm sich der regelmäßige wissenschaftstheoretische Kommentator der FAZ, am 5. November die diesjährigen Wirtschaftsnobelpreisträger Fama und Shiller vor. Deren gemeinsame Auszeichnung machte Sensation, denn beide behandeln zwar dasselbe Thema, vertreten aber genau entgegengesetzte Theorien. Die erläutert Derman zunächst, um sich dann der viel allgemeineren Frage zuzuwenden, ob und ggf. inwiefern es vom Wirtschaften überhaupt eine Wissenschaft geben könne.

 
"Fama und Shiller haben Beiträge auf dem Gebiet der Finanzwissenschaft geleistet, einem Teilgebiet der Wirtschaftswissenschaften, das sich auf das Management und die Bewertung von Vermögenswerten konzentriert. Das heißt, dass die Mathematik hier selbstverständlich eine große Rolle spielt. Ich bin deshalb bereit, die Finanzwissenschaft als Wissenschaft zu bezeichnen, auch wenn ich glaube, dass Thomas Kuhns Begriff der Protowissenschaft hier wahrscheinlich angemessener wäre: Eine Protowissenschaft ist keine Pseudowissenschaft wie die Astrologie, ähnelt aber dennoch „in ihren Entwicklungsmustern eher der Philosophie und den Geisteswissenschaften als den etablierten Naturwissenschaften, etwa in der Weise wie die Chemie und die Elektrizitätslehre vor der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts“. Das ist wahrscheinlich eine zutreffende Einordnung der Finanzwissenschaft, die zwar umfangreichen Gebrauch von der mathematischen Syntax der Naturwissenschaften macht, aber eine deutlich geringere Effizienz aufweist."


Bei den Wirtschaftswissenschaften stünden die Dinge aber etwas anders: "Der verstorbene Professor Lionel Robbins hat sie so definiert: 'Die Ökonomie ist die Wissenschaft, die menschliches Verhalten als Verhältnis zwischen Zielen und knappen Mitteln mit alternativen Verwendungsweisen untersucht.' Ich zöge es vor, den Ausdruck 'Wissenschaft' in diesem Satz durch einen Ausdruck wie 'Gebiet' oder 'Feld' zu ersetzen. Ziele und Zwecke werden von Menschen gewählt – das ist eines der letzten Rechte, die uns als Individuen vorbehalten bleiben. Obwohl die Finanzwissenschaft eng mit der Mathematik verbunden ist, sind Ziele und Ökonomie doch untrennbar mit Philosophie und Politik verknüpft. Der traditionelle PPE-Studiengang an britischen Universitäten (Philosophy, Politics, Economics) ist die angemessene Zusammenstellung. Die Ökonomie vermag sich nur als Wissenschaft zu verkleiden, indem sie entweder vorgibt, dass die Ziele offenkundig und universell seien, oder indem sie deren Rolle gänzlich ignoriert."

Zur Verdeutlichng zieht er das Beispiel der exakten experimentellen Disziplinen heran:

"Naturwissenschaft verfährt reduktiv. Sie sucht nach Prinzipien, die das Verhalten beobachteter Systeme kausal erklären. Die auf diesen Prinzipien basierende Technik ist konstruktiv. Sie versucht Geräte und Vorrichtungen zu bauen, die so funktionieren, wie man es beabsichtigt hat. Die mechanische Technik basiert auf den Newtonschen Gesetzen, die Elektrotechnik auf den Maxwellschen Gleichungen usw. Die Naturwissenschaft bietet die Autorität, auf deren Grundlage die Technik vorzugehen vermag."


Warum legt nun aber der Ökonom "solchen Wert darauf, dass die Ökonomie als Wissenschaft gilt? Weil er wie alle, die politische Technologie betreiben, darauf angewiesen ist, dass die Ökonomie als Wissenschaft gilt, um die Illusion aufrechtzuerhalten, dass politische Technologie auf einem gesunden und unwiderleglichen Fundament ruhe. Politische Technologen wie die „Nudgers“ brauchen die Illusion einer geistigen Verbindung zur echten Wissenschaft Newtons, Maxwells, Darwins und Einsteins, um den Universalitätsanspruch der von 'ihnen' für 'andere' entworfenen Politik zu untermauern, obwohl diese Politik keineswegs ideologiefrei ist."
Derman schiließt seinen Beitrag: "Ich fürchte, viele Ökonomen wissen nicht sonderlich viel über echte Wissenschaft und deren Effizienz. Ich habe den Verdacht, dass einige von ihnen zu viel Zeit auf das inzestuöse Spiel mit ökonomischen Modellen verwenden, die sämtlich von zweifelhafter Zuverlässigkeit sind. Ich fürchte, wenn ihre Modelle überhaupt funktionieren, dann nur an einem bestimmten Ort, in einer bestimmten Gemeinschaft und zu einer bestimmten Zeit. Viele Ökonomen haben gar keinen Sinn für die Effizienz von Modellen, weil sie nie ein wirklich erfolgreiches Modell gesehen haben. Ich fände es gut, wenn alle Ökonomen verpflichtet würden, einen Kurs in Newtonscher Mechanik zu belegen, damit sie wissen, was ein wirklich gutes Modell zu leisten vermag, und sich danach Modellen menschlichen Verhaltens mit größter Demut nähern. - Ziele und Zwecke sind nicht universell."

