Donnerstag, 3. November 2016

Kaum zu glauben.


„Welcher ihrer Amtskollegen in der EU soll denn Europa zusammenhalten, wenn sie fällt? Da ist weit und breit niemand in Sicht. Deshalb bete ich jeden Tag dafür, dass die Bundeskanzlerin gesund bleibt.“ 

Winfried Kretschmann

*

Dass ich auf meinem Block einmal Propaganda für eine CDU-Kanzlerin und gar ihren Finanzminister mache, habe ich mir nicht träumen lassen. Aber dass ich nun auch noch einen grünen Amtsträger zitiere, kann ich fast schon nicht mehr glauben.


 

Die Antike ging früher unter als gedacht.


Ephesos, Agora
 aus derStandard.at, 19. Oktober 2016, 14:13


Ephesos: Münzfund weist auf Ära der Veränderung hin

Ephesos/Wien – Die von der Türkei angeordnete vorzeitige Einstellung der von österreichischen Archäologen geleiteten Arbeiten im antiken Ephesos erscheint wissenschaftlich umso bedauerlicher, betrachtet man die Ergebnisse der Forschungen. Denn auch in der heurigen Grabungssaison waren wieder wichtige Entdeckungen gelungen: Der Fund eines Münzdepots etwa gebe Aufschluss darüber, wann das einstige Stadtzentrum der antiken Metropole übersiedelt wurde, teilte das Archäologische Institut mit.

Bei den 160 Münzen, die sich wohl ursprünglich in einem Beutel befanden, handle es sich um eine ungewöhnliche Entdeckung von besonderer Bedeutung, erklärte die Direktorin des Österreichischen Archäologischen Institut (ÖAI) der Akademie der Wissenschaften (ÖAW), Sabine Ladstätter. Die Münzen wurden vermutlich am Fundort vor Fremden versteckt. Da die Archäologen in einem schmalen Mauerspalt der Säulenhalle (Stoa) des Platzes der Oberen Agora fündig wurden, lassen sich daraus wichtige Schlüsse über die Entwicklung der heute in der Westtürkei gelegenen Stadt ziehen.

Neue Einblicke

Die Obere Agora bildete nämlich über lange Zeit hinweg das städtische Zentrum. Da der Beutel mit dem Geld aber nur von oben in den Spalt gelegt worden sein kann, müsse man davon ausgehen, dass zu diesem Zeitpunkt um das Jahr 520 unserer Zeitrechnung die ehemals repräsentative Säulenhalle schon weitgehend abgetragen war.

Münze aus der Zeit von Kaiser Anastasius I. (491‒518)

Dass die Bewohner die früher wichtigen großen Bereiche der Oberstadt nicht mehr gebraucht haben, die Stadt um diese Zeit insgesamt deutlich kleiner geworden ist und sich das Zentrum in Richtung Hafen verlagert hat, war den Wissenschaftern bereits bekannt. "Dass das bereits um 520 passiert ist, ist für unsere Vorstellungen schon sehr früh. Da stand Ephesos noch in absoluter Blüte, trotzdem wurde das kaiserzeitliche Stadtzentrum schon abgetragen. Das sagt uns auch viel über die Mentalitätsgeschichte", so Ladstätter.

Denn die Aufgabe des Zentrums des öffentlichen Lebens und der Verwaltung markiere eine tiefgreifende Veränderung in der Bevölkerung: "Das Stadtbild war nicht mehr von den alten öffentlichen Einrichtungen, sondern schon stark von den christlichen Kirchen geprägt, um die sich das städtische Leben dann angesiedelt hat. Der antike Charakter von Ephesos wird damit eigentlich aufgegeben", sagte die Leiterin der österreichischen Grabungen.

Die im Rahmen eines Kooperationsprojekts der Universität Regensburg mit dem ÖAI gefundenen Münzen geben aber auch Aufschlüsse über die weitreichenden wirtschaftlichen Verbindungen: "Die Zusammensetzung des Hortfundes (mehrere gleichzeitig niedergelegte, vergrabene oder versenkte Münzen, Anm.) belegt letztendlich intensive Handelsbeziehungen von Ephesos mit Nordafrika auch nach der vandalischen Eroberung. Nur so ist erklärbar, dass Münzen mit Porträts der Könige Thrasamund und Hildirich neben jenen der byzantinischen Kaiser Anastasius und Zeno zirkulierten", erklärte der Numismatiker Nikolaus Schindel von der ÖAW.


 
Hintergrund

Die österreichischen Grabungen in Ephesos finden seit 1895 statt. An dem archäologischen Großprojekt beteiligen sich alljährlich um die 250 Wissenschafter aus bis zu 20 Ländern. Auslöser für den vom türkischen Außenministerium angeordneten Stopp der heurigen Grabungskampagne mit 31. August waren diplomatische Verstimmungen zwischen Ankara und Wien im Zuge des gescheiterten Putsches in der Türkei. Die Entscheidung hatte in der Wissenschaftscommunity Bestürzung ausgelöst, Wissenschaftsminister Reinhold Mitterlehner (ÖVP) wandte sich daraufhin in einem Schreiben an den türkischen Kulturminister Nabi Avci.

Seitens des ÖAI sei man trotz dieser Entwicklungen jedoch damit beschäftigt, wie immer am Ende des Jahres den Antrag für die Grabung im kommenden Jahr bei den türkischen Behörden einzureichen, sagte Ladstätter. "Wir planen das wie gehabt, beginnen aber ab Mitte November parallel dazu mit Gesprächen mit unseren türkischen Kollegen, um abzuschätzen, ob es uns erlaubt wird zu arbeiten", so die ÖAI-Leiterin. (APA, red.)


Link
ÖAI

Nota. - Man mag in Ephesos auch nicht den beginnenden Druck der Völkerwanderung für den Untergng der antiken Kultur verantwortlich machen. Das wirft Fragen auch zum Westreich auf: Konnten die germanischen Heere Italien, Gallien und die illyrischen Provinzen nur deshalb so leicht überrollen, weil das Christentum die antike Res publica von innen schon zersetzt hatte?

Die Rolle, die Stadtflucht, Villensystem und Klientifzierung der Bauernschaft für den Niedergang der staatlichen Insitutionen - oder umgekehrt, wie man will - und das Aufkommen der Feudalität gespielt haben, wird schon lange diskutiert. Wenn in den folgenden Jahrhunderten im Westreich von den öffentlichen Strukturen schließlich nur die Bischofssitze Bestand hatten - lag das vielleicht auch daran, dass sie zuvor die Autorität der weltlichen Verwaltungen untergraben hatten?
JE 


 

Mittwoch, 2. November 2016

Pioniere aus dem Nahen Osten.

 aus Der Standard, Wien, 2. November 2016, 13:03

Pioniersiedlung erweist sich als frühes Technologiezentrum 
Ausgrabungen nahe Ephesos geben Einblicke in das Leben der ersten Siedler in der frühen Kupferzeit

Wien/Ephesos – Seit 2007 erforschen österreichische Wissenschafter den prähistorischen Siedlungshügel Cukurici Höyük nahe dem antiken Ephesos in der heutigen Türkei. Dabei entpuppte sich die vor 9.000 Jahren gegründete "Pioniersiedlung", wie sie die Archäologin Barbara Horejs bezeichnet, gewissermaßen als hoch spezialisiertes, gut vernetztes frühes Technologiezentrum und Stadt-Vorläufer.

Mit diesem besonderen Ort in der heutigen Westtürkei beschäftigte sich ein Team von rund fünfzig Wissenschaftern verschiedenster Disziplinen in den vergangenen Jahren sehr eingehend. "Eines der überraschendsten Ergebnisse war sicherlich die extrem frühe Ansiedlung an diesem Ort", erklärte Horejs, die als Direktorin des Instituts für Orientalische und Europäische Archäologie (OREA) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) die Forschungsarbeiten zwischen 2011 und 2016 leitete.

