Dienstag, 18. März 2014

Workuta.

aus NZZ, 18. 3. 2014                                                                                                                                                 Workuta

Die Wahrheit von Workuta
Kaum zu ertragen ist, was Julius Margolin nach seiner Odyssee durch den Gulag zu erzählen hatte

von Andreas Breitenstein · Es war einmal eine Weltvollendungsideologie, welche die Menschheit in Gläubige und Ungläubige spaltete. Ihr Name war Kommunismus und ihre Heimat die Sowjetunion. Die Kommunisten waren 1917 an die Macht gelangt, doch weil das für die nahe Zukunft vorausgesagte Heil einer klassenlosen Gesellschaft nicht eintreffen wollte, mussten immer neue Schuldige her, um zu erklären, warum das Experiment (noch) nicht funktionierte. Dabei war das grösste Übel bald beiseitegeräumt: der Zar, der Adel und das liberale Bürgertum, die kritische Intelligenz und die an ihrer Scholle hängenden Kleinbauern. Blieben, sich endlos vermehrend, die «Verräter» in den eigenen Reihen. Säuberungen wurden zum Krebs des Systems. Der Gulag wurde erfunden, wer irgendwie «auffällig» wurde, ging den Weg nach Sibirien - ohne Wiederkehr. Nach aussen hin wusste man den schönen Schein von Gleichheit und Brüderlichkeit schlau zu wahren. Wer den roten Terror zu kritisieren wagte, war ein Ketzer. Jugendbewegt, absolut modern und nach dem «Tod Gottes» auf der Suche nach einer neuen Religion, liessen sich die Genossen weltweit vom utopischen Spuk in der UdSSR nur zu gern blenden.

Ende einer Illusion

Vor uns liegt ein Buch, das an die Nieren und Wurzeln geht. Es räumt mit sämtlichen Illusionen auf, die man sich jemals über die mögliche Humanität des real existierenden Sozialismus machen konnte. Verfasst hat es einer, der den ganzen Kreis der sibirischen Hölle abschritt und trotz unsäglichem eigenem Leid ein kaltes Auge und einen klaren Verstand bewahrte. Sein Blick führt hinter die Propagandakulissen in einen Abgrund, in dem namenlos und unbeweint zig Millionen von Toten liegen. «Das Land der Lager ist in keiner sowjetischen Karte eingetragen, man findet es in keinem Atlas. Es ist das einzige Land der Welt, wo es über die Sowjetunion keinen Streit, keinen Irrtum und keine Illusionen gibt», schreibt der 1937 nach Palästina ausgewanderte Pole Julius Margolin im Ingress zu seinem 600-Seiten-Epos über seine fünfjährige Odyssee durch das Schattenreich des Archipel Gulag. Am 21. Juni 1946 war er als Greis von 46 Jahren aus dem Besserungsarbeitslager Kotlas im Gebiet Archangelsk entlassen worden. In nur zehn Monaten schrieb er jenes Buch der Erinnerung nieder, dessen Plan ihn in der Verzweiflung am Leben gehalten hatte. Dabei war der Hass in ihm schon lange erkaltet, denn Täter waren alle und keiner - es war der real gewordene Traum vom Kommunismus, der Ungeheuer gebar.

Julius Margolin: Reise in das Land der Lager. Aus dem
Russischen und mit einem Nachwort von Olga Radetzkaja. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2013. 638 S., Fr. 51.90.

Sein Überleben sieht Margolin als Verpflichtung, die ganze Wahrheit zu sagen. Es geht darum, die Verbrechen zu benennen, die mörderische Logik des Systems zu durchschauen und an die Opfer zu erinnern. Während sein Manuskript wächst, gehen in den Weiten des hohen Nordens noch immer Legionen an Sklavenarbeit zugrunde. Margolins Glück war es, sich als Mensch westlicher Denkungsart im Innern des Horrors den stereoskopischen Blick von aussen und im Kern die Rationalität zu bewahren. Ohne den Anker des Logos hätte ihn das Absurde verschlungen.
Margolin war einer der Ersten, die über das ganze Ausmass an Unmenschlichkeit des Gulag frei sprechen konnten. Indes war es nicht so, dass man in Israel begierig war, die Botschaft des einsamen Zeugen zu hören. Zu dankbar war man Stalin für den Sieg über Nazideutschland. So wurde das Buch um seine unerhörte Wucht und seinen literarischen Glanz geprellt. 1949 kommt in Frankreich eine gekürzte Version heraus, 1952 erscheint eine noch stärker gestutzte englische Fassung, aus der 1965 die deutsche Übersetzung hervorgeht. Die erste komplette Ausgabe seines Buches (2010 in Frankreich) erlebte der 1971 in Tel Aviv verstorbene Autor nicht mehr. Nun endlich liegt das ganze Konvolut in einer würdigen Edition auf Deutsch vor. Eine hebräische Ausgabe fehlt nach wie vor.

