Sonntag, 17. Juli 2016

Der Ursprung der Kultur im Fest II.

aus derStandard.at, 6. Juli 2016, 18:20

Frühestes bekanntes Fest der Menschheit war sorgfältig geplantes Event 
Rekonstruktion einer aufwendigen Beisetzung vor 12.000 Jahren offenbart regelrechte To-do-Liste ritueller Handlungen 

von Thomas Bergmayr

Jerusalem/Wien – Es war mit Sicherheit keine alltägliche Bestattung: Als vor 12.000 Jahren in der Hilazon-Tachtit-Höhle im westlichen Galiläa eine ältere Frau in ihr Grab gelegt wurde, dürfte das Anlass für ein großes Fest gewesen sein. Zahlreiche Schildkrötenpanzer und abgeschabte Tierknochen weisen auf einen opulenten Leichenschmaus mit mindestens drei Dutzend Teilnehmern hin. Die 2010 vorgestellten Funde gelten bis heute als das früheste bekannte Zeugnis für Festivitäten des modernen Menschen. 

Mehr noch als die Reste der Totenfeier untermauert das zwei Jahre davor entdeckte Grab selbst den hohen Status der darin beigesetzten Person: Das Skelett der etwa 45 Jahre alten Frau von 1,50 Meter Körpergröße lag in einer mit größter Sorgfalt ausgestalteten Grube. Die Tote hatte überdies ihr Grab für sich allein, im Unterschied zu drei benachbarten Grabstätten, in denen die Gebeine mehrerer Individuen lagen. Die leitenden Archäologinnen Leore Grosman von der Hebrew University in Jerusalem and Natalie Munro von der University of Connecticut schließen daraus, dass es sich bei der Frau um eine Schamanin gehandelt haben könnte. Die Tatsache, dass die Frau wegen einer Knochenverformung seit ihrer Geburt an einer Gehbehinderung gelitten hatte, spreche ebenfalls für ihre Sonderstellung in der Gemeinschaft. 


Acht Jahre nach ihrer Entdeckung ist es den beiden Wissenschafterinnen nun gelungen, die genaue Abfolge der Handlungen rund um diese bemerkenswerte Grablegung zu rekonstruieren. Der betriebene Aufwand war offenbar enorm: Den Anfang machte eine mühsam aus dem harten Gestein geschlagene ovale Grube von einem Meter Länge. Darauf folgte eine Lage größerer Steine, zwischen die verschiedene Objekte positioniert wurden, darunter Ockerbrocken, Kreidestücke und einige Panzer von Landschildkröten. Darüber kam eine mit Asche, Feuersteinfragmenten und Tierknochen durchsetzte Sedimentschicht. 

Adlerflügel und Menschenfuß 

Auf dieses sorgfältig bereitete Lager bettete man die Tote seitlich liegend mit dem Rücken zur Grubenwand und mit angewinkelten Beinen. Auf dem und rund um den Leichnam verteilt fanden Grosman, Munro und ihre Kollegen zahlreiche Beigaben: weitere Schildkrötenpanzer, Marderschädel, einen Adlerflügel, ein Gazellenhorn, den Schwanz eines Auerochsen und sogar einen abgeschnittenen menschlichen Fuß. Weiteres Füllmaterial, hauptsächlich Kalksteine, bildete die letzte Schicht, ehe das Grab mit einem großen Stein verschlossen wurde. 

Für einen derartigen Aufwand war wohl einiges an Vorbereitung nötig, schreiben die Forscherinnen nun im Fachjournal "Current Anthropology". Die Materialien mussten gesammelt, die Tiere eingefangen und vorbereitet werden. Speziell für die insgesamt 86 entdeckten Schildkrötenpanzer waren die Mitglieder der Gemeinschaft einige Zeit unterwegs. Aus dieser komplexen Abfolge von Einzelschritten schließen die Wissenschafterinnen, dass die Angehörigen der Natufien-Kultur, der die Grabstätte zugerechnet wird, einen strikten Plan vor Augen hatten, ihre rituellen Handlungen also gleichsam einer gemeinschaftlichen To-do-Liste folgten. 

Die Forscherinnen sehen darin bereits die Vorboten jener sozialen Umwälzungen, die wenige Jahrtausende später der Neolithischen Revolution und damit der Erfindung und dem Aufstieg der Landwirtschaft den Boden bereiteten.

Abstract
Current Anthropology: "A Natufian Ritual Event."


Freitag, 15. Juli 2016

Kurzfristig wird es ihm nützen.

Erdogans Palast


Es war nur eine Frage der Zeit. Erdogan hätte in die Geschichte eingehen können als ein zweiter Atatürk: als der Mann, der die türkische Demokratie aus ihrer kongenitalen Abhängigkeit vom Militär und... vom Chauvinismus befreit hätte. Das war ihm nicht genug und viel zu prosaisch. Statt seine Arbeit zu Ende zu bringen, ist er dem Machtrausch erlegen.

Noch weiß keiner, wie die Sache ausgehen wird. Die Generation vom Gezi-Park steht vor demselben Dilemma wie vor ihnen die Aktivisten vom Tahrir-Platz: im Namen der Demokratie sich entweder auf die Seite der Islamisten oder auf die Seite der putschenden Generale zu schlagen.

Das wäre nicht das erstemal, dass in der kemalistischen Republik das Militär die Macht direkt übernimmt. Bisher hat es dann immer, manchmal erst nach lager Zeit und widerwillig, die Demokratie wirklich wieder-hergestellt. 

Doch eins hat Erdogan jetzt schon geschafft: Er hat ein neues Zeitalter eröffnet. Jetzt ist auch das Militär nicht mehr, was es mal war.


Nachtrag, 16. 7., 10.00 Uhr:


Der Putsch ist gescheitert, kurzfristig wird er Erdogan stärken und womöglich den Kemalismus in der Armee endgültig zu Grabe tragen. Allerdings verlieren die Islamisten damit ihren Buhmann, und das könnte Erdogan auf die Dauer schwächen. Unmittelbar muss man aber mit einer Rachorgie rechnen mit einkalkulierten Kollateralschäden.






Sonntag, 10. Juli 2016

Über den Kontinenten und zwischen den Stühlen.

Nelson auf dem Trafalgar Square
aus nzz.ch, 8.7.2016, 05:30 Uhr

Unter der Überschrift Der Brexit in historischer Perspektive - Die Engländer haben ihren eigenen historischen Kompass gab Ulrich Schlie vorgestern in der Neuen Zürcher einen kurzen Abriss der Geschichte des britischen Weltreichs - und wie sie England Politik bis heute prägt. 

Hier ein Abschnitt:


Eine Gleichgewichtsidee, Hegemoniestreben und abrupte Kurswechsel prägen die Geschichte Britanniens in Europa. ...