Europäer mögen keine Ungleichheit.

A.Dreher  / pixelio.deinstitution logo

Warum Gleichheit Europäer glücklich macht

Judith Ahues  
Communications & Public Relations
Jacobs University Bremen 

18.11.2013 10:18 

Wenn die Kluft zwischen arm und reich groß ist, fühlen sich die Europäern weniger wohl. Dies konnten Jan Delhey, Professor für Soziologie an der Jacobs University, und Georgi Dragolov, wissenschaftlicher Mitarbeiter und Doktorand an der Bremen International Graduate School of Social Sciences, in ihrer aktuellen Studie belegen. Sie analysierten Daten der zweiten europaweiten Erhebung zur Lebensqualität und konnten so 30 Länder miteinander vergleichen. Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass soziale Ungleichheit das Vertrauen in einer Gesellschaft mindert und die Angst vor Geringschätzung durch die Mitmenschen erhöht. Beide Mechanismen haben eine negative Wirkung auf das subjektive Wohlbefinden.

Die Frage, ob soziale Ungleichheit einen Einfluss auf das subjektive Wohlbefinden hat, wird seit einigen Jahren in der Glückforschung diskutiert. Die allgemeine Annahme ist, dass Menschen weniger glücklich sind, wenn sie tagtäglich große Einkommensunterschiede erleben. Empirisch konnte diese Annahme in weit gefassten internationalen Vergleichen nicht durchgängig bewiesen werden. Allerdings gibt es signifikante Unterschiede zwischen verschiedenen Weltregionen, die nahe legen, dass gerade die Europäer mit einem verminderten subjektiven Wohlbefinden auf soziale Ungleichheit reagieren. Warum das so ist, wusste man bislang nicht. Die neue Studie über Europa benennt erstmals die Mechanismen: Der Verlust von Vertrauen und eine erhöhte Angst vor Geringschätzung in ungleichen Gesellschaften.

Vertrauen ist die Erwartungshaltung, dass sich andere berechenbar und freundlich verhalten. Dabei ist für den gesellschaftlichen Zusammenhalt besonders wichtig, dass wir auch Fremden Vertrauen entgegen bringen. Solch ein allgemeines Vertrauen etabliert ein gesellschaftliches Gemeinschafts- und Zugehörigkeitsgefühl. Einkommensungleichheit mindert nun dieses allgemeine Vertrauen, und mit dem Zusammenhalt schwinden Glück und Lebenszufriedenheit.

Ein zweiter wichtiger Mechanismus sind Statusängste. Darunter verstehen die Forscher die Befürchtung, in den Augen der Mitmenschen als zu wenig erfolgreich zu gelten, zum Beispiel im Hinblick auf das Einkommen oder den Beruf. Die Studie belegt nun, dass eine ungleiche Einkommensverteilung solche Statusängste befördert und so zu einem geringeren subjektiven Wohlbefinden führt.

Die aktuelle Studie zeigt zudem, dass in wohlhabenden Ländern das Vertrauen eine übergeordnete Rolle für das Wohlbefinden spielt, während in weniger wohlhabenden Ländern die Statusängste ausschlaggebend sind.