Nur schon der erste Teil, wo Margolin schildert, wie er als Heimatbesucher in Lodz bei Kriegsausbruch am 1. September 1939 in die Zange zwischen der Wehrmacht und der Roten Armee gerät, lohnt die Lektüre. So dramatisch und drastisch, so aufwühlend und anschaulich hat man noch nie gelesen, was der Hitler-Stalin-Pakt für den nichtsahnenden Einzelnen bedeutete, zumal dann, wenn er jüdisch war. Margolins Flucht geht nach Osten, vorbei an endlosen Flüchtlingszügen. Doch ist Rumäniens Grenze gesperrt und bleibt der Hafen von Constanza, wo er sich nach Haifa zu seiner Familie einschiffen will, unerreichbar.

Als die Rote Armee am 17. September in Ostpolen eindringt, kennt die Verwirrung kein Ende. Wo die Juden von Pinsk die Sowjets zunächst als Befreier bejubeln, macht sich bald Entsetzen breit, als die Sowjetisierung mit politischer und ethnischer «Säuberung» zu greifen beginnt. Die neuen Herren, die sich als Befreier geben, zeigen ihr wahres Gesicht, denn der Totalitarismus ihrer Weltanschauung lässt sich nur mit Terror durchsetzen. Margolin, als Brillenträger per se verdächtig, wird 1941 verhaftet, weil er sich ohne gültige Papiere auf sowjetischem Staatsgebiet (!) befindet, und in ein Straflager am Weissmeerkanal deportiert. Er ahnt nicht, dass die Welt seiner Kindheit, die er zurücklässt, der Vernichtung geweiht ist.

Da, wo der «rollende Sarg» mit seiner Menschenfracht zum Stehen kommt, leben die «Waldbewohner». Spätestens hier verwandelt sich das Buch in einen Schwarz-Weiss-Film von so dämonisch-tragisch-grotesker Art, als hätten Dante und Tarkowski gemeinsam Regie geführt. Die Seiten quellen über von Episoden und Figuren, von denen jede auf ihre Weise signifikant ist. Margolin entwirft eine detaillierte Phänomenologie der «Staatssklaverei» - vom Holzschlag über die Bewachung bis zum Strafwesen, vom Essen über die Hygiene bis zur Bürokratie, von den Arbeitsnormen, den Formen des Widerstands und den Arten des Sterbens. Aller Würde entkleidet, werden die Gefangenen zu gierigen Agenten ihres nackten Überlebens. Anstrengung und Hunger, Kälte und Hoffnungslosigkeit zehren an ihnen - und sie selber etablieren eine brutale Hackordnung. Anfangs sind die Polen als fremde Gruppe noch geschützt, doch dann verschwinden sie in der «mausgrauen» Masse.

Funken von Humanität

Mit stockendem Atem liest man dieses Buch, das nicht nur den Schleier vom obszönen innersten Geheimnis des Sowjetkommunismus reisst, sondern auch ein sprachliches und erzählerisches Meisterwerk darstellt. Margolin hat auf seinem Weg durch die Lagerwelt unglaubliches Glück, denn kaum einer überlebt auf Dauer Hunger und Kälte, Demütigung und Schinderei. Bis zur Selbstverleugnung sucht er der eigenen Entmenschlichung zu widerstehen - und immer wieder helfen ihm Leute, die sich Funken von Humanität bewahrt haben.

Julius Margolin mit seinem Wissen, seiner Weisheit und seinem Witz ist der Richtige, sich der Absurdität anzunähern, dass hier der Preis für eine bessere Welt gezahlt wird. 1900 in Pinsk geboren, vielsprachig sozialisiert und hoch gebildet, war er einer jener selbstbewussten jungen Juden, die sich vom religiösen Herkunftsmilieu im Osten emanzipierten und in den europäischen Metropolen den aufgeklärt-säkularen Weg gingen. Seine Aufzeichnungen gehören fortan zusammen mit jenen von Alexander Solschenizyn und Gustav Herling, aber auch von Primo Levi und Imre Kertész genannt. «Reise in das Land der Lager» ist eines der grossen Erinnerungsbücher des totalitären 20. Jahrhunderts. Der Vergleich von Gulag und Holocaust ist problematisch, doch stellt er sich hier auf dämonisch-ironische Weise von alleine ein: Es war am Ende der Horror des Gulag, der den Autor vor dem Tod in einem NS-Vernichtungslager bewahrte.

Workuta

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