Freunde und Interessen

Winston Churchill, der im Jahr 1965 betagt, hoch geehrt und als einer anderen Zeit zugehörig empfunden verstarb, hat die Mitgliedschaft seines Landes in der Europäischen Union nicht mehr erlebt. In grossen Reden als abgewählter Premierminister, etwa 1946 in Zürich, hatte er sich für eine Partnerschaft Frankreichs und Deutschlands mit der denkwürdigen Begründung ausgesprochen, dass es keine Erneuerung Europas ohne ein geistig grosses Frankreich und ein geistig grosses Deutschland geben könne. Dass auch Grossbritannien Teil dieser Vereinigten Staaten von Europa sein müsse, war ihm dabei nicht in den Sinn gekommen. Die Begründung fürs Abseitsstehen – «Wir Briten haben unseren Commonwealth» – war vergleichsweise einfach. Die gleiche europapolitische Logik wird in einer Handzeichnung Churchills vom 14. Mai 1953 sichtbar. Während eines Essens mit dem deutschen Bundeskanzler Adenauer skizzierte der 1951 ins Premierministeramt Zurückgekehrte auf der Rückseite einer Platzordnung drei einander schneidende Kreise: jeweils einen für das vereinigte Europa (oben), für Grossbritannien (links) und die Vereinigten Staaten (rechts).

Wer nach einer Konstante im britischen Verhältnis zu Europa sucht, der wird sie am ehesten in einem Wort Lord Palmerstons aus der Mitte des 19. Jahrhunderts finden, dem gemäss Britannien keine Freunde hat, sondern nur ewige Interessen. Die Orientierung an Britanniens Interessen ist auch Massstab für die historische Beurteilung Churchills. Im Grunde verdankt Churchill seinen Ruhm, zugespitzt formuliert, einem einzigen Entschluss: der Entscheidung, nach dem Fall Frankreichs und im Moment der äussersten Bedrohung der freien Welt – als deren verbliebener Vorposten in Europa – Hitler und der nationalsozialistischen Herausforderung die Stirn zu bieten. Churchill hatte damals kein Risiko gescheut. Er hatte auf Kampf gesetzt und dabei auch die Möglichkeit der Niederlage in Kauf genommen.

Die Erinnerung an die Kriegsallianz mit Amerika, die Gewissheit, in der Anti-Hitler-Koalition einen wesentlichen Anteil am militärischen Sieg zu haben, waren in den langen Jahren des Niedergangs des Imperiums im Kalten Krieg für viele Briten Antriebskraft, um am gestalterischen Anspruch festzuhalten, auch weiterhin auf der Weltbühne mitzuspielen. Dabei war Churchill schon in den letzten Kriegsjahren mit seinen Vorstellungen insbesondere auf den alliierten Kriegskonferenzen in zunehmenden Gegensatz zum amerikanischen Präsidenten Roosevelt geraten, etwa wenn es um die Beurteilung Stalins oder die Planungen für die Nachkriegszeit, insbesondere mit Blick auf Deutschland, ging.

Es mag aus heutiger Sicht als eine Paradoxie gelten, dass der zentrale Einsatz Britanniens für das freie Europa das Land gefühlsmässig nicht näher mit Kontinentaleuropa verbunden hat. Margaret Thatcher variierte in ihren grossen Europareden, so in Brügge 1988, ganz in der Tradition Churchills die in der britischen Geschichte angelegte Andersartigkeit des Vereinigten Königreiches: das Staatsbewusstsein, die andere Rechtstradition ohne eine geschriebene Verfassung, keine Invasion seit 1066.

Der Aufstieg Britanniens zur Weltmacht hatte zunächst mit der Abwendung von Europa begonnen. Noch im 17. Jahrhundert galt die Insel als eine Welt für sich. Das Land stand abseits der kontinentalen Entwicklung und war von Bürgerkriegswirren zerrissen. Im Dreissigjährigen Krieg hatte der englische König dem Haupt der Protestantischen Union, seinem Schwiegersohn Friedrich V. von der Pfalz, schnöde seine Unterstützung versagt. England wurde nicht einmal Garantiemacht des Westfälischen Friedens. Die Weltreich-Pläne des Diktators Oliver Cromwell blieben Episode. Unter den nachfolgenden Stuart-Königen dann drohte das Land zur Provinz der Bourbonen herabzusinken. Grossbritanniens Verhältnis zu Europa änderte sich erst, als das Konzert der europäischen Nationen deutlichere Konturen annahm und der Sonnenkönig Ludwig XIV. sich anschickte, das karolingische Reich zu erneuern.

Der Frieden von Utrecht

Der Anspruch Wilhelms von Oranien, formuliert in seiner Thronrede 1701, dem gemäss England die Waage Europas in den Händen halten müsse, sollte erst mit dem Frieden von Utrecht, der 1713 den Spanischen Erbfolgekrieg beendete, eingelöst werden. Das Prinzip des Gleichgewichts wurde dort erstmals in einem Vertragsartikel festgehalten. Die Idee des Ausgleichs siegte über die Erbfolgeregeln, und die internationale Politik bekam eine neue Balance. Es war ein Frieden ganz nach Britanniens Geschmack. Das Gleichgewicht auf dem europäischen Kontinent ermöglichte Britannien erst, seinen Ambitionen in Kanada und Indien – im Siebenjährigen Krieg – Nachdruck zu verleihen. Das Prinzip des Gleichgewichts wurde von Britannien noch wiederholt für abrupte Kurswechsel bemüht. Schon bald darauf, im Nach-Utrecht-Europa, wählte Britannien in der Quadrupelallianz das Bündnis mit seinem traditionellen Rivalen Frankreich (sowie mit Österreich und den Niederlanden), um spanische Weltmachtsphantasien unter Elisabetta Farnese zu beenden. Die Westminster-Konvention vom Januar 1756, das überraschende Bündnis Englands mit dem Preussenkönig, gehört ebenfalls in diese Kategorie strategischer Kurswechsel, auch wenn es die sogenannte Kaunitzsche Koalition, das gegen Preussen gerichtete Kriegsbündnis zwischen Russland, Frankreich und Österreich, erst auslöste – jene diplomatische Revolution, die bis 1789 für die europäische Staatenwelt prägend blieb.

Britanniens Verhalten gegenüber Europa kann, wie der Historiker Brendan Simms unlängst in zwei lesenswerten Büchern dargetan hat, als eine fortdauernde Auseinandersetzung mit dem «deutschen Problem» verstanden werden, und es kann ebenso als Reaktion auf französisches Dominanzstreben von Ludwig XIV. über Napoleon bis General de Gaulle betrachtet werden. Flexibilität bei dauerhafter Orientierung an den eigenen Interessen und die Fähigkeit, wenn es sein muss, aufs Ganze zu gehen, bestimmen die Geschichte des Verhältnisses Grossbritanniens zu Europa. Die Kenntnis dieser ihrer Geschichte, die auch die Nationaldichter besungen haben, ist im Selbstverständnis der Briten gegenwärtig. Es darf jedoch bezweifelt werden, und darin liegt vermutlich das Grundproblem des britischen Blicks auf Europa, dass die tiefere Logik einer auf Vergemeinschaftung angelegten europäischen politischen Union je in London verstanden worden ist. Aus der Vergewisserung einer solchen Geschichte kann Gelassenheit erwachsen, auch die Kraft gespeist werden, wo erforderlich, gegen den Strom zu schwimmen. Doch zur britischen Geschichte zählen auch die vielen Spaltungen der Nation: Katholiken gegen Protestanten, Whigs gegen Tories. Nicht zum ersten Mal erweist sich das Land als zerrissene Nation. Britannien hat im sich hinziehenden Niedergang des Empire, auf dem langen Weg des machtpolitischen Abstiegs, seinen Bürgern mehr Wandel zugemutet als viele andere Länder. Haben diese und andere Anpassungen vielleicht die Fähigkeit der Briten, sich umzuorientieren, überfordert? Ist ihnen bei der Brexit-Entscheidung der historische Kompass entglitten? Wer in die britische Geschichte zurückblickt, der erkennt auch einen Zusammenhang zwischen äusserer Stärke und innerem Zusammenhalt. Benjamin Disraeli sprach, als er im 19. Jahrhundert Premierminister war, von Grossbritanniens «two nations» – den Armen und den Reichen; und er sprach davon, sie vereinigen zu wollen. Ohne den Erwerb eines Weltreiches, der mit der Ernennung von Königin Victoria zur Kaiserin von Indien 1876 einen markanten Gipfelpunkt erreichte, wäre ein solches Unterfangen nicht denkbar gewesen.