Auch wenn die Studie vor allem die Wirkung von Ungleichheit untersucht, ist insgesamt gesehen die Höhe des Pro-Kopf-Einkommens immer noch wichtiger für das Wohlbefinden der Europäer als dessen Verteilung. Jan Delhey kommentiert: „Europäer wollen Wohlstand und Einkommensgleichheit, in dieser Reihenfolge. Eine Politik, die diese beiden Ziele unterstützt, ist am ehesten dazu geeignet, Europäer glücklich zu machen.“

Kontakt:
Jan Delhey | Professor für Soziologie
Email: j.delhey@jacobs-university.de | Tel.: +49 421 200-3492

Weitere Informationen:http://esr.oxfordjournals.org/content/early/2013/11/09/esr.jct033.short?rss=1. - Die Studie wurde in der führenden akademischen Zeitschrift „European Sociological Review“ veröffentlicht und ist unter diesem Link abrufbar

Montag, 18. November 2013

Ludwig Klages, "Mensch und Erde".

aus NZZ, 14. 10. 2013                                                                                                                          Jürgen Reitböck, pixelio.de

Ökologisches Manifest
Ludwig Klages' «Mensch und Erde» neu ediert

von Uwe Justus Wenzel · Es gibt Sätze, die über ein Jahrhundert hinweg - gespenstisch - nachklingen. Vielleicht auch dieser: «Die meisten leben nicht, sondern existieren nur mehr, sei es als Sklaven des 'Berufs', die sich maschinenhaft im Dienste grosser Betriebe verbrauchen, sei es als Sklaven des Geldes, besinnungslos anheimgegeben dem Zahlendelirium der Aktien und Gründungen, sei es endlich als Sklaven grossstädtischen Zerstreuungstaumels; ebenso viele aber fühlen dumpf den Zusammenbruch und die wachsende Freudlosigkeit.» - Vor hundert Jahren, im Oktober 1913, hat Ludwig Klages dies geschrieben und in seinem Grusswort an den Ersten Freideutschen Jugendtag auf dem Hohen Meissner, knapp dreissig Kilometer östlich von Kassel, vorgetragen.

Der damals einundvierzigjährige Lebensphilosoph ist mit seinem rhetorisch brillierenden Weckruf «Mensch und Erde» zu einer beinahe archetypischen Gestalt der Zivilisationskritik geworden. Die Anklageschrift gegen den «Fortschrittsmenschen», etwa dreissig Seiten lang, ist nun in einer neuen Edition bei Matthes & Seitz zugänglich. «Ringsumher» habe dieser Mensch «Mord gesät» und die Natur rücksichtslos vernutzt: Hoch- und Urwald, Zugvögel und Pelztiere, Wale und Büffel bringe er zum Verschwinden; mit «giftigen Abwässern der Fabriken» verjauche er das «lautere Nass der Erde». Dafür, dass der «Fortschrittler» auf dem Altar einer «Erfolgsreligion» opfere, macht Klages das Christentum verantwortlich, das den Menschen in eine «vergötterte Gegenstellung zur gesamten Natur» gebracht habe - und dessen Mission sich im Kapitalismus erfülle. Allerdings fügt sich im Blick des Sehers auch das Christentum in einen «noch viel älteren Entwicklungsgang» ein, der davon herrühre, dass seit je der «Geist» sich über die «Seele», das «Wirken» über das «Leben» zu erheben trachte.

Obgleich er sich auch gegen die darwinistische Rede vom «Kampf ums Dasein» wandte, war Klages bekanntlich nicht gegen die Infektion durch die nationalsozialistische Weltanschauung geschützt; allein schon sein Antisemitismus brachte ihn in deren Nähe. Auf diese und weitere Ambivalenzen des Lebensphilosophen, Charakterologen und Graphologen geht ein kundiges Nachwort von Jan Robert Weber ein. Es wirbt dafür, «Mensch und Erde» als ökologisches Manifest und «Gründungsdokument der grünen Bewegung zu kanonisieren» - in auch kritischer Absicht, versteht sich.

Ludwig Klages: Mensch und Erde - ein Denkanstoss. Mit einem Nachwort von Jan Robert Weber. Matthes & Seitz, Berlin 2013. 62 S., Fr. 18.90.

Nota.

"In auch kritischer Absicht, versteht sich." Auch! Herr Wenzel, man kennt Sie als scharfen Kopf. Dass Ludwig Klages unter all unsern Obskuranten einer der obskursten war, ist Ihnen nur ein Auch wert? Da hatten Sie wohl einen schlechten Tag. Merke: Dem Geist wird manchmal schon ein verstimmter Magen zum Widersacher.
JE

Sonntag, 17. November 2013

Das evangelische Pfarrhaus.

aus NZZ, 6. 11. 2013

Öffentliches Leben
Das evangelische Pfarrhaus in einer kulturgeschichtlichen Ausstellung in Berlin

von Cord Aschenbrenner 

Das evangelische Pfarrhaus wird von Mythen umrankt. Eine kulturgeschichtliche Ausstellung im Deutschen Historischen Museum in Berlin eröffnet interessante Einblicke in das Innere eines «gläsernen Hauses». 

