Samstag, 22. August 2015

Jetzt aber wirklich: Ein neues Maschinenzeitalter.


aus nzz.ch, 21.8.2015, 05:30 Uhr

Automatisierung
Ein neues Maschinenzeitalter
In der Informatik sind in jüngster Zeit einige grundlegende technische Durchbrüche gelungen. Die Automatisierunggewinnt neuen Schwung. Vollbeschäftigung wird es wohl nicht mehr geben, die Einkommensunterschiede werden zunehmen.

Von Stefan Betschon

Wenn von Computern die Rede ist, muss man meist nicht lange warten, bis das Wort «Revolution» fällt. Die Computernutzer konnten sich an die ständige Veränderung gewöhnen, an den permanenten Umsturz. Doch jetzt, so behaupten Experten, jetzt wird alles anders. Jetzt beginnt – nein, nicht die Revolution der Revolution –, jetzt beginnt die Revolution der Revolution der Revolution. Jetzt verändert sich das Anderswerden, jetzt kippt das System. Jetzt beschert uns der computertechnische Fortschritt nicht mehr nur bessere Computer, sondern eine neue Welt. Eine Welt mit neuen Annehmlichkeiten und neuen Herausforderungen, mit grossen Einkommensunterschieden und massenhafter Arbeitslosigkeit.

«IT Doesn't Matter»

Vor 50 Jahren stellte Gordon Moore, Mitbegründer von Intel, die Vermutung auf, dass sich die Integrationsdichte von Prozessoren ungefähr alle zwölf Monate verdopple. Die Beobachtung – bekannt geworden als Mooresches Gesetz – verheisst eine rasche Steigerung der Leistungsfähigkeit von Computern.

Computer begannen sich in den Unternehmen in den 1960er und vor allem in den 1970er Jahren zu verbreiten. Mit dem Personal Computer begann in den 1980er Jahren – so schrieb der Soziologe Manuel Castells – die «Revolution der informationstechnologischen Revolution», nun konnten sich auch Privatanwender einbringen bei der Weiterentwicklung dieser Technik, konnten eine sich immer schneller drehende «Rückkoppelungsspirale zwischen Innovation und deren Einsatz für weitere Innovationen» in Gang setzen

Computer vermehrten sich rasch, eroberten sich immer neue Anwendungsbereiche, wurden immer schneller. Gleichzeitig aber beobachteten amerikanische Ökonomen in den 1980er Jahren eine Abschwächung des Wachstums der Arbeitsproduktivität. Ein seltsames Zusammentreffen, ein Paradox. «Computer finden sich überall, nur nicht in den Produktivitätsstatistiken», lautet ein Bonmot, das der Nobelpreisträger Robert Solow 1987 formulierte.

Computer seien nicht wichtig – «IT Doesn't Matter» –, behauptete 2003 in der «Harvard Business Review» ein Journalist namens Nicholas Carr. Die Informatik sei wie Elektrizität und Eisenbahnverkehr eine unsichtbare «Infrastrukturtechnologie», so die These, die bald auch in Buchform für aufgeregte Diskussionen sorgte. Computer könnten einer einzelnen Firma keine strategischen Wettbewerbsvorteile bieten. Carr rät den Firmen, ihre Informatikinvestitionen zu reduzieren.

Technisch versierte Jungunternehmer, die Gründer von Amazon, Facebook, Google und anderen Internetfirmen, haben nicht auf Carr gehört. Sie haben nach der Jahrtausendwende gewaltige Summen in den Aufbau einer komplexen IT-Infrastruktur investiert. Sie haben nicht einfach eingekauft, was der Markt zu bieten hatte, sondern sie haben neuartige Systeme selber entwickelt. Um in Dutzenden von Datenzentren rund um die Welt für Milliarden von ungeduldigen Kunden Billionen von Datensätzen aufzubewahren, sahen sie sich gezwungen, völlig neue Methoden für die Datenverwaltung zu erfinden. Berauscht von ihren Erfolgen, haben sie sich auch an technische Probleme herangewagt, die mit ihren Geschäften nicht oder nur lose in Verbindung stehen, haben eine Stereoanlage entwickelt, die auf gesprochene Befehle reagiert, eine Virtual-Reality-Brille oder ein Auto, das ohne Fahrer fährt.

In dieses Auto von Google hat sich im Sommer 2012 in Kalifornien ein von der Ostküste angereister Ökonom gesetzt. Es fällt ihm wie Schuppen von den Augen, er ist begeistert und macht sich daran, ein Buch zu schreiben, um den Anbruch eines neuen Zeitalters zu verkünden: «The Second Machine Age: Work, Progress and Prosperity in a Time of Brillant Technologies» (2014). Erik Brynjolfsson, Professor an der renommierten MIT Sloan School of Management, hat sich in den 1990er Jahren hervorgetan mit nüchternen Publikationen, die mit klugen theoretischen Modellen und umfangreichem Datenmaterial einen positiven Zusammenhang zwischen Informatikinvestitionen und einer Zunahme der Arbeitsproduktivität aufzuzeigen versuchten. In dem Buch «Wired for Innovation» konnte er 2010 die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem sogenannten «Produktivitätsparadox» als beendet erklären. Zwar hätten Investitionen in Computertechnik vor 1995 keine messbaren Auswirkungen auf die Arbeitsproduktivität gehabt. Nach 1995 aber habe sich die Produktivität von ihrer langfristigen Wachstumsrate von 1,4 Prozent pro Jahr gelöst und fast verdoppelt auf 2,6 Prozent. Zwischen 2001 und 2003 habe sich die Rate auf 3,6 Prozent erhöht.

Nach all den Jahren mit den Produktivitätsstatistiken hat Brynjolfsson im Google-Auto ein Erweckungserlebnis. In der Einleitung zu seinem jüngsten Buch, das er zusammen mit dem Ökonomen Andrew McAfee geschrieben hat, heisst es: «Während Jahren haben wir die Auswirkungen der Digitalisierung studiert, und wir glaubten, wir hätten ein recht gutes Verständnis von ihren Möglichkeiten und Grenzen. Aber während der vergangenen paar Jahre haben diese Techniken angefangen, uns zu überraschen.» Die technische Entwicklung habe einen Wendepunkt erreicht. «Es ist eine Wende zum Guten – Überfluss anstatt Knappheit, Freiheit anstatt Einschränkung –, aber eine, die uns schwierige Herausforderungen beschert und uns schwierige Entscheidungen abverlangt.»

Wo Menschen überlegen bleiben

S. B. Bei der Erforschung der künstlichen Intelligenz zeigte es sich im Verlauf der vergangenen sechzig Jahre immer wieder, dass Aufgaben, die dem Menschen leichtfallen (Gesichtserkennung, Mustererkennung, Autofahren), für Maschinen äusserst schwer zu lösen sind, während Dinge, von denen Menschen denken, sie seien schwierig – Schachspiel –, den Maschinen keine Mühe bereiten. Aufgrund dieser Beobachtung liegt die Annahme nahe, dass Tätigkeiten, die mit Mustererkennung zu tun haben, auch in Zukunft von Menschen ausgeübt werden, während Aufgaben, deren Lösungsweg sich mathematisch beschreiben lässt, in die Domäne der Maschinen gehören.

Diese Aufteilung wurde aber durch neueste technische Durchbrüche durcheinandergebracht. Es ist gelungen, Systeme zu entwickeln, die bei der Gesichtserkennung besser sind als ein Mensch; es gibt Computer, die ein Auto steuern können. Nach wie vor aber gilt, dass dort, wo Kreativität, Erfindergeist und Kommunikationsfähigkeit gefragt sind, Menschen den Maschinen überlegen sind.
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Durch Maschinen ersetzt werden:
Astronauten, Bankdirektoren, Bibliothekare, Buchhalter, Fliessbandarbeiter, Kassierer, Minenarbeiter, Nachtwächter, Portiers, Programmierer, Projektmanager, Radiomoderatoren, Taxifahrer, Tramkontrolleure
Nicht durch Maschinen ersetzt werden: 
Bildhauer, Coiffeure, Gärtner, Goldschmiede, Hauswarte, Kellner, Kunstmaler, Lyriker, Modedesigner, Opernsänger, Pfarrer, Primarschullehrer, Regisseure, Velomechaniker, Wissenschafter
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Wunder über Wunder

Plötzlich, so scheint es, haben Computer sehr viel dazugelernt. Doch Science-Fiction-Projekte wie das selbstfahrende Auto oder von IBM der Computer, der in einem TV-Quiz mit Trivialwissen glänzt, vernebeln den Blick. Ist es nicht wunderbar, dass es heute möglich ist, mit einem klapprigen Windows-PC in einem abgelegenen Internetcafé in Südostasien den Computer einer Schweizer Bank dazu zu bringen, einer vietnamesischen Fluggesellschaft Geld zu überweisen und wenige Sekunden später Flugticket und Bordkarte anzuzeigen? Es geht bei diesem Beispiel um simple Datenbankabfragen, es braucht für diese Aufgabe keine künstliche Intelligenz und auch keine Supercomputer.

Computer haben sehr viel dazugelernt. Wie konnte dieser Durchbruch geschehen? Brynjolfsson und McAfee verweisen auf das Mooresche Gesetz. Dieses «Gesetz» bezieht sich auf die Integrationsdichte von Computerchips, die aber kein verlässlicher Indikator ist für die Rechenleistung. Diese wiederum hängt nur lose zusammen mit der Nützlichkeit eines Computers. Seit Jahrzehnten gibt es Computer, die den Tastatureingaben einer geübten Schreibkraft folgen können. Dieser Mensch schreibt nicht schneller, wenn sich die Rechenleistung des Computers nun verdoppelt.