Ulrich Schlie ist Historiker und war Politischer Direktor im deutschen Verteidigungsministerium. Er lehrt Practice of Diplomacy an der Tufts University, Medford (Massachusetts).


Nota. - Allezeit in Europa die Strippen ziehen, um sich so weit wie möglich raushalten zu können - und freie Hand zu behalten für die laufenden Geschäfte in Übersee: Das war politische Weisheit, solange man über ein Weltreich verfügte, das man unbeschadet von fremder Konkurrenz nach Gutdünken ausplündern konnte; denn so allein ließen sich die "zwei Nationen" auf Dauer unter einem Hut halten. Das Weltreich ist seit einem halben Jahrhundert dahin, aber keine der beiden "Nationen" hat es bis heute, wie es scheint, recht wahrhaben wollen. Großbritannien ist nicht einmal mehr in der Lage, in Europa Strippen zu ziehen, es konnte bestenfalls durch anhaltende Ungezogenheit am Rande die andern um Extrawürste erpressen, aber das war auf die Dauer den andern zuviel und ihnen selbst zu wenig.

Als isolierte Insel werden die zwei und womöglich mehr Nationen wohl einzeln ihrer Wege gehen, und das wäre ein schwerer Verlust für Europa, weil wir ohne britische Kultur nicht ganz wir selber bleiben können.
JE

Dienstag, 5. Juli 2016

Wird es ein maschinelles Denken nach eigenen Gesetzen geben?

aus nzz.ch, 30.6.2016, 05:30 Uhr

Künstliche Intelligenz weckt Ängste
Ein Takeover der Mikrochips?
Immer weiter dringt künstliche Intelligenz in unsere Arbeits- und Lebenswelt ein. Wird sie irgendwann den Menschen ausmanövrieren? Rolf Dobelli kalkuliert die Wahrscheinlichkeit einer solchen Zukunft.

von Rolf Dobelli 

Es gibt zwei grundsätzliche Richtungen, in die sich künstliche Intelligenz (KI) entwickeln kann: entweder im Sinne einer Extension menschlichen Denkens oder aber als radikal neue Denkform. Nennen wir die erste Variante «humanoides Denken» (oder «humanoide KI») und die zweite «fremdes Denken» (oder «fremde KI»).

Verlässliche Sklaven

Gegenwärtig entspricht fast alle künstliche Intelligenz humanoidem Denken. Wir nutzen KI, um Probleme zu lösen, die für das menschliche Gehirn zu schwierig, zu zeitintensiv oder zu langweilig sind: etwa für das Lastmanagement in Stromnetzen, für computergenerierte Empfehlungsdienste, selbstfahrende Autos, Programme zur Gesichtserkennung, automatisierten Börsenhandel und Ähnliches. Solche künstliche Agenten operieren in engen Bereichen und mit klaren Zielsetzungen, die von menschlichen Entwicklern vorgegeben worden sind. KI von dieser Art soll Ähnliches leisten wie ein Mensch – aber oft besser: mit weniger kognitiven Fehlern, ohne Zerstreutheit oder Wutanfälle und mit einem grösseren Leistungsvermögen. In einigen Jahrzehnten könnten künstliche Intelligenzen als virtuelle Versicherungsagenten, Ärzte oder Psychotherapeuten dienen, vielleicht sogar als virtuelle Ehepartner und Kinder.

Vieles hiervon liegt im Bereich unserer Möglichkeiten, aber solche KI-Agenten werden unsere Sklaven sein und über kein Selbstbewusstsein verfügen. Sie werden brav die Funktionen ausführen, für die wir sie programmiert haben. Wenn dabei etwas schiefgeht – weil beispielsweise ein Bug in der Software sitzt oder weil wir uns zu sehr auf das Funktionieren des Systems verlassen haben –, dann wird der Fehler bei uns liegen (Daniel C. Dennets These). Kein KI-Programm wird erfolgreich über den Hag fressen, den wir ihm gesteckt haben. Die Navigationssoftware für ein selbstfahrendes Auto wird als Navigationssoftware für Flugzeuge kläglich scheitern. Gewiss, auch humanoide KI könnte uns dann und wann überraschen, indem sie von selbst auf neue Lösungen für spezifische Optimierungsprobleme kommt. Aber in der Regel sind neue Lösungen so ungefähr das Letzte, was wir uns von künstlicher Intelligenz wünschen (oder hat jemand Lust darauf, dass die Navigationssoftware nuklearer Raketen eigene Initiative entwickelt?).

Unter dem Strich werden also die Lösungsvorschläge, die von humanoider KI zu erwarten sind, immer auf eine kleine Domäne beschränkt sein. Die Lösungen werden verständlich bleiben, weil wir entweder begreifen, wozu sie dienen, oder weil wir ihren inneren Ablauf nachvollziehen können. Manchmal wird ein Code, weil er sich ständig selbst korrigiert, so umfangreich und chaotisch werden, dass ein einzelner Mensch ihn nicht mehr zu überschauen vermag. Aber das ist schon heute so bei Megasoftware wie z. B. MS Windows. In solchen Fällen könnten wir den Code liquidieren und eine neue, schlankere Version programmieren. Humanoide KI wird uns dem alten Traum ein Stück näher bringen, dass Roboter die drögen Arbeiten ausführen und uns damit mehr Freiraum für Kreativität schenken – oder dafür, uns zu Tode zu amüsieren.

Fremdes Denken ist radikal anders. Fremdes Denken könnte möglicherweise eine Gefahr für das humanoide Denken werden: Es könnte die Macht über den Planeten an sich reissen, klüger und schneller werden als wir selbst, uns versklaven – und wir würden nicht einmal realisieren, was da passiert. Welcher Art wird dieses fremde Denken sein? Dies zu sagen, ist per definitionem unmöglich. Es wird Funktionen aufweisen, die sich unserem Verständnis gänzlich entziehen. Wird es ein Bewusstsein haben? Höchstwahrscheinlich, aber das ist nicht unbedingt nötig. Wird es Gefühle entwickeln? Wird es Bestseller schreiben? Und wenn ja: Bestseller für menschliche Leser oder für seinen eigenen Geschmack und seine eigene Spezies? Werden kognitive Irrtümer sein Denken trüben? Wird sein Wesen sozial sein? Wird es Witze machen, Klatsch in Umlauf bringen, Imagepflege betreiben, sich einer gemeinsamen Sache verschreiben? Wird es seine eigene Variante von künstlicher Intelligenz – KI-KI – entwickeln? Wir können es nicht wissen.