Lässt sich ein Mythos ausstellen? - Wohl kaum. Jedenfalls nicht so, dass alle seine Geheimnisse gelüftet würden. Sehr nahe kommen kann man ihm aber schon. Mit diesem Gefühl verlässt man eine überaus gelungene Ausstellung zur Kulturgeschichte des evangelischen Pfarrhauses, die das Deutsche Historische Museum in Berlin zeigt. Inmitten der in grossen Teilen bekennend neuheidnischen deutschen Hauptstadt versuchen die Ausstellungsmacher, das «Leben nach Luther», wie der leicht mysteriöse Titel der Schau lautet, darzustellen. «Ein bisschen tricky» sei der, gibt der Kurator Bodo-Michael Baumunk zu, nämlich gewissermassen eine Anspielung auf den Luther-Hype des 19. Jahrhunderts, der den «deutschen» Reformator auch als Begründer des «deutschen» Pfarrhauses sehen wollte - der er nicht war.

Luther und die Seinen

Weder war Martin Luther Pfarrer - er war vielmehr Theologieprofessor -, noch war er der erste Mönch und Prediger seiner Zeit, der eine Ehe einging. Ist dies geklärt, lässt sich die Überschrift der Ausstellung auch ganz nüchtern lesen, als Hinweis auf die Zeitspanne, um die es geht - immerhin bald fünfhundert Jahre. Ganz ohne Luther, vielmehr ohne das idealisierte Bild, welches die deutschen Protestanten sich von ihm, seiner Familie und dem vermeintlichen Lutherschen Pfarrhaus gemacht haben, geht es natürlich dennoch nicht.

Mitverantwortlich dafür ist auch der Kupferstecher Carl August Schwerdgeburth. Sein Stahlstich «Luther im Kreise seiner Familie zu Wittenberg am Christabend 1536» [s. o.] hat die Vorstellung davon, wie es im Hause Luther nicht nur am Weihnachtsabend, sondern stets zugegangen sein mag und wie es auch weiterhin in einem ordentlichen Pfarrhaushalt zuzugehen habe, im 19. Jahrhundert massgeblich geprägt. Der Reformator im Kreise seiner zahlreichen Lieben, fromm die Laute schlagend und andächtig auf den Weihnachtsbaum blickend, unter dem einige, aber nicht zu viele Gaben liegen - dieses bürgerliche Glück im Winkel aus Bescheidenheit, Hausmusik, vielen Kindern und Gästen prägte bis weit ins 20. Jahrhundert hinein die Vorstellung vom idealen, efeu- und mythenumwobenen Pfarrhaus.

Jedenfalls im deutschsprachigen Raum und in Skandinavien. Anders sah es in England aus. Die anglikanischen Geistlichen des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts dürften mit der ostentativen Bescheidenheit, die viele lutherische Pastoren pflegten, wenig anzufangen gewusst haben. Zwar waren sie, genau wie ihre deutschen oder schwedischen Kollegen, noch von Pfründen abhängig, diese aber hatten sich durch die Umwandlung von dörflichem Gemeindeland in Privatbesitz stark vergrössert. So war es auch für Söhne der Landed Gentry attraktiv, Pfarrer zu werden; aber auch die Geistlichen anderer sozialer Herkunft gaben sich oft, als gehörten sie zu den Besitzenden. Das Bild des Reverend W. Parker als Teilnehmer einer Parforcejagd - undenkbar in Preussen - legt davon ein bemerkenswertes Zeugnis ab.

 
Richard Dodd Widdas, Reverend Parker

Überhaupt die Bilder. Die Kuratoren der Ausstellung haben keine Mühen gescheut, die Bewohner und den Geist des Pfarrhauses sichtbar werden zu lassen. Zusammengekommen sind so einige der schönsten, auch skurrilsten Bilder zum Thema, von denen bisher nur Fachleute, Besucher entlegener Kirchlein oder gut verborgener kirchlicher Kunstsammlungen gewusst haben dürften. So das «Riefelbild» von 1650 aus der Kirche von Breklum in Nordfriesland, das - je nach Standpunkt des Betrachters - Pastor Petrus Pauli, der fast sechzig Jahre in seiner Gemeinde amtierte, oder aber seine Ehefrau Maria zeigt. Der Rolle der «Frau Pastor» angemessen, ohne die so mancher geistliche Herr nicht weit gekommen wäre, ist die Pfarrfrau auf vielen Bildern präsent. 

