Freitag, 9. Mai 2014

Die Indus-Kultur.

aus scinexx

Stand 09.05.2014

Indus-Kultur
Rätsel um ein verschwundenes Riesenreich
Eine bis heute nicht entzifferte Schrift, verblüffend moderne Städte und ein gewaltiges Reich, dessen Ende ebenso rätselhaft ist wie sein Anfang: Die Indus-Kultur ist bis heute die geheimnisvollste unter den großen Hochkulturen. Obwohl sie vor fast 5.000 Jahren eine ganze Region prägte, ist über sie kaum etwas bekannt.

von Nadja Podbregar

Die Indus-Kultur gehört zu den großen Drei der frühen Hochkulturen - und ist dennoch vielen kein Begriff. Kein Wunder: Obwohl das Reich dieser Menschen einst größer war als das alte Ägypten und Mesopotamien zusammen, weiß man kaum etwas über sie. Klar ist nur: Ab etwa 2800 vor Christus veränderten und prägten sie das gesamte Gebiet des heutigen Pakistan und Teile Indiens und Afghanistans.

Was aber diese Kultur einst entstehen ließ, ist noch ebenso unklar wie der Grund für ihren Niedergang gut 700 Jahre später. Im Dunkeln liegt auch, welche Sprache die Menschen dort nutzten und ihre Schrift blieb bisher nicht entziffert - sie scheint mit keiner der bekannten Schriften verwandt zu sein.

Inhalt:

  1. Städte aus dem Nichts
    Der Beginn der Indus-Kultur
  2. Genormte Gesellschaft
    Feste Maßeinheiten und Referenzgewichte
  3. Geheimnisvolle Zeichen
    Die nicht entschlüsselte Schrift der Indus-Kultur
  4. Ein Reich des Friedens…
    …oder doch nicht?
  5. Das Ende
    Was brachte die Hochkultur am Indus zu Fall?
  6. Januskopf Klima
    War der Monsun schuld am Untergang der Indus-Kultur?

Die größten Städte der Harappa (rot) konzentrierten vor mehr als 4.000 Jahren in den einst fruchtbaren Ebenen östlich des Indus, heute ist die Hauptwasserader dieses Gebiet, das Ghaggra-Hakra-Flusssystem, ausgetrocknet und die Region eine Wüste.


Städte aus dem Nichts
Der Beginn der Indus-Kultur

Alles begann vor tausenden von Jahren im fruchtbaren Becken des Indus-Stroms: Relikte aus der Steinzeit zeigen, dass dort schon vor rund 10.000 Jahren Jäger und Sammler damit begannen, sesshaft zu werden und die ersten Tiere und Pflanzen zu domestizieren. Ab etwa 6500 vor Christus züchteten sie Rinder und bauten Weizen an, später auch andere Nutzpflanzen - eine zunächst ganz normale Ackerbau-Kultur.

Vom Bauernland zur Stadtkultur

Doch dann kam der große Wandel: Scheinbar aus dem Nichts entstanden um 2600 vor Christus plötzlich an verschiedenen Stellen des Indus-Beckens große Städte mit mehreren tausend Einwohnern. Vor allem zwei dieser urbanen Zentren sind es, Harappa und Mohenjo Daro, die den Archäologen einen ersten Einblick in diese rätselhafte Zivilisation und ihre Kultur gegeben haben.

Erstaunlicherweise ähnelt sich der Aufbau der Indus- Städte so sehr, dass sie wie auf den Reißbrett entworfen erscheinen. Wie Ausgrabungen zeigen, folgten die Gebäude und Straßen in ihnen einer strengen geometrischen Struktur - verblüffend ähnlich den Stadtvierteln moderner Großstädte. Ähnlich wie bei einem Schachbrett verliefen breite Alleen parallel in Nord-Südrichtung, kleinere Straßen kreuzten sie jeweils im rechten Winkel.