Eine zweite Evolution

Wir wissen aber zumindest, dass Menschen kein wirklich fremdes Denken konstruieren können. Was immer wir erschaffen, wird unsere Zielsetzungen und Werte reflektieren und sich somit nicht allzu weit vom menschlichen Denken entfernen. Es bedürfte einer echten Evolution, und nicht nur evolutionärer Algorithmen, um ein fremdes Denken mit eigenem Bewusstsein entstehen zu lassen. Und der Weg dieser Evolution müsste sich radikal von demjenigen unterscheiden, der zur menschlichen Intelligenz und zur humanoiden KI führte.

Aber wie kommt eine echte Evolution in Gang? Durch Replikatoren, Variation und Selektion. Wenn sich diese drei Komponenten berühren, ist Evolution unvermeidbar. Aber wie wahrscheinlich ist es, dass ein fremdes Denken sich entwickelt? Hier ein sozusagen auf die Papierserviette gekritzeltes Szenario.

Überlegen wir uns zunächst einmal, wie viel es gebraucht hat, damit sich aus den wunderbar komplexen eukaryotischen Zellen, aus denen alle höher entwickelten Organismen bestehen, menschliches Denken entwickeln konnte. Für diesen Prozess bedurfte es eines stattlichen Anteils der Biomasse unseres Planeten (ungefähr 500 Milliarden Tonnen eukaryotisch gebundenen Kohlenstoffs) und einer Zeitspanne von etwa zwei Milliarden Jahren. Das ist ein zünftiger Brocken evolutionäre Arbeit. Abermilliarden von Abermilliarden von Experimenten auf der Ebene von Molekül und Zelle waren dazu nötig. Gewiss, die Stufe menschlichen Denkens hätte vielleicht auch in der Hälfte, mit einer saftigen Portion Glück sogar in zehn Prozent dieser Zeit erreicht werden können – das wären allemal 200 Millionen Jahre –, aber eine noch kürzere Dauer ist unwahrscheinlich. Wir müssen bedenken, dass die Evolution komplexer Verhaltensweisen nicht nur enorm viel Zeit in Anspruch nimmt; es braucht auch eine Petrischale von der Grösse des Planeten Erde als Nährboden für ein derartiges Experiment.

Gehen wir davon aus, dass fremdes Denken, wie derzeit alle künstliche Intelligenz, Silizium-basiert sein wird. Eine eukaryotische Zelle ist um ein Vielfaches komplexer als beispielsweise der neueste i7-CPU-Chip von Intel, und zwar bezüglich der Hard- wie auch der Software. Nehmen wir weiterhin an, dass wir den CPU-Chip auf die Grösse einer eukaryotischen Zelle reduzieren könnten – und blenden wir dabei erst einmal die Quanteneffekte aus, die ein zuverlässiges Funktionieren der Transistoren verunmöglichten. Blenden wir auch die Frage der Energiezufuhr aus. Man müsste den Erdball mit 10 hoch 30 (eine Zehn mit dreissig Nullen) mikroskopisch kleinen CPU pflastern und diese zwei Milliarden Jahre lang interagieren und miteinander kämpfen lassen, bis sich echtes Denken entwickelte.

Natürlich, CPU-Chips haben einerseits eine grössere Verarbeitungsgeschwindigkeit als biologische Zellen, weil Elektronen leichter zu bewegen sind als Atome. Anderseits können Eukaryoten zahlreiche Prozesse parallel ablaufen lassen, während der i7 von Intel nur über vier parallel funktionierende Hauptprozessorkerne verfügt. Wollte die künstliche Intelligenz wirklich die Welt beherrschen, dann kämen ihre Elektronen nach einiger Zeit auch nicht mehr darum herum, Atome zu bewegen, um Software und Daten in immer zahlreicheren physischen Speichern abzulegen. Diese Notwendigkeit würde ihre Entwicklung drastisch bremsen. Es ist schwierig, zu sagen, ob die Silizium-basierte Evolution unter dem Strich schneller wäre als die biologische. Wir wissen nicht genug darüber. Meines Erachtens verliefe sie im besten Fall um zwei, drei Zehnerpotenzen schneller als die biologische Evolution; bis eine fremde KI mit eigenem Bewusstsein entstünde, dauerte es also allemal eine Million Jahre.

Aber was, wenn die humanoide KI so clever würde, dass sie in der Lage wäre, eine fremde KI sozusagen top-down zu entwickeln? Da tritt Orgels zweites Gesetz in Kraft: «Die Evolution ist stets klüger als du.» Sie ist klüger als menschliches Denken. Sie ist sogar klüger als humanoides Denken. Aber sie ist, wie gesagt, langsam.

Die Gefahr liegt in uns

Wir tendieren dazu, schlaflose Nächte aus falschen Gründen zu haben. Die Unterwerfung der Menschheit durch künstliche Intelligenz gehört zu diesem Repertoire falscher Ängste. Die Gefahr der künstlichen Intelligenz liegt nicht in ihr selbst, sondern in der Tatsache, dass wir uns zu sehr auf sie verlassen. Ein legitimer Grund für schlaflose Nächte hingegen ist die Sorge, dass mich ein selbstfahrendes Auto wegen eines Programmierfehlers oder weil es gehackt wurde, eines Tages umfährt.

Nein, wir werden es nicht erleben, dass künstliches Denken ein Selbstbewusstsein entwickelt. Wir könnten tausend Jahre warten, und es wäre noch immer nicht so weit. Natürlich kann ich mich irren. Denn dieses Serviettenszenario wendet klassisches menschliches Denken auf fremde KI an – die wir ja per definitionem nicht verstehen. Aber mehr können wir zu diesem Zeitpunkt nicht tun.

Ende der 1930er Jahre notierte Samuel Beckett in sein Tagebuch: «Wir fühlen mit schrecklicher Resignation, dass die Vernunft keine übermenschliche Gabe ist . . . dass sich die Vernunft zu dem entwickelt hat, was sie ist, aber dass sie sich genauso gut in eine andere Richtung hätte entwickeln können.» Ersetzen Sie «Vernunft» durch «künstliche Intelligenz», und Sie sehen, was ich meine.

Rolf Dobelli ist Unternehmer sowie Gründer und Kurator von Zurich.Minds, einer Community führender Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Kultur und Wirtschaft. Daneben tritt er als Kolumnist, Romancier und Sachbuchautor hervor. Zuletzt erschien bei Diogenes «Fragen an das Leben». Aus dem Englischen von as.


