„Welcher ihrer Amtskollegen in der EU soll denn Europa zusammenhalten,
wenn sie fällt? Da ist weit und breit niemand in Sicht. Deshalb bete ich
jeden Tag dafür, dass die Bundeskanzlerin gesund bleibt.“ Winfried Kretschmann * Dass ich auf meinem Block einmal Propaganda für eine CDU-Kanzlerin und gar ihren Finanzminister mache, habe ich mir nicht träumen lassen. Aber dass ich nun auch noch einen grünen Amtsträger zitiere, kann ich fast schon nicht mehr glauben.
Ephesos: Münzfund weist auf Ära der Veränderung hin
Ephesos/Wien
– Die von der Türkei angeordnete vorzeitige Einstellung der von
österreichischen Archäologen geleiteten Arbeiten im antiken Ephesos
erscheint wissenschaftlich umso bedauerlicher, betrachtet man die
Ergebnisse der Forschungen. Denn auch in der heurigen Grabungssaison
waren wieder wichtige Entdeckungen gelungen: Der Fund eines Münzdepots
etwa gebe Aufschluss darüber, wann das einstige Stadtzentrum der antiken
Metropole übersiedelt wurde, teilte das Archäologische Institut mit.
Bei den 160 Münzen, die sich wohl ursprünglich in einem Beutel
befanden, handle es sich um eine ungewöhnliche Entdeckung von besonderer
Bedeutung, erklärte die Direktorin des Österreichischen Archäologischen
Institut (ÖAI) der Akademie der Wissenschaften (ÖAW), Sabine
Ladstätter. Die Münzen wurden vermutlich am Fundort vor Fremden
versteckt. Da die Archäologen in einem schmalen Mauerspalt der
Säulenhalle (Stoa) des Platzes der Oberen Agora fündig wurden, lassen
sich daraus wichtige Schlüsse über die Entwicklung der heute in der
Westtürkei gelegenen Stadt ziehen.
Neue Einblicke
Die Obere Agora bildete nämlich über lange Zeit hinweg das städtische
Zentrum. Da der Beutel mit dem Geld aber nur von oben in den Spalt
gelegt worden sein kann, müsse man davon ausgehen, dass zu diesem
Zeitpunkt um das Jahr 520 unserer Zeitrechnung die ehemals
repräsentative Säulenhalle schon weitgehend abgetragen war.
Münze aus der Zeit von Kaiser Anastasius I. (491‒518)
Dass die Bewohner die früher wichtigen großen Bereiche der Oberstadt
nicht mehr gebraucht haben, die Stadt um diese Zeit insgesamt deutlich
kleiner geworden ist und sich das Zentrum in Richtung Hafen verlagert
hat, war den Wissenschaftern bereits bekannt. "Dass das bereits um 520
passiert ist, ist für unsere Vorstellungen schon sehr früh. Da stand
Ephesos noch in absoluter Blüte, trotzdem wurde das kaiserzeitliche
Stadtzentrum schon abgetragen. Das sagt uns auch viel über die
Mentalitätsgeschichte", so Ladstätter.
Denn die Aufgabe des Zentrums des öffentlichen Lebens und der
Verwaltung markiere eine tiefgreifende Veränderung in der Bevölkerung:
"Das Stadtbild war nicht mehr von den alten öffentlichen Einrichtungen,
sondern schon stark von den christlichen Kirchen geprägt, um die sich
das städtische Leben dann angesiedelt hat. Der antike Charakter von
Ephesos wird damit eigentlich aufgegeben", sagte die Leiterin der
österreichischen Grabungen.
Die im Rahmen eines Kooperationsprojekts der Universität Regensburg
mit dem ÖAI gefundenen Münzen geben aber auch Aufschlüsse über die
weitreichenden wirtschaftlichen Verbindungen: "Die Zusammensetzung des
Hortfundes (mehrere gleichzeitig niedergelegte, vergrabene oder
versenkte Münzen, Anm.) belegt letztendlich intensive Handelsbeziehungen
von Ephesos mit Nordafrika auch nach der vandalischen Eroberung. Nur so
ist erklärbar, dass Münzen mit Porträts der Könige Thrasamund und
Hildirich neben jenen der byzantinischen Kaiser Anastasius und Zeno
zirkulierten", erklärte der Numismatiker Nikolaus Schindel von der ÖAW.
Hintergrund
Die österreichischen Grabungen in Ephesos finden seit 1895 statt. An
dem archäologischen Großprojekt beteiligen sich alljährlich um die 250
Wissenschafter aus bis zu 20 Ländern. Auslöser für den vom türkischen
Außenministerium angeordneten Stopp der heurigen Grabungskampagne mit
31. August waren diplomatische Verstimmungen zwischen Ankara und Wien im
Zuge des gescheiterten Putsches in der Türkei. Die Entscheidung hatte
in der Wissenschaftscommunity Bestürzung ausgelöst,
Wissenschaftsminister Reinhold Mitterlehner (ÖVP) wandte sich daraufhin in einem Schreiben an den türkischen Kulturminister Nabi Avci.
Seitens des ÖAI sei man trotz dieser Entwicklungen jedoch damit
beschäftigt, wie immer am Ende des Jahres den Antrag für die Grabung im
kommenden Jahr bei den türkischen Behörden einzureichen, sagte
Ladstätter. "Wir planen das wie gehabt, beginnen aber ab Mitte November
parallel dazu mit Gesprächen mit unseren türkischen Kollegen, um
abzuschätzen, ob es uns erlaubt wird zu arbeiten", so die ÖAI-Leiterin.
(APA, red.)
Nota. - Man mag in Ephesos auch nicht den beginnenden Druck der Völkerwanderung für den Untergng der antiken Kultur verantwortlich machen. Das wirft Fragen auch zum Westreich auf: Konnten die germanischen Heere Italien, Gallien und die illyrischen Provinzen nur deshalb so leicht überrollen, weil das Christentum die antike Res publica von innen schon zersetzt hatte?
Die Rolle, die Stadtflucht, Villensystem und Klientifzierung der Bauernschaft für den Niedergang der staatlichen Insitutionen - oder umgekehrt, wie man will - und das Aufkommen der Feudalität gespielt haben, wird schon lange diskutiert. Wenn in den folgenden Jahrhunderten im Westreich von den öffentlichen Strukturen schließlich nur die Bischofssitze Bestand hatten - lag das vielleicht auch daran, dass sie zuvor die Autorität der weltlichen Verwaltungen untergraben hatten? JE
Pioniersiedlung erweist sich als frühes Technologiezentrum
Ausgrabungen nahe Ephesos geben Einblicke in das Leben der ersten Siedler in der frühen Kupferzeit
Wien/Ephesos
– Seit 2007 erforschen österreichische Wissenschafter den
prähistorischen Siedlungshügel Cukurici Höyük nahe dem antiken Ephesos
in der heutigen Türkei. Dabei entpuppte sich die vor 9.000 Jahren
gegründete "Pioniersiedlung", wie sie die Archäologin Barbara Horejs
bezeichnet, gewissermaßen als hoch spezialisiertes, gut vernetztes
frühes Technologiezentrum und Stadt-Vorläufer. Mit diesem besonderen Ort in der heutigen Westtürkei beschäftigte
sich ein Team von rund fünfzig Wissenschaftern verschiedenster
Disziplinen in den vergangenen Jahren sehr eingehend. "Eines der
überraschendsten Ergebnisse war sicherlich die extrem frühe Ansiedlung
an diesem Ort", erklärte Horejs, die als Direktorin des Instituts für
Orientalische und Europäische Archäologie (OREA) der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) die Forschungsarbeiten zwischen 2011 und 2016 leitete. Die Anfänge Auf Basis der vielfältigen Analysen sei nun klar, dass prähistorische
Siedler oder Kolonisten Cukurici Höyük vor 9.000 Jahren vom Orient aus
über den Seeweg erreichten und auch ihre Lebensweise, Kultur und Technik
mitbrachten. Diese fähigen Seefahrer waren gleichzeitig auch die
"frühesten Ackerbauern" am Rande Europas, so Horejs. "Sie bringen ihr
gesamtes Know-how, die neue Gesellschaftsform und neue Wirtschaftsform
mit." Vergleichbar sei die Siedlung, die zusammen mit den nur einen
Kilometer entfernten Ausgrabungsstätten in Ephesos seit 2015 zum
UNESCO-Weltkulturerbe zählt, mit lediglich vier bis fünf weiteren Orten
im gesamten ägäischen Raum.