Genormte Gebäude und ein großes Gemeinschaftsbad: Die Stadt Mohenjo Daro

Genormte Architektur

Die Häuser in den Wohnvierteln waren geräumig und hatten alle einen relativ einheitlichen, rechteckigen Grundriss. Eher gleichförmig war auch ihr äußerer Anblick: Im Gegensatz zu den aus Mesopotamien bekannten Monumentalbauten, herrschte in Mohenjo Daro und Harappa eher praktische Sachlichkeit. Paläste oder große Tempel gab es nicht. Die meist aus gebrannten Lehmziegeln errichteten Gebäude waren alle nach ähnlichem Muster gebaut: Durch einen Vorraum gelangte man oft in einen Innenhof, um den die restlichen Räume angeordnet waren. Einige Häuser besaßen noch ein zweites Stockwerk, bei anderen boten Dachterrassen im Obergeschoss zusätzlichen Raum.

Wegen dieser erstaunlich zweckmäßigen, einheitlichen Struktur und Architektur gehen einige Forscher davon aus, dass die Indus-Kultur vielleicht sogar die erste Zivilisation gewesen sein könnte, die so etwas wie eine übergeordnete Städteplanung besaß.


Brunnen, Kanäle und eine Badeplattform in Harappa.

Wasser aus der Leitung und zentrale Kanalisation

Und auch die restliche Infrastruktur dieser Bronzezeit-Städte war verblüffend modern. So gab es dort schon vor fast 4.000 Jahren eine ausgefeilte Wasserversorgung und Kanalisation: In Mohenjo Daro gab es einen zentralen Brunnen und ein öffentliches Bad. Viele Bewohner bezogen aber ihr Trinkwasser über einen etwas kleineren, aus Lehmziegeln gemauerten Brunnen im eigenen Haus. Vermutlich gab es sogar Leitungen, über die Frischwasser in die Gebäude geführt wurde. Ausgrabungen zeigen, dass das Abwasser aus den Häusern über Tonröhren in die städtische Kanalisation floss - mit Ziegeln überdeckte Abwasserkanäle, die entlang der größeren Straßen verliefen.

Zum Schutz vor Überschwemmungen war ein Großteil von Mohenjo Daro auf einem Plateau errichtet, vor Angriffen schützen Wachtürme und Befestigungen am Südrand der Stadt. Neben den Wohngebäuden gab es in den Städten auch Verwaltungs- und/oder Vorratsgebäude und zahlreiche Werkstätten, wie Funde von Rohmaterialien für die Schmuckherstellung und zahlreiche Perlen belegen. Da einige dieser Rohstoffe im Industal nicht vorkamen, sondern nur in Zentralasien und anderen weiter entfernten Regionen, müssen sie von dort importiert worden sein - ein Hinweis auf das ausgedehnte Handelsnetz, das die Indus-Kultur damals besaß. 


Genormte Gesellschaft
Feste Maßeinheiten und Referenzgewichte

Wie weit fortgeschritten die Indus-Kultur bereits vor gut 4.500 Jahren war, zeigt sich auch an ihrem vereinheitlichten und erstaunlich genauen System von Maßeinheiten. Vermessungen der Indus-Städte ergaben, dass viele Gebäude, Plätze und selbst die Lehmziegel festen Größenverhältnissen zu folgen scheinen. Und diese lassen sich auf einen einheitlichen kleinsten gemeinsamen Nenner herunterbrechen: 17,6 Millimeter - höchstwahrscheinlich die Grundeinheit des Indus-Maßsystems.


Auch die Ziegelsteine waren genormt, hier ein 4.500 Jahre alter Ziegel aus der Stadt Chanhu Daro
Präzise Regeln

2008 stießen Archäologen bei Ausgrabungen in der Indus-Stadt Kalibangan auf den tönernen Querbalken einer Waage, in den in regelmäßigen Abständen Linien eingeritzt waren - alle 17,6 Millimeter. Mehrere kleinere Markierungen dazwischen kennzeichneten offenbar Untereinheiten dieses als Angulam bezeichneten Maßes. "Schon zum jetzigen Zeitpunkt können wir sagen, dass die Harappa-Architekten und Steinmetze nicht an zufällige Konstruktionen glaubten, sondern präzisen Regeln der Proportion und Ästhetik folgten", erklärt der Indus-Experte Michel Danino.