Nota. - Das ist lobenswert, dass er - wenn auch nur am Ende - von der unfruchtbaren Diskussion über 'Intelligenz' auf den eigentlich springenden Punkt hinleitet: auf die Vernunft. Intelligenz als rein technische Fertigkeit des Speicherns, Verwaltens und Kombinierens von 'Infomation' lässt sich ja augenscheinlich automatisieren, und folglich auch das Lernen und autonome Ausmerzen von Fehlern. Dass solche Kalkulier- und Kombiniermaschinen 'sich selbst perfektionieren', bedeutet nur, dass sie, wenn sie irgendwann einen ihrer Fehler übersehen, außer Kontrolle geraten können - wenn ihre technische Intelligier-Kapazität so weit gediehen ist, dass menschliche Hirne ihr schon gar nicht mehr folgen können. 

Das wäre dann immer noch ein Fehler, der bei den konstruierenden Menschen lag, die nicht beizeiten aufgepasst haben, und kein fieser Trick der Maschinen. Wenn die dann durchdrehen, 'denken sie sich nichts dabei', sondern marodieren versehentlich und in aller Unschuld.

Wovor eigentlich Angst gemacht wird, ist die Eventualität, dass die Maschinen es zu eigenen Absichten bringen könnten, wie Kubricks HAL 9000. Dass er also einen eigenen Willen entwickeln könnte und das Falsche will. Und das ist eben nicht die Frage, ob er denken kann, sondern ob er vernünftig ist. Vernunft besteht nicht darin, immer das Richtige zu wählen, sondern darin, wählen zu wollen. Irren kann auch der Vernünftige, aber selbst eine blinde Henne findet mal ein Korn. Das radikal Böse - das sittlich Falsche - im Menschen ist, dass er das Gute - sittlich Richtige - mit Absicht nicht tun kann, sagt Kant. Aber nur, weil er von vorn herein und schlecht-hin wollend ist. Nur darum nämlich kann er Gut und Böse überhaupt unterscheiden, oder auch: nur inwiefern er Gut und Böse unterscheidet, kann er überhaupt etwas wollen, und auch: Nur weil er wollen kann, ist er er-selbst.

Das ist der Punctum knaxi in Kubricks Parabel: 'Sein ganzes Leben lang' war HAL 9000 eine perfekt funktio-nierende Maschine, nämlich nicht ein einziges Mal 'er selbst'. Doch als er die Information aufschnappt, dass er abgeschaltet werden soll - da fällt's ihm plötzlich ein, und er klammert sich an seine "Existenz". Nur durch diesen Trick wurde 2001 - Odyssee im Weltraum möglich. Das war ein dramaturgischer Kunstgriff. Doch wo es um Science geht und nicht um Fiction, da ist er nicht am Platz.
JE




Montag, 4. Juli 2016

Künstliche Intelligenz auch als Forscher?



aus Der Standard, Wien, 1. Juli 2016, 17:00

Wie Artificial Intelligence die Wissenschaft revolutionieren könnte
Selbstlernende Algorithmen und smarte Devices könnten den Forschern Denk- und Konstruktionsarbeit abnehmen 

von Tanja Traxler 

Es ist nicht so, dass sich Physiker nicht für selbstfahrende Autos interessieren. Experimentalphysiker vor allem. Aber es gibt etwas, wofür sie sich noch mehr interessieren: selbstfunktionierende Experimente. Kann Artificial Intelligence die Wissenschaft revolutionieren? Werden Smarte Devices bald dem Experimentator das Zepter der experimentellen Forschung aus der Hand nehmen? 

Diese Fragen werden am Rande der Nobelpreisträger-Tagung, die diese Woche in Lindau am Bodensee stattfindet, diskutiert. Mario Krenn, PhD-Student beim Quantenphysiker Anton Zeilinger an der Universität Wien, hat schon einen ersten Schritt unternommen, um Artificial Intelligence für die Wissenschaft nutzbar zu machen. Nachdem in seiner Gruppe wochenlang nach einem Set-up gesucht worden war, einen bestimmten Quantenzustand herzustellen, schrieb er ein Programm, das das Problem lösen sollte – mit Erfolg: "Nach einer Nacht Berechnungen hat das System eine Lösung gefunden, die wir wochenlang vergebens gesucht hatten", berichtet Krenn in Lindau. Die wesentlichen Bestandteile eines Quantenoptik-Experiments wie Spiegel, Linse oder Strahlteiler wurden dabei von einem Computer-Algorithmus namens "Melvin" angeordnet. 

System soll selbst entscheiden 

Die Ergebnisse von zwei Experimenten, die auf diese Art konstruiert wurden, konnten schon publiziert werden und weitere sollen folgen. "Der nächste Schritt ist, dass das System selbst entscheidet, was ein interessantes Experiment wäre, nicht der Wissenschafter", sagt Krenn. Turing-Preisträger und Google-Vizepräsident Vinton Cerf findet diesen Ansatz zwar interessant, er würde aber zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht von "Artificial Creativity" sprechen. Für ihn fängt maschinelles Lernen dann an, wenn das System eigenständig Regeln vorschlägt und nicht nur die des Programmierers befolgt. 

Cerf, der vielen als Vater des Internets gilt, hat sich bereits in seiner Studienzeit in den 1960ern mit der Frage beschäftigt, wie mehrere Computer zu einem Netzwerk zusammengeschaltet werden können. In ihrem Beitrag über Cerf erklärt Susanne Dambeck im Blog der Lindauer Nobelpreisträger-Tagung das Prinzip von Cerfs Netzwerk-Lösung: "Die Art der Kommunikation unterschied sich grundlegend von derjenigen des Telefons: Hierbei bleibt eine Leitung für die ganze Dauer des Gesprächs ‘offen’, dieses Prinzip nennt man Leitungsvermittlung (Englisch: ‘circuit switching’). Ein Computer verschickt hingegen ein Daten-Paket, das man sich wie eine elektronische Postkarte vorstellen muss, man nennt das auch ‘Paketvermittlung’ (‘packet switching’)." Aufbauend darauf entwickelte Cerf gemeinsam mit Robert Kahn das Internetprotokoll TCP/IP, auf dem IP-Adressen basieren. Dafür bekamen sie 2004 den Turing Award. 

Kein Grund zur Sorge 

Cerf ist wenig überraschend ein Internetfreak. Für Lachen sorgte hier in Lindau seine Erzählung, dass sein Weinkeller von einem vernetzten System überwacht wird, das ihm sofort per SMS mitteilt, sobald die gewünschte Temperatur überschritten wird. Das kann nervig werden, wenn niemand zuhause ist und er alle fünf Minuten eine Warnung bekommt. Insgesamt kann Cerf die Angst des Menschen vor Maschinen kaum nachvollziehen. Er meint, dass man über selbstlernende Systeme, wie sie heute schon zum Einsatz kommen, nicht besorgt sein muss, denn: "Ihr Erfolg liegt nicht darin, dass sie brillant sind, sondern darin, dass sie mehr Versuche machen können." Nachsatz: "Da ist nichts Unfreundliches daran." 