Dörrplattformen (oben) und Speicherbau: Rekonstruierter Alltag in einer spätkupferzeitlichen Siedlung. An ihrem neuen Heimatort trafen die Siedler vermutlich auf regionale
Jäger und Sammler-Gruppen, die aber ebenfalls bereits die nautisch
durchaus anspruchsvolle Inselwelt der Ägäis befahren haben. Dass es
schon damals regen Austausch in diese Richtung gab, belegt der
spektakuläre Fund mehrerer 9.000 Jahre alter "Obsidian-Klingen". Dieses
vulkanische Glas stammte nämlich von der etwa 300 Kilometer entfernten
Ägäis-Insel Melos. Zu Werkzeugen verarbeitet wurde der Rohstoff
allerdings erst in Cukurici Höyük. Das lasse auf hohes handwerkliches
Können der dort ansässigen Menschen und eine erstaunliche
Spezialisierung schließen. Bronzezeitlicher Wirtschaftsstandort Über vier Jahrtausende hinweg entwickelte sich der Ort weiter und
spätestens am Beginn der Bronzezeit ab 3.000 vor unserer Zeitrechnung
war der Siedungshügel ein dicht besiedelter florierender
Wirtschaftsstandort mit mehrräumigen Gebäuden mit Mauern aus Stein und
Lehmziegeln. Ackerbau, Viehhaltung und maritime Fischerei – das zeigen
etwa Funde von Muscheln und Fischknochen – ernährten die schon stark
arbeitsteilig organisierte wachsende Bevölkerung in diesem Vorläufer
städtischer Siedlungen. Wirtschaftliche Schwerpunkte lagen auf
Textilproduktion und Metallherstellung.
Letztere war offenbar eine besondere Stärke der Bewohner: Während im
zur gleichen Zeit entstandenen Troja lediglich 18 Metallobjekte gefunden
wurden, "sind es bei uns insgesamt 400", sagte Horejs. Das zeige,
welche Bedeutung dieses Metallurgie-Zentrum hatte. Wo aber das Erz für
diese "zwischen der Donau und Mesopotamien einzigartige
Kupferproduktion" herkam, sei noch nicht geklärt. Denn
Kupfer-Lagerstätten in der Umgebung habe man noch nicht entdeckt, so die
Archäologin. Offene Fragen Bis ungefähr 5.000 Jahre vor unserer Zeit könne man die Geschichte
der Bewohner des Cukurici Höyük mittlerweile relativ gut nachvollziehen.
Es seien aber noch viele Fragen offen, darunter auch, was mit der
Bevölkerung danach passiert ist. Im Gegensatz zum antiken Ephesos, wo
unter österreichischer Leitung bereits seit dem späten 19. Jahrhundert
geforscht wird, setze man sich eben erst seit zehn Jahren mit der
Urgeschichte in der Region auseinander, gab Horejs zu bedenken: "Uns
fehlen auch die Hinweise, warum diese Siedlung aufgegeben wurde. Es gibt
in dem Raum für uns und weitere Generationen noch viel
Forschungspotenzial."
Trotz des Ende August vom türkischen Außenministerium aufgrund der
diplomatischen Verstimmungen zwischen Ankara und Wien verhängten Stopps
der heurigen Grabungskampagne zeigte sich die Wissenschafterin
"grundsätzlich positiv optimistisch", dass man am Ort weiterforschen
wird können. Bisher haben sich immerhin Wissenschafter aus mehr als zehn Ländern
an der Aufarbeitung der reichen Vergangenheit von Cukurici Höyük
beteiligt. Alleine am OREA entstanden bisher über fünfzig Publikationen
und weitere sollen folgen. Zum Abschluss des neben dem ERC auch vom
österreichischen Wissenschaftsfonds FWF unterstützen Projekts
"Prehistoric Anatolia" ist auch ein Kurzfilmentstanden. (APA, red,)
Wien/Ephesos – Seit
2007 erforschen österreichische Wissenschafter den prähistorischen
Siedlungshügel Cukurici Höyük nahe dem antiken Ephesos in der heutigen
Türkei. Dabei entpuppte sich die vor 9.000 Jahren gegründete
"Pioniersiedlung", wie sie die Archäologin Barbara Horejs bezeichnet,
gewissermaßen als hoch spezialisiertes, gut vernetztes frühes
Technologiezentrum und Stadt-Vorläufer. -
derstandard.at/2000046828780/Pioniersiedlung-erweist-sich-als-fruehes-Technologiezentrum Pioniersiedlung
erweist sich als frühes Technologiezentrum
2. November 2016, 13:03
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Siedler in der frühen Kupferzeit -
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derstandard.at/2000046828780/Pioniersiedlung-erweist-sich-als-fruehes-Technologiezentrum Wien/Ephesos – Seit
2007 erforschen österreichische Wissenschafter den prähistorischen
Siedlungshügel Cukurici Höyük nahe dem antiken Ephesos in der heutigen
Türkei. Dabei entpuppte sich die vor 9.000 Jahren gegründete
"Pioniersiedlung", wie sie die Archäologin Barbara Horejs bezeichnet,
gewissermaßen als hoch spezialisiertes, gut vernetztes frühes
Technologiezentrum und Stadt-Vorläufer.
Mit diesem besonderen Ort in der heutigen Westtürkei beschäftigte sich
ein Team von rund fünfzig Wissenschaftern verschiedenster Disziplinen in
den vergangenen Jahren sehr eingehend. "Eines der überraschendsten
Ergebnisse war sicherlich die extrem frühe Ansiedlung an diesem Ort",
erklärte Horejs, die als Direktorin des Instituts für Orientalische und
Europäische Archäologie (OREA) der Österreichischen Akademie der
Wissenschaften (ÖAW) die Forschungsarbeiten zwischen 2011 und 2016
leitete.
Die Anfänge
Auf Basis der vielfältigen Analysen sei nun klar, dass prähistorische
Siedler oder Kolonisten Cukurici Höyük vor 9.000 Jahren vom Orient aus
über den Seeweg erreichten und auch ihre Lebensweise, Kultur und Technik
mitbrachten. Diese fähigen Seefahrer waren gleichzeitig auch die
"frühesten Ackerbauern" am Rande Europas, so Horejs. "Sie bringen ihr
gesamtes Know-how, die neue Gesellschaftsform und neue Wirtschaftsform
mit." Vergleichbar sei die Siedlung, die zusammen mit den nur einen
Kilometer entfernten Ausgrabungsstätten in Ephesos seit 2015 zum
UNESCO-Weltkulturerbe zählt, mit lediglich vier bis fünf weiteren Orten
im gesamten ägäischen Raum.
An ihrem neuen Heimatort trafen die Siedler vermutlich auf regionale
Jäger und Sammler-Gruppen, die aber ebenfalls bereits die nautisch
durchaus anspruchsvolle Inselwelt der Ägäis befahren haben. Dass es
schon damals regen Austausch in diese Richtung gab, belegt der
spektakuläre Fund mehrerer 9.000 Jahre alter "Obsidian-Klingen". Dieses
vulkanische Glas stammte nämlich von der etwa 300 Kilometer entfernten
Ägäis-Insel Melos. Zu Werkzeugen verarbeitet wurde der Rohstoff
allerdings erst in Cukurici Höyük. Das lasse auf hohes handwerkliches
Können der dort ansässigen Menschen und eine erstaunliche
Spezialisierung schließen.
