Donnerstag, 26. Juni 2014

Residuen des bürokratischen Feudalismus.

Junge Frauen, die zur Sowjetzeit in einem Bergwerk im Gebiet Donezk arbeiten; Aufnahme von 1930.
aus nzz.ch, 25. Juni 2014, 10:00                                                                                   Junge Arbeiterinnen im Donbass,1930


Verlorene Privilegien
Die Kinder des Sowjetkommunismus fühlen sich verraten



Die Stadt Donezk, die zuerst Jusowka und später Stalino hiess, war in den dreissiger Jahren ein Vorzeigemodell des sozialistischen Aufbaus. Auch im ukrainischen Staat ist der Donbass das wichtigste Zentrum der Schwerindustrie.

Im Herbst des Jahres 1869 landete der britische Unternehmer John James Hughes mit acht Schiffen am Nordufer des Asowschen Meeres. Er brachte moderne technische Ausrüstung und hundert Facharbeiter mit, um dieses dünnbesiedelte Steppengebiet, in dem sich reiche Steinkohlelager befinden, industriell zu erschliessen. Ausgestattet mit einer Konzession der russischen Regierung, hatte er ein Stück Land am Fluss Kalmius erworben, wo er ein Metallwerk errichten liess. Im April 1871 nahm der erste Hochofen seinen Betrieb auf. Um diese erste Fabrik entstand eine Arbeitersiedlung, die nach ihrem Begründer Jusowka (Hughes-owka) genannt wurde. Jusowka (ukrainisch Jusiwka) war also keine historisch gewachsene Stadt, kein Zentrum der Verwaltung, des Handels und Gewerbes, sondern ein Industriedorf im Niemandsland. Jusowka hatte im Jahre 1884 5500 und 1913 43 000 Einwohner, die Mehrheit von ihnen aus Russland zugewanderte Industriearbeiter. Ein Jahrhundert später leben in der Stadt, dem heutigen Donezk, über eine Million Menschen.

Frühe Vorbilder

Bergbau und Metallurgie nahmen eine stürmische Entwicklung, und Jusowka wurde zu einer Boomtown im Donezbecken (Donbass), der Region, die in wenigen Jahrzehnten zum wichtigsten Schwerindustriegebiet im Zarenreich wurde. Eisenbahnen verbanden die Stadt mit dem Zentrum des Reiches und mit den Erzlagerstätten am unteren Dnjepr. In der neu erschlossenen, schwer kontrollierbaren «wilden Steppe» verbanden sich Freiheit und Gewalt zu einer explosiven Mischung, die die Geschichte des Donbass in der Folge prägte.


Revolution und Bürgerkrieg brachten Jusowka Zerstörungen und zwei Hungersnöte. Eine 1918 errichtete kurzlebige Sowjetrepublik Donezk-Kriwoi Rog mit der Hauptstadt Luhansk könnte den beiden heutigen «Volksrepubliken» Donezk und Luhansk als Vorbild gedient haben. Während Stalins ersten Fünfjahrplänen erlebte der Donbass erneut einen rapiden Aufschwung. Die Schwer- und Rüstungsindustrie, die Produktion von Kohle, Eisen und Stahl standen im Zentrum der forcierten Industrialisierung der Sowjetunion. Die Bedeutung des Donbass zeigt sich daran, dass in der Region vor 1941 zwei Drittel des Eisens und Stahls der Sowjetunion produziert wurden.

Jusowka, das 1924 programmatisch in Stalino umbenannt worden war, entwickelte sich stürmisch und zählte am Ende der 1930er Jahre 223 grosse Unternehmen und fast 500 000 Einwohner. Neben russischen Arbeitern strömten nun zahlreiche ukrainische Bauern und Juden in die Stadt. Stalino und der Donbass wurden zu Musterorten der sowjetischen Industrialisierung, zu Vorzeigemodellen des sozialistischen Aufbaus.

Das Industrieproletariat des Donbass und allen voran die Bergleute waren die Prototypen des neuen «Sowjetmenschen». Ihr Vorreiter war der Bergmann Alexei Stachanow, der am 31. August 1935 in einer Schicht angeblich 102 Tonnen Kohle förderte und damit die Arbeitsnorm um das 14-Fache übererfüllte. Die nach ihm benannte Propagandakampagne diente der Steigerung der Arbeitsleistung und allgemein der Mobilisierung der sowjetischen Bevölkerung für den Aufbau des Sozialismus. Die Stachanow-Arbeiter wurden zur Avantgarde des Proletariats stilisiert und zu Helden des sowjetischen Kinos.