Besser als das Mooresche Gesetz ist das Metcalfesche Gesetz geeignet, den jüngsten Innovationsschub zu erklären. Die vom amerikanischen Computerwissenschafter Robert Metcalfe aufgestellte Faustregel besagt, dass der Nutzen eines Computernetzwerks proportional zur Anzahl der möglichen Verbindungen wächst. Noch Anfang der 1990er Jahre behinderten zahlreiche proprietäre Techniken und vielfältige Inkompatibilitäten den Datenaustausch zwischen Computern unterschiedlicher Bauart. In den 1990er Jahren konnten sich Standards etablieren, die den Datenaustausch erleichterten. Diese Standards sind zum Teil sehr alt (TCP/IP), sie sind manchmal sehr simpel (HTML), und doch haben sie es ermöglicht, dass heute auch komplizierte, mehrstufige Transaktionen, an denen mehrere Firmen und Computer verschiedener Hersteller beteiligt sind, reibungslos ablaufen.

Wiederum ist eine Rückkoppelungsspirale in Gang gesetzt worden: Mit jeder Interaktion mit einem Menschen lernt die Google-Suchmaschine dazu. Die Spracherkennung von Apple, Siri, ist besser als ihre Vorgänger, nicht weil ein neuer Algorithmus zum Einsatz kommt, sondern weil sie mehr über den Benutzer weiss, etwa über sein Adressverzeichnis verfügt oder seinen Standort auf einem Stadtplan kennt. Nach wie vor sind Programme für die automatische Übersetzung von begrenztem Nutzen, aber sie sind jüngst besser geworden, weil sie über ein umfangreiches Korpus mit korrespondierenden Texten in verschiedenen Sprachen verfügen.

«Eine gewisse Beunruhigung»

Das erste Maschinenzeitalter begann mit der industriellen Revolution in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Eine Serie von technischen Erfindungen veränderte die Arbeitswelt grundlegend. Die Befürchtung, dass die Maschinen den Menschen die Arbeit wegnehmen könnten, wurde auch von besonnenen Ökonomen geteilt. John Maynard Keynes sagte zu Beginn der 1930er Jahre als Folge des technischen Fortschritts eine grosse Arbeitslosigkeit voraus.

«In der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre», so schreibt die NZZ in der Karfreitagsausgabe 1962, «bemächtigte sich weiter Kreise in der zürcherischen Bevölkerung angesichts der verwirrenden Perspektiven, welche das Aufkommen der Automation eröffnete, eine gewisse Beunruhigung.» Eine vom Regierungsrat eingesetzte Studienkommission kam aber dann zum Schluss, die Automation berühre «wohl auf lange hinaus nur eine kleine Minderheit der Arbeiter- und Angestelltenschaft».

Diese Ansicht, dass die Automation mehr Arbeitsplätze schafft, als sie zerstört, ist laut Brynjolfsson und McAfee unter Ökonomen die vorherrschende. Doch sie sei theoretisch schwer begründbar und gerate zudem empirisch unter Druck. «In den vergangenen zweihundert Jahren hat der technische Fortschritt die Produktivität stark gesteigert, doch ein Blick auf die Daten zeigt, dass sich bis zum Ende des 20. Jahrhunderts die Beschäftigung im Gleichschritt mit der Produktivität entwickelt hat. Allerdings lässt sich den Daten auch entnehmen, dass sich in jüngster Vergangenheit die Beschäftigung von der Produktivität entkoppelt hat.» Erst jetzt, nach 200 Jahren technischen Fortschritts, geraten die Menschen in die Defensive. Es stünden grössere Verwerfungen an. Nicht nur hat sich auf den Graphen der Volkswirtschafter die Beschäftigung von der Produktivität gelöst, es hat sich auch eine Schere aufgetan zwischen der Zunahme des Bruttoinlandprodukts pro Kopf und dem Medianeinkommen.

Wo bleibt der Mensch?

Das selbstfahrende Auto von Google hat es auch Nicholas Carr angetan. Es weckt bei ihm Erinnerungen an seine Jugend und an sein erstes Auto – ein handgeschalteter Subaru –, es bringt ihn aber auch dazu, sich über die Zukunft Gedanken zu machen. Es sind düstere Gedanken: Zwar seien Computer noch immer so «gehirnlos wie ein Zahnstocher», aber sie seien mittlerweile doch in der Lage, unsere am meisten geschätzten intellektuellen Fähigkeiten nachzuahmen. Nicht nur nehmen die Computer vielen Menschen die Arbeit weg, sie verändern auch die Arbeit. Weil Menschen sich der Maschine anpassen müssen, verdummen sie. «Abgehängt» heisst Carrs Buch (2014) in der deutschen Übersetzung, ein Titel, der die Frage beantwortet, die der Untertitel aufwirft: «Wo bleibt der Mensch, wenn Computer entscheiden?»

Brynjolfsson und McAfee geben sich optimistisch. Die Technik verleihe uns Macht, die Welt zu verändern, aber damit verbunden sei eine grosse Verantwortung. «Es wird eine Belohnung geben oder aber ein Desaster, wie es die Menschheit noch nie gesehen hat.» Was tun, um der Katastrophe zu entgehen? Brynjolfsson und McAfee haben wenig neue Ideen. Sie empfehlen dem Einzelnen, auf eine gute Ausbildung zu achten. Den Politikern raten sie, sich für gute Schulen und eine gute Infrastruktur einzusetzen und für eine Einwanderungspolitik, die gut ausgebildete, unternehmerisch denkende junge Ausländer ins Land lockt. Auch soll der Staat die zunehmende Arbeitslosigkeit durch eine negative Einkommensteuer abmildern. Am Schluss machen sich die beiden Ökonomen Mut mit einem Zitat von Martin Luther King: «Der Bogen der Geschichte ist lang, aber er neigt sich hin zur Gerechtigkeit.»



Donnerstag, 20. August 2015

Sola fide.

aus Tagesspiegel.de, 13.08.2015 18:57 Uhr                                                       lutherisches Flugblatt gegen Tetzel

Gnade gegen Geld
Kirche zwischen Finanzmarkt und Seelsorge: Historiker erforschen den Ablasshandel des Spätmittelalters neu. Der führte schließlich zu Martin Luther und zur Reformationsbewegung.

Von 

Drei Kontrollposten muss man passieren, vorbei an sonnenbebrillten Sicherheitsleuten und Schweizer Gardisten in schmucken Uniformen, um ins materialisierte Gedächtnis der katholischen Kirche zu gelangen. Für eine Stunde öffnet das Vatikanische Geheimarchiv den Teilnehmern der vom Deutschen Historischen Institut (DHI) in Rom veranstalteten Ablasstagung seine Pforten. Ganz so opulent wie in der Dan-Brown-Verfilmung „Illuminati“ kommen die Räumlichkeiten zwar nicht daher, dennoch: Ehrfurchtsvoll ist man schon, im Angesicht von 85 Regalkilometern Schriftbestand und der im Lesesaal eigens für die internationale Crème de la Crème der Mediävistik ausgebreiteten mittelalterlichen Schriftstücke.

Im Schatten eines ausgezehrten Christus am Kreuz, der die Szenerie zu überwachen scheint, stehen die Historiker vor dem berühmten Wormser Edikt – jenem Erlass, mit dem Kaiser Karl V. im Jahr 1521 über den Reformator Martin Luther die Reichsacht verhängte. Die jüngst stattgefundene Tagung „Ablasskampagnen des Spätmittelalters – Martin Luther und der Ablassstreit von 1517“ blickte denn auch schon auf die anstehende Lutherdekade. 2017 wird es 500 Jahre her sein, dass Luther seine 95 Thesen gegen die Ablasspraxis der Kirche in Umlauf und damit die Reformation derselben in Gang gebracht hat.

Was störte Martin Luther am Ablass?

Doch was war so anrüchig an diesen Ablasskampagnen? Was störte den Reformator an der im 15. Jahrhundert allgegenwärtigen Ablasskultur, sodass er die Tradition, in der er selbst groß geworden war, über den Haufen warf und die Geschichte in neues Fahrwasser lenkte?

Das Konzept des Ablass als solches hat in der Christenheit eine lange Tradition. Die Idee, dass die Sündenstrafen – nicht aber die Sünde selbst – durch bestimmte Werke des Gläubigen gemildert oder ausgesetzt werden können, war schon in der Spätantike verbreitet.

Im 15. Jahrhundert begann dann eine breit angelegte Kapitalisierung des Ablass. In einer Verbindung aus Seelsorge und moderner Finanztechnik verkaufte die Kirche das verbriefte Heil und stopfte auf diese Weise ihre Haushaltslöcher. Das Konzept der Ablasskampagne geht im Wesentlichen auf den französischen Domdekan Raimund Peraudi zurück, meint Ludwig Schmugge, Experte für Kirchen- und Sozialgeschichte des Mittelalters. Peraudi organisierte um 1470 in Rom im großen Stil einen päpstlichen Ablass, um die baufällige Kathedrale von Saintes zu restaurieren.

Gigantische Kampagne für die Peterskirche

Sein Konzept machte Schule, schon bald gab es eine gigantische Ablasskampagne für den Neubau der römischen Peterskirche. Etliche Landesherren erwirkten bei der Kurie fortan Ablasslizenzen, die ihnen den Handel mit der Gnade gewährten. Scharenweise erwarben die Menschen nicht bloß für sich selbst, sondern auch für ihre verstorbenen Angehörigen die heiß gehandelten Versicherungspapiere fürs Jenseits.

Die katholische Lehre vom „Gnadenschatz“ erklärte die Kirche zum Verwalter des durch Christus gewirkten Verdienst-Pools, aus dem sie nach Gutdünken verteilen konnte. Was sie freilich nicht ohne Gegenleistung tat, die in guten Werken aber eben auch in einer Geldgabe bestehen konnte. Der dem Dominikanermönch und Widersacher Luthers Johann Tetzel zugeschriebene Satz „Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt!“ bringt diese Haltung auf den Punkt.