Die Anfänge

Auf Basis der vielfältigen Analysen sei nun klar, dass prähistorische Siedler oder Kolonisten Cukurici Höyük vor 9.000 Jahren vom Orient aus über den Seeweg erreichten und auch ihre Lebensweise, Kultur und Technik mitbrachten. Diese fähigen Seefahrer waren gleichzeitig auch die "frühesten Ackerbauern" am Rande Europas, so Horejs. "Sie bringen ihr gesamtes Know-how, die neue Gesellschaftsform und neue Wirtschaftsform mit." Vergleichbar sei die Siedlung, die zusammen mit den nur einen Kilometer entfernten Ausgrabungsstätten in Ephesos seit 2015 zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt, mit lediglich vier bis fünf weiteren Orten im gesamten ägäischen Raum.

 Dörrplattformen (oben) und Speicherbau: Rekonstruierter Alltag in einer spätkupferzeitlichen Siedlung.

An ihrem neuen Heimatort trafen die Siedler vermutlich auf regionale Jäger und Sammler-Gruppen, die aber ebenfalls bereits die nautisch durchaus anspruchsvolle Inselwelt der Ägäis befahren haben. Dass es schon damals regen Austausch in diese Richtung gab, belegt der spektakuläre Fund mehrerer 9.000 Jahre alter "Obsidian-Klingen". Dieses vulkanische Glas stammte nämlich von der etwa 300 Kilometer entfernten Ägäis-Insel Melos. Zu Werkzeugen verarbeitet wurde der Rohstoff allerdings erst in Cukurici Höyük. Das lasse auf hohes handwerkliches Können der dort ansässigen Menschen und eine erstaunliche Spezialisierung schließen.

Bronzezeitlicher Wirtschaftsstandort

Über vier Jahrtausende hinweg entwickelte sich der Ort weiter und spätestens am Beginn der Bronzezeit ab 3.000 vor unserer Zeitrechnung war der Siedungshügel ein dicht besiedelter florierender Wirtschaftsstandort mit mehrräumigen Gebäuden mit Mauern aus Stein und Lehmziegeln. Ackerbau, Viehhaltung und maritime Fischerei – das zeigen etwa Funde von Muscheln und Fischknochen – ernährten die schon stark arbeitsteilig organisierte wachsende Bevölkerung in diesem Vorläufer städtischer Siedlungen. Wirtschaftliche Schwerpunkte lagen auf Textilproduktion und Metallherstellung.


Letztere war offenbar eine besondere Stärke der Bewohner: Während im zur gleichen Zeit entstandenen Troja lediglich 18 Metallobjekte gefunden wurden, "sind es bei uns insgesamt 400", sagte Horejs. Das zeige, welche Bedeutung dieses Metallurgie-Zentrum hatte. Wo aber das Erz für diese "zwischen der Donau und Mesopotamien einzigartige Kupferproduktion" herkam, sei noch nicht geklärt. Denn Kupfer-Lagerstätten in der Umgebung habe man noch nicht entdeckt, so die Archäologin.

Offene Fragen

Bis ungefähr 5.000 Jahre vor unserer Zeit könne man die Geschichte der Bewohner des Cukurici Höyük mittlerweile relativ gut nachvollziehen. Es seien aber noch viele Fragen offen, darunter auch, was mit der Bevölkerung danach passiert ist. Im Gegensatz zum antiken Ephesos, wo unter österreichischer Leitung bereits seit dem späten 19. Jahrhundert geforscht wird, setze man sich eben erst seit zehn Jahren mit der Urgeschichte in der Region auseinander, gab Horejs zu bedenken: "Uns fehlen auch die Hinweise, warum diese Siedlung aufgegeben wurde. Es gibt in dem Raum für uns und weitere Generationen noch viel Forschungspotenzial."



Trotz des Ende August vom türkischen Außenministerium aufgrund der diplomatischen Verstimmungen zwischen Ankara und Wien verhängten Stopps der heurigen Grabungskampagne zeigte sich die Wissenschafterin "grundsätzlich positiv optimistisch", dass man am Ort weiterforschen wird können.

Bisher haben sich immerhin Wissenschafter aus mehr als zehn Ländern an der Aufarbeitung der reichen Vergangenheit von Cukurici Höyük beteiligt. Alleine am OREA entstanden bisher über fünfzig Publikationen und weitere sollen folgen. Zum Abschluss des neben dem ERC auch vom österreichischen Wissenschaftsfonds FWF unterstützen Projekts "Prehistoric Anatolia" ist auch ein Kurzfilm entstanden. (APA, red,)