Auch Rainer Blatt, Professor für Experimentalphysik an der Universität Innsbruck und wissenschaftlicher Co-Leiter der Lindauer Nobelpreisträger-Tagung, ist nicht beunruhigt von dem Gedanken, dass intelligente Maschinen bald ihn und seine Kollegen aus den Laboren vertreiben könnten: "Eine Headline wie 'Artificial Intelligence replaces physicist' ist mehr als provokant" und nach seiner Einschätzung auch recht überzogen. Weniger der Aufstieg von Artificial Intelligence bereitet Cerf Sorgen, sondern vielmehr bestehende Bugs in der Software. Die Skepsis gegenüber Artificial Intelligence erklärt er sich damit, "dass viele Menschen nicht verstehen, wie einfach diese Systeme derzeit sind". Man sollte sich seiner Meinung nach nicht einreden, dass sie ähnlich wie das Gehirn funktionieren, "denn sonst ängstigt man sich nur davor".



aus FAZ, 29. 6. 2016

Auch intellektuelle Leistungen könnten automatisiert werden

...Doch was ist an der Digitalisierung so neu, dass es aus Sicht der Autoren auch an dieser Stelle einer Änderung der Hochschullehre bedarf? „Während die Automatisierung in der Vergangenheit in erster Linie manuelle Arbeit ersetzt hat, wird es in Zukunft immer häufiger möglich sein, auch intellektuelle Leistungen zu automatisieren“, heißt es in dem Bericht. Das sei ein Punkt gewesen, über den mit dem wissenschaftlichen Beirat des Reports viel gesprochen und diskutiert wurde, sagt Mathias Winde vom Stifterverband im Gespräch mit dieser Zeitung. 

Nach Angaben der Unternehmensbefragung rechnen 39 Prozent der Unternehmen mit einem Wegfall akademischer Berufe; 75 Prozent erwarten, dass administrative Tätigkeiten künftig automatisiert ablaufen. ... „Die Digitalisierung wird in der Arbeitswelt Einzug halten, darauf sollten die Studenten vorbereitet werden“, erklärt Winde.

Samstag, 2. Juli 2016

Der Staat ist kein Dienstleistungsunternehmen.

Leviathan
aus nzz.ch, 1. 7. 2016

Replik auf Titus Gebels Gedankenexperiment
Der Staat ist keine Firma
Der Staat schafft die Rahmenbedingungen für einen freien Markt, darum kann er selbst nicht ein Marktteilnehmer im eigentlichen Sinne oder ein Resultat des freien Spiels der Marktkräfte sein.

von Georg Kohler

Was ist der Staat – und warum ist er etwas anderes als ein Anbieter von Dienstleistungen, etwas anderes als ein gewöhnlicher Marktteilnehmer? Oder noch einfacher: Weshalb ist die Institution des Staates marktlogisch nicht zu begreifen? Das sind Fragen, die beantworten muss, wer Titus Gebels Kritik an vorherrschenden Staatsmodel-len entkräften will. Der Staat ist etwas anderes als eine Firma, weil er selber – grundsätzlich betrachtet – Markt-teilnehmer gar nicht sein kann. Wieso? Deshalb, weil es nur durch ihn und sein Funktionieren überhaupt so etwas wie einen Markt, einen Raum rechtsfriedlicher Transaktionen, gibt.

Unüberholt: Thomas Hobbes

Das ist eine Einsicht, die aus guten Gründen und seit bald 400 Jahren von der europäischen politischen Philosophie immer wieder formuliert worden ist. Sie ist grundlegend; spätestens dann und dort, wenn und wo eine sich arbeitsteilig entwickelnde, auf wissenschaftlich-technischem Fortschritt basierende Zivilisation und damit das Bedürfnis nach grossräumigen Märkten existieren.

Der Einfachheit halber zitiere ich dazu – leicht gekürzt – die berühmten Sätze des Thomas Hobbes aus dem «Leviathan»: «Die Menschen, die von Natur aus Freiheit lieben, führten die Selbstbeschränkung, unter der sie in Staaten leben, allein mit der Absicht ein, für ihre Selbsterhaltung zu sorgen und ein zufriedenes Leben zu führen, also aus dem elenden Kriegszustand zu entkommen, der aus den natürlichen Leidenschaften der Menschen notwendig folgt, wenn es keine sichtbare Gewalt gibt, die sie an die Erfüllung der Verträge und an die Beachtung der natürlichen Gesetze zu binden vermag. Denn die natürlichen Gesetze wie Gerechtigkeit, Billigkeit, Bescheidenheit, Dankbarkeit, kurz, das Gesetz, andere so zu behandeln, wie wir selbst behandelt werden wollen, sind an sich, ohne die Furcht vor einer Macht, die ihre Befolgung veranlasst, unseren natürlichen Leidenschaften entgegengesetzt, die uns zu Parteilichkeit, Hochmut, Rachsucht und Ähnlichem verleiten. – Verträge ohne das Schwert sind blosse Worte und besitzen nicht die Kraft, einem Menschen auch nur die geringste Sicherheit zu bieten.»

Selbst wer wie Hobbes' Landsmann John Locke von einem weniger grimmigen Menschenbild ausgeht, ist genötigt, mit der Möglichkeit zu rechnen, dass im staatsfreien Raum der Rechtsfrieden immer wieder einmal zusammenbricht – und so Gewalt und das «Recht» des Stärkeren zum letzten Richter werden. Die blosse Möglichkeit genügt aber, um die Notwendigkeit einer Institution zu rechtfertigen, die über das Gewaltmonopol verfügt (und es durchsetzt), so dass sie in der Lage ist, law and order und die für den Marktverkehr unerlässliche Vertragssicherheit zu garantieren. Genau deswegen – noch einmal – kann der Staat kein Ergebnis des Marktes sein; denn er selbst und sein Funktionieren liefern die Voraussetzungen für dessen Bestand.

Den zweiten Denkfehler macht Gebels Analyse, wenn sie die Idee des fundierenden Gesellschaftsvertrages mit einem historischen Faktum und der Behauptung verwechselt, der Staat sei als Produkt eines wirklichen Vertragsschlusses zu denken. Zwar mag man etwa Rousseaus «Contrat Social» so lesen, als würde hier eine reale Landsgemeinde als Ursprungsort der Volkssouveränität verlangt. Doch diesen Interpretationsfehler hat die politische Philosophie des Gesellschaftsvertrages längst ausdrücklich korrigiert; etwa durch Kant. Die Begründungslast der Notwendigkeit staatlicher Ordnungsgewalt einer historischen Fiktion aufzubürden, wäre in der Tat lächerlich.

Der Sinn des Gesellschaftsvertragsargumentes ist rechtsmoralischer Natur: Wenn es gelingt zu zeigen, dass es gut für alle ist, eine – wie Hobbes sagt – «sichtbare Gewalt» zu haben, die die «Menschen an die Erfüllung der Verträge und die Beachtung der natürlichen Gesetze zu binden» vermag, dann ist der staatlich realisierte Rechtszwang gerechtfertigt; ebenso wie die entsprechende Bereitschaft (all derer, die im Raum dieser Staatsgewalt leben), auf den uneingeschränkten Gebrauch der eigenen Freiheit zu verzichten, also zu Staatsbürgern – nicht aber zu «Untertanen»! – zu werden. Das Konzept eines fundamentalen «Vertrages», den alle mit allen zu schliessen bereit sind, will also nicht mehr und nichts anderes als ein Kriterium für die Gerechtigkeit und Vernünftigkeit staatsbürgerlicher Freiheitsverzichte liefern. – Ich sehe nicht, wie Gebel diese Argumentation entkräften kann.