„Die Kommerzialisierung von Glaubensinhalten in dieser Größenordnung war ein Novum“, sagt Schmugge. „Bis heute hat es nichts Vergleichbares gegeben.“ Dabei hätten die Ablasskampagnen, so der Historiker, ohne die junge Technik des Buchdrucks nie eine derart flächendeckende Wirkung entfaltet. An der Schwelle zur Moderne steht also ein gigantisches Kommerzialisierungsprojekt, das sich die mediale Revolution der Schwarzen Kunst vollends zunutze machte. Um 1500 durchformte die Ablasskultur das öffentliche und private Leben der Menschen auf ganzer Linie.

Der Handel erhitzte die Gemüter

Dass der marktförmige Handel mit der Gnade viele Gemüter erhitzte, kann man sich lebhaft vorstellen. So war Luther weder der Erste noch der Einzige, der sich an der Ablasspraxis störte und eine Entschlackung des Glaubens von seinem außerbiblischen Strandgut wünschte.

„In der Forschung gibt es diesbezüglich eine Kontroverse“, sagt der emeritierte Professor Wilhelm Winterhager von der Philipps-Universität Marburg. Mancher Historiker hänge der Pulverfasstheorie an, nach der die zeitbedingten Fehlentwicklungen der Kirche bereits einen solchen Unmut erzeugt hatten, dass Luthers Thesenanschlag bloß ein letzter Funke war, der die Neujustierung auf den Weg brachte. Andere, wie der evangelische Kirchenhistoriker Bernd Moeller, pochten dagegen auf die eigentümliche Leistung Luthers, die in der exegetischen Bergung des Prinzips „sola fide“ liege. Demnach gelangt der Mensch allein durch seinen Glauben in den Stand der Gnade, nicht aber durch sein Tun und schon gar nicht durch die Abgabe von schnödem Mammon. Glauben vs. Werk – so das Begriffspaar der Kontroverse.

Luther entwickelt ein mystisches Bußverständnis

Der Tübinger Kirchenhistoriker Volker Leppin erklärte auf der DHI-Tagung, Luther habe im Laufe seines Lebens ein mystisches Bußverständnis entwickelt. Das katapultierte ihn schlussendlich aus der mittelalterlichen, sakramental orientierten Theologie heraus. Dass die Menschen sich weniger vor der Sünde als vor der aus ihr hervorgehenden Strafe fürchten – dies sei laut Leppin die Essenz von Luthers Ablasskritik gewesen.

Luthers existenzielles Bußverständnis erklärte die Kirche als Mittler zwischen Gott und den Menschen für überflüssig und stellte allein auf das in der Bibel verkündete Evangelium ab. Die Gnade sei bereits durch Christus gewirkt, der Mensch könne sie bloß noch glaubend empfangen. Dass die Kurie aus dem Gnadenschatz nach hausgemachten Regeln verteilte, um ihn in einen Goldschatz zu verwandeln, musste Luther missfallen. Dies nicht nur deshalb, weil ihm die Kapitalisierung ein Graus war, sondern weil er den Ablass, ob nun verschenkt oder verkauft, im Ganzen für falsch hielt.

Bis heute spielt der Ablass im katholischen Glauben eine Rolle

Die Kirche aber pochte weiter auf ihr Recht, Ablässe zu verteilen, auch wenn sie den Handel im 16. Jahrhundert unter Strafe stellte. Bei aller gegenreformatorischen Agitation hat die Kirche also Teile von Luthers Ablasskritik in die eigene Theologie integriert. „Der Ablass als solcher wurde jedoch mehr als vorher zu einem Identitätsmoment des Katholizismus“, sagt Winterhager. Demnach versteifte man sich auf den Ablass als Differenzmarker gegenüber den reformatorischen Kirchen und profilierte das Eigene in Abgrenzung zum anderen.

Noch heute spielt der Ablass im katholischen Glauben eine Rolle, auch wenn das Fegefeuer – in dem die zeitlichen Sündenstrafen zu erdulden wären – dort inzwischen überholt ist.

Im Jahr 2016 feiert die Kirche ein außerordentliches Jubeljahr, in dem die Gläubigen einen Generalbass erwirken können. Jeder, der dem Papst bei seiner Predigt lauscht – ob live, ob im Fernsehen oder via Internet –, habe bei angemessener innerlicher Disposition die Möglichkeit, in den Stand der Gnade zu gelangen. Ein Jahr später ist dann Lutherjahr. Und es ist sicher kein Zufall, dass der ökumenisch aufgeschlossene Papst Franziskus ausgerechnet 2017 einen Besuch in Deutschland, dem Kernland der Reformation, geplant hat.


aus tohopesate

1371, Juli 23, Bf. Wedekind v. Minden verleiht allen Wohltätern der Armen u. Aussätzigen zu St. Nicolai einen 40tägigen Ablass und Karenz der auferlegten Bußen, StAHan, Urk. I, Nr. 302.

Einen „Verkauf“ der Absolution durch die röm.-kath. Amtskirche, wie ihre Gegner häufig behauptet haben u. wie es auch heute noch vermittelt wird, gab es nicht.

Kostenpflichtig war, was etwas völlig anderes ist, die Ausstellung der Bullen, welche die Sünder als Bestätigung dafür erhielten, dass sie absolviert wurden. Es handelte sich um eine Verwaltungsgebühr, die im 14. Jh. eingeführt wurde. (Niemand käme heute auf die Idee die Gebühr für das Ausstellen eines Personaldokuments als „Kauf der Staatsbürgerschaft“ anzusehen).Im späten MA gab man Ablassbriefe auch gegen Almosen aus; Arme erhielten sie gratis.

Diese Bullen waren notwendig, denn man musste einen Beweis liefern können, die Absolution erhalten zu haben, um wieder zum Empfang der Sakramente zugelassen zu werden, wenn das Delikt oder Verbrechen öffentlich bekannt war.

Bis gegen Ende des 15. Jh. war der Ablass streng geregelt. Missbrauch, wie er Anf. des 16. Jh. den Auslöser zur Reformation lieferte, war verboten. Nur bestimmte Sündenstrafen konnten durch Geld u. keinesfalls ohne tätige Reue erlassen werden.

Finanz. Engpässe beim Bau des Petersdomes führten schließlich zur Lockerung der Regeln (1518). Der Sünder konnte nun die Strafe durch Kauf eines Ablassbriefes auch ohne Priester tilgen, was zu heftiger Kritik und Luthers Anklagen wieder dem Ablasswesen führte.

Die zahllosen Pamphlete, die seit Beginn der Reformation über diese Frage in Umlauf waren, um die Kirche zu diskreditieren, zeichnen sich durch Entstellung aus u. sind auf die prot. Propaganda des 16. u. 17. Jh. zurückzuführen.                                        
RK

Lit.: L HÖDL, Ablass, in LMA I, Sp. 43 ff; N. PAULUS, Geschichte es Ablassbriefes im MA, 3 Bde., 1923.

Mittwoch, 19. August 2015

Die totalitäre Versuchung..

aus nzz.ch, 18.8.2015, 05:30 Uhr

Mark Lilla über die Verführbarkeit der Intellektuellen
Ein Wille zur Macht
Dass sich grosse Denker immer wieder Mächtigen angedient haben, die Geschichte als Gericht verstanden, ist ein irritierendes Phänomen. Der Philosoph Mark Lilla greift sechs Fälle scharfsinnig auf.

von Martin Meyer

Über sie handelt Mark Lilla. In einem Buch des deutschen Titels «Der hemmungslose Geist» (im Original: «The Reckless Mind») porträtiert der an der New Yorker Columbia University lehrende Philosoph sechs Männer, deren bemerkenswerter Scharfsinn sie nicht davon abhielt, in der einen oder anderen Form der Tyrannis zu huldigen – sei es linken Diktaturen mit ihrem gespielten Menschheitspathos, sei es Regimen von rechts, hier genauer dem Nationalsozialismus und seinem Wahn von völkischer Auserwähltheit und bizarrem Führerkult.

Anspruch und Wirkung

Lillas Liste liesse sich leicht erweitern. Doch die Auswahl ist repräsentativ und für manche Fälle schlagend, wenn die Kluft vermessen wird, welche zwischen intellektueller Potenz und moralischer Verfehlung läuft. Mit Blick auf Martin Heidegger käme hinzu, dass die jüngsten Veröffentlichungen aus den Archiven dessen Antisemitismus nochmals unter verschärfender Beleuchtung präsentieren. Ähnliche Erfahrungen waren zu vermelden, als Carl Schmitts Tagebuch «Glossarium» im Jahr 1991 publiziert wurde und dessen Verfasser als üblen und wehleidigen Polemiker vorführte.

Interessant ist, dass die Sechsergruppe von teils offenen, teils verdeckten Verwandtschaftsbeziehungen gekennzeichnet ist. Walter Benjamin suchte den Kontakt zu Carl Schmitt und nutzte dessen Lehre von der Souveränität für seine Habilitation über das barocke Trauerspiel. Michel Foucault liess sich von Heideggers Metaphysik-Kritik inspirieren und mehr noch von Nietzsches Theorien zum bürgerlichen Ressentiment. Alexandre Kojève, der russisch-französische Hegel-Interpret, der seine farbige Karriere schliesslich als hoher Staatsbeamter in Paris beschloss, unterhielt – wie übrigens auch der unverdächtige Raymond Aron – eine interessante und intensive Korrespondenz mit Schmitt. Auch Jacques Derrida pflegte sich auf diesen und häufig auf Heidegger zu beziehen, wenn er über Macht, Gewalt, Herrschaft und Politik philosophierte.