Wien/Ephesos – Seit 2007 erforschen österreichische Wissenschafter den prähistorischen Siedlungshügel Cukurici Höyük nahe dem antiken Ephesos in der heutigen Türkei. Dabei entpuppte sich die vor 9.000 Jahren gegründete "Pioniersiedlung", wie sie die Archäologin Barbara Horejs bezeichnet, gewissermaßen als hoch spezialisiertes, gut vernetztes frühes Technologiezentrum und Stadt-Vorläufer. - derstandard.at/2000046828780/Pioniersiedlung-erweist-sich-als-fruehes-Technologiezentrum
Pioniersiedlung erweist sich als frühes Technologiezentrum 2. November 2016, 13:03 4 Postings Ausgrabungen nahe Ephesos geben Einblicke in das Leben der ersten Siedler in der frühen Kupferzeit - derstandard.at/2000046828780/Pioniersiedlung-erweist-sich-als-fruehes-TechnologiezentrumPioniersiedlung erweist sich als frühes Technologiezentrum 2. November 2016, 13:03 4 Postings Ausgrabungen nahe Ephesos geben Einblicke in das Leben der ersten Siedler in der frühen Kupferzeit - derstandard.at/2000046828780/Pioniersiedlung-erweist-sich-als-fruehes-Technologiezentrum
Wien/Ephesos – Seit 2007 erforschen österreichische Wissenschafter den prähistorischen Siedlungshügel Cukurici Höyük nahe dem antiken Ephesos in der heutigen Türkei. Dabei entpuppte sich die vor 9.000 Jahren gegründete "Pioniersiedlung", wie sie die Archäologin Barbara Horejs bezeichnet, gewissermaßen als hoch spezialisiertes, gut vernetztes frühes Technologiezentrum und Stadt-Vorläufer. Mit diesem besonderen Ort in der heutigen Westtürkei beschäftigte sich ein Team von rund fünfzig Wissenschaftern verschiedenster Disziplinen in den vergangenen Jahren sehr eingehend. "Eines der überraschendsten Ergebnisse war sicherlich die extrem frühe Ansiedlung an diesem Ort", erklärte Horejs, die als Direktorin des Instituts für Orientalische und Europäische Archäologie (OREA) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) die Forschungsarbeiten zwischen 2011 und 2016 leitete. Die Anfänge Auf Basis der vielfältigen Analysen sei nun klar, dass prähistorische Siedler oder Kolonisten Cukurici Höyük vor 9.000 Jahren vom Orient aus über den Seeweg erreichten und auch ihre Lebensweise, Kultur und Technik mitbrachten. Diese fähigen Seefahrer waren gleichzeitig auch die "frühesten Ackerbauern" am Rande Europas, so Horejs. "Sie bringen ihr gesamtes Know-how, die neue Gesellschaftsform und neue Wirtschaftsform mit." Vergleichbar sei die Siedlung, die zusammen mit den nur einen Kilometer entfernten Ausgrabungsstätten in Ephesos seit 2015 zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt, mit lediglich vier bis fünf weiteren Orten im gesamten ägäischen Raum. An ihrem neuen Heimatort trafen die Siedler vermutlich auf regionale Jäger und Sammler-Gruppen, die aber ebenfalls bereits die nautisch durchaus anspruchsvolle Inselwelt der Ägäis befahren haben. Dass es schon damals regen Austausch in diese Richtung gab, belegt der spektakuläre Fund mehrerer 9.000 Jahre alter "Obsidian-Klingen". Dieses vulkanische Glas stammte nämlich von der etwa 300 Kilometer entfernten Ägäis-Insel Melos. Zu Werkzeugen verarbeitet wurde der Rohstoff allerdings erst in Cukurici Höyük. Das lasse auf hohes handwerkliches Können der dort ansässigen Menschen und eine erstaunliche Spezialisierung schließen. Bronzezeitlicher Wirtschaftsstandort Über vier Jahrtausende hinweg entwickelte sich der Ort weiter und spätestens am Beginn der Bronzezeit ab 3.000 vor unserer Zeitrechnung war der Siedungshügel ein dicht besiedelter florierender Wirtschaftsstandort mit mehrräumigen Gebäuden mit Mauern aus Stein und Lehmziegeln. Ackerbau, Viehhaltung und maritime Fischerei – das zeigen etwa Funde von Muscheln und Fischknochen – ernährten die schon stark arbeitsteilig organisierte wachsende Bevölkerung in diesem Vorläufer städtischer Siedlungen. Wirtschaftliche Schwerpunkte lagen auf Textilproduktion und Metallherstellung. Letztere war offenbar eine besondere Stärke der Bewohner: Während im zur gleichen Zeit entstandenen Troja lediglich 18 Metallobjekte gefunden wurden, "sind es bei uns insgesamt 400", sagte Horejs. Das zeige, welche Bedeutung dieses Metallurgie-Zentrum hatte. Wo aber das Erz für diese "zwischen der Donau und Mesopotamien einzigartige Kupferproduktion" herkam, sei noch nicht geklärt. Denn Kupfer-Lagerstätten in der Umgebung habe man noch nicht entdeckt, so die Archäologin. Offene Fragen Bis ungefähr 5.000 Jahre vor unserer Zeit könne man die Geschichte der Bewohner des Cukurici Höyük mittlerweile relativ gut nachvollziehen. Es seien aber noch viele Fragen offen, darunter auch, was mit der Bevölkerung danach passiert ist. Im Gegensatz zum antiken Ephesos, wo unter österreichischer Leitung bereits seit dem späten 19. Jahrhundert geforscht wird, setze man sich eben erst seit zehn Jahren mit der Urgeschichte in der Region auseinander, gab Horejs zu bedenken: "Uns fehlen auch die Hinweise, warum diese Siedlung aufgegeben wurde. Es gibt in dem Raum für uns und weitere Generationen noch viel Forschungspotenzial." Trotz des Ende August vom türkischen Außenministerium aufgrund der diplomatischen Verstimmungen zwischen Ankara und Wien verhängten Stopps der heurigen Grabungskampagne zeigte sich die Wissenschafterin "grundsätzlich positiv optimistisch", dass man am Ort weiterforschen wird können. Bisher haben sich immerhin Wissenschafter aus mehr als zehn Ländern an der Aufarbeitung der reichen Vergangenheit von Cukurici Höyük beteiligt. Alleine am OREA entstanden bisher über fünfzig Publikationen und weitere sollen folgen. Zum Abschluss des neben dem ERC auch vom österreichischen Wissenschaftsfonds FWF unterstützen Projekts "Prehistoric Anatolia" ist auch ein Kurzfilm entstanden. (APA, red, 2. 11. 2016) Nachlese Siedlerleben am Hügel in der Senke - derstandard.at/2000046828780/Pioniersiedlung-erweist-sich-als-fruehes-Technologiezentrum
Pioniersiedlung erweist sich als frühes Technologiezentrum 2. November 2016, 13:03 4 Postings Ausgrabungen nahe Ephesos geben Einblicke in das Leben der ersten Siedler in der frühen Kupferzeit Wien/Ephesos – Seit 2007 erforschen österreichische Wissenschafter den prähistorischen Siedlungshügel Cukurici Höyük nahe dem antiken Ephesos in der heutigen Türkei. Dabei entpuppte sich die vor 9.000 Jahren gegründete "Pioniersiedlung", wie sie die Archäologin Barbara Horejs bezeichnet, gewissermaßen als hoch spezialisiertes, gut vernetztes frühes Technologiezentrum und Stadt-Vorläufer. Mit diesem besonderen Ort in der heutigen Westtürkei beschäftigte sich ein Team von rund fünfzig Wissenschaftern verschiedenster Disziplinen in den vergangenen Jahren sehr eingehend. "Eines der überraschendsten Ergebnisse war sicherlich die extrem frühe Ansiedlung an diesem Ort", erklärte Horejs, die als Direktorin des Instituts für Orientalische und Europäische Archäologie (OREA) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) die Forschungsarbeiten zwischen 2011 und 2016 leitete. Die Anfänge Auf Basis der vielfältigen Analysen sei nun klar, dass prähistorische Siedler oder Kolonisten Cukurici Höyük vor 9.000 Jahren vom Orient aus über den Seeweg erreichten und auch ihre Lebensweise, Kultur und Technik mitbrachten. Diese fähigen Seefahrer waren gleichzeitig auch die "frühesten Ackerbauern" am Rande Europas, so Horejs. "Sie bringen ihr gesamtes Know-how, die neue Gesellschaftsform und neue Wirtschaftsform mit." Vergleichbar sei die Siedlung, die zusammen mit den nur einen Kilometer entfernten Ausgrabungsstätten in Ephesos seit 2015 zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt, mit lediglich vier bis fünf weiteren Orten im gesamten ägäischen Raum. An ihrem neuen Heimatort trafen die Siedler vermutlich auf regionale Jäger und Sammler-Gruppen, die aber ebenfalls bereits die nautisch durchaus anspruchsvolle Inselwelt der Ägäis befahren haben. Dass es schon damals regen Austausch in diese Richtung gab, belegt der spektakuläre Fund mehrerer 9.000 Jahre alter "Obsidian-Klingen". Dieses vulkanische Glas stammte nämlich von der etwa 300 Kilometer entfernten Ägäis-Insel Melos. Zu Werkzeugen verarbeitet wurde der Rohstoff allerdings erst in Cukurici Höyük. Das lasse auf hohes handwerkliches Können der dort ansässigen Menschen und eine erstaunliche Spezialisierung schließen. Bronzezeitlicher Wirtschaftsstandort Über vier Jahrtausende hinweg entwickelte sich der Ort weiter und spätestens am Beginn der Bronzezeit ab 3.000 vor unserer Zeitrechnung war der Siedungshügel ein dicht besiedelter florierender Wirtschaftsstandort mit mehrräumigen Gebäuden mit Mauern aus Stein und Lehmziegeln. Ackerbau, Viehhaltung und maritime Fischerei – das zeigen etwa Funde von Muscheln und Fischknochen – ernährten die schon stark arbeitsteilig organisierte wachsende Bevölkerung in diesem Vorläufer städtischer Siedlungen. Wirtschaftliche Schwerpunkte lagen auf Textilproduktion und Metallherstellung. Letztere war offenbar eine besondere Stärke der Bewohner: Während im zur gleichen Zeit entstandenen Troja lediglich 18 Metallobjekte gefunden wurden, "sind es bei uns insgesamt 400", sagte Horejs. Das zeige, welche Bedeutung dieses Metallurgie-Zentrum hatte. Wo aber das Erz für diese "zwischen der Donau und Mesopotamien einzigartige Kupferproduktion" herkam, sei noch nicht geklärt. Denn Kupfer-Lagerstätten in der Umgebung habe man noch nicht entdeckt, so die Archäologin. Offene Fragen Bis ungefähr 5.000 Jahre vor unserer Zeit könne man die Geschichte der Bewohner des Cukurici Höyük mittlerweile relativ gut nachvollziehen. Es seien aber noch viele Fragen offen, darunter auch, was mit der Bevölkerung danach passiert ist. Im Gegensatz zum antiken Ephesos, wo unter österreichischer Leitung bereits seit dem späten 19. Jahrhundert geforscht wird, setze man sich eben erst seit zehn Jahren mit der Urgeschichte in der Region auseinander, gab Horejs zu bedenken: "Uns fehlen auch die Hinweise, warum diese Siedlung aufgegeben wurde. Es gibt in dem Raum für uns und weitere Generationen noch viel Forschungspotenzial." Trotz des Ende August vom türkischen Außenministerium aufgrund der diplomatischen Verstimmungen zwischen Ankara und Wien verhängten Stopps der heurigen Grabungskampagne zeigte sich die Wissenschafterin "grundsätzlich positiv optimistisch", dass man am Ort weiterforschen wird können. Bisher haben sich immerhin Wissenschafter aus mehr als zehn Ländern an der Aufarbeitung der reichen Vergangenheit von Cukurici Höyük beteiligt. Alleine am OREA entstanden bisher über fünfzig Publikationen und weitere sollen folgen. Zum Abschluss des neben dem ERC auch vom österreichischen Wissenschaftsfonds FWF unterstützen Projekts "Prehistoric Anatolia" ist auch ein Kurzfilm entstanden. (APA, red, 2. 11. 2016) Nachlese Siedlerleben am Hügel in der Senke - derstandard.at/2000046828780/Pioniersiedlung-erweist-sich-als-fruehes-Technologiezentrum