Dass die Bewohner des Indus-Reiches auch in punkto Gewicht systematisch vorgingen, entdeckten Archäologen bereits bei den ersten Ausgrabungen in Mohenjo Daro im Jahr 1931. Sie stießen auf mehrere würfel- und quaderförmige Klötzchen aus Kalkstein, die unterschiedlich groß waren. Im Laufe der weiteren Ausgrabungen wurden auch in anderen Städten solche Klötzchen entdeckt, die den ersten Funden ähnelten wie ein Ei dem andern. Worum aber handelte es sich?

Referenzgewichte für den Handel

Ein Indiz lieferten die Fundorte: Die Klötzchen tauchten meist dort auf, wo sich auch Relikte von Waren, Siegeln und anderen Paraphernalien des Handels fanden. Inzwischen ist klar, dass diese Klötzchen Referenzgewichte darstellen - sie wurden beim Wiegen von Handelsgütern genutzt. Die Basiseinheit war dabei offenbar etwas leichter als unser Gramm, die kleinsten Klötzchen bringen 0,89 Gramm auf die Waage.

"Die Indus-Gewichte sind extrem standardisiert: Innerhalb einer Gewichtsklasse weichen sie nur um rund sechs Prozent voneinander ab", erklärt Mayank Vahia vom Tata Institute for Fundamental Research

 

Ein Reich des Friedens…
…oder doch nicht?

Als eines der herausstechenden Merkmale der rätselhaften Indus-Kultur galt lange ihre Friedfertigkeit: Archäologische Ausgrabungen in den Siedlungsresten förderten keinerlei Spuren von Kriegen oder Gewalt zutage - weder als Zerstörungen an Gebäuden, noch in Form von Kampfszenen auf Kunstobjekten oder Keramiken. Auch Hinweise auf eine Hierarchie, zentralistische Herrscher oder ein Klassensystem fehlten.


Statue eines Priesterkönigs der Indus-Kultur - über sein Reich ist bisher nur wenig bekannt.
Man ging deshalb davon aus, dass die Induskultur eher nach dem Prinzip einer "Graswurzel-Regierung" organisiert war: Die Bevölkerung teilte ihren politischen und religiösen Führern Autorität zu, es gab aber nur eine schwache Hierarchie und ein ansonsten eher egalitäres Gesellschaftssystem. Deshalb, so glaubte man, wurde auch kaum Gewalt benötigt, um soziale Kontrolle auszuüben.

Im Sommer 2012 allerdings stießen Archäologen auf Funde, die das Bild vom Reich des Friedens platzen ließen - oder es zumindest arg ins Wanken brachten. Forscher um Gwen Robbins Schug von der Appalachian State University in Boone hatten für ihre Studie 160 Skelette näher untersucht, die in Harappa in drei verschiedenen Friedhöfen gefunden wurden. Dabei stießen sie besonders bei den Knochen aus der Spätzeit der Indus-Kultur zwischen 1900 und 1700 v.Chr. auf auffallend viele Anzeichen für schwere Verletzungen.

Spuren von Prügeln und Kampf

Immerhin 15,5 Prozent der Schädel in einer Grabstätte aus dieser Epoche hatten Brüche oder Risse in der Schädeldecke, wie sie beim Schlag mit einer stumpfen Waffe entstehen, oder andere durch Gewalteinwirkung verursachte Schäden an den Knochen. Ein Mann im mittleren Alter hatte eine gebrochene Nase und eine Verletzung an der Stirn, die von einem scharfkantigen Objekt herrührten, eine Frau war offenbar vor ihrem Tod so heftig verprügelt worden, dass ihr Schädel barst.