Der Antisemitismus als Motor

Der älteren Generation – Heidegger, Schmitt, Kojève – waren die Ursprünge des modernen Totalitarismus schon lebensmässig nahe. Die russische Oktoberrevolution, Mussolinis Marsch auf Rom, in Deutschland der Aufstieg der Nazis – das alles schuf für verführbare Geister einen Humus des Denkens in «starken» Kategorien. Sowohl Heidegger wie Schmitt – und übrigens am Rande sogar Thomas Mann – waren von der «Bewegung» beeindruckt. Der Jurist als Anpasser rechnete mit Hitlers ordnender Diktatur und verrechnete sich dabei bös. Dem Philosophen kam die scheinbare Naturnähe der Nazis mit Boden und arischem Blut im Gegenzug zur kalten Zivilisationsmechanik des neuen Weltbürgertums zupass. Heidegger wurde bald zum überzeugten Mitläufer. Doch der eigentliche Motor ihrer Parteinahme für das Regime wurde für beide ihr Antisemitismus.

Für Schmitt, den «römisch» geprägten Katholiken, waren die Juden nicht nur schuld an vielen Verfehlungen der Gegenwart; sie passten als ewiges Feindbild bestens in die Offenbarungsreligion seines Gottes. Dass die Nazis nicht auf diesem Klavier einer politischen Theologie der allerchristlichsten Wehrhaftigkeit mitspielten, ging dem Professor bald ungemütlich auf. Schon 1936 stand Schmitt auf einer schwarzen Liste der SS. Für Heidegger zieht Lilla dessen Liebesbeziehung zu seiner jungen Schülerin Hannah Arendt heran, um die Agenda der Peinlichkeiten zu erforschen. Dass die spätere Meisterdenkerin politischer Theorie noch bis zuletzt sich echte Elemente der Treue zu ihrem einstigen Angebeteten erhielt, macht die Sache nicht einfacher.

Gängige Lesart war damals auch für Karl Jaspers, den nüchternen Kollegen, es sei eine Art von Verwirrtheit gewesen, die den an sich unpolitischen Heidegger in die Arme der braunen Machthaber getrieben habe. Lilla zitiert eine Fussnote aus Hannah Arendts Schrift «Was ist Existenzphilosophie?», die solchem Tenor entspricht. Heidegger sei seinem unheilbaren Romantizismus ausgeliefert gewesen, schreibt sie, der wiederum einer aus dem Geniewahn und aus der Verzweiflung genährten «Verspieltheit» entsprungen sei. Jaspers wiederum hoffte, den Irregeleiteten nach 1950 therapieren zu können. Zögernd beginnt eine Korrespondenz. Das Resultat ist ernüchternd; Heidegger hat nicht viel, und schon gar nicht Philosophisches, zu bekennen.

Man erkennt die Umwegigkeit – und nicht nur im Fall Heidegger –, mit der operiert wird, um ein Phänomen verstehbar zu machen, das dauerhaft für Irritationen sorgt: hier ein Geist, der bedeutende, jedenfalls vielschichtige Werke hervorgebracht hat; dort dessen Charakter, der elementare Regeln von Vernunft, Menschlichkeit und Mass vermissen lässt. Jaspers erfasste ziemlich richtig, wie Heidegger damals war, nämlich «weltlos, gottlos». Aber damit war kaum zu begreifen, dass «Sein und Zeit» ein Meisterwerk war und bleiben würde.

Heidegger und Schmitt enttäuschten ihre Epoche besonders massiv. Schmitt meinte zur Zeit seiner Parteinahme für die Nazis den «Führer» führen zu können – ein absurdes und von Grössenwahn geprägtes Wunschdenken, das wie ein später Akkord auf Platons Abenteuer in Syrakus klingen muss. Walter Benjamin, Alexandre Kojève und auch Michel Foucault lehnten sich weniger weit in die Öffentlichkeit vor und illustrieren damit, welcher Kopfgeburten des Radikalismus auch eine philosophische Schreibstube fähig ist. Benjamins tragischer Freitod auf der Flucht vor den Häschern der Gestapo am 26. September 1940 in Port Bou zerschnitt alle denkbaren Klärungen in Bezug auf seine «messianische» Theorie. «Erlösung» war ein entscheidender Begriff. Sollte sich diese indessen nach streng marxistischer Doktrin in und mit der Revolution des Proletariats politisch über die Welt ergiessen? Oder hielt es Benjamin doch eher mit einem «Messias», der seinen Gang erst antreten würde, wenn alles hienieden in Ruinen und Katastrophen zusammengebrochen wäre?

Himmel auf Erden

Ein Gegenstück qua Zuversicht schrieb Kojève mit seiner Lehre vom Ende der Geschichte. Auf dem Marsch zum Fernziel einer allseits befreiten Menschheit kam ihm freilich ausgerechnet Josef Stalin entgegen. Der Zyniker und Verbrecher als Diktator und Massenmörder schien für Kojève mit dem Modell des sowjetischen Imperiums bereits eine wesentliche Zwischenstufe erreicht zu haben. Lilla verfehlt nicht, auf einen Wesenszug Kojèves hinzuweisen, der dessen Geschichtsphilosophie allenfalls relativieren könnte: Unter vielen totalitär getriebenen Denkern war er einer der wenigen mit den Eigenschaften Humor und Ironie.

Lillas klug kritische Porträts leuchten nicht alle Ecken aus. Doch sie fassen auf verständliche Weise zusammen, was jene Männer bewegte, erregte und in die Extreme trieb. Selten wollten wir dem amerikanischen Schulmeister und seinem klaren Auge aufgeklärter Vernunft widersprechen. Dass es allerdings häufig spannender und erkenntnisreicher sein kann, sich mit den schweren Jungs statt mit den Sonntagskindern einer fehlerlosen Moral zu beschäftigen, beweist ihr Interpret ja selbst.

Mark Lilla: Der hemmungslose Geist. Die Tyrannophilie der Intellektuellen. Kösel-Verlag, München 2015. S. 223, Fr. 28.90.

Nota. - Da fehlt doch was! Diese Leute wollten den Pelz gewaschen haben, ohne nass zu werden. Eine beschauliche Hängematte zwischen Vita activa und contemplativa: Ratgeber, Prinzenerzieher, graue Eminenz im Halbdunkel, an den Stellschrauben der Macht drehen, aber ohne Verantwortung zu übernehmen... Nichts hintert den Intellektuellen, selber Politiker zu werden, aber da muss er sich kompromittieren, Reservatio mentalis gilt da nicht, man muss sich notfalls selbst die Hände schmutzig machen.

Das 20. Jahrhundert, das war die Epoche der Weltrevolution. Ihr bedeutendster Intellektueller war Leo Trotzki, der hat sich nicht gedrückt, und für die Salons hatte er keine Zeit. Wollten sie das? Doch nur, wenn es nichts kostete. Walter Benjamins 'Messianismus' reichte eben, um Stalin die Stiefel zu lecken, neben vielen, vielen andern. Und einen Trost haben sie sicher: Mit dem Tod sind alle Fährnisse ausgestanden, man hat immer noch die Chance auf eine Ausgabe letzter Hand. Als Intellektueller steht man immerhin post mortem auf dem Podest, soweit hat es Trotzki auch nach fünfundsiebzig Jahren nicht gebracht.
JE

Dienstag, 11. August 2015

Der Intellektuelle als Instanz.

Ulrich von Hutten
aus nzz.ch, 10. 8. 2015

Der öffentliche Intellektuelle
Von der hohen Kunst der Kritik
Jürgen Habermas, Lukas Bärfuss, Max Frisch oder Hans Magnus Enzensberger haben etwas gemeinsam: Sie sind «öffentliche» Intellektuelle, deren Stimme Gewicht hat. Und sie sind Männer.

von Urs Hafner

Wenn der Literat Lukas Bärfuss sich zu Wort meldet, hört man ihm zu, auch wenn er sich nicht literarisch äussert. Man hört auf ihn, wenn er zum Beispiel für die Flüchtlinge spricht, die in Europa eine bessere Existenz suchen oder hier unter misslichen Bedingungen leben. Bärfuss findet Resonanz nicht nur, weil er ein angesehener Künstler ist und sein Gerechtigkeitsempfinden gekonnt artikuliert, sondern auch, weil ihm die Öffentlichkeit – die Medien und das Publikum – das charismatische Amt des «öffentlichen Intellektuellen» verliehen hat.

Experten und Intellektuelle

Ein intellektueller Mensch überwindet beim Betrachten einer Sache – sei es ein Kunstwerk oder das eigene Leben – seine Vorurteile und die der anderen; er relativiert und reflektiert seine Position. Beim öffentlichen Intellektuellen kommt dazu, dass sein Räsonieren und Kritisieren sich auf die Gesellschaft bezieht, in der er lebt. Letztlich will er unabhängig von Parteien und Lobbyisten dazu beitragen, dass die Welt besser, gerechter, freier wird.

Der öffentliche Intellektuelle weiss nicht einfach nur Bescheid, er kennt nicht die «Lösung» für ein «Problem». Diese Funktion übernehmen die «Experten». Sie erklären volatile Börsenkurse und überraschende Abstimmungsergebnisse. Die Experten sind das Öl im Getriebe der Welt. Ihre Informationen passen in die von Common Sense, Verwaltung und Politik vorgegebenen Schemata. Sie bestätigen, was wir schon immer gewusst haben. Sie huldigen der Macht des Faktischen.

Der öffentliche Intellektuelle bohrt tiefer und blickt weiter. Er ist für die Demokratie das Salz in der Suppe, weil er die Fragen stellt, an die keiner denkt oder die niemand hören will. Glücklich darf eine Gesellschaft sich schätzen, in der viele Intellektuelle sich äussern: Sie heben das Niveau der öffentlichen Debatten. Wären sie in der Schweiz präsenter, wären sowohl die Minarett- als auch die Verwahrungsinitiative zumindest umstrittener gewesen, und der neue Antifeminismus beispielsweise käme nicht so krud daher.

Erfunden worden ist die Figur des öffentlichen Intellektuellen im streitlustigen Frankreich: 1898 veröffentlichte der Schriftsteller Emile Zola seinen Brief «J'accuse», in dem er den wegen Spionage zu lebenslanger Haft verurteilten Hauptmann Alfred Dreyfus für unschuldig erklärte und Justiz und Armeeführung belastete. Zolas Initiative führte zu heftigen Diskussionen über den Antisemitismus und stürzte Frankreich in eine politische Krise. Die Presse benannte diese neue öffentliche Kraft mit einem vorerst negativ besetzten Begriff, dem des «Intellektuellen».