Pioniersiedlung erweist sich als frühes Technologiezentrum 2. November 2016, 13:03 4 Postings Ausgrabungen nahe Ephesos geben Einblicke in das Leben der ersten Siedler in der frühen Kupferzeit Wien/Ephesos – Seit 2007 erforschen österreichische Wissenschafter den prähistorischen Siedlungshügel Cukurici Höyük nahe dem antiken Ephesos in der heutigen Türkei. Dabei entpuppte sich die vor 9.000 Jahren gegründete "Pioniersiedlung", wie sie die Archäologin Barbara Horejs bezeichnet, gewissermaßen als hoch spezialisiertes, gut vernetztes frühes Technologiezentrum und Stadt-Vorläufer. Mit diesem besonderen Ort in der heutigen Westtürkei beschäftigte sich ein Team von rund fünfzig Wissenschaftern verschiedenster Disziplinen in den vergangenen Jahren sehr eingehend. "Eines der überraschendsten Ergebnisse war sicherlich die extrem frühe Ansiedlung an diesem Ort", erklärte Horejs, die als Direktorin des Instituts für Orientalische und Europäische Archäologie (OREA) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) die Forschungsarbeiten zwischen 2011 und 2016 leitete. Die Anfänge Auf Basis der vielfältigen Analysen sei nun klar, dass prähistorische Siedler oder Kolonisten Cukurici Höyük vor 9.000 Jahren vom Orient aus über den Seeweg erreichten und auch ihre Lebensweise, Kultur und Technik mitbrachten. Diese fähigen Seefahrer waren gleichzeitig auch die "frühesten Ackerbauern" am Rande Europas, so Horejs. "Sie bringen ihr gesamtes Know-how, die neue Gesellschaftsform und neue Wirtschaftsform mit." Vergleichbar sei die Siedlung, die zusammen mit den nur einen Kilometer entfernten Ausgrabungsstätten in Ephesos seit 2015 zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt, mit lediglich vier bis fünf weiteren Orten im gesamten ägäischen Raum. An ihrem neuen Heimatort trafen die Siedler vermutlich auf regionale Jäger und Sammler-Gruppen, die aber ebenfalls bereits die nautisch durchaus anspruchsvolle Inselwelt der Ägäis befahren haben. Dass es schon damals regen Austausch in diese Richtung gab, belegt der spektakuläre Fund mehrerer 9.000 Jahre alter "Obsidian-Klingen". Dieses vulkanische Glas stammte nämlich von der etwa 300 Kilometer entfernten Ägäis-Insel Melos. Zu Werkzeugen verarbeitet wurde der Rohstoff allerdings erst in Cukurici Höyük. Das lasse auf hohes handwerkliches Können der dort ansässigen Menschen und eine erstaunliche Spezialisierung schließen. Bronzezeitlicher Wirtschaftsstandort Über vier Jahrtausende hinweg entwickelte sich der Ort weiter und spätestens am Beginn der Bronzezeit ab 3.000 vor unserer Zeitrechnung war der Siedungshügel ein dicht besiedelter florierender Wirtschaftsstandort mit mehrräumigen Gebäuden mit Mauern aus Stein und Lehmziegeln. Ackerbau, Viehhaltung und maritime Fischerei – das zeigen etwa Funde von Muscheln und Fischknochen – ernährten die schon stark arbeitsteilig organisierte wachsende Bevölkerung in diesem Vorläufer städtischer Siedlungen. Wirtschaftliche Schwerpunkte lagen auf Textilproduktion und Metallherstellung. Letztere war offenbar eine besondere Stärke der Bewohner: Während im zur gleichen Zeit entstandenen Troja lediglich 18 Metallobjekte gefunden wurden, "sind es bei uns insgesamt 400", sagte Horejs. Das zeige, welche Bedeutung dieses Metallurgie-Zentrum hatte. Wo aber das Erz für diese "zwischen der Donau und Mesopotamien einzigartige Kupferproduktion" herkam, sei noch nicht geklärt. Denn Kupfer-Lagerstätten in der Umgebung habe man noch nicht entdeckt, so die Archäologin. Offene Fragen Bis ungefähr 5.000 Jahre vor unserer Zeit könne man die Geschichte der Bewohner des Cukurici Höyük mittlerweile relativ gut nachvollziehen. Es seien aber noch viele Fragen offen, darunter auch, was mit der Bevölkerung danach passiert ist. Im Gegensatz zum antiken Ephesos, wo unter österreichischer Leitung bereits seit dem späten 19. Jahrhundert geforscht wird, setze man sich eben erst seit zehn Jahren mit der Urgeschichte in der Region auseinander, gab Horejs zu bedenken: "Uns fehlen auch die Hinweise, warum diese Siedlung aufgegeben wurde. Es gibt in dem Raum für uns und weitere Generationen noch viel Forschungspotenzial." Trotz des Ende August vom türkischen Außenministerium aufgrund der diplomatischen Verstimmungen zwischen Ankara und Wien verhängten Stopps der heurigen Grabungskampagne zeigte sich die Wissenschafterin "grundsätzlich positiv optimistisch", dass man am Ort weiterforschen wird können. Bisher haben sich immerhin Wissenschafter aus mehr als zehn Ländern an der Aufarbeitung der reichen Vergangenheit von Cukurici Höyük beteiligt. Alleine am OREA entstanden bisher über fünfzig Publikationen und weitere sollen folgen. Zum Abschluss des neben dem ERC auch vom österreichischen Wissenschaftsfonds FWF unterstützen Projekts "Prehistoric Anatolia" ist auch ein Kurzfilm entstanden. (APA, red, 2. 11. 2016) Nachlese Siedlerleben am Hügel in der Senke - derstandard.at/2000046828780/Pioniersiedlung-erweist-sich-als-fruehes-Technologiezentrum
Pioniersiedlung erweist sich als frühes Technologiezentrum 2. November 2016, 13:03 4 Postings Ausgrabungen nahe Ephesos geben Einblicke in das Leben der ersten Siedler in der frühen Kupferzeit Wien/Ephesos – Seit 2007 erforschen österreichische Wissenschafter den prähistorischen Siedlungshügel Cukurici Höyük nahe dem antiken Ephesos in der heutigen Türkei. Dabei entpuppte sich die vor 9.000 Jahren gegründete "Pioniersiedlung", wie sie die Archäologin Barbara Horejs bezeichnet, gewissermaßen als hoch spezialisiertes, gut vernetztes frühes Technologiezentrum und Stadt-Vorläufer. Mit diesem besonderen Ort in der heutigen Westtürkei beschäftigte sich ein Team von rund fünfzig Wissenschaftern verschiedenster Disziplinen in den vergangenen Jahren sehr eingehend. "Eines der überraschendsten Ergebnisse war sicherlich die extrem frühe Ansiedlung an diesem Ort", erklärte Horejs, die als Direktorin des Instituts für Orientalische und Europäische Archäologie (OREA) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) die Forschungsarbeiten zwischen 2011 und 2016 leitete. Die Anfänge Auf Basis der vielfältigen Analysen sei nun klar, dass prähistorische Siedler oder Kolonisten Cukurici Höyük vor 9.000 Jahren vom Orient aus über den Seeweg erreichten und auch ihre Lebensweise, Kultur und Technik mitbrachten. Diese fähigen Seefahrer waren gleichzeitig auch die "frühesten Ackerbauern" am Rande Europas, so Horejs. "Sie bringen ihr gesamtes Know-how, die neue Gesellschaftsform und neue Wirtschaftsform mit." Vergleichbar sei die Siedlung, die zusammen mit den nur einen Kilometer entfernten Ausgrabungsstätten in Ephesos seit 2015 zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt, mit lediglich vier bis fünf weiteren Orten im gesamten ägäischen Raum. An ihrem neuen Heimatort trafen die Siedler vermutlich auf regionale Jäger und Sammler-Gruppen, die aber ebenfalls bereits die nautisch durchaus anspruchsvolle Inselwelt der Ägäis befahren haben. Dass es schon damals regen Austausch in diese Richtung gab, belegt der spektakuläre Fund mehrerer 9.000 Jahre alter "Obsidian-Klingen". Dieses vulkanische Glas stammte nämlich von der etwa 300 Kilometer entfernten Ägäis-Insel Melos. Zu Werkzeugen verarbeitet wurde der Rohstoff allerdings erst in Cukurici Höyük. Das lasse auf hohes handwerkliches Können der dort ansässigen Menschen und eine erstaunliche Spezialisierung schließen. Bronzezeitlicher Wirtschaftsstandort Über vier Jahrtausende hinweg entwickelte sich der Ort weiter und spätestens am Beginn der Bronzezeit ab 3.000 vor unserer Zeitrechnung war der Siedungshügel ein dicht besiedelter florierender Wirtschaftsstandort mit mehrräumigen Gebäuden mit Mauern aus Stein und Lehmziegeln. Ackerbau, Viehhaltung und maritime Fischerei – das zeigen etwa Funde von Muscheln und Fischknochen – ernährten die schon stark arbeitsteilig organisierte wachsende Bevölkerung in diesem Vorläufer städtischer Siedlungen. Wirtschaftliche Schwerpunkte lagen auf Textilproduktion und Metallherstellung. Letztere war offenbar eine besondere Stärke der Bewohner: Während im zur gleichen Zeit entstandenen Troja lediglich 18 Metallobjekte gefunden wurden, "sind es bei uns insgesamt 400", sagte Horejs. Das zeige, welche Bedeutung dieses Metallurgie-Zentrum hatte. Wo aber das Erz für diese "zwischen der Donau und Mesopotamien einzigartige Kupferproduktion" herkam, sei noch nicht geklärt. Denn Kupfer-Lagerstätten in der Umgebung habe man noch nicht entdeckt, so die Archäologin. Offene Fragen Bis ungefähr 5.000 Jahre vor unserer Zeit könne man die Geschichte der Bewohner des Cukurici Höyük mittlerweile relativ gut nachvollziehen. Es seien aber noch viele Fragen offen, darunter auch, was mit der Bevölkerung danach passiert ist. Im Gegensatz zum antiken Ephesos, wo unter österreichischer Leitung bereits seit dem späten 19. Jahrhundert geforscht wird, setze man sich eben erst seit zehn Jahren mit der Urgeschichte in der Region auseinander, gab Horejs zu bedenken: "Uns fehlen auch die Hinweise, warum diese Siedlung aufgegeben wurde. Es gibt in dem Raum für uns und weitere Generationen noch viel Forschungspotenzial." Trotz des Ende August vom türkischen Außenministerium aufgrund der diplomatischen Verstimmungen zwischen Ankara und Wien verhängten Stopps der heurigen Grabungskampagne zeigte sich die Wissenschafterin "grundsätzlich positiv optimistisch", dass man am Ort weiterforschen wird können. Bisher haben sich immerhin Wissenschafter aus mehr als zehn Ländern an der Aufarbeitung der reichen Vergangenheit von Cukurici Höyük beteiligt. Alleine am OREA entstanden bisher über fünfzig Publikationen und weitere sollen folgen. Zum Abschluss des neben dem ERC auch vom österreichischen Wissenschaftsfonds FWF unterstützen Projekts "Prehistoric Anatolia" ist auch ein Kurzfilm entstanden. (APA, red, 2. 11. 2016) Nachlese Siedlerleben am Hügel in der Senke - derstandard.at/2000046828780/Pioniersiedlung-erweist-sich-als-fruehes-Technologiezentrum