Die Elite der Bergleute und Stahlarbeiter erhielt hohe Löhne und Privilegien wie den leichteren Zugang zu Wohnungen und Nahrungsmitteln. Obwohl die Masse der Industriearbeiter weiter unter kargen Bedingungen lebte, wurden auch sie gegenüber der übrigen Bevölkerung bevorzugt. Da sie ausreichend mit Lebensmitteln versorgt wurden, litten die Städte des Donbass viel weniger unter der von Stalin herbeigeführten Hungersnot von 1932/33 als die Landbevölkerung. Stalino war dagegen schwer vom stalinschen Terror und von den «Säuberungen» betroffen, denen vor allem Ingenieure, Techniker und Parteifunktionäre zum Opfer fielen. Dennoch bleiben die dreissiger Jahre in Donezk als goldenes Zeitalter in Erinnerung, und zahlreiche seiner Bürger blicken mit Nostalgie zurück auf die Jahre, als ihre Vorfahren die gehätschelten Kinder des Sowjetkommunismus waren.

Krieg und Wiederaufbau

Der Zweite Weltkrieg erreichte Stalino am 20. Oktober 1941, als es von deutschen Truppen besetzt wurde. Die Sowjets hatten einen Teil der Industrieanlagen rechtzeitig demontiert und mit den Industriearbeitern nach Sibirien evakuiert, ein Teil der Kohlegruben wurde zerstört. Dennoch gelang es den Besatzern, die Kohleproduktion wieder anzukurbeln und für ihre Zwecke zu nutzen. 250 000 Bewohner des Gebiets Stalino (8 Prozent der Bevölkerung) wurden als Zwangsarbeiter ins Reich nach Deutschland verschleppt. Zahlreiche Kriegsgefangene, kommunistische Funktionäre und alle Juden, die sich nicht hatten retten können, wurden getötet. Als die sowjetischen Truppen Stalino im September 1943 befreiten, war die Stadt weitgehend zerstört. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Schwerindustrie im Donbass rasch wiederaufgebaut, wobei Zwangsarbeiter aus den Reihen der deutschen Kriegsgefangenen und der repatriierten Sowjetbürger eingesetzt wurden. Die Produktion von Kohle, Stahl und Maschinen übertraf schon 1955 die Vorkriegswerte. Im Jahr 1961, acht Jahre nach dem Tod Stalins, erhielt die Stadt den neuen Namen Donezk, nach dem Fluss Donez, der allerdings in 100 Kilometer Entfernung an der Stadt vorbeifliesst. Die Industrie wurde diversifiziert, neben die Montanindustrie traten die chemische und die lebensmittelverarbeitende Industrie.

Die Stadt wurde neu aufgebaut, mit grosszügigen Plätzen, Verwaltungsgebäuden und vielen Pärken, die bis heute das Zentrum prägen und sich von den tristen Vororten mit ihren teilweise maroden Kohlegruben und Fabriken abheben. Dazu kamen die 1965 errichtete Universität sowie mehrere Theater und Museen. Aus dem Industriedorf war ein städtisches Zentrum geworden. Die Bevölkerung wuchs weiter an und erreichte im Jahre 1979 die Millionengrenze. Seither stagniert die Zahl. Dies entsprach der wirtschaftlichen Stagnation der Region, die von den Schwerindustrie-Komplexen im Südural und in Sibirien vermehrt in den Schatten gestellt wurde.

Nach 1991 rückte der Donbass mit seinem Herz Donezk wieder in den Vordergrund und wurde zum wichtigsten Industriegebiet der unabhängigen Ukraine. Die selbstbewussten Bergleute machten seit dem Jahr 1989 durch wiederholte Streiks auf sich aufmerksam und setzten ihre Ziele, die Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen und die Erhöhung ihrer Löhne, zum Teil durch. Dennoch blieben die veralteten Kohlegruben ein gefährlicher Arbeitsort, und es kam mehrmals zu schweren Unglücken, denen über 400 Bergleute zum Opfer fielen, Die Vorzeigebranche des Kohleabbaus wurde immer teurer und weniger konkurrenzfähig.