Bronzezeitlicher Wirtschaftsstandort
Über vier Jahrtausende hinweg entwickelte sich der Ort weiter und
spätestens am Beginn der Bronzezeit ab 3.000 vor unserer Zeitrechnung
war der Siedungshügel ein dicht besiedelter florierender
Wirtschaftsstandort mit mehrräumigen Gebäuden mit Mauern aus Stein und
Lehmziegeln. Ackerbau, Viehhaltung und maritime Fischerei – das zeigen
etwa Funde von Muscheln und Fischknochen – ernährten die schon stark
arbeitsteilig organisierte wachsende Bevölkerung in diesem Vorläufer
städtischer Siedlungen. Wirtschaftliche Schwerpunkte lagen auf
Textilproduktion und Metallherstellung.
Letztere war offenbar eine besondere Stärke der Bewohner: Während im zur
gleichen Zeit entstandenen Troja lediglich 18 Metallobjekte gefunden
wurden, "sind es bei uns insgesamt 400", sagte Horejs. Das zeige, welche
Bedeutung dieses Metallurgie-Zentrum hatte. Wo aber das Erz für diese
"zwischen der Donau und Mesopotamien einzigartige Kupferproduktion"
herkam, sei noch nicht geklärt. Denn Kupfer-Lagerstätten in der Umgebung
habe man noch nicht entdeckt, so die Archäologin.
Offene Fragen
Bis ungefähr 5.000 Jahre vor unserer Zeit könne man die Geschichte der
Bewohner des Cukurici Höyük mittlerweile relativ gut nachvollziehen. Es
seien aber noch viele Fragen offen, darunter auch, was mit der
Bevölkerung danach passiert ist. Im Gegensatz zum antiken Ephesos, wo
unter österreichischer Leitung bereits seit dem späten 19. Jahrhundert
geforscht wird, setze man sich eben erst seit zehn Jahren mit der
Urgeschichte in der Region auseinander, gab Horejs zu bedenken: "Uns
fehlen auch die Hinweise, warum diese Siedlung aufgegeben wurde. Es gibt
in dem Raum für uns und weitere Generationen noch viel
Forschungspotenzial."
Trotz des Ende August vom türkischen Außenministerium aufgrund der
diplomatischen Verstimmungen zwischen Ankara und Wien verhängten Stopps
der heurigen Grabungskampagne zeigte sich die Wissenschafterin
"grundsätzlich positiv optimistisch", dass man am Ort weiterforschen
wird können.
Bisher haben sich immerhin Wissenschafter aus mehr als zehn Ländern an
der Aufarbeitung der reichen Vergangenheit von Cukurici Höyük beteiligt.
Alleine am OREA entstanden bisher über fünfzig Publikationen und
weitere sollen folgen. Zum Abschluss des neben dem ERC auch vom
österreichischen Wissenschaftsfonds FWF unterstützen Projekts
"Prehistoric Anatolia" ist auch ein Kurzfilm entstanden. (APA, red, 2.
11. 2016)
Nachlese
Siedlerleben am Hügel in der Senke -
derstandard.at/2000046828780/Pioniersiedlung-erweist-sich-als-fruehes-Technologiezentrum Pioniersiedlung
erweist sich als frühes Technologiezentrum
2. November 2016, 13:03
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Siedler in der frühen Kupferzeit
Wien/Ephesos – Seit 2007 erforschen österreichische Wissenschafter den
prähistorischen Siedlungshügel Cukurici Höyük nahe dem antiken Ephesos
in der heutigen Türkei. Dabei entpuppte sich die vor 9.000 Jahren
gegründete "Pioniersiedlung", wie sie die Archäologin Barbara Horejs
bezeichnet, gewissermaßen als hoch spezialisiertes, gut vernetztes
frühes Technologiezentrum und Stadt-Vorläufer.
Mit diesem besonderen Ort in der heutigen Westtürkei beschäftigte sich
ein Team von rund fünfzig Wissenschaftern verschiedenster Disziplinen in
den vergangenen Jahren sehr eingehend. "Eines der überraschendsten
Ergebnisse war sicherlich die extrem frühe Ansiedlung an diesem Ort",
erklärte Horejs, die als Direktorin des Instituts für Orientalische und
Europäische Archäologie (OREA) der Österreichischen Akademie der
Wissenschaften (ÖAW) die Forschungsarbeiten zwischen 2011 und 2016
leitete.
Die Anfänge
Auf Basis der vielfältigen Analysen sei nun klar, dass prähistorische
Siedler oder Kolonisten Cukurici Höyük vor 9.000 Jahren vom Orient aus
über den Seeweg erreichten und auch ihre Lebensweise, Kultur und Technik
mitbrachten. Diese fähigen Seefahrer waren gleichzeitig auch die
"frühesten Ackerbauern" am Rande Europas, so Horejs. "Sie bringen ihr
gesamtes Know-how, die neue Gesellschaftsform und neue Wirtschaftsform
mit." Vergleichbar sei die Siedlung, die zusammen mit den nur einen
Kilometer entfernten Ausgrabungsstätten in Ephesos seit 2015 zum
UNESCO-Weltkulturerbe zählt, mit lediglich vier bis fünf weiteren Orten
im gesamten ägäischen Raum.
An ihrem neuen Heimatort trafen die Siedler vermutlich auf regionale
Jäger und Sammler-Gruppen, die aber ebenfalls bereits die nautisch
durchaus anspruchsvolle Inselwelt der Ägäis befahren haben. Dass es
schon damals regen Austausch in diese Richtung gab, belegt der
spektakuläre Fund mehrerer 9.000 Jahre alter "Obsidian-Klingen". Dieses
vulkanische Glas stammte nämlich von der etwa 300 Kilometer entfernten
Ägäis-Insel Melos. Zu Werkzeugen verarbeitet wurde der Rohstoff
allerdings erst in Cukurici Höyük. Das lasse auf hohes handwerkliches
Können der dort ansässigen Menschen und eine erstaunliche
Spezialisierung schließen.
Bronzezeitlicher Wirtschaftsstandort
Über vier Jahrtausende hinweg entwickelte sich der Ort weiter und
spätestens am Beginn der Bronzezeit ab 3.000 vor unserer Zeitrechnung
war der Siedungshügel ein dicht besiedelter florierender
Wirtschaftsstandort mit mehrräumigen Gebäuden mit Mauern aus Stein und
Lehmziegeln. Ackerbau, Viehhaltung und maritime Fischerei – das zeigen
etwa Funde von Muscheln und Fischknochen – ernährten die schon stark
arbeitsteilig organisierte wachsende Bevölkerung in diesem Vorläufer
städtischer Siedlungen. Wirtschaftliche Schwerpunkte lagen auf
Textilproduktion und Metallherstellung.
Letztere war offenbar eine besondere Stärke der Bewohner: Während im zur
gleichen Zeit entstandenen Troja lediglich 18 Metallobjekte gefunden
wurden, "sind es bei uns insgesamt 400", sagte Horejs. Das zeige, welche
Bedeutung dieses Metallurgie-Zentrum hatte. Wo aber das Erz für diese
"zwischen der Donau und Mesopotamien einzigartige Kupferproduktion"
herkam, sei noch nicht geklärt. Denn Kupfer-Lagerstätten in der Umgebung
habe man noch nicht entdeckt, so die Archäologin.
Offene Fragen
Bis ungefähr 5.000 Jahre vor unserer Zeit könne man die Geschichte der
Bewohner des Cukurici Höyük mittlerweile relativ gut nachvollziehen. Es
seien aber noch viele Fragen offen, darunter auch, was mit der
Bevölkerung danach passiert ist. Im Gegensatz zum antiken Ephesos, wo
unter österreichischer Leitung bereits seit dem späten 19. Jahrhundert
geforscht wird, setze man sich eben erst seit zehn Jahren mit der
Urgeschichte in der Region auseinander, gab Horejs zu bedenken: "Uns
fehlen auch die Hinweise, warum diese Siedlung aufgegeben wurde. Es gibt
in dem Raum für uns und weitere Generationen noch viel
Forschungspotenzial."