Dienstag, 1. November 2016

Eine neue Sicht der Weltgeschichte?

aus Badische Zeitung, 2. 11. 2016                                                                               Eine Moschee und Koranschule in Taschkent

Der Reichtum des Ostens
SACHBUCH: Der Historiker Peter Frankopan legt eine Weltgeschichte vor, die nicht aus der Perspektive des Westens geschrieben ist

von Harald Loch

Die Geschichte des Westens ist oft genug als die Erfolgsgeschichte des "normativen Projekts" beschrieben worden, in dem aus Gewaltenteilung, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechten die Kernbestandteile eines sympathisch aufbereiteten Werte-Leitmodells für die ganze Welt entwickelt wurden. Blickt man auf diese Geschichte aber aus einer anderen Himmelsrichtung und setzt man die bekannten Fakten anders zusammen, so verschieben sich die Hauptlinien der Jahrtausende, die Gewichte und auch die Urteile.

Der 1971 geborene britische Historiker Peter Frankopan, der in Oxford das Zentrum für Byzantinische Studien leitet, hat jetzt diese andere Perspektive eingenommen. Er schreibt mit seinem tausendseitigen Gegenentwurf "Licht aus dem Osten" tatsächlich "Eine neue Geschichte der Welt", wie es der Untertitel des Buches verheißt.



Von den Anfängen der Geschichte bis heute reicht sein großes Werk. In der aktuellen Auseinandersetzung des Westens mit dem Iran um dessen Atomprogramm schreibt Frankopan: "Die Drohung [der USA], Gewalt gegen den Iran einzusetzen, um eine Weltordnung zu schützen, die den westlichen Interessen dient, ist nur ein weiteres Kapitel in der Geschichte des Versuchs, an einem uralten Kreuzweg der Kulturen die Stellung zu wahren. Dort steht offenbar viel zu viel auf dem Spiel, als dass man auf solche Methoden verzichten könnte."

Um diesen Kreuzweg der Kulturen geht es. Er reicht vom Mittelmeer bis nach China, von Ägypten bis Afghani- stan. Der Autor rückt die Bedeutung dieses "Ostens" schon in der antiken Welt in ein ganz anderes Licht. Für Rom waren nicht etwa Gallien, Britannien oder gar Germania wichtig, sondern die Kornkammern Nordafrikas, der Reichtum Ägyptens, Kleinasien und das damals mächtige Reich der Perser. Dort winkten Reichtum und Luxus, durch diese Regionen führten die Handelswege, die später "Seidenstraße" genannt wurden und auf denen römisches Geld gegen Luxusstoffe aus Asien getauscht wurde.


Ein Sklavenhandel in unglaublicher Größenordnung

Es wuchsen dort Kulturen im gegenseitigen Austausch, in den Steppen Asiens bildeten sich nomadisierende Völker mit hohem Organisationsgrad, die die Völkerwanderung auslösten und Europa in einen jahrhunderte- langen Winterschlaf versetzten, während der Osten durch Handel und kulturellen Austausch blühte.