Seither haben verschiedene Nationen unterschiedliche Typen von öffentlichen Intellektuellen hervorgebracht, die der Politik näher oder ferner stehen oder die es mehr mit der Kunst oder der Wissenschaft halten. Frankreich zeichnet sich durch sein intellektuellenfreundliches Klima aus: Man denke an die moralische Autorität eines Jean-Paul Sartre (der sich vom Stalinismus instrumentalisieren liess), an die Interventionen des Soziologen Pierre Bourdieu, des Philosophen Michel Foucault.

Ebenfalls in Frankreich ist der Intellektuelle zu Grabe getragen worden, allerdings voreilig. Zu Beginn der achtziger Jahre verkündete der postmoderne Philosoph Jean-François Lyotard, nach dem Ende der Utopien seien Figuren, die im Namen der Menschheit, der Nation oder der Gesellschaft sprächen, überflüssig. Doch das sind die Intellektuellen nicht, auch wenn ihre grosse Zeit vorbei ist. Nach wie vor engagieren sie sich mit moralischem Impetus, nach wie vor hört man sie und denkt vielleicht nach. In Deutschland wirken seit Jahren unverdrossen der Philosoph Jürgen Habermas und der Dichter Hans Magnus Enzensberger; man mag sich ihr Verstummen gar nicht vorstellen.

Die Schweiz mag Experten, Politologen, Juristen, Ökonomen und Naturwissenschafter, nicht aber Intellektuelle und auch nicht räsonierende Geisteswissenschafter; gross ist das Misstrauen gegenüber «Klugschwätzern». Wenn hier einer das Amt des öffentlichen Intellektuellen übernehmen will, muss er mehr Literat denn Analytiker sein: Max Frisch, Friedrich Dürrenmatt, Niklaus Meienberg, Peter Bichsel, neuerdings Lukas Bärfuss, vielleicht auch Pedro Lenz. Peter von Matt ist zwar Literaturwissenschafter, tritt aber als Literat auf, Adolf Muschg ist zwar Literat, äussert sich aber zu versponnen.

Den Nicht-Literaten bleibt die öffentliche Sympathie verwehrt, auf die der öffentliche Intellektuelle bei allem Umstritten-Sein angewiesen ist. Dem Publikum waren und sind die Wortmeldungen des kürzlich verstorbenen Mediensoziologen Kurt Imhof und des Historikers Jakob Tanner zu akademisch. Auch keine öffentlichen Intellektuellen sind die in ihrem Einfluss nicht zu unterschätzenden Kolumnisten-Intellektuellen, die meist Politiker oder Ökonomen sind (Beat Kappeler, Werner Vontobel, Mathias Binswanger) – das Finanzland Schweiz weiss volkswirtschaftliches Bilanzieren zu honorieren. Anders als die Experten zielen diese zwar stets aufs Ganze, bleiben aber Gefangene ihrer disziplinären Provenienz.

Zwischen Zwingli und Zola

Die Figur des helvetischen Intellektuellen steht Zwingli näher als Zola. Er muss immer auch ein wenig Prediger sein, dessen Wortmeldungen bei aller Schärfe in eine Sinnstiftung münden, die nicht nur das ganze Land umfasst, sondern über das profane Diesseits hinausreicht. Darum kann das Amt des öffentlichen Intellektuellen nicht von einer Frau ausgeübt werden. In dieser Figur ist ein strikter «Gender-Bias» angelegt: Es ist der Mann, welcher der Nation und der Gesellschaft sagt, was schiefläuft, welche Ungerechtigkeiten begangen werden, wie man die Welt verbessern könnte. Die Figur des Predigers, der sich der «Res publica» annimmt, ist männlich vorgegeben.


Der Mann räsoniert über das Allgemeine, die Frau beschäftigt sich mit dem Besonderen: Sie kann von den Medien zur Expertin für alles Mögliche ernannt werden, sogar für Astrophysik, aber nicht zur öffentlichen Intellektuellen, auch wenn sie noch so intellektuell und charismatisch ist und sich in ihrem Denken auf die Gemeinschaft bezieht. Das ist nicht nur in der Schweiz so. Anders als ihr Gefährte Sartre konnte Simone de Beauvoir nicht als «Gewissen der Nation» oder der Menschheit auftreten, auch wenn sie mit ihren Analysen den wundesten Punkt der bürgerlichen Gesellschaft, deren systematische Geschlechterungleichheit, aufgedeckt hatte. Sein Paternalismus ist die Kehrseite des öffentlichen Intellektuellen: Sartre machte sich mehr als einmal lächerlich, als er die Arbeiter vor den Fabriken von einem Fass herab an ihre historische Mission erinnerte, die kommunistische Gesellschaft zu verwirklichen.

Die einzige Frau, die es in der Schweiz der letzten fünfzig Jahre gewagt hat, eine öffentliche Intellektuelle sein zu wollen, Iris von Rothen, attackierte die bürgerliche Geschlechterordnung kompromisslos – und wurde darauf kompromisslos mit Ächtung bestraft, auch von Frauen. Selbst wenn sie mit mehr Taktgefühl auf die Kanzel gestiegen wäre, hätte man sie nicht erhört. Tiefer als auch schon ist die symbolische Ordnung der Geschlechter in den Grundfesten der Nation verankert.


Nota. - Seit der Erfindung des Ackerbaus und seit dem Übergang zur Sesshaftigkeit war der schmale Rand von Öffentlichkeit, der die versippten Wohngemeinschaften gegen die Nachbargemeinschaften abgrenzte, ein bevorzugter Platz der Männer; eine winzige Kompensation für die verlorenen Abenteuer der offenen Savanne. Kult, Fest, Krieg - das sind männliche Domänen, aber sie spielen gegen den eintönigen Alltag des Ackerbaus, wo die Frauen den Ton angaben, nur eine ganz, ganz kleine Rolle. 

Aber immerhin: Was immer einmal an Kultur und Politik aus der bloßen Haushaltung herausragen sollte, fand hier seine Wurzeln. 

Es bildeten sich Reiche aus, der Krieg wurde neben dem Ackerbau zum Produktionszweig, zu Königen wurden die Feldherren, aber auch die Religionsstifter und die Priester waren nun Männer.

Dann kam die Marktwirtschaft, und das Öffentliche durchdrang und unterwarf sich die privaten Haushalte. Dort herrschten einstweilen noch die Frauen, aber gegen "die Politik" und "die Wirtschaft" fiel es immer weniger ins Gewicht. So kam es zu dem Anschein einer uralten Unterdrückung der Frau durch den Mann.  

*

Mit andern Worten - dass nur Männer in die Rolle des öffentlichen Intellektuellen geraten, kann nur insoweit verwundern, als es öffentliche Intellektuelle überhaupt noch gibt. Ansonsten ist es in der Geschichte dieser Instanz selbst begründet.
JE





Montag, 10. August 2015

World wide Dunning-Kruger effect.

aus nzz.ch, 9.8.2015, 05:33 Uhr

Die Verführungskraft des digitalen Zugriffs
Inkompetenzerkennungskompetenz
Unser Verhältnis zu den digitalen Medien ist nicht immer so rational, wie wir uns das vorstellen. Leicht machen wir uns vor, dass die im World Wide Web geballte Information echtes Wissen darstellt.

von Eduard Kaeser

Heute, da fast nur noch von Kompetenzen geredet wird, gewinnt plötzlich ein altes menschliches Phänomen eine neue Bedeutung und Brisanz: der sprichwörtliche blinde Fleck, den man selbst nicht sieht; der Ignorant, der nicht weiss, dass er ignorant ist; der Unbeholfene, der sich seiner Unbeholfenheit nicht bewusst ist. Es geht, kurz, um Inkompetenzerkennungsinkompetenz.

Das Phänomen ist in der Neurologie bekannt unter der Bezeichnung der Anosognosie. Ein Beispiel: Nach einem Schlaganfall in der rechten Gehirnhälfte leidet ein Anosognosie-Patient an einer Lähmung des linken Armes, die ihm aber nicht bewusst ist. Anosognosie verursacht nicht nur die Lähmung, sondern gleichzeitig die Unfähigkeit, die eigene Gelähmtheit zu erkennen. Legt man dem Patienten einen Bleistift auf den Tisch und fordert ihn auf, danach zu greifen, wird er es körperlich bedingt nicht tun. Er wird aber sagen, er sei zu müde oder benötige keinen Bleistift. Sein Unvermögen alarmiert ihn also nicht. Das Gehirn hat einen neuronalen Monitor, der, wenn beschädigt, zu einem partiellen Ausfall der Wahrnehmung führen kann: ein «hemisphärischer Neglect» («hemispatial neglect»). Betroffene Patienten können einen Teil ihrer Umgebung buchstäblich nicht mehr wahrnehmen. Männer rasieren zum Beispiel nur die eine Gesichtshälfte; oder einer isst nur die eine Hälfte des servierten Essens und beklagt sich, zu wenig bekommen zu haben.
Aufgeblähte Selbsteinschätzung