Trotz des Ende August vom türkischen Außenministerium aufgrund der
diplomatischen Verstimmungen zwischen Ankara und Wien verhängten Stopps
der heurigen Grabungskampagne zeigte sich die Wissenschafterin
"grundsätzlich positiv optimistisch", dass man am Ort weiterforschen
wird können.
Bisher haben sich immerhin Wissenschafter aus mehr als zehn Ländern an
der Aufarbeitung der reichen Vergangenheit von Cukurici Höyük beteiligt.
Alleine am OREA entstanden bisher über fünfzig Publikationen und
weitere sollen folgen. Zum Abschluss des neben dem ERC auch vom
österreichischen Wissenschaftsfonds FWF unterstützen Projekts
"Prehistoric Anatolia" ist auch ein Kurzfilm entstanden. (APA, red, 2.
11. 2016)
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erweist sich als frühes Technologiezentrum
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Siedler in der frühen Kupferzeit
Wien/Ephesos – Seit 2007 erforschen österreichische Wissenschafter den
prähistorischen Siedlungshügel Cukurici Höyük nahe dem antiken Ephesos
in der heutigen Türkei. Dabei entpuppte sich die vor 9.000 Jahren
gegründete "Pioniersiedlung", wie sie die Archäologin Barbara Horejs
bezeichnet, gewissermaßen als hoch spezialisiertes, gut vernetztes
frühes Technologiezentrum und Stadt-Vorläufer.
Mit diesem besonderen Ort in der heutigen Westtürkei beschäftigte sich
ein Team von rund fünfzig Wissenschaftern verschiedenster Disziplinen in
den vergangenen Jahren sehr eingehend. "Eines der überraschendsten
Ergebnisse war sicherlich die extrem frühe Ansiedlung an diesem Ort",
erklärte Horejs, die als Direktorin des Instituts für Orientalische und
Europäische Archäologie (OREA) der Österreichischen Akademie der
Wissenschaften (ÖAW) die Forschungsarbeiten zwischen 2011 und 2016
leitete.
Die Anfänge
Auf Basis der vielfältigen Analysen sei nun klar, dass prähistorische
Siedler oder Kolonisten Cukurici Höyük vor 9.000 Jahren vom Orient aus
über den Seeweg erreichten und auch ihre Lebensweise, Kultur und Technik
mitbrachten. Diese fähigen Seefahrer waren gleichzeitig auch die
"frühesten Ackerbauern" am Rande Europas, so Horejs. "Sie bringen ihr
gesamtes Know-how, die neue Gesellschaftsform und neue Wirtschaftsform
mit." Vergleichbar sei die Siedlung, die zusammen mit den nur einen
Kilometer entfernten Ausgrabungsstätten in Ephesos seit 2015 zum
UNESCO-Weltkulturerbe zählt, mit lediglich vier bis fünf weiteren Orten
im gesamten ägäischen Raum.
An ihrem neuen Heimatort trafen die Siedler vermutlich auf regionale
Jäger und Sammler-Gruppen, die aber ebenfalls bereits die nautisch
durchaus anspruchsvolle Inselwelt der Ägäis befahren haben. Dass es
schon damals regen Austausch in diese Richtung gab, belegt der
spektakuläre Fund mehrerer 9.000 Jahre alter "Obsidian-Klingen". Dieses
vulkanische Glas stammte nämlich von der etwa 300 Kilometer entfernten
Ägäis-Insel Melos. Zu Werkzeugen verarbeitet wurde der Rohstoff
allerdings erst in Cukurici Höyük. Das lasse auf hohes handwerkliches
Können der dort ansässigen Menschen und eine erstaunliche
Spezialisierung schließen.
Bronzezeitlicher Wirtschaftsstandort
Über vier Jahrtausende hinweg entwickelte sich der Ort weiter und
spätestens am Beginn der Bronzezeit ab 3.000 vor unserer Zeitrechnung
war der Siedungshügel ein dicht besiedelter florierender
Wirtschaftsstandort mit mehrräumigen Gebäuden mit Mauern aus Stein und
Lehmziegeln. Ackerbau, Viehhaltung und maritime Fischerei – das zeigen
etwa Funde von Muscheln und Fischknochen – ernährten die schon stark
arbeitsteilig organisierte wachsende Bevölkerung in diesem Vorläufer
städtischer Siedlungen. Wirtschaftliche Schwerpunkte lagen auf
Textilproduktion und Metallherstellung.
Letztere war offenbar eine besondere Stärke der Bewohner: Während im zur
gleichen Zeit entstandenen Troja lediglich 18 Metallobjekte gefunden
wurden, "sind es bei uns insgesamt 400", sagte Horejs. Das zeige, welche
Bedeutung dieses Metallurgie-Zentrum hatte. Wo aber das Erz für diese
"zwischen der Donau und Mesopotamien einzigartige Kupferproduktion"
herkam, sei noch nicht geklärt. Denn Kupfer-Lagerstätten in der Umgebung
habe man noch nicht entdeckt, so die Archäologin.
Offene Fragen
Bis ungefähr 5.000 Jahre vor unserer Zeit könne man die Geschichte der
Bewohner des Cukurici Höyük mittlerweile relativ gut nachvollziehen. Es
seien aber noch viele Fragen offen, darunter auch, was mit der
Bevölkerung danach passiert ist. Im Gegensatz zum antiken Ephesos, wo
unter österreichischer Leitung bereits seit dem späten 19. Jahrhundert
geforscht wird, setze man sich eben erst seit zehn Jahren mit der
Urgeschichte in der Region auseinander, gab Horejs zu bedenken: "Uns
fehlen auch die Hinweise, warum diese Siedlung aufgegeben wurde. Es gibt
in dem Raum für uns und weitere Generationen noch viel
Forschungspotenzial."
Trotz des Ende August vom türkischen Außenministerium aufgrund der
diplomatischen Verstimmungen zwischen Ankara und Wien verhängten Stopps
der heurigen Grabungskampagne zeigte sich die Wissenschafterin
"grundsätzlich positiv optimistisch", dass man am Ort weiterforschen
wird können.
Bisher haben sich immerhin Wissenschafter aus mehr als zehn Ländern an
der Aufarbeitung der reichen Vergangenheit von Cukurici Höyük beteiligt.
Alleine am OREA entstanden bisher über fünfzig Publikationen und
weitere sollen folgen. Zum Abschluss des neben dem ERC auch vom
österreichischen Wissenschaftsfonds FWF unterstützen Projekts
"Prehistoric Anatolia" ist auch ein Kurzfilm entstanden. (APA, red, 2.
11. 2016)
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erweist sich als frühes Technologiezentrum
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Siedler in der frühen Kupferzeit
Wien/Ephesos – Seit 2007 erforschen österreichische Wissenschafter den
prähistorischen Siedlungshügel Cukurici Höyük nahe dem antiken Ephesos
in der heutigen Türkei. Dabei entpuppte sich die vor 9.000 Jahren
gegründete "Pioniersiedlung", wie sie die Archäologin Barbara Horejs
bezeichnet, gewissermaßen als hoch spezialisiertes, gut vernetztes
frühes Technologiezentrum und Stadt-Vorläufer.
Mit diesem besonderen Ort in der heutigen Westtürkei beschäftigte sich
ein Team von rund fünfzig Wissenschaftern verschiedenster Disziplinen in
den vergangenen Jahren sehr eingehend. "Eines der überraschendsten
Ergebnisse war sicherlich die extrem frühe Ansiedlung an diesem Ort",
erklärte Horejs, die als Direktorin des Instituts für Orientalische und
Europäische Archäologie (OREA) der Österreichischen Akademie der
Wissenschaften (ÖAW) die Forschungsarbeiten zwischen 2011 und 2016
leitete.