Während einer Schwächephase der Hauptakteure in "Middle East" entstand wie aus dem Nichts mit dem Islam die dritte abrahamitische Religion, deren rasanter Aufschwung die nächsten Jahrhunderte von Spanien bis nach China beherrschte. Die zur Rückgewinnung der heiligen Stätten in Jerusalem unternommenen Kreuzzüge des christlichen Europas verkamen bald zu Handels- und Raubexpeditionen.

In Italien konnten sich Genua und Venedig am lukrativen Osthandel beteiligen. Der Reichtum auch anderer Metropolen an den Kreuzwegen des Orients resultierte aus einem Sklavenhandel, dessen unglaubliche Größen- ordnung Frankopan erstmals in das europäische Bewusstsein rückt. Dieser Menschenhandel verlagerte sich schließlich nach der Entdeckung Amerikas auf den Atlantik und wurde von allen seefahrenden Nationen betrieben.

Portugal und Spanien, danach die Holländer und die Briten eroberten dank ihrer aus Amerika strömenden Edelmetalle und dank besserer Waffen- und Schiffbautechnik die Vorrangstellung, die jahrhundertelang der Osten innegehabt hatte und begannen selbst, diesen Osten, besonders den indischen Subkontinent, zu erobern.

Der wurde für Großbritannien so wichtig, dass – so die plausible Erklärung Frankopans – die Angst vor einem Vordringen Russlands auf dem Landweg gegen diese Goldgrube des britischen Empires den damaligen Außen- minister Edward Grey auf den Gedanken brachte, Russlands Augenmerk von Asien auf Europa abzulenken, also auf Deutschland und Österreich zu richten. Diese Konstellation habe wesentlich zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs beigetragen. Um diese Zeit begann aber auch das Öl die Welt zu erobern, und dem Orient wuchsen neue Bedeutung und Reichtümer zu.

Frankopans überaus faktenreiches Buch ist fesselnd geschrieben, auch in der deutschen Übersetzung gut zu lesen, durch gut gewählte, typische Anekdoten aufgelockert, und es wartet durch die Urteilskraft seines Autors mit neuen, manchmal überraschenden Gewichtungen auf. Es gibt im Osten nicht das eine große Projekt, wie es die Geschichte des Westens ausmacht. Es ist die geografische Lage des Gebietes zwischen großen Völkern Asiens und Europas, es sind der zwischen diesen Regionen schon immer betriebene Handel und das oft fruchtbare Zusammentreffen unterschiedlich organisierter und kulturell orientierter Völker. Das gilt heute vielleicht noch mehr als in früheren Zeiten. Frankopans Verdienst ist es, diese Erkenntnis aus den Tiefen der Geschichte seinen Lesern bewusst zu machen.

Peter Frankopan: Licht aus dem Osten. Eine neue Geschichte der Welt. Aus dem Englischen von Michael Bayer und Norbert Juraschitz. Rowohlt Verlag, Reinbeck 2016. 941 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, 39,95 Euro.


Nota. - Was an dieser Darstellung das Besondere sein soll, ist aus der Rezension nicht ersichtlich. Dass das Abendland bis zur Entdeckung Amerikas ziemlich am Rand der Weltgeschichte stand, hat sich längsst herum- gesprochen, und nicht erst seit gestern Abend. Aber seit der Entdeckung - und Kolonisierung, bitteschön! - Amerikas ist es deren Kraftzentrum. Wie lange noch, wird sich zeigen, der Historiker hat keine Kristallkugel. 

Aber einen Sinn wird man in der Geschichte nicht erkennen, wenn man sie vom Anfang bis heute betrachtet - da muss das meiste zufällig bleiben; sondern wenn wenn man umgekehrt die Gegenwart als das zu Verstehende erkennt und, rückwärts blickend, das aufsucht, was auf das Heute hingelenkt hat, und als kontingente Rand- bedingung das zur Seite stellt, dessen Spuren sich im Lauf der Geschichte verloren haben.

Das wäre eine einseitige Sicht? Natürlich, wer von allen Seiten zugleicht blickt, kann ja nichts erkennen. Sie muss ja nicht beanspruchen, schon die endgültige zu sein, sondern nur die einstweilen gültige. In hundert Jahren wird man Grund haben, von neuen Seiten her zu blicken.
JE

Sonntag, 30. Oktober 2016

Nie wieder Wachstum?

aus nzz.ch, 29.10.2016, 05:37 Uhr

Geringes Wachstum als Normalfall
Sind die fetten Jahre vorbei?

Ist Wirtschaftswachstum nur eine Episode der Geschichte? Ein bemerkenswertes Buch argumentiert in diese Richtung. 

von Gerhard Schwarz

Es gäbe gute Gründe, sich mit etwas anderem als dem Langfristwachstum der USA zu beschäftigen. Zum einen blickt man dieser Tage nur ungern in die USA für Erhellung und Inspiration. Zum anderen sind in der Ökonomie Langzeitprognosen eine gefährlich spekulative Angelegenheit. Aber das Buch, das den Anstoss für diese Überlegungen gab, ist von so aussergewöhnlicher Breite und Tiefe und stammt von einem so bedeutenden Makroökonomen der USA, Robert J. Gordon, dass man es ernst nehmen muss, selbst wenn man nicht alles teilt. Gordon beschäftigt sich in «The Rise and Fall of American Growth» mit der Entwicklung des Lebensstandards in den USA seit dem Bürgerkrieg, aber mit Anpassungen lassen sich seine Botschaften auch auf Europa übertragen. Vier davon seien hier reflektiert.

Wachstum als Ausnahme

Erstens lautet die zentrale These Gordons, mit vielen Statistiken untermauert, die Zeit zwischen 1870 und 1970 stelle eine einmalige, nicht wiederholbare Periode in der Menschheitsgeschichte dar. Bis etwa 1770 habe der Lebensstandard während rund 100 000 Jahren praktisch stagniert, dann habe es eine deutliche Steigerung gegeben, und ab 1870 sei der Wohlstand geradezu explodiert. Diese Entwicklung sei um etwa 1970 zu einem Ende gekommen. Seither sei das Wachstum wieder gemächlicher geworden.

Für Gordon waren, zweitens, der wirtschaftliche und technische Fortschritt und die Verbesserung der realen Lebensverhältnisse in diesen einmaligen 100 Jahren deutlich bedeutsamer, als es die klassische Messgrösse des Bruttosozialprodukts zum Ausdruck bringt. Das ist eine überraschende These; meist liest man im Gegenteil, die ungenügende Berücksichtigung negativer Effekte des Wirtschaftens, etwa der Umweltverschmutzung, zeichne ein zu rosiges Bild des Wohlstands. Gordon bestreitet dies nicht, hält aber dagegen, die Fortschritte in der Medizin seien ebenfalls kaum berücksichtigt und würden die negativen Auslassungen mehr als kompensieren.

Fortschritt ist eine Frage des Ermessens 

Ebenso überraschend ist, drittens, die Behauptung, der technische Fortschritt habe sich seit 1970 verlangsamt. Das ist eine Frage des Ermessens. Sind heutige Selbstverständlichkeiten wie fliessendes Wasser bedeutsamer als die Kommunikationsrevolution des Internets? Hingegen zeigt Gordon klar, dass sich das Produktivitätswachstum ab 1970 gegenüber den «besonderen 100 Jahren» (1870–1970) markant verlangsamt hat.

In Verbindung mit der These der Nichtwiederholbarkeit der Ausnahmejahre führt dies, viertens, zu einem pessimistischen Ausblick für die nächsten 25 Jahre. Gordon erwartet ein Wachstum der Arbeitsproduktivität von 1,2 Prozent jährlich, gegenüber gut 1,6 Prozent in den letzten 45 Jahren und 2,8 Prozent zwischen 1920 und 1970.