Das Phänomen gibt es auch im Bereich des Kognitiven. Es wurde 1999 vom Sozialpsychologen David Dunning und seinem Schüler Justin Kruger untersucht und hat unter der Bezeichnung «Dunning-Kruger-Effekt» Eingang in die psychologische Fachliteratur gefunden. Der Titel der Studie sagt eigentlich schon alles: «Unqualifiziert und uneinsichtig: wie Schwierigkeiten, die eigene Inkompetenz zu erkennen, zu einer aufgeblähten Selbsteinschätzung führen».
Was Dunning und Kruger irritierte, war der Umstand, dass viele Leute von ihrer Inkompetenz nicht irritiert sind; nicht verlegen, bescheiden oder vorsichtig werden – im Gegenteil: Oft ist die Inkompetenz begleitet von einer aufgepumpten, fallweise auch lachhaften Selbstgewissheit. So war die Initialzündung zu ihrer Studie ein Bankraub in Pittsburg im Jahre 1995, der an Filmklamauk à la Laurel and Hardy erinnert. Ein Mann namens McArthur Wheeler überfiel kurz nacheinander zwei Banken am helllichten Tage. Ganz ohne jede Vorsichtsmassnahme, wie es schien, denn er hatte sich nicht darum gekümmert, in der kameraüberwachten Schalterhalle sein Gesicht zu tarnen. Er wurde noch am gleichen Abend dank den Kameraaufnahmen verhaftet. Für Heiterkeit sorgte Wheelers unbeirrte Meinung, sein Gesicht sei durch Einreiben mit Zitronensaft für die Kameras unsichtbar. Er habe seine Methode zu Hause selber überprüft. Der Banküberfall falsifizierte diese freilich schnell und brutal. Eine trübe Tasse von Räuber, wird man sagen. Dunning und Kruger sahen darin mehr, nämlich einen Typus von kognitiver Verzerrung: Wheeler war der Meinung, etwas Sinnhaftes zu tun, und er zeigte sich offenbar unfähig, die Falschheit dieser Meinung einzusehen.
Die digitalen Medien verschaffen heute auf beispiellose Weise leichten und schnellen Zugang zu Datenbanken. Googeln und Wikipedia-Anklicken gehören schon zu den neuen Kulturtechniken. Die scheinbar grenzenlose Verfügbarkeit von Information kann allerdings dazu verleiten, Zugang zum Wissen mit Wissen selber zu verwechseln. Anders gesagt, lauert auch hier der Dunning-Kruger-Effekt der falschen Einschätzung. Das Problem ist ein metakognitives: Die Möglichkeit, sich Wissen über das Internet zu beschaffen, erhöht auch das Risiko von Halbbildung, also der Konsumation von halbgaren Theorien und ungeprüften oder schlecht geprüften Hypothesen wie jene vom Zitronensaft. Tests, die Dunning und Kruger mit Studenten durchführten, zeigten eine deutliche Proportionalität: Je schlechter die Aufgabenbewältigung, desto schlechter die Einschätzung der eigenen Inkompetenz. Nun waren diese Tests nicht direkt auf die digitalen Medien ausgerichtet. Aber man darf vermuten, dass die Dienste des Internets manch einen User dazu verleiten, seine Selbsteinschätzung falsch zu kalibrieren, das heisst, sich in der Meinung zu wiegen, er sei kompetent nur schon deswegen, weil er mit dem Zugang zur Information über diese Kompetenz ausgerüstet ist.
Nehmen wir etwa den Orientierungssinn. Er wird heute immer mehr durch Navigations-Apps ergänzt und tendenziell ersetzt. Genau diese Tendenz manifestiert die Ambivalenz der Technologie. Dank ihr können wir uns viel schneller und zielführender im Gelände orientieren. Aber wir sollten dies nicht als verbesserte Orientierungskompetenz missverstehen.
Oder vielmehr: Das Missverständnis entsteht dann, wenn wir nicht gleichzeitig in uns selber die Geländekenntnis vertiefen, also eine entsprechende Kompetenz ausbilden. Das könnte durchaus als Chance angesehen werden: nämlich sich einzugestehen, dass man im Grunde etwas noch nicht weiss, wenn man es in Wikipedia nachgefragt hat; oder etwas noch nicht kann, wenn man über eine entsprechende App verfügt. Der Philosoph Odo Marquard hat einmal – halb im Ernst – von der Philosophie als einer Inkompetenzkompensationskompetenz gesprochen. Eine solche Fähigkeit des Eingeständnisses stünde uns gar nicht so schlecht an in einer Zeit, die von uns bis in die hintersten Lebensnischen Kompetenzen abfordert. Warum also nicht eine Inkompetenzerkennungskompetenz? Sie würde zuallererst bedeuten, dass wir neben dem Abfragen in den digitalen Medien auch wieder das Fragen lernen, also das, was uns menschlich macht.
Folgeschäden

Sie ist noch aus einem weiteren Grund wichtig. Denn unter Inkompetenz leiden in der Regel die anderen, nicht der Inkompetente. Sitzt er im sozialen, politischen, wirtschaftlichen Netzwerk in einem Entscheidungsknoten, kann sein Handeln ärgerliche bis schädliche Folgen haben. Und Ursache ist nicht einfach sein Fehlentscheid, vielmehr die Fehleinschätzung seines Fehlentscheids. Es wäre aufschlussreich und wahrscheinlich ziemlich ernüchternd, unter dem Aspekt des Dunning-Kruger-Effekts einmal eine genauere Analyse des ganzen Rattenschwanzes von Krisen und Kalamitäten aus unserer rezenten Geschichte durchzuführen. Also die Frage zu stellen: Ist die Selbsteinschätzung all der selbsternannten Fiasko-Spezialisten, die sich ihrer Kompetenzen auch noch rühmen, nachdem sie uns den Schlamassel eingebrockt haben, nicht falsch kalibriert?
Meine Hypothese: Viele sind vom Schlag des Bankräubers McArthur Wheeler. Und der Ruf wäre daher angebracht: Schaut doch nur, all die trüben Tassen in Politik in Wirtschaft haben ihre Gesichter mit «Zitronensaft» eingerieben, aber sie sind trotzdem kenntlich!
Der Berner Eduard Kaeser ist Physiker und promovierter Philosoph. Er ist als Lehrer, freier Publizist und Jazzmusiker tätig.


Nota. - Als vor Jahr und Tag die Piratenpartei sel. offenen Auges und unbeirrbar in den sicheren Untergang strebte, müssen Dunning und Kruger ihre Hand im Spiel gehabt haben.
JE

Dienstag, 4. August 2015

Säkularisierung der islamischen Welt?

aus nzz.ch, 27.7.2015, 05:30 Uhr

Olivier Roy über den Säkularismus
Religion auf dem Rückzug
In muslimischen Ländern scheinen religiöse Extremisten die Szene zunehmend zu dominieren. Der Islam-Experte Olivier Roy konstatiert dennoch auch dort eine Ausdifferenzierung der Glaubenslandschaft.

von Olivier Roy

Wir Europäer leben in säkularen – und nicht in prä- oder postsäkularen – Gesellschaften. Weltweit hat sich die Säkularisierung durchgesetzt, sogar in muslimischen Ländern. In einer Zeit, da wir vom Aufstieg des «Islamischen Staats» in Atem gehalten werden, mag diese Behauptung paradox klingen: Um sie zu erklären, muss der Wandel im Verhältnis zwischen Kultur und Religion und insbesondere die «Dekulturierung» der Religion beleuchtet werden.

Was ist Säkularisierung?

Es gibt ganz unterschiedliche Arten, Säkularisierung zu definieren. Als soziales Phänomen ist sie nicht ein abstrakter Prozess; es geht immer um die Säkularisierung einer bestimmten Religion, deren Natur sich im Verlauf der Säkularisierung wandelt. Gängige Definitionen der Säkularisierung umfassen in der Regel drei Elemente: erstens die Trennung von Staat und Religion, von Politik und Konfession, die aber nicht notwendigerweise auch eine Säkularisierung der Gesellschaft zur Folge hat. Amerika ist hiefür ein gutes Beispiel: Obwohl Kirche und Staat klar getrennt sind, ist ein grosser Teil der Bevölkerung immer noch religiös.


Das zweite Element ist der schwindende Einfluss religiöser Institutionen auf die Gesellschaft. Aufgaben wie Bildung oder Gesundheitswesen sind in die Hände des Staats oder des Privatsektors übergegangen; in Europa haben sich die Kirchen aus dem «Management» der Gesellschaft weitestgehend zurückgezogen. Das dritte Element der Säkularisierung schliesslich ist das, was Max Weber «Entzauberung der Welt» genannt hat . Auch dieser Prozess muss nicht bedeuten, dass die Menschen zu Atheisten werden; aber die Bedeutung der Religion in unserem Leben und Alltag nimmt ab, noch wenn wir uns weiterhin als Glied einer religiösen Gemeinschaft definieren. In dieser Hinsicht bedeutet Säkularisierung eher eine Marginalisierung denn eine Exklusion der Religion.

Hinsichtlich der Trennung von Politik und Religion sind heute alle Staaten säkular, sogar die Theokratien. Eine «säkulare Theokratie» tönt zwar wie eine «contradictio in adiecto», aber hier muss hervorgehoben werden, dass ein säkularer Staat sich dadurch auszeichnet, dass der Staat die Religion definiert und nicht umgekehrt. In der Islamischen Republik Iran, einer der wenigen verbliebenen Theokratien, ist das Amt der höchsten Instanz im Staat, des Obersten Rechtsgelehrten, politisch definiert; kein Vorbild dafür lässt sich in der Geschichte des Islams finden. Der Oberste Rechtsgelehrte wird mittels eines komplexen, verfassungsmässig festgelegten Prozesses gewählt und nicht, weil er die höchste religiöse Autorität ist.

Am Beispiel Irans werden die Widersprüche offensichtlich, denen ein religiöses Staatswesen per se unterworfen ist. Die Gesetzgebung fusst auf der Religion, die oberste Autorität ist Gott. Nur: Gott spricht nicht. Wenn er die letzte Instanz ist, wer kann dann wissen, was er sagt? Und was genau ist religiöses Gesetz? Das iranische Parlament darf kein Gesetz erlassen, das mit dem Islam nicht in Einklang steht. Der Oberste Wächterrat wiederum kann zwar ein Gesetz mit dem Argument ablehnen, dass es nicht mit der Scharia konform sei; aber er hat selbst keine gesetzgebende Funktion. Was also, wenn das Parlament ein Gesetz durchwinkt und der Wächterrat es ablehnt? Zu diesem Behuf wurde ein Schlichtungsrat ins Leben gerufen, der in solchen Fällen vermitteln soll – und wie definiert sich dieser? Es ist eine politische Institution, in der alle machthabenden Instanzen vertreten sind. Anders kann es gar nicht sein.