Die Anfänge
Auf Basis der vielfältigen Analysen sei nun klar, dass prähistorische
Siedler oder Kolonisten Cukurici Höyük vor 9.000 Jahren vom Orient aus
über den Seeweg erreichten und auch ihre Lebensweise, Kultur und Technik
mitbrachten. Diese fähigen Seefahrer waren gleichzeitig auch die
"frühesten Ackerbauern" am Rande Europas, so Horejs. "Sie bringen ihr
gesamtes Know-how, die neue Gesellschaftsform und neue Wirtschaftsform
mit." Vergleichbar sei die Siedlung, die zusammen mit den nur einen
Kilometer entfernten Ausgrabungsstätten in Ephesos seit 2015 zum
UNESCO-Weltkulturerbe zählt, mit lediglich vier bis fünf weiteren Orten
im gesamten ägäischen Raum.
An ihrem neuen Heimatort trafen die Siedler vermutlich auf regionale
Jäger und Sammler-Gruppen, die aber ebenfalls bereits die nautisch
durchaus anspruchsvolle Inselwelt der Ägäis befahren haben. Dass es
schon damals regen Austausch in diese Richtung gab, belegt der
spektakuläre Fund mehrerer 9.000 Jahre alter "Obsidian-Klingen". Dieses
vulkanische Glas stammte nämlich von der etwa 300 Kilometer entfernten
Ägäis-Insel Melos. Zu Werkzeugen verarbeitet wurde der Rohstoff
allerdings erst in Cukurici Höyük. Das lasse auf hohes handwerkliches
Können der dort ansässigen Menschen und eine erstaunliche
Spezialisierung schließen.
Bronzezeitlicher Wirtschaftsstandort
Über vier Jahrtausende hinweg entwickelte sich der Ort weiter und
spätestens am Beginn der Bronzezeit ab 3.000 vor unserer Zeitrechnung
war der Siedungshügel ein dicht besiedelter florierender
Wirtschaftsstandort mit mehrräumigen Gebäuden mit Mauern aus Stein und
Lehmziegeln. Ackerbau, Viehhaltung und maritime Fischerei – das zeigen
etwa Funde von Muscheln und Fischknochen – ernährten die schon stark
arbeitsteilig organisierte wachsende Bevölkerung in diesem Vorläufer
städtischer Siedlungen. Wirtschaftliche Schwerpunkte lagen auf
Textilproduktion und Metallherstellung.
Letztere war offenbar eine besondere Stärke der Bewohner: Während im zur
gleichen Zeit entstandenen Troja lediglich 18 Metallobjekte gefunden
wurden, "sind es bei uns insgesamt 400", sagte Horejs. Das zeige, welche
Bedeutung dieses Metallurgie-Zentrum hatte. Wo aber das Erz für diese
"zwischen der Donau und Mesopotamien einzigartige Kupferproduktion"
herkam, sei noch nicht geklärt. Denn Kupfer-Lagerstätten in der Umgebung
habe man noch nicht entdeckt, so die Archäologin.
Offene Fragen
Bis ungefähr 5.000 Jahre vor unserer Zeit könne man die Geschichte der
Bewohner des Cukurici Höyük mittlerweile relativ gut nachvollziehen. Es
seien aber noch viele Fragen offen, darunter auch, was mit der
Bevölkerung danach passiert ist. Im Gegensatz zum antiken Ephesos, wo
unter österreichischer Leitung bereits seit dem späten 19. Jahrhundert
geforscht wird, setze man sich eben erst seit zehn Jahren mit der
Urgeschichte in der Region auseinander, gab Horejs zu bedenken: "Uns
fehlen auch die Hinweise, warum diese Siedlung aufgegeben wurde. Es gibt
in dem Raum für uns und weitere Generationen noch viel
Forschungspotenzial."
Trotz des Ende August vom türkischen Außenministerium aufgrund der
diplomatischen Verstimmungen zwischen Ankara und Wien verhängten Stopps
der heurigen Grabungskampagne zeigte sich die Wissenschafterin
"grundsätzlich positiv optimistisch", dass man am Ort weiterforschen
wird können.
Bisher haben sich immerhin Wissenschafter aus mehr als zehn Ländern an
der Aufarbeitung der reichen Vergangenheit von Cukurici Höyük beteiligt.
Alleine am OREA entstanden bisher über fünfzig Publikationen und
weitere sollen folgen. Zum Abschluss des neben dem ERC auch vom
österreichischen Wissenschaftsfonds FWF unterstützen Projekts
"Prehistoric Anatolia" ist auch ein Kurzfilm entstanden. (APA, red, 2.
11. 2016)
Nachlese
Siedlerleben am Hügel in der Senke -
derstandard.at/2000046828780/Pioniersiedlung-erweist-sich-als-fruehes-Technologiezentrum
aus Badische Zeitung, 2. 11. 2016 Eine Moschee und Koranschule in Taschkent
Der Reichtum des Ostens SACHBUCH: Der Historiker Peter Frankopan legt eine Weltgeschichte vor, die nicht aus der Perspektive des Westens geschrieben ist
von Harald Loch Die Geschichte des Westens ist oft genug als die
Erfolgsgeschichte des "normativen Projekts" beschrieben worden, in dem
aus Gewaltenteilung, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechten die
Kernbestandteile eines sympathisch aufbereiteten Werte-Leitmodells für
die ganze Welt entwickelt wurden. Blickt man auf diese Geschichte aber
aus einer anderen Himmelsrichtung und setzt man die bekannten Fakten
anders zusammen, so verschieben sich die Hauptlinien der Jahrtausende,
die Gewichte und auch die Urteile. Der 1971 geborene britische Historiker Peter Frankopan, der in Oxford
das Zentrum für Byzantinische Studien leitet, hat jetzt diese andere
Perspektive eingenommen. Er schreibt mit seinem tausendseitigen
Gegenentwurf "Licht aus dem Osten" tatsächlich "Eine neue Geschichte der
Welt", wie es der Untertitel des Buches verheißt.
Von den Anfängen der Geschichte bis heute reicht sein großes Werk. In
der aktuellen Auseinandersetzung des Westens mit dem Iran um dessen
Atomprogramm schreibt Frankopan: "Die Drohung [der USA], Gewalt gegen
den Iran einzusetzen, um eine Weltordnung zu schützen, die den
westlichen Interessen dient, ist nur ein weiteres Kapitel in der
Geschichte des Versuchs, an einem uralten Kreuzweg der Kulturen die
Stellung zu wahren. Dort steht offenbar viel zu viel auf dem Spiel, als
dass man auf solche Methoden verzichten könnte." Um diesen Kreuzweg der Kulturen geht es. Er reicht vom Mittelmeer bis
nach China, von Ägypten bis Afghani- stan. Der Autor rückt die Bedeutung
dieses "Ostens" schon in der antiken Welt in ein ganz anderes Licht. Für
Rom waren nicht etwa Gallien, Britannien oder gar Germania wichtig,
sondern die Kornkammern Nordafrikas, der Reichtum Ägyptens, Kleinasien
und das damals mächtige Reich der Perser. Dort winkten Reichtum und
Luxus, durch diese Regionen führten die Handelswege, die später
"Seidenstraße" genannt wurden und auf denen römisches Geld gegen
Luxusstoffe aus Asien getauscht wurde.
Ein Sklavenhandel in unglaublicher Größenordnung
Es wuchsen dort Kulturen im gegenseitigen Austausch, in den Steppen
Asiens bildeten sich nomadisierende Völker mit hohem Organisationsgrad,
die die Völkerwanderung auslösten und Europa in einen jahrhunderte- langen
Winterschlaf versetzten, während der Osten durch Handel und kulturellen
Austausch blühte. Während einer Schwächephase der Hauptakteure in "Middle East" entstand
wie aus dem Nichts mit dem Islam die dritte abrahamitische Religion,
deren rasanter Aufschwung die nächsten Jahrhunderte von Spanien bis nach
China beherrschte. Die zur Rückgewinnung der heiligen Stätten in
Jerusalem unternommenen Kreuzzüge des christlichen Europas verkamen bald
zu Handels- und Raubexpeditionen. In Italien konnten sich Genua und Venedig am lukrativen Osthandel
beteiligen. Der Reichtum auch anderer Metropolen an den Kreuzwegen des
Orients resultierte aus einem Sklavenhandel, dessen unglaubliche
Größen- ordnung Frankopan erstmals in das europäische Bewusstsein rückt.