Dramatischer sieht es beim Bruttoinlandprodukt pro Kopf aus, dessen jährliches Wachstum sich, wegen einer erwarteten Reduktion der Arbeitszeit, von 2,4 Prozent zwischen 1920 und 1970 auf 0,8 Prozent verlangsamen werde. Das verfügbare Medianeinkommen schliesslich wird sogar nur um 0,3 Prozent wachsen, in der «Boomzeit» waren es 2,25 Prozent gewesen. Solcher Pessimismus ist Liberalen zwar suspekt, aber man wird sich dem Argument nicht verschliessen können, dass in der Menschheitsgeschichte der Aufstieg des Westens eine Episode und geringes Wachstum – nicht Niedergang – möglicherweise den Normalfall darstellt.



aus Welt N24, veröffentlicht am 30.03.2016

Von Tina Kaiser, Chicago

...
Gordon gilt als Star unter den Ökonomen, als renommiertester Produktivitätsforscher weltweit. Seit 50 Jahren beschäftigt er sich mit der Frage, was die Effizienz einer Volkswirtschaft und damit auch ihr Wachstum beeinflusst. Sein Wort hat Gewicht, das macht die Prophezeiung so bedrohlich.

„Deprimierendster Ökonom des Landes“





Der jüngste Beleg dafür könnte das gerade vorgestellte iPhone SE sein. Apple-Fans zeigten sich enttäuscht über das Gerät, das kaum Neues zu bieten hat. Wenn selbst dem Technologieriesen nichts mehr einfällt, stehen die Zukunftsaussichten offensichtlich nicht allzu gut.
 
Solche Nachrichten, in Kombination mit Gordons Buch gelesen, haben das Potenzial, Millionen Amerikaner schaudern zu lassen. „The Rise and Fall of American Growth“ („Der Aufstieg und Fall des amerikanischen Wachstums“), heißt das Werk. Die „Washington Post“ nannte ihn den „deprimierendsten Ökonomen des Landes“.
 
Auf zwei Sätze reduziert lautet seine pessimistische These: Der technische Fortschritt hat seinen Zenit überschritten. Die Zeiten des kräftigen Wirtschaftswachstums sind für die USA und andere führende Industrieländer vorbei. 
 
Das große Wachstum war nur ein Ausrutscher 
 
Viele Rezensenten haben das 784-Seiten-Buch als neues Standardwerk gelobt, andere halten Gordon für einen bockigen alten Mann, der die Tragweite moderner Technologien nicht versteht. Gordon streicht mit der flachen Hand über den Tisch: „Natürlich macht man sich mit schlechten Nachrichten nicht nur Freunde.“ Er zuckt die Schultern: „Ich hab mir das nicht ausgedacht, ich ziehe nur logische Schlussfolgerungen aus den Daten.“





Quelle: Infografik Die Welt
Gordon hat minutiös aufgeführt, wie jede einzelne bahnbrechende Erfindung seit dem 19. Jahrhundert – Verbrennungsmotor, elektrisches Licht, Sanitäreinrichtungen, Flugzeug – das Leben der Amerikaner verbessert und die hat. Seinen Berechnungen zufolge wuchs die Wirtschaft zwischen 1891 und 2007 pro Kopf und Jahr durchschnittlich um zwei Prozent.
 
Wenn die USA künftig noch die Hälfte erreichen würden, könnten sie sich schon glücklich schätzen, glaubt Gordon. Das bisschen Aufschwung käme beim Einzelnen aber vermutlich nicht an, sondern würde im überschuldeten Staatshaushalt oder beim reichsten einen Prozent verschwinden. Er könnte es auch so sagen: Das große Wachstum seit der industriellen Revolution war ein Ausrutscher der Geschichte. Es geht abwärts. Nicht nur in den USA, sondern auch in Europa.
 
Tech-Industrie hält ihre Versprechen nicht
 
Die Menschen in Industrienationen haben sich daran gewöhnt, dass alles immer besser wird, der Lebensstandard von Generation zu Generation wächst. Damit ist es jetzt vorbei, sagt Gordon: „Die Generation der Millennials ist die erste, der es schlechter gehen wird als ihren Eltern.“ Junge Amerikaner bleiben deutlich länger im Elternhaus wohnen, haben mehr Probleme, ihre Studienkredite abzubezahlen, heiraten später und bekommen weniger Kinder.

Er glaubt, dass die von der Tech-Industrie beschrieene „vierte industrielle Revolution“ nichts weiter als eine Schimäre ist. Die sozialen Netzwerke, Apps, Roboter und Computer mit künstlicher Intelligenz verbesserten unsere Leben nicht im gleichen Maße wie die großen Erfindungen der Vergangenheit.
 
„Man nimmt das oft alles als selbstverständlich hin, wie sehr sich unser Alltag in den vergangenen 150 Jahren verbessert hat“, sagt Gordon. Von Generation zu Generation. Dieser Raum, sein Büro, wäre vermutlich früher im Winter zu kalt gewesen, um entspannt darin zu arbeiten, weil es keine Zentralheizung gab, und im Sommer zu heiß, weil die Klimaanlage noch nicht erfunden war. Er wäre mit einer holprigen, zugigen Kutsche zur Uni gefahren statt mit seinem leise dahingleitenden SUV. Seine Tassen hätte vermutlich seine Frau gespült, die dazu Wasser vom Brunnen ins Haus geschleppt hätte.

Von der Kutsche zum Boeing-Jet
 
„Wussten Sie, dass Frauen im 19. Jahrhundert pro Woche zwei Tage nur mit der Wäsche beschäftigt waren? Oder dass eine Hausfrau in North Carolina im Jahr 1885 durchschnittlich 35 Tonnen Wasser 148 Meilen weit getragen hat?“ Die Emanzipation der Frauen wäre ohne die Erfindung der Sanitäranlagen, Waschmaschinen und Kühlschränke niemals möglich gewesen, meint Gordon.
 
Ab 1929 begannen amerikanische Städte Kanalisationen zu bauen. Die Menschen lebten länger und gesünder, Krankheiten wie Cholera starben aus. „Bei diesen Erfindungen geht es nicht nur um Bequemlichkeit, sie haben die Welt verändert.“
 
Wenn er unterwegs ist und Vorträge hält, zeigt Gordon gerne zwei Fotos: das einer Holzkutsche und das einer Boeing 707. Die Holzkutsche steht für die Reisegeschwindigkeit des Jahres 1900. Damals fuhr man mit einem Prozent der Schallgeschwindigkeit. Die 1958 zugelassene Boeing 707, einer der ersten Langstreckenflieger der zivilen Luftfahrt, fliegt mit 80 Prozent der Schallgeschwindigkeit. „Unsere maximale Reisegeschwindigkeit hat sich also in rund 60 Jahren verachtzigfacht, seitdem aber nicht mehr groß erhöht.“
Gordon mag Facebook nicht
 
Diesen Teil seiner Analyse zweifelt niemand an. Die große Frage aber ist, ob man mit einem Blick in die Vergangenheit wirklich die Zukunft voraussagen kann. Gordon glaubt daran.
 
Der Professor sagt, dass Computer, Internet, Smartphones oder Dienste wie Facebook und die Taxi-App Uber das Leben zwar erleichtern. Er glaubt allerdings auch, dass die größten Erfindungen des Computer-Zeitalters schon hinter uns liegen. Das berühmte mooresche Gesetz, demzufolge sich die Rechnerkapazität alle ein bis zwei Jahre verdoppelt, gelte in Zukunft nicht mehr.
 
Der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman schrieb neulich, Gordon sei vielleicht zu alt, um zu verstehen, wie soziale Medien das Leben der Menschen verändert haben. Gordon gibt offen zu, dass er kein Technik-Freak ist. Er habe einen Laptop, seit zwei Jahren auch ein Smartphone und schreibe viele E-Mails, aber Facebook oder Twitter seien nichts für ihn.

Prominente Unterstützer
 
Das wäre vielleicht anders, wenn er und seine Frau Julie – eine promovierte Dozentin für englische Literatur an der Universität Chicago – Kinder und Enkelkinder hätten. „Dann gäbe es etwas zu gucken für uns.“ Das Modernste, das er für die Recherche seines Buches benutzt habe, seien Post-it-Zettel gewesen, scherzt er.
 
Der Professor mag schrullig wirken, ganz besonders in dem Moment, als während des Gesprächs sein iPhone klingelt, er hektisch auf dem Gerät herumdrückt und etwas peinlich berührt zugibt, dass er auch nach zwei Jahren nicht herausgefunden hat, wie man bei dem Ding den Ton ausstellt. Aber man sollte ihn trotzdem ernst nehmen.
 
Bekannte US-Ökonomen wie Tyler Cowen oder Chad Syverson kommen zu ähnlichen Schlüssen. Selbst aus dem Silicon Valley bekommt Gordon Unterstützung. Peter Thiel, einer der wichtigsten Risikokapitalgeber der Tech-Branche, machte schon 2011 seinem Frust mit einem pessimistischen Zukunftsmanifest Luft. Der Titel lautete: „Wir wollten fliegende Autos und haben 140 Zeichen bekommen.“ Twitter-Posts haben maximal 140 Zeichen.
Freund und Kritiker
 
Im Gegensatz zu Gordon glaubt Brynjolfsson, das „zweite Zeitalter der Maschinen“ liege noch vor uns. Er hält den Computer für eine ebenso grundlegende Erfindung wie die Elektrizität und argumentiert, dass sich in den ersten 30 Jahren nach Einführung des Stroms die Produktivität zunächst kaum verbesserte, weil Fabrikanten lediglich die Dampfmaschinen durch elektrische Motoren ausgetauscht hatten. Erst als die Arbeitsprozesse und die Funktionsweise der Maschinen angepasst wurden, kam der große Boom.
 
Mit dem Computer-Zeitalter wird es ähnlich verlaufen, glaubt Brynjolfsson. Die Tech-Industrie befinde sich am Anfang einer Wachstumskurve, die zunächst sehr flach ansteigt und in einigen Jahren durch die Decke gehen wird. Eines seiner liebsten Beispiele ist das selbstfahrende Auto, das Wissenschaftler vor zehn Jahren noch für unmöglich gehalten hatten, und das jetzt schon als Prototyp fährt.

Roboter beherrschen einfachste Tätigkeiten nicht
 
An diesem Punkt wird der Professorenstreit zur Glaubensfrage. Gordon ist überzeugt, der Übergang zum fahrerlosen Auto lasse sich nie und nimmer mit dem Wechsel von der Kutsche aufs Automobil vergleichen. Brynjolfsson dagegen träumt von einer Welt, in der es dank der selbstfahrenden Autos keine Staus, keine Unfälle, und keine LKW- und Taxifahrer mehr gibt.
 
Gordon findet, Brynjolfsson fehle der nötige Abstand, um die neuen Technologien nüchtern zu betrachten. Der treibe sich doch ständig im Silicon Valley rum, schaue sich all die neuen Roboter, den IBM-Superrechner Watson und die Erfindungen an, an denen Google & Co. in ihren Laboren basteln und sei „begeistert wie ein Kind im Süßigkeitenladen“.
 
Gordon sagt das nicht abfällig, sondern geradezu liebevoll über seinen Freund. Aber diese Roboter könnten nicht mal einfachste Tätigkeiten wie Wäsche zusammenlegen. Von wenigen Ausnahmen wie Kassenautomaten im Supermarkt oder Check-in-Automaten am Flughafen, sagt Gordon, werde die Arbeit in der Dienstleistungsbranche immer noch von Menschen erledigt. „Dabei wurde der Computer schon 1942 erfunden.“

Wirbel um die Endzeit-Theorie
 
Er behaupte ja keineswegs, es sei gar keine Innovation mehr vom Computerzeitalter zu erwarten. Das zarte Wachstum werde aber ausgebremst, unter anderem von der demografischen Alterung.

Gordon, ein Anhänger der Demokraten, der bei den Vorwahlen für Hillary Clinton gestimmt hat, kommt aus einer politisch interessierten Ökonomenfamilie. Seine Eltern Robert Aaron und Margaret berieten als Arbeitsmarktexperten die Regierung. Sein Bruder David war bis zu seinem Tod ein marxistischer Wirtschaftswissenschaftler an der New School in New York. Jeder der Professoren Gordon legte viel Wert darauf, nicht nur im Elfenbeinturm zu forschen.
 
Der letzte Gordon ist da genauso. Er freut sich über den Wirbel um seine Endzeit-Theorie. Auf seine alten Tage ist der weißhaarige Mann mit der Vorliebe für bequeme Strickpullis und Gesundheitsschuhe auch noch einem breiteren Publikum in den USA bekannt geworden. Trotzdem glaubt man ihm, wenn er sagt: „Ich wäre hocherfreut, wenn ich mich irre.“
 
 
Nota. - Das ist in der Tat bemerkenswert, dass ein Ökonom den Fortschritt nicht einfach am Wachstum des Bruttoinlandsprodukts misst, sondern an qualitativen Kriterien des Lebensstandards. Und da kommt er ganz richtig zu dem Ergebnis, dass der Fortschritt der Menschheit unter der Herrschaft des Kapitalismus - denn das waren die letzten 200 Jahre - viel größer war, als er sich in Geldwert ausdrücken lässt.
 
Aber quantifizieren will auch Gordon den Fortschritt; nur dass er ihn nicht, wie bei Ökonomen üblich, in den in Geld gemessenen Tauschwerten, sondern in den Gebrauchswerten quantifizieren will, was freilich ein Unding ist. Wie will man den Rückgang von Krankheiten, das bessere und schmackhaftere Essen, die wohlfeile Massenunterhaltung und die zunehmend allen zugängliche Spitzenkultur gegeneinander aufwiegen? Da müsste man schätzen, und das ist eine Sache des Geschmacks (im allerweisteten Sinn).

Doch nehmen wir für einen Moment an, die Lebensqualität ließe sich quantifizieren. Wäre nicht anzunehmen, dass es uns irgendwann reicht? Die Soffwechselkapazität der Individuen ist biologisch beschränkt. Zwar ist die Schranke noch lange nicht in aller Welt erreicht, aber die verbleibende Lücke ließe sich auch bei verlangsamten Wachstum nach und nach schließen. Das dauert eine Weile, wenn das jährliche Wachstum des Reichtums das Anwachsen der Bevölkerung nur noch um 0,3 Prozent übersteigt. Aber wie das Längenwachstum der Menschen und auch ihr erreichbares Höchstalter irgendwann an eine natürlich Grenzen stoßen werden, so auch ihr komsumtives Fassungsvermögen.
 
Und dann wird sich zeigen: Die wahre Ökonomie ist gar nicht die unablässige Steigerung des Outputs, sondern - die Ersparnis von Zeit. 
 
Das war der eigentliche Auslöser des historischen Wachstum der vergangen zwei Jahrhunderte: die Explosion von Wissenschaft und Technologie, die, indem sie ununterbrochen Arbeitszeit einsparte, Zeit frei machte für - zusätzliche Arbeit: Mehrarbeit. Die Frage an die Industrie 4.0 ist heute gar nicht, ob sie erheblich mehr, auch nicht, ob sie erheblich Besseres produziert. Die Frage nach dem wirtschaftlichen Fortschritt wird sich in der Zukunft daran entscheiden, ob er Arbeitszeit freisetzt, indem er menschliche Arbeit immer überflüssiger macht - und daher nicht in Mehrarbeit verwandelt, sondern in freie Zeit. 
 
Und das wird nicht nur ein wirtschaftlicher, sondern ein kultureller, eigentlich: der kulturelle Forstschritt der Menschheitsgeschichte sein: Wir werden uns nicht mehr darüber streiten müssen, wer wieviel abbekommt, sondern darüber, was wir tun wollen.
JE