In allen Staaten, die sich auf eine islamische Verfassung berufen oder die gar keine Verfassung haben, weil derlei im Islam nicht existiert, ist die letzte Instanz der Macht politisch. So liegt in Saudiarabien, einem islamischen Staat ohne Verfassung, die höchste Entscheidungsmacht beim König – obwohl der Koran das Königtum nicht kennt und dieses Amt keine religiöse Autorität impliziert. In Afghanistan legten die Taliban die Macht in die Hände der islamischen Richter und erklärten die Scharia zum Staatsrecht; eine Verfassung oder ein Oberstes Gericht hielten sie für unnötig und beschlossen, dass jeder Richter die Scharia direkt anwenden solle. Natürlich funktionierte das nicht, da jeder Richter seine eigene Auffassung der islamischen Rechtslehre einbrachte. Am Ende traf der politische Führer, Mullah Omar, als selbsternannter «Führer der Gläubigen» die Entscheidungen.

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis der «Islamische Staat» sich mit denselben Schwierigkeiten konfrontiert sehen wird. Die Terrormiliz hat von der Situation in der irakisch-syrischen Konfliktzone profitiert und sich insbesondere die Unterstützung der politisch exkludierten Sunniten sichern können, aber sie ist blind für die gesellschaftlichen Gegebenheiten; statt sich diesen anzupassen, praktiziert der IS eine harsche, oberflächliche und buchstabentreue Lesart der Scharia, die dem kulturellen Umfeld völlig fremd ist. Die Jihadisten berufen sich auf den salafistischen Islam (wobei die Mehrzahl der Salafisten keine Jihadisten sind). Der Salafismus wird meist als Reaktion einer traditionsgebundenen Kultur und Gesellschaft auf Modernisierung und Verwestlichung wahrgenommen, aber das trifft so nicht zu: Der Salafismus ist ein Paradebeispiel für ein Religionsverständnis, das sich nicht mehr über eine Kultur, sondern über ein System von Normen definiert, auch wenn diese der im Umfeld vorherrschenden Kultur entgegenstehen. So zerstören die Wahhabiten in Saudiarabien das alte Mekka und errichten stattdessen eine westlich geprägte, kommerzielle Mall, wo die Regeln der Scharia – Ladenschliessung während der Gebetszeiten, Verschleierungszwang für Frauen – im Rahmen einer modernen Konsumkultur Anwendung finden.

Die Illusion vom «reinen» Glauben

Es sollte nicht erstaunen, dass die traditionellen islamischen Kulturen den Salafisten als Erstes zum Opfer fallen. Nach ihrer Machtübernahme in Afghanistan tilgten die Taliban umgehend, was für die einheimische Kultur typisch war. Die beliebten Drachen-Wettkämpfe wurden verboten, Fussball dagegen blieb erlaubt: Wieso soll Fussball halal sein, nicht aber, Drachen steigen zu lassen? Der IS wiederum pflegt eine durchaus moderne Kultur: Seine blutrünstigen Showeffekte sind von Videospielen und Filmen inspiriert, seine Rekruten findet er unter entwurzelten und frustrierten westlichen Muslimen, er manipuliert mit Geschick die westlichen Medien und zerstört derweil das historische Erbe in seinem Machtbereich.

Es sollte nicht überraschen, dass sich in fundamentalistischen Bewegungen viele Konvertiten finden . Menschen, die öfters konvertieren, wollen das «Eigentliche» – Religion als Kulturform interessiert sie nicht. Die Europäer, die zum Islam konvertieren und in den Jihad ziehen, nehmen sich in der Regel nicht die Mühe, Arabisch oder Türkisch zu lernen; sie bleiben bei ihrer Muttersprache und garnieren diese mit ein paar arabischen Wörtern. Auch kleiden sie sich nicht wie traditionelle Saudiaraber oder Ägypter, sondern kreieren ihren eigenen Look: Weisse Gewänder und Nike-Sportschuhe scheinen zum Kennzeichen des Konvertiten geworden zu sein. Ausländische Jihadisten integrieren sich zudem nie in die Gesellschaften, für die zu kämpfen sie vorgeben. Wenn ihnen die lokale Bevölkerung ihre Töchter nicht freiwillig gibt, werden die Mädchen vergewaltigt oder entführt. Spannungen lassen nicht auf sich warten, und bald können sich die Jihadisten nur noch mit Zwangsmassnahmen durchsetzen; an die Stelle der religiösen Agenda tritt reiner Machtkampf.
Die Säkularisierung hat sich durchgesetzt; wir alle leben in säkularen Gesellschaften, in dem Sinn, dass Religion allenthalben aus der Leitkultur verschwunden ist. Und wo es noch nicht so weit ist, sorgen die religiösen Fundamentalisten selbst für die Säkularisierung, indem sie die dominante Kultur als profan, ja gar als heidnisch deklarieren. Amerikanische Evangelikale, ägyptische Salafisten, israelische Haredim, konservative spanische Bischöfe: Sie alle halten die Kultur ihres Landes für säkularisiert und feindlich gegenüber der «wahren» Religion, noch wenn sich die Mehrheit der Bevölkerung zum Glauben bekennt. Die beiden Vorgänger des jetzigen Papstes äusserten klar ihre Besorgnis, dass Europa keine christliche Kultur mehr sei; Papst Benedikt sprach gar von einer «Kultur des Todes».

Dass die Religion nicht mehr Teil des kulturellen Mainstream ist, trifft auch auf die meisten muslimischen Länder zu. Am Anfang des Arabischen Frühlings berief sich niemand auf die Religion: Die Menschen gingen für Demokratie, Freiheit und Menschenrechte auf die Strasse. Zwar gingen nach den Revolten in Tunesien und Ägypten zunächst die Islamisten als Sieger aus den Wahlen hervor, aber nach zwei Jahren wurden sie abgewählt. Sie scheiterten, weil sie geglaubt hatten, einen islamischen Staat aufbauen zu können; aber die Versuche, ein Staatswesen ausschliesslich auf Religion zu gründen, sind zum Scheitern verurteilt.

Das religiöse Terrain diversifiziert sich, Säkularismus und sogar Atheismus bieten einer jungen Generation, die sich gegen patriarchale Machtstrukturen auflehnt, neue Optionen. Diese jungen Menschen unterstellen sich nicht mehr traditionellen religiösen Hierarchien, sondern diskutieren über die Fragen, die sie beschäftigen, im Internet. In Ägypten findet so eine Öffnung und Ausweitung des religiösen Bereichs statt; allerdings bedeutet diese Demokratisierung des religiösen Denkens nicht unbedingt auch eine Liberalisierung.

Der Zerfall der Beziehung zwischen Religion und Kultur spiegelt sich indirekt in den jüngsten Debatten über Religionsfreiheit, die im Westen wie in der islamischen Welt geführt werden. In Amerika protestieren Evangelikale und Katholiken gegen «Obamacare», weil Arbeitgeber damit gezwungen sein könnten, Verhütungsmittel für ihre Angestellten mitzufinanzieren. Aus der Sicht vieler religiöser Menschen – nicht nur von Muslimen – dient Frankreichs Bekenntnis zu «laïcité» einzig der Verdrängung der Religion aus dem öffentlichen Raum. Sogar in Ländern, wo die Religionsfreiheit verfassungsmässig garantiert ist, sind Debatten über die Bedeutung dieser Freiheit entbrannt. Wo das Moralverständnis des gesellschaftlichen Mainstream zunehmend von dem religiöser Gemeinschaften divergiert, tun sich in Bereichen wie Familie, Geschlechter- und Rollenverständnis und Fortpflanzung neue Konfliktfelder auf.

Es gibt allerdings zweierlei Möglichkeiten, den Begriff Religionsfreiheit zu verstehen. Man kann sie zum einen als kollektives und spezifischer noch als Minderheitenrecht wahrnehmen; so haben etwa die Muslimbrüder kein Problem damit, die Christen als Religionsgemeinschaft zu akzeptieren. Religionsfreiheit kann aber auch im Blick aufs Individuum definiert werden, und das erweist sich in Ländern und Regionen mit einer klar dominierenden Religion gelegentlich als problematisch. Bayern verbietet Lehrerinnen das Tragen des muslimischen Kopftuchs, während Nonnen im Habit unterrichten dürfen. Italien anerkennt zwar die Glaubensfreiheit, nicht aber die Gleichberechtigung der Religionen. In islamischen Ländern wiederum sehen konservative Religionsgelehrte in der Konversion vom Islam zum Christentum eine Verletzung des göttlichen Gebots, die vom Staat untersagt werden muss. Es gibt übrigens einen direkten Zusammenhang zwischen der Demokratisierung und dem Recht, sich vom Islam abzuwenden; denn wer den Gedanken akzeptieren kann, dass das Glaubensbekenntnis ein Akt des freien Willens ist, der kann auch die Demokratie akzeptieren, und umgekehrt. Meines Erachtens findet diese Debatte nun in muslimischen Ländern statt: Die neue tunesische Verfassung ist die erste in der arabischen Welt, die Gewissens- und Glaubensfreiheit garantiert.

Pluralistisches Religionsverständnis

Ich gehe davon aus, dass im Nahen und Mittleren Osten die Akzeptanz dieser Freiheit zunehmen wird. Erstmals in der Geschichte können sich Menschen in Tunesien und Ägypten offen zum Säkularismus oder Atheismus bekennen; in Marokko und Algerien verzeichnet die Bewegung derjenigen, die das Fastengebot des Ramadan nicht einhalten, wachsenden Zulauf. Der sich abzeichnende Pluralismus im Religionsverständnis deutet klar auf eine neue Toleranz und Offenheit hin; er ist ein Zeichen der Säkularisierung. Das Fasten wird nicht mehr als Pflicht, sondern als individuelle Praxis, die Religion nicht mehr als Teil der dominanten Kultur, sondern als persönliches Bekenntnis angesehen. Diese «Dekulturierung» der Religion ermöglicht die Demokratisierung der Gesellschaft. So kann man auch nicht mehr ohne weiteres den «säkularen» Westen gegen den «religiösen» Osten halten: Säkularisierung und die Entflechtung zwischen Religion und Kultur finden im Osten wie im Westen statt.