Es gelang aber, die Industrie weiter zu diversifizieren, und die Region Donezk blieb das wirtschaftlich stärkste Gebiet der Ukraine mit nicht weniger als 20 Prozent der im Land produzierten Waren und Dienstleistungen (bei einem Bevölkerungsanteil von 10 Prozent). Im Jahre 2012 waren die durchschnittlichen Einkommen in der Region Donezk nach Kiew die höchsten des Landes. Wie in Russland bemächtigten sich clevere Unternehmer in den 1990er Jahren mit teilweise fragwürdigen Methoden eines bedeutenden Teils der Industrieunternehmen und bauten ihre Stellung in der Folge aus. Der sogenannte Donezker Clan wurde zu einer bestimmenden Kraft der ukrainischen Wirtschaft und zunehmend auch der Politik. Donezk ist seit der Gründung eine der am stärksten russisch geprägten Städte der Ukraine. Fast alle Bewohner geben Russisch als Muttersprache an, und etwa die Hälfte deklariert sich als ethnische Russen. Die Donezker fanden sich nun in einem ukrainischen Staat wieder, der Ukrainisch zur Staatssprache erklärte. Zwar verfolgte die Regierung die Politik einer sanften Ukrainisierung, die in Donezk praktisch ohne Wirkung blieb, dennoch sahen viele Donezker ihre Eigenart gefährdet. Vor allem während der Präsidentschaft des nach Westen orientierten Wiktor Juschtschenko (2005–2010) wuchs die Unzufriedenheit. Diese kam in einer weit verbreiteten Sowjetnostalgie zum Ausdruck. In einer Umfrage gaben 37 Prozent der Donezker an, keine russische oder ukrainische, sondern eine sowjetische Identität zu haben.

Vom industriellen Stolz zur wirtschaftlichen Hypothek

Gemessen an der industriellen Produktion, ist der Donbass auch heute noch das wichtigste Gebiet der Ukraine. Aus dem Donbass kommen 90 Prozent der rund 80 Millionen Tonnen Kohle, die jährlich in der Ukraine gefördert werden. Viele der in Staatshand verbliebenen Kohlegruben arbeiten jedoch nicht profitabel. Eine durchgreifende Restrukturierung des Sektors ist absehbar, was die sozialen Probleme des Industriegebiets verschärfen dürfte.

Das Selbstbild des Donbass als Wirtschaftsmotor der Ukraine gilt je länger, desto weniger. Nicht nur der Kohlesektor kämpft mit Problemen der Wirtschaftlichkeit, sondern auch die Stahlindustrie, die mit vielfach veralteten Anlagen produziert und damit in einem sich verschärfenden weltweiten Konkurrenzkampf an Wettbewerbskraft einbüsst. Im Gegensatz etwa zur nördlich gelegenen Region Charkiw, einer Nettozahlerin für den ukrainischen Zentralhaushalt, muss das Donezker Gebiet subventioniert werden. Diese Tatsache wurde der Bevölkerung vom Gouverneur des Gebiets, Taruta, unlängst in Erinnerung gerufen. Die Forderung nach mehr politischer und wirtschaftlicher Eigenständigkeit ist zwar nachvollziehbar und auch berechtigt. Doch scheint das Bewusstsein zu fehlen, dass es einem mehr auf eigene Rechnung arbeitenden Donbass nicht zwangsläufig besser gehen wird.

Separatismus und politische Unruhe haben der Region zusätzlich geschadet. Laut Angaben des ukrainischen statistischen Amts verzeichneten die Unternehmen im Donbass im ersten Quartal 2014 Verluste, die um 37 Prozent höher lagen als der nationale Durchschnitt. In absoluten Zahlen beliefen sie sich auf umgerechnet 1,8 Milliarden Euro, anderthalb Mal so viel wie für das gesamte Jahr 2013. Die Industrieproduktion ging im Vergleich zur Vorjahresperiode um 13 Prozent zurück.

Die Unzufriedenheit unter der Bevölkerung der Ostukraine wurde teilweise durch den «Donezker Clan» aufgefangen und instrumentalisiert. Seine führende Persönlichkeit war Rinat Achmetow, der 1966 als Sohn eines Bergmanns tatarischer Herkunft in Donezk geboren wurde. Achmetow hatte sich ein Wirtschaftsimperium aufgebaut, das einen Grossteil der regionalen Montanindustrie, aber auch der Kommunikationsbranche und der Medien kontrollierte. Ihm gehört der Fussballklub Schachtjor (Bergmann) Donezk, den er zu einem international angesehenen Team machte, was zur Bildung einer städtischen Identität beitrug. Achmetow ist heute der reichste Ukrainer mit einem geschätzten Vermögen von 11,6 Milliarden Dollar.