Der Schädel einer älteren Frau mit deutlichen Verletzungen
"Die Art der Schädeltraumata passt nicht zu Unfällen oder Schäden, die nach dem Tod entstanden sein können", konstatieren Schug und ihre Kollegen. "Stattdessen deuten die Daten klar auf zwischenmenschliche Gewalt hin." Frauen und Kinder seien damals besonders häufig Opfer solcher Gewalttaten geworden. Anhand ihrer Ergebnisse gehen die Forscher davon aus, dass die Rate der Gewalt in Harappa zu jener Zeit selbst für eine Stadt relativ hoch war - sogar die höchste in ganz Südostasien in dieser Ära. Aber warum?

Gewalt durch Umbruch

Einen Hinweis dazu lieferte der Vergleich mit den Grabstätten und Skeletten aus früheren Phasen der Indus-Kultur: In diesen Gräbern waren Spuren von Gewalteinwirkung tatsächlich extrem rar. Selbst in der Zeit als Harappa mehr als 30.000 Einwohner zählte, waren Mord und Totschlag offenbar eine absolute Ausnahme. Das aber änderte sich offenbar gegen 1900 v.Chr., als die Indus-Kultur allmählich begann, sich aufzulösen.

"Diese Periode war eine Zeit des sozialen Wandels in der gesamten Zivilisation: die bisherige Einflusssphäre der Kultur kollabierte, die Bevölkerung begann, die Städte zu verlassen, und viele technische und kulturelle Errungenschaften wurden aufgegeben", erklären Schug und ihre Kollegen. Ihrer Ansicht nach erklärt dieser Umbruch und der Stress und die Verunsicherung, den er bei den Menschen ausgelöst haben muss, auch die Zunahme von Aggression und Gewalt.

"Es ist klar, dass Konflikt und Kampf damals normaler Teil des Lebens für die Stadtbewohner von Harappa waren", so die Archäologen. "Das demonstriert, dass die Indus-Zivilisation zumindest in dieser Zeit kein außergewöhnlich friedvolles Reich gewesen ist. Diese Idee müssen wir auf Basis unserer Ergebnisse verwerfen." 


Das Ende
Was brachte die Hochkultur am Indus zu Fall?

Wie bei vielen frühen Hochkulturen ist auch der Niedergang der Indus-Zivilisation rätselhaft. Was führte dazu, dass diese Kultur, die zu ihrer Blütezeit eine Million Quadratkilometer Fläche und bis zu zehn Prozent der gesamten damaligen Weltbevölkerung umfasste, sich allmählich auflöste und verschwand? Warum verließen die Menschen nach rund 700 Jahre die großen, reichen Städte und oft auch gleich die gesamte Indusregion?


Nach 700 Jahren Wohlstand verließen die Bewohner plötzlich ihre Städte

Bisher gibt es zu dieser Frage eine ganze Reihe von Hypothesen und Theorien, aber nur wenige eindeutige Belege. Einige Forscher suchen die Ursache in sozio-ökonomischen Entwicklungen, darunter sozialen Unruhen, Invasionen durch Nachbarvölker oder einen nachlassenden Handel. Andere mutmaßen, dass es das Klima gewesen sein könnte, dass - wie bei so vielen anderen Hochkulturen - auch dieser Zivilisation den Todesstoß versetzte.

Sturzfluten und Trockenzeiten

Das Tal des Indus und seiner Nebenflüsse war zur Zeit der Indus-Kultur fruchtbar und bot reichlich Möglichkeiten, auch größere Städte durch entsprechende Landwirtschaft zu ernähren. Allerdings: Verantwortlich für diese Fruchtbarkeit und den Wassernachschub war nicht der Regen, sondern das Gletscher-Schmelzwasser aus dem Himalaya und ein noch weitaus unzuverlässigerer Faktor: der Monsun.


Der Indus bezieht sein Wasser aus dem Himalaya.
Während der Regenzeit fiel der Niederschlag dabei vor allem stromaufwärts, an den Oberläufen der Flüsse. Als Sturzfluten und Hochwasser wälzte sich dieses Wasser dann immer wieder die Flüsse hinab und sorgte für Überschwemmungen - wie noch heute in Bangladesch und Pakistan der Fall. Und ähnlich wie zur gleichen Zeit am Nil waren es solche regelmäßigen Überschwemmungen, die dem Land an den Flussufern seine Fruchtbarkeit verliehen.