Dieser Menschenhandel verlagerte sich schließlich nach der Entdeckung
Amerikas auf den Atlantik und wurde von allen seefahrenden Nationen
betrieben. Portugal und Spanien, danach die Holländer und die Briten eroberten dank
ihrer aus Amerika strömenden Edelmetalle und dank besserer Waffen- und
Schiffbautechnik die Vorrangstellung, die jahrhundertelang der Osten
innegehabt hatte und begannen selbst, diesen Osten, besonders den
indischen Subkontinent, zu erobern. Der wurde für Großbritannien so wichtig, dass – so die plausible
Erklärung Frankopans – die Angst vor einem Vordringen Russlands auf dem
Landweg gegen diese Goldgrube des britischen Empires den damaligen
Außen- minister Edward Grey auf den Gedanken brachte, Russlands Augenmerk
von Asien auf Europa abzulenken, also auf Deutschland und Österreich zu
richten. Diese Konstellation habe wesentlich zum Ausbruch des Ersten
Weltkriegs beigetragen. Um diese Zeit begann aber auch das Öl die Welt
zu erobern, und dem Orient wuchsen neue Bedeutung und Reichtümer zu. Frankopans überaus faktenreiches Buch ist fesselnd geschrieben, auch in
der deutschen Übersetzung gut zu lesen, durch gut gewählte, typische
Anekdoten aufgelockert, und es wartet durch die Urteilskraft seines
Autors mit neuen, manchmal überraschenden Gewichtungen auf. Es gibt im
Osten nicht das eine große Projekt, wie es die Geschichte des Westens
ausmacht. Es ist die geografische Lage des Gebietes zwischen großen
Völkern Asiens und Europas, es sind der zwischen diesen Regionen schon
immer betriebene Handel und das oft fruchtbare Zusammentreffen
unterschiedlich organisierter und kulturell orientierter Völker. Das
gilt heute vielleicht noch mehr als in früheren Zeiten. Frankopans
Verdienst ist es, diese Erkenntnis aus den Tiefen der Geschichte seinen
Lesern bewusst zu machen.
Peter Frankopan: Licht aus dem
Osten. Eine neue Geschichte der Welt. Aus dem Englischen von Michael
Bayer und Norbert Juraschitz. Rowohlt Verlag, Reinbeck 2016. 941 Seiten
mit zahlreichen Abbildungen, 39,95 Euro.
Nota. - Was an dieser Darstellung das Besondere sein soll, ist aus der Rezension nicht ersichtlich. Dass das Abendland bis zur Entdeckung Amerikas ziemlich am Rand der Weltgeschichte stand, hat sich längsst herum- gesprochen, und nicht erst seit gestern Abend. Aber seit der Entdeckung - und Kolonisierung, bitteschön! - Amerikas ist es deren Kraftzentrum. Wie lange noch, wird sich zeigen, der Historiker hat keine Kristallkugel.
Aber einen Sinn wird man in der Geschichte nicht erkennen, wenn man sie vom Anfang bis heute betrachtet - da muss das meiste zufällig bleiben; sondern wenn wenn man umgekehrt die Gegenwart als das zu Verstehende erkennt und, rückwärts blickend, das aufsucht, was auf das Heute hingelenkt hat, und als kontingente Rand- bedingung das zur Seite stellt, dessen Spuren sich im Lauf der Geschichte verloren haben. Das wäre eine einseitige Sicht? Natürlich, wer von allen Seiten zugleicht blickt, kann ja nichts erkennen.Sie muss ja nicht beanspruchen, schon die endgültige zu sein, sondern nur die einstweilen gültige. In hundert Jahren wird man Grund haben, von neuen Seiten her zu blicken. JE
Geringes Wachstum als Normalfall Sind die fetten Jahre vorbei? Ist Wirtschaftswachstum nur eine Episode der Geschichte? Ein bemerkenswertes Buch argumentiert in diese Richtung.
von Gerhard Schwarz
Es
gäbe gute Gründe, sich mit etwas anderem als dem Langfristwachstum der
USA zu beschäftigen. Zum einen blickt man dieser Tage nur ungern in die
USA für Erhellung und Inspiration. Zum anderen sind in der Ökonomie
Langzeitprognosen eine gefährlich spekulative Angelegenheit. Aber das
Buch, das den Anstoss für diese Überlegungen gab, ist von so
aussergewöhnlicher Breite und Tiefe und stammt von einem so bedeutenden
Makroökonomen der USA, Robert J. Gordon, dass man es ernst nehmen muss,
selbst wenn man nicht alles teilt. Gordon beschäftigt sich in «The Rise and Fall of American Growth»
mit der Entwicklung des Lebensstandards in den USA seit dem
Bürgerkrieg, aber mit Anpassungen lassen sich seine Botschaften auch auf
Europa übertragen. Vier davon seien hier reflektiert.
Wachstum als Ausnahme
Erstens
lautet die zentrale These Gordons, mit vielen Statistiken untermauert,
die Zeit zwischen 1870 und 1970 stelle eine einmalige, nicht
wiederholbare Periode in der Menschheitsgeschichte dar. Bis etwa 1770
habe der Lebensstandard während rund 100 000 Jahren praktisch stagniert,
dann habe es eine deutliche Steigerung gegeben, und ab 1870 sei der
Wohlstand geradezu explodiert. Diese Entwicklung sei um etwa 1970 zu
einem Ende gekommen. Seither sei das Wachstum wieder gemächlicher
geworden.
Für Gordon
waren, zweitens, der wirtschaftliche und technische Fortschritt und die
Verbesserung der realen Lebensverhältnisse in diesen einmaligen 100
Jahren deutlich bedeutsamer, als es die klassische Messgrösse des
Bruttosozialprodukts zum Ausdruck bringt. Das ist eine überraschende
These; meist liest man im Gegenteil, die ungenügende Berücksichtigung
negativer Effekte des Wirtschaftens, etwa der Umweltverschmutzung,
zeichne ein zu rosiges Bild des Wohlstands. Gordon bestreitet dies
nicht, hält aber dagegen, die Fortschritte in der Medizin seien
ebenfalls kaum berücksichtigt und würden die negativen Auslassungen mehr
als kompensieren.
Fortschritt ist eine Frage des Ermessens
Ebenso
überraschend ist, drittens, die Behauptung, der technische Fortschritt
habe sich seit 1970 verlangsamt. Das ist eine Frage des Ermessens. Sind
heutige Selbstverständlichkeiten wie fliessendes Wasser bedeutsamer als
die Kommunikationsrevolution des Internets? Hingegen zeigt Gordon klar,
dass sich das Produktivitätswachstum ab 1970 gegenüber den «besonderen
100 Jahren» (1870–1970) markant verlangsamt hat.
In
Verbindung mit der These der Nichtwiederholbarkeit der Ausnahmejahre
führt dies, viertens, zu einem pessimistischen Ausblick für die nächsten
25 Jahre. Gordon erwartet ein Wachstum der Arbeitsproduktivität von 1,2
Prozent jährlich, gegenüber gut 1,6 Prozent in den letzten 45 Jahren
und 2,8 Prozent zwischen 1920 und 1970.
Dramatischer
sieht es beim Bruttoinlandprodukt pro Kopf aus, dessen jährliches
Wachstum sich, wegen einer erwarteten Reduktion der Arbeitszeit, von 2,4
Prozent zwischen 1920 und 1970 auf 0,8 Prozent verlangsamen werde. Das
verfügbare Medianeinkommen schliesslich wird sogar nur um 0,3 Prozent
wachsen, in der «Boomzeit» waren es 2,25 Prozent gewesen. Solcher
Pessimismus ist Liberalen zwar suspekt, aber man wird sich dem Argument
nicht verschliessen können, dass in der Menschheitsgeschichte der
Aufstieg des Westens eine Episode und geringes Wachstum – nicht
Niedergang – möglicherweise den Normalfall darstellt.