Von Moskau aufgestachelt

Achmetow förderte Wiktor Janukowitsch, der ebenfalls aus einer Arbeiterfamilie des Donbass stammt und von 1997 bis 2002 Vorsitzender der Gebietsverwaltung von Donezk war. Dieser setzte seine Karriere in Kiew fort, war zweimal Ministerpräsident, bevor er 2010 zum Präsidenten der Ukraine gewählt wurde. Im Jahre 2001 wurde die Partei der Regionen gegründet, deren Vorsitz Janukowitsch seit 2003 innehatte und die später zur grössten politischen Partei der Ukraine wurde. Sie trat als Anwalt der Bevölkerung im Osten und Süden des Landes auf, und ein bedeutender Anteil ihrer Parlamentsabgeordneten stammte aus der Region Donezk, unter ihnen zahlreiche Vertreter der Wirtschaftselite der Stadt mit Achmetow an der Spitze. Im Zuge der Proteste auf dem Maidan distanzierte sich Achmetow von Janukowitsch, was zu dessen Sturz im Februar 2014 beitrug.

Donezk verlor nun seinen bestimmenden Einfluss auf die ukrainische Politik, und Forderungen nach Autonomie und Föderalisierung wurden laut. Unabhängigkeit oder gar ein Anschluss an Russland wurden, wie alle Umfragen bestätigen, nicht angestrebt. Die bewaffneten Gruppen, die im April die «Volksrepublik Donezk» ausriefen, im Mai in einem fragwürdigen Referendum deren Unabhängigkeit beschliessen liessen und zunehmend einen Anschluss an Russland anstreben, sind von Moskau angestachelt und bewaffnet worden und können sich nicht auf eine Mehrheit der Stadtbevölkerung stützen.

Achmetow, der wie die meisten anderen ukrainischen Oligarchen einen Anschluss an Russland ablehnt und die Erhaltung des ukrainischen Staats befürwortet, versucht seinen Einfluss geltend zu machen, um die Separatisten zu stoppen. Zu diesem Zweck mobilisierte er vor kurzem seine Arbeiter, doch gelang es ihm nicht, die selbsternannten, von bewaffneten russischen Gruppen unterstützten Vertreter der «Volksrepublik Donezk» aufzuhalten. Erleben wir eine neue Phase von «Freiheit und Terror»? Die Stadt, die als Jusowka im Zentrum der Industrialisierung des Zarenreiches stand, als Stalino zur sowjetischen Musterstadt wurde und als Donezk die Wirtschaft und Politik der unabhängigen Ukraine wesentlich prägte, sieht einer ungewissen Zukunft entgegen.

Andreas Kappeler ist emeritierter Professor für osteuropäische Geschichte der Universität Wien und Mitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften.


Nota.

Ein totalitäres Regime kann nur durch Terror herrschen. Und anders herum, nur ein totalitäres System kann allein durch Terror herrschen. Stalin hatte das Überwuchern der Bürokratie in Sowjetrussland zum Vehikel seiner persönlichen Alleinherrschaft gemacht, durch Terror; und anders hätte die Bürokratie das Erbe der Revolution nicht so restlos liquidieren können. Aber ohne Stalins Autokratie begann das totalitäre Regime zu bröckeln. Mehrere Prätenden im Politbüro mussten nach Verbündeten suchen, der Terror musste durch Korruption erweitert werden, und langsam zerfiel der totalitäre Monolith zu einem undurchsichtigen Agglomerat von Satrapien, Vasallitäten und informellen Botmäßigkeiten. Am Ende entsteht eine Feudalordnung, die sich allein durch das Verteilen immer neuer und naturgemäß immer dürftigerer Privilegien reproduzieren kann, auf immer unsicherer Grundlage. Nicht einmal die Mitgliedschaft in der Partei bleibt auf die Dauer eine Barriere nach unten; dieser Mafioso ist schließlich mächtiger als jener Parteisekretär, und viele sind beides zugleich.

Eine solche feudale Satrapie war das Donezbecken. Gegenüber manchem Landstrich nicht nur in Mittelasien, sondern schon in den westlicheren Teilen der Ukraine war es eine Insel der Privilegierten. 

Und das ist es seit dem Zerfall der Sowjetunion immer weniger. Putin wird sich fragen, wozu er dieses gewesene Industriezentrum überhaupt gebrauchen kann. Alles können die Erdölmilliarden auch nicht subventionieren.
JE 

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