Der Philosoph und Politologe Olivier Roy hat sich insbesondere als Experte für islamische Themen einen Namen gemacht; er lehrt am European University Institute in Florenz. Der obige Essay erschien erstmals in der «IWMpost», dem Magazin des Wiener Instituts für die Wissenschaften vom Menschen. – Aus dem Englischen von as.


Nota. - Der Islam ist doch gar nicht das Problem, das war er höchstens für die konkurrierenden Bekenntnisse, aber nicht für uns säkulare Westler. Ein Problem ist dagegen der terroristische Islamismus, dessen Gewalt- tätigkeit sich gerade mit der fortschreitenden Säkularisierung der islamischen Kulturen steigert. Er wird zwar nie die Volksmehrheit für sic gewinnen, aber darauf legt er gar keinen Weg. Er will nicht die Herzen bekehren, sondern die Leiber zwingen.
JE 

Montag, 3. August 2015

Selbstoptimieren als Sinngebung.


Apollon, Pierre & Gilles
aus nzz.ch, 3.8.2015, 05:30 Uhr

Interview
«Wir leben in einer Gesellschaft, die nur Sieger sehen will»
Der Arzt, Philosoph und Medizinethiker Giovanni Maio über die selbstverordnete Gesundheitsdiktatur und die Frage, welches Menschenbild dahintersteckt.

Interview von Jenni Roth

Selbstoptimierung greift in unserer Gesellschaft um sich. Warum?

Aus der Einstellung zu sich selbst, die aus dem neoliberalen Denken erwächst, das wir verinnerlicht haben. Durch die Übernahme ökonomistischen Denkens begreift sich der moderne Mensch als Unternehmer seiner selbst und den eigenen Körper als Biokapital, in das er investieren muss. Er wird rastlos, weil er das Gefühl hat, nie genug aus seinem Kapital herausgeholt zu haben.

Aber der Wunsch des Menschen, sich zu verbessern, ist doch nicht neu?

Schon in den achtziger Jahren hat der Philosoph Michel Foucault mit seiner Idee der Gouvernementalität das neoliberale Denken beschrieben, ebenso Jürgen Habermas mit seiner «Kolonialisierung der Lebenswelt» durch ein äusseres System. Aber dieses Denken schlägt erst jetzt voll durch. Viele sehen sich wie eine Aktie, die sie auf der Börse anpreisen, die jeden Tag neu bewertet wird und jederzeit abgesetzt werden kann.
Und wann mache ich mal Pause?

Gar nicht. Es wird uns jeden Tag vorgegaukelt, dass wir noch mehr investieren könnten und nie gut genug sind. Dadurch hören wir nicht mehr auf unsere innere Stimme, sondern auf das, was man von uns erwartet. Es geht nur um die Fassade. Funktionieren kann das nur, weil es mit Slogans wie Eigenverantwortung und Freiheit verkauft wird.



Eine Art Diktatur?

Nicht der Staat etabliert eine Diktatur, sondern der einzelne Mensch versklavt sich selbst. Schliesslich hat ja nicht irgendein Politiker die Selbstoptimierung verordnet. Es ist viel subtiler. Während wir von Freiheit und Menschenwürde sprechen, treten wir durch das Einfallstor zur Selbstentfremdung.

Gehört dazu auch Selbstvermessung?

Es gibt Menschen, die messen morgens als Erstes Lungenfunktion und Herzfrequenz. Bei der Selbstvermessung verbindet sich ein Kontrollimperativ mit einem Optimierungsdrang. Man verbringt seine Zeit damit, den Körper zu maximieren, und vergisst dabei zu leben. Auch das gehört zur Leistungssteigerung, der Körper wird nach Normkriterien modelliert. Dabei geht es nicht um Ästhetik, sondern um den Körper als Symbol der Produktivität.

Aber eine krumme Nase ist doch kein Symbol fehlender Leistungsfähigkeit?


Nein, aber es wird vorgegaukelt, dass man nur über den vermeintlich attraktiven Körper erfolgreich sein kann, und deswegen hecheln alle einem Ideal hinterher, das am Ende keine Attraktivität generiert, sondern bloss Konformität.
Aber das läuft doch dem Trend der individualisierten Gesellschaft entgegen?

Wir modellieren unseren Körper entsprechend den Erwartungen und betonen dabei, dass das unsere Freiheit sei. Aber eines steht über allem: Wehe, du bist erfolglos. Daher suchen wir unablässig nach Anerkennung im Aussen. Weil wir nicht erkennen, dass wir uns einem Konformitätsdruck beugen, glauben wir, besonders individuell zu sein.

Also mitmachen oder aussteigen?

Wir müssten diese Ideologie erkennen und dann gegensteuern. Es gibt Ansätze einer Gegenbewegung, noch sind die aber nicht im Alltag sichtbar. Die Massenmedien berichten kritisch über die Selbstoptimierung, und auch in Expertenkreisen hat sich die Debatte verändert: Die früheren Verteidiger der vermeintlichen Freiheit haben erkannt, dass es gar nicht um Freiheit geht.

Wenn wir alle in diesem ökonomistischen Denken gefangen sind: Welche Rolle spielen die Unternehmen selbst?

Sie haben erkannt, dass sie die Menschen dann zu maximaler Leistung bringen, wenn diese das Wettbewerbsdenken, so weit es geht, internalisieren. Denken Sie an das Plädoyer von Microsoft, die Trennung von «Arbeit» und «privat» aufzugeben und den Arbeitnehmer arbeiten zu lassen, wann er will. Aber eine zu starke Verinnerlichung des Leistungsdruckes führt zu innerer Leere. Je mehr sich der Mensch wie im Hamsterrad bewegt, desto mehr nimmt man Unproduktivität durch Krankheit in Kauf.

Wie finde ich eine Balance zwischen «Ich gebe alles» und «Jetzt reicht's»?

Die Balance zwischen Leistung und Musse kann man nicht verordnen. Die Menschen sollten erkennen, dass jeder unverwechselbar ist und in jedem andere Potenziale schlummern. Und sie sollten selbstbewusster werden. Dabei ist auch die Medizin gefragt: Statt viele Pillen zu verschreiben, sollten die Ärzte besser nachfragen: Sind Sie sicher, dass Sie in diesem Bereich wirklich funktionieren müssen?

Auch Ärzte machen Werbung für Anti-Aging-Produkte . . .

. . . und fördern so die Kultur der Selbstoptimierung – um Profit draus zu schlagen. Stattdessen sollten sie das Gespräch suchen und jenen, die glauben, nur mithilfe von Botox attraktiv zu sein, verdeutlichen, dass Attraktivität von innen entsteht.

Wird nicht mit dem Alter alles besser?

Gerade die älteren Menschen glauben, dass sie nur dann Anerkennung finden, wenn sie als alte Menschen fit sind und leistungsfähig, also so sind wie Menschen im mittleren Lebensalter. Ältere Menschen sind die echten Verlierer, weil sie damit Angst vor der Gebrechlichkeit bekommen und Sorge haben, bald absolut wertlos zu sein. Wir leben in einer gnadenlosen Gesellschaft, die nur Sieger sehen möchte und letzten Endes keine Schwäche duldet.

Giovanni Maio ist Arzt und Philosoph und Professor für Medizinethik an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.


Nota. - Das ist mir viel zu flach: Fitnesskult = Neoliberalismus. Erinnert sich niemand, dass die Gesundheitsmystik in den achtziger Jahren mit dem grünalternativen Lebensstil aufgekommen ist? Gesundes Brot, Ying und Yang, Körner und Kräutertee und um Himmels Willen keine Chemie! Sie strickten in Naturwolle, liefen in Birkenstocklatschen und schoben immer ein Fahrrad mit sich rum. - Das waren Leute, die noch ein paar Monate zuvor für den Sieg im Volkskrieg auf die Straße gegangen waren, die internationale Solidarität hochleben ließen und auf ihren Versammlungen die Massenlinie beschworen; und im Morgengrauen standen sie wieder vor den Fabriktoren und verteilten klassenkämpferische Flugblätter. Bis dann der Ruf "endlich mal an mich selber denken!" den Zauber brach und sich alle, vom Druck befreit, bedenkenlos dem zuwenden durften, was ihnen eigentlich immer das Liebste gewesen war: dem Selbst. 

Auf dem Vulkan hatten sie grad mal einen Sommer getanzt, eben genug, um sich wirklich wichtig fühlen zu können: Das war eine nützliche Vorübung; "Wie komm ich mir vor?" hatte obendrüber auf den Transparenten gestanden.

Egozentrik ist seelische Grundverfassung der Angestelltenzivilisation. "Erfolg" brauchen sie ja gar nicht der Konkurrenz wegen, sondern um sich vorzukommen! Denn worin könnte in der Angestelltenwelt Erfolg denn anders bestehen? Was gibt es da denn zu leisten? Gegen den Leistungsterror, gegen den Konsumterror - das war der gleitende Übergang vom antiautoritären Revoluzzertum zu grünalternativer Erhaltung der Schöpfung, sie wollten "wie das Wasser sein" und plapperten wie Bächlein. Aber da ist die Metapher schon am Ende, denn die Bächlein drehen sich nicht um sich selbst.



Der Strudel ist als Bild more fitted. Nicht so tosend wie er hier erscheint, aber saugend, saugend... Im Fitnesskult opfern sie sich auf und geben das Letzte? Ja, aber am Altar des allerhöchsten Selbst.
JE