Im Unterschied zu den alten Ägyptern oder auch den Kulturen Mesopotamiens machten die Bewohner des Industals aber offenbar keine Versuche, diese Wasserfluten durch Bewässerungssysteme zu steuern und zu kontrollieren. Bisher zumindest fehlt jede Spur einer solchen klassischen Bewässerungslandwirtschaft. Lag hierin vielleicht schon die Saat des Niedergangs? 


Januskopf Klima
War der Monsun schuld am Untergang der Indus-Kultur?

Welche Rolle spielte das Klima für den Niedergang der Indus-Bewohner? Immerhin brachten Trockenzeiten auch schon andere Hochkulturen zu Fall wie die Maya und das Reich der Khmer in Angkor Wat. Tatsächlich stießen Forscher im Jahr 2012 auch für die Indus-Kultur auf Hinweise, die dies nahelegen.


Figur einer Fruchtbarkeitsgöttin aus der Indus-Kultur
Liviu Giosan von der Woods Hole Oceanographic Institution und ihre Kollegen erstellten für ihre Studie zunächst ein digitales Geländemodell des ehemaligen Siedlungsgebiets der Indus-Bewohner. In Ausgrabungen vor Ort, Bohrungen und zahlreichen Sedimentproben erkundeten die Forscher dann, wie sich dieses Gebiet und vor allem die dortigen Flussläufe im Laufe der Zeit verändert haben. "Nachdem wir einmal diese geologischen Informationen hatten, konnten wir sie mit dem kombinieren, was wir über die Siedlungen, das Klima und die von den Indus-Bewohnern angebauten Pflanzen wussten", erklärt Mitautor Dorian Fuller vom University College London.

Vom Klima begünstigt - zunächst

Wie die Auswertungen ergaben, hatte das Klima tatsächlich einen starken Einfluss auf die Indus-Kultur - möglicherweise verdankt sie ihm sogar ihr Entstehen. Denn bereits einige Jahrhunderte bevor die Bewohner dieser Region die ersten Städte errichteten, begann das Klima dort trockener zu werden. Etwa um 3200 v.Chr. war der Höhepunkt dieser Trockenperiode erreicht - ungefähr dann, als auch die Indus-Kultur zu florieren begann, wie die Forscher berichten.

Ihrer Ansicht nach ist das kein Zufall: Der Klimawechsel sorgte damals dafür, dass die heftigen Sturzfluten entlang des Indus und seiner Nebenflüsse etwas nachließen, es aber immer noch ausreichend Überschwemmungen gab, um den Boden entlang der Flussufer fruchtbar zu machen. Vor allem die Ebenen am Zusammenfluss von Indus und den drei vereinigten Nebenflüssen Jhelam, Chenab und Ravi bot optimale Bedingungen, um reiche Ernten zu erzielen.


Zentraler Brunnen in Harappa - einige Jahrhunderte gab es Wasser genug.
In diesem Gebiet lag auch die Stadt Harappa - geschützt auf einem Hügelzug, aber nahe genug an den fruchtbaren Überflutungsbereichen der Flussufer. Ein zweites Zentrum der Besiedlung entwickelte sich etwas weiter nordöstlich, im Einzugsgebiet des Ghaggar-Hakra-Flusssystems. Diese Flüsse transportierten kaum Schmelzwasser, ihre Hauptwasserquelle war der Monsunregen. Dadurch fehlten die heftigen Frühjahrshochwasser, der Nachschub in der Regenzeit reichte aber aus, um die Wasserversorgung sicherzustellen, wie die Forscher erklären.

Zuflucht am Fuß des Himalaya

Aber bei dieser Idylle blieb es nicht. Stattdessen verschärfte sich die Dürre weiter. Der Monsun verlagerte sich weiter nach Osten, sodass ein Großteil der Niederschläge nun im Gangesgebiet und nicht mehr im Indusbecken fiel. Um 1900 v.Chr. fielen Teile des südlichen Ghaggar-Hakra-Flusssystems über Monate hinweg trocken und auch entlang des Indus nahmen die so wichtigen Überschwemmungen ab.

