Sonntag, 2. September 2018

Das gesamtdeutsche Tabu.

 aus welt.de, 2. 8. 2018

... Eine klare Mehrheit der Bürger ist einer Umfrage zufolge der Überzeugung, dass der Osten Deutschlands ein größeres Problem mit Rechtsradikalismus hat als der Westen. In einer Emnid-Erhebung für die „Bild am Sonntag“ äußerten 66 Prozent der Befragten diese Auffassung, nur 21 Prozent sahen dies anders. Selbst in Ostdeutschland teilten 57 Prozent diesen Standpunkt, 39 Prozent verneinten, dass das Problem im Osten größer ist als im Westen. ...

27 Prozent der Bürger finden es nach der Umfrage in Ordnung, wenn gegen Ausländer protestiert wird, 66 Prozent haben dafür kein Verständnis. ...

Da wird es morgen durch die Blätter wehen: "Ossi-Bashing bringt uns nicht weiter" und "In dieser angespannten Zeit muss man nicht noch einen weiteren Keil ins deutsche... in die deutsche Bevölkerung treiben", und mancher westlich zertifizierte Publizist wird aufzählen, wie viele Leistungen den Ostdeutschen seit der Wiedervereinigung abgefordert wurden und wie meisterlich sie das bewältigt hätten. Und außerdem gäb's die Rechten ja auch im Westen und hätte sie dort immer gegeben.

Letzteres ist wahr. Wahr ist aber auch, dass sie sich dort erst nach Hoyerswerder und Rostock-Lichtenhagen auf die Straße wagen. Noch heute sind sie im Westen eine punktuelle Erscheinung, im Osten sind sie eine regionale Größe. Ähnlich wie bei der Linken zehren im Westen die Rechten an ihrem Nährboden im Osten.

Da werden demnächst wieder eine Menge Erklärungen gefunden werden. Und wieder wird keiner auszusprechen wagen, was eine der Hauptbedingungen des rechten Aufstiegs dort war: Seit bald drei Jahrzehnten wird die deutsche Innenpolitik beherrscht von einem Tabu, das lautet: Das Ossi darf nicht gekränkt werden.  

Denn was immer das Ossi sonst auch noch sei, vor allen Dingen ist es eins: verletzlich. Und da seit der Wiederverei- nigung Bundestagswahlen im Osten gewonnen oder verloren werden, hat kein Politiker und kein Journalist die Cou- rage, ihnen die Dinge zu sagen, die man ihnen hätte sagen sollen, als vielleicht die Ohren noch offen waren. Aber damals war's nicht die Angst vor den Rechten, die 'den Eliten' in der Hose saß, sondern die vor der PDS...

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Die erste Generation, die die DDR erlebt hat, waren die Überlebenden des Krieges, die sich im antifaschistischen Bollwerk unter sowjetischer Besatzung über ihre Vergangenheit keine Fragen zu stellen brauchten. Im Westen woll- ten sie es genausowenig, aber es blieb ihnen schließlich nicht erspart. Die tiefste Spaltung Deutschlands brachte nicht die Mauer, sondern das Jahr 1968, das im Osten ausfiel.

In der Gesellschaft der DDR sind zwei Generationen großgeworden. Unrechtsstaat, Nischengesellschaft oder kommode Diktatur - auf jeden Fall war es eine Welt, die Eigenwillen und Wagemut erstickte, wo immer sich ein Fünkchen regte, von der Krippe bis... Wer nie was selber entscheiden kann, der wird sich für nichts verantwortlich fühlen, und was für viele Einzelne in der ersten Generation noch ein beschämendes Gefühl der Ohnmacht gewe- sen sein muss, war für die große Masse schließlich selbstverständlichste Condition humaine, und wer es partout nicht ertragen konnte, suchte irgendeinen Weg nach Westen.

Wer nichts selber machen darf, der erwartet entschädigungsweise alles von dem, der es ihm vewehrt. Das Normal- verhältnis des DDR-Bürgers zu seinem Staat war das Ressentiment. 'Alles willst du regeln? Na, dann mach mal!' Und weil natürlich nichts klappte, hieß es allerorten: Anmahnen, einfordern, Versagen anprangern! Freilich nur daheim in der Datschen-Nische, draußen hielt man die Zunge im Zaum.
 
Öffentliche Duckmäuserei bei privater Ansprüchlichkeit waren die Bewusstseinsverfasssung des entwickelten sozia- lisitschen Menschen, und nichts ist geschehen, um daran etwas zu ändern. Die Leipziger Montagsdemonstranten haben sich was getraut, das wird keiner leugnen, und vielleicht waren sie nicht weniger von ihrer Courage überrascht, als der Rest der Welt. Doch danach ist von unten nicht mehr viel gekommen. Die DDR ist buchstäblich zusammengebro- chen, eine Volksrevolution war das nicht.

Und so musste sich keiner, der's nicht von sich aus wollte, groß ändern. Um das Ausmisten des eigenen Saustalls haben sie sich schlau gedrückt, indem sie sich flugs der Bundesrepublik anschlossen, die war jetzt für alles verant- wortlich, und das Ressentiment sprach prompt von Siegerjustiz, und wer "gegauckt" wurde, fühlte sich auf einmal gedemütigt, wie er es in der DDR nie tat. Die Entstasifizierung war  ihnen von andern angetan worden, und das war auch schon zuviel. "Ich habe mir nichts vorzuwerfen." Habe nur Befehle ausgeführt sagte man früher. Und weiter hieß die Einstellung zum Gemeinwesen anmahnen, einfordern, Versagen anprangern. Mit dem Unterschied, dass sie es jetzt öffentlich dürfen. 

Die Kontinuität besteht im Ressentiment. Der Unterschied ist, dass es sich damals um die stalinistische Konserve des preußischen Obrigkeitsstaat handelte und heute um einen repräsentativen liberalen Rechstsstaat. Dass sie in ihrer großen Masse diesen Unterschied nie begriffen haben, müssen sie sich selber vorwerfen; und müsste ihnen, weil es schlimme Folgen hat, nun endlich in aller Öffentlichkeit vorgeworfen werden.

Ihr mögt lamentieren, wie ihr wollt - wenn ihr euch das nicht traut, habt ihr euch "Pro Chemnitz" redlich verdient.



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