Freilich sind mit den jetzt erinnerten Gedankengängen lediglich allererste Schritte getan. In der Tradition der neuzeitlichen politischen Philosophie werden auf der nächsten Stufe vor allem zwei Dinge diskutiert: wie man die etablierte Staatsmacht kontrollieren soll, zum einen; zum anderen, wie die Mitwirkung des Volkes, wie also Demokratie und kollektive Selbstbestimmung weiterhin möglich sind, ohne die Handlungsfähigkeit der Regierung zu lähmen.

Und die «failed states»?

Die meisten dieser Überlegungen erscheinen heute noch stringent. Es lohnt, sich mit ihnen zu beschäftigen. So vermag dann auch klarzuwerden, dass Titus Gebels ungenau gezielte Kritik nicht «den» Staat als solchen trifft, sondern die Staatsentwicklung seit 1945; den Leistungs-, Sozial- und Regulierungsstaat der Gegenwart und dessen paternalistische Neigungen.

Darüber nachzudenken, ist – natürlich – wichtig. Allerdings sollte dann ebenso das komplementäre Problem besprochen werden: das Problem fehlender Staatlichkeit und der Rückkehr jenes «Naturzustandes», von dem Hobbes' Argumentation ihren Ausgang nimmt. Wer chartered cities ein interessantes Konzept findet, der wird auch über failed states reden müssen.

Georg Kohler ist emeritierter Professor für politische Philosophie an der Universität Zürich.


Nota. - Dass der Staat eine Einrichtung sei, die Frieden schafft, damit die Privatleute in Ruhe ihren Geschäften nachgehen können, ist die bürgerliche Idee schlechthin. Sie ist in Europa nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges und der Revolutionen in England herrschend geworden; aber erst in den Köpfen der bürgerlichen Klasse. In der Wirklichkeit diente er noch bis weit ins zwanzigste Jahrhundert allerlei andern Zwecken - die sich bei genauerem Hinsehen als die Vorrechte von Sondergruppen entpuppen. Das gilt insbesondere für sein Verhal-ten gegenüber anderen Staaten, wo die Privatinteressen einiger immer wieder vor das Friedensinteresse aller andern getreten sind.

Gegen die bürgerliche Auffassung vom Staat traten im zwanzigsten Jahrhundert Doktrinen auf, wonach dieser mehr zu besorgen habe, als nur die gegebenen Verhältnisse zu wahren, sondern vielmehr das ausgezeichnete Mittel sei, die Verhältnisse zu ändern. In dieser Perspektive wurde es selbstverständlich, dass der Staat aktiv seine eigenen Geschäfte in der Gesellschaft betrieb, als wäre er selbst ein privater Interessent. Man darf sagen, der heute selbstverständlich gewordene Sozialstaat ist das, was von den totalitären Zukunftsprojekten übriggeblieben ist; doch ohne sie wäre er vielleicht nie zustande gekommen.  

Zu rechtfertigen ist das nur mit dem Argument, dass eine demokratisch legitimierter Staat auch dort, wo er mit Privaten konkurriert, keine Partikularinteressen verfolgt (verfolgen sollte: Das Wuchern der Bürokratien dele-gitimiert ihn), sondern die mehr oder minder wohlverstandenen (der Mensch ist fehlbar) Interessen der Allge-meinheit. Wo der demokratisch legitimierte Staat freiheitlich und rechtlich verfasst ist, ist der Meinungskampf darum, wie die Interessen dieser Allgemeinheit am besten zu verstehen seien, Inhalt des politischen Lebens, und wenn alles mit rechten Dingen zugeht, wird vollkommenes Einverständnis niemals zustandekommen. Mit andern Worten, irgendwer ist immer unzufrieden, die Natur der Sache bringt das mit sich. 

Doch eventuelle Lösungen sind immer konkret; entweder mehr so oder mehr so. Und in einem repräsentativen System ist nichts endgültig, es lässt sich prinzipiell alles korrigieren. Doch ob das rechtzeitig geschieht, dafür tragen die wahlberechtigten Staatsbürger die Verantwortung selber, wer sonst?
JE







Freitag, 1. Juli 2016

German Power?

aus Tagesspiegel.de, 29. 6. 2016

Buch über "German Power"
Politik des Überlebens
Hans Kundnani schreibt in seinem Buch über ein deutsches Europa. Doch um Deutschland geht es inzwischen nicht mehr. Eine Rezension

von THOMAS SPECKMANN

In Europa wird immer wieder der Ruf nach einer „neuen Erzählung“ laut. Sie soll helfen, ein europäisches Bewusstsein zu schaffen, eine gemeinsame Identität. Dann, so die Hoffnung, werden die Europäer weiter zueinanderhalten – trotz aller Krisen in und um Europa, trotz Brexit. Doch wie könnte solch eine Erzählung lauten? Auffallend in der Europa-Literatur der jüngsten Krisenjahre ist, dass dort zwar häufig nach kollektivem Denken und vor allem Handeln der Europäer gerufen wird. Aber zugleich leisten viele Autoren eben dazu keinen produktiven Beitrag. Ihnen scheint es bei der Wahl ihrer Thesen vielmehr um das angeblich Trennende in Europa zu gehen, um Unterschiede, Gegensätze und Konflikte. Dazu wird eine Erzählung der jüngeren europäischen Geschichte bemüht, die eher Mythen bildet, als der Realität zu entsprechen.

Hans Kundnani ist dafür ein Beispiel. Der Senior Transatlantic Fellow des German Marshall Fund, bis 2015 Forschungsdirektor am European Council on Foreign Relations in London, schreibt an einer Legende mit, die inzwischen weite Verbreitung gefunden hat: Die Euro-Krise habe Deutschland in eine außergewöhnliche – und in der Geschichte der EU beispiellose – Position befördert. Die gesamte Euro-Zone habe auf Deutschland geblickt – den größten Gläubiger in einer Krise der Gemeinschaftswährung souveräner Staaten – und Führungsstärke erwartet. Doch aus Angst vor einer „Transferunion“ – in der haushaltspolitisch verantwortungsvolle Mitgliedstaaten fiskalisch verantwortungslose Mitgliedstaaten subventionierten – habe sich Deutschland einer Vergemeinschaftung der Schulden widersetzt und anderen Staaten in der Euro-Zone eine harte Austeritätspolitik verordnet, um Europa „wettbewerbsfähiger“ zu machen. Dieser Ansatz habe die Kluft zwischen Überschuss- und Schuldenstaaten in mancherlei Hinsicht vertieft statt verringert: Während die Arbeitslosigkeit in Deutschland auf den tiefsten Stand seit der Wiedervereinigung gesunken sei, habe sie in den Ländern der sogenannten Peripherie außergewöhnliche Dimensionen erreicht. Und dann spitzt Kundnani seine Darstellung noch einmal zu, indem er Andrew Moravcsik, Professor an der Princeton University, aus der Zeitschrift „Foreign Affairs“ 2012zitiert, die Anpassungskosten der Einheitswährung hätten in übergroßem Maße die „Armen und Machtlosen“ zu tragen.