"Dies könnte auch erklären, warum sich in der späten Zeit der Indus-Zivilisation die Siedlungen nahe am Ursprung des Ghaggar-Hakra-Systems ausdehnten", erklärt Giosan. Denn dort, am Fuß des Himalaya, gab es trotzdem noch kleinere Überschwemmungen, die zumindest eine Ernte pro Jahr ermöglichten. Für die großen Städte im Tiefland mit ihren Tausenden Bewohnern war dieser erneute Klimawandel jedoch fatal. Denn die allmählich austrocknenden Felder konnten den enormen Nahrungsbedarf der Bevölkerung immer weniger decken.


Obwohl sie den Wasserbau beherrschten, wanderten die Indus-Bewohner lieber aus, statt zu bewässern.
Auswandern statt bewässern

Aber warum entwickelten die Bewohner Harappas und der anderen Städte nicht wenigstens dann ein System der Bewässerung, um das knapper werdende Wasser maximal zu nutzen? Nach Ansicht von Giosan ist die Antwort darauf simpel: Weil sie eine einfachere Alternative hatten. "Im Gegensatz zu den Bewohnern Mesopotamiens und Ägyptens, die von Wüsten und trockenem Land umgeben waren, konnten die Indus-Bewohner ausweichen - in die feuchteren Gebiete weiter östlich, Richtung Ganges", so die Forscher. Diese Auswanderung führte aber dazu, dass die Bevölkerung im Kernland der Indus-Zivilisation immer weiter ausdünnte.

Die Städte wurden nach und nach verlassen, es entstanden nur noch kleinere Dörfer in den wenigen Gebieten, in denen der Wassernachschub noch ausreichte. Das Ausmaß der Umweltveränderungen muss die damalige Gesellschaft schwer getroffen haben und machte sie mit Sicherheit auch anfälliger für andere Störfaktoren. Allerdings: "Auch das liefert keine einfache, deterministische Erklärung für alle Umwälzungen, die sich im gesamten Gebiet dieser Zivilisation ereigneten", betonen die Forscher. Wie genau das Ende der Indus-Kultur vonstatten ging, bleibt daher noch immer unklar.


Nota.

Es gibt allerdings eine Theorie über den Untergang der Indus-Kultur, doch die Autorin erwähnt sie nicht einmal.

Es ist aufgefallen, dass in den größeren Städten, und besonders wohl in Mohendjo Daro, die Häuser der in späteren Jahunderten hinzugebauten Außenviertel mit der Zeit aus immer minderwertigerem Material errichtet wurden, und dass zunehmend Stroh das früher reichlich vorhandene Holz ersetzt hat. Daraus wird geschlossen, dass die Bewaldung der Flussufer nach und nach abgeholzt war (und folglich wohl Erosion eintrat). Auch im Fruchtbaren Halbmond des Nahen Ostens bestand der größte Teil der heutigen Wüsten und Trockensavannen damals aus Feuchtsavannen, die besonders durch ihre gewaltigen Galeriewälder entlang der Flussläufe geprägt waren. Auch dort sind sie verschwunden und mit ihnen die frühgeschichtlichen Kulturen - wenn auch nicht so spurlos wie am Indus. Freilich gab es dort auch kein Rückzugsbebiet wie das Gangestal, in das man hätte auswandern können...

Nach dieser Interpretation wäre die Induskultur an einem zu raschen und ungezügeltem Wachstum untergegangen, das aber von keiner Entwicklung der Produktionskräfte begleitet war. Das äußere Wachstum wäre mit einer inneren Ausdünnung gezahlt worden. - Vielleicht ist das ja Unsinn, aber warum sagt uns die Autorin nicht, warum? Bloß, weil Klimawandel heute populärer ist als eine ökonomische Begründung?
JE

 
 

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