"Riefelbild" von 1650 aus der Kirche von Breklum in Nordfriesland

Auch auf dem Gemälde, welches das Königreich Württemberg 1867 in die Pariser Weltausstellung schickte: «Empfang eines neuen Pfarrers durch seine Gemeinde im Schwarzwald». Ein junges Pfarrerehepaar tritt dort anmutig-edel einer hocherfreuten Menschenschar entgegen, umspielt von Kindern und Schafen - ein Bild zu schön, um wahr zu sein. Von anderem Kaliber ist das Gemälde eines Gottesdienstes im Freien des finnischen Impressionisten Albert Edelfelt, dessen Realismus - der gesammelt wirkende Pastor, die lauschende Gemeinde - fast etwas Ergreifendes hat. Amüsant andererseits ist das Bild, dessen Thema die häusliche Katechismusprüfung durch den Pastor ist. Im Schwedischen trug diese Prüfung den sprechenden Namen «Husförhör» - Hausverhör. Anschliessend, so zeigt es ein anderes Bild, wurde der Verhörende zu Tisch gebeten.

Husförhör

Die Stationen der Ausstellung, etwa «Amt und Habitus» oder «(Seelen-)Haushalt» mit vielfältigen Exponaten, lassen eindrucksvoll erahnen, was das Pfarrhaus schon lange und bis heute auch ausmacht: nämlich oftmals eine Überforderung für den Pfarrer oder, seit der Mitte des 20. Jahrhunderts, auch die Pfarrerin - durch die Verknüpfung von Amt und Privatleben. Und ebenso für die Familie in ihrer aller «gläsernem Haus», wie das nach allen Seiten offene Pfarrhaus gerne genannt wird. Zusammen waren der Pastor und die Seinen einem Leistungs- und Gewissensdruck unterworfen, der sich sowohl aus den eigenen Normen und Erwartungen als auch aus denen der Gemeinde speiste. Was die Gemeindemitglieder angeht: Einerseits versuchte man so zu sein, wie die Pfarrersleute auf ihrem «Sakralhügel» sein sollten, nämlich edel, hilfreich und gut. Andererseits lauerte dieselbe Gemeinde nicht selten geradezu darauf, dass im tugendhaft sein sollenden Pfarrersleben etwas schiefging. Eine nicht ungefährliche Mischung, die mit dazu beitrug, dem Pfarrhaus als sowohl idealisiertem als auch handfest diesseitigem Ort eine gewisse Spannung und Lebendigkeit zu erhalten.


Gutes Ende

Das Leben und dessen Spannungen unversehrt ins Museum transportiert zu haben, ist ein grosses Verdienst dieser Ausstellung; auch gerade in jenen Teilen, in denen es weniger um äussere Anmutung, um Milieu und Pfarrhaus-Typisches zwischen Beffchen und Bienenzucht geht als vielmehr um Bekenntnis und Politik. Gezeigt wird die wechselvolle Geschichte bis hin zum guten Ende an den Kabinettstischen des vereinigten Deutschland. Dort nahmen entweder die Pastoren selbst Platz oder aber ihre Töchter und Söhne, die die in sie gesetzten grossen Erwartungen einlösten. Dass der SED-Staat durch die den Pfarrersfamilien aufgezwungene Nischenexistenz selbst für deren Politisierung gesorgt und unfreiwillig die Tradition der Gewinnung der Eliten aus dem Pfarrhaus befördert hatte, ist eine schöne Ironie in der Geschichte dieses alten Hauses.

Leben nach Luther. Eine Kulturgeschichte des evangelischen Pfarrhauses. Deutsches Historisches Museum, Berlin. Bis 2. März 2014. Der empfehlenswerte Katalog gleichen Titels kostet im Museum € 25.-.


Nota.

In den Dörfern und Kleinstädten der norddeutschen Tiefebene war der lutherische Pastor neben, d. h. vor dem Arzt und dem Apotheker der einzige Intellektuelle, und da er, anders als jene, ein offenes Haus zu führen hatte, war das Pfarrhaus neben dem Gutshaus der einzige kulturelle Pol auf dem Lande. Da geht es einem kalt den Rücken runter, wenn man diesen Satz denkt. Aber gerecht ist es nicht. Denn das immerhin war es.
JE