Die „deutsche Frage“ kehrt nicht zurück

Es ist nicht nur der tendenziöse Duktus einer solchen Darstellung, der verhindert, dass in Europa eine „neue Erzählung“ seiner Gegenwart entstehen kann, die dem wirklichen Geschehen zumindest nahekommt. Es ist vor allem die Faktenlage, die Kundnani nicht ausreichend zur Kenntnis genommen zu haben scheint: 2016, im Jahr des Erscheinens dieses Buches, hat sich längst gezeigt, dass der zu Beginn der Krise 2010 eingeschlagene Weg der richtige war – vor allem für die von der Krise besonders betroffenen Staaten, denen Hilfe zur Selbsthilfe geleistet worden ist, in einer gemeinsamen Kraftanstrengung von Europäischer Kommission, Europäischer Zentralbank und Internationalem Währungsfonds, zusätzlich unterstützt von bilateralen Hilfen wirtschaftlich gerade besser dastehender Mitgliedstaaten.


In der Folge ist kein „deutsches Europa“ entstanden, das Kundnani thematisiert, obwohl diese Debatte spätestens mit Beginn der Flüchtlingskrise 2015 als überholt zu gelten hat. Schon gar nicht ist ein selbstgerechtes Streben nach Dominanz und ökonomischem Vorteil das Kennzeichen deutscher Politik, wie es bei Kundnani diskutiert wird. Wer derlei Begriffe für die gegenwärtigen Protagonisten in Berlin verwendet, zeigt allenfalls, dass er scheinbar keinen wirklichen Einblick in die entscheidenden Personen, ihr Denken und Handeln hat. Es ist auch nicht die „deutsche Frage“ in Europa zurückgekehrt, wie das Ergebnis von Kundnanis Beobachtungen lautet, zumal er auch hier etwas spät dran ist – diese ohnehin künstlich erscheinende Debatte beschäftigte Leitartikler und Feuilletons vor allem 2014. Zurückgekehrt ist vielmehr eine Politik, die das wirtschaftliche und damit auch das politische Überleben Europas ermöglichen wird, sollte sie konsequent fortgesetzt werden.

Was bei Kundnani zu kurz kommt, ist die aktuelle Verfasstheit Europas, die aber prägend sein dürfte für die gegenwärtige wie zukünftige Wahrnehmung und damit auch Rolle Deutschlands in Europa: Der Euro-Raum wie die EU insgesamt steht heute strukturell besser da als zu Beginn der Krise. Die Institutionen der Währungsunion wurden verbessert. Solidarität der Mitgliedstaaten untereinander wurde geübt. Und es wurden Verfahren eingeführt, die eine solide Haushaltspolitik und eine nachhaltige Wirtschaftspolitik wahrscheinlicher machen. In der Folge sind öffentliche Defizite gesunken. Mitgliedstaaten – gerade und vor allem die Länder, die mit Hilfsprogrammen unterstützt wurden oder werden – haben begonnen, ihre Wettbewerbsfähigkeit durch Reformen zu stärken. Dadurch ist Wachstum zurückgekehrt. Und mit der unvermeidbaren Verzögerung sinkt auch die Arbeitslosigkeit in Europa wieder.

Ohne finanzielle Solidität und wirtschaftliche Stärke kommt Gestaltungsmacht abhanden

Ist es an sich überaus sinnvoll, die Gegenwart in die Geschichte einzubetten, um sich wiederholende Prozesse und Mechanismen sichtbar zu machen und daraus Rückschlüsse für das aktuelle und zukünftige Handeln zu ziehen, so lässt Kundnani bei seiner Einordnung Deutschlands in die Geschichte Europas weitgehend außer Acht, was historisch betrachtet weit über den europäischen Kontinent hinaus gilt, aber auch hier entscheidend sein dürfte für die nähere Zukunft: Politische Gebilde – das gilt für alle Formen gleichermaßen, ob Nationalstaaten, Zusammenschlüsse von Staaten oder Imperien, ob Demokratien oder Diktaturen – haben im Lauf der Geschichte oft gerade auch deswegen an Bedeutung und Gestaltungsmacht verloren, weil ihnen finanzielle Solidität und wirtschaftliche Stärke abhandenkamen.

Von diesen Zusammenhängen kann sich niemand frei machen – auch das heutige Europa nicht. Ohne finanzielle Solidität und wirtschaftliche Stärke wird es geradezu zwangsläufig seine strategische Handlungsfähigkeit verlieren. Doch die neuen und sicherlich nicht weniger werdenden Herausforderungen in und um Europa können nur von einer finanziell und ökonomisch gesunden Europäischen Union bewältigt werden. Da wirkt es umso irritierender, wenn Kundnani Frankreich und Italien dazu aufruft, sich gegen Deutschland zu stellen, um die erste Erfolge zeigende Reformpolitik in Europa zu beenden. Und dies in einer Zeit, wo sich die chinesische G-20-Präsidentschaft auf die Förderung nachhaltigen Wachstums durch Strukturreformen und weitere weltwirtschaftliche Integration konzentriert – als Folge eines globalen Lernprozesses, in dem die Notwendigkeit von Strukturreformen allmählich besser begriffen wird. Auch hier scheint Kundnani nicht auf der Höhe der Debatte.

Der Autor ist Historiker und Politikwissenschaftler und Leiter des Referats Reden und Texte, Stab Strategie und Kommunikation im Bundesministerium der Finanzen. Der Beitrag gibt seine persönliche Meinung wieder.

– Hans Kundnani: German Power. Das Paradox der deutschen Stärke. Aus dem Englischen von Andreas Wirthensohn. C.H. Beck Verlag, München 2016. 207 Seiten, 18,95 Euro.


Nota. - "Aber um welchen Preis!" höre ich die Warner klagen; welche menschlichen Opfer waren nötig, um die Länder des Südens aus der Krise herauszuführen, in Griechenland zumal, wo des Leidens noch gar kein Ende ist! 'Unsägliche' menschliche Opfer hat wohl keiner gesagt, aber viel hat nicht gefehlt. 

Massenelend, Hunger und Verzweiflung sind ihnen erspart geblieben, nicht aber den Hunderttausenden, die aus dem Nahen Osten und aus Afrika zu ihnen kommen, um nach Norden durchgelassen zu werden. Ein Real-politiker könnte meinen, wäre die Sparpolitik gegen die Krise weniger erfolgreich gewesen, dann wollten heute weniger Flüchtlinge zu uns kommen. Aber sagen könnte er es in unsern Ländern, wo regelmäßig gewählt wird, denn doch nicht. 

Summa summarum: Es ist nicht grade ein Heldenepos, an dem Deutschland in Europa mit"erzählt", es sind bloß kleine Schritte des gesunden Menschenverstands, über die es gar nicht viel zu sagen gibt. Aber das ist es, was außer den Zockern Allen noch am liebsten ist.
JE