Gordon gilt als Star unter den Ökonomen, als renommiertester
Produktivitätsforscher weltweit. Seit 50 Jahren beschäftigt er sich mit
der Frage, was die Effizienz einer Volkswirtschaft und damit auch ihr
Wachstum beeinflusst. Sein Wort hat Gewicht, das macht die Prophezeiung
so bedrohlich.
„Deprimierendster Ökonom des Landes“
Der jüngste Beleg dafür könnte das gerade vorgestellte iPhone SE sein. Apple-Fans zeigten sich enttäuscht über das Gerät, das kaum Neues zu bieten hat. Wenn selbst dem Technologieriesen nichts mehr einfällt, stehen die Zukunftsaussichten offensichtlich nicht allzu gut. Solche
Nachrichten, in Kombination mit Gordons Buch gelesen, haben das
Potenzial, Millionen Amerikaner schaudern zu lassen. „The Rise and Fall
of American Growth“ („Der Aufstieg und Fall des amerikanischen
Wachstums“), heißt das Werk. Die „Washington Post“ nannte ihn den
„deprimierendsten Ökonomen des Landes“. Auf zwei Sätze
reduziert lautet seine pessimistische These: Der technische Fortschritt
hat seinen Zenit überschritten. Die Zeiten des kräftigen
Wirtschaftswachstums sind für die USA und andere führende
Industrieländer vorbei.Das große Wachstum war nur ein AusrutscherViele
Rezensenten haben das 784-Seiten-Buch als neues Standardwerk gelobt,
andere halten Gordon für einen bockigen alten Mann, der die Tragweite
moderner Technologien nicht versteht. Gordon streicht mit der flachen
Hand über den Tisch: „Natürlich macht man sich mit schlechten
Nachrichten nicht nur Freunde.“ Er zuckt die Schultern: „Ich hab mir das
nicht ausgedacht, ich ziehe nur logische Schlussfolgerungen aus den
Daten.“
Quelle: Infografik Die Welt
Gordon
hat minutiös aufgeführt, wie jede einzelne bahnbrechende Erfindung seit
dem 19. Jahrhundert – Verbrennungsmotor, elektrisches Licht,
Sanitäreinrichtungen, Flugzeug – das Leben der Amerikaner verbessert und
die hat. Seinen Berechnungen zufolge wuchs die Wirtschaft zwischen 1891
und 2007 pro Kopf und Jahr durchschnittlich um zwei Prozent. Wenn
die USA künftig noch die Hälfte erreichen würden, könnten sie sich
schon glücklich schätzen, glaubt Gordon. Das bisschen Aufschwung käme
beim Einzelnen aber vermutlich nicht an, sondern würde im überschuldeten
Staatshaushalt oder beim reichsten einen Prozent verschwinden. Er
könnte es auch so sagen: Das große Wachstum seit der industriellen
Revolution war ein Ausrutscher der Geschichte. Es geht abwärts. Nicht
nur in den USA, sondern auch in Europa.
Tech-Industrie hält ihre Versprechen nicht
Die
Menschen in Industrienationen haben sich daran gewöhnt, dass alles
immer besser wird, der Lebensstandard von Generation zu Generation
wächst. Damit ist es jetzt vorbei, sagt Gordon: „Die Generation der
Millennials ist die erste, der es schlechter gehen wird als ihren
Eltern.“ Junge Amerikaner bleiben deutlich länger im Elternhaus wohnen,
haben mehr Probleme, ihre Studienkredite abzubezahlen, heiraten später
und bekommen weniger Kinder.
Er
glaubt, dass die von der Tech-Industrie beschrieene „vierte
industrielle Revolution“ nichts weiter als eine Schimäre ist. Die
sozialen Netzwerke, Apps, Roboter und Computer mit künstlicher
Intelligenz verbesserten unsere Leben nicht im gleichen Maße wie die
großen Erfindungen der Vergangenheit. „Man nimmt das oft
alles als selbstverständlich hin, wie sehr sich unser Alltag in den
vergangenen 150 Jahren verbessert hat“, sagt Gordon. Von Generation zu
Generation. Dieser Raum, sein Büro, wäre vermutlich früher im Winter zu
kalt gewesen, um entspannt darin zu arbeiten, weil es keine
Zentralheizung gab, und im Sommer zu heiß, weil die Klimaanlage noch
nicht erfunden war. Er wäre mit einer holprigen, zugigen Kutsche zur Uni
gefahren statt mit seinem leise dahingleitenden SUV. Seine Tassen hätte
vermutlich seine Frau gespült, die dazu Wasser vom Brunnen ins Haus
geschleppt hätte.
Von der Kutsche zum Boeing-Jet
„Wussten
Sie, dass Frauen im 19. Jahrhundert pro Woche zwei Tage nur mit der
Wäsche beschäftigt waren? Oder dass eine Hausfrau in North Carolina im
Jahr 1885 durchschnittlich 35 Tonnen Wasser 148 Meilen weit getragen
hat?“ Die Emanzipation der Frauen wäre ohne die Erfindung der
Sanitäranlagen, Waschmaschinen und Kühlschränke niemals möglich gewesen,
meint Gordon. Ab 1929 begannen amerikanische Städte
Kanalisationen zu bauen. Die Menschen lebten länger und gesünder,
Krankheiten wie Cholera starben aus. „Bei diesen Erfindungen geht es
nicht nur um Bequemlichkeit, sie haben die Welt verändert.“ Wenn er unterwegs ist und Vorträge hält, zeigt Gordon gerne zwei Fotos: das einer Holzkutsche und das einer Boeing
707. Die Holzkutsche steht für die Reisegeschwindigkeit des Jahres
1900. Damals fuhr man mit einem Prozent der Schallgeschwindigkeit. Die
1958 zugelassene Boeing 707, einer der ersten Langstreckenflieger der
zivilen Luftfahrt, fliegt mit 80 Prozent der Schallgeschwindigkeit.
„Unsere maximale Reisegeschwindigkeit hat sich also in rund 60 Jahren
verachtzigfacht, seitdem aber nicht mehr groß erhöht.“
Gordon mag Facebook nicht
Diesen
Teil seiner Analyse zweifelt niemand an. Die große Frage aber ist, ob
man mit einem Blick in die Vergangenheit wirklich die Zukunft
voraussagen kann. Gordon glaubt daran. Der Professor sagt, dass Computer, Internet, Smartphones oder Dienste wie Facebook
und die Taxi-App Uber das Leben zwar erleichtern. Er glaubt allerdings
auch, dass die größten Erfindungen des Computer-Zeitalters schon hinter
uns liegen. Das berühmte mooresche Gesetz, demzufolge sich die
Rechnerkapazität alle ein bis zwei Jahre verdoppelt, gelte in Zukunft
nicht mehr. Der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman
schrieb neulich, Gordon sei vielleicht zu alt, um zu verstehen, wie
soziale Medien das Leben der Menschen verändert haben. Gordon gibt offen
zu, dass er kein Technik-Freak ist. Er habe einen Laptop, seit zwei
Jahren auch ein Smartphone und schreibe viele E-Mails, aber Facebook
oder Twitter seien nichts für ihn.
Prominente Unterstützer
Das
wäre vielleicht anders, wenn er und seine Frau Julie – eine promovierte
Dozentin für englische Literatur an der Universität Chicago – Kinder
und Enkelkinder hätten. „Dann gäbe es etwas zu gucken für uns.“ Das
Modernste, das er für die Recherche seines Buches benutzt habe, seien
Post-it-Zettel gewesen, scherzt er. Der
Professor mag schrullig wirken, ganz besonders in dem Moment, als
während des Gesprächs sein iPhone klingelt, er hektisch auf dem Gerät
herumdrückt und etwas peinlich berührt zugibt, dass er auch nach zwei
Jahren nicht herausgefunden hat, wie man bei dem Ding den Ton ausstellt.
Aber man sollte ihn trotzdem ernst nehmen. Bekannte
US-Ökonomen wie Tyler Cowen oder Chad Syverson kommen zu ähnlichen
Schlüssen. Selbst aus dem Silicon Valley bekommt Gordon Unterstützung.
Peter Thiel, einer der wichtigsten Risikokapitalgeber der Tech-Branche,
machte schon 2011 seinem Frust mit einem pessimistischen
Zukunftsmanifest Luft. Der Titel lautete: „Wir wollten fliegende Autos
und haben 140 Zeichen bekommen.“ Twitter-Posts haben maximal 140
Zeichen.
Freund und Kritiker
Gordon
hat allerdings auch viele Kritiker, allen voran Erik Brynjolfsson vom
Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston. Privat sind die
beiden seit Jahrzehnten befreundet, beruflich treten sie regelmäßig als
Debatten-Gegner auf. Ihr gemeinsamer Ted-Talk aus dem Jahr 2013 wurde mehr als eine Million mal im Internet angesehen. Im
Gegensatz zu Gordon glaubt Brynjolfsson, das „zweite Zeitalter der
Maschinen“ liege noch vor uns. Er hält den Computer für eine ebenso
grundlegende Erfindung wie die Elektrizität und argumentiert, dass sich
in den ersten 30 Jahren nach Einführung des Stroms die Produktivität
zunächst kaum verbesserte, weil Fabrikanten lediglich die Dampfmaschinen
durch elektrische Motoren ausgetauscht hatten. Erst als die
Arbeitsprozesse und die Funktionsweise der Maschinen angepasst wurden,
kam der große Boom. Mit dem Computer-Zeitalter wird es
ähnlich verlaufen, glaubt Brynjolfsson. Die Tech-Industrie befinde sich
am Anfang einer Wachstumskurve, die zunächst sehr flach ansteigt und in
einigen Jahren durch die Decke gehen wird. Eines seiner liebsten
Beispiele ist das selbstfahrende Auto, das Wissenschaftler vor zehn Jahren noch für unmöglich gehalten hatten, und das jetzt schon als Prototyp fährt.
Roboter beherrschen einfachste Tätigkeiten nicht
An
diesem Punkt wird der Professorenstreit zur Glaubensfrage. Gordon ist
überzeugt, der Übergang zum fahrerlosen Auto lasse sich nie und nimmer
mit dem Wechsel von der Kutsche aufs Automobil vergleichen. Brynjolfsson
dagegen träumt von einer Welt, in der es dank der selbstfahrenden Autos
keine Staus, keine Unfälle, und keine LKW- und Taxifahrer mehr gibt. Gordon
findet, Brynjolfsson fehle der nötige Abstand, um die neuen
Technologien nüchtern zu betrachten. Der treibe sich doch ständig im
Silicon Valley rum, schaue sich all die neuen Roboter, den
IBM-Superrechner Watson und die Erfindungen an, an denen Google & Co. in ihren Laboren basteln und sei „begeistert wie ein Kind im Süßigkeitenladen“. Gordon sagt das nicht abfällig, sondern geradezu liebevoll über seinen
Freund. Aber diese Roboter könnten nicht mal einfachste Tätigkeiten wie
Wäsche zusammenlegen. Von wenigen Ausnahmen wie Kassenautomaten im
Supermarkt oder Check-in-Automaten am Flughafen, sagt Gordon, werde die
Arbeit in der Dienstleistungsbranche immer noch von Menschen erledigt.
„Dabei wurde der Computer schon 1942 erfunden.“
Wirbel um die Endzeit-Theorie
Er
behaupte ja keineswegs, es sei gar keine Innovation mehr vom
Computerzeitalter zu erwarten. Das zarte Wachstum werde aber
ausgebremst, unter anderem von der demografischen Alterung.
Gordon,
ein Anhänger der Demokraten, der bei den Vorwahlen für Hillary Clinton
gestimmt hat, kommt aus einer politisch interessierten Ökonomenfamilie.
Seine Eltern Robert Aaron und Margaret berieten als Arbeitsmarktexperten
die Regierung. Sein Bruder David war bis zu seinem Tod ein
marxistischer Wirtschaftswissenschaftler an der New School in New York.
Jeder der Professoren Gordon legte viel Wert darauf, nicht nur im
Elfenbeinturm zu forschen. Der letzte Gordon ist da
genauso. Er freut sich über den Wirbel um seine Endzeit-Theorie. Auf
seine alten Tage ist der weißhaarige Mann mit der Vorliebe für bequeme
Strickpullis und Gesundheitsschuhe auch noch einem breiteren Publikum in
den USA bekannt geworden. Trotzdem glaubt man ihm, wenn er sagt: „Ich
wäre hocherfreut, wenn ich mich irre.“Nota. - Das ist in der Tat bemerkenswert, dass ein Ökonom den Fortschritt nicht einfach am Wachstum des Bruttoinlandsprodukts misst, sondern an qualitativen Kriterien des Lebensstandards. Und da kommt er ganz richtig zu dem Ergebnis, dass der Fortschritt der Menschheit unter der Herrschaft des Kapitalismus - denn das waren die letzten 200 Jahre - viel größer war, als er sich in Geldwert ausdrücken lässt.Aber quantifizieren will auch Gordon den Fortschritt; nur dass er ihn nicht, wie bei Ökonomen üblich, in den in Geld gemessenen Tauschwerten, sondern in den Gebrauchswerten quantifizieren will, was freilich ein Unding ist. Wie will man den Rückgang von Krankheiten, das bessere und schmackhaftere Essen, die wohlfeile Massenunterhaltung und die zunehmend allen zugängliche Spitzenkultur gegeneinander aufwiegen? Da müsste man schätzen, und das ist eine Sache des Geschmacks (im allerweisteten Sinn). Doch nehmen wir für einen Moment an, die Lebensqualität ließe sich quantifizieren. Wäre nicht anzunehmen, dass es uns irgendwann reicht? Die Soffwechselkapazität der Individuen ist biologisch beschränkt. Zwar ist die Schranke noch lange nicht in aller Welt erreicht, aber die verbleibende Lücke ließe sich auch bei verlangsamten Wachstum nach und nach schließen. Das dauert eine Weile, wenn das jährliche Wachstum des Reichtums das Anwachsen der Bevölkerung nur noch um 0,3 Prozent übersteigt. Aber wie das Längenwachstum der Menschen und auch ihr erreichbares Höchstalter irgendwann an eine natürlich Grenzen stoßen werden, so auch ihr komsumtives Fassungsvermögen.Und dann wird sich zeigen: Die wahre Ökonomie ist gar nicht die unablässige Steigerung des Outputs, sondern - die Ersparnis von Zeit.Das war der eigentliche Auslöser des historischen Wachstum der vergangen zwei Jahrhunderte: die Explosion von Wissenschaft und Technologie, die, indem sie ununterbrochen Arbeitszeit einsparte, Zeit frei machte für - zusätzliche Arbeit: Mehrarbeit. Die Frage an die Industrie 4.0 ist heute gar nicht, ob sie erheblich mehr, auch nicht, ob sie erheblich Besseres produziert. Die Frage nach dem wirtschaftlichen Fortschritt wird sich in der Zukunft daran entscheiden, ob er Arbeitszeit freisetzt, indem er menschliche Arbeit immer überflüssiger macht - und daher nicht in Mehrarbeit verwandelt, sondern in freie Zeit. Und das wird nicht nur ein wirtschaftlicher, sondern ein kultureller, eigentlich: der kulturelle Forstschritt der Menschheitsgeschichte sein: Wir werden uns nicht mehr darüber streiten müssen, wer wieviel abbekommt, sondern darüber, was wir